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Die Romanisierung und die Kontinuität des Griechischen

1. Griechisch als Kontaktsprache des Lateinisch-Romanischen

Das Griechische ist grundsätzlich in zweifacher Hinsicht wichtig für die romanische Sprachgeschichte.

1.1. Die Rolle des Griechischen in gesamtromanischer Perspektive 

Es ist damit zu rechnen, dass die Entstehung des Vulgärlateinischen überhaupt und damit die typologische Veränderung des Lateinischen zum Romanischen durch einen Kontakt mit dem Griechischen beeinflusst wurde, der sich als Adstratkontakt (🔗) präzisieren lässt; griechische Muttersprachler waren in Rom seit früher Zeit nicht nur präsent, sondern sie spielten eine wichtige Rolle im kulturellen Leben der Stadt. Von besonderer sprachgeschichtlicher Bedeutung wurde das Griechische dann mit der Christianisierung, die zweifellos zur ausgeprägten sprachlichen Dynamik der Kaiserzeit beigetragen hat. Coseriu hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Rolle des Griechischen für die Entstehung des Romanischen lange unterschätzt wurde:

[…] zur geschilderten Lage [hat] die weitverbreitete Überzeugung beigetragen, grammatische Einflüsse seien außergewöhnlich und nur bei außergewöhnlichen historischen Bedingungen möglich. In Wirklichkeit aber bedarf es einerseits, auch für grammatische Entlehnungen, keinerlei außergewöhnlicher Bedingungen: es genügt, daß eine Sprachgemeinschaft oder Teile einer Sprachgemeinschaft in irgendeinem Maß zweisprachig sind; andererseits waren eben die für das Latein zur Kaiserzeit gegebenen historischen Bedingungen außergewöhnlich. Man denke nur daran, daß so viel aus dem Griechischen übersetzt wird, daß sich das Christentum von Griechenland und vom gräzisierten Osten her im Kaiserreich verbreitet, und zwar mit der griechischen Sprache als Ausdrucksinstrument, daß das Griechische zur elementaren Schulausbildung römischer Kinder gehört, daß die Griechen und die griechisch sprechenden Orientalen so gut wie überall im römischen Kaiserreich, aber vor allem in Italien und ganz besonders in Rom, sehr zahlreich sind (zu einer bestimmten Zeit bestehen 90 Prozent der Bevölkerung Roms aus Ausländern, von denen die meisten eben das Griechische als Muttersprache hatten oder es zumindest als Verkehrssprache gebrauchten). (Coseriu 1971, 5)

Speziell wurde griechischer Einfluss bei der Entstehung des romanischen Artikels und – vor allem – der aspektuellen Verbalperiphrasen vermutet  (vgl. Dietrich 1973, Dietrich 2018, Löfstedt 1956). Ganz evident und unproblematisch sind zahlreiche lexikalische Entlehnungen, die nicht selten ihre Herkunft aus der Kirchensprache erkennen lassen. Denn: 

Die heilige Sprache des Urchristentums ist das Griechische: in griechischer Fassung ist uns das Neue Testament erhalten, in derselben Weltsprache des Orients verkündeten die  Apostel und ihre Schüler das Evangelium, nicht nur im Orient sondern wohl auch in Mittel- und Süditalien wie in Nordafrika, wo das Griechische neben dem Lateinischen zweite Landessprache war. In Rom selbst war das Griechische im zweiten Jahrhundert die offizielle Kirchensprache. (Jud 1919, (1973, 167)).

Exemplarisch kommt dieser christlich-missionarische Aspekt des griechisch-lateinischen Sprachkontakts in ita. parlare / fra. parler  < parabolare ‘in Gleichnissen (Parabeln) sprechen’ zum Ausdruck1Gewissermaßen ein nicht christliches Pendant ist lat. fabulari > span. hablar / port. falar.. Die folgende Tabelle zeigt einige kirchensprachliche Lehnwörter (1) und Lehnübersetzungen (2) aus dem Griechischen und (stellvertretend) ihre italienischen Kognaten2Selbstverständlich gibt es auch kirchensprachliche Neubildungen im Romanischen, wie z.B. ita. campana ‚Glocke‘, die jedoch in diesem Zusammenhang keine Rolle spielen.

  (griech. >) lat. > ita.   (griech. >) lat. >  ita.  
(1)






baptizare > battezzare ‚taufen‘  monasterium >  monastero ‚Kloster‘
coemiterium > cimitero ‚Friedhof‘ diaconos >  diacono ‚Diakon‘
 episcopus > vescovo ‚Bischof‘ elemosyna >  limosina (elemosina) ‚Almosen‘
ecclesia >  chiesa ‚Kirche‘ eremita >  eremita ‚Einsiedler‘
parochia > parrocchia ‚Pfarrei‘ presbyter >  prete ‚Priester‘
epiphania >  beffana (epifania) ‚Epiphanie‘ monachus >  monaco ‚Mönch‘
pentekoste >  pentecoste ‚Pfingsten‘      
(2)  plebem > pieve ‚Landpfarrei‘ quadragesima 
(nach gr. tessarakoste)
quaresima ‚Fastenzeit‘

1.2. Die Rolle des Griechischen in regionaler Perspektive 

In regionaler Perspektive hat das Griechische auch zur so genannten Ausgliederung der Romanischen Sprachen, d.h. zur Differenzierung und Fragmentierung der romanischen Sprachräume beigetragen. Hier handelt es sich teils ebenfalls um Adstrat-, teils aber auch um Substratkontakte (🔗); dies gilt gerade auch für Süditalien und Sizilien, wo einerseits bis heute in Kalabrien und Südapulien, dem sogannten Salento, kleinere Sprachinseln erhalten sind und wo andererseits eine historisch viel weitere Verbreitung angenommen werden muss; aktuell darf man in Kalabrien (Greco calabro) von nurmehr ca. 500 Sprecher und in Apulien (Grecía salentinaimmerhin von ca. 10.000 Sprecher ausgehen.

2. Die Kontinuität des Griechischen  

Die Zurückdrängung der Sprache skizziert Gerhard Rohlfs (1892-1986), einer der größten Spezialisten für das süditalienische Griechische, wie folgt:

Mit einiger Sicherheit möchte ich sagen, daß um das Jahr 1000 die griechische Sprache
1. vorherrschend war in ganz Südkalabrien bis zur Landenge Nicastro-Catanzaro,
2. eine bedeutende Rolle gespielt hat in ganz Südapulien (Terra d’Otranto) bis zur Linie Tarent-Brindisi etwa in der Weise, daß griechische Zonen wechselten mit überwiegend romanischen Gebieten,
3. vorherrschend war im äußersten Nordosten von Sizilien in dem Dreieck Taormina-Naso-Messina. Dieses Griechentum hat das 14.-15. Jahrh. nicht überlebt. (Rohlfs 1950, 17)

Die folgende Karte zeigt die aktuellen Sprachinseln im Kontext der Magna Graecia

Karte 1 Interaktive Symbole: blau = bis heute erhaltene griechische Sprachinseln, rot= griechische Städte der Μεγάλη ῾Ελλάς (Megalē Hellas) | Magna Graecia, Quadrat in Sizilien, Dreieck auf dem Festland

Allerdings ist der regionalgeschichtliche Zusammenhang von antikem Griechisch, aktuellen griechischen Sprachinseln und romanischen Dialekten keineswegs leicht zu beurteilen. Bedenken ergeben sich im weiteren, über Italien hinausreichenden romanistischen Horizont, denn eine ähnliche Situation ergab sich im Osten und Süden des römischen Reichs, also in Südosteuropa, in Kleinasien, im Vorderen Orient und auch in Ägypten und Nordafrika, wo die römische Expansion ebenfalls auf stark hellenisierte Gebiete mit großen Siedlungen traf. Dort hat sich das Lateinische nirgendwo dauerhaft etablieren können, wie der österreichische Historiker Konstantin Jireček exemplarisch (und wohl etwas schematisch) für  Südosteuropa gezeigt hat (vgl. die so genannte Jireček-Linie). Diesem Gesamtbild scheinen die romanischen Dialekte Siziliens und Süditaliens auf den ersten Blick vollkommen zu widersprechen.

Gerade von romanistischer Seite, nämlich vom bereits erwähnten  Gerhard Rohlfs, ist eine bereits antike, durchgängige sprachliche Romanisierung Siziliens deshalb kategorisch in Frage gestellt worden (Rohlfs 1924, Rohlfs 1933Rohlfs 1947, Rohlfs 1972, Rohlfs 1974). Genauer wurden zwei verschiedene Dinge behauptet, die sich keineswegs implizieren:

  • Es gibt keine Kontinuität der modernen sizilianischen Dialekte bis in die Zeit der antiken Einrichtung der römischen Provinz Sicilia; vielmehr sei das Sizilianische erst im Mittelalter im Gefolge einer massiven Wiederbevölkerung nach der Verdrängung der Araber durch die Normannen entstanden.
  • Die bis heute erhaltenen griechischen Sprachinseln im Salento  sowie das Griechische, das in der Gegend von Messina bis ins 15. Jahrhundert in Resten noch gesprochen wurde, und ein großer Teil der griechischen Entlehnungen in den süditalienischen und sizilianischen Dialekten stehen in Kontinuität zur antiken Magna Graecia.

Die entgegengesetzte, auf  Giuseppe Morosi (1847-1890) zurückgehende Position geht davon aus, dass die griechischen Sprachinseln und das mittelalterliche sizilianische Griechisch auf die byzantinische Zeit zurückgehen (535 n.Chr. – 827 n.Chr.), während der eine starke Missionstätigkeit griechischer Mönche stattfand. 

Im Lichte der neueren Forschung schließen sich die beiden Positionen durchaus nicht unbedingt aus, wie Trovato/Valenti 2013 (24 f.) in vernünftiger Abwägung und unter Berufung auf die grundlegenden Untersuchungen von Alberto Varvaro 1981 und  Franco Fanciullo 1996 zeigen. Abgesehen von ideologischen Voreinstellungen, die entweder auf der Kontinuität des Lateinisch-Romanischen oder aber des  antiken Griechischen insistieren, ist dabei zu beachten,

che i linguisti tra Otto e Novecento operavano secondo il modello spazio-temporale, che non andava al di là dello studio del sovrapporsi degli strati linguistici in una determinata regione, e, soprattutto, non operavano con il concetto di ‚bilinguismo‘, introdotto negli anni ’70 con l’avvento della sociolinguistica. Ciò non permise – a Rohlfs, come ai suoi contraddittori italiani – di pensare, ad es. per la Sicilia, a un bilinguismo greco-latino – più verosimile sul piano storico – che avrebbe potuto egregiamente conciliare le due posizioni.  | […] Anche il concetto di suddivisione areale che, nel caso degli studi sul siciliano, vede tutt’al più contrapposte un’area greca a un’area araba e a una latina, appare assai ristretto per rendere conto, in termini sol diatopici, della storia linguistica della Sicilia medievale. La relativa attuale staticità è il frutto di una dinamicità – sociale, ancor più che linguistica – che si è cristallizzata nel momento in cui il romanzo locale divenne l’elemento coagulante della nuova koiné siciliana. Essa oggi va letta – ad es. per la storia del lessico – nei termini della prevalenza di un elemento – quello greco, quello arabo o quello latino – sull’altro, prevalenza che non esclude la contemporanea presenza, certo diversificata nei ruoli, delle altre componenti. (Trovato/Valenti 2013, 24 f.)

2.1. Sprachliche Merkmale

Unabhängig vom Alter der Entlehnung, das im Einzelfall geklärt werden muss (vgl. Trovato/Valenti 2013, 11-15), finden sich in Süditalien und in Sizilien zahlreiche sprachliche Merkmale, die mit Sicherheit oder sehr hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Griechischen stammen.

2.1.1. Zwei exemplarische lexikalische Entlehnungen

Die zahlreichen lexikalischen Entlehnungen (vgl. die Auswahl in  Trovato/Valenti 2013, 12-23) bezeichnen ganz überwiegend Konzepte der Alltagswelt; sie sind nicht selten auch über Sizilien hinaus im ganzen Einzugsbereich der Magna Graecia verbreitet. Als Faustregel kann man vermuten, dass sie umso älter sind je weiter ihre dialektale Verbreitung ist ((vgl. Trovato/Valenti 2013, 14). Mutmaßlich sehr alt in diesem Sinne ist die Bezeichnung des REGENWURMs: 

  • caséntaru ‚lombrico‘ (‚Regenwurm‘) < gâs enteron wörtl. ‚intestino di terra‘  (vgl. AIS 457).

Häufig in der Literatur erwähnt wird die Bezeichnung naca für eine AN DER ZIMMERDECKE AUFGEHÄNGTE KINDERWIEGE. Zu Beginn des ausführlichen Artikels in Varvaro 2014 heißt es:

naca „prestito o relitto al gr. ant. νάxη ‘vello di pecora’, perché con questo si faceva la culla sospesa; è voce di area sic. ed it. mer., fino al Cilento e alla Puglia.“ (Varvaro 2014, 623; vgl. AIS 62 sowie ein Photo)

In dieser Entlehnung spiegelt sich deutlich eine alltagsweltliche Akkulturation der Römer/Romanen an die Griechen wider.

2.1.2. Kontaktphänomene in der Morphosyntax

Abgesehen vom Lexikon gibt es auch etliche Sprachkontakterscheinungen in der Morphosyntax, die Rohlfs veranlasst haben – in Wiederaufnahme eines Ausdrucks von Wilhelm von Humboldt – zu sagen, die „innere Sprachform“ der romanischen Kontaktdialekte sei durch die „Nachwirkung“ der griechischen Substratsprache gekennzeichnet (vgl. Rohlfs 1947, 9 sowie den Untertitel dieser Schrift3Dabei handelt es sich, genauer gesagt, um einen Sitzungsbericht der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, der auf einen Vortrag vom 11. November 1944 zurückgeht: Es mutet ein wenig gespenstig an zu lesen, dass die Illusion akademischer Normalität selbst dann noch erzeugt wurde, als die Münchner Innenstadt bereits weitgehend zerstört war.). Arealtypologisch sehr bedeutsam für die Romanistik ist die stark eingeschränkte Verwendbarkeit des Infinitivs, denn sie findet sich in ganz ähnlicher, wenn auch noch weitergehender Form im Balkansprachbund und speziell im Rumänischen wieder; auch dort wird das Phänomen auf das Griechische zurückgeführt.

Zu den eigenartigsten syntaktischen Erscheinungen der italienischen Gräzität gehört der auf halbem Wege stehengebliebene Ersatz des Infinitivs. In Übereinstimmung mit der Entwicklung, die sich in Griechenland vollzogen hat, ist auch in den italogriechischen Mundarten der Infinitiv im allgemeinen durch einen abhängigen konjunktionalen Satz ersetzt worden: ‘wir wollen schlafen’ > ‘wir wollen, daß wir schlafen’. Aber in gewissen Fällen ist der Infinitiv erhalten geblieben und noch heute in voller Lebenskraft. Während nach den Verben, die eine Absicht oder ein Ziel ausdrücken, wie auch nach Präpositionen (z.B. ‘ohne zu’) die konjunktionale Umschreibung obligatorisch ist4Vgl. auch Rohlfs 1985, 82: «Il fenomeno […] trova la sua più rigida pratica e applicazione dopo i verbi che esprimono una volontà o una intenzione […].», gibt es andere Verben (Verben der Aussage oder der Wahrnehmung: ‘wissen’, ‘sehen’, ‘hören’), die beide Ausdrucksweisen erlauben. Außerdem gibt es ein Verbum, für das noch heute nur der Infinitiv zulässig ist: das Verbum ‘können’ (bov. sònno < σώνω. otr. sòzo < σώζω. Auch im abgekürzten indirekten Fragesatz wird der Infinitiv vorgezogen. (Rohlfs 1962, 111)

In Kalabrien wiederholt sich das Phänomen in den italienischen Mundarten der gesamten Südhälfte Kalabriens, nach Norden bis zur ungefähren Linie Nicastro – Catanzaro reichend […]. Nicht anders ist es im Salento […]. (Rohlfs 1962, 111)

Die Verbreitung der Komplementierung mit Infinitiv und/oder Komplementsatz in Kalabrien zeigt der interaktive AsiCa (Krefeld/Lücke 2006-2017); hier ein Photo zu den Ergebnissen des Stimulus F22 (‚Un giorno vorrei ritornare al mio paese.‘), das auch die Funktionalität des Online-Atlas‘5Ein Reengineering zur Verbesserung der Nutzerfreundlichkeit ist derzeit in Arbeit und wird bald verfügbar sein (AsiCa 2.0). andeutet:

Infinitivkomplement und Komplementsatz nach volere in Kalabrien (AsiCa, Stimulus 22)

Die italo-griechischen und italo-romanischen Parallelen zeigt die folgende Tabelle:

  Kalabrien Salento
1. voglio dormire ϑèlo na ćumiϑo etèlo na plòso
vògghiu mi dòrmu ògghiu cu dòrmu
2. volete venire ? ϑèlite na èrtite tèlete ná ‚rtete
voliti mi veniti uliti cu bbinite
3. vado a vedere páo na ívro páo na dò
vaju mi viju vau cu bbisciu
4. sono venuto per mangiare irta na fáo irta na fáo
vinivi mi mangiu su bbinutu cu mmangiu
5. dovresti sentire iχe na kú(s)i iχe na kusi
avívi a sentiri ivi (a) ssentire
6. sono tornato senza bere ekondòfera sènza na pí(s)o ejúrisa senza na pío
turnai senza mi mbivu su turnatu senza cu bbíu
 7. temo di cadere šáźome (na) mi pèo eforíome na mi ppeso
 timu nom mi cadu tignu cu nnu ccásciu
8. lascialo entrare áfisto(n) na mbikí áfiston ná ‚mbi
ássalu mi trasi lássalu cu ttrase
9. mi fai morire me kánni peϑáni / na peϑáno  me kanni na pesáno
mi fai muriri /mi moru me faci cu mmòru
10. non sa scrivere δe zzèri grázzi / na grázzi fsèri gráfsi / na gráfsi
no ssapi scríviri / mi scrivi e(n) nu ssape scríere / cu scriva
11. l’ho visto piangere ton ívra klázzi / na klázzi on ida kláfsi / na kláfsi
u vítti ćángiri  l’aggiu vistu chiángere
12. l’ho sentito venire ton íkua èrti / na èrti on íkusa èrti / ná ‘rte
u ntisi viniri l’aggiu ntisu venire
13. non posso dormire δe sònno ćumiϑí è ssoźo plòsi
non ppòzzu dormiri  un pózzu tormire
14. possiamo aspettare sònnome míni sòźome míni
potimu ‘spettari putimu ‘spettare
15. si potrebbe tagliare ísonne kopí ísoδe koftí
si poterrissi tagghiari se putía tajare
 16. non so dove andare δen èho pu pái en èho pu pái
non sácciu aúndi jiri nu ssacciu aḍḍu scire
Tabelle: meist identische Konstruktion in griechischen und romanischen Dialekten (Kombination von Rohlfs 1962, 111 f. und 114 

 

Die eingeschränkte Verwendbarkeit des Infinitivs ist mit einer anderen Besonderheit verbunden, nämlich mit der Tatsache, dass die einleitende Konjunktion des Komplementsatzes (der Komplementierer), also die Entsprechung von deu. dass/ita. che, in zwei komplementären Varianten auftritt, je nachdem, ob es sich um einen Satz mit finaler oder nicht finaler Bedeutung handelt. Auch diese funktionale Spaltung hat eine direkte Entsprechung im Griechischen und im Balkansprachbund und damit auch im Rumänischen. Die folgende Tabelle (vgl. Rohlfs 1985, 66-72) gibt einen Überblick:

  nicht final final      
lat. credo quod/quia mortuus est voelo ut mihi dicas       
altgriech. οτι [oti] ινα [ina]      
ngriech. πιστευω οτι (πωρ) βρεχει ‘penso che pioverà‘ ϑελω να βρεζη ‘voglio che piova‘
rum. cred că va veni ‚penso che verrà‘ vreau să vie ‚vorrei che lui venga‘      
bovagriechisch pistéo ti pai ‚penso che se na vada‘ ϑèlo na mas ipise ‚voglio che tu ci dica‘       
kalabr. (Reggio)  pensu chi bbeni ‚penso che verrà‘ vogghiu mi veni ‚vorrei che lui venga‘      
kalabr. Catanzaro (Ost) criju ca vena
tu cridi ca u truvamu?
cridu ca chiova
pensu ca chiova
dinci ma va
voliti mu cce vaju iu?
vorria chi chiova
volissi chi chiovissa
     
kalabr. Nicotera (west) penzu ca veni
pensu ca chiovi
vurria u vaju
vurria mu chiovi
     
kalabr. Cosenza píansu ca chiòvadi
piensu ca chiòvari
lu vì ca si bbiecchiu?
u vulèva chi chiuvíssidi
volissi chi chiovíssiri
vu chi cci jissi iju?
     
nordostsiz. sacciu ca veni vonnu mi vegnu ‚vogliono che io venga‘      
salentogriech. mu lèi ti me agapá ‚tu mi dici che mi ami‘  itela na min èrti ‚vorrei che lui non venga‘      
salentoromanisch (Gallipoli) sacciu ca nu bbène ‘io so che non viene’ vulimu cu non bbegna ‘vogliamo che lui non venga’      
 neapol. (?) ca che      

Im Neapolitanischen und Kampanischen scheint die Opposition stark im Schwinden, wenn nicht schon verschwunden zu sein. Auch das Sizilianische ist in der Tabelle noch aufgeführt; allerdings ist der Infinitiversatz dort mittlerweile sehr selten (vgl. Fall 3.), wie bereits Rohlfs festgestellt hat:

La sostituzione dell’infinito per mezzo della congiunzione mi si ritrova in ultimi residui di applicazione anche nella Sicilia nordorientale (nel tratto tra Messina, Taormina e Naso), ridotta qui ai verbi che esprimono una intenzione; cfr. vaju mi viju ‘vado a vedere’, pinsáu mi parti ‘ha pensato di partire’, vinni mi ti dicu ‘sono venuto per dirti’, ci dissi mi veni ‘gli ho detto di venire’.  (Rohlfs 1985, 84 f.)

In Sicilia dopo il verbo ‚volere‘ la sostituzione dell’infnito non è più in uso, mentre in funzione congiunzionale mi ‘che’ è comunissimo; cfr. vonnu mi vegnu ‘essi vogliono che io venga’.(Rohlfs 1985, 86, Anm. 5)

Neuere Datenerhebungen bestätigen Rohlfs, wie Alfonso Leone ausführt:

Propria del triangolo nord-orientale dell’Isola (all’incirca la provincia di Messina, dove il sostrato greco sopravvisse più a lungo) è la congiunzione mi che, solitamente seguita dal presente indicativo, evita l’infinito, dietro appunto il greco volgare, dove questo modo era divenuto impopolare. Bisogna tuttavia aggiungere, a scanso di equivoci, che né | per questo è l’infinito scomparso (anzi dopo «volere», in coincidenza di soggetto tra verbo reggente e verbo dipendente, esso non è stato sostituito: Vogghiu mi mancia ‚voglio che egli mangi‘, ma sempre Vogghiu manciari), né la congiunzione mi si sottrae alla concorrenza di chi (se i questionari 8, 9, 12, 13 hanno […] Vogghiu mi veni ‚voglio che venga‘, i questionari 10, 11, 14 presentano invece Vogghiu chi veni).  (Leone 1995, 67 f.)

Der gerade genannte, typisch sizilianische (und südkalabrische) Komplementierer mi, eine „congiunzione destinata sempre più a regredire, specie sotto la spinta dell’italiano“ (Leone 1995, 68) verdient jedoch noch eine Bemerkung. Leone sieht darin eine phonetische Variante der funktional identischen kalabrischen Konjunktion mu (< lat. modo) unter dem Einfluss von chi, dass der ita. Konjunktion che entspricht (< lat. quia). 

Weniger eindeutig, aber doch überlegenswert ist der griechische Einfluss in anderen sizilianischen und süditalienischen Besonderheiten (vgl. Rohlfs 1947); so sieht Rohlfs auch im Gebrauch des passoto remoto anstatt des passato prossimo bei Vorgängen und Handlungen mit Gegenwartsbezug griechischen Kontakteinfluss, denn den italo-griechischen Dialekten fehle das zusammengesetzte Perfekt vollständig:

Man sagt also in Sizilien und in Südkalabrien zu einem Freund, der eben aufgewacht ist, nicht ‚come hai dormito?‘, sondern comu dormisti?, zu einem Bekannten, der eben aus dem Restaurant herauskommt,   nicht ‚come hai mangiato?‘ sondern comu mangiasti? Man sagt: sta matina jivi  a la cità ‚heute morgen ging ich in die Stadt‘,   sta matina chiuvíu „heute morgen hat es geregnet‘. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß auch diese Ausdrucksweise, die für Italiener anderer Landschaften geradezu lächerlich klingt, als die Nachwirkung einer Lehnübersetzung aus dem Griechischen aufzufassen ist. (Rohlfs 1947, 18)

Diese Verwendung des passato remoto als solche ist unbestritten (vgl. AIS 1618 oder AsiCa F23 ‚Oggi sono stata da mia zia‘), aber ähnliche Verwendungen finden sich auch in romanischen Gegenden ohne griechischen Kontakteinfluss, etwa in Portugal.

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