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Positionierung des Sprachkontakts in der Sprachgeschichtsschreibung

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Zitation: Thomas Krefeld (2017): Positionierung des Sprachkontakts in der Sprachgeschichtsschreibung. Lehre in den Digital Humanities. Version 8 (05.09.2017, 08:01). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=53260&v=8.

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Das Thema der Vorlesung erfordert zunächst eine doppelte theoretische Klärung; einerseits muss der Sprachkontakt in der Sprachgeschichtsschreibung positioniert werden und andererseits müssen Parameter für die Spezifizierung historischen Sprachkontakts formuliert werden.

1. Zweistöckige Architektur

Konstitutiv für die romanischen Sprachen ist das Miteinander einer Ebene lokaler Sprachen und einer großräumig gegliederten  Ebene von Standardvarietäten, durch die die lokale Ebene gewissermaßen ‚überdacht‘ werden. In diesem Sinn präsentieren sich die romanischen Sprachen (wie viel andere auch)  als zweistöckige Architekturen.

In historischer Perspektive ist nun klar, dass die überdachten Lokalvarietäten, die in direkter Kontinuität aus dem Lateinischen hervorgegangen sind, sich durch ein deutlich höheres Alter als die überdachenden Standardvarietäten auszeichnen. Alle Prozesse, die in die Zeit vor der Standardisierung – und damit vor Entstehung der heute als ‚Portugiesisch‘, ‚Spanisch‘, ‚Französisch‘, ‚Italienisch‘ apostrophierten romanischen ‚Sprachen‘  zurückweisen, können deshalb auf Grundlage der Standardvarietäten – wenn überhaupt – nur ganz unzureichend behandelt werden. Die mit einem treffenden Ausdruck (von Walther von Wartburg) als ‚Ausgliederung‘ bezeichnete frühe und kontinuierliche Differenzierung der Romania betrifft bis ins 16. Jahrhundert (‚Renaissance‘) so gut wie ausschließlich die Ebene der lokalen Idiome: Der spätere Sprachkontakt ist im Hinblick auf die Entlehnungs- und Verbreitungsprozesse grundsätzlich anders, nämlich in medienlinguistisch pointierter Sicht zu beurteilen. 

2. Kontaktszenarien

In der folgenden Graphik sollen einige grundsätzliche Kontaktszenarien in historischer Perspektive typisiert werden:

(1) Kontaktphänomene auf der Ebene der romanischen Lokal- und Regionalsprachen: Dieser Fall gilt in der Zeit vor der Herausbildung der Standardsprachen grundsätzlich;  auch der frühe germanische Einfluss seit der Spätantike (in der Zeit so genannten Völkerwanderung) ist hier anzusiedeln. Im Wesentlichen handelt es sich um einen Kontakt, der über die Mündlichkeit, d.h. in der gesprochenen Sprache, vermittel wird.

(2) Phänomene des Typs (1) können dann sekundär in die entstehenden Standardvarietäten übergehen, ohne dass ein direkter Kontakt mit der Herkunftssprache besteht. Es handelt sich also im wesentlichen um Verbreitungsprozesse auf der Basis von Varietätenkontakt.

(3) Kontaktphänomene auf der Ebene der Standard- bzw. überdachenden Varietäten: Seit der Renaissance werden Entlehnungen, die dann wohl vornehmlich in der Schriftlichkeit erfolgen, häufig direkt in die Standardvarietäten integriert und durch sie auch verbreitet.

(4) Entlehnung auf der Ebene des Standards schließt jedoch eine nachfolgende Verbreitung und Adaptation auf der Ebene der lokalen Varitäten (‚Dialekte‘) keineswegs aus. In diesem Fall erfolgt die Verbreitung durch Varitätenkontakt in gegenläufiger Richtung zu (2).

(5) Dieses spezielle Szenario ist dann gegeben, wenn die Verbreitung lokaler Entlehnung über die mittellateinische Schriftsprache erfolgt, die vor allem seit der Zeit der Karolinger eine sehr wichtige Rolle in der europäischen Schriftlichkeit gespielt hat. So können ursprünglich auf mündlichen lokalen oder regionalen Kontakt zurückgehende Entlehnungen auch in Gebiete gelangen, in denen die Herkunftsvarietäten niemals gesprochen wurden.

Typisierung der historischen Verbreitung von Entlehnungen in der zweistöckige Architektur der Sprachen

Man beachte, dass eine Sprachgeschichtsschreibung, die den Szenarien (1), (2) und (5) gerecht werden will, nur in sprachräumlicher Perspektive erfolgen kann. 

Wartburg, Walther (1950): Die Ausgliederung der romanischen Sprachräume. Bern: A. Francke.
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