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Von der Wahrnehmung der Welt zur Grammatik der Sprachen

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Zitation: Thomas Krefeld (2019): Von der Wahrnehmung der Welt zur Grammatik der Sprachen. Version 1 (05.09.2019, 18:29). Lehre in den Digital Humanities. . url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=144620&v=1

1. Ansätze zu einer perzeptiven Morphologie: die Markiertheitstheorie

Die Unterscheidung zwischen Semantik, Morphologie und Syntax ist sinnvoll, da durchaus verschiedene Schwerpunkte untersucht werden: die Organisation der Signifikate, die formale Kodierung grammatischer Kategorien und die lineare Verbindung sprachlicher Zeichen zum Aufbau komplexer und hierarchisch gegliederter Äußerungen. Allerdings darf über diese Teilgebiete hinweg nicht vergessen werden, dass Semantik überall im Spiel ist und bei der Analyse der formalen und linear-hierarchischen Organisation der Sprachen niemals vollständig ausgeblendet werden kann.

Diese Schnittstelle zwischen Semantik einerseits und Morphologie und Syntax andererseits wurde vor allem durch Markiertheitstheorie und in jüngerer Zeit durch die sogenannte Konstruktionsgrammatik (vgl. Goldberg 1995 und Goldberg 2003) herausgearbeitet; aus perzeptiver Sicht ist die zuerst genannte Richtung wichtiger als die zweite.

2. Markiertheit vs. Natürlichkeit – und Perzeption

Die Markiertheitstheorie wurde im Gefolge eines zwar stark vereinfachenden, aber sehr stimulierenden und einflussreichen Buches von Willi Mayerthaler unter dem Namen ‘Natürlichkeitstheorie’ diskutiert. Die Natürlichkeitstheorie ist ursprünglich in der Phonologie entstanden (vgl. Stampe 1979) und wurde dann auf die Morphologie und – wenngleich mit deutlich schwächerem Echo – auf die Syntax übertragen. Phonologische und morphologische Natürlichkeit konfligieren oft:

Insbesondere die Phonologie agiert (vom Resultat her gesehen) fast immer gegen die Morphologie (Schaffung von Allophonie, Verstummen spezifischer Flexive etc.) – oder genereller: Im Normalfall sind phonologische Natürlichkeit […] und morphologische Natürlichkeit nicht simultan optimierbar. (Mayerthaler 1981, 21)

Es erscheint sicherlich problematisch, durch und durch kulturell geprägte Systeme wie die historischen Einzelsprachen in ihrem Kern gerade durch ‘Natürlichkeit’ zu erklären, aber diese Konzeption ist ausdrücklich in der primär ‘natürlichen’, da neurophysiologisch konditionierten Perzeption der Sprecher verankert; sie bildet den „Hauptfaktor, der über die Natürlichkeit morphologischer Einheiten entscheidet“ (Mayerthaler 1981, 103).

Genauer gesagt geht es um die Art und Weise, wie Information, die sich auf die außersprachliche Welt bezieht, durch einzelsprachliche Kategorien kodiert wird. Damit ist ganz direkt die genuin perzeptive Frage verbunden, ob und in welchem Maße diese sprachlichen Kategorien und ihre Ausprägungen womöglich durch die Wahrnehmung außersprachlicher Strukturen motiviert sind.

Für die Beantwortung ist es wichtig, zwei semiotisch unterschiedliche Oppositionen anzusetzen, die nicht selten mit einander vermischt oder gar identifiziert werden:

  • Die erste Opposition betrifft die Art wie eine grammatische Kategorie kodiert wird; man bezeichnet sie als merkmallos, wenn kategoriell bestimmte Information (z.B. der Numerus) weder durch ein spezielles Morphem noch durch eine andere formale Veränderung (z.B. einen anderen Laut) oder durch eine spezielle syntaktische Besonderheit kodiert wird; falls das jedoch der Fall ist, bezeichnet man die Kodierung als merkmalhaltig. 
  • Die zweite Opposition betrifft die kodierte Kategorie; innerhalb einer Kategorie lassen sich einfache und komplexere Informationen unterscheiden. So gilt in der Kategorie Numerus  der Singular als einfacher als der Plural; Mayerthaler spricht von ‘semantischer Markiertheit’ und bezeichnet die einfache(ere)n Ausprägungen einer Kategorie als ‘unmarkiert’ und die komplexe(re)n als ‘markiert’.

Dementsprechend definiert Mayerthaler den Gegenstandsbereich der Morphologie:

Reduziert man auf das Elementarste, kann man sich die Funktion morphologischer Operationen als Abbildung von Kategorien auf ihre Li1„Li“ steht für lingua i im Sinne einer ‘Einzelsprache’. -spezifischen Kodierungen/Symbolisierungen vorstellen. (Mayerthaler 1981, 8)

Etwas weniger ‘elementar’ formuliert ist Morphologie eine

Theorie der Wortstruktur. Was ein (morphologisches) Wort einer Sprache Li ist, definiert der morphologische Regelapparat ∈ Li. Die Morphologie umfasst Flexion und Derivation; diese beiden Bereiche sind nicht disjunkt. (Mayerthaler 1981, 8)

Der einfache Grundgedanke der Markiertheits- /Natürlichkeitstheorie besteht nun in der Annahme, dass Sprachen tendentiell markierte, d.h. komplexere Inhalte mit besonderen Merkmalen, d.h. formal aufwändiger kodieren als einfache Inhalte. Da in dieser Art der Kodierung vorausgesetzt wird, dass formale Merkmale grundsätzlich inhaltliche Eigenschaften widerspiegeln, spricht man vom Prinzip des ‘konstruktionellen Ikonismus’. Die Annahme, es handle sich dabei um ein universal gültiges Prinzip rechtfertigt die Bezeichnung ikonischer Konstruktionen als ‘natürlich’. Für Natürlichkeit gibt es im besten Fall eine dreifache Evidenz, denn:

Ein morphologischer Prozess bzw. eine morphologische Struktur ist natürlich, wenn er/sie a) weitverbreitet ist und/oder b) relativ früh erworben wird und/oder c) gegenüber Sprachwandel relativ resistent ist oder durch Sprachwandel häufig entsteht. (Mayerthaler 1981, 2)

In jedem Fall ist festzuhalten:

  • formal ‘merkmallos’ ≠ konstruktionell ‘unmarkiert’;
  • formal ‘merkmalhaltig’ ≠ konstruktionell ‘markiert’.

Die Konzeption lässt sich an einem deu. Beispiel schnell illustrieren:

    Beispiel 1 Beispiel 2
i Formen (der) Bub (die) Buben (der) Löffel (die) Löffel
ii Kategorie,
semant.
Markiertheit
Singular Plural Singular Plural
unmarkiert markiert unmarkiert markiert
iii Kodierung merkmal-
los
merkmal-
haltig
merkmal-
los
merkmal-
los
iv Markiertheit  der Kodierung unmarkiert unmarkiert unmarkiert markiert
natürlich natürlich natürlich nicht nat.
Abb. 1: Merkmalhaltigkeit und Markiertheit im Sinne von Mayerthaler 1981

Aus Zeile (iv) ergibt sich das umgekehrt proportionale Verhältnis von Markiertheit der Kodierung einerseits und Natürlichkeit andererseits:

Ein morphologisches Phänomen ist um so weniger markiert, je natürlicher es ist, und um so mehr markiert, je weniger natürlich es ist. Markiertheit/Natürlichkeit bilden eine Skala von maximal markiert/minimal natürlich bis zu minimal markiert/maximal natürlich. (Wurzel 2001 [1984], 21)

Jedoch ist die übliche Terminologie ist auch hier nicht ganz konsistent, da ‚markiert‘ eben nicht nur auf die Kodierung (Mayerthaler spricht von ‘Symbolisierungmarkiertheit’) sondern auch auf die inhaltlichen Kategorien (‘semantische Markiertheit’) bezogen wird. Es wäre terminologisch eindeutiger, die Kategorien anders zu etikettieren, etwa als ‘mehr oder weniger einfach/komplex’ (vgl. (Abb. 8).

Im Hinblick auf die Merkmale der Kodierung (iii) lassen sich nun formal sehr unterschiedliche Verfahren feststellen, wie die folgende Graphik im Überblick zeigt:

[+ additiv] [+ segmental] Affigierung ita. cantavo
Reduplikation lat. 1. PPerf. dedi (zu do)
[- segmental] modulatorisch- additiv lat.  Sg. domus vs. Pl. domūs
[+ additiv]   modulatorisch ita. sto vs. sta
  Ø ita. Sg. città = Pl. città
  substraktiv deu. Imp. trink!
  Kontamination engl. smog
Abb. 2: syntagmatische morphologische Prozesse; modifiziert und ergänzt nach Mayerthaler 1981, 111 und Wurzel 2001 [1984], 27 

Man beachte, dass die Kodierungsverfahren auch in redundanter Kombination auftreten, wie das folgende deu. Beispiel zeigt:

deu. Beisp. (das) Bad
(die) Bäder
grammatische Kategorie Singular Plural
Kodierung merkmallos redundant merkmalhaltig
Merkmal 1: modulatorisch
Merkmal 2: additiv segmental
Abb. 3: Redundante Merkmalhaltigkeit

Unklar ist die Kategorie der Kontamination; das Beispiel betrifft nur die Form des Lexems und ist morphologisch irrelevant. Weiterhin reden Mayerthaler 1981 und Wurzel 2001 [1984] von ‘paradigmatischen morphologischen Prozessen’, die  wiederum in ‘analogische’ und ‘substitutionelle’ geschieden werden. Diese Gruppe wird hier außer Acht gelassen, weil es sich zumindest im Fall der Substitution (vgl. den ita. Komparativ meglio zu bene) gar nicht um ein morphologisches, sondern um ein lexikalisches Verfahren handelt. 

Mayerthaler und Wurzel sehen in den genannten Kodierungsverfahren unterschiedlich starke Ausprägungen von konstruktionellem Ikonismus (vgl. Ikon) und damit auch von Natürlichkeit; ergänzt werden muss die Hierarchie durch (seltene) kontraikonische Formen, die sich dadurch auszeichnen, dass die semantische Markiertheit der Kategorien der Kodierungsmarkiertheit (oder: Symbolisierungsmarkiertheit) widerspricht, also etwa dann, wenn die Singularform komplexer als die Pluralformen oder die Präsensformen komplexer als die Formen anderer Tempora gebildet werden:

konstruk-
tioneller Ikonismus

max. ikonisch Affigierung ita. cantavo
Reduplikation lat. 1. PPerf. dedi (zu do)
modulatorisch- additiv lat.  Sg. domus vs. Pl. domūs
min. ikonisch modulatorisch ita. sto vs. sta
kein konstruk-
tioneller Ikonismus
nicht ikonisch Ø ita. Sg. città = Pl. città
substraktiv deu. Imp. trink!
kontraikonisch   ita. Präs. finisce vs. Pass.rem.  finí
Abb. 4: Hierarchie der Ikonizität (Abb. Th.K. auf der Grundlage von Wurzel 2001 [1984], 23 und Mayerthaler 1981, 24 f. 

In der Auslastung der genannten Typen unterscheiden sich die einzelnen Sprachen/Dialekte massiv. Aber:

In der Morphologie natürlicher Sprachen dominieren insgesamt die segmental additiven Kodierungen. Häufige modulatorische Prozesse mit morphologischer Symbolisierungsfunktion sind der Umlaut bzw. der Ablaut. (Mayerthaler 1981, 24)

Beispiele für funktionalen Ablaut sind etwa die engl. Pluralia feet ‘Füße’ (← foot) oder mice ‘Mäuse’ (← mouse) oder deu. Pluralia des Typs Hämmer (← Hammer) , Mütter (← Mutter) , Väter (← Vater)   usw.

In Mayerthaler 1981 findet sich eine umfangreiche Liste, in der eng aufeinander bezogene Kategorien mit unterschiedlichen Werten semantischer Markiertheit gegenüber gestellt werden; die Notation sem< (x, y) bedeutet: ‘Kategorie x, die Basiskategorie, ist semantisch schwächer markiert als Kategorie y’, die Notation sem> bedeutet analog: ‘Kategorie x ist semantisch stärker markiert als Kategorie y’.

sem< (Sprecher, Nicht-Sprecher) (1)
(reale Welt, andere Welten) (2)
([+nunc], [-nunc]) (3)
(personale Deixis,  lokale Deixis, temporale Deixis) (4)
(+Konkreta, -Konkreta) (5)
(Subjekt, Objekt) (6)
(belebt, unbelebt) (7)
(1. Person, andere Personen) (8)
(Präsens, Nicht-Präsens (9)
(Indikativ, Nichtindikativ) (10)
(Singular, Plural) (11)
(n, n+1) (12)
(-Diminution, +Diminution) (13)
(-Privativa, +Privativa (14)
(Affirmation, Negation) (15)
(-Emphase, +Emphase) (16)
usw.  
allgemein:  
sem< (nicht komplex, komplex) (17)
(perz. leichter zugänglich, perz. schwerer zugängl.) (18)
Abb. 5: sem-Werte gemäß Wurzel 2001 [1984], 14 f., 22 nach Mayerthaler 1981

Aus perzeptionslinguistischer Sicht liegt die größte Schwäche dieser auf den ersten Blick verführerischen Konzeption zweifellos in der unklaren Fundierung der kategorialen sem-Markiertheitswerte. Die hier nicht vollständig wiedergegebene, recht willkürlich erscheinende Liste von Kategorien, die sich teils auch überlappen (z.B. ‘Präsens’ und ‘nunc’ oder ‘Negation’ und ‘+privativ’) müsste nach allgemeineren, perzeptiv relevanten Kriterien strukturiert werden. Das zuletzt genannte allgemeine Kriterium  wäre dazu geeignet, wenn man es etwas schärfer definieren würde:  Anstatt von ‘leichterer/schwererer perzeptiver Zugänglichkeit’ sollte man besser grundsätzlich von perzeptiver Zugänglichkeit reden (etwa: sem<[+perzeptiv fundiert, -perzeptiv fundiert]).

Unter Voraussetzung dieses zugespitzten Kriteriums  lässt sich auch die Kategorie ‘Person’ besser profilieren, denn während die 1. und 2. Person in der Face-to-Face-Situation des Gesprächs – der Urform des Sprechens überhaupt – perzipierbar sind, gilt das für die 3. Person gerade nicht nicht; denn die dritte Person ist ja gerade keine Person im eigentlichen Sinne, die aktiv an der Kommunikation teilnimmt.

“Ainsi, les expressions de la personne verbale sont dans leurs ensemble organisées par deux corrélations constantes : 1 Corrélation de personnalité opposant les personnes je/tu à la non-personne il ; 2 corrélation de subjectivité, intérieure à la précédente et opposant je à tu.” (Benveniste 1966, 235) ‚So werden die Ausdrücke der Person im Ganzen durch zwei konstante Korrelationen organisiert: 1. die Korrelation der Personalität, mit der Opposition zwischen den Personen ich/du und der Nicht-Person er; 2. die Korrelation der Subjektivität, die innerhalb der ersten Korrelation ich und du in Opposition setzt.‘ (Übers. Th.K.)

Anstatt „sem< (1. Person, andere Personen) sollt es daher ‘sem<(1./2. Person, 3. Person)’ heißen. 

Jedenfalls lassen sich unter dem allgemeinen Label ‘±perzeptiv fundiert’ mehrere der  genannten Kategorien sinnvoll gruppieren:

  +perzeptiv fundiert -perzeptiv fundiert  
sem< (lokal Deixis, temporale Deixis) (a)
(Präsens, andere Tempora) (b)
(Affirmation, Negation) (c)
(-privativ, +privativ) (d)
(1./2. Person, 3. Person) (e)
Abb. 6: Semantisch schwächere Markierung perzeptiv fundierter Kategorien (hypothetisch) 

Die Asymmetrie in der Kodierung der beiden Gruppen ist im Italienischen (wie auch sonst) unübersehbar: die Kategorien Gruppe [-perzeptiv] sind teils:

  • merkmalhaltig; das Präsens (b) hat nur eine Personalendung (mangio); die anderen Tempora dagegen zusätzliche Merkmale (mangiavo, ho mangiato etc.); die Negation/Privation (c, d) wird durch spezielle Adverbien (non mangio) und Morpheme (smettere) ausgedrückt;
  • komplexer; nur die 3. Person (e) kennzeichnet obligatorisch das Genus (lei vs. lui);
  • lexikalisch auf der Basis der Gruppe [+perzeptiv] entstanden; so im Fall (a) die temporale Verwendung von Lokalpräpositionen (in due ore etc.) oder im Fall (c) die negative Verwendung von mica, eigentlich ‘Brotkrümelchen’ (è mica venuto; ).

Sehr deutlich wird die außersprachliche und perzeptive Verankerung merkmalhafter Kodierung im Fall mancher Klassen der so genannten alterati, speziell der Diminutive (13 in Abb. 5) und Augmentative, wenn sie durch Auffälligkeiten der Referentwahrnehmung motiviert sind: un capretto bezeichnet eine kleine und junge capra und  un portone ist eine außergewöhnlich große porta. Man beachte übrigens den in solchen Fällen nicht automatischen, aber doch sehr häufigen Genuswechsel, der ein klares Indiz für die schwächere semantische Markiertheit des Maskulinums gegenüber dem Femininum liefert.

Allerdings sind mit den perzeptiven Auffälligkeit oft positive oder negative Bewertungen assoziert, die sich auch vollkommen von der Perzeption lösen können und dann ausschließlich als positiv/negativ wertend lexikalisiert werden; so etwa poveretto ‘bemitleidenswerte Person’.

Letztlich wäre es erforderlich jede der genannten Kategorien kritisch zu betrachten, denn selbst die eher klaren Fällen, wie etwa der Numerus (sem< [Singular, Plural]), sind zu präzisieren: Je nach bezeichnetem Konzept/Referentenklasse erweist sich diese grundsätzliche Zuschreibung von Markiertheit als problematisch; der Singular kann zum. Beispiel im Fall von Kollektiva durchaus semantisch markiert sein und dann zu einer unmarkierten Konstruktion führen, wenn er merkmalhaltig kodiert wird, so in diesem deu. Beispiel:

i deu. Beisp. (das) Elternteil
(die) Eltern
ii grammatische
Kategorie
Singular Plural
komplex einfach
iii Kodierung merkmalhaltig merkmallos
iv Markiertheit  der Kodierung unmarkiert unmarkiert
natürlich natürlich
Abb. 7: Merkmalhaltige und unmarkierte Kodierung eines Singulars 

 

2.1. Empirische Fundierung der perzeptiven Basis von Natürlichkeit

Mayerthaler fundiert seine angenommenen semantischen Markiertheitswerte grundsätzlich, und nicht ganz zu Unrecht, in der Instanz des Sprechers2Ähnlich auch Wurzel 2001 [1984], 21: „Wichtig ist, dass (anders als in der Markiertheitstheorie der generativen Grammatik, vgl. CHOMSKY/HALLE (1968: 400 ff.) die Ebene der Markiertheitswerte nicht als innergrammatische Ebene interpretiert wird. Die Markiertheitswerte sind vielmehr Bewertungsprädikate, denen auf der Objektebene bestimmte unbewusste Bewertungsprozeduren entsprechen, die nicht Teil des Sprachsystems selbst sind.“ – Mit dem reichlich vagen Hinweis auf ‘unbewusste Prozeduren’ darf sich eine perzeptive Lingusitik freilich nicht mehr zufrieden geben.:  

Der (prototypische) Sprecher präsupponiert sich mit seinen Eigenschaften (darunter auch solche, die er nur sich selbst zuschreibt), insbesondere versteht er sich als Person; qua Person steht er an der Spitze der Belebtheitshierarchie und selbstredend ist er ‚human‘. Der Sprecher koinzidiert mit der ersten Person und da er normalerweise nicht im Chorus spricht, kommt ihm die Kategorie Singular zu. Der Sprecher lebt in der realen Welt ([+ Indikativ]) und ist zumindest in europäisch geprägten Gesellschaften männlich ([+maskulin]) […]. Der Sprecher macht sich auch ein positives Bild von sich bzw. er ist [+ positiv] und affirmativ! Schließlich sind für die Sprecherwahrnehmung manche Entitäten perzeptiv leichter zugänglich […] als andere […].“ (Mayerthaler 1981, 13)

Das Grundprinzip der semantischen Markiertheit ist daher für Mayerthaler:

  • sem< (+prototyp. Sprechereigenschaft, -prototypische Sprechereigenschaft) bzw.
  • sem< (Sprecher, Nicht-Sprecher).

Damit wird eine scharfe Verabsolutierung des Sprechers gegenüber dem Hörer vorausgesetzt:

Wenn es einen Hörer gibt, dann auch einen Sprecher, aber nicht notwendig das
Umgekehrte […]; der Hörer ist nur dialogkonstitutiv. (Mayerthaler 1981, 16)

Die kategorische Trennung des Sprechers vom Hörer steht jedoch Im Widerspruch zu einer konsequent perzeptiven Linguistik, denn die Ursituation des Sprechens ist in sich dialogisch und gerade die Perzeption – das Hören – ist die Bedingung des Spracherwerbs; Fremdwahrnehmung geht der Selbstwahrnehmung ontogenetisch eindeutig voraus und bleibt die kontinuierliche Ursache für Veränderungen des Sprecherrepertoires. 

Davon abgesehen erzwingt es die explizite Fundierung der Natürlichkeitstheorie im Außersprachlich-Anthropologischen unbedingt, die Perzeption und auch die Kognition in das oben präsentierte Schema (Abb. 1) zu integrieren, um  den semiotisch wichtigen Unterschied zwischen den sprachlichen, insbesondere den grammatischen Kategorien und ihren außersprachlichen Korrelaten sachlich und terminologisch zu erfassen; so muss die semantische und symbolische Markiertheit um eine fundierende perzeptive und kognitive Markiertheit erweitert werden. Allerdings ist es nicht sehr glücklich dem Ausdruck ‘markiert’ zusätzlich auf einer dritten Bedeutungsebene zu verwenden; es bietet sich eher an, die ‘unmarkierte’ Perzeption im Sinne des Gestaltprinzips (vgl. Krefeld 2019m) als mehr oder weniger ‘prägnant’ (oder: ‘salient’) und die markierte Perzeption als mehr oder weniger ‘diffus’ zu bezeichnen; zu vermuten wäre, dass prägnante Perzeption (d.h. die Wahrnehmung guter Gestalten) kognitiv schneller verarbeitet wird als die Wahrnehmung weniger guter Gestalten.  Es ergibt sich damit folgende Darstellung:

(i) sprachlich

deu. Beisp. (der) Bub
(die) Buben
(der) Löffel
(die) Löffel
(ii) grammatische
Kategorie
Singular Plural Singular Plural
einfach komplex einfach komplex
(iii) Kodierung merkmal-
los
merkmal
haltig
merkmal-los merkmal-
los
(iv) Markiertheit  der Kodierung unmarkiert unmarkiert unmarkiert markiert
natürlich natürlich natürlich nicht nat.
(v) außer-
sprachlich
perzeptives Korrelat prägnant? diffus? prägnant? diffus?
(vi) kognitive Verarbeitung schnell? langsam? schnell? langsam?
Abb. 8: Hypothetische – zu testende – außersprachliche Korrelate sprachlicher Markiertheit

Nur in dem Maße, wie die in der Abbildung mit Fragezeichen versehenen Spezifizierungen zur Perzeption und Kognition durch Tests validiert/revidiert werden, erlangt die Zuweisung von Markiertheits-/Natürlichkeitswerten eine solide Verlässlichkeit. 

Bibliographie

  • Benveniste 1966 = Benveniste, Émile (1966): Problèmes de linguistique générale, Paris.
  • Goldberg 1995 = Goldberg, Adele E (1995): Constructions: A construction grammar approach to argument structure, Chicago, University Press.
  • Goldberg 2003 = Goldberg, Adele E. (2003): Constructions: A new theoretical approach to language, in: Trends in cognitive sciences, vol. 7, 5, 219-224.
  • Krefeld 2017l = Krefeld, Thomas (2017): Der Begriff des Zeichens, in: Lehre in den Digital Humanities, München, LMU (Link).
  • Krefeld 2019m = Krefeld, Thomas (2019): Gestaltpsychologie und aktuelle Wahrnehmungspsychologie, in: Lehre in den Digital Humanities, LMU (Link).
  • Krefeld/Lücke 2012 = Krefeld, Thomas / Lücke, Stephan (2012): Essere in Italien: Gibt es eine Semantik der Person hinter der morphologischen Unregelmäßigkeit?, in: Natale u.a., 395-411 (Link).
  • Mayerthaler 1981 = Mayerthaler, Willi (1981): Morphologische Natürlichkeit, Wiesbaden, Athenaion.
  • Natale u.a. 2012 = Natale, Silvia u.a. (Hrsgg.) (2012): Noi o volevàn savuàr. Studi in onore di Edgar Radtke per il suo sessantesimo compleanno, Frankfurt am Main.
  • Stampe 1979 = Stampe, David (1979): A dissertation on natural phonology, London/New York, Garland, Indiana University Linguistics Club (Link).
  • Wurzel 2001 [1984] = Wurzel, Wolfgang Ullrich (2001 [1984]): Flexionsmorphologie und Natürlichkeit, Berlin, Akademie.
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