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La censura

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Zitation: Pia Clemente (2020): La censura. Version 1 (06.10.2020, 16:00). Lehre in den Digital Humanities. . url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=181036&v=1

Pressefreiheit weltweit (Reporter ohne Grenzen 2019)

1. Meinungsfreiheit und Zensur

Die englische Schriftstellerin Evelyn Beatrice Hall, die sich im Besonderen mit den Werken Voltaires befasste, sagte einmal: „I disapprove of what you say, but I will defend to the death your right to say it.“ (Kinne 1943, 534). Das freie Äußern der eigenen Meinung war nicht immer möglich und durch das Grundgesetz gesichert. Viele bekannte und unbekannte Persönlichkeiten haben sich jahrelang für die Meinungsfreiheit eingesetzt und bis heute ist ihre Verwirklichung noch nicht in allen Ländern dieser Welt gelungen. Und auch wenn man nicht jede Meinung teilen kann, ist es entscheidend diese frei äußern zu dürfen. Das Schreiben und Veröffentlichen von Büchern, Artikeln und Fotographien ermöglicht es, eigene Ideen und Blickwinkel mit anderen zu teilen und zur Diskussion freizugeben. Durch Presse, Zeitungen, Radio, Fernsehen und Internet geraten Informationen schnell in Umlauf und sollten dabei unzensiert für sich stehen dürfen. Doch dies ist noch immer nicht weltweit möglich. Äußerungen, Ideen und Schriften werden auch heute weiterhin zensiert und Meinungen, die von Seiten des Staates als gesetzeswidrig angesehen werden, unterdrückt. Betrachtet man die Auswertungen der Überprüfung der Pressefreiheit weltweit im Jahre 2019 durch die Reporter ohne Grenzen, sind nur vereinzelt Länder mit guter Lage bezüglich der Pressefreiheit zu erkennen. Viel mehr Staaten haben mit erkennbaren Problemen oder gar einer ernsten Lage zu kämpfen wie Abbildung 1 zeigt  (vgl. Reporter ohne Grenzen 2019). Oft ist dies auf die aktuelle politische Lage oder auch auf eine faschistische Vergangenheit des jeweiligen Staates zurückzuführen
Es wird immer wieder auf die Zensur als Mittel der Unterdrückung von Meinungen und Informationen zurückgegriffen, ganz besonders in Staaten mit totalitären Systemen. Den Bürgern wird nur eine begrenzte Meinungsfreiheit ermöglicht und ihr Zugang zu Wissen wird eingeschränkt und vom Staat gelenkt. Eine Zensur als Mittel der Unterdrückung findet in allen Lebensbereichen statt und prägte den Alltag vieler Menschen beispielsweise in Italien im 20. Jahrhundert sowie auf der ganzen Welt. 
Nachfolgend soll deswegen auf das Konzept der Zensur näher eingegangen werden und deren unterschiedliche Ausprägungen in Kirche, präventiver Form, Moral, Politik, Musik, Theater und Film betrachtet werden. Zusätzlich soll deren Entwicklung und Existenz heute beleuchtet werden und der Lage des faschistischen Italiens zu Zeiten Mussolinis im 20. Jahrhundert in diesen Bereichen der Zensur besondere Beachtung geschenkt werden. 

2. Allgemein

2.1. Begriffsbedeutung

Die Zensur ist eine Form der sozialen Kontrolle und schränkt den Zugang zu Informationen sowie die Möglichkeit einer freien Meinungsäußerung maßgeblich ein. Das Prinzip basiert auf der Annahme, dass bestimmte Aussagen eine soziale, staatliche und moralische Ordnung untergraben könnten. Die Zensur wird folglich besonders für die Aufrechterhaltung eines totalitären Systems genutzt, bei dessen Verwirklichung zudem nicht vor terroristischen Kontrollen zurück geschreckt wird (vgl. Zaslavsky 1991). Der Staat soll durch keinerlei fremder Meinung oder Ideen, die den proklamierten Lehren gegensätzlich sind, gefährdet werden. Durch die Zensur kann das staatliche System das Denken und Sprechen der Bevölkerung lenken und die Verbreitung von Informationen durch das Verbieten bestimmter Werke und Äußerungen einschränken (vgl. Ponso 2005).

2.2. Beginn

Erstmals trat der Ausdruck Zensur ab der Römerzeit um das 5. Jh. v. Chr. in Erscheinung. Ein Zensor war damals ein Richter im öffentlichen Amt, der über die Volkszählung wachte. Dieser registrierte die Bürger sowie deren persönliche Güter und wirkte bei administrativen Aufgaben wie der Einführung von Steuergeldern mit. Erst später traten die Zensoren auch als moralische Autorität beim Zoll in Erscheinung, um das Verhalten der Bürger zu bewerten und zu bestrafen. Fehlverhalten konnte mit einem Zensurvermerk festgehalten werden und zu einer Herabstufung der Klasse des Staatsangehörigen führen (vgl. Ponso 2005).
In der Literatur galt die Zensur zu Anfang noch als ein neutraler Begriff. Ein Text sollte in Bezug auf dessen Lehre durch Fachleute bewertet werden. Dieser Vorgang wurde erst später  negativ konnotiert (vgl. Frajese 2014, 35).

2.3. Ziel der Zensur im Faschismus

Durch die Einführung einer Zensur sollte eine Gefährdung der aktuellen politischen, religiösen und moralischen Ordnung verhindert werden. Auf diese Weise wird ein faschistisches oder kommunistisches System stabilisiert und schließlich aufrechterhalten (vgl. Ponso 2005). Jede dieser Aktionen zugunsten eines faschistischen Systems, hat das Ziel der Missbilligung angeblicher Regelverstöße und der Unterdrückung nonkonformer Abweichungen oder Meinungen (vgl. Argentieri/Muscio 2003).

3. Präventive Zensur

Die präventive Zensur entstand 1501 durch die Einführung eines Druckverbotes ohne vorherige Genehmigung (vgl. Zaslavsky 1991). Diese wurde in allen europäischen Staaten übernommen, allerdings mit unterschiedlicher Intensität. Druckereien wurden kontrolliert und Manuskripte abgeändert oder deren Druck ganz verhindert. Als Folge wurden verbotene Schriften auf illegalem Wege in handschriftlicher Form weitergegeben. Im Besonderen betraf dies Bücher der Magie oder Astrologie (vgl. Zaslavsky 1991, 6f.). Darüber hinaus entstand eine Liste verbotener Bücher, welche die Werke dokumentierte, deren Lesen gesetzeswidrig war (vgl. Frajese 2014, 31). In Italien erfolgte die Zensur aufgrund des existierenden institutionellen Dualismus durch Kirche und Staat (vgl. Frajese 2014, 7f.).
Während der Industrialisierung und den Revolutionen in Österreich und Russland kam es schließlich zu einem Abschwächen der präventiven Zensur. Der freie Informationsfluss sei nun wesentlich für den weiteren Erfolg der Industriegesellschaften und lässt keinen Raum für eine präventive Zensur. Allerdings ermöglicht dieser gewonnene technologische Fortschritt auch eine Erweiterung der Kontrolle öffentlicher Informationen und die Verhinderung einer freien Meinungsäußerung (vgl. Zaslavsky 1991).

4. Kirchliche Zensur

Im Mittelalter war die Kirche die größte Instanz für die Ausübung der Zensur und zensierte Inhalte, die der christlichen Lehre und Moral widersprachen. Dies geschah vor allem durch die Angst vor einer Gefährdung der christlichen Gemeinschaft und durch den Wunsch der Ausrottung von Ketzern (vgl. Zaslavsky 1991). Die kirchliche Zensur betrifft dabei vor allem Bücher, Manuskriptblätter und Wörter, aber auch Gesten von Personen (vgl. Frajese 2014, 35-36). Der Versuch einer kulturellen Reform durch die Kirche wurde angestrebt und sollte durch Zensur und sprachliche Säuberungen, welche als Mittel moralischer und geistiger Strafe genutzt wurde, umgesetzt werden. Das am häufigsten genutzte Strafmittel blieb aber die Exkommunikation, die auf das Lesen, Drucken oder Besitzen ketzerischer Werke folgte (vgl. Frajese 2014, 33-34). Öffentliche Bücherverbrennungen konnten als Form der Buße veranstaltet werden. Insgesamt herrschte allerdings ein fehlender Widerstand gegen die Zensur, was vor allem auf die verhängten Bußgelder zurückzuführen ist (vgl. Frajese 2014, 34). Die Erlaubnis für das Lesen der genannten verbotenen Bücher hatten nur der Papst und die Inquisitoren. Ab 1597 weitete sich diese Befugnis auch auf hochrangige Geistliche, Adelige, Juristen und Mediziner aus (vgl. Frajese 2014, 37f.). Durch die Veröffentlichung des heliozentrischen Weltbildes durch Kopernikus im Jahre 1543, kam es vermehrt zu Zensuren. Verhandlungen sowie Diskussionen und eine Kluft zwischen Dominikanern und Jesuiten entstand daraus in Italien (vgl. Frajese 2014, 43-44).

5. Politische Zensur während des Faschismus

5.1. Funktion

Die politische Zensur im Faschismus sollte dem Schutz der Interessen des Staates und der Herrscher dienen sowie die Vertraulichkeit politischer und militärischer Informationen gewährleisten. So wurden beispielsweise öffentliche Bekanntgaben von Regierungsentscheidungen zensiert, um der Bevölkerung den Zugang nur zu ausgewählten Informationen zu ermöglichen (vgl. Frajese 2014, 68ff.). Aus dem selben Grund umfasst die Zensur im politischen Bereich zudem Regeln und Vorschriften für Verbote in der öffentlichen Kommunikation und der Verbreitung sowie dem Austausch von Informationen und Meinungen (vgl. Zaslavsky 1991).

5.2. Beispiele 

Der Staat überwachte und zensierte in Zeiten des Faschismus Presse, Kino, Radio, Fernsehen und Computer. So wurden Nachrichten über Epidemien oder Naturkatastrophen zensiert, Artikel über Geschlechtskrankheiten erschienen nicht und Frauen in knappen Kleidern durften nicht auf Fotografien abgebildet werden. Ausländische Literatur, Filme, Musik und Zeitungen fanden nicht ihren Weg zum italienischen Volk und Fremdwörter sowie Dialekte wurden verboten. Vor allem pazifistische Filme wie „Im Westen nichts Neues“ widerstrebten der faschistischen Politik. Diese wurden zensiert oder komplett verboten, um das Ansehen des Staates zu wahren und die nationale Einheit zu fördern. Durch gezielte Fotografien und literarische Werke sollte ein traditionelles Familienbild mit Hilfe der Medien vermittelt und das Bild eines linientreuen und gehorsamen Mannes erschaffen werden. Nach der Verabschiedung der Rassengesetze wurden schließlich auch jüdische Veröffentlichung verboten, auch wenn Mussolini dies erst nach einem Abkommen mit Deutschland 1938 unterstützte (vgl. Zaslavsky 1991).

5.3. Geschichtlicher Verlauf der faschistischen Zensur

Betrachtet man den Verlauf der faschistischen Zensur sind drei Phasen im Prozess der Übernahme der Kontrolle zu erkennen. Zuerst wird das Volk seiner Meinungsfreiheit beraubt und unzensierte Informationskanäle werden geschlossen. Anschließend werden Kommissionen zur Verbreitung gezielter Informationen geschaffen und zuletzt wird die totalitäre Kulturpolitik durch positive Propaganda vorangetrieben. In Italien erfolgten diese Schritte 1923 vor allem durch den Erlass eines Gesetzes gegen die Pressefreiheit und durch die Faschisierung großer Oppositionszeitschriften wie „Corriere della Sera“, realisiert durch einen Eigentümerwechsel. In Deutschland waren besonders die Buchbrände prägnant und die Veröffentlichung einer schwarzen Liste mit verbotenen Büchern und einer weißen Liste mit empfohlener Lektüre. Dieser Index enthielt bei seiner Erstellung im Jahre 1935 insgesamt 3601 gesetzeswidrige Titel sowie 524 verbotene Autoren. Zusätzlich wurde vor allem auf die Nachrichtenkontrolle durch die Bestimmung des Inhaltes, der Form, der Typographie und der Fotografien gesetzt, um die faschistischen Staatsvorstellungen schnell umzusetzen (vgl. Zaslavsky 1991).

5.4. Deutsche Literatur in Italien während des Faschismus

Die Deutsche Literatur der Weimarer Republik fand nach dem Ersten Weltkrieg großen Anklang im faschistischen Italien, indem sie thematisch eine modernere Welt bot. Ganz besonders Kriegsromane aus der Sicht des Feindes sowie Großstadtromane über die ökonomische Krise, die Arbeitslosigkeit und ein Land voller politischer Umwälzungen wurden viel gelesen. Ebenso erfreuten sich Romane über die neue emanzipierte Frau, die sich von Kindererziehung, Kirche und Küche distanziert, großer Beliebtheit. Doch Themen wie die Emanzipation der Frau, Abtreibungen, Selbstmord und Pazifismus wurden im konservativen Italien Mussolinis vehement verboten. Das Bild einer selbstständigen Frau mit kurzen Haaren und Hosen, die in der Großstadt wohnt und finanziell unabhängig ist, sollte nicht vermittelt werden (vgl. Barrale 2014, 61f.).
So kam es bei der Übersetzung deutscher Werke zu zahlreichen Umschreibungen und Neugestaltungen, wobei vor allem die subjektive Entscheidung der Verleger im Vordergrund stand (vgl. Barrale 2014, 76). Diese präventive Zensur sollte den Publizisten zum wirtschaftlichen Schutz vor einer Beschlagnahmung der bereits erworbenen Rechte für bestimmte Werke dienen. Auf diese Weise verschwanden gesamte Passagen aus Romanen, Sätze wurden umgeschrieben oder ganze Handlungsstränge abgeändert (vgl. Barrale 2014, 63).
Gut zu erkennen ist dies am Beispiel des Romanes
„stud. chem. Helene Willfüer“ von Vicki Baum. Dieses literarische Werk erzählt die Geschichte der zielstrebigen Chemiestudentin Helene, ihrem Leben als alleinerziehende Mutter und dem Weg zum wissenschaftlichen sowie beruflichen Erfolg. Die Autorin Vicki Baum behandelt insbesondere die Themen der Abtreibung und Emanzipation der Frau und kreierte somit eine Protagonistin, die nicht dem faschistischen Frauenbild entsprach. Der Großteil der textuellen Abänderungen und Löschungen im Übersetzungsprozess betreffen deswegen primär Szenen zu den Gebieten Schwangerschaft und Abtreibung (vgl. Barrale 2014, 64). Im genauen ist dies anhand einiger Textbeispiele in der nachfolgenden Abbildung 2 zu erkennen: 

Vergleich der deutschen und italienischen Ausgabe von Vicki Baums „stud. chem. Helene Willfüer“
Handlung Deutscher Ausgangstext Italienischer Zieltext

Bsp. 1:
Gedanken zur Abtreibung (1)

Sie hat sich noch nicht ausgesprochen, ihre Angst, ihren Wunsch, ihr abseitiges und verbotenes Anliegen [Hervorhebung vom Verf.] noch nicht auszudrücken gewagt. Gott weiß, ob Professor Riemenschneider sie verstehen wollen wird-. (Barrale 2014, 65) Mentre il dottore la visita, si domanda se avrà il coraggio di parlare, di dire l‚atroce cosa, il delittuoso servizio che ella…
(Barrale 2014, 65)
Bsp. 2:
Gedanken zur Abtreibung (2)
Denken Sie, daß in Ihnen ein Mensch wächst, der vielleicht [Hervorhebung vom Verf.] einmal ihr ganzes Glück sein wird. Vielleicht ein Genie, ein Dichter, ein Entdecker, etwas Großes. Die Möglichkeit, die in Ihnen wächst, darf nicht [Hervorhebung vom Verf.] zerstört werden. (Barrale 2014, 65)

Pensi che in lei si svolge una creatura umana che certo un giorno sarà tutta la sua felicità, che forse sarà un genio, un poeta, un inventore. Sarebbe delitto annientare in lei questa possibilità.
(Barrale 2014, 65)

Bsp. 3:
Versuch eines Schwangerschaftsabbruches und Ausschlagen von lebenserhaltenden Maßnahmen 
Aber die kranke Arbeiterfrau, welche auf dunkle Weise versucht hat, ihre sechste Schwangerschaft zu unterbrechen, und die ganz müde und zufrieden und ausgeblutet daliegt, die möchte lieber sterben. Sie hat es ausdrücklich und mit letzter Kraft der Schwester versichert, und es ist beinahe eine Grausamkeit, daß ein Assistenzarzt versuchen will, eine Bluttransfusion an ihr auszuführen. (Barrale 2014, 67) – Gestrichene Passage –

(Barrale 2014, 67)

Bsp. 4:
Nahende Tod des Physikers (1)
Der Physiker Biehlmaier hat sich eine
Quecksilbervergiftung zugezogen, er ist
ein Greis geworden, ohne Zähne, mit wunden Schleimhäuten und tödlich krankem
Darm. Er wird knapp vor dem Ziel gestorben sein. (Barrale 2014, 66)
– Gestrichene Passage –

(Barrale 2014, 66)

Bsp. 5:
Nahende Tod des Physikers (2)

Der Physiker Biehlmaier fürchtet keine giftigen Dämpfe mehr, da er doch sterben muß. (Barrale 2014, 66) – Gestrichene Passage –

(Barrale 2014, 66)

 

 

 

Abbildung 2: Textstellen (Barrale 2014, 65-67)

Die deutsche Passage des ersten Textbeispieles, in dem Gedanken zur Abtreibung als „abseitiges und verbotenes Anliegen“ (Barrale 2014, 65) konkretisiert werden, wandeln sich in der italienischen Ausgabe in einen „delittuoso servizio“ (Barrale 2014, 65) um und wurden auf diese Weise mit einer Wertsteigerung von verboten zu verbrecherisch und ungesetzlich markiert. Ebenso wird im italienischen Zieltext kein Zweifel daran gelassen, dass ein eigenes Kind die größte Freude im eigenen Leben wäre. Wo im deutschen Ausgangstext des zweiten Beispieles erklärt wird, dass ein Kind nur „vielleicht einmal ihr ganzes Glück sein wird“ (Barrale 2014, 65), verstärkt die Übersetzung diese Aussage zu „certo un giorno sarà tutta la sua felicità“ (Barrale 2014, 65). Die Option, dass die Gründung einer eigenen Familie nicht die Erfüllung und das große Glück sei, wird in der italienischen Übersetzung nicht offen gelassen. Diese beiden Textstellen geben „die klare Absicht die Abtreibung zu dämonisieren und die Mutterfreuden zu rühmen“ (Barrale 2014, 65) zu erkennen. 
In einer späteren Passage, die eine versuchte Abtreibung und den Wunsch nach dem Tod behandelt, ist eine komplette Zensur dieses Themas festzustellen. So verschwindet das Schicksal der Arbeiterfrau, die sich den Tod ersehnt, gänzlich aus der italienischen Fassung des Romanes wie Textbeispiel drei aufzeigt (Barrale 2014, 67). Folglich galt nicht nur die Thematik der Abtreibung als verboten, sondern auch der Tod wurde als Tabuthema erachtet (vgl. Barrale 2014, 66). So wurde auch die gesamte vierte und fünfte Textstelle über den nahenden Tod des Physikers Biehlmaier aufgrund einer zugezogenen Quecksilbervergiftung in dem italienischen Zieltext zensiert und ist nur den Lesern der deutschen Romanfassung vorbehalten (vgl. Barrale 2014, 66).

6. Moralische Zensur

Die moralische Zensur galt ab Mitte des 19. Jahrhunderts als die stärkste Form der Zensur in der angloamerikanischen Welt. Sie richtete sich gezielt gegen Pornographie und Obszönität. In ihrem Fokus stand die Abgrenzung von der Vergangenheit sowie den anstandslosen armen Stadtbewohnern. Vor allem die Mittelklasse versuchte menschliche Werte wie den Familiensinn, die Sparsamkeit, die Intelligenz, die Selbstbeherrschung und die Bescheidenheit zu betonen. Eine Kontrolle über die Einhaltung dieser Ziele wurde mithilfe der moralischen Zensur geregelt. Der Staat schloss sich mit Interessensgruppen sowie privaten Institutionen zusammen, um gemeinsam eine Überwachung der Bevölkerung sicherzustellen. Ihr Ziel war es, Religion und Tugend zu fördern sowie Zeitungen und Bücher mit obszönen Inhalten abzuschaffen. Die öffentliche Meinung war hierbei von großem Belang und beeinflusste die Ausübung der moralischen Zensur maßgeblich. Veröffentlichte Werke, die nicht der damaligen Moralvorstellung entsprachen, wurden beschlagnahmt und oftmals sogar vernichtet. Betrafen die Verstöße nur einzelne Textpassagen, wurden diese Stellen, Wörter oder Ausdrücke aus den entsprechenden Romanen gelöscht. So fühlten sich einige Autoren gezwungen, sich den moralischen Zwängen anzupassen, um einer Beschlagnahmung ihres literarischen Werkes vorzubeugen. Erst 1959 kam es zu einer Gesetzesänderung aufgrund der wachsenden Toleranz im Hinblick auf Fragen der Sexualität. Eine Besorgnis über die Auswirkungen auf die Gesellschaft blieb jedoch bestehen (vgl. Zaslavsky 1991).

7. Sprachreinigung im Dienste der Wahrheit

Mit der Französischen Revolution kam es zu einer Wertsteigerung von Wissenschaft, Wahrheit und Tugend und dem damit einhergehenden Ziel einer Sprachreinigung im Dienste der Wahrheit. Es existiert ein enges Verhältnis von Sprache und Denken, welches nicht immer mit der Wissenschaft übereinstimmt. Es bestand die Befürchtung, dass Aussagen wie „die Sonne geht unter“ (Trabant 2017, 123), ein falsches Denken durch die Sprache transportieren könnten. Auch wenn es bei einem Sonnenuntergang tatsächlich aussieht, als würde die Sonne auf bestimmte Zeit verschwinden, sollte ein solches wissenschaftlich widerlegtes Denken nicht durch bestehende Ausdrücke gefördert werden (vgl. Trabant 2017, 123). Das Ziel war es nun, die exakten Bedeutungen in existierende Wörter zu bringen und falsche Aussagen zu berichtigen. So sollte von einem verhassten König nun mehr als „tyran“ statt „roi“ berichtet werden und die Abschaffung zwischen „Tu“ und „Vous“ wurde angestrebt. Auch der Kalender sollte überarbeitet werden, so dass die Monate passend zum Zustand der Natur benannt wären und es Monate wie den Heißmonat oder Schneemonat gäbe. Durch solche abgeänderte Begriffe würde schon mitsamt des Wortes dessen Bedeutung übermittelt werden (vgl. Trabant 2017, 124).
Doch die Sprachreinigung nach diesem Prinzip missglückt. Die Erkenntnis, dass erst auf Veränderungen der Realität sprachliche Anpassungen folgen, resultiert daraus (vgl. Trabant 2017, 125). Dennoch ist die Sprache auch heute noch geprägt von Fremd- und Selbstzensur und unterliegt einer Sprachrevolution. Die aktuelle Thematik der Flüchtlingskrise lässt die Menschen die Semantik des Wortes „Flüchtling“ überdenken, wobei einige zu der Erkenntnis kamen, dies wäre negativ konnotiert. So sollte auch hier besser die berichtigte Variante „geflüchtete Person“ in den Sprachgebrauch übernommen werden. Vor allem in Deutschland vor dem historischen Hintergrund des früher herrschenden Nationalsozialismus soll besonders auf Wörter, die befehlend und verletzend sein könnten, geachtet werden und diese abgeschwächt werden (vgl. Trabant 2017, 125). Doch auch hier geht das Denken im Sprechen weit über die Sprache hinaus. Bestimmte Wörter und Ausdrucksweisen können das Denken anderer nicht befehlen und auch das Denken an sich ist nicht restlos in der Sprache verankert. Obgleich wissenschaftlich falsche Ausdrücke wie „die Sonne geht unter“ (Trabant 2017, 126) noch existieren, ist das Wissen über die Bewegungen von Erde und Sonne der Menschheit bekannt. Eine zwanghafte Veränderung der Begriffe durch den Wunsch der Bedeutungsvermittlung ist also nicht nötig (vgl. Trabant 2017, 126).

8. Zensur in Musik und Theater während des Faschismus

Die Zensur im faschistischen Italien erstreckte sich auch über Musik und Theater. Der Fokus lag hier im Besonderen auf der Prüfung von Liedtexten. Der Melodie und den Noten schenkten die Zensoren kaum Beachtung. Es entstanden gezielt Lieder für die Arbeiterklassen, die landwirtschaftliche Betätigung wie die Arbeit auf dem Feld, lobpreisten. Auf Wunsch des Staates wurden immer mehr solcher musikalischer Werke produziert, welche die Tugenden bestimmter Regionen Italiens idealisieren sollten (vgl. Ragnedda 2014, 205). Zur Förderung der faschistischen Einheit wurden zusätzlich nationale Hymnen, Kriegsgesänge sowie nationalistische Lieder verbreitet und gefördert, so dass gleichzeitig musikalischen Alternativen möglichst wenig Raum geboten werden konnte (vgl. Cailliez 2016, 9). Durch eine staatliche Überwachung des Radios stellte Mussolini im Italien des 20. Jahrhunderts außerdem sicher, dass keine Lieder jüdischer Komponisten gespielt wurden (vgl. Ragnedda 2014, 204).
Im Theater fand die Zensur in erster Linie durch eine Überwachung von Aufführungen sowie durch die vorherige Prüfung von Texten statt. Dies war weit komplexer als in anderen Bereichen, da immer wieder versucht wurde, versteckte Botschaften in Bühnenbild, Text und Kommunikation von Theateraufführungen einzubauen. Verwirklicht wurde dies vor allem mit Hilfe von Metaphern und Ellipsen, so dass durch das Ungesagte mit dem Publikum kommuniziert wurde. Durch eine Kontrolle des Skriptes allein konnten diese Hinweise von dem faschistischen Staat und der Polizei meist nicht entschlüsselt werden, so dass zusätzlich Kleidung, Bühnenbild und Werbeplakate einer genauen Inspektion unterlagen (vgl. Frajese 2014, 126).

9. Zensur in Filmen

9.1. Allgemeines

Die Zensur in Filmen bezieht sich sowohl auf Drehbücher, als auch auf die fertigen filmischen Werke. Ausgeführt durch den faschistischen Staat, wurden diese kontrolliert sowie gleichzeitig für eine gezielte Platzierung bestimmter Inhalte genutzt. Auch Theatermanager und Verleiher selbst zensierten ihr Angebot. Diese Marktzensur filtert Filme entsprechend ihrem Anklang beim Publikum und geht somit besonders auf die Nachfrage der Bevölkerung ein. Im Einzelnen werden vor allem beleidigende Darstellungen von Moral, Anstand und Privatpersonen im Film zensiert sowie schädliche Inhalte für Prestige und Würde des Staates verboten (vgl. Argentieri/Muscio 2003). Im Rahmen der Moralischen Zensur im Film wurde zusätzlich ein Klassifizierungskriterium der Motion Picture Association eingeführt, welches Minderjährigen das Sehen bestimmter Filme untersagt (vgl. Zaslavsky 1991).

9.2. Entwicklung während des Faschismus in Italien

Die Filmische Zensur wurde von faschistischen oder rechtsradikalen Regimen wie in Italien zur Zeit Mussolinis ausgeübt, bis sie schließlich die gesamte Filmindustrie von der Produktion bis zum Vertrieb übernommen hatten. Eine Zensur der katholischen Presse und Kinos war in Italien durch den Staat jedoch nicht möglich. So baten die Medien, geführt von der Kirche, der Bevölkerung eine Alternative zu den faschistischen Massenmedien. Doch auch wenn der faschistische Staat keinerlei Einfluss auf die gezeigten Filme hatte, kontrollierte und filterte er das Publikum der katholischen Kinos, so dass es nur Gläubigen erlaubt war, solche Filme zu sehen (vgl. Zaslavsky 1991).
Zudem bestand eine finanzielle Abhängigkeit der Filmindustrie von staatlichen Beihilfen. Auf diese Weise kam es zu bestimmten staatlichen Konditionen hinsichtlich der Werbemaßnahmen. Auch polizeiliche Kontrollen wurden durchgeführt, allerdings mit einer lokal sehr unterschiedlichen Vorgehensweise und Intensität. Deswegen wurde 1913 in Italien schließlich ein Gesetzesentwurf verabschiedet, welcher die Inspektion von in Italien produzierten und importierten Filmen legitimiert. Ab dem Eintritt in den Ersten Weltkrieg kam es vermehrt auch zu militärischen Kontrollen der Filmindustrie aufgrund der steigenden Furcht des Staates davor, dass Filme sehr suggestiv sein können und eine unmittelbare Kommunikation erlauben. Durch die Nationalisierung des Importes von Filmen ab 1938 kam es aber zu ersten Lockerungen in der Filmischen Zensur. Illiberale staatliche Einmischungen bleiben jedoch bestehen, selbst nach der Abschaffung der präventiven Zensur von Drehbüchern im Jahre 1945. Die Regisseure streben nun nach Modernität und Individualität und neigen zeitgleich immer noch zur Einhaltung von bisher bestehenden Referenzwerten für die Filmindustrie, die sie stark prägten. Vor allem zwischen 1948 und 1962 kam es zu kontroversen Diskussionen über die Zensur, bis diese schließlich nur noch auf moralisch fragwürdige Filme beschränkt wurde (vgl. Argentieri/Muscio 2003).

9.3. Zensierte Filme im faschistischen Italien und weltweit

So kam es in Italien zu Zeiten des Faschismus zur Zensur einzelner italienischer Filme sowie einiger internationaler Werke. Auch wenn die Filme italienischer Produzenten nur selten streng zensiert wurden, unterlag im Jahr 1933 der Film „Ragazzo“ von Ivo Perilli als einziges italienischsprachiges Werk einer totalen Zensur. Dieses filmische Werk, das von einem neapolitanischen Rüpel, der sich der faschistischen Organisation anschloss, um sich selbst zu erlösen, handelt, wurde angeblich von Mussolini selbst verboten. Mario Camerinis filmische Darstellung von „Il cappello a tre punte“ wurde zwei Jahre später ebenfalls verboten. Einige Szenen in dem 1931 erschienenen Film „Piccolo Cesare“, der von dem amerikanischen Filmregisseur Mervyn LeRoy produziert wurde, unterlagen ebenfalls aufgrund von feindseligen Darstellungen des italienischen Volkes der Zensur. Auch die Erhöhung eines anderen Staates wurde missbilligt, so dass solche Szenen schon vor Erscheinen eines Filmes zensiert wurden. So sah das italienische Publikum nie die Aufnahmen in „I lancieri del Bengala“ von Henry Hathaway aus dem Jahr 1935, die die britische imperiale Herrschaft erhöhen (vgl. Argentieri/Muscio 2003).
Doch nicht nur i
n der Filmindustrie im faschistischen Italien fand die Zensur ausgeübt durch den Staat statt. Auch weltweit wurde diese Möglichkeit der Kontrolle und Einschränkung genutzt. In Estland der 1930er Jahre wurden so Filme ohne künstlerischen Wert abgelehnt, in China Filme über das Ändern lokaler Gepflogenheiten verboten und in muslimischen Ländern werden noch bis heute Darstellungen des Propheten in Filmen abgelehnt sowie als gesetzeswidrig angesehen (vgl. Argentieri/Muscio 2003).

10. Gründe für den erfolgreichen Abbau der Zensur

Durch die Entwicklung hin zur Individualität und die wachsende Tendenz zur Selbstbestimmung kam es schließlich zum Rückgang der Zensur. Der Wohlstand nahm weiter zu und technologische Innovationen erschienen auf dem Markt. Die Akademische Freiheit setzt sich stark für die Verbreitung von Ideen und Meinungen ein und fördert gleichzeitig offene Diskussionen sowie den Wissensaustausch. Durch die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit 1975 wird der freie Informationsfluss zwischen Ost und West auch gesetzlich gewahrt. Auf diese Weise hat die liberale Entwicklung einige zensorische Beschränkungen, wie die staatliche Bestimmung von richtig und falsch, erfolgreich beseitigt (vgl. Zaslavsky 1991).

11. Zensur heute

Seit 1948 ist das Recht auf Information und Redefreiheit durch die Menschenrechtsverordnung fest im Gesetz verankert (vgl. Ponso 2005). Die italienische Verfassung beschreibt in dem Artikel 21 die Rechtslage zur Meinungsfreiheit wie folgt:

Tutti hanno diritto di manifestare liberamente il proprio pensiero con la parola, lo scritto e ogni altro mezzo di diffusione. La stampa non può essere soggetta ad autorizzazioni o censure. […] Sono vietate le pubblicazioni a stampa, gli spettacoli e tutte le altre manifestazioni contrarie al buon costume. La legge stabilisce provvedimenti adeguati a prevenire e a reprimere le violazioni.

(Costituzione della Repubblica Italiana 1947)

So ist es italienischen Bürgern gestattet, ihre Meinung in Wort und Schrift frei zu äußern und zu verbreiten. Eine Zensur der Presse ist nicht erlaubt, dennoch obliegt es weiterhin dem Staat, Veröffentlichungen, die die guten Sitten missachten, zu verbieten und Verstöße mit entsprechenden Sanktionen zu belegen. Doch eine so radikale Zensur wie zu Zeiten Mussolinis, angetrieben von faschistischen Gedanken, gibt es in Italien heute nicht mehr. Wie die zu Beginn erwähnte Graphik zur Pressefreiheit weltweit zeigt, besteht in Italien in Bezug auf die freie Meinungsäußerung in Medien und Presse aktuell zumindest eine zufriedenstellende Lage (vgl. Reporter ohne Grenzen 2019). Allerdings kommt es in manchen Ländern dieser Welt weiterhin zu Zensuren mit dem bewussten Ziel der Ausgrenzung und Unterdrückung von staatsabweichenden Äußerungen sowie Darstellungen beispielsweise in den sozialen Medien. Dies betrifft insbesondere die Wiedergabe der LGBTQ (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer) Gemeinschaft in Filmen, wie ein von der Zeitschrift „Rolling Stone“ berichtetes aktuelles Beispiel zeigt. Aufgrund eines homosexuellen Charakters in der türkischen Netflix-Dramaserie „If Only“, wurde die Filmlizenz hierzu von der türkischen Regierung verweigert. Durch die weltoffene Einstellung des Streaming-Dienstes, die eine Streichung des homosexuellen Charakters nicht billigte, wurde der Dreh für die Serie schließlich komplett abgesagt (vgl. Nowak 2020). Auch die 2017 erschienene Neuverfilmung des Disney Klassikers „Die Schöne und das Biest“ löste kontroverse Diskussionen aufgrund des homosexuellen Nebencharakters LeFou aus. So unterlag der Film in mehreren Kinos in Kuwait und einem Kino in einem ländlichen Gebiet Alabamas einer totalen Zensur. In Malaysia wurden die angeblich unpassenden Szenen aus dem Film geschnitten und in Russland wurde dieser zwar unzensiert gezeigt, im Vorfeld allerdings mit einer FSK 16 Grenze versehen (vgl. Raghavan 2017).
Der Gedanke der Integration und Akzeptanz ist folglich noch nicht in allen Ländern dieser Welt angekommen. Dennoch werden heutzutage immer mehr Fortschritte bei der Einbindung von Transgender, queeren, homo- und bisexuellen Haupt- und Nebenrollen in Bewegtbildern gemacht (vgl. Brandt 2017, 10). Dieser Schritt weg von der Zensur ist bedeutend und hat großen Einfluss besonders auf die erwähnte LGBTQ Gemeinschaft. Die Zensur in einer Demokratie versucht heute vor allem ein Gleichgewicht zwischen Meinungsfreiheit und der Wahrung von Menschenrechten zu finden. Sie soll zudem dem Schutz der Menschheit dienen, um weiterhin beispielsweise Informationen zu nuklearen Waffen geheim zu halten oder den noch existierenden Rassenhass oder Diskriminierungen unterbinden zu können (vgl. Zaslavsky 1991). Letzteres ist besonders heutzutage wichtig, da die sozialen Medien einen großen Raum im Alltag der Menschen einnehmen. So wird die „medienethische Verantwortung für die Produktion von Inhalten […] durch Professionsethiken […], aber auch durch vertragliche, medienrechtliche Vereinbarungen reguliert“ (Dang-Anh u.a. 2013, 84). Dadurch, dass sich durch die stetig wachsenden sozialen Netzwerke immer mehr individuelle Nutzer öffentlich äußern können, ist eine eindeutige Bestimmung der Verantwortung von online geteilten Inhalten nicht immer möglich (vgl. Dang-Anh u.a. 2013, 84). Um nun „Online-Extremismus“ (Neumann u.a. 2018, 19) in den sozialen Medien entgegen zu wirken, wird oft auf sogenannte „’negative Maßnahmen‘ – wie Zensur und Kontensperrung“ zurück gegriffen (Neumann u.a. 2018, 19). Regierungen fordern vermehrt seit 2014 Privatunternehmen auf, extremistische Äußerungen zu zensieren, Konten zu sperren und derartige Meinungen zu untergraben (vgl. Neumann u.a. 2018, 20). Diese zensorischen Mittel sollen kombiniert mit der Bewusstseinsbildung für den existierenden Extremismus diesem entgegenwirken (vgl. Neumann u.a. 2018, 19f.).

12. Fazit und Perspektiven

Zusammenfassend ist zu erkennen, dass die Zensur in sämtlichen Lebensbereichen zu finden ist. Wie in den vorangehenden Kapiteln aufgezeigt, wurde sie präventiv genutzt, um den Buchdruck, Skripte für Theateraufführungen oder Drehbücher für Filme zu überwachen. Gleichzeitig haben sich Kirche und Staat die Zensur zu Nutze gemacht, um religiöse oder politische Ziele durchzusetzen und haben sich dabei in keinerlei Hinsicht von ihrem Ziel abhalten lassen. Diese Radikalität betraf auch die kreativen Bereiche Musik und Theater, deren Texte abgeändert und Aufführungen streng überwacht wurden. Filme wurden zensiert oder auch ganz verboten und dienten gleichzeitig der Vermittlung bestimmter politischer Abbildungen, Ansichten und Familienbilder. Auch für eine Sprachreinigung sowie die Vertretung moralischer Auffassungen wurde die Zensur genutzt. Sie war der ständige Begleiter der Bevölkerung, ganz besonders im faschistischen Italien im 20. Jahrhundert. Ausgeübt durch den Staat sollte sie hier das Denken und Handeln der Menschen maßgeblich beeinflussen, einschränken sowie leiten. Die freie Meinungsäußerung war nicht mehr möglich und der uneingeschränkte Austausch von Informationen der Bevölkerung untersagt. Es wurde jedem vorgeschrieben, welche Ansichten richtig und welche falsch wären, was man für ein Leben zu führen hat und wie die eigene Rolle in der Familie zu sein hat. Durch gezielte Propaganda über Film, Radio, Literatur, Fotografie sowie Musik sollten diese festen Vorgaben von jedem einzelnen verinnerlicht und umgesetzt werden. Erst durch die stetig steigende Selbstbestimmung der Menschen, deren Wissensdrang und Wunsch nach einem freien Informationsaustausch, kam es schließlich zu einem Rückgang der Zensur. Werte wie die Redefreiheit oder der Anspruch auf Informationen sind heute im Grundgesetz festgesetzt und sichern die Rechte jedes einzelnen. Doch trotz solcher Beschlüsse, ist eine vollständige Auflösung der Zensur bis heute noch nicht gelungen. Denn nicht jedes Land dieser Welt geht offen mit staatsabweichenden Meinungen sowie Lebensweisen um, so dass einige weiterhin versuchen, diese zu unterbinden. Doch wie schon zu Anfang erwähnt, auch wenn man bestimmte Ansichten anderer Mitmenschen nicht teilt, ist es wichtig diese frei äußern zu dürfen und sich hierfür gezielt gegen eine Zensur stark zu machen. 

1Interessante und gute Portale zur Ergänzung wären:
– Ventura, Marco (2016): E l’indice dei libri finì all’indice Autori e titoli: il grafico interattivo (Link)
– Biblioteca dell’Archiginnasio (2018): Censura libraria e applicazione delle leggi razziali nella Biblioteca dell’Archiginnasio (Link)

Bibliographie

  • Argentieri/Muscio 2003 = Argentieri, Mino / Muscio, Giuliana (2003): Enciclopedia Treccani: Censura (Link).
  • Barrale 2014 = Barrale, Natascia (2014): Zwischen Zensur und Selbstzensur Deutsche Literatur der Weimarer Republik in den italienischen Übersetzungen während des Faschismus, in: Jahrbuch für Internationale Germanistik, vol. 2014, 1, Peter Lang Academic Publishing Group, 61-76.
  • Brandt 2017 = Brandt, Savannah (2017): Orange Is The New Black: Grundanalyse spezifischer LGBT Kritikpunkte, Berlin.
  • Cailliez 2016 = Cailliez, Matthieu (2016): Nationalmusik, patriotische Musik, Widerstand und Zensur: Diskurse in der europäischen Musikpresse während der Revolutionsperiode von 1848, Schott Music GmbH & Co. KG.
  • Costituzione della Repubblica Italiana 1947 = Costituzione della Repubblica Italiana (1947): Costituzione della Repubblica Italiana (Link).
  • Dang-Anh u.a. 2013 = Dang-Anh, Mark / Einspänner, Jessica / Thimm, Caja (2013): Die Macht der Algorithmen-Selektive Distribution in Twitter.
  • Frajese 2014 = Frajese, Vittorio (2014): La censura in Italia: dall'Inquisizione alla Polizia, Gius. Laterza & Figli Spa, Google Books E-Book Ausgabe.
  • Kinne 1943 = Kinne, Burdette (1943): Voltaire Never Said it!, in: Modern Language Notes, vol. 58, 7, Johns Hopkins University Press, 534-535.
  • Neumann u.a. 2018 = Neumann, Peter / Winter, Charlie / Meleagrou-Hitchens, Alexander / Ranstorp, Magnus / Vidino, Lorenzo (2018): Die Rolle des Internets und sozialer Medien für Radikalisierung und Deradikalisierung, vol. 10, DEU.
  • Nowak 2020 = Nowak, Svenja (2020): Netflix streicht türkische Serie mit homosexuellem Charakter, in: Rolling Stone, Zugriff am 23.07.2020 (Link).
  • Ponso 2005 = Ponso, Marzia (2005): Enciclopedia dei ragazzi Treccani: censura.
  • Raghavan 2017 = Raghavan, Sudarsan (2017): Disney’s hit ‘Beauty and the Beast’ is banned in Kuwait for its ‘gay moment’, in: The Washington Post, Zugriff am 23.07.2020 (Link).
  • Ragnedda 2014 = Ragnedda, Massimo (2014): Radio Broadcasting in Fascist Italy: between censorship, total control, Jazz and Futurism, in: Broadcasting in the Modernist Era, A&C Black, 195-211.
  • Reporter ohne Grenzen 2019 = Reporter ohne Grenzen (2019): Pressefreiheit weltweit 2019 (Link).
  • Trabant 2017 = Trabant, Jürgen (2017): Die Erfindung der Sprachwaschmaschine, in: Zeitschrift für Ideengeschichte, vol. XI/1, 123-126.
  • Zaslavsky 1991 = Zaslavsky, Victor (1991): Enciclopedia Treccani: Censura (Link).
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Eine Antwort

  1. – „Erstmals trat der Begriff der Zensur…“ (https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=181036&lv=0#p:3) –> ‚der Ausdruck Z…‘, der damit verbundene ‚Begriff‘ ist ja ein anderer als heute
    – „untergraben“ (https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=181036&lv=0#p:19), der Ausdruck ist negativ konnotiert, die gemeinte sache ist aber positiv, „Gründe für den Rückgang“, eher: ‚Gründe für den erfolgreichen Abbau‘ o.ähnl.
    – „gegen eine von ihm festgesetzte Moral“ (https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=181036&lv=0#p:22) -> wirklich? im Zweifelsfall wäre das doch wohl erst durch Gerichte zu klären, oder?
    – „zu anfangs“ (https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=181036&lv=0#p:23) -> entweder ‚anfangs‘ oder ‚zu Anfang‘
    gute Portale sind:
    https://www.corriere.it/la-lettura/orizzonti/16_febbraio_29/indice-libri-proibiti-l-ebolizione-50-anni-fa-d61499ba-df0e-11e5-8660-2dd950039afc.shtml
    http://bimu.comune.bologna.it/biblioweb/mostra-ebrei-archiginnasio/

    formal: die Literaturhinweise und Quellenangaben besser vor dem Satzzeichen einfügen; außerdem bitte den Unterschied zwischen wörtlichen Zitaten (Name, Jahr, Seite) und sinngemäßen Zitaten (vgl. Name, Jahr, Seite) beachten

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