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Räumlichkeit des SPRECHERS (iii) – Perzeptive Varietätenlinguistik

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Zitation: Thomas Krefeld (2018): Räumlichkeit des SPRECHERS (iii) – Perzeptive Varietätenlinguistik. Lehre in den Digital Humanities. Version 2 (05.02.2018, 14:46). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=84939&v=2.

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1. Komplementäre Serien von Daten aus sprachlicher Produktion und Perzeption

1Dieses Kapitel beruht auf Krefeld 2015.Die Instanz des Sprechers wurde – und wird – in der Geolinguistik und in der Varietätenlinguistik überhaupt stark vernachlässigt. Er wird auf die Funktion eines Produzenten sprachlicher Äußerungen reduziert. Voraussetzung für ein angemessenes Verständnis der von ihm produzierten Daten ist jedoch eine wenigstens elementare Kenntnis seines sprachlichen und sprachbezogenen Wissens; nur dann lässt sich abschätzen, ob sein Repertoire ihm nur die produzierten Ausdrücke zur Verfügung stellt (variation according to user) , oder ob sie womöglich Resultat einer spezifischen  Selektion sind, die durch die mit den Varianten assoziierten Repräsentationen gesteuert wurde (variation according to use). Um einen Einblick in das Sprecherwissen zu erlangen, ist es erforderlich, die Sprecherperzeption systematisch zu erforschen  indem mehr oder weniger genau definierte Sprechergruppen mit konkreten, mutmaßlich markierten Produktionsdaten konfrontiert werden. Die oft immer noch absolut gesetzten Produktionsdaten werden so durch eine qualitativ ganz anders geartete Datenserie, eben durch Perzeptiondaten ergänzt. Es ist also Aufgabe der perzeptiven Varietätenlinguistik (vgl. Krefeld & Pustka 2014) entsprechende Tests zu entwickeln, die geeignet sind, die variationsbezogenen Repräsentationen von Sprechern und Sprechergruppen freizulegen. Betont werden muss, dass die Erhebung und Auswertung von Perzeptionsdaten, die bislang erst in geringem Maße verfügbar sind, nicht etwa ein peripheres Interesse von zweifelhafter wissenschaftlicher Seriosität sind; vielmehr bilden  sie die eigentliche Grundlage zur konkreten Festlegung variationsspezifischer Markierungen einzelner Varianten gemäß der genannten Dimensionen sowie zur Annahme von Varietäten im Sinne fest aggregierter, kookkurrierender Varianten. Für beide Aufgaben sind reine Produktionsdaten aus zweifachem Grund unzureichend.

Zunächst gibt es Varianten, die womöglich sogar typologisch relevant sind, wie z.B. die Linearisierung der klitischen Pronomina in it. volevo dirtelo vs. te lo volevo dire etc., ohne jedoch irgendeine Markierung zu tragen: Der varietätenlinguistische ‘Nullpunkt’ sprachlicher Variation ist nicht Invarianz, sondern vielmehr Unauffälligkeit. Anders gesagt: Markiertheit ist Auffälligkeit und als solche ein Phänomen der Salienz (vgl. grundlegend dazu Purschke 2011, 80-87 und 90-121).

Sodann ist sofort anzuschließen, dass eine etwaige Markierung der jeweiligen Variante nicht fest eingeschrieben ist; vielmehr erweist sie sich als sprecher(gruppen)abhängig und insofern stets als diachronen Veränderungen unterworfen: Markierungen entstehen, werden aus einer Dimension in andere übertragen2Die Markierungsverschiebungen sind weitaus komplizierter als es die in Koch/Oesterreicher 2011: 16 formulierte, angeblich nur in einer Richtung funktionierende sogenannte Varietätenkette Diatopik → Diastratik → Diaphasik vermuten lässt. Es gibt ja dialektspezifische Wörter, die über die spätlateinische Kirchensprachen – eine diastratisch markierte Varietät – verbreitet wurden (z.B. nordital. pieve ‘parrochia’ < lat. plebe[m]) oder regionale/dialektale Ausdrücke, die sich aus ehemals formeller und latinisierender Diaphasik erklären, wie der bair. Gruß Servus usw. und verschwinden. Wo Sprecher keine Markierung assoziieren, erübrigt sich auch die linguistische Annahme von Varietäten. Andererseits werden auch vermeintliche Varietäten, auf deren Existenz entsprechende Repräsentationen im Sprecherwissen hindeuten könnten, durch echte Perzeptionstests, d.h. durch Konfrontation der Sprecher mit authentischen Produktionsdaten ebenfalls entlarvt3Vgl. Hauchecorne/Ball 1997 zum accent du Havre, der sich als Mythos entpuppt, oder Schmid 2003 zur ebenso wenig fundierten Überzeugung florentinischer und pratesischer Sprecher, klar unterscheidbare Stadtdialekte zu reden.

2. Konfrontative Perzeption von (Regional)Standard und Dialekt – und die Repräsentation der Sprecher

In zweisprachigen bzw. dialektal geprägten Gebieten sind konfrontative Perzeptionstests, die gleichzeitig den Regionalstandard und den Dialekt erfassen, aufschlussreich. Dafür bieten sich bestimmte Lebensphasen in besonderem Maße an; so ist die Grundschulzeit als kritischer und untersuchungswürdiger Abschnitt einzuschätzen, denn hier tritt der (Regional)Standard im Zuge der Alphabetisierung  mit Autorität ins Leben der Kinder. Übrigens ist durchaus erstaunlich, wie stark der Bereich der Schule durch die italienische Varietätenlinguistik vernachlässigt wurde; Anzeichen für eine Wende lassen sich erst seit einigen Jahren erkennen; einen Wendepunkt markiert insbesondere die wichtige Untersuchung von Giovanni , für die Repräsentationen des Dialekts bei italienischen Grundschülern erhoben und analysiert wurden.

Vor diesem Hintergrund darf man die MA-Arbeit von Alessandra Puglisi 2011 als eine kleine, aber wegweisende Pilotstudie bezeichnen. Ausgangspunkt der Untersuchung, die in Enna (Sizilien) durchgeführt wurde, ist die Überzeugung, dass kindliches Sprachwissen, bzw. varietätenbezogenes Wissen einen tiefen Einblick in die soziolinguistische Situation einer Sprachgemeinschaft vermittelt. Verf. arbeitet mit dem matched guiseVerfahren; dafür hat sie drei verschiedene, sehr kurze Trickfilme hergestellt (vgl. die Transkriptionen 92 ff.), in denen sich jeweils ein Dialekt sprechender und ein Standard sprechender Protoganist unterhalten (im ersten Film handelt es sich um zwei Hunde, in den beiden anderen um zwei junge Frauen bzw. zwei junge Männer). 

Der erste Film wurde Kindern des letzten Kindergartenjahrs, die beiden anderen Schülern der 2. und 5. Grundschulklasse vorgespielt; zur Einschätzung der Personen mussten die Probanden sodann einen sehr kurzen Fragenkatalog beantworten, der teils multiple choice-Fragen mit Beurteilungskategorien enthielt, die in einem Prätest ermittelt wurden (die also von Kindern der entsprechenden Altersstufen selbst geliefert wurde).

Am Test haben 77 Schüler der 2. und 86 Schüler der 5. Klasse teilgenommen; aus unterschiedlichen, vor allem administrativen Gründen konnten die Ergebnisse der Kindergartenuntersuchung nicht im Detail ausgewertet werden; immerhin ist klar geworden, dass auch diese noch nicht alphabetisierten Kinder sehr scharf zwischen beiden Varietäten unterscheiden (und keineswegs auf der Grundlage eines Standard-Dialekt-Kontinuums urteilen; 59 f.).

Die Arbeit geht von vier Hypothesen aus (53), nämlich der Existenz klarer dialektbezogener Repräsentationen bei den Kindern, der Geschlechtsabhängigkeit dieser Repräsentationen sowohl in Blick auf die perzipierten SprecherInnen wie im Blick auf die Rezipienten (d.h. die Probanden), schließlich der mindestens passiven Dialektkompetenz der Kinder. Nicht bestätigt wurde der Einfluss der Variable ‘Geschlecht’ in Bezug auf die perzipierten SprecherInnen.

Es ergibt sich eine vom 2. zum 5. Schuljahr gesteigerte Sensibilisierung für die Varietätenopposition. Im Durchschnitt werden die Dialektsprecher für sympathischer, die Standardsprecher dagegen für gebildeter und auch für jünger gehalten. 

Exemplarisch werden einige Ergebnisse zum Video mit den beiden weiblichen Figuren vorgestellt;

Giulia spricht Standard, Chiara Sizilianisch. Hier ist die (gekürzte) Transkription:

A.1.2 Chiara & Giulia
Giulia: Ciao!
Chiara: Ciao, di quant’avi ca un nni vidimu!
G: Sì! Vero! L’ultima volta mi pare che ci siamo viste a quella festa di
Carnevale. Ti ricordi?
C: Veru iè!N’addivirtimmu assà assà assà! Ma tu di cchi eritu vistuta?
G: Io da… non mi ricordo mai se è Tom o Jerry il gatto.
C: Ah veru, m’u ricurdu! Mi pari ca si chiamassi Tom. I’ macà mi cunfunnu
sempri.
G: Stavo morendo di caldo con quel vestito! Alla fine me lo sono dovuta pure
togliere! E tu eri vestita da Minnie, vero?
C: A certu! Però a vistina un m’avìa accattatu m’a fici c’un paru di pezzi ca
avìa intra.
G: Ah sì? E come?
C: Ma a gonna e i bretelli i truvavu ‘n cantina. A gonna era rrossa cu i
pallini bianchi beddra gata, larga di sutta cu i bretelli rrussi. Pu’ mi misi
un dolcevita nero e un paru di carzetti nighiri.
G: Perfetto! E le orecchie si trovano alla fiera, no?
C: Si si, o‘u mercato
G: Bella idea! E almeno non hai avuto caldo come me. Ma ti ricordi quello
vestito da torta? Faceva troppo ridere! Ogni volta che si girava faceva
cadere qualcosa!
C: Ahah! Veru! E c’era macari chiddra vistuta di principessa ca si misi a
gridari quannu ci strazzarru a vistina!
93
G: Vero! Quella con quel vestito bianco lungo lungo che sembrava una sposa.
Però alla fine è stata una bella festa. Abbiamo mangiato anche bene.
C: Sisi. C’era midenna a ‘nsalata di purpu, caroti, putrusinu e accia, ca era
bellissima.
G: Vero. E anche la torta al cioccolato era buona.
C: Ma tu ora unni ti nni sta jnnu?
G: A fare un po’ di spesa. Stasera viene gente a casa e devo comprare un paio
di cose. Anzi mi sbrigo prima che i negozi chiudono.
C: Va bbene, allora bona jurnata! M’ha fattu piaciri ‘ca t’aju vistu!
G: Anche a me! Buona giornata anche a te, ciao!

Zunächst die Präferenzen, die eindeutig der Dialektsprecherin gelten und vom 2. zum 5. Schuljahr sogar deutlich zunehmen:

Eindeutige Präferenz der Dialektsprecherin (aus: Puglisi 2011, 106)

Die Dominanz des Italienischen im Unterricht scheint die Wertschätzung des Dialekts nicht zu beeinträchtigen. Das zeigen auch die Kommentare, mit denen die Sympathie begründet wurde.

Sympathiewerte (Puglisi 2011, 107)

Weiterhin wurden die Kinder gefragt, welche Beruf beide Figuren ihrer Meinung nach ausüben könnten. Aus den Antworten geht hervor,  dass der Dialekt (jedenfalls im Fall der Frauen) nicht mit sozialer Polarisierung assoziiert zu sein scheint:

Assoziierte Berufe (Puglisi2011, 112)

Zu Recht weist Alessandra Puglisi jedoch darauf hin, dass die verbreitete Wahrnehmung des Sizilianischen als ‘komisch’ durchaus ambivalent zu beurteilen ist:

“Sembra che si possa definire come una sorta di seconda fase del pregiudizio antidialettale. […] non si ha più bisogno di attaccare la varietà dialettale poiché è chiaro che la ‘battaglia’ per il predomino linguistico sia stata vinta dalla varietà standard. Ecco che allora si guarda ai parlanti dialettofoni quasi con superiorità definendo buffo, strano e divertente il loro modo di parlare”. (Puglisi 2011, 83)

Hauchecorne, Fabrice & Ball, Rodney (1997): L’accent du Havre: un exemple de mythe linguistique, Langage et Société 82, {5-26};.
Krefeld, Thomas (2015): Sprachliche Variation im kommunikativen Raum: Neun Anhaltspunkte. In: Bernsen, Michael & Eggert, Elmar & Schrott, Angela, Historische Sprachwissenschaft als philologische Kulturwissenschaft, 393-403. Bonn: V&R unipress.
Krefeld, Thomas & Pustka, Elissa (2014): Perzeptive Linguistik: Phonetik, Semantik, Varietäten. Stuttgart publisher=Franz Steiner Verlag.
Puglisi, Alessandra (2011): I bambini di Enna e il siciliano. Magisterarbeit, LMU. online. https://epub.ub.uni-muenchen.de/12865/.
Purschke, Christoph (2011): Regionalsprache und Hörerurteil. Grundzüge einer perzeptiven Variationslinguistik. Stuttgart.
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