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Lingua franca

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Zitation: Thomas Krefeld (2019): Lingua franca. Lehre in den Digital Humanities. Version 4 (31.01.2019, 15:24). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=11698&v=4.

1. Franken: die Christen aus dem Westen 

Seit der Zeit der Kreuzzüge (1. Kreuzzug: 1096-1099) kursiert im Mittelmeerraum der Ausdruck lingua franca, der auf Arabisch lisān-al-faranğī zurückgeht. Diese Bezeichnung ist zwar etymologisch klar; denn:

“On sait que les croisés étaient uniformément appelés Francs en Orient.” (Perego 1968, 598)

‚Man weiß, dass die Kreuzfahrer im Orient allgemein Franken genannt wurden.‘

Dabei ist ‘Orient’ in einem weiteren Sinne zu verstehen, der auch die Griechen einschließt:

“[…] si sa che presso Arabi, Turchi e Greci, <Franco> si riferisce a tutto quanto è ‘occidentale, europeo, cattolico’, forse in raccordo dei rapporti tra Francesi-Europei e Turchi durante le crociate.” (Vianello 1955, 67)

Dennoch ist die Bezeichnung auch in der Sprachwisssenschaft mehrdeutig (vgl. Cortelazzo 1977); abgesehen von der speziellen Verwendung zur Bezeichnung der übereinzelsprachlichen nautischen Terminologie des Mittelmeers bei Kahane u.a. 1958 lassen sich in der wissenschaftlichen Literatur im wesentlichen drei Verwendungsweisen des Terminus unterscheiden.

2. Lingua franca: ‘in Nordafrika gebrauchtes Pidgin’

Das gewissermaßen ‘klassische’ Verständnis des Ausdrucks wurde durch den bedeutenden Romanisten Hugo Schuchardt in der Sprachwissenschaft etabliert; gemeint ist – in der Formulierung von Manlio Cortelazzo –

“[…] il linguaggio di scambio, usato nell’Africa magrebina fra gli Europei e gli Arabi e Turchi, a base lessicale italiana e spaniola con qualche rara chiazza semitica e grammatica creolizzante […]” (Cortelazzo 1977, 524)

Gleichbedeutung wird gelegentlich auch von sabir bzw. sabir barberesco gesprochen. Es handelt sich in moderner Ausdrucksweise  um ein so genanntes pidgin, d.h. eine auschließlich als L2 gebrauchte Sprache mit spanisch-italienisch basiertem Lexikon und einer sehr stark reduzierten Grammatik. Da die Verwendungskontexte weitestgehend im Bereich der Mündlichkeit lagen, ist die lingua franca nur sehr schlecht dokumentiert.

Hinweise und meist kürzere Textbelege finden sich seit dem 13. Jahrhundert vor allem in der it., franz. und spanischen Literatur. Darunter sind einige berühmte Beispiele, so:

  • ein Villancico (fröhliches Weihnachtslied) von Juan del Encina (ca. 1521); 
  • die Komödie La Zingana (1545) von Giancarli (aus Rovigo):

und vor allem

  • das so genannte Mufti-Lied nebst einigen anderen Stellen aus dem Bourgeois Gentilhomme (IV. Akt, 5. Szene) von Molière (1670):

„Le Muphty. / Se ti sabir, / Te respondir; / Se non sabir, / Tazir, tazir.  / Mi star Muphty: / Ti qui star ti?  / Non intendir: /Tazir, tazir.“

  • und die Komödie L’impresario delle Smirne (III./IV. Akte) von Goldoni (1760); hier, III. Akt, 5. Szena:

„Aver fatto in vita mia tanti negozi, non intender, non poder capir negozio per teatro. Se musici star tutti come musico che andar via, io non aver testa per poder star saldo. (siede) ma se omo star insolente, femmina star bona. Mi aver tanto piacer de mia cara Annina.“

Es erhebt sich allerdings die Frage nach der Aussagkraft dieser Texte, die man ja nicht als direkte Quellen ansehen darf; sie wurden ja zweifellos in karikierender Absicht verfasst. Aber es wäre vollkommen falsch, hier eine freie Erfindung der Autoren zu vermuten; vielmehr scheinen die literarischen Quellen unterschiedlich authentisch. Encina, der mehrfach im Nahen Osten gewesen ist, hat seinen Text unmittelbar nach einer Palästina-Reise verfaßt. Molière hat sich durch den Chevalier d’Arvieux beraten lassen, der das Lied vielleicht sogar geschrieben hat; d’Arvieux war sozusagen ein Experte, da er 12 Jahre in Tunis, in Smyrna/Izmir und in unterschiedlichen Levantehäfen als franz. Gesandter gewesen ist.

Aber die Autoren erwecken  den Eindruck, es handle sich, erstens, um ein ganz individuelles Radebrechen, auf d.h. um eine fossilisierte frühe Phase des Zweitspracherwerbs (interlanguage) und, zweitens, die Sprecher seien ausschließlich solche mit anderer L1 als Italienisch, Spanisch, Französisch (‚Orientalen‘), denn die lingua franca wird nicht als gemeinsames, drittes Kommunikationsmittel von Sprechern mit unterschiedlichen L1 vorgeführt, sondern sie ist an einzelne Gesprächspartner, die Orientalen, gebunden – so, als ob die Romanen bzw. Europäer diese Sprache nicht benutzt hätten. (Der  Gebrauch; der Ansatz zu wechselseitigem Gebrauch bei Goldoni ist eher ironisch). Beides entspricht wohl nicht der sprachlichen Realität.

Die Ähnlichkeit der Stellen deutet darauf hin, dass eine durchaus konventionalisierte ‘Sprache’ zum Gegenstand der Komik gemacht werden soll, und vor allem die nicht-literarischen Quellen zeigen wechselseitigen Gebrauch.   

So wird die lingua franca z.B. in Gochet 1888, 74 f. erwähnt. In diesem Buch (La France coloniale illustrée) werden die unterschiedlichen französischen Kolonialgebiete des ausgehenden 19. Jahrhunderts beschrieben und im Kapitel zu Algerien findet sich ein Abschnitt über le jargon sabir, den der Autor allerdings seinerseits aus Onésime Reclus, La France, Algérie et colonies, zitiert.  Reclus, der Algerien aus eigener Erfahrung gut kannte, zeichnet dort zunächst folgende Skizze der interethnischen Kommunikation im öffentlichen Raum:

N:SharesWebDHLehrehtml/wp content/uploads/2016/01/1453314965 Reclus74

Reclus 1886 zitiert in (Gochet 1888, 74)

Es folgt eine sprachliche Charakterisierung dieses jargon sabir, die durch etliche Beispiele konkretisiert wird:

N:SharesWebDHLehrehtml/wp content/uploads/2016/01/1453315437 Reclus74 2

N:SharesWebDHLehrehtml/wp content/uploads/2016/01/1453315477 Reclus74 3

Reclus 1886 zitiert in  (Gochet 1888, 74 f.)

Es wird ausdrücklich gesagt, dass die lingua franca den Einheimischen und den Kolonisten verbindet, bis zu dem, aus kolonialistischer Sicht erwarteten ‘Triumpf des Französischen’; Reclus hat übrigens gerade für diese Durchsetzung der französischen Sprache bei  der Bevölkerung der Kolonien den Ausdruck ‘Frankophonie’ geprägt.

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Herkunft der erwähnten Ausdrücke, so dass der vielsprachige Input hervortritt :

Beispiel aus Reclus

franz. Äquivalent aus Reclus Herkunftssprache  
andar aller  ita andare go
vinir venir spa/fra/ita  come
ténir avoir span /südita Dialekte  have
mirar voir, regarder spa mirar see, look
trabadjar travailler spa trabajar  work
tchapar voler  spa chapar steal
toucar toucher, prendre  spa tocar touch, take
bono bon, bien, utile  südita b(u)ono, Adv und Adj  good, well, useful
caraouti trompeur, carottier  fra carotteur, carot(t)ier cheat
meskine pauvre arab miskīn poor
maboul fou  arab mahbūl mad
mercanti bourgeois  ita mercante bougeois
chèndat soldat   soldier
casa maison spa / ita casa  house
carossa voiture  ita carrozza cart
cabessas tête span cabeza  head
matrac bâton fra matraque stick
babor bateau à vapeur ita vapore  steamboat
birou bureau fra bureau  office
carta lettre, écrit; papier ita carta  letter, writing, paper
douro argent  spa duro money
sordi sou  ita soldo small coin
mouquère femme spa mujer  woman, wife
mouchatcho enfant spa muchacho  child
yaouled jeune homme   arab. ya, ouled  ‚Hé! garçon!‘ young man
macache non  arab maīkāns no
bezzef beaucoup   much
bibri à peu près  fra (à) peu près nearly
bititre peut-être  fra peut-être perhaps
balek prends garde!  türk balık ‚Fisch‘?? be careful!
kif kif comme   as, how
sami sami ensemble  fra ensemble together
didou eh! ohé! un tel (<„dis donc!“)  fra dis donc hey! so-and-so! (<„tell me!“)
fantasia mot universel qui s’applique au plaisir, à la passion, à tous les mouvements expansifs de l’âme, à tout ce qui est agréable, bon, supérieur, étrange…  ita fantasia

Diese Quelle (Reclus) ist aber nicht nur interessant,  weil sie ausdrücklich feststellt, dass sich auch Europäer, d.h. Sprecher mit  Ita, Fra, Span und womöglich anderen europäischen Sprachen als L1 ihrer bedienten.  Sie belegt darüber hinaus die Vitalität der lingua franca gegen Ende des 19. Jh. für Algier, so dass sich für diese Stadt eine lange Überlieferungskontinuität behaupten lässt, die mindestens bis auf eine andere interessante Quelle zurückgeht, nämlich die

Topographia e historia general de Argel (1612),

die wohl zu Unrecht Fray Diego de Haedo zugeschrieben wirdIn dieser Darstellung wird der allgemeinen Gebrauch des hablar franco bestätigt:

“Este hablar franco, es tan general, que no ay casa do no se vse, y porque tampoco no ay ninguna do no tengan christiano y christianos, y muchas que no ay turco ni moro grande ni pequeño, hombre o muger, hasta los niños, que poco o mucho y los mas dellos muy bien no le hablan, y por el no entiendan los christianos: los quales se acomodan al momento a aquel hablar […]” (Haedo zit. in Schuchardt 1909, 452)

Womöglich war der hablar franco in Algier das einzige kollektive Verständigungsmittel überhaupt – jedenfalls bis zum Jahr 1830, als die Stadt, die bis dahin nominell osmanisch, faktisch aber unabhängig war, französisch wurde.

“E’ stato calcolato che, alla fine del XVI secolo, potessero abitare ad Algeri 60.000 ‘indigeni’ (fra i quali gli Algerini d’origine erano una minoranza, il resto era composto da Andalusi, Berberi, Turchi, Ebrei) e 25.000 schiavi europei. Secondo Haedo, a quel tempo si usavano tre lingue ad Algeri, il turco, l’arabo e la lingua franca; quest’ultima impiegata soprattutto per i contatti con gli Europei, era conosciuta in ogni casa, anche dai bambini. E’ certo che la lingua franca ebbe un ruolo notevole ad Algeri e Tunisi, finché durò questo stato di cose […]” (Cifoletti 1980, 15)

Im Jahre der französischen Annektion, 1830, erschien eine andere, ausführlichere  nicht-literarische Quelle, der anonyme

Dictionnaire de la langue franque ou petit mauresque, suivi de quelques dialogues familiers et d’un vocabulaire de mots arabes les plus usuels; à l’usage des français en Afrique, Marseille 1830 (auch in : Cifoletti 1980)

Dieses Buch war im wesentlichen wohl für die Soldaten der franz. Besatzungstruppen gedacht. Schon der Titel zeigt unmissverständlich, dass die lingua franca  auch von Europäern benutzt wurde und zum wechselseitigen Gebrauch der Redepartner diente (vs. Radebrechen); außer etlichen Einzelwörtern findet sich im Anhang eine Liste von dialogischen Sätzen (vgl. 93).

2.1. Sprachliche Merkmale und Typisierung

Sprachlich lässt sich die lingua franca zusammenfassend wie folgt charakterisieren (zu den Beispielen vgl. Schuchardt 1909, 444 ff.):

  • Das Lexikon ist ganz überwiegend romanisch basiert (italoromanisch, bes. venez., span., port., franz., prov., kat.); mit regionalen (Ost/West) und zeitlichen Unterschiede (vor/nach 1830) ist zu rechnen; mögliche Sizilianismen müssten überprüft werden (z.B. der adverbiale Gebrauch von bounu ?).

“La maggior parte del patrimonio lessicale romanzo che compare nel Dictionnaire, quando non è comune a italiano e spagnolo, è da attribuire all’italiano; […] Ma accanto agli italianismi, sono veramente numerosi i venezianismi (di cui molti possono essere anche ispanismi, per la nota affinità fra spagnolo e veneto).” (Cifoletti 1980, 30)

  • Es gibt keine Nominalflexion; die Wörter gehen meist auf eine Singularform zurück, gelegentlich auch auf Pluralia, wie piedi, detti, guanti, star buona genti ‘er ist ein braver Mensch’
  • Es gibt keine Nominaldeterminanten (Artikel).
  • Reduplikation wird polyfunktional verwendet.
  • Es gibt zwei Verbalformen, von denen eine etymologisch dem Infinitiv und die andere dem Part.Perf. entspricht (mi andato, mi sentito).
  • Es lassen sich Ansätze zu Modal-/Futurbildung durch bisogno beobachten  (allerdings nicht in den literarischen Belegen; vgl. vgl. Whinnom 1977):  bisogno mi andar.
  • Eine starke Tendenz zur Markierung der Objektpronomen durch per fällt auf, wenn sie auf Menschen referieren: mi ablar per ti ‘ich sage dir’, mi mirato per ti ‘ich habe dich gesehen’ etc. (vgl. indoport., afrikaans ek sè fer jou).
  • Ansätze zu neuen Funktionsverben sind feststellbar: forar zu fora ‘heraus’, forar roba ‘dévaliser’, forar (farer) piuma ‘plumer’, forar barba ‘raser’, forar sangre ‘saigner’, forar erba ‘sarcler’ (vgl. Schuchardt 1909, 441).

Schon Schuchardt (Schuchardt 1909, 449) weist auf die bemerkenswerte Bedeutungsveränderung des Ausdrucks franc(a) hin, der von einer neutralen Fremdbezeichnung der romanischsprachigen Europäer zur Eigenbezeichnung der besonderen, von der eigenen Sprache abgeleiteten Varietät wurde, die sie im Umgang mit den Fremden brauchten; ursprünglich war es also wohl die Bezeichnung der Art und Weise, wie die Fremden die eigene Sprache (ein “trümmerhaftes Romanisch”; Schuchardt 1909, 448) unbeholfen gebrauchten:

„Die L. fr. ist die aus romanischem Wortstoff gebildete Vermittlungssprache [!] die im Mittelalter zwischen Romanen und Arabern, dann auch Türken aufkam und längs der ganzen Ost- und Südküste des Mittelmeers verbreitet gewesen zu sein scheint. Zu unserer Zeit weiß man in der Levante nichts mehr von ihr […]; sie ist auf die Berberei beschränkt, und zwar wohl mit Ausschluß Marokkos.“ (Schuchardt 1909, 441)

Die L. fr. wird von Geschlecht zu Geschlecht überliefert und nicht bloß von den Angehörigen des einen Volkes, sondern zwischen denen beider gesprochen; daher ist sie gefestigter und gleichmässiger, individuellen Schwankungen mehr entrückt. Im Wesen aber stimmen sie mit jener individuellen Sprechart [i.e. dem Radebrechen; Th.K.] überein, sie geht aus ihr hervor, wie der Stamm aus der Wurzel. Die Not ist die Bildnerin solcher Sprachen, die man auch Notsprachen nennen könnte; sie haben zwar wichtige, aber keine sehr mannigfachen Aufgaben zu erfüllen; es sind vor allem Handelsprachen.“ (Schuchardt 1909, 441)

In den quasi Staaten Algier und Tunis war die lingua franca  aber dem Anschein nach auch Sprache der Diplomatie (vgl. Perego 1968, 598), bzw. die Sprache zwischen Herren und europäischen Sklaven. Die historische lingua franca  verkörpert also auch einen bestimmten Typ, der heute in der Regel als ‘Pidgin’sprache bezeichnet wird; 

„Lingua Franca is probably the most important pidgin language about which we have information. Not only it is the earliest documented, and, by several centuries, the longest-lived of all pidgins, but it quite certainly provided the channel for a great deal of Mediterranen vocabulary-borrowing, and it may well be the basis, whether by imitation or direct relexification, of many modern European-based pidgins and creoles.“ (Whinnom 1977, 3)

Zu den Entstehensbedingungen gehören Kontaktsituationen mit ganz rudimentärem Bilinguismus (wenn überhaupt von Bilinguismus die Rede sein darf, was Schuchardt in Abrede stellt); Pidgins sind grammatisch extrem reduziert und pragmatisch auf wenige Situatonen beschränkt, nämlich auf (ver-)handeln; sie werden wechselseitig gebraucht und sind als eigenständige Sprachform im Bewusstsein der Sprecher verankert; die Sprecher ‘schalten auf lingua franca um’; sie wird also offenbar nicht im Bewusstsein gebraucht, es handle sich um die Fremdsprache, d.h. die Muttersprache des Kommunikationspartners, wie beim Radebrechen.

Grundsätzlich und  per definitionem ist ein Pidgin immer Zweitsprache und  niemals Muttersprache von irgendjemandem (so schon Schuchardt), vgl. West-Coast in Kamerun; Französisch in Westafrika, früher die lingoa geral auf Tupí-Basis in Brasilien usw.).

Pidgins gehen sicherlich nicht nur auf interlanguages des Spracherwerbs, sondern auch auf etwas, wie foreigner-talk zurück (vgl. Leonard Bloomfield), was schon Schuchardt klar erkannte: 

“Alles Radebrechen einer Sprache geht von deren Erbbesitzern aus, ganz ähnlich wie die Kindersprache auf der Ammensprache beruht. oder wenn ich ein Bild gebrauchen darf, nicht die Fremden brechen sich aus einem schönen festgefügten Gebäude einzelne Steine heraus um sich damit dürftige Hütten zu bauen, sondern die Eigentümer selbst reichen sie ihnen zu solchem Zwecke. Niemand bestreitet, daß ein Araber welcher das Verb mangiar im Sinne von ‘essen’ kennt, das mittelbar oder unmittelbar von einem Italiener gelernt haben müsse; daß er aber mangiar auch für ‘(ich) esse’, ‘(du) ißt’, ‘iß’ usw. gebraucht, das pflegt man auf seine eigene Rechnung zu setzen. Indessen mag auch auf beiden Seiten das Bestreben gleich groß sein mit den einfachsten Hilfsmitteln sich verständlich zu machen, und vor allem die flexivische Mannigfaltigkeit der Grundsprache aufzuheben, wie käme denn einer, der des Italienischen noch unkundig ist, dazu mangiar als Vertreter für mangio, mangi, mangia usw. zu wählen?“ (Schuchardt 1909, 444)

3. Lingua franca: ‚italiano coloniale‘

In Dalmazien und in den anderen ehemals it. (venez.) Gebieten des östl. Mittelmeers wurde neben dem Kolonialvenezianischen und dem Dalmatischen auch eine andere ‘italienische’ Varietät als (lingua) franca bezeichnet:

“[…] italiano parlato più o meno bene e con inevitabili adattamenti (dalmatico veneti), ma speditamente dagli abitanti alloglotti del littorale e delle isole di Dalmazia […]” (Vianello 1955, 69 zit. in Cortelazzo 1977, 525)

Es ist aber nicht ganz klar, was hier genau mit  “italiano”  gemeint ist, denn im Sinne von ‘venezianisch’ wird es von Vianello ausdrücklich ausgeschlossen:

“Sarebbe, allora, più opportuno chiamare queste varietà italiano (o veneziano o genovese) regionale, avendo tutti quei requisiti, che inducono i linguisti a discernere in un compatto dominio idiomatico territorialmente esteso omogenei sottogruppi accettati, ma rivelatori di un aggancio geografico abbastanza preciso.” (Cortelazzo 1977, 525)

Hauptquelle ist der Bericht eines venez. Beamten, G.B. Giustiniani (1553), der die Küstenfestungen inspizierte – die großen Adriahäfen Dalmaziens wurden übrigens von Türken nie eingenommen!  Der Autor berichtet über einzelne Städte und gebraucht “italiano” und “franco” synonym; quasi alle Einwohner der Städte sprächen lingua franca; z.B. über die Verhältnisse in Traù heißt es:

“[…] hanno ben tutti la lingua franca, ma nelle case loro parlano schiavo per rispetto alle donne, perché pocche d’esse intendono la lingua italiana […]” (zit. in Vianello 1955, 68)

Eine andere typische Formulierungen, über Lesina, lautet:

“gl’uomini parlano lingua franca speditamente” (zit. in Vianello 1955, 68)

Und auf Veglia (kroat. Krk) wird beobachtet, dass neben einem “idioma proprio”:

“tutti […] forestamente favellano italiano francamente” (zit. in Vianello 1955, 68)

Von dieser kolonialitalienischen lingua franca gibt es allerdings keine Textzeugnisse; einige mod. Beispiele aus den Jahren 1947, 1948, die vielleicht ähnlich sind, belegt  Cortelazzo 1977 für Korfu; z.B. sagt ein Träger aus dem Hafen:

scominsieremo de paja ‘cominceremo con lo scaricare la paglia’

und etwas expliziter mit griechisch interferierter Syntax (ohne Infinitiv):

scominsieremo che portemo paja 

Im Übrigen wurde auf Zypern in der Nachkreuzzugszeit laut Folena 1968, 364 auch eine Mischsprache aus Kolonialfranz./Kolonialvenezianische gesprochen.

4. Lingua franca: ‚Verkehrssprache‘

Ganz allgemein, über den historischen Kontext des Mittelmeers hinaus, werden weit verbreitete Vehikularsprachen oft als lingua franca bezeichnet; so ist etwa davon die Rede, dass ‘Latein die lingua franca  im Karolingerreich’ war etc. Für das Englisch wurde gar das Akronym ELF (English as a lingua franca) geprägt. Da diese Redeweise wegen der historischen präzisen Verwendung (vgl. Kap. ) zu Missverständnissen führt, sollte man sie vermeiden. 

Bibliographie

  • Cifoletti 1980 = Cifoletti, Guido (1980): Vocabolario della lingua franca, Padova, Clesp.
  • Cortelazzo 1977 = Cortelazzo, Manlio (1977): Il contributo del veneziano e del greco alla lingua franca, Firenze, Olschki.
  • Folena 1968 = Folena, Gianfranco (1968): Introduzione al veneziano "De là da mar", Firenze, Olschki.
  • Gochet 1888 = Gochet, Alexis (1888): La France coloniale illustrée, Tours, A. Mame et fils.
  • Kahane u.a. 1958 = Kahane, Henry u.a. (1958): The Lingua Franca in the Levant. Turkish nautical terms of italian and greek origin, Urbana (Link) .
  • Perego 1968 = Perego, Pierre (1968): Les sabirs, in: Martinet, André (éd.), Encyclopédie de la Pléiade. Le langage, vol. 25, Paris, 597-607.
  • Schuchardt 1909 = Schuchardt, Hugo (1909): Die Lingua franca., in: Zeitschrift für romanische Philologie (ZrP), vol. 33, 441-461.
  • Vianello 1955 = Vianello, Nereo (1955): 'Lingua franca' di Barberia e 'lingua franca' di Dalmazia, Firenze, E. Ariani.
  • Whinnom 1977 = Whinnom, Keith (1977): Lingua franca: Historical problems, in: Valdman, Albert (Hrsg.), Pidgin and creole linguistics, Bloomington, Indiana University Press, 295-310.
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