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‚Italienisch‘ (Venezianisch und Genuesisch) als Akkulturationssprache des Türkischen

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Zitation: Thomas Krefeld (2019): ‚Italienisch‘ (Venezianisch und Genuesisch) als Akkulturationssprache des Türkischen. Lehre in den Digital Humanities. Version 5 (30.01.2019, 16:28). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=11042&v=5.

1. Entlehnungen im Bereich des nautischen Wortschatzes

Sprachverdrängung ist in gewisser Hinsicht ein Resultat des Sprachkontaktes: Eine Sprache erscheint in einem bestimmten Raum; dadurch entstehen zwei- oder mehrsprachige Gruppen, und wenn diese mehrsprachigen Sprecher dominant nur eine ihrer Sprachen, und zwar alle dieselbe, auf Kosten der anderen an die nachfolgende Generation weitergeben, verdrängt diese die andere(n).

Sprachkontakt muss selbstverständlich nicht zwangsläufig zur Verdrängung einer der Kontaktsprachen führen; im  Übrigen unterliegen auch die verdrängenden Sprachen durchaus der Beeinflussung durch diejenigen Sprachen, die von ihnen verdrängt werden. Auch dieser Prozess lässt sich am Beispiel des Venezianischen und Genuesischen zeigen. Ein geradezu ideales Beispiel liefert das Türkische, denn die Türkvölker kommen als Reiternomaden ab dem 11. Jahrhundert aus Zentralasien in den Raum der heutigen Türkei; die mediterrane Welt, insbesondere die Seefahrt ist ihrer Kultur vollkommen fremd.

Im Laufe der folgenden drei Jahrhunderte vollziehen diejenigen Türken, die sich an der kleinasistischen Küste niederlassen ebenso wie die Führungselite des von Beginn an expansiven Osmanischen Reichs eine tiefgreifende Akkulturation an mediterrane Kulturtechniken, die zunächst durch Griechen und dann zunehmend durch Venezianer und Genuesen vermittelt wurde.

Im Zuge dieser Akkulturation entwickelte sich das Osmanische Reich selbst zu einer konkurrierenden Seemacht.

Diese Akkulturation spiegelt sich in zahlreichen griechischen und ‘italienischen’ Lehnwörtern wider, so dass man geradezu von ‘Akkulturationssprachen’ des Türkischen reden möchte. Im Standardwerk von Kahane u.a. 1958 werden allein im Bereich des nautischen Vokabulars 878  Lehnwörter aus diesen Sprachen erfasst. Aus onomasiologischer Sicht sind alle möglichen Bereiche relevant, wie exemplarisch anhand einiger Stichwörter aus dem genannten Buch gezeigt werden soll (die genannten Nummern verweisen auf die Nummer der Stichwörter in Kahane u.a. 1958):

1.1. Appellative für Schiffe, Teile des Schiffs und der Ausrüstung, die Flotte usw.

  • altvenez. barza ‚barca da carico, da guerra e da pirati‘ zu türk. barça ‚barca‘ (Nr. 80; vgl. den Schlusskommentar zur Wanderung und Verbreitung des Worts,  S. 99); etliche Bezeichnungen von Schiffstypen kommen hinzu; 
  • venez. balónFender‚  zu türki. balon ‚Fender aus Kork, Bambus oder Tauen‘ (Nr. 60); 
  • venez. armador ‚Schiffsausrüster‘ zu türk. armador ‚Schiffsausrüster‘;

1.2. Appellative für segeltechnische Vorgänge und Manöver

  • venez. alla borina ‚hart am Wind‘ in türk. alaburina (seyretmek) ‚to sail before the wind‘ (Nr. 17; Boerio 93);
  • venez. a roda ‚ancorare a ruota‚ zu türk. roda etmek ‚ti tighten (referring to the chain cable on casting anchor)‘  (Nr. 42).

Es fällt auf, dass die türkischen Entsprechungen italienischer Verbstämme in der genannten Quelle oft analytisch in Kombination mit dem generischen Verb türk. etmek ‚machen, tun‘ wiedergeben werden; diese Periphrasen entsprechen einem charakterischen Muster des Zweitspracherwerbs; das wäre sicherlich eine turkologische Untersuchung wert. 

1.3. Kommandos

Im Hinblick auf die konkreten Entlehnungsszenarien ist vor allem die Existenz etlicher Kommandos, bzw. auf Kommandos zurückgehender Appellative interessant. Die Türken kommen ja als Eroberer, aber eine stereotype hierarchische Beziehung zwischen türkischen Eroberern und nicht türkischen Eroberten bildet sich hier nicht ab: In Gestalt der Kommandos ist ja ‚Italienisch‘ gerade die Sprache der Befehlenden. Es ist also mit sozial und ethnisch ganz unterschiedlichen Kontaktszenarien zu rechnen, die sich mit dem üblichen Begriff des ‚Superstrats‘ nicht zureichend erfassen lassen. Hier einige Beispiele: 

  • venez. Imperativ bati ’schlag um‘ (von bater ’schlagen‘) zu türk. bati (etmek) ‚to reverse something, e.g. to reverse a rope in a tackle (in order to use a less worn section)‘ (Nr. 88)
  • genues. Imperativ attracca ‚halt fest!, greif!‘ (von genues. attraccâr) zu türk. traka ‚hängend‘ in traka (tutmak) und anderen Ausdrücken (Nr. 47); offenkundig wird das Kommando im Türkischen delokutiv zum Appellativ .

Die ‚italienisch‘-türkischen Lehnbeziehungen sind jedoch im größeren Zusammenhang eines weitaus mehr Sprachen umfassenden Bestands von ‘Mittelmeerwörtern’ zu sehen.   

 

Bibliographie

  • Kahane u.a. 1958 = Kahane, Henry u.a. (1958): The Lingua Franca in the Levant. Turkish nautical terms of italian and greek origin, Urbana (Link) .
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