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Die Partikeln mai, poi und pur(e) in gesprochener italienischer Sprache und Computer Mediated Communication

0.0.0.1. 1 Einleitung

0.0.0.2. 2 Abtönungs- bzw. Modalpartikeln

0.0.0.3. 2.1 Abtönungs- bzw. Modalpartikeln nach formalen Eigenschaften

0.0.0.4. 2.1.1 Syntax von Abtönungs- bzw. Modalpartikeln 

0.0.0.5. 2.1.2 Semantik von Abtönungs- bzw. Modalpartikeln 

0.0.0.6. 3 Die italienischen Partikeln mai, poi und pur(e)

0.0.0.7. 3.1 mai

0.0.0.8. 3.2 poi

0.0.0.9. 3.2 pur(e)

0.0.0.10. 4 Korpusanalyse

0.0.0.11. 4.1 Das LIP-Korpus

0.0.0.12. 4.2 Das DiDi-Korpus

0.0.0.13. 4.3 mai

0.0.0.14. 4.3.1 mai im LIP-Korpus

0.0.0.15. 4.3.2 mai im DiDi-Korpus

0.0.0.16. 4.4 poi

0.0.0.17. 4.4.1  poi im LIP-Korpus

0.0.0.18. 4.4.2  poi im DiDi-Korpus

0.0.0.19. 4.5 pur(e)

0.0.0.20. 4.5.1  pur(e) im LIP-Korpus

0.0.0.21. 4.5.2 pur(e) im DiDi-Korpus

0.0.0.22. 5 Fazit und Ausblick

 

1      Einleitung

Das Deutsche wird, im Gegensatz zu den romanischen Sprachen und dem Englischen, als eine partikelreiche Sprache bezeichnet. Besonders die sogenannten Abtönungspartikeln sind charakteristisch für die deutsche Sprache und treten in den wenigsten anderen Sprachen gleichwertig auf (vgl. Katelhöhn 2008, 1 ; Waltereit 2001, 1392). Das IDS Mannheim gibt für sie u.a. die alternativen Bezeichnungen Einstellungspartikel, Modalpartikel oder Würzwort an und nennt hier beispielhaft die folgenden Partikeln: ja, halt, doch, denn, eben, vielleicht. Besonders die Benennung Würzwort spiegelt die negative Einstellung gegenüber Abtönungspartikeln, die in der Literatur häufig mit dem Begriff Modalpartikeln gleichgesetzt werden (vgl. Waltereit 2006, 1), in den Jahren bis hin zur pragmatischen Wende wider[1]. Lange Zeit über wurden sie als ein „Randproblem der Sprachwissenschaft“ (Burkhart 1994, 130) abgetan und nicht zum Objekt intensiverer Untersuchungen gemacht. Erst Weydt rückte sie mit seinem 1969 Werk Abtönungspartikel. Die deutschen Modalwörter und ihre französischen Entsprechungen in den Mittelpunkt zahlreicher darauffolgender sprachwissenschaftlicher Untersuchungen. Besonders wurden Abtönungspartikel aus kontrastiver Sicht betrachtet, da sie, wie bereits erwähnt, in der deutschen Sprache im Vergleich zu anderen einen Sonderstatus einnehmen. In der deutsch-italienischen Partikelforschung wurde u.a. herausgefunden, dass insbesondere drei italienische Lexeme einige Merkmale deutscher Modalpartikeln aufweisen: mai, poi und pur(e) (vgl. Coniglio 2008). In der vorliegenden Seminararbeit werden diese italienischen Modalpartikeln präsentiert und anhand einer Korpusanalyse in die mündliche und schriftliche Kommunikation eingegliedert werden. Da die Frequenz der Modalpartikeln in der deutschen gesprochenen Sprache sehr hoch ist – in der alltäglichen gesprochenen Sprache werden sie dreimal so häufig verwendet als in der geschriebenen literarischen Sprache und sogar in etwa viermal so häufig als in der sog. Zeitungssprache (vgl. Buzzo Margari 1997, 139)  – bietet sich eine Analyse der Frequenz von Abtönungspartikeln in der italienischen gesprochenen Sprache an um zu sehen, ob sich die Häufigkeit des Auftretens daran orientiert. Modalpartikeln wurden allerdings bis jetzt in der Regel ausschließlich als Phänomen der gesprochenen Sprache bezeichnet. In den letzten Jahren ist allerdings die Untersuchung der Kommunikation mithilfe der sog. „neuen“ Medien stärker in den Fokus gerückt. Daher stellt sich aktuell zusätzlich die Frage nach dem Auftreten von Partikeln in der sog. Computer Mediated Communication[2] (vgl. Katelhöhn 2008, 212f.). Die computer- bzw. internetbasierte Kommunikation ist von der Nachahmung der Oralität in schriftlicher Art geprägt (vgl. Pistolesi 2004, 10). Es handelt sich bei CMC explizit um eine „hybride Form konzeptioneller Mündlichkeit im Modus medialer elektronischer Schriftlichkeit“ (Kleinberger Günther 2000, 276). Es kann daher die Hypothese aufgestellt werden, dass Modalpartikeln in der CMC ebenso häufig wie in der gesprochenen Sprache festzustellen sind#wirklich?? zu allgemein; in manchen CMC-Formen bestehen starke diskursökonomische Zwänge, Zeichenbergenzung; #ThK#

Im folgenden Kapitel werden zunächst die Modalpartikeln und ihre pragmatischen, semantischen sowie syntaktischen Charakteristika in der deutschen Sprache behandelt um anschließend Rückschlüsse auf die italienischen als Modalpartikeln charakterisierten Partikeln mai, poi und pur(e) zu ziehen. Daraufhin folgen die Ergebnisse einer Korpusanalyse der Abtönungspartikel mai, poi und pur(e) in gesprochener Alltagssprache und CMC im Italienischen.

2      Abtönungs- bzw. Modalpartikeln

Um eine eingehende Definition von Abtönungs- bzw. Modalpartikeln geben zu können, muss zunächst das Phänomen der Abtönung dargestellt werden. Abtönung bezeichnet „ein dialogisches Verfahren, mit dem wichtige Kontextbedingungen von Sprechakten, die sonst in gesprochener Sprache implizit bleiben würden, mit äußerst sparsamen sprachlichen Mitteln an[gedeutet werden]“ (Katelhöhn 2008, 212f.). Es wird damit eine Sprechereinschätzung hinsichtlich des Geäußerten gegeben und eine „situative Einbettung der Äußerung“ (Katelhöhn 2008, 212f.) geleistet. Mit der Verwendung von Modal- bzw. Abtönungspartikeln kann somit die referentielle Verknüpfung an eine vorangegangene Äußerung oder die Einschätzung dieser ausgedrückt werden, ohne sie explizit auszusprechen (vgl. Schoonjans & Feyaerts 2010, 68). Aus dieser Definition geht hervor, dass sich das Phänomen der Abtönung stets in dialogischen Verfahren findet. Durch den Verweis auf eine vorher getroffene Aussage, „markieren sie die Äußerung, in der sie stehen, als nicht-initial“ (Diewald & Fischer 1998, 82). Abtönung „si identifica come una modalità dell’interazione che serve a regolare il grado di soggettività in conformità alle norme della routine comunicativa“ (Radtke 2001, 23). Modal- bzw. Abtönungspartikeln haben damit eine umfassende pragmatische Bedeutung für das Geäußerte und können „Bezüge über die Satzgrenze hinaus her[stellen] und so die Vertextung auf textimmanenter, aber auch auf pragmatisch-situativer Ebene gewährleist[en]“ (Feyrer 1998, 31). Sie haben damit eine indexikalische Komponente inne.
Während in der deutschen Sprache für die Realisierung der Abtönung vermehrt Partikeln auftreten, welche eine Unterkategorie der sog. Gesprächswörter darstellen (vgl. Hentschel 1990, 51ff.), werden in „romanischen Sprachen […] Strukturen [bevorzugt], in denen besonders die Relation Sprecher – Hörer von dem Satzinhalt syntaktisch abgehoben wird“ (Schemann 1982, 15)[3]. Auch (Waltereit 2006, 3) gibt an, dass „die Funktion von Modalpartikel in anderen Sprachen mit anderen Mitteln als den Partikeln selbst ausgedrückt wird“. In direkten Übersetzungen literarischer Art beispielsweise wird auf Übersetzungsäquivalente zurückgegriffen, anstatt Modalpartikeln oder partikelartige Konstruktionen in der Zielsprache wiederzugeben. In der Übersetzung literarischer Texte finden deutsche Abtönungspartikeln allerdings auch häufig eine Nulläquivalenz in der Zielsprache, das heißt, dass auf eine Übersetzung der Partikeln aus der Ausgangssprache Deutsch in die Zielsprache gänzlich verzichtet wird (vgl. Katelhöhn 2008, 213). Dennoch gibt es z.B. für die italienische Sprache einige Lexeme, die den Kriterien einer deutschen Modalpartikel entsprechen (vgl. Kapitel 3).

Für diese Arbeit ist außerdem zentral, dass die Frequenz von Abtönungspartikeln höher ist, je informeller und nähesprachlicher ein Text ist (vgl. Hentschel 1986, 238ff.). Diese Aussage rechtfertigt die Untersuchung eines Korpus der gesprochenen Sprache, aber gleichzeitig auch die eines Korpus der CMC, da letztere eine große Anzahl von kommunikativen Interaktionen beschreibt, die heute durch die „neuen“ Technologien stattfinden, früher aber in der Regel auf mündliche Art und Weise durchgeführt #wenn es diese ‚komm. Interakt.“ überhaupt gab; ThK# wurden ist (vgl. Berruto 2005, 137). Die CMC ist dabei im Bereich der konzeptionell mündlichen, aber medial schriftlichen Ebene nach dem Modell von Koch/Oesterreicher anzusiedeln und verhält sich dementsprechend einerseits wie die mündliche, auf grafischer Ebene allerdings wie die schriftliche Sprache darstellen (vgl. Hentschel 1990). Der Begriff „italiano parlato digitato“ (Gastaldi 2002) beschreibt diese spezielle Situation innovativ. Außerdem weist die CMC einige der Merkmale der Nähesprache auf, die normalerweise typisch für gesprochene Sprache ist (vgl. Berruto 2005, 142).

2.1    Abtönungs- bzw. Modalpartikeln nach formalen Eigenschaften

Modalpartikeln können anhand unterschiedlicher Kriterien definiert werden. Dabei gibt es einige Einschränkungen, die es einfacher machen, sie von anderen Wortklassen zu differenzieren. Diese können auf morphologischer, syntaktischer, semantischer und textueller Ebene gemacht werden (vgl. Katelhöhn 2008, 214ff.), was im Folgenden dargestellt wird. Die getroffenen Aussagen gelten insbesondere für Modalpartikeln in der deutschen Sprache. Im Anschluss werden allerdings die drei ausgewählten italienische Lexeme mai, poi und pur(e) auf diese Kriterien hin betrachtet und ihr Status als Modalpartikeln untersucht.

2.1.1    Syntax von Abtönungs- bzw. Modalpartikeln

Die Stellungsfreiheit von Modalpartikeln in der deutschen Sprache ist durch einige Restriktionen eingeschränkt. Sie können in ihrer Form als Partikeln (nicht in ihrer homonymen Wortbedeutung) niemals die erste Position im Satz einnehmen und ihnen ist in der Regel das Mittelfeld vor dem Rhema, also die Stelle nach dem finiten Verb und vor den infiniten verbalen Elementen, zugedacht. Lediglich wenn das Verb alleine das Rhema darstellt, können sie im Deutschen an der letzten Stelle im Satz stehen (vgl. Katelhöhn 2008, 214f. ; Diewald & Fischer 1998, 77). Verschiedene Studien zeigen, dass Abtönungspartikeln in nur wenigen bestimmten Satzarten legitim vorkommen können. Die für das Deutsche häufigsten sind: Aussagesätze (Verwendung der Partikel ja (vgl. Gelhaus 1995, 372)), Ausrufesätze, Wunschsätze und Aufforderungssätze. Aber auch in Fragesätzen finden sich Modalpartikeln, wie beispielsweise denn (vgl. Ickler 1994, 377). Außerdem können sie in einer nicht erfragt werden bzw. keine legitimen Antworten auf eine Frage darstellen. Erläutert werden kann dies an dem Beispiel Komm ruhig herein! Wenn, in diesem Fall nach der Modalpartikel ruhig gefragt werden soll, ist das Ergebnis immer, dass es sich bei der Antwort nicht um ruhig als Partikel sondern vielmehr als Adverb handelt[4]. Modalpartikeln können in ihrer modalen Form nicht negiert und flektiert werden und einer Kombination verschiedener Abtönungspartikeln steht unter Beachtung fester Abfolgeregeln nicht im Wege (vgl. Thurmair 1989).

2.1.2    Semantik von Abtönungs- bzw. Modalpartikeln

In der Regel haben Abtönungspartikeln gegenüber ihrer ursprünglichen Form #die ‚Form‘ ist doch gerade identisch#ThK# einen Sonderstatus inne. Jede Modalpartikel „weist ein Homonym in einer anderen Wortklasse auf“ (Katelhöhn 2008, 214). In der deutschen Sprache handelt es sich dabei häufig um Adverbien oder Konjunktionen. In der Forschungsliteratur wird allerdings davon ausgegangen, dass die Lexeme in ihrer Funktion als Modalpartikeln keine lexikalische bzw. propositionale Bedeutung innehaben. Sie werden oft zur Kategorie der sog. Synsemantika gezählt (vgl. Schoonjans & Feyaerts 2010, 68). Synsemantika konstituieren „sprachliche Zeichen, die erst im Zusammenwirken mit anderen Zeichen und/oder Kontextelementen eine Bedeutung erlangen, sie haben keine außersprachliche Referenz“ (Berkenbusch 1999, 310). Damit wirken Modalpartikeln nicht zur Bezeichnung bestimmter Sachverhalte im Satz, sondern leisten einen Beitrag zur Äußerungsbedeutung und -interpretation. Abtönungspartikeln sind damit auf der Ebene der Illokution als „illokutive Indikatoren“ (Helbig & Buscha 1986, 480) anzusiedeln.

3      Die italienischen Partikeln mai, poi und pur(e)

Coniglio (Coniglio 2008) stellt in seiner Abhandlung über deutsche und italienische Modalpartikeln aus syntaktischer Sicht die drei Partikeln mai, poi und pur(e) als „semantically as well as syntactically very close to German MPs“ (Coniglio 2008, 107) dar. Auch Katelhöhn (Katelhöhn 2008, 224ff.) beruft sich auf weitere Autoren und bezeichnet diese als „[i]talienische Lexeme, die als AP[5] im oben stehenden Sinne klassifiziert werden können“ und tituliert sie mit dem italienischen Begriff particelle intonative #hätte eine komm. Bemerkung verdient; ThK#. Mai, poi und pur(e) werden in der Literatur zwar häufig ausschließlich als Adverbien bezeichnet, haben aber spezifische Charakteristika, aufgrund derer sie u.a. auch den Modalpartikeln zuzuschreiben sind. Buzzo Margari (Buzzo Margari 1997, 139) bestätigt: „si può osservare che le forme mai e poi (due fra i pochi casi paragonabili all’uso tedesco) assumono un valore ben diverso se usate in funzione propriamente avverbiale […] oppure come ‚particelle d’intonazione’.“ Im Folgenden werden die drei Lexeme hinsichtlich ihrer pragmatischen, semantischen und syntaktischen Eigenschaften beschrieben und untersucht, inwiefern sie deshalb als Modalpartikeln identifiziert werden können.

3.1    mai

Das Lexem mai hat in der italienischen Sprache mindestens zwei unterschiedliche Bedeutungen. In der homonymen adverbialen Variante bedeutet mai etwa nie, jemals oder je. In eher umgangssprachlichen Interrogativsätzen wie kann es auch denn bedeuten#genauer formulieren: ‚denn‘ ist keine ‚Bedeutung’#ThK#. Das Treccani Onlinewörterbuch schlägt für mai folgende Bedeutungen und Beispiele vor:

  1. [in nessun tempo, in nessun caso, in espressioni negative, enfatiche o ellittiche: non lo farò m. più che dica la verità] ≈ (lett.) giammai. ↔ sempre.
  2. [assol., spec. come rafforzativo in risposte negative: „Accetterai la proposta?“ „Mai“] ≈ (lett.) giammai, mai al mondo, nient’affatto, per niente. ↓ no. ↔ certamente, certo, come no, senz’altro, sicuramente, sicuro. ↓ sì. 
  3. [in frasi interr. (con chicome, ecc.) o ipotetiche, per esprimere incredulità, scarsa probabilità, sorpresa e sim.: se m. ti capitasse …] ≈ qualche volta, talvolta

Mai wird in der Regel in Kombination mit dem epistemischen Futur verwendet (vgl. Katelhöhn 2008, 224). Als Modalpartikel wird es hauptsächlich in Interrogativsätzen verwendet, vor allem in Ergänzungsfragen mit w-Fragepronomen (1), vereinzelt aber auch in Entscheidungsfragen (2). In seiner Funktion als Abtönungspartikel ist allerdings der Kontext bedeutungsentscheidend. Entweder kann mai eine rhetorische Frage ausdrücken oder die Unfähigkeit des Sprechers eine Antwort auf das Geäußerte zu geben:

            (1) Cosa          significheranno           mai                  queste parole?
                was            werden bedeuten          PARTIKEL       diese Worte?

            (2) Avrà                                  mai                  letto                             quel libro?
                 Wird er/sie/es                PARTIKEL       gelesen haben             dieses Buch

Besonders in Beispiel (2) ist es interpretations- bzw. bedeutungsabhängig, ob mai als Adverb oder als Modal- bzw. Abtönungspartikel charakterisiert werden kann (vgl. Coniglio 2008, 108f.). Es kann die Frage nach einer zukünftigen Handlung ausgedrückt werden, die rhetorische Nachfrage, ob sie/er dieses Buch wohl irgendwann in ihrem/seinen Leben einmal gelesen haben wird, aber auch die Unfähigkeit des Sprechers eine Antwort auf die Frage zu geben. In besonderen Fällen kann mai auch in imperativischen Sätzen in bestimmten Kollokationen, wie beispielsweise vedi mai, vorkommen. In diesem Kontext ist die Illokution von mai als Wunsch zu verstehen[6]. Aus syntaktischer Sicht kann mai in an limitierten Stellen in seiner Funktion als Abtönungspartikel gefunden werden und weist mittelfeldähnliche Eigenschaften auf. Die Partikel kann dementsprechend weder satzinitial bzw. –final auftreten, noch direkt vor dem Objekt im Satz (vgl. Obenauer & Poletto 2000, 134 ; Coniglio 2008, 108f.). Daher ist die einzige „genuine position for the particle […] the one between the two verbal elements, which delimit a sort of middlefield“ (Coniglio 2008, 109). In Nebensätzen ist mai nur dann legitimiert, wenn es sich um interrogative subordinierte Sätze handelt. Daher ist das Auftreten von mai in Nebensätzen relativ eingeschränkt und nur in indirekten Interrogativsätzen möglich. Außerdem kann mai direkt im Anschluss an das Fragepronomen stehen, modifiziert damit aber nicht den Skopus des gesamten Satzes, sondern lediglich den des Fragepronomens kann (vgl. Coniglio 2008, 108f.).

3.2    poi

Poi wird in der italienischen Sprache in der Regel entweder als Temporaladverbiale, dann, darauf, später, oder Konjunktionaladverbiale, außerdem, schließlich, endlich, verstanden, kann aber auch als Modalpartikel auftreten. Besonders Hölker (Hölker 1993, 61) befasste sich mit poi als sog. „marker pragmatico“. Dies bestätigt auch das Treccani Online Wörterbuch, wo die Definitionen 1-3 – „in un tempo successivo, in secondo luogo, con valore conclusivo“ – das Adverb beschreiben, während die vierte Definition – „con valore avversativo“ – die Funktion von poi als adversative Modalpartikel beschreibt.

  1. [in un tempo successivo] ≈ appresso, () dipoi, dopo, in seguito, più tardi, (lett.) poscia, posteriormente, successivamente. ↔ anteriormente, (lett.) dianzi, in precedenza, precedentemente, prima. ● Espressioni: prima o poi → □.
  2. (estens.) [in secondo luogo: tieni conto p. che è ancora molto giovane] ≈ in aggiunta, inoltre, per di più, tra l’altro.
  3. [sempre posposto, con valore conclusivo: è partito p.?] ≈ dunque, infine, insomma, quindi. [con valore avversativo: non è p. un grande affare] ≈ d’altra parte, d’altro canto, d’altronde, del resto. ↔ certamente, senza dubbio, sicuramente.

Hauptsächlich tritt poi in Interrogativsätzen auf, in denen es signalisiert, dass der Sprecher nicht in der Lage ist eine Antwort auf einen Sachverhalt zu finden, bzw. der Sprecher auch nicht davon ausgeht, dass der Hörer diesen beantworten kann. Ein Beispiel hierfür (Coniglio 2008, 112):

            (3) Chi             avrà                 poi                   telefonato?
                 Wer            wird haben     PARTIKEL       angerufen? 

Außerdem kann poi in Fragesätzen das Interesse oder die Sorge des Sprechers hinsichtlich des gefragten Sachverhalts ausdrücken (ebd.):

            (4) Ha                    poi                   cantato            alla festa?
                 Hat sie/er      PARTIKEL       gesungen         auf dem Fest?

Vereinzelt findet sich poi außerdem in Deklarativsätzen. In solchen Fällen möchte der Sprecher in der Regel damit eine zu starke Behauptung, die in der vorhergehenden Äußerung oder im außersprachlichen Kontext auftritt, abschwächen. Hierbei wird die oben genannte adversative Funktion des Modalpartikels poi deutlich.

            (5) Non            siamo              poi                   così lontani                 dalla verità.
                 NEGAT.      wir sind          PARTIKEL       so    weit entfernt      von der Wahrheit.

            (6) Non            è          poi                   così male!
                 NEGAT.      ist       PARTIKEL       so     schlecht!

Die syntaktische Position von poi ist der von mai ähnlich (vgl. Kapitel 3.2), es kann nur zwischen den zwei verbalen Elementen im Satz stehen. Die einzige Restriktion ist, dass poi in Interrogativsätzen nicht unmittelbar nach dem Fragepronomen stehen kann. Poi kann auch die satzinitiale Position einnehmen, allerdings nicht in der Funktion als Partikel, sondern als Adverb. Somit kann aufgrund syntaktischer Einschränkungen eindeutig zwischen den Funktionen von poi entweder als Modalpartikel oder als Adverb differenziert werden. In Deklarativsätzen gilt ebenso wie für mai, dass die Partikel poi weder an der ersten Position noch nach dem Verbkomplement stehen kann kann (vgl. Coniglio 2008, 111f.)

3.3    pur(e)

Das italienische Lexem pur(e) bedeutet in seiner Funktion als Konjunktion oder Adverb ursprünglich auch, auch wenn, ebenso. Das Treccani Online Wörterbuch bestätigt für pur(e) als Adverb eine addierende und eine bestätigende Funktion. Als Konjunktion hingegen leitet es zunächst konzessive Nebensätze in der Bedeutung von obwohl anche se, benché ein, kann aber auch eine hypothetische Aussage verstärken und anche entsprechen. Als koordinierende Konjunktion nimmt pur(e) eine adversative Funktion ein, ähnlich wie das deutsche doch.

  1. avv. 1. [con valore aggiuntivo, per indicare una parità di condizione: lui è veneto e sua moglie p.] ≈ (lett.) altresì, anche, (ant.) anco, (lett.) parimenti, (ant.) puranco […]
  2. cong. 1. a. [per introdurre prop. concessiva implicita, spec. nella forma pur, o rafforzata da siapur senza eccellere, te la sei cavata benesia p. a malincuore, ho dovuto rinunciare] ≈ anche se, benché, per quanto, quand’anche, sebbene. 
  3. b. [posposto al cong. d’un verbo, senza altro elemento di congiunzione, con valore ipotetico: mi portasse p. in capo al mondo, io lo seguirò] ≈ anche. 
  4. 2. [come cong. coordinativa, con valore avversativo concessivo: te l’avevo pur detto di stare attento] ≈ eppure, nondimeno, tuttavia

Pur(e) nimmt als Modalpartikel eine von der adverbialen abweichende Bedeutung an, die von den Satztypen abhängig ist. In Deklarativsätzen drückt pur(e) aus, dass der Sprecher keinen Beweis für die Richtigkeit seiner Behauptung hat, er aber davon ausgeht, dass diese richtig sein muss. In der Regel steht in solchen Fällen die Partikel ohne finales -e. Ein Beispiel aus Coniglio (Coniglio 2008, 115) soll diese Bedeutungsnuance verdeutlichen:

            (7) Deve                    aver       pur(*e)           letto                il libro.[7]
                 Sie/er muss       haben    PARTIKEL      gelesen          das Buch.

In Imperativsätzen tritt pure ausschließlich in seiner ursprünglichen Form ohne reduziertes -e auf und dient der Abschwächung der Befehlsform in der Äußerung. Diese Bedeutung entspricht weitestgehend der des deutschen Modalpartikels doch oder ruhig in Aufforderungssätzen:

            (8) Lascialo               pure                sul tavolo!
                 Lass ihn/es         PARTIKEL      auf dem Tisch!

Auch für die Partikel pur(e) gilt auf syntaktischer Ebene, dass sie nicht an satzinitialer Position stehen kann. Für sie gilt ebenso wie für mai und poi die mittelfeldähnliche Positionierung im Satz. Daraus ergibt sich, dass durch die syntaktischen Charakteristika von pur(e) eine deutliche Ähnlichkeit zu deutschen Modalpartikeln ergibt und dass diese denen deutscher Modalpartikeln entsprechen kann (vgl. Coniglio 2008, 118).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die drei präsentierten italienischen Lexeme mai, poi und pur(e) auf unterschiedliche Art und Weise den deutschen Modalpartikeln, die teilweise als eigenständige grammatische Kategorie bezeichnet werden, ähneln. Hier können nicht nur die Position der Partikeln im Mittelfeld, sondern auch die den deutschen ähnlichen semantischen Bedeutungseinheiten, genannt werden. Außerdem gilt für die italienischen Partikeln ebenso wie für die deutschen, dass sie jeweils einen adverbialen cognate haben (vgl. Cardinaletti 2011, 502). Relevant für die Korpusanalyse ist auch, dass die Partikeln im Satz niemals gleichzeitig mit ihren Homonymen auftreten können. So kann eine weitere Abgrenzung der Partikeln von den grafisch gleich repräsentierten Adverbien getroffen werden (vgl. Cardinaletti 2011, 509).

 

4      Korpusanalyse

In der Pragmatik hat die Konversationsanalyse einen hohen Stellenwert. Hierfür werden aufgenommene Sprachdaten zur Rate gezogen. Gespräche des authentischen gesprochenen Italienisch werden aufgezeichnet, transkribiert, in verschiedenen Korpora gesammelt und für linguistische Untersuchungen annotiert und zugänglich gemacht. Für die Untersuchung von Partikeln als ein Phänomen gesprochener Sprache, ist es daher unabdingbar authentische gesprochene Sprache betrachten zu können. Die Partikelanalyse siedelt sich dabei auf einer Mikroebene der Konversationsanalyse an und betrachtet hauptsächlich einzelne Lexeme, die die Subjektivität bzw. den Inhalt des Gesagten bestimmen (vgl. Radtke 2001, 36). Für diese Arbeit wurden zwei unterschiedliche Korpora zur Rate gezogen: ein Korpus gesprochener italienischer Sprache, die in der Stadt Mailand aufgezeichnet wurde und ein Korpus computergestützter Kommunikation aus Südtirol. Die Vergleichbarkeit der Ergebnisse aus den Korpora ist insofern gewährleistet, als dass es in der Literatur keinerlei Indiz für eine regionale Beschränkung der betrachteten Partikeln gibt. Das heißt demnach, dass die Partikeln mai, poi und pur(e) in bestimmten Regionen nicht häufiger auftreten sollten als in anderen. Der Faktor „regionale Beschränkung“ kann aber auch eine zu beobachtende Variable darstellen, die hinsichtlich der Frage nach regionaler Besonderheit, untersucht werden kann. Es werden zunächst die Korpora präsentiert, bevor eine eingehende Analyse der auftretenden Partikeln folgt. Da nicht jedes Token der Lexeme mai, poi und pur(e) als Partikel gewertet werden kann, bzw. sich deren Bedeutung stark von der homonymen Version unterscheidet, wurden zunächst für jedes der Lexeme vergleichbare Kategorien gebildet, nach denen sie erfasst werden konnten. Dabei wurde mithilfe der gegebenen Definitionen vorgegangen. Die auf diese Weise entstandenen Kategorien werden für jedes Lexem einzeln in den folgenden Kapiteln dargestellt Die Zuordnung der Lexeme in die entstandenen Kategorien erfolgte durch zwei kooperierende Rater[8],das hätte genauer beschrieben werden können; ThK# die sich bei Unsicherheiten austauschen konnten und so zu einer gemeinsamen Kategorisierung kamen.

 

4.1    Das LIP-Korpus

Das LIP-Korpus (Lessico di frequenza dell’Italiano parlato) beinhaltet eine Sammlung von 469 in den Jahren zwischen 1990 und 1992 erhobenen Texten gesprochener italienischer Sprache. Die Sprachdaten wurden in diesem Zeitraum in vier verschiedenen italienischen Städten – Mailand, Florenz, Rom und Neapel – aufgezeichnet. Das Korpus umfasst insgesamt etwa 490.000 Tokens und kategorisiert die Sprachdaten in vier verschiedene Typen. Für die umfassende Analyse der Partikeln mai, poi und pur(e) wurde lediglich die Kategorie „Tipo A“ der Aufzeichnungen aus Mailand betrachtet, in der spontane face-to-face Kommunikation berücksichtigt wird. Die anderen sprachlichen Kategorien konnten nicht berücksichtigt werden, weil es sich dabei nicht um direkte Kommunikation handelt. Nach der Restriktion ist das Korpus auf 24.108 Lexeme verkleinert. Es handelt sich bei den analysierten Daten um Transkriptionen von privaten Gesprächen zuhause, Gesprächen am Arbeitsplatz, Gesprächen im schulischen oder universitären Kontext oder Gesprächen, die in der Freizeit oder in öffentlichen Verkehrsmitteln aufgezeichnet werden konnten.

4.2    Das DiDi-Korpus

Das DiDi-Korpus, das zur Untersuchung der italienischsprachigen CMC und der Verwendung der drei genannten Partikeln verwendet wurde, entstand im Rahmen des Forschungsprojekts „Digital Natives – Digital Immigrants. Schreiben auf Social Network Sites: Eine korpusunterstützte Sprachbeobachtung des aktuellen Sprachgebrauchs in Südtirol unter besonderer Berücksichtigung des Alters“ am Forschungszentrum eurac research in Bozen, Italien. Das Korpus DiDi ist in etwa 650.000 Tokens groß und umfasst die im Jahr 2013 erhobenen Texte von 136 Facebook-Nutzern aus Südtirol, die selbst entscheiden durften, welche ihrer privaten Statusmeldungen, Pinnwand-Kommentare und Nachrichten in das Korpus aufgenommen werden durften. Daher besteht das Korpus hauptsächlich aus öffentlichen Texten (Statusmeldungen und Kommentare) und nur wenige der Teilnehmer haben sich dazu entschieden, ihre privaten Chat-Nachrichten zur Verfügung zu stellen. Aus datenschutzrechtlichen Gründen sind nur die öffentlichen Texte frei zugänglich. Diese wurden für die Untersuchung der Partikeln verwendet, es wurde allerdings kein Unterschied gemacht, ob die Tokens in öffentlichen oder privaten Nachrichten auftreten. 

4.3    mai

Das Lexem mai wurde für die Analyse in vier Gruppen kategorisiert, um eindeutige Zuordnungen treffen zu können und Vergleichbarkeit der Ergebnisse gewährleisten zu können. Kategorie 1: mai als Modalpartikel in Interrogativsätzen in Kombination mit dem epistemischen Futur um die Unfähigkeit Antworten auf die gestellte Frage zu geben auszudrücken. Kategorie 2: mai als Adverb in der Bedeutung niemals. Kategorie 3: mai als Adverb in Antworten auf Fragen in der Bedeutung von niemals oder nein. Kategorie 4: bestimmte Kollokationen in Fragen wie beispielsweise caso mai, come mai.

4.3.1    mai im LIP-Korpus

Bei der Suche nach mai im LIP-Korpus in der Kategorie Tipo A in den Transkriptionen der Sprachdaten aus Mailand konnten 29 Ergebnisse gefunden werden#kann man nicht Abfragergebnisse aus dem LIP-K. einbinden?ThK#. Insgesamt wurden 25 Äußerungen, die das Lexem enthalten getätigt, wobei es in einigen mehrmals auftritt. Mai ist in den transkribierten face-to-face Gesprächen mit nur 29 Treffern generell wenig frequent. Zwei der Tokens konnten aufgrund fehlender Kontextualisierung #unklar; ThK# nicht kategorisiert werden.

In der zweiten Kategorie, was dem deutschen Lexem niemals entspricht, tritt mai am häufigsten auf (62,06 %,) während es als einfaches Antwortpronomen in den Texten kein einziges Mal gefunden werden kann. In der Kategorie 4 findet sich mai als Adverb insgesamt vier Mal (13,79 %) und als rhetorische Ergänzung zu Fragen, bzw. in indirekten Fragen, insgesamt fünf Mal (entspricht 17,24 %). Es bestätigt sich, wenn auch mit geringer Frequenz, dass mai durchaus in der gesprochenen italienischen Sprache als Modalpartikel auftritt, aber ganz besonders in seiner ursprünglichen Bedeutung zu finden ist.

4.3.2    mai im DiDi-Korpus

Es werden zunächst 73 Treffer in 67 Dokumenten gefunden bei der Suche nach mai im DiDi-Korpus gefunden, wovon allerdings acht Tokens nicht in die Betrachtung mit einbezogen werden können. Sie müssen ausgeschlossen werden, da es sich u.a. um dialektale deutsche Elemente handelt (Äußerung 18) und weil andere aus ungeklärten Gründen mehrmals aufeinanderfolgend im Korpus auftreten (die Äußerungen 22, 23, 24 sind identisch mit Äußerung 21; die Äußerungen 64 und 65 sind identisch mit Äußerung 63; die Äußerungen 68 und 69 sind identisch mit Äußerung 67), obwohl je nur einmal das gesuchte Lexem enthalten ist. Daraus ergeben sich 65 zu beachtende Tokens von mai.

Die Ergebnisse der Analyse beider Korpora ähneln sich. Die Prozentsätze für die Kategorien, die mai nicht als Modalpartikel beschreiben, sind relativ ähnlich. Außerdem konnte ein Token aufgrund missverständlichen Kontextes nicht kategorisiert werden. Wie im LIP-Korpus, tritt mai in seiner Bedeutung in der CMC in Kategorie 2 am häufigsten auf (87,69%) und in der Kategorie 3 als Antwortpronomen gibt es im DiDi-Korpus, wie schon zuvor im LIP-Korpus gesehen, keine Treffer. Auch in Kategorie 4 werden ähnliche Prozentzahlen erreicht, im DiDi-Korpus konnten insgesamt acht Kollokationen mit mai gefunden werden (12,31%). Lediglich in der Kategorie 1, in der mai als Abtönungspartikel in Interrogativsätzen beschrieben wird, gibt es allerdings starke Abweichungen. Trotz der Mehrzahl an Tokens für mai, die das DiDi-Korpus enthält, kann kein einziges Token der ersten Kategorie zugeordnet werden. Stattdessen ist die Kategorie 2, in der mai als Adverb in seiner ursprünglichen Bedeutung nie, niemals auftritt mit 87,69% im Korpus DiDi im Vergleich zu 62,06% im Korpus LIP erheblich größer. Dieses Ergebnis kann ein Indiz für den unterschiedlichen Gebrauch von mai in der mündlichen face-to-face-Kommunikation und der schriftlichen computergestützten Sprache sein. Die Zahlen des Auftretens von mai als Modalpartikel lassen vermuten, dass in computer mediated communication auf deren Gebrauch verzichtet wird, während sie in der gesprochenen Sprache, wenn auch mit geringer Frequenz, durchaus auftreten kann.

4.4    poi

Die vorkommenden Äußerungen wurden hier ebenfalls in fünf verschiedene Kategorien eingeteilt. Kategorie 1: poi als Modalpartikel in Interrogativsätzen als Indikator dafür, dass der Sprecher nicht in der Lage ist eine Antwort auf die geäußerte Frage zu geben. Kategorie 2: poi als Modalpartikel in Deklarativsätzen mit dem Ziel das Gesagte abzuschwächen. Kategorie 3: poi nicht als Modalpartikel, sondern als Temporaladverbiale mit der Bedeutung dann, danach. Kategorie 4: poi als Adverb mit additiver Bedeutung außerdem, zusätzlich und Kategorie 5: poi als Adverb mit konklusiver Bedeutung folglich, also, schließlich.

4.4.1    poi im LIP-Korpus

Für die Suche nach poi in der erwähnten Kategorie wurden 150 Treffer ausgemacht. In manchen der insgesamt 134 Äußerungen tritt das Lexem auch mehrmals auf. Zunächst ist auffällig, dass es einige Äußerungen gibt, in denen poi nicht eindeutig kategorisiert werden kann. Dabei handelt es sich um fünf Fälle (4,69%), in denen beispielsweise die komplette Äußerung im Korpus allein aus dem Lexem poi besteht (Äußerung 61) oder durch fehlende Kontextualisierung (z.B. Äußerung 40) oder unvollständige Transkriptionen, die durch Abbrüche gekennzeichnet sind (z.B. Äußerung 100), keine Zuordnung getroffen werden kann.

Die meisten Treffer für poi wurden für dessen originale Bedeutung als Temporaladverbiale in Kategorie 3 gefunden (63,09 %). Die Kategorie 4, poi als Adverb mit additiver Bedeutung, konnte 27 Mal identifiziert werden (18,12%) und die Kategorie 5 macht 12,08 % der Treffer aus. Als Modalpartikel, bzw. eindeutig als solche identifizierbares Lexem tritt poi unter den gesamten Treffern nur drei Mal auf, in der Kategorie 1 macht poi als Abtönungspartikel damit nur 1,34 % und in Kategorie 2 nur 0.67 % der Gesamttreffer für das Token aus. Im Vergleich zu der ursprünglichen Wortbedeutung ist damit poi als Modalpartikel eindeutig unterdurchschnittlich frequent. Diese Erkenntnis ist ein Indiz dafür, dass poi nach der vorhergehenden Charakterisierung als Modalpartikel in der italienischen Sprache zwar existiert, aber in der gesprochenen Sprache, die per definitionem der typische Bereich des Vorkommens von Modalpartikeln ist, eher selten auftritt.

4.4.2    poi im DiDi-Korpus

Für poi werden im DiDi-Korpus insgesamt 181 Treffer angezeigt, wovon fünf für die Analyse allerdings nicht verwendbar sind. Es handelt sich dabei um orthografische Fehler einer Schreiberin (L1 Deutsch, L2 Italienisch), die in ihren Beiträgen konsequent „poi“ statt „puoi“ verwendet hat (Äußerung 134, 135, 136, 137 und 138). Auch im DiDi-Korpus findet sich ein Token, das nicht eindeutig kategorisiert werden konnte und daher nicht beachtet wurde.

Die Ergebnisse aus dem LIP-Korpus bestätigen sich weitestgehend bei der Untersuchung des DiDi-Korpus. Auch hier können die meisten Treffer der Kategorie 3, poi als Temporaladverbiale, zugeordnet werden, was die besondere Stellung dieser Kategorie im Vergleich mit den anderen heraushebt. Die Prozentzahl der Kategorien 3 in beiden Korpora ist zudem fast identisch, 18,12% im LIP- und 18,75% im DiDi-Korpus. Der größte Unterschied bei der Auswertung der Ergebnisse fällt bei der Betrachtung der Kategorie 5 auf, da nur zwei der Tokens im DiDi-Korpus hierunter fallen (1,14%). Auch die (besonders geringe) Frequenz von poi als Modalpartikeln in den beiden Kategorien im LIP-Korpus wird im DiDi-Korpus deutlich: Hier tritt poi kein einziges Mal als Modalpartikel in Interrogativsätzen und Deklarativsätzen zur Abschwächung des Gesagten auf. Daraus lässt sich eine sehr geringe Verwendung von poi als Modalpartikel im Italienischen in der computergestützten Sprache, ableiten und die Beobachtung aus dem LIP-Korpus bestätigen.

4.5    pur(e)

Zur Korpusanalyse wurden vier verschiedene Kategorien für pur(e) ausgemacht. Kategorie 1: pur ohne finales –e als Modalpartikel. Bei Verwendung von pur in dieser Kategorie hat der Sprecher keinen Beweis für die Richtigkeit seiner Aussage, geht aber davon aus, dass sie richtig ist. Kategorie 2: pur(e) als Modalpartikel in Imperativsätzen zur Abschwächung der geäußerten Aufforderung. Kategorie 3: pur(e) nicht als Modalpartikel, sondern als Adverb mit addierender Funktion, im Sinne von auch und Kategorie 4: pur(e) als Konjunktion mit der Bedeutung obwohl

4.5.1    pur(e) im LIP-Korpus

In der gleichen Kategorie wie für mai und poi wurde auch nach pur und pure gesucht. Insgesamt wurden 14 Resultate in den Daten der Stadt Mailand gefunden, wovon 13 für das Lexem pure und nur eines für pur #dasselbe ‚Lexeme‘ – Allomorphe#ThK# auftreten. Auch für dieses Lexem konnten Mehrfachtreffer in einer Äußerung ausgemacht werden. Die Kategorie 3, pur(e) in seiner originalen Bedeutung im Sinne von auch, ist mit neun von 14 Hits relativ frequent (64,29%), als konzessive Konjunktion tritt pur(e) lediglich einmal auf (7,14%). In der Kategorie 1 als Abtönungspartikel tritt pur(e) in den vorliegenden Daten kein einziges Mal auf, als Modalpartikel der Kategorie 2 allerdings sogar ganze vier Mal (28,57%). Die abschwächende Form der Partikel in imperativischen Äußerungen ähnelt stark der deutschen Partikel doch, die den gleichen Zweck erfüllt. Die hohe Frequenz, die sich feststellen lässt, kann ein Indiz dafür sein, dass pur(e) im Vergleich zu den anderen beiden untersuchten Partikeln stärker in der gesprochenen italienischen Sprache verankert ist.

4.5.2    pur(e) im DiDi-Korpus

Pure tritt im DiDi-Korpus insgesamt 46 Mal in 45 Dokumenten und pur insgesamt 14 Mal in 14 Dokumenten auf. Da es sich allerdings um ein Korpus mit Sprachdaten aus einer mindestens bilingualen Sprachregion handelt, gibt es insgesamt 17 deutschsprachige Treffer, die nicht berücksichtigt werden können. Pur(e) hat ein Homonym in der deutschen Sprache, das in den vorliegenden Sprachdaten häufig in Fällen wie „Natur pur“ (Äußerung 9), „Urlaub pur“ (Äußerung 10) oder „der pure Wahnsinn“ (Äußerung 17) vorkam. Daraus ergibt sich eine Gesamtzahl von Tokens von 43. In einem Fall konnte aufgrund von Kontextschwierigkeiten keine Kategorisierung vollzogen werden. Prozentual sind die Treffer im LIP- sowie im DiDi-Korpus relativ ähnlich. Am häufigsten konnte pure in der Kategorie 3 als Adverb in seiner ursprünglichen addierenden Funktion gefunden werden (65,12%). In Kategorie 4 findet sich pur(e) insgesamt vier Mal (9,30%). In keinem der beiden Korpora konnte pur als Modalpartikel der ersten Kategorie gefunden werden. Als Modalpartikel der zweiten Kategorie tritt pure im Gegensatz dazu sogar überdurchschnittlich häufig, im Vergleich zu den anderen beiden untersuchten Partikeln, auf (23,26%). Dieses Ergebnis zeigt, dass pure in imperativischen Sätzen in der italienischen Sprache eindeutig verankert ist.

 

5      Fazit und Ausblick

In der vorliegenden Seminararbeit wurden zunächst die Eigenschaften von Modal- bzw. Abtönungspartikeln anhand der deutschen Sprache dargelegt um dann auf italienische Partikeln einzugehen. Es wurden die Modalpartikeln mai, poi und pur(e) der italienischen Sprache mit Hilfe unterschiedlicher Aspekte definiert, welche bei der Kategorisierung der Partikeln hilfreich waren. Die Kategorisierung wurde vorgenommen um die Frequenz der einzelnen Partikeln in den beiden Korpora eingehend zu betrachten. Als Ergebnis lässt sich festhalten, dass diese zwar teilweise verwendet werden, dennoch von einer geringen Häufigkeit die Rede sein muss. Die am häufigsten in beiden Korpora auftretende Partikel ist pure in Aufforderungssätzen, die dazu dient, das Gesagte abzuschwächen und die Aufforderung zu mildern. Ihre Verwendung ist damit der deutschen Modalpartikel „doch“ ähnlich. Häufig wird im Deutschen hierbei der Aspekt der Höflichkeit der Äußerung genannt. Auch mai als Modalpartikel tritt im LIP-Korpus in der gesprochenen Sprache in Mailand relativ häufig auf. Interessant ist hier der Vergleich zur CMC, in der kein einziger Treffer dafür gefunden werden konnte. Demnach bestehen, zumindest in der Bedeutung einiger Partikeln, Unterschiede zwischen CMC und gesprochener Sprache. Dies kann als Indiz für die Unterschiedlichkeit der beiden Kommunikationsformen aufgefasst werden. Während CMC und gesprochene Sprache sich in einigen Punkten stark ähneln, unterscheiden sie sich offensichtlich in anderen. Die Untersuchung des Lexems poi stellte sich, abgesehen von der verschwindend geringen Anzahl des Auftretens von poi als Modalpartikel, als schwierig heraus. Die Schwierigkeit dabei lag in der Definition und der damit einhergehenden Kategorienbildung. Oft waren sich die Rater nicht einig, ob das auftretende Token der Kategorie 3 oder 4 zugeordnet werden sollte. Für weitere Untersuchungen muss für poi eingehender definiert werden, wann es sich um eine Modalpartikel, wann um eine Temporaladverbiale und wann um einen adverbialen Konnektor handelt. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Frequenz der Modalpartikeln in den untersuchten Korpora zunächst gering ist, ohne einen direkten Vergleich mit der so partikelreichen deutschen Sprache aber hierüber kaum Aussagen gemacht werden können. Außerdem können die Ergebnisse nicht ohne Weiteres als typisch für CMC oder gesprochene Sprache festgemacht werden. Die eingangs aufgestellte Hypothese, dass sich Partikeln in CMC ebenso häufig finden, wie in der gesprochenen italienischen Sprache lässt sich demnach nur für das Lexem pure belegen, für die anderen beiden Lexeme sind die Ergebnisse nicht eindeutig. Da die beiden Korpora nicht die Sprache der gleichen Region umfassen, kann es sich bei dem vermehrten oder verringerten Auftreten der Partikeln auch um regionale Besonderheiten des Italienischen in Südtirol und in Mailand handeln. Lediglich bei Betrachten von pur(e) können Besonderheiten festgestellt werden, die sich in beiden Korpora wiederfinden und somit regelbildend für das Lexem als abschwächende Modalpartikel in Imperativsätzen gelten können.

Das Thema Modal- bzw. Abtönungspartikeln beschäftigt die Sprachwissenschaft seit vielen Jahrzehnten. Trotzdem werden die Untersuchungen in diesem besonderen Bereich der Pragmatik berechtigterweise nicht eingestellt. Nach wie vor gibt es neue Erkenntnisse und mit dem Bereich der CMC auch neue Forschungsbereiche, die für die Partikelforschung interessant sein können. Die hier aufgeführte Untersuchung könnte auf unterschiedliche Art und Weise in Zukunft ergebnistragend sein. So könnte beispielsweise eine kontrastive Studie zur Frequenz der behandelten Modalpartikeln und ihrer Entsprechungen im Deutschen durchgeführt werden, was für eine kontrastive Grammatik für italienischsprachige DaF-Lerner von großer Bedeutung sein kann. Außerdem könnte eine Untersuchung mithilfe eines Korpus der CMC und der gesprochenen Sprache in einer bestimmten Region eindeutiger Aufschluss über die Frequenz von Modalpartikeln in der CMC im Vergleich zur face-to-face-Kommunikation geben. Dies könnte für eine eingehendere Definition von CMC im Kontrast zur Mündlichkeit hilfreich sein. Alles in allem müssten weitere Studien zur Sicherung repräsentativer Ergebnisse mit ergiebigeren Datenmengen durchgeführt werden, da gesehen werden konnte, dass sich die Daten u.a. durch einige Faktoren verringert haben.


[1] In der vorliegenden Arbeit werden die beiden Begriffe, Abtönungs- sowie Modalpartikel gleichbedeutend verwendet.

[2] Im Folgenden wird der Begriff Computer Mediated Communication mit dem Akronym CMC abgekürzt.

[3] Es wurden deutschen Sätze mit Modalpartikeln mögliche Äquivalente im Französischen und Portugiesischen gegenübergestellt (vgl. Schemann 1982).

[4] Komm ruhig herein! Frage: Wie kommst du herein? Ruhig.

Ruhig als Partikel kann demnach nicht legitim erfragt werden, sondern lediglich in seiner homonymen Funktion als Adverb, das die Art und Weise des Hereinkommens beschreibt.

[5] Abtönungspartikeln

[6] Beispielsweise in: „Vedi mai che non riesca a perdere peso!“ (Coniglio 2008, 108), was übersetzt ins Deutsche so viel bedeutet wie: „Wenn ich doch nur abnehmen könnte!“.

[7] Sie/Er muss doch wohl das Buch gelesen haben. Hier kann in der Regel nur die verkürzte Version von pure ohne finalem -e als Modalpartikel auftreten. Pure würde hier die Bedeutung auch, ebenso einnehmen.

[8] Rater 1: Italienisch L1, Rater 2: Italienisch L2


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