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Räumlichkeit der SPRACHE (v) – Areallinguistische Gliederungsmerkmale der Italoromania

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Zitation: Thomas Krefeld (2018): Räumlichkeit der SPRACHE (v) – Areallinguistische Gliederungsmerkmale der Italoromania. Lehre in den Digital Humanities. Version 2 (02.02.2018, 17:37). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=82201&v=2.

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Aus der großen Menge von Daten, die durch die Sprachatlanten erschlossen wurden lassen sich sehr viele Merkmale zur areallinguistischen Gliederung der Italoromania ableiten. Die Auswahl hängt von den jeweiligen Forschungsinteressen ab. Die Verbreitung der Merkmale wird in der Regel durch sogenannte Isoglossen kartiert.

1. Eine ‘kanonische’ Liste

Manche areallinguistische Gliederungsmerkmale stechen hervor, da sie in der Forschungsgeschichte eine prominente Rolle gespielt haben und daher gewissermaßen zum kanonischen Wissen der Italianistik gehören. Besonders prominent ist eine Karte, die auf Rohlfs 1937 zurückgeht und In vielen Handbüchern bzw. Handbuchartikeln gezeigt wird (vgl. etwa diese Version in Vignuzzi 2010). Rohlfs hat dabei in sehr geschickter Weise einige südliche und einige nördliche Verbreitungsgrenzen kombiniert.

Im Sinne der kartographischen Genauigkeit und Transparenz ist es jedoch sinnvoll, anstatt der ursprünglichen Punktkarte des AIS folgende Polygonkarte zu Grunde zu legen:

Das Punktnetz des AIS in einer Polygonkarte von © Sobota/Goebl 2004

Es ergibt sich für die von Rohlfs identifizierten Isoglossen das folgende Bild:

Kombinationskarte einiger Isoglossen aus Krefeld 2016 – nach Rohlfs 1937 (Grundkarte mit dem Ortsnetz des Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz (AIS) in polygonaler Darstellung von © Sobota/Goebl 2004)

Die durchgezogenen Linien in der Kombinationskarte markieren die Südgrenzen der norditalienischen Verbreitungsareale von:

  1. ortiga vs. ortica ,Brennessel‘ [AIS 622];
  2. sal vs. sale ,Salz‘ (Ausfall der Endvokale) [AIS 1009];
  3. kavei vs. capelli ,Haare‘ (Lenisierung der intervokalischen Plosive) [AIS 95, 1703];
  4. spala vs. spalla ,Schulter‘ (Kürzung der langen Konsonanz) [AIS 122];
  5. sler, slar vs. sellaio ,Sattler‘ (Synkopierung des Vortonvokals) [AIS 266];
  6.  vs. pane ,Brot‘ (Ausfall eines sekundären auslautenden –n) [AIS 985];
  7. incóe/incú vs. oggi ,heute‘ [AIS 346].

Die punktierten Linien in der Kombinationskarte markieren dagegen die Nordgrenzen der süditalienischen Verbreitungsareale von:

  1. ferraru vs. fabbro ,Schmied‘ [AIS 213];
  2. frate vs. fratello ,Bruder‘ [AIS 13];
  3. femmina vs. donna ,Frau‘ [AIS 1678, 1702];
  4. figliomo vs. mio figlio ,mein Sohn‘ (nachgestellte Possessiva bei Familienamen);
  5. tene le spalle larghe vs. ha le spalle larghe ,er/sie hat breite Schultern‘, tenere wörtlich: ,halten‘ für ,haben‘ [AIS 123];
  6. cossa vs. coscia ,Schenkel‘ [AIS 161, 1704];
  7. maskulinum lu cimice vs. femininum la cimice ,Wanze‘ [AIS 473];
  8. fagu vs. faggio ,Buche‘ [AIS 578];
  9. mondone vs. montone ,Hammel‘ (progressive Assimilation nach Nasal) [AIS 1069];
  10. dienti vs. denti ,Zähne‘ (Umlaut durch -i) [AIS 107];
  11. acitu vs. aceto ,Essig‘ (Umlaut durch -u) [AIS 1011]“ (vgl. Krefeld 2016 nach (Rohlfs 1937)).

Die Auswertung aller genannten Karten lässt sich anhand des NavigAIS  leicht nachvollziehen. Ganz grundsätzlich muss allerdings gesagt werden, dass die Zusammenstellung der Merkmale sehr merkwürdig gewichtet ist, denn Phonetik (1, 2, 3, 5, 6, 16, 17, 18) und Lexik (7, 8, 9, 10, 12, 14, 15) überwiegen stark; die Morphosyntax ist dagegen vollkommen unterrepräsentiert (11). Im Übrigen haben die Merkmale eine ganz unterschiedliche Aussagekraft; einige der genannten Beispiele stehen für durchgängige Regeln, die zahlreiche sprachliche Einheiten betreffen; andere – speziell die lexikalischen, die offensichtlich sehr intuitiv und ein wenig zufällig ausgewählt wurden – sind ganz punktuell. 

2. Einige markante morphosyntaktische Merkmale

Einige weitere, großräumig relevante und durchaus auffällige morphosyntaktische Mermale sollen im Folgenden genannt werden. Sie wurden zwar nach Maßgabe der AIS-Daten ausgewählt, sind jedoch auch über die Italoromania hinaus von allgemein romanistischem und womöglich auch sprachtypologischem Interesse.

2.1. (1) Futurität

Die süditalienischen Varietäten kennen kein morphologisches Futur. Man vergleiche dazu  die sehr eindeutige quantitative Karte auf Basis von:

  • AIS 10 SARÀ GRANDE
  • AIS 11 LO MANDERÒ
  • AIS 1110 TE LO DARÒ SE LO VUOI
  • AIS 1146 LE VENDERÒ DOMANI
  • AIS 653 NON DORMIRÒ

Belege des morphologischen Futurs im AIS (Quelle: AdIS; optimiert für Firefox)

Die anderen Ausdrucksformen der Futurität sind in unterschiedlichem Maße arealspezifisch. Wie in zahlreichen Sprachen (vgl. deu. morgen fahre ich weg oder fra. je pars demain), wird häufig auch dort das Präsens gebraucht, wo ein Tempus FUTUR existiert. Im Norden, wo das Präsens in Konkurrenz zum morphologischen Futur verwandt wird, gibt es starke Frequenzunterschiede (1 vs 5). Außerdem existieren Periphrasen, die auf bestimmte Gegenden beschränkt zu sein scheinen, so etwa mit avere im Süden und in Sardinien (vgl. die Karte Morfosintassi, espressione del futuro, perifrasi II im AdIS).

2.2. (2) Passato remoto

In den norditalienischen Dialekten ist das passato remoto vollkommen unüblich. Einen Eindruck gibt die Auswertung von AIS 220 IL FALEGNAME CASCÒ DAL TETTO. Der frequente Gebrauch diese Tempus in den südlichen Dialekten führt dazu, dass auch im Regionalitalienischen des Südens häufig passato remoto-Formen verwandt werden. 

Passato remoto in AIS 220 (IL FALEGNAME) CASCÒ DAL TETTO

Im diesem Fall, wie auch häufig sonst, entsprechen die süditalienischen Dialekte dem Spanischen und Portugiesischen; der Norden erinnert dagegen an das Französische, wo das  passé simple im aktuellen Sprachgebrauch ebenfalls auf die literarische Schriftlichkeit beschränkt ist.  

2.3. (3) Konjunktiv Präsens

Die süditalienischen Dialekte kennen keinen Konjunktiv Präsens; exemplarisch ist AIS 1596 CHE SE NE VADA? (Fortsetzung von AIS 1595 CREDERE, CREDETE…):

Südgrenze des Konjunktiv Präsens in AIS 1596 (zur Orientierung: P 652 = Rom)

2.4. (4) Obligatorisches Personalpronomen 

Eine typologisch sehr grundsätzliche Parallele zwischen Norditalien und dem Französischen betrifft die obligatorische Setzung der Subjektpronomina, wie sie in AIS 53 (NON VEDI) CHE SEI (VECCHIO QUANTO ME?) (siehst du nicht) dass du (so alt) bist (wie ich?)  am Beispiel der 2. Person Singular belegt ist.

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2017/11/1511165640 AIS 53

Die italienischen Dialekte gehören also teils (Mitte und Süden) zu den sogenannten Pro-drop– oder Nullsubjektsprachen, in denen das Subjekt nicht obligatorisch durch ein Pronomen ausgedrückt werden muss, teils zu den Non-pro-drop-Sprachen. Im Einzelnen sind die Verhältnisse in Norditalien jedoch sehr komplex (vgl. Vanelli 1984) und zum Gegenstand zahlreicher Untersuchungen geworden (vgl. Hinzelin & Kaiser 2012).  Bemerkenswert ist vor allem die Tatsache, dass es in manchen Varietäten Unterschiede zwischen den verbalen Personen gibt; die beiden folgenden Kartenausschnitte zeigen, dass in manchen Dialekten des Veneto in der 2. Person Singular zwar ein Pronomen steht, nicht jedoch in der 3. Person (blaue Unterstreichung auf der linken Karte). Umgekehrt ist es im Dolomitenladinischen (grüne Unterstreichung auf der rechten Karte).

Fehlendes Pronomen in der 3. Person () und in der 2.Person () Singular

2.5. (5) Differentielle Objektmarkierung

Ein anderes Merkmal, das erlaubt die romanischen Idiome alternativ in zwei Gruppen einzuteilen, ist die Markierung des direkten Objekts transitiver Verben mit einer Präposition, wenn sich das Objekt auf bestimmte, vornehmlich belebte oder gar menschliche Referenten bezieht . Solche Objekte werden im Fall dieser sogenannten differentiellen Objektmarkierung1Traditionell wird diese Konstruktion auch als präpositionaler Akkusativ bezeichnet. (vgl. Bossong 1991) in der Regel mit der Präposition angeschlossen. Einen Eindruck der Verbreitung gibt der Typ pregare a Dio in AIS 801:   

= Anschluss des Objekts mit der Präposition a in AIS 801 PREGARE DIO

Parallelen sind port. orar a Deus, span. orar a Dios, aber auch unterengadinisch verer qchs. etwas sehen vs. verer a qchn. jemanden sehen usw. Das Rumänische kennt ebenfalls eine differentielle Objektmarkierung, allerdings wird hier die Präposition pe  auf verwandt (vgl. rum. a ruga pe Dumnezeu zu Gott beten).

2.6. (6) Abbau des Infinitivs

Nun wäre es allerdings falsch, eine besonders ausgeprägte Ähnlichkeit zwischen Süditalien und dem Iberoromanischen zu unterstellen, denn es gibt auch sehr prägnante Gemeinsamkeiten der süditalienischen Varietäten mit dem Rumänischen und sogar mit dem sogenannten Balkansprachbund (vgl. ausführlich Tomić 2006). Dazu gehört die sehr stark eingeschränkte Verwendbarkeit des Infinitivs (vgl. Salminger 2009,Rohlfs 1958), den der folgende Kartenausschnitt illustriert: 

Konstruktionen ohne Infinitiv

Es lassen sich auf dieser Karte zwei Ersatzstrategien für den Infinitiv unterscheiden: eine Konstruktion mit Konjunktion, die dem Typ vado che compro entspricht (auf der Karte  ) und eine Konstruktion,  die sich auf Italienisch als vado compro (auf der Karte ) paraphrasieren lässt. Die erste Konstruktion entspricht den Balkansprachen und auch dem Rumänischen (die nicht standardkonforme Ortographie der Quelle wurde übernommen):

rum.

vreau sa-mi fac o noua adresa de facebook

(ich) will dass mir (ich) mache eine neue Adresse von Facebook

ich will mir einen neuen Facebook-Account machen

2.7. (7) Zwei Konjunktionen für den Anschluss von satzförmigen Argumenten

In engem Zusammenhang mit der Substitution untergeordneter Infinitive durch Konjunktionalsätze (Merkmal [6]).  steht eine andere Besonderheit, die ebenfalls eine Parallele in den Balkansprachen und im Rumänischen hat.  Illustrativ ist eine Gegenüberstellung der Ausschnitte aus AIS 53 (NON VEDI) CHE SEI (VECCHIO QUANTO ME) sowie aus 836 (VOGLIONO) CHE IO VE LI VENDA. Daraus geht hervor, dass beide Verben (Typen vedere und volere) zwei unterschiedliche Konjunktionen regieren. 

Unterschiedliche Konjunktionen nach vedere (AIS 53) und volere (AIS 836)

Die weiteren Verwendungsbereich hat jeweils die hier durch vedere regierte Konjunktion; spezielle Bedingungen erfordert dagegen die markierte Konjunktion, die hier durch volere regiert wird; sie steht im Wesentlichen nach Verben mit finaler Bedeutung. Die finale Konjunktion variiert auf arealer Ebene deutlich stärker als die andere: 

AIS Punkt Konjunktion nach vedere (AIS 53) Konjunktion nach volere (AIS 836)    
729 ka ku romanisch Salento
739 ka ku
748 ka na griechisch
749 ka ku romanisch
762 ka ki Kalabrien
771 ka mu
772 ka mu
780 ka pemmu
791 ka pemmu
792 t na griechisch
794 ki mi romanisch
818 ki mi Sizilien  
819 ka mi

Die folgende Karte zeigt die Verbreitung der Varianten im Überblick:

Varianz der Konjunktion nach volere (AIS 836 CHE IO VE LI VENDA)

Man beachte, dass unter den im AIS dokumentierten Ortsdialekten mit zwei Konjunktionen auch zwei griechische Sprachinseln sind (AIS P 748, Corigliano d’Otranto,und P 792, Ghorio)2Zu Corigliano heißt es in Jaberg & Jud 1928, 126f.: „Die Mundart des Ortes wird als eine der besten der Griechenenklave betrachtet. Die Bevölkerung hält hartnäckig an ihrer Muttersprache fest, die in der Familie und im Verkehr dominiert. Italienisch wird nur in den oberen Schichten oder in Anwesenheit von Ortsfremden gesprochen.“ Ähnlich wird auch Ghorio (ein Teil von Bova) charakterisiert: „Das Dorf spricht griechisch, dessen sich auch die Gebildeten bedienen, während in den übrigen von Griechen bewohnten Orten die jüngere Generation nicht mehr griechisch spricht, und das Italienische bereits zu dominieren beginnt.“ . Das vermutlich hohe Alter der griechischen Siedlungen in Süditalien hat Gerhard Rohlfs dazu veranlasst, die funktionale und formale Differenzierung der beiden Konjunktionen historisch aus dem Griechischen abzuleiten; die Konjunktion mi scheint im Übrigen auch eine griechische Entlehnung zu sein (vgl. Rohlfs 1972).

Die Merkmal (6) und (7) kennzeichnen den äußersten Süden und insbesondere Kalabrien; eine detaillierte Dokumention findet sich im AsiCa (Krefeld & Luecke 2007-).

3. Die areallinguistische Sonderstellung der Toskana

Aus der oben skizzierten kombinierten Darstellung von nördlichen und südlichen Verbreitungsgrenzen ergibt sich – indirekt – eine ganz auffällige Sonderstellung der Toskana, insofern sie manchmal mit dem Süden (1-7) und manchmal mit dem Norden (8-18) geht.

Über diese spezifische Kombination nord- und südital. Merkmale hinaus gibt es selbstverständlich auch spezifisch toskanische Charakteristika, die weder im Norden noch im Süden vorkommen, wie etwa die Aspiration der stimmlosen Plosive /p/, /t/, /k/ in intervokalischer Stellung im Wort oder wortinitial (die sog. gorgia toscana); hier ergeben sich mehrere Varianten, wie die folgende Karte auf der Grundlage von AIS 733  illustriert:

Gorgia toscana am Beispiel von AIS 733 amico (http://www.adis.gwi.uni-muenchen.de/AIS.php?karte=true; optimiert für Firefox)

Einen Höreindruck gibt VIVALDI (→ Toskana → phonetischer Teil → la casa oder la casa è bella).

Spezifisch toskanisch (und ligurisch) ist auch der Schwund des intervokalischen /r/ (vgl. caldaia Kessel < lat. caldaria) oder die Varianz des maskulinen Artikels Sg. zwischen il (padre) der Vater und lo (zio) der Onkel (vor [s] + Konsonant, [ʃ] und [ts]).

Das Toskanische, insbesondere das geschriebene literarische Florentinische des 14 Jh.s (ital.: Trecento) ist von großer sprachgeschichtlicher Bedeutung, da es im 16. Jh. kodifiziert und damit zur Grundlage der ital. Standardsprache wurde. Allerdings darf das heutige Toskanische oder Florentinische nicht mit der ital. Standardsprache gleichgesetzt werden, denn es gibt auch jenseits der Phonetik dialektale Merkmale, die dem Standard fremd sind, wie z.B. die Existenz eines klitischen (,unbetonten‘) Subjektpron. der 3. Pers. Sg. (el/la/l’; vgl. florentinisch [l ɛ anˡdatha] für standardital. è andata ,sie ist gegangen‘; vgl. AIS 646, P 523) oder der Gebrauch der 3. Pers. Sg. Reflexiv anstatt der 1. Pers. Pl. (toskanisch [si lavorɐˡrɛbbe di ˡpju] für standardital. lavoreremmo di più ,wir würden mehr arbeiten‘; AIS 1613).“ (Krefeld 2016)

4. Galloromanische Inseln im Süden

Eine bemerkenswerte  Besonderheit auf der arealen Ebene des italienischen Sprachraums bilden die galloromanischen bzw. galloitalienischen Sprachinseln in Süditalien. Einige davon sind im Ortsnetz des AIS repräsentiert; da ihre Varietäten unterschiedlich gut konserviert sind, ließe sich in einer vergleichenden Studie sehr gut untersuchen, wie sich romanische Varietäten in ebenfalls romanischer Umgebung bis zur Unkenntlichkeit verändern und schließlich auflösen.

Mehr oder weniger gut erhaltene galloromanische und galloitalische Sprachinseln im Ortsnetz des AIS Literatur
P 715 Faeto  „Die frankoprovenzalische Mundart dominiert als Umgangs- und Familiensprache im Dorfe. Infolge starker Auswanderung nach Nordamerika wird die heimische Mundart langsam zersetzt und an den apulischen Dialekt angeglichen. In der Sprache der jüngeren Generation wird manches franko-provenzalisches Wort durch das italienische ersetzt.“ (Jaberg & Jud 1928, 119f.) (Telmon 1984-86; Bitonti 2012
P 760 Guardia Piemontese  „Die provenzalisch-piemontesische Lokalmundart ist außerordentlich lebenskräftig. Auch Kinder von in Amerika ansässigen Familien sprechen die Lokalmundart.  Das starke Festhalten an der Mundart erklärt sich aus der Abgeschiedenheit des Ortes und aus dem Mangel einer Fahrstraße.“ (Jaberg & Jud 1928, 127f.) (Kunert 1994)
P 817 San Fratello „Die gallo-italienische Mundart, die in der ganzen Ortschaft von sämtlichen Einwohnern gesprochen wird, ist durchaus reinlich geschieden vom Sizilianischen, das in die Bürgerkreise der Stadt eindringt und auch im Verkehr mit Leuten aus anderen Ortschaften gebraucht wird.“  (Jaberg & Jud 1928, 131) (Trovato 2013, 277-287; Trovato 1999)
P 818 Fantina  gehört zur galloitalischen Gemeinde Novara di Sicilia
P 836 Sperlinga  „Die alte gallo-italische Mundart wird noch von allen Schichten der Bevölkerung gesprochen. Wenn auch das Sizilianische noch wenig üblich ist, so geht die Mundart doch infolge des Einflusses des Sizilianischen und Italienischen langsamer Zersetzung entgegen.“  (Jaberg & Jud 1928, 133)
P 865 Aidone  „Die gallo-italische Mundart ist stark im Rückgang begriffen, da das Sizilianische auch von den Bauern im Verkehr mit den ‚Herren‘ bevorzugt wird. Daher bestehen oft für dieselbe Sache mehrere Ausdrücke.“ (Jaberg & Jud 1928, 134)

Gallo-italische Inseln im süditalienischen Ortsnetz des AIS

Die einschlägigen Merkmale sind unterschiedlich weitverbreitet; als charakteristisch, wenngleich nicht als obligatorisch erweist sich der Ausfall der auslautenden Vokale bzw. der sich daraus ergebende konsonantische Wortauslaut (entspricht Merkmal 2 der Kombinationationskarte); ein Beispiel gibt AIS 403 BATTERE IL FERRO, wo die einzigen Belege in Süditalien mit konsonantischem Auslaut galloitalische Inseln repräsentieren:

Ausfall des Auslautvokals als Merkmal gallo-italischer Sprachinseln (Ausschnitt aus AIS 403 BATTERE IL FERRO)

Ein weniger zuverlässiges Indiz ist der Gebrauch der Subjektpronomina in AIS 53 CHE SEI, da er in den gallo-italischen Punkten Siziliens nicht gilt:

 

Gebrauch des Personalpronomen als nicht obligatorisches Kennzeichen galloromanischer Sprachinseln (Ausschnitt aus AIS 53 CHE SEI)

Sizilien ist hinsichtlich gallo-italischer Elemente von ganz besonderem Interesse, denn abgesehen von den mehr oder weniger gut erhaltenen (und erforschten) Sprachinseln, sind manche Merkmale auch in den sizilianischen Dialekten im engeren Sinn verbreitet. So zeigen alle sizilianischen Punkte des AIS den Typ travagliare  arbeiten (vgl. fra. travailler) und nicht das ansonsten im Süden übliche faticare.

Der Typ travagliare ˈarbeitenˈ in Sizilien (Ausschnitt aus AIS 1615 LAVORARE; LAVORA)

Man beachte jedoch, dass die nur die gallo-italischen Punkte in Sizilien die Infinitivendung –er, bzw. –e beibehalten – in den sizilianischen Ortsdialekten (P 817, P 836, P 865) wurde sie dagegen durch die das dort dominierende -ari ersetzt; dadurch erweist sich das Wort außerhalb der gallo-italischen Kolonien als Entlehnung. In dieser Infinitivendung ist gleichzeitig ein wertvoller Hinweis auf eine möglich Herkunftsregion der gallo-italischen Einwanderer sehen. Denn der Typ travagliare findet sich zwar in einem größeren Gebiet des westlichen Piemonts, aber nur in einem Teilgebiet davon gelten die Endungsvarianten –er, -e:

Ausschnitt Piemont aus AIS 1615 LAVORARE; LAVORA

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