Lexikologische Studie zum Kreol auf Martinique am Beispiel der kolonialen Gesellschaft


1. Einleitung

Es gibt viele Theorien zu der Entstehung von Kreolsprachen und dem jeweiligen Einfluss der europäischen Prestigesprache und den afrikanischen Sprachen auf die Lexik. Fest steht, dass das Kreol von Martinique auf einem französischen Wortschatz basiert und dass sich die Entlehnungen aus anderen Sprachen gering halten. Inwieweit jedoch die französischen Wörter eine veränderte Bedeutung bekommen haben und inwiefern diese semantische Veränderung etwas über die koloniale Gesellschaft aussagt, gilt es zu untersuchen. Es wird im Rahmen dieser Arbeit auch analysiert, in welchem Bereich der afrikanische Einfluss am größten ist und wie die Kultur in der kolonialen Gesellschaft mit der entstehenden Kreolsprache zusammenhängt. Diese lexikologische Studie hat also einerseits zum Ziel die Besonderheiten in der Lexik des Kreols von Martinique in Bezug auf die koloniale Gesellschaft zu untersuchen. Andererseits soll anhand ausgewählter Konzepte und den entsprechenden Bezeichnungen analysiert werden, wie sich Kultur und Sprache während der Entstehungszeit des Kreols gegenseitig beeinflussen.

2. Methodik

Zu Beginn dieser Arbeit steht das Finden der Konzepte1als Konzept ist hier das außersprachliche Wissen über eine Sache oder einen Sachverhalt gemeint und wird in GROßBUCHSTABEN geschrieben; die Bezeichnungen dagegen sind einzelsprachlich verschieden, die für die koloniale Gesellschaft auf Martinique relevant sind und deren Bezeichnungen im Kreolischen neben der historischen Betrachtung vor allem aus lexikologischer Sicht interessant sind. Dafür bietet sich das Wörterbuch „Créole-Francais“ von Raphael Confiant (Confiant 2007) an, welches die kreolischen Wörter aus schriftlichen sowie mündlichen Quellen entnimmt. Schriftliche Quellen sind ältere und neuere literarische Texte und die mündlichen Quellen sind Sprichwörter und Sagen. Durch diesen Ansatz wird der lexikalische Umfang an dem Gebrauch des gesprochenen Kreols orientiert und nicht wie andere Wörterbücher an dem Wortschatz aus bereits vorhandenen Wörterbüchern. Zu vielen Wörtern gibt es Zitate aus der neueren Literatur, wie von Aimé Césaire, Édouard Glissant oder Patrick Chamoiseaux. Confiant vermerkt einige Wörter auch mit Kürzeln, die auf Regionalismen, Archaismen oder Etymologie hinweisen. Leider sind diese nicht weiter ausgeführt, sodass man bei der Etymologie lediglich die Herkunftssprache (bei Entlehnungen aus afrikanischen oder karibischen Sprachen ist nur die Abkürzung „afr.“ bzw.  „car.“ gegeben) erfährt, aber nichts Genaueres über Entlehnungswege und Etymon. 

Die Auswahl der Konzepte für diese Arbeit erfolgt nach einem semasiologischen Prinzip, indem zunächst alle Begriffe im Wörterbuch sorgfältig durchgegangen werden und interessante Begriffe, die sich auf relevante Konzepte beziehen, herausgesucht werden. In einem nächsten Schritt werden Synonyme festgestellt, das heißt Wörter, die das gleiche Konzept bezeichnen2 ‚Synonymie bezeichnet die Tatsache, dass mehrere Formen die gleiche Bedeutung haben. In der engsten Definition des Begriffs sind zwei Wörter Synonyme, wenn sie sich in allen Kontexten gegeneinander austauschen lassen. Diese absolute Synonymie kommt in natürlicher Sprache selten vor‘ (Stein 2014, S.75). Durch diese Analyse entsteht ein Glossar, dessen Struktur von nun an einem onomasiologischen Prinzip folgt: In einer Grafik werden die Konzepte sortiert und dabei werden logische Zusammenhänge und Abhängigkeiten veranschaulicht. Dann wird jedes Konzept in einen historischen Rahmen eingeordnet und auf die kreolischen Bezeichnungen eingegangen. Die kreolischen Begriffe aus dem Glossar sind bis auf zwei Ausnahmen alle dem Wörterbuch von Confiant entnommen.3diese zwei Begriffe sind: ’neg jadin‘ und ’neg bosal‘ und tauchen im Beitrag FELDSKLAVE auf

Vor der genaueren Analyse der einzelnen Konzepte muss ein Überblick über die Geschichte und die Theorie der Lexikologie des Kreols gegeben werden. Die Recherche zu dem historischen Hintergrund konzentriert sich auf zwei wichtige Aspekte, die für eine Einordnung der Konzepte und für ein Verständnis ihrer damaligen Relevanz unerlässlich sind: Zum einen die Anfänge der kolonialen Gesellschaft auf Martinique und zum anderen die Entstehung des Kreols. Letzteres bezieht sich vor allem auf die historischen Rahmenbedingungen der linguistischen Einflüsse der Kontaktsprachen. Als Literaturquellen eignen sich sowohl Werke der Kreolistik, wie Hazaël-Massieux 2008, aber auch allgemeinere Forschungsliteratur zur Geschichte der Sklaverei, wie Delacampagne 2004.

Um später auf lexikologische Besonderheiten vertiefend eingehen zu können, ist es zunächst sinnvoll einen Überblick über die kreolische Lexikologie zu erstellen. Die Theorie hierzu orientiert sich an einem Werk zur Lexikologie der französischen Kreolsprachen in den Antillen von Colot 2002 und wird ergänzt durch Informationen aus der Literatur zu romanischer Sprachwissenschaft und Lexikologie, wie Stein 2014 und Gédauvan 2007.

Der letzte Schritt besteht darin jedes Konzept aus dem Glossar zu beschreiben und im Anschluss in der Tabelle die Bezeichnungen dafür aufzuzeigen. Der direkte Vergleich zwischen den einzelnen kreolischen und französischen Begriffen und der Etymologie macht die Besonderheiten lexikalischer Prozesse noch deutlicher. Die Theorie der zuvor behandelten kreolischen Lexikologie wird dann für die Beschreibung der Begriffe wieder aufgegriffen. Bei einigen Begriffen erweist sich die Recherche zu der Etymologie aufgrund fehlender Quellen als sehr schwierig, besonders bei Regionalismen aus Nordfrankreich und Afrikanismen. Die Sklaven haben unterschiedliche afrikanische Muttersprachen und diese sind zum Zeitpunkt des atlantischen Dreieckshandels auch nicht standardisiert und selten verschriftlicht, deshalb findet man zu den tatsächlich gesprochenen Sprachen nicht viel. Das „Dictionnaire étymologique des créoles français d’Amérique“ (DECA)4siehe: https://www.uni-bamberg.de/romling/deca/, unter der Leitung von Prof. em. Dr. Annegret Bollée, ist ein noch unveröffentlichtes etymologisches Wörterbuch, für das es bereits einzelne, vorläufige PDF Dateien auf der Internetseite der Universität Bamberg gibt. Für einige Begriffe wird auf diese Dateien zurückgegriffen. Wenn auch der Vergleich zu den Bezeichnungen desselben Konzepts in anderen Kreolsprachen der Karibik, wie das haitianische Kreol, zu keinem Ergebnis führt, bleibt die lexikologische Betrachtung unvollständig oder basiert nur auf möglichen Annahmen. In anderen Fällen ist die Etymologie eindeutig und es lassen sich keine interessanten lexikologischen Prozesse feststellen, aber das Konzept ist, aufgrund der historischen Relevanz, für das Glossar wichtig.

3. Historischer Hintergrund

Für eine lexikologische Untersuchung des Kreols von Martinique ist ein Überblick über den historischen Hintergrund der Antillen mit besonderem Fokus auf die ehemaligen französischen Kolonien in der Karibik sinnvoll. Da das Kreol während der Kolonialzeit des 16. bis 18. Jahrhundert entsteht, ist eine Betrachtung der damaligen Gesellschaft ebenso erforderlich, um lexikologische Prozesse in den Entstehungsrahmen einzuordnen.

3.1. Anfänge des Kolonialismus

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erreicht der Dreieckshandel auch die französischen Antillen. Wie in anderen Kolonien in Nord- und Südamerika kommen Sklaven, die in Westafrika (für Frankreich von Mauretanien bis Sierra Leone) von Sklavenhändler gefangen genommen und dann an der Küste an europäische Schiffe verkauft worden sind, in der Karibik an und werden dort von weißen Großgrundbesitzern gekauft. Um 1700 bezahlen die Großgrundbesitzer bereits den vier- bis fünffachen Preis dessen, was die europäischen Schiffe an den afrikanischen Küsten an die Sklavenhändler bezahlt haben (siehe Delacampagne 2004, 189f). Die Sklaven arbeiten in den Kolonien für die Produktion von Ware, die wiederum nach Europa verkauft wird, darunter vor allem unraffinierter Zucker, seltener Tabak, Kakao und Indigo. Die europäische Nachfrage an diesen Waren ist das Ventil für die steigende Nachfrage an billigen Arbeitskräften, die in der Sklaverei mündet und durch die eine koloniale Gesellschaft entsteht, aus der die französischen Kreolsprachen hervorgehen (siehe Delacampagne 2004, 166). Nachdem Guadeloupe und Martinique zwischen 1625 bis 1642 von französischen Kolonisten besiedelt worden sind, werden zunächst Arbeiter aus Nordfrankreich, die engagés, für dreijährige Verträge auf die Zuckerrohrplantagen gebracht, wo sie unter schlechten Bedingungen und für wenig Lohn die Arbeit auf dem Feld verrichten. Ab 1660 übernehmen die Sklaven zunehmend die Arbeit der engagés (siehe Delacampagne 2004, 165). Es werden immer mehr Sklaven gekauft, was dazu führt, dass das Königreich Frankreich 1685 den Code noir erlässt, eine Reihe von Verordnungen, welche die Arbeits- und Lebensbedingungen der Sklaven regeln sollen. Es handelt sich bei den Rechten allerdings eher um Einschränkungen, durch welche die Sklaven als unfrei und rechtlos deklariert werden (siehe Delacampagne 2004, 175). Die Arbeitsbedingungen, die soziale Hierarchie zwischen den weißen Herren und den schwarzen Sklaven, sowie die entstehende Subkultur der kreolischen Sklaven lassen eine Sprache entstehen, die besonders geprägt ist von dem historischen Hintergrund, aus dem sie hervorgeht.

3.2. Entstehung des Kreols

Das Kreol von Martinique entsteht, wie andere Kreolsprachen auch, in der Kontaktsituation zwischen Sprechern verschiedener Muttersprachen, das heißt zwischen den Bewohnern des kolonialen Martinique (Großgrundbesitzer, engagés, Missionare, Händler, Sklaven und Autochthone) (siehe Hazaël-Massieux 2008, 28). Die Prestigesprache ist dabei die Sprache der weißen Siedler, das Französische. Besonders der Sprachkontakt zwischen den, meist aus Nordfrankreich stammenden, engagés mit den afrikanischen Sklaven beeinflusst die Bildung eines Wortschatzes im Kreolischen. Wichtig hierbei sind neben den einzelnen nordfranzösischen Dialekten, aus denen einige Wörter entnommen sind, vor allem die Tatsache, dass es zu dem Zeitpunkt kein standardisiertes Französisch gibt und die Sprache der französischen Siedler diastratisch und diatopisch variiert (siehe Fleischmann 1986, 66f)

Texte von Missionaren über die Situation in den Kolonien enthalten oft metalinguistische Kommentare, die einen, wenn auch sehr subjektiven, Einblick in das Kreol im 16.-18. Jahrhundert geben. Von den Weißen wird das Kreol als „jargon“ oder „baragouin“ bezeichnet, ein vereinfachtes Französisch (siehe Hazaël-Massieux 2008, 23-26). Dass es sich bei dem Kreol um weit mehr handelt als deformiertes Französisch, wird erst viel später anerkannt. Dabei ist sowohl aus linguistischer, als auch aus kultureller Sicht der afrikanische Einfluss auf Sprachstruktur und Wortschatz nicht zu unterschätzen (siehe Hazaël-Massieux 2008, 36). Aber da die Sklaven sich untereinander oft nicht verstehen und die Dominanz der Weißen anfangs sehr stark ist, bleibt der Einfluss afrikanischer Sprachen, zumindest im lexikologischen Bereich, in den Anfängen des kolonialen Martiniques noch gering. Erst ab dem 18. Jahrhundert, als die Schwarzen die Weißen zahlenmäßig weit übertreffen, bekommt der afrikanische Wortschatz mehr Einfluss (siehe Fleischmann 1986, 66)

Das Kreol bildet sich aus der Dringlichkeit der Kommunikation zwischen Sprechern unterschiedlicher, nicht standardisierter Sprachen in einer sozial stark markierten Hierarchie heraus, sodass viele Wörter durch Missverständnisse und Interpretationen entstehen. Vor allem auf der Seite der Sklaven besteht die Notwendigkeit Befehle und Anweisungen von ihrem Herrn zu verstehen, sowie sich auch untereinander verständigen zu können. Dabei übernehmen sie Elemente ihrer Muttersprache nicht absichtlich, lassen diese aber durch die Interpretationen miteinfließen (siehe Hazaël-Massieux 2008, 465f)

Das Kreol wird recht schnell die Sprache der Kolonie, die vor allem von den Sklaven und im Kontakt zwischen Weißen und Schwarzen benutzt wird. Warum weder die Hochsprache, die während der Kolonialzeit weiterhin besteht, von den Sklaven erlernt wird, noch eine Sprache, die den afrikanischen Sprachen ähnlicher ist, lässt sich nur vermuten. Die soziale Distanz zu den Sprechern der Hochsprache Französisch ist zu groß, daher besteht keine Notwendigkeit sich mit den Weißen in ihrer Sprache zu verständigen. Dahingegen ist alles, was mit der afrikanischen Herkunft in Verbindung gebracht wird, aus Sicht der weißen Oberschicht negativ konnotiert. Oft wird versucht die eigene afrikanische Herkunft so wenig offensichtlich wie möglich zu halten (siehe Fleischmann 1986, 77). Die Entstehung eines Kreols geht auch einher mit der Entstehung einer Subkultur innerhalb der Sklavengesellschaft, die eine Sprache wählt, die weder die Hochsprache noch die Herkunftssprache ist, um sich von beidem abzusetzen und etwas eigenes zu schaffen (siehe Fleischmann 1986, 58f)

4. Kreolische Lexikologie

Aus den speziellen Bedingungen, die zur Entstehung der Kreolsprachen führen, gehen viele lexikologische Besonderheiten hervor, die typisch für sprachliche Kontaktzonen sind. Die Charakteristika einer solchen Kontaktzone sind eine hohe Mobilität der Sprecher, mehrere verschiedene Sprachen, lexikologische Innovationen und Mehrsprachigkeit (siehe Klimenkowa 2017, 6f). Im kolonialen Martinique sind alle diese Faktoren gegeben, wobei die Mobilität sich eher auf die weiße Bevölkerung beschränkt, die ständig wechselt, da viele Siedler nur für einige Jahre bleiben und dann wieder nach Frankreich zurückkehren. Die extrem heterogene Sprachsituation, vor allem in der Sklavenbevölkerung, ist der Grund für viele lexikalische Prozesse, wie die Entlehnung aus fremdsprachlicher Lexik und den Bedeutungswandel. In der Theorie ist kreolische Lexikologie mit der romanischen zu vergleichen. Hier wird nun auf die Arten von Lexemen, Wortbildungsprozesse und auf den Bedeutungswandel eingegangen.

4.1. Arten von Lexemen

Colot 2002 unterscheidet drei Arten von kreolischen Lexemen: die lexies simples, lexies composées und lexies complexes. Die lexies simples bestehen aus je einer lexikalischen Einheit und sind entweder frei von Affixen (lexies primaires) oder sind Derivationen, das heißt sie sind ergänzt durch ein oder mehrere Affixe (lexies dérivées). Interessant ist hierbei, dass auch agglutinierte Lexeme aus Artikel und Nomen, wie „monpè“ im Kreol als ein Lexem gelten, die im Französischen zwei lexikalische Einheiten bilden („mon“ und „père“). Die lexies composées bestehen aus mindestens zwei lexikalischen Elementen, die eine Einheit bilden, das heißt Kompositionen aus Verben, Nomen, Präpositionen, Konjunktionen, Adjektiven oder Adverben. Die lexies complexes sind lexikalisierte Phrasen, wie Sentenzen oder Maxime (siehe Colot 2002, 19).

4.2. Wortbildung

Die Wortbildung ist die „Schaffung neuer Formen auf der Grundlage von regelhaften Verfahren“ (siehe Gévaudan 2007, 21).  Durch die Zusammensetzung bereits vorhandener lexikalischer Formen entstehen neue Lexeme.  Bei Colot 2002 werden die neuen Lexeme „néologies“, „Neologismen“ genannt und es wird zwischen drei Formen unterschieden: néologie morphosémantique, néologie sémantique und néologie morphologique (siehe Colot 2002, 25). Als néologie morphosémantique werden Konstruktionen durch Affigierung (mit Präfixen, Suffixen und selten Infixen) und Kompositionen bezeichnet. Auf Martinique ist die Komposition nach germanischem Muster häufiger als auf den anderen Inseln der französischen Antillen. Hier werden die zusammengesetzten Lexeme ohne Bindeelement ausgedrückt, wodurch die semantische Relation zwischen den Lexemen nicht explizit gemacht wird. In den romanischen Sprachen wird die Relation meistens durch Präpositionen verdeutlicht. Ein Beispiel wäre „met-a-manyiok“5mehr zu dem Begriff in Kapitel HERR als romanische Wortbildung und „bétjé-péyi“6wörtlich ‚béké-pays‘; Béké werden die Nachfahren der ersten weißen Kolonisten genannt (Confiant 2007, Bd.I, S.188) für die germanische Wortbildung (siehe Colot 2002, 46). Die néologie morphologique bezieht sich auf Formenreduzierung von Lexemen, etwa durch Verkürzungen und Abkürzungen. Unter néologie sémantique werden Onomatopoetika, Konversionen und Bedeutungswandel gefasst (siehe Colot 2002, 25). Der Bedeutungswandel ist für die kreolische Lexikologie besonders wichtig, da er viel über die historischen Hintergründe verrät.

4.3. Bedeutungswandel

Bedeutungswandel bedeutet eine semantische Diskontinuität bei morphologischer Kontinuität (siehe Gévaudan 2007, 17) und umfasst die Bedeutungsverengung und die Bedeutungserweiterung, auch Bedeutungsschwund und Bedeutungsinnovation genannt. Um den Bedeutungswandel eines Wortes zu klassifizieren, muss man sich die semasiologische Veränderung, das heißt den Übergang von der ursprünglichen zur neuen semantischen Bedeutung anschauen (siehe Gévaudan 2007, 20). Diese Betrachtung gibt auch Aufschluss über den historischen Hintergrund und die Relevanz bestimmter Konzepte. Bedeutungswandel entsteht da, wo ein „Bedürfnis der Sprecher nach Expressivität“ oder „ein konkreter Bedarf“ (siehe Stein 2014, 130) aufgrund von fehlendem Vokabular besteht. Vor allem trägt eine hohe Verwendungsfrequenz und Relevanz von Konzepten zu Bedeutungswandel bei (siehe Gévaudan 2007, 20).

Den metaphorischen und metonymischen Wandel kann man auch als Bedeutungsverschiebung klassifizieren, da durch die semasiologische Veränderung eine neue Bedeutung entsteht (siehe Stein 2014, 131). Bei der Metapher ist eine Ähnlichkeit zwischen zwei Konzepten gegeben, das bedeutet es besteht eine Similaritätsbeziehung, wodurch die Bedeutungsverschiebung evoziert wird. Die Metonymie suggeriert eine Verknüpfung zwischen den Konzepten, das heißt die Konzepte stehen in einer Kontiguitätsbeziehung zueinander (siehe Stein 2014, 131). Die Synekdoche hingegen beschreibt eine Beziehung zwischen Ober- und Unterbegriff. Im Kontext der kolonialen Arbeitswelt auf Martinique ist der Bedeutungswandel ein häufig auftauchender Prozess, da die Sprecher mit neuen Gegebenheiten und neuen Konzepten konfrontiert werden, an die sie ihr vorhandenes Wissen anpassen müssen. Dadurch findet regelmäßig ein Vergleich zwischen bereits vorhandenen und neuen Konzepten statt, deren Bezeichnung sich oft als schwierig erweist und Innovationen für die sprachliche Kommunikation nötig sind (siehe Klimenkowa 2017, 32). Das menschliche Wissen ist in kulturabhängigen Frames organisiert, wodurch der metonymische und metaphorische Wandel in sprachlichen Kontaktzonen, wie im kolonialen Martinique, kulturspezifische Kategorisierungsprinzipien widerspiegelt. Der Bedeutungswandel von Wörtern sagt also viel über kulturabhängige Konzepte aus (siehe Klimenkowa 2017, 33,38,39).

4.4. Entlehnung

Ein ebenfalls wichtiger Prozess in der kreolischen Lexikologie ist die Entlehnung, das heißt die „Überführung sprachlicher Elemente von einer Sprache in eine andere“ (siehe Stein 2014, 132). Man unterscheidet dabei zwischen Bedürfnislehnwörter, die fehlende Vokabular ergänzen, Luxuslehnwörter, die parallel zu bereits vorhandenen Bezeichnungen bestehen, Lehnübersetzungen und Lehnbedeutungen, wo nur die Bedeutung eines Wortes aus einer anderen Sprache auf ein vorhandenes Wort übertragen wird (siehe Stein 2014, 132). Colot 2002 beschreibt die Entlehnung im Kreol als Spiegel seiner historischen Entstehung:

„les emprunt d’une langue reflètent l’histoire de la communauté linguistique qui la parle. Le créole contemporain résulte pour sa part d’un étrange mélange reflétant la triste histoire de la constitution du peuple antillais, des composants humaines et linguistiques de la créolisation“ (siehe Colot 2002, 96f).

Da das Kreol zu 90% auf dem französischen Wortschatz basiert (siehe Colot 2002, 91), kann man hier nicht mehr von Entlehnungen sprechen. Die Entlehnungen im Kreol sind größtenteils aus den Sprachen, die in der Kontaktzone des kolonialen Martiniques bestehen. Dazu gehören westafrikanische Sprachen, wie die Niger-Kongo, afroasiatischen und nilosaharanischen Sprachen (siehe Hazaël-Massieux 2008, 90), und das Spanische und Portugiesische, über die oft auch Wörter aus amerikanischen Sprachen in den kreolischen Wortschatz gelangen, wie „chiklé“, das von atztekisch „tzietli“ über spanisch „chicle“ entlehnt wird (siehe Colot 2002, 97f). Ab Mitte des 19. Jahrhundert werden auch vermehrt englische und asiatische Wörter entlehnt, letztere fast ausschließlich für den religiösen Bereich des Hinduismus (siehe Colot 2002, 98).

5. Glossar

Um einen Überblick über grundlegende Konzepte in der Realität des kolonialen Martiniques aus Sicht der schwarzen Sklaven zu bekommen, werden in diesem Glossar gewählte Konzepte in semantische Felder sortiert und dann genauer analysiert. Dabei geht es zunächst um eine Beschreibung des Konzepts und wie es in die koloniale Arbeitswelt einzuordnen ist. Anschließend werden die Begriffe zur Bezeichnung der Konzepte in Tabellen veranschaulicht, worin sowohl der kreolische als auch der französische Begriff auftauchen und auf Etymologie, sowie lexikologischen Prozess verwiesen wird. In einem dritten Schritt wird auf die lexikologischen Besonderheiten der kreolische Bezeichnungen nochmals eingegangen und diese genauer erläutert. Es wird also mit einem onomasiologischen Ansatz versucht durch die Auswahl relevanter Konzepte die koloniale Gesellschaft auf Martinique aus Sicht der Sklaven zu veranschaulichen und darüber hinaus lexikologische Besonderheiten für die Entstehung des Kreols festzuhalten.

Die folgenden Abkürzungen werden in den Tabellen verwendet:

afr. = afrikanisch

car. = karibisch

eng. = englisch

En = Eigenname7es gibt kein entsprechendes französisches Wort

f. = feminin

fr. = französisch

F.R.A. = Français Regional des Antilles

lat. = lateinisch

m. = maskulin

rg. = regional

sp. = spanisch

vlat. = vulgärlateinisch

In dem unten stehenden Schaubild sind die Konzepte in Großbuchstaben so angeordnet, dass die Gesellschaft der Kolonialzeit auf Martinique aus Sicht der Sklaven verdeutlicht wird. Der Herr ist in einem sozialen und wirtschaftlichen „Oben-Raum“ angesiedelt, der den weißen Siedlern vorenthalten ist. Die Sklaven hingegen befinden sich in einem konträren „Unten-Raum“, wo sie in Abhängigkeit von ihrem Herrn leben und arbeiten. Ihr Leben wird maßgeblich bestimmt von Rasse, Arbeit, Verbrechen und ihre Bestrafungen, sowie der Subkultur, die sich trotz aller Unterdrückung bildet und das Fortleben kultureller Praktiken und Werte garantiert. Die vier Aspekte „Rasse“, „Arbeit“, „Verbrechen und Bestrafung“ und „Subkultur“ sind untergliedert in verschiedene Konzepte, die einzeln in Tabellen aufgeführt und genauer erläutert werden.

 HERR

oben:weiß

                                         Koloniale Gesellschaft : HERRSCHAFTSANWESEN

unten:schwarz

SKLAVE

Rasse Arbeit Verbrechen & Bestrafung Subkultur
SCHWARZER SKLAVENAUFPASSER  FLUCHT IN DEN WALD HEXEREI
MISCHLING AUS SCHWARZ UND WEIß FELDSKLAVE SKLAVENGEFÄNGNIS UNTOTER
  SCHWARZES KINDERMÄDCHEN PEITSCHE BEFREIENDER TANZ
  KREOLISCHE MAîTRESSE    

6. Fazit

Es wurden in dieser Arbeit 15 Konzepte mit ihren jeweiligen kreolischen Bezeichnungen untersucht. Der direkte Vergleich zwischen den kreolischen und französischen Begriffen, sowie ihrer Etymologie und den lexikologischen Prozessen hat zu verschiedenen interessanten Ergebnissen geführt. Die Untersuchung der Bezeichnungen hat gezeigt, wie stark sich Sprache und Kultur in der kolonialen Gesellschaft gegenseitig beeinflussen. Durch den Kontakt verschiedener Kultursysteme werden Konzepte von der Sklavenbevölkerung neuinterpretiert oder erweitert. Das hat unter anderem die Bedeutungserweiterung von der Bezeichnung „neg“ für das Konzept SCHWARZER auf SKLAVE und schließlich auf MENSCH gezeigt. An diesem Beispiel wird außerdem nochmals deutlich, dass das Kreol vor allem als eine Sprache der Sklavenbevölkerung entsteht. Aus dem Glossar geht des Weiteren hervor, dass sich der afrikanische Einfluss, lexikalisch und kulturell, besonders im Bereich der Subkultur erhält. Die vielen Bezeichnungen für das Konzept HEXEREI markieren eine starke Präsenz afrikanischer Elemente in der Mythologie, die mitunter der einzige Bereich ist, der von den Weißen weitestgehend unberührt bleibt. Ebenso kennzeichnet die Figur des UNTOTEN die unmenschliche Realität der Sklaven und zeigt, wie die Sklavengesellschaft in ihrem minimalen Widerstand versucht durch die Schaffung einer Subkultur ihre Menschlichkeit zu bewahren, eine Gemeinschaft zu bilden und damit ihr Leid zu lindern. An diesem Konzept sieht man aber auch, dass selbst die Subkultur eine Mischung verschiedener kultureller Einflüsse ist. Die Subkultur ist zwar ein von der weißen Bevölkerung relativ isolierter Bereich, aber da ihre Mitglieder in einer multikulturellen und multilingualen Umgebung leben, sorgen sie selbst für die Mischung.

Letztendlich ist die Lexik des Kreols in vielerlei Hinsicht der Spiegel seines historischen Entstehungsrahmens. Viele Bezeichnungen für ein einzelnes Konzept, wie HEXEREI und SKLAVE, deuten auf eine besondere Relevanz hin. Ebenso stehen Bedeutungsveränderungen für eine hohe Verwendungsfrequenz eines Konzepts und den Kontakt zwischen dem Herrn und dem Sklaven, der zu Neuinterpretationen führt, wie bei dem Konzept der PEITSCHE. Vor allem aber hat diese lexikologische Studie gezeigt, dass das Kreol eine Mischung von Kulturen ist. Das starre System der Rassentrennung und Einteilung von unveränderlichen sozialen Funktionen existiert nie so, wie es von der weißen Dominanz gewollt ist. Die koloniale Gesellschaft auf Martinique ist von Beginn an geprägt von der Mischung zwischen Menschen verschiedener Herkunft und ihrer Kulturen, Glaubenssystemen, Sprachen und Phänotypen. Genau das zeigt auch das hier untersuchte Glossar: Die Lexik spiegelt eine Mischung, eine kreolische Gesellschaft, wider.

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