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Die sizilianische Latinität und die historische Phonetik

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Zitation: Thomas Krefeld (2019): Die sizilianische Latinität und die historische Phonetik. Lehre in den Digital Humanities. Version 1 (18.03.2019, 11:23). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=110693&v=1.

1. Der sizilianische Vokalismus im romanischen Kontext1Die Grundgedanken dieser Vorlesung beruhen auf Krefeld 1999.

Motto (frei nach Loriot2„Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.“ – Diogenes Verlag, Zürich; 2005):
Eine Romanistik ohne Latein ist möglich, aber sinnlos.

Während die dialektale Lexik Siziliens sich in der Kombination süd- und norditaloromanischer Typen in jeder Varietät als komposit erweist, bietet sich aus Sicht der historischen Phonetik ein etwas anderes Bild, das in der Diskussion um die Kontinuität des Lateinisch-Romanischen in Sizilien zu wenig berücksichtigt wird. Das ist umso erstaunlicher als grundlegende Fakten, wie zum Beispiel das Vokalsystem, seit langem bekannt sind.

Das klassische Latein hatte ein dreistufiges Vokalsystem, d.h. ein System mit drei Öffnungsgraden; hinzu kamen die Diphthonge <ae>, <eu> und <au> sowie im Fall der Monophthonge distinktive Quantität in betonten und unbetonten Silben. Die phonologische Länge ː⁄ wird in der Tradition der lateinischen Metrik oft durch einen horizontalen Strich über dem Basiszeichen (‚lang‘) oder  halbrunden Akzent (‚kurz‘) wiedergegeben: 

geschlossen ī, ĭ     ŭ, ū
mittlerer Öffnungsgrad   ē, ĕ ŏ, ō  
offen ā, ă
Das klassisch-lateinische Vokalsystem

Wie es scheint, wurde die distinktive Quantität bereits seit der Spätantike abgebaut3Bekannt ist die Stelle aus der De doctrina christiana, 4.10, in der Augustinus (354-430 n.Chr.) dem Lehrer empfiehlt, Missverständlichkeiten zu vermeiden. Als ein Beispiel nennt er beim Unterricht von Ungebildeten („indocti“) das Wort ossum  ‘Knochen’ [ŏ-], das von den Hörern überall dort leicht mit os [ōs] ‘Mund’ verwechselt würde, „wo die Ohren der Afrikaner die Kürze oder Länge der Vokale nicht richtig einschätzen“ („ubi Afrae aures de correptione vocalium vel productione non iudicant“); vgl. auch vgl. auch Lausberg 1969, 147.. Ähnlich ist eine Stelle des Grammatikers Consentius (5. Jh. n.Chr.) zu sehen, der in demselben Phänomen einen „barbarismus […] temporis“ sieht; er nennt das Beispiel piper [ī] : „ut quidam dicunt piper producta priore syllabe, cum sit brevis quod vitium Afrorum familiare est“; Consentius, 392🔗.; sie hat sich in keiner romanischen Sprache erhalten. Wo es im Romanischen phonologisch relevante Quantität gibt, wie z.B. im Friaulischen (vgl. Melchior 2018🔗), ist sie sekundär entstanden.

Dieser grundlegende strukturelle Wandel des Vokalsystems wird oft mit einem sehr irreführenden Schlagwort als ‘Quantitätenkollaps’ bezeichnet. Bemerkenwert ist jedoch die Tatsache, dass sich unterschiedliche Systeme entwickelt haben, die in markanter Weise zur Differenzierung des romanischen Dialektkontinuums beigetragen haben; diese Systeme, genauer gesagt geht es nur um die betonten Vokale,  unterscheiden sich durch unterschiedliche Kollisionen der ursprünglich quantitativ differenzierten Phoneme.  Im folgenden werden die wichtigsten Systeme dargestellt (vgl. Rohlfs 1966, Lausberg 1969 und Krefeld 1999, 6-11)4Die nominalen lateinischen Etyma werden im Akkusativ genannte, da diese Form wohl den aufgeführten romanischen Kognaten zu Grunde liegt..

1.1. Das westromanische Vokalsystem

Im Iberoromanischen, im Galloromanischen und im Italoromanischen – mit Ausnahme Sardiniens und des äußersten Südens einschließlich Siziliens – gilt das folgende System, das oft irreführend als ‘vulgärlateinisch’ bezeichnet wird; diese Bezeichnung ist deshalb unangebracht, da die anderen Systeme wohl gleich alt sind, und ihre Entstehung ebenfalls im Vulgärlateinischen anzusetzen ist.  

Klass.Lat. Kollisionen westrom. ita.
ī (fīlum ‘Faden’) > i filo
ĭ (pĭlum ‘’) e pelo/pieno 
ē (plēnum ‘voll’)
ĕ (bĕllum ‘hübsch’) > ɛ bello
ā (grānum ‘Korn’) a grano/male
ă (măle ‘schlecht’)
ŏ (bŏnum ‘gut’) > ɔ buono
ō (nōdum ‘Knoten’) o nodo/croce
ŭ (crŭcem ‘Kreuz’)
ū (lūnam ‘Mond’) > u luna 
Das westromanische Vokalsystem

1.2. Das sardische Vokalsystem

Eine andere Entwicklung trat in Sardinien, Südkorsika und einem kleinen Gebiet Süditaliens (zwischen dem Cilento, Westlukanien und Nordkalabrien) ein.

Kl.Lat. Kollisionen sardisch  
ī (fīlum ‘Faden’) i filu/pilu
ĭ (pĭlum ‘Haar’)
ē (plēnum ‘voll’) e, ɛ prenu/bellu
ĕ (bĕllum ‘hübsch’)
ā (grānum ‘Korn’) a  
ă (măle ‘schlecht’)
ŏ (bŏnum ‘gut’) ɔ, o noδu/bonu
ō (nōdum ‘Knoten’)
ŭ (crŭcem ‘Kreuz’) u krut∫i/luna
ū (lūnam ‘Mond’)

Das sardisches System wird oft als ‚archaisch‘ bezeichnet (vgl. Rohlfs 1966, 8, Lausberg 1969, 146 und Devoto 1974, 91). Diese Qualifizierung bedient wohl nur das Stereotyp von der ‘Archaizität’ des Sardischen; sie ist sachlich falsch, denn das System kann unmöglich eine Vorstufe der anderen Systeme sein (vgl. grundsätzlich Krefeld 2004b) und ist daher nicht ‘archaischer’ als die anderen.

1.3. Das balkanromanische Vokalsystem

Das folgende System gilt im Rumänischen sowie in einem kleinen Teil Lukaniens (AIS P 733); es wird auch als „Kompromißsystem“ (Lausberg 1969, 148) oder „asymmetrisches“ System (vgl. Devoto 1974, 91) bezeichnet, da es sich im palatalen Bereich wie das Westromanische und im velaren wie das Sardische entwickelt hat:

Kl.Lat. Kollisionen balkanrom. rumänisch
ī (fīlum ‘Faden’) > i fir
ĭ (vĭridem ‘grün’) e verde/lege
ē (lēgem ‘Gesetz’)
ĕ (lĕporem ‘Hase’) > ɛ iepure
ā (cāseum ‘Käse’) a caş/parte
ă (părtem ‘Apfel’)
ŏ (lŏcum ‘Ort’) o loc/nod
ō (nōdum ‘Knoten’)
ŭ (crŭcem ‘Kreuz’) u cruce/lună
ū (lūnam ‘Mond’)
Das balkanromanische System

1.4. Ein lukanisch-apulisches Vokalsystem

Dieses ganz kleinräumige System wurde für vier Erhebungspunkte des AIS behauptet  (vgl. Rohlfs 1966, 11 und Lausberg 1939, 260); stellvertretend dafür werden in der Tabelle die Formen aus AIS 737 genannt:

Kl.Lat. Kollisionen westrom. ita.
ī (fīlum ‘Faden’) > i filə
ĭ (vĭridem ‘’) ɛ vɛrt/tjɛna/bɛḍḍa
ē (plēnam ‘voll’)
ĕ (bĕllam ‘hübsch’)
ā (pāla ‘Schaufel’) æ pælə/mælə
ă (măle ‘schlecht’)
ŏ (bŏnum ‘gut’) ɔ bɔnə/sɔlə/krɔ∫
ō (sōlem ‘Knoten’)
ŭ (crŭcem ‘Kreuz’)
ū (lūnam ‘Mond’) > u lun 
Ein lukanisch-apulisches System (AIS P 735, 737, 729, 738)

1.5. Das sizilianische Vokalsystem

Schließlich ist der sizilianische Vokalismus zu nennen, der auch in einigen Gebieten Süditalien gilt, nämlich im Süden des Cilento, in Südkalabrien und im Salento.  

Kl.Lat. Kollisionen „sizilianisch“ sizilianisch
ī(fīlum ‘Faden’) i filu/pilu/kinu, t∫inu
ĭ (pĭlum ‘Haar’)
ē (plēnum ‘voll’)
ĕ (bĕllum ‘hübsch’) > e, ɛ beḍḍu, bɛḍḍu
ā (grānum ‘Korn’) a grano/male
ă (măle ‘schlecht’)
ŏ (bŏnum ‘gut’) > o, ɔ bono, bɔno
ō (sōlem ‘‘Sonne’) u suli/krut∫i/luna 
ŭ (crŭcem ‘Kreuz’)
ū (lūnam ‘Mond’)

2. Diatopische Variation und funktionale Komplementarität der Systeme

Die oben verwandten Bezeichnungen der Systeme spielen auf ihre areale Verbreitung an; wir haben es also mit diatopischer Variation im Kontinuum der romanischen Dialekte zu tun. Von besonderem Interesse ist dabei Süditalien, denn dort koexistieren alle genannten System in relativ enger Nachbarschaft, wie zuerst Heinrich Lausberg 1939 herausgearbeitet hat; vgl. dazu die folgende Karte mit einer Zuweisung der Erhebungspunkte des AIS zu den genannten Systemen:

Vokalsysteme in Süditalien: weiß = westromanisch; blau = balkanromanisch, rot = sardisch; gelb = sizilianisch; grün = lunkanisch-apulisch (aus Krefeld 1999, Karte 1, auf der Grundlage von Lausberg 1939, 260)

Allerdings ist es grundsätzlich unzureichend den ganzen Komplex als parallele Entwicklung unterschiedlicher Einzelsysteme aufzufassen. Es gibt vielmehr gute Argumente einen ursprünglichen funktionalen Zusammenhang der Systeme anzunehmen.

2.1. Die sogenannte Metaphonie

Bei genauerem Hinsehen lässt sich schnell feststellen, dass die Veränderungen der lateinischen Phonem oft einer systematischen Variation erliegen, denn der über die Systeme skizzierte Lautwandel tritt nicht überall grundsätzlich, sondern nur unter bestimmten Bedingungen ein. Am einfachsten sind die Verhältnisse im Sardischen. Hier kollidieren lat. ē und ĕ, aber das Ergebnis variiert nach dem auslautendem Vokal, so dass sich vor dem geschlossenen –u das geschlossene –e-, vor den offenen -a/-o jedoch das offene –ɛ– ergibt. Es handelt sich phonetisch ausgedrückt um eine regressive Assimilation des Öffnungsgrads, die als Metaphonie (it. auch metafonesi) oder deu. als Umlaut bezeichnet wird:

  Kollision Variation durch Auslautvokal 
ē (plēnum ‘voll’)  〉〈 > e (prenu 🔗/bellu 🔗 ) vor u
ĕ (bĕllum ‘hübsch’) ɛ (prɛna 🔗/bɛlla 🔗) vor a
metaphonische Konditionierung von e, ɛ im Sardischen

Ganz analog kollidieren lat. –ō-, –ŏ–  im Sardischen und variieren je nach Auslaut alternativ zwischen geschlossenem –o– bzw. und offenem –ɔ-; die Verwendung der Tonvokale des mittleren Öffnungsgrads ist also nicht mehr lexikalisch sondern phonologisch geregelt.

Die grundlegende Bedeutung der Metaphonie bei der Differenzierung der romanischen Vokalsysteme wurde von der Forschung – von wenigen Ausnahmen angesehen –  verkannt; wahrscheinlich ist dafür die weitgehende Ausrichtung der historischen Sprachwissenschaft an den großen, nationalen Standardsprachen verantwortlich, denn weder das spanische noch das französische oder italienische Vokalsystem wird durch metaphonische Prozesse geregelt; eine Rolle spielen sie dagegen im europäischen Portugiesischen und im Rumänischen.  Das eigentliche, ganz erhebliche Erklärungspotential zeigt sich jedoch paradoxalerweise gerade im Hinblick auf das westeuropäische Vokalsystem, das unterhalb der Standardvarietäten, auf dialektaler Ebene – ebenso wie allen anderen Systeme – in mehr oder weniger weiter Verbreitung ebenfalls entsprechende Prozesse kennt: die drei genannten, nicht metaphonischen Standardvarietäten des Spanischen, Französischen und Italienischen sind in dieser Hinsicht also vollkommen atypisch. Es ist daher für die Beschreibung und Rekonstruktion früher romanischer Entwicklungen methodisch wirklich abwegig, sich an den verhältnismäßig jungen Standardvarietäten zu orientieren.

Vokalsystem Metaphonie
grundsätzlich in Teilen des Verbreitungsgebiets
westromanisch   +
sardisch +  
balkanromanisch +  
luk.-apul. +  
sizilianisch   +

Wir  geben im folgenden einen Überblick über die Verbreitung metaphonischer Regeln in der Italoromania5Dieser Begriff ist geolinguistisch, nicht politisch gemeint: Er umfasst das gesamte traditionell romanischsprachige Gebiet der heutigen Schweiz und des heutigen Italien, so wie es durch den AIS abgebildet wird, d.h. mitsamt aller romanischen Kleinsprachen des Alpenraums und Sardiniens.. Auch der Westen und Norden der Iberoromania wären interessant, denn hier gehören metaphonische Prozesse ebenfalls zu den funktionalen phonologischen Regeln; es fehlt jedoch an einer umfassenden Erschließung durch Sprachatlanten, so dass ein breite dialektale Dokumentation nicht möglich ist. In der Galloromania sind metaphonische Erscheinungen nur in Spuren auffindbar.

In der Italoromania verhalten sich auslautendes –i häufig wie –u und auslautendes –e (soweit vorhanden) wie –a. Die folgenden Karten sollen die Verbreitung einiger metaphonischer Prozesse in Italien zeigen. 

2.1.1. Metaphonische Varianz von ɔ < lat. ŏ

Dieser Prozess lässt am Beispiel von buono, -a und grosso, -a, -i (AIS 184, 1340, 1005) gut dokumentieren, wie zum Beispiel die Belege aus Norcia  in Umbrien (AIS P 576) zeigen; dort steht rwɔssu ‘grosso’  (Mask. Sg.) gegen rɔssa ‚grossa‘ (Fem. Sg.🔗).

Einen Gesamtüberblick gibt die folgende Karte; die Verbreitung  die nicht flächendeckende Verbreitung am Nordrand ist für die Interpretation wichtig, denn es wäre höchst unwahrscheinlich anzunehmen, dieselben Prozesse seien in all diesen Gebieten im Piemont, in Graubünden, in der Lombardei, im Veneto und in der Romagna unabhängig voneinander, polygenetisch entstanden: Es muss sich vielmehr um Überbleibsel einer ehemals allgemeinen Erscheinung handeln.

Metaphonische Varianz von ɔ < lat. ŏ, am Beispiel buono,a und grosso, -a, -i (AIS 184, 1340, 1005), aus Krefeld 1999, Karte 2 – blau = geschlossenere Variante vor –u; gelb =  geschlossenere Variante vor –i; grün =  geschlossenere Variante vor –u und –i

2.1.2. Metaphonische Varianz von ε < lat. ĕ

Weitgehend parallel hat sich lat. ĕ entwickelt; auch hier finden sich in grosso modo ähnlicher arealer Verteilung häufig metaphonische Varianten:  

Metaphonische Varianz von  ε < lat. ĕ, am Beispiel vitello, -i; bello, -a; serva (AIS 1064, 49, 180, 1593), aus Krefeld 1999, Karte 3 – blau = geschlossenere Variante vor -u; gelb =  geschlossenere Variante vor -i; grün =  geschlossenere Variante vor -u und -i

Rein phonetisch verbergen sich in beiden Fällen ( ε < lat. ĕ  und ɔ < lat. ŏ, ) hinter den kartierten Formen zwei Typen, denn die Varianten in Verbindung mit den geschlossenen  Endvokalen –i und –u sind in manchen Gebieten Monophthonge, in anderen jedoch Diphthonge, wie im Fall des oben zitierten Beispiels aus Norcia; vgl. bjεjjʊ ‘bello’  (Mask. Sg.; 🔗) vs. bεlla ‚bella‘ (Fem. Sg.🔗).

Die folgende Karte zeigt die Verbreitung der monophthongischen und diphthongischen Varianten im Überblick:

Metaphonische Varianz von  ε < lat. ĕ, am Beispiel vitello,i; bello,a; serva (AIS 1064, 49, 180, 1593), aus Krefeld 1999, Karte 10 – gelb = monophthongische Variante vor –i, -u; grün = diphthongische Variante vor –i, -u

2.1.3. Metaphonische Varianz von o < lat. ō und e < lat. ē

Für das Verständnis der Entstehung der romanischen Vokalsystem besonders wichtig ist jedoch die metaphonische Variation im Fall von lat. ō und ē. Etwa im Dialekten der Abruzzen, finden wir zum Beispiel folgende Entsprechungen zu ita. pieno, piena (lat. < lat. plēnum) abruzz. mask. pjinʊ, fem. pjena (🔗). Man beachte, dass diese Entwicklung genau dem sogenannten ‘sizilianischen’ Vokalismus entsprechen. Auch in diesem Fall drängt es sich auf, in den nicht gerade seltenen Belegen in Norditalien areale Reste ehemals großflächiger Verbreitung zu sehen.

Metaphonisch variierende und generalisierte Schließung von e < lat. ē, am Beispiel pieno, -a, -i (AIS 1335) < lat. plēnum, aus Krefeld 1999, Karte 11 – gelb =  Tonvokal i in allen drei Formen; grün = Tonvokal i als Variante vor etymologischen -u und -i

Festgehalten werden muss, dass die Formen mit betontem i genau dem so genannten ‘sizilianischen’ System entsprechen.

2.2. Vokalharmonie statt Metaphonie

Für die romanistische Tradition gelten eben diese geschlossenen Varianten in den Gebieten mit metaphonischer Varianz (also die durch –i, -u konditionierte Varianten) grundsätzlich als sekundär, d.h. als ein besonderer Prozess, der erst eingetreten ist, als die skizzierten Vokalsysteme sich bereits etabliert hatten. Diese Auffassung ist sehr problematisch und letztlich unhaltbar. Vielmehr scheint es so, als ob die Entstehung der genannten Systeme überhaupt metaphonisch konditioniert war; die Varianten vor -u, -i einerseits und vor -a, -e andererseits wären dann gleich alt und von Beginn an komplementär. Es ist ja nicht zu übersehen, dass sich im westromanischen System im Gefolge der Kollision nach Aufgabe der Quantität jeweils ein offenerer Vokal durchsetzt, im sizilianischen dagegen einer geschlossenerer, so als ob das westromanische  System ursprünglich durch die offenen Endvokal –a, -e konditioniert gewesen wäre, das sizilianische dagegen in Verbindung mit den geschlossenen Endvokalen –u, -i; beide System wären also ursprünglich nur komplementäre Reihen eines einzigen, durch Harmonisierungsprozesse geregelten Systems gewesen, wie man sie aus anderen Sprachfamilien kennt (🔗).   Durch regionalen Abbau dieser Prozesse wurde dann die eine oder aber die andere Reihe zu einem selbstständigen System. In dieser Sicht sind – umgekehrt – die Systeme ohne metaphonische Varianz als historisch sekundär anzusehen.

3. Der ’sizilianische‘ Vokalismus – in Sizilien

Vor diesem Hintergrund ist es nun lohnenswert, einen genaueren Blick auf Sizilien zu werfen.  Alle oben aufgeführten Karten zeigen, dass sich metaphonische – oder: harmonisierende – Varianz nur in einem Teil Siziliens findet  (vgl. Sottile/Matranga, 222-224), d.h. im Wesentlichen im Zentrum der Insel (vgl. das Beispiel grosso, AIS, K 184; 🔗). Die vom Festland bekannte Varianz in der Entwicklung der langen lateinischen Vokale ē und ō wurde durch Verallgemeinerung der ursprünglich geschlossenen Varianten  abgebaut; so erklärt sich die Kollision von e, i > i, bzw. von o, u > u.

Metaphonische Varianz hat sich in den Entwicklungen von lateinisch ĕ und ŏ teils in Form von Diphthongen vor –u und –i erhalten; man vgl. den Typ grúassu ‘grosso’ (Mask. Sg.) vs. grɔssa ‘grossa’. Bemerkenswerter Weise gilt  in den Orten, wo keine Varianz mehr auftritt, teils in allen Formen die geschlossene, teils aber auch die offene Variante. Hier exemplarisch drei Beispiele:

  Mask. Sg. Fem. Sg.  
Verallgemeinerung geschl. Var. grwóssu grwóssa P 803 Palermo
Varianz grúassu grɔssa P 844 Baucina
Verallgemeinerung off. Var. grɔssu grɔssa P 824 Villalba

Es erweist sich also das fortschreitende Abbauszenarium eines ursprünglich, mit der spätantiken Latinität etablierten harmonisierenden Vokalsystems.

Bibliographie

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