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16.01.2018: Besuch der Asterix-Übersetzerin Gudrun Penndorf (Protokoll)

0.1. Gudrun Penndorf

  • ab 1966 Übersetzerin für den Ehapa-Verlag, Dolmetscherin und Romanistin
  • Tätigkeit u.a. als Lehrkraft für Wirtschaftsfranzösisch an der LMU
  • Übersetzungen von Lucky Luke und – aus dem Italienischen – „Lustige Taschenbücher“
  • Übersetzerin der Asterix-Bände 1-29

Laut Frau Penndorf gibt es nicht „die“ Übersetzung. Da sie aus konservativem Elternhaus stammt, besaß sie keinerlei Comicerfahrung bis zum Beginn ihrer Übersetzer-Tätigkeit. Mit Stapeln zerfledderter Comics las sie sich ein Gefühl für Comic-Sprache an.

0.1.1. Der Weg von Asterix nach Deutschland

  • 1959 kamen die ersten Asterix-Geschichten zu „Asterix der Gallier“ in der französischen Jugendzeitschrift Pilote (Verlag Dargaud) heraus ⇢ Astérix wird zum französischen Nationalhelden (die Amerikaner hatten Batman)
  • 1959 wurde das erste Album aufgrund hoher Verkaufszahlen veröffentlicht: „Asterix der Gallier“ ⇢ in Frankreich bis heute nur Hardcover in Deutschland Softcover (genial und günstiger)
  • 1966 erhielt der Kauka-Verlag die Lizenz für die erste deutsche Asterix-Übersetzung ⇢ Rolf Kauka „kochte braunes Süppchen“, d.h. Verlag verlieh Original-Asterix einen nationalsozialistischen Touch ⇢ Asterix und Obelix wurden zu den Germanen Siggi und Babarras ⇢ Lizenzentzug
  • 1968 bekam der Ehapa-Verlag die Lizenz zugesprochen und die ersten Bände wurden für die Zeitschrift MV Comix von der Redaktion übersetzt ⇢ aufgrund mangelnder Französisch-Kenntnisse und demnach auch kultureller, waren die Übersetzungen schlecht und fehlerhaft ⇢ Paris erkannte diese nicht an

Bsp.: Asterix und Kleopatra (Blatt A II, 10)

  • Schlecht (Redaktion): „Das ist der Turm der Pharaoneninsel. Er zeigt den Schiffen den Weg, Asterix!“ „Ein Turm, der den Schiffen den Weg zeigt! Uii, die Ägypter sind doof!“ „Dieser Turm ist weltberühmt, Obelix!“
  • Richtig (Penndorf): „Das ist der Turm der Insel Pharos, dessen Leuchtfeuer die Schiffe leitet, Asterix!“ „Ein Turm, der die Schiffe leitet? Die spinnen, die Ägypter! „Das ist eines der Weltwunder, Obelix!“
    ➡ „Die spinnen, die Ägypter!“ ⇢ auch: „Die spinnen, die Römer!“ hat Gudrun Penndorf geprägt.

0.1.2. Gudrun Penndorf wird Asterix-Übersetzerin

  • 1968 ging Frau Penndorf mit ihrem Mann nach Paris (Quartier Latin)
  • zu bedenken: Kommunikation ohne Fax, Mail, Handy ➡ stattdessen Telefon, Briefe, Telegramme
  • es wurde eine professionelle Übersetzerin für die Asterix-Bände gesucht
  • über Ehapa-Verlag Kontaktaufnahme und positives Gespräch mit dem Autor René Goscinny
    ➡ Zusage basierte auf sehr guten Übersetzer-, Französisch- und Deutsch-Kenntnissen, zusammen mit einer Verkettung glücklicher Umstände
  • Frau Penndorf bekam den Auftrag, die vorab in MV Comix gedruckten Übersetzungen neu als Band zu übersetzen
  • Band 1: „Asterix der Gallier“; Band 2: „Asterix und Kleopatra“,
    ➡ Abänderung der französische Reihenfolge, da zu diesem Zeitpunkt der Kleopatra-Film mit Liz Taylor und Richard Burton herauskam
  • französische Reihenfolge erst ab Band 8 wieder übernommen
  • auch: ultimative Ausgaben mit anderem Format (Sonderedition)
  • Rückübersetzung eines französischen Germanisten zur Kontrolle (wg. Kauka)
    ➡ kannte „Ofenaus“ nicht

▸ Leserschaft

  • MV Comix: Übersetzungen für Kinder
  • Frau Penndorf: geschliffene Übersetzungen für Kinder und Erwachsene gleichermaßen, z.B. Goethe-Zitate, historische, gesellschaftliche, politische Pointen, Wortspiele, altes deutsches Liedgut….

0.1.3.  Übersetzungs-Vorgaben des französischen Verlags Dargaud

  • frei, solange der Informationsfluss gewahrt wird ➡ z.B. kulinarische Spezialität gefragt

fr. Bêtises ➡ Pfefferminzbonbons (Spezialitäten von „Camaracum“)
„Backpfeifen“ ➡ diese Übersetzung erweckt kulinarische Assoziationen mit „Backpflaumen“ (außerdem: Spezialität der Gallier: „Ohrfeigen“)

  • Story muss weiterlaufen ➡ ‘roter Faden’
  • französische Idiome wurden in entsprechende deutsche übersetzt
  • Blasengröße durfte nicht verändert werden ➡ „Zeichner war teurer als Übersetzer“
  • Informationen die nicht da sind, werden auch nicht zusätzlich übersetzt
      ➡ keine Verfälschung des Originals
  • lateinische Zitate blieben
  • keine Neologismen, z.B. Joggen, noch nicht etabliert ➡ stattdessen ‚Frühsport’
  • zunächst sollten französische Namens-Wortspiele übernommen werden (aus einzelnen Wörtern zusammengesetzt), außer: Abraracourix ➡ Majestix, Panoramix ➡ Miraculix, Assurancetourix ➡ Troubadix ➡ ab Band 8 aber große Freiheit ➡ je origineller, desto besser ➡ da es dabei nicht um Charakterisierung einer Figur ging, fiel es Frau Penndorf leicht
  • Ausnahme: Asterix, Obelix, Idefix ➡ britische Übersetzerin Anthea Bell setzte für „Idefix“ Dogmatix durch, als einzige Übersetzerin
  • es sollte als gesprochene Sprache, d.h. Alltagssprache, verstanden werden
  • Beachtung des Jugendschutzgesetzes ➡ keine unflätigen, vulgären Wörter

Darüber hinaus halfen bei ihrer Übersetzungs-Arbeit Recherchen und Kontakte:

  • Petit Larousse: pages roses ➡ lateinische Zitate ➡ Franzosen verwenden viele Latinismen
  • „Alte Meyer“: Meyers Konversationslexikon von 1905, z.b. Bäderkulturen
  • Münchner Staatsbibliothek: Geschichtsatlanten, „Großer“ Robert für Synonyme, Reimlexika, Internationaler Zitatenschatz
  • Rückfragen bei französischem Kollegen
  • französische Freunde ➡ bei manchen französischen Wortspielen/-witzen
  • deutsche Freunde ➡ Vortragen ihrer Übersetzung von Wortspielen ➡ gut, wenn gelacht wurde
  • Übung sowie Inspiration und Intuition

0.1.4. Wortspiele (Blatt Penndorf)

  • „Ausnutzung sprachlicher Möglichkeiten zu witzigen Effekten“ (Duden)
  • Polysemie, z.B. Maus, la souris
  • Homophonie, z.B. 5-fach Schreibung ⇿ eine Lautung: häufig im Französischen
  • Homonymie, gleiche Lautung, unterschiedliche Bedeutung
  • Paronymie,B. Herz/Schmerz, sou/choux
  • Reime, Sprichwörter, Wortfelder, versetzte Äquivalenz
  • Redewendungen, z.B. bei „Cleopatra“ Krokodile, Fraß vorwerfen

➡ Vorgaben ja, dennoch Adaptionen möglich und für das deutsche Verständnis notwendig (siehe dazu 4.)
➡ kulturelle Wortspiele nahmen ab, je kosmopolitscher es wurde ➡ mehr Stereotypie
➡ Lieder: kein Informationsfluss, darum keine Übernahme des französischen Liedgutes notwendig, z.B. Chansons von Aznavour, Brel, stattdessen Adaption mit deutschem Liedgut, wie Schlager, Volkslieder o.a.

Beispiele zu Wortspielen:

La rose et le glaive / Asterix und MaestraGermanische Nachahmung (Blatt A XXIX, 34)

➡ germanischer Akzent im Französischen = rheinischer Dialekt im Deutschen

 „Wat für enne Unsinn! Isch würd denne sofort de Domesticus maache, in sone Lejoon!“

Astérix chez les Breton / Asterix bei den Briten Syntaktische Spielereien (Blatt A VIII,9)

  • Imitation von Briten
    ➡ 1:1 im Französischen übernommen, z.B. franz. Stellung des Adjektivs vor dem  Nomen (anstatt wie üblich nachgestellt)
    ➡ dt.Verb/Partizip-Stellung: Verdrehung der Sprache durch Imitieren der Syntax ➡ Satzteil-Verdrehung ➡ die deutsche Wortstellung der britischen angepasst

„Was für eine Kraft! Tut sie kommen von dem magischen Trank?“
„Genau, Vetter Asterix, wir brauchen den magischen Trank, um zu schlagen die römischen Armeen.“
„Wieso sprecht Ihr so verdreht?“ „Ich erbitte Eure Verzeihung!“
„Ich bin entzückt, ich bin sicher, zu gehen in dein Haus.“

  • keine Diminutive im Französischen, z.B. dt. Hündchen = franz. petit chien, deshalb: dt. kleiner Hund

    „Habt Ihr schon gesehen meinen kleinen Hund?“

  • englische Übersetzung Anthea Bell: adaptiert alten „Adelsjargon“
  • anachronistische Verfremdung (taucht immer wieder auf), z.B. noch kein Circus Maximus
  • franz. Assimil-Methode „Mein Schneider ist reich!“ ⇢ Running Gag im Französischen ⇢ verweist auf Sprachlernmethode, Begründer Alphonse Chérel 1929: Eröffnungssatz im 1. Assimil-Lernbuch: „My tailor is rich!“ (http.//fremdsprachenweb.net/lernmethoden/methode_assimil.htm (Zugriff 21.1.2018)

Astérix légionnaire / Asterix als LegionärBildgebundene Redensart Substitution (Blatt A X, 33, 34)

  • im Französischen beliebtes Muster/Verwirrspiel-Spiel des Gegenüber: Reim mit Körperteil auf letztes Wort
  • Wortspiel der Homophonie: z.B. Haar(e) auf Augenbrauen, Nase, Händen (1) franz.; (2) dt.:

(1)        „…1ère  centurie [i]       „poil aux sourcils [i]“
            „amarres larguées“ [e] „poil au nez [e]“
            „…à la fin“ [ɛ̃]          „poils aux mains“ [ɛ̃].“

  • deutsche Nachahmung so nicht möglich, also: Neuschreibung der Geschichte:

 (2)       „Euch sträuben sich die Augenbrauen.“
             „Er sagt, sie sind Euch…  „Ich weiß, …eine Nasenlänge voraus.“
             „Er sagt Ihr sollt die Finger davon lassen.“

➡ Bildsprache darf dabei aber nicht verändert werden

  • Weitere Möglichkeiten: expressive Rechtsversetzung, z.B. „Wann kommt er denn, der Taxifahrer?“

„Die spinnen, die Römer!“

Astérix chez Rahâzadade (in sich Wortspiel) / Asterix im Morgenland (nicht aufzulösen) Versetzte Äquivalenz (Blatt A XXVIII, 17)

  • damit kann man an anderer Stelle etwas aufwerten, was an einer Stelle nicht so gut gelungen ist
    ➡ Einsatz von Paronymie mittels Anlehnung an Goethe-Gedicht/-Zitat (genial!):

„Über allen Gipfeln ist Ruh, in allen Wipfeln spürest du kaum einen Hauch…“

➡ daraus macht Frau Penndorf:

 „Komm mit an die frische Luft!“
„Über sieben Hügeln ist Ruh, in allen Lüften spürest du kaum einen Rauch…“

➡ franz. Original:

 „Pour te remettre, viens sur la terrasse respirer la douceur de l´air qui plane sur Rome.“

0.1.5. Einige Namen aus Asterix-Alben (Blatt)

▸ Namen geben nicht Charakteristika der Person wieder, darum relative Freiheit in der deutschen Namens-Anpassung ➡ gerne verrückt und außergewöhnlich konstruiert

  • Suffix-Definition
    • Gallier -ix, z.B. Verleihnix, Grautvornix
    • Römer -us, z.B. Apfelmus, Wurzelaus / ix (besonders gut!)
    • Briten -ix, -ax, z.B. Teefax, Seelax
    • Griechen -as, -os, z.B. Bratensos
    • Normannen -af, z.B. Klammeraf, Pornograf (bedenklich: s. Vorgabe)
    • Römerlager -um, z.B. Brimborium
  • Frauennamen seltener und weniger verrückt eingedeutscht, Endungen -ine, z.B. Bonnemine wurde zu Gutemine
  • Falbala ließ Frau Penndorf im Original, heute würde sie es evtl. ändern → denn: es bedeutet im Französischen etwa Kleidung mit Rüschen

0.1.6. Frau Penndorf hinsichtlich ihrer Übersetzungskünste der Wortspiele traditionsbildend!

  • Rezeption in den 60er/70er Jahren:
  • Frankreich und Italien bereits ausgeprägte Comic-Kultur
  • hingegen in Deutschland aufgrund von NS-Zeit keine Comic-Tradition
  • damals schwieriger Markt
  • negativ: familiäres Umfeld
  • Anzahl und Dauer der Übersetzungen:
    3-4 Übersetzungen/Jahr
    • anfangs i.d.R. ca. 6 Wochen/Band / Zeitdruck
    • gut für Text, wenn er liegen bleiben kann

Abschlusszitat von Kleist:

„Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“

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