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Geschriebene Sprache(n) im öffentlichen Raum und die Linguistic Landscape

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Zitation: Thomas Krefeld (2021): Geschriebene Sprache(n) im öffentlichen Raum und die Linguistic Landscape. Version 1 (02.02.2021, 10:27). Lehre in den Digital Humanities. url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=211807&v=1

1. Parameter zur Typisierung der Kommunikationsformen

Immer wieder kommt es vor, dass auch kürzere wissenschaftliche Aufsätze eine starke Wirksamkeit entfalten; ein so erfreuliches Schicksal hat die Arbeit von Landry/Bourhis 1997 erfahren. Mit dem Titel, Linguistic Landscape and Ethnolinguistic Vitality, positionierten sich die beiden kanadischen Autoren einerseits in der Ethnolinguistik und andererseits lancierten Sie das Konzept der ‘Linguistic Landscape’, das international weithin rezipiert wurde.  Zu Grunde lag eine Neubewertung schriftlicher Kommunikation im öffentlichen Raum1Solche schriftlichen werden auf italienisch auch als scritture esposte bezeichnet.:

„The language of public road signs, advertising billboards, street names, place names, commercial shop signs, and public signs on government buildings combines to form the linguistic landscape of a given territory, region, or urban agglomeration.“ (Landry/Bourhis 1997, 25)

Genauer gesagt geht es um die Frage, ob und in welchem Maße andere Sprachen als die Staatsprache(n) sichtbar sind.  

„Der Fokus der Linguistic Landscape-Forschung liegt auf der Mehrsprachigkeit in der Stadt, weswegen manche statt von Lin­guis­tic Landscape auch von multilingual cityscape sprechen (vgl. u.a. Gorter 2013Shohamy/Ben-Rafael 2015).[…] In ihr spiegelt sich besonders deutlich das Prestige von Dialekten, Minderheiten­spra­chen, Herkunftssprachen, Fremdsprachen sowie Englisch als lingua franca (vgl. Seidlhofer 2009) wider; dieses konstruiert sie gleichzeitig aber auch mit. Die Sprachen können dabei sowohl eine kom­mu­nikative als auch eine symbolische Funktion erfüllen“ (Pustka 2020, P:57).

Diese Konzentration auf ‘andere’ Sprachen und Varietäten ist sinnvoll und in mehrfacher Hinsicht nützlich, denn die Dokumentation liefert nicht nur Hinweise auf das Prestige und die Funktionalität der Sprachen sondern auch auf die sprachliche und kulturelle Pluralität der jeweiligen Gesellschaft. Allerdings verdient – darüber hinaus –  bereits die Präsenz der gesellschaftlich dominierenden Sprache durchaus linguistisches und allgemein semiotisches Interesse, denn strenggenommen ist die ‘sprachliche’ nur ein Teil der ‘semiotischen Landschaft’.

semiotic landscape    
  linguistic landscape  
     

Zwar interessieren in ethnolinguistischer Sicht in erster Linie die sprachlich vermittelten Informationen; andere Faktoren nehmen jedoch durchaus Einfluss auf die vermittelte Botschaft und können daher nicht einfach ausgeblendet werden. Die vielfältigen Arten schriftbasierter Kommunikation im öffentlichen Raum lassen sich auf der Grundlage des klassischen Kommunikationsmodells von Roman Jakobson leicht typisieren. Relevant sind die folgenden Faktoren:   

  CONTEXT/KONTEXT  
  MESSAGE/MITTEILUNG  
ADDRESSER/SENDER —————— ADDRESSEE/EMPFÄNGER
  CONTACT/KONTAKT  
  CODE/CODE  

„factors, inalienably involved in verbal communication“ (Jakobson 1960c, 351)

Bezogen auf den öffentlichen Raum können die Faktoren wie folgt präzisiert werden:

  • SENDER: Einen großen Teil der Kommunikation verantwortet die staatliche Autorität, denn die Kommunikation ist grundlegend für die Steuerung des Verhaltens der Personen, die sich im öffentlichen Raum bewegen. Das Anbringen privater Mitteilungen ist stark reglementiert; vollkommen frei können sie nur an Orten erfolgen, die unter privater Hohheit stehen, wie zum Beispiel in Schaufenstern, auf Autos oder auch auf der Kleidung.(Link). 
  • EMPFÄNGER: Individualisierte Mitteilungen sind zwar möglich und auch gelegentlich zu beobachten aber grundsätzlich ist das Publikum unkontrollierbar und anonym. Es ist daher im Fall persönlicher Kommunikation auch mit Verschlüsselungsstrategien zu rechnen, wie zum Beispiel mit der Verwendung seltener Sprachen.   
  • MITTEILUNG: Die mitgeteilten Inhalte sind praktisch unbegrenzt; pragmatisch gesehen dominieren jedoch bestimmte Sprechakte (vgl. Searle 1976); die Direktiva verpflichten z.B, im Straßenverkehr zu einem ganz bestimmten Verhalten – ihre Missachtung ist rechtlich sanktioniert. Dazu gehören aber auch Appelle wie zum. die kommerzielle Werbung (‘Kauf mich!’), die politische Propaganda (‘Wähl mich!’)  oder die religiöse Mission (‘Tritt in meine Glaubensgemeinschaft ein!’); die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Formen des Appells sind unscharf und werden oft bewusst verschleiert, etwa dann, wenn hinter religiösen Aufforderungen  kommerzielle Interessen stehen. Häufig sind auch Repräsentativa (oder Assertiva), die über den Raum, etwa über die Funktion und/oder die Geschichte bestimmter Gebäude/Orte berichten, wie z.B.:

Photo 1: Repräsentative (assertive) Mitteilung im öffentlichen Raum (Quelle)

In bestimmten Kommunikationsformen, wenn subjektive oder soziale Befindlichkeiten mitgeteilt werden, sind jedoch auch Expressiva stark vertreten:

Photo 2: Repräsentative (assertive) und direktive Mitteilung im öffentlichen Raum (Quelle)

  • KONTEXT: Die Photos 1 und 2 zeigen Mitteilungen, die sehr unterschiedlich kontextualisiert sind; zum Kontext gehört auch die materielle Ausführung der Schrift; im ersten Fall handelt es sich um ein so genanntes Schild, d.h. um einen fest im Raum angebrachten Träger, dessen Funktion  in der dauerhaften Wiedergabe einer Mitteilung besteht (Schilder – Verkehrsschilder, Namensschilder,  Hinweisschilder u.a.). Ähnlich funktionieren Aufkleber; das Anbringen fester schriftlicher Mitteilungen wirkt ganz direkt auf den Träger (z.B. eine Wand) ein und setzt daher Besitz des jeweiligen Ortes bzw. das Einverständnis des Besitzers voraus. Grundsätzlich ist bei Verstößen mit rechtlichen Konflikten zu rechnen. Mobile Mitteilungen, wie auf Photo 2, sind jedoch anders zu beurteilen, da sie nicht zur kommunikativen Struktur des Raum beitragen, sondern mit individuellen Besuchern bzw. Nutzern des Raums verbunden sind. Ganz ähnlich wie Schilder funktionieren die von Gunter Demnig konzipierten und realisierten Stolpersteine (Link), mit denen an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert wird. Dieses großräumige Projekt zeigt die Bedeutungshaltigkeit der Kontextualisierung, denn die spezielle Materialisierung der Erinnerung durch beschriebene Pflastersteine, die vor den letzten freiwilligen Wohnstätten der ermordeten Menschen in den Boden eingelassen werden, polarisiert sehr stark und wird von manchen prominenten Vertreter*innen des deutschen Judentums strikt abgelehnt (Link).  In München gibt es anstatt dessen im nicht ganz so öffentlichen virtuellen Raum einen Stadtplan mit entsprechender, teils auch hörbarer Dokumentation. Das beeindruckende Portal von Michaela Melián (Link) heißt Memory Loops (Link).  
  • KONTAKT: Ein Face to Face-Kontakt wie auf Photo 2 ist in schriftlicher, d.h. medialer Kommunikation ohnehin selten: Es ist ja gerade der Sinn des Mediums Schrift eine Kommunikation zu ermöglichen, obwohl der eigentliche Sender in der Situation, in der Mitteilung wahrgenommen wird,  nicht aktuell anwesend ist.
  • KODE: Die Sprache ist keineswegs das einzige konventionalisierte Zeichensystem, das im öffentlichen Raum eingesetzt wird; in bestimmten Kontexten, z.B. im Straßenverkehr, domnieren sogar nicht-sprachliche Systeme, die mit einem streng standardisierten Repertoire von Farben (rot, blau, weiß, gelb, grün), Formen (vor allem Dreieck, Kreis, Sechseck, Pfeil)  und ikonischen Figuren operieren (Link). Der Zugang zur schriftlichen und/oder bildlichen Mitteilung kann zusätzlich über den Einsatz technischer Medien, wie z.B. über handylesbare QR-Codes vermittelt werden (Beispiel Link). Bedeutungshaltig sind aber u.U. auch kontextuell konventionalisierte Dinge, wie z.B. das Körbchen auf Photo 2.

Aus den Bemerkungen ergeben sich so einige Parameter, mit denen die von Jakobson angeführten Faktoren der Kommunikation präzisiert und differenziert werden können: 

  KONTEXT
– immobil / mobil
-legal / illegal
 
  MITTEILUNG
– repräsentativ
– direktiv
– expressiv
 
SENDER
– staatlich / privat
—————— EMPFÄNGER
– anonym
– individuell
 

KONTAKT
face to face
– medial

CODE
– Sprache
– Ideographie
– Dinge

 

Parameter zur Typisierung von Kommunikation im öffentlichen Raum

2. Mehrsprachigkeit im öffentlichen Raum

Das ethnolinguistische Interesse an linguistic landscapes liegt nicht zuletzt in der Tatsache, dass die staatlich/institutionell kontrollierte Schriftlichkeit auf der einen Seite und die private, in Rechtsstaaten nicht kontrollierbare Schriftlichkeit andererseits unmittelbar nebeneinander stehen.  Die Freiheit des privaten Sprachgebrauchs wird durch die allgemeinen Menschenrechte und die nationalen Verfassungen garantiert. Stellvertretend seien die relevanten Artikel aus dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland zitiert:

Artikel 3
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“
[…]
Artikel 5
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“ (GG 1949; Fassung vom 29.9.2020)

Da nun in zahlreichen Staaten und zumal in den Mitgliedsländern der Europäischen Union Sprecher*innen sehr zahlreicher Sprachen leben2„Im Jahr 2019 hatten 21,2 Millionen Menschen und somit 26,0 % der Bevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund.“ (Quelle) erhebt sich die Frage, ob und in welchem Maße diese Sprechergemeinschaften an der kommunikativen Gestaltung des öffentlichen Raums aktiv, durch eigene Initiative partizipieren. Zu unterscheiden ist dabei die unbeabsichtigte und mehr oder weniger indirekte Sichtbarkeit einer Sprache einerseits und ihre gezielte, (selbst)bewusste und gewissermaßen plakative Verwendung andererseits. Der erste Fall, der in aller Regel ein Zeichen mangelnder Schreibkompetenz in der offiziellen Sprache der staatlichen Umgebung  ist, soll hier nur ganz beiläufig erwähnt werden, da er auf dem Photo 2 dokumentiert wird. Im  relevanten Ausschnitt liest man:

Photo 3: Rumänische Interferenzen in einer italienischen Bitte um Unterstützung (Detail aus Photo 2)

Der italienische Text lässt unschwer erkennen, dass Rumänisch die L1 der Schreiberin / des Schreibers ist:

  • <STAU> ist die 1.Pers.Präs.Sg. des rum. Verbs a sta ‘stehen’ (Link); sie entspricht also dem phonetisch ähnlichen ita. sto  (zu ita. stare);
  • ita. senza wird mit dem rumänischen Graphem ţ <Ţ> geschrieben (<SENŢA>); es hat den Lautwert /ts/ und entspricht daher ita. <z>;
  • die phonetische Realisierung der graphischen Doppelkonsonanz ist nicht bekannt (<SONNO> für ita. sono und <(G)RAZZIE>,  mit verdecktem <G>, für ita. grazie); das  lässt sich ebenfalls aus dem Rum. erklären, wo es weder eine graphische Doppelkonsonanz und phonologische Langkonsonanz gibt; womöglich spiegelt sich zudem der Erwerb einer norditalienischen Varietät als L2 wieder, in der ebenfalls keine phonologische Langkonsonanz existiert, aber grundsätzlich die Standardgraphie (mit Doppelkonsonanz)   verwendet wird (wenngleich nicht in den Beispielwörtern).

Über diese rumänischen Interferenzen hinaus zeigt der Text, dass die Verfasserin / der Verfasser nur über eine ganz geringe Lese- und Schreibroutine verfügt, denn sie / er ist mit dem elementaren Schreibprinzip der Worttrennung nicht wirklich vertraut: Als Trennzeichen wird ein Komma gesetzt; es scheint, als wäre die Funktion dieses Zeichens in der Standardinterpunktion nicht verstanden und reinterpretiert worden. Als Punkt wird ein kleines x verwendet.

2.1. Öffentliche Multilingualität in staatlicher Verantwortung 

Der offizielle Einsatz mehrerer Sprachen müsste genauer untersucht werden; er dürfte auf sehr wenige Bereiche, etwa manche Ämter, und den öffentlichen Nahverkehr beschränkt sein; so wird das Menu von Fahrkartenautomaten der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) in den Sprachen Deutsch, Englisch, Spanisch, Russisch, Französisch, Italienisch, Japanisch und Türkisch angeboten: 

MVG (Quelle)

Unklar sind die Kriterien, nach denen diese Auswahl zustande gekommen ist, denn sie folgt teils touristischen Anforderungen (Japanisch, Französisch), teils den Anforderungen der multilingualen Stadtbevölkerung (Türkisch), teils wohl auch beiden Kriterien (Italienisch, Spanisch?); keinesfalls werden jedoch die München lebenden Sprachgemeinschaften gezielt im Sinn ihrer Größe angesprochen, denn es leben in dieser Stadt z.B. weitaus mehr Polen und Rumänen als Spanier usw. (vgl. den Link zur Einwohnerstatistik). 

2.2. Gestaltung öffentlicher Mehrsprachigkeit in privater Verantwortung

Zweifellos ergiebiger ist die Untersuchung privater Initiativen zur Verwendung anderer Sprachen; auch in dieser Hinsicht fehlt es weithin an genauen Untersuchungen; es sollen im Folgenden nur einige mögliche Untersuchungsperspektiven skizziert werden. Einschlägige Arbeiten fokussieren in der Regel spezifische Städte, oder Stadtgebiete und konzentrieren sich zudem auf einzelne Sprachen; exemplarisch sind Melchior 2020 zum Italienischen im südlichen Österreich (Kärnten, Steiermark) und Pustka 2020 zum Französischen in der Wiener Josefstadt; diese kleine Pilotstudie stellt die aktuellen Befunde in die Geschichte des französisch-deutschen Sprachkontakts. Auch Befunde, die auf den ersten Blick ganz unterscheinbar wirken, eröffnen oft historische Horizonte von großer kulturgeschichtlicher Tiefe.

Nicht nur in historischer, sondern auch in methdodischer Hinsicht bemerkenswert ist die Master-Arbeit von Julia Dauhrer, die sich mit der linguistic landscape der zweisprachigen Hauptstadt von Südtirol, Bolzano/Bozen, befasst. Im Unterschied zu den ländlichen Gebieten der Autonomen Provinz Bozen dominiert in der Stadt als Erstsprache (L1) das Italienische. Ziel der Arbeit war es zu erfahren, wie die sich die beiden wichtigsten Sprachen, Deutsch und  Italienisch, in der öffentlichen Schriftlichkeit präsentieren. Als Indikator wurden die Namen von Restaurants gewählt, denn der kommerzielle Dienst Tripadvisor (Link) liefert dazu eine leicht auswertbare und durchaus repräsentative Datenbasis3Die im Detail oft nicht mögliche oder schwierige Sprachzuweisung von Namen wird in der Arbeit diskutiert und muss hier nicht referiert werden.. Es ergab sich, sehr verkürzt gesagt, eine keineswegs gleichmäßige Verteilung: Während italienische Namen überall stark vertreten sind, fehlen die deutschen Namen in manchen Vierteln fast vollkommen, wie die Gegenüberstellung der Stadtgebiete „Zentrum-Bozner Boden-Rentsch“ (vgl. Karte 5) und „Gries- Quirein“ (vgl. Karte 14) eindrucksvoll zeigt. Hinter dieser polarisierten Verteilung steht die Tatsache, dass Gries nach der italienischen Annexion Südtirols durch Italien (1919) einer vielen stärkeren strukturellen und demographischen Dynamik unterlag ((vgl. Dauhrer 2018).

Ein schärferes Profil erhält der Raum öffentlicher Schriftlichkeit, sobald sich die Analyse nicht auf die schiere Sprachzugehörigkeit von Namen beschränkt, sondern auch semantische und / oder referentielle Aspekte berücksichtigt. Zur Illustration werden im Folgenden einige Münchner Beispiel bemüht.

2.3. Monaco italiana

München kokettiert gern mit seiner Bezeichnung  als ‘nördlichster Stadt Italiens’. Wie jeder gute Scherz lässt sich auch dieses Etikett durchaus an historischen, demographischen und touristischen Realitäten festmachen; es sei daran erinnert, dass nach Auskunft der offiziellen Statistik knapp 30.000 Italiener in der Hauptstadt Bayerns leben die sich sehr gleichmäßig über das gesamte Stadtgebiet verteilen (vgl. Ingrosso/Barberio 2020); es findet sich, mit anderen Worten, nicht das geringste Anzeichen einer Ghettoisierung, wie sie in Gestalt der sogenannten Little Italies (auch: Little Sicilies) der US-amerikanischen Metropolen entstanden (und mittlerweile wohl weitgehend wieder verschwunden) sind. Außerdem ist die Stadt das Ziel sehr zahlreicher italienischer Besucher; man denke an das sprichwörtliche Italienerwochenende während des Oktoberfests (Link), für das die Stadt sogar eine italienischsprachige ‘Gebrauchsanleitung’ bereitstellt (Link).

Die Vermutung eines klar identifizierbaren italienischen Anteils an der öffentlichen Schriftlichkeit lag daher nahe, und zu besseren Kenntnis wurde vor einigen Jahren von  Linguistinnen gemeinsam mit dem Verfasser dieser Vorlesung die Plattform Monaco Italiana – realtà urbane. segni | esperienze | percorsi eingerichtet (Link). Dort wird – eher experimentell und bislang ohne kontinuierliche wissenschaftliche Begleitung – der Versuch unternommen auf der Basis von Crowdsourcing das Italienische im urbane (und umligenden) Kommunikationsraum zu dokumentieren. Es geht ausdrücklich nicht darum triviale, denn fest in Deutsche entlehnte Bezeichnungen wie pizzeria oder ristorante zu dokumentieren, sondern semantisch aussagekräftige Namen und – wenn irgend möglich – auch Wortverbindungen und Texte. Die Nutzer sind eingeladen, entsprechende georeferenzierte Photos hochzuladen, so dass sie auf einer Karte erscheinen; mittlerweile wurde von Christoph Purschke die leicht benutzbare App Lingscape entwickelt (Link). Die Karte von Monaco Italiana ist leider noch nicht sehr dicht besetzt (Link), aber die  vorhandenen Belege gestatten bereits einige allgemeine Einsichten; alles in allem finden sich Indizien für die Existenz einer spezifisch italo-bayerischen Identität:

(1) Etliche Namen sind keineswegs selbstverständlich, sondern setzen offensichtlich das Vertrauen auf die Existenz einer Kundschaft mit (mehr oder weniger guten) Italienischkenntnissen voraus; das ist der Fall des Ristorantino Noi ridiamo.

Restaurant/Eisdiele Noi ridiamo

Ganz offensichtlich an Klienten mit soliden Italienischkenntnissen wenden sich Schilder mit Namen und Berufsbezeichnungen:

Hinweisschild auf eine Kanzlei mit der Aufschrift Avvocato

Ein Name referiert auf einen Ort, der für die Geschichte der Münchner Italiener, insbesondere der ersten Generation (‘Gastarbeiter’),  eine geradezu mythische Rolle spielt, nämlich der Binario 11  ‘Gleis 11’ des Hauptbahnhofs, an dem die Nachtzüge aus Rom einliefen.  

Die Sprachschule Binario 11

Eine ganze Reihe von Namen lässt gewissermaßen eine semiotische Aneignung der räumlichen Umgebung erkennen, das sie explizit darauf referieren: ganz in der Nähe der LMU und mit explizitem Bezug auf eine potentiell studentische Kundschaft befindet sich das folgende Restaurant:

Lo studente Holzofenpizzeria

Das Restaurant La Valle befindet sich in unmittelbarer Nähe der Straße Im Tal:

Trattoria Pizzeria La Valle

Ebenso erklärt sich Al teatro in der Nähe des Gärtnerplatztheaters. Diese onomastische Identifikation mit der räumlichen Umgebung ist auch über den städtischen Raum hinaus verbreitet, wie das auf dem Land und buchstäblich auf freiem Feld gelegene Restaurant La Fattoria zeigt: 

La Fattoria

Schließlich schlägt sich der Sprachkontakt mit dem Deutschen im dokumentierten Italienischen nieder – ganz so, als ob sich spezifisch deutsch-italienische Varietäten entwickelten (so genanntes germanese): Auf der folgenden Speisekarten werden Aubergine angeboten, die auf italienisch bekanntlich als melanzana bezeichnet werden:

Ein deutsch-italienisches Gericht: Aubergine alla siciliana

Es könnte sich dabei um einen Wechsel ins Deutsche („code switching“) handeln oder aber um eine idiolektale Entlehnung des Wortes in den Wortschatz des Informanten bzw. mehr oder weniger zahlreicher Italophoner in München. Im Falle einer Entlehnung ließe sich die Form als Reinterpretration des deutschen Fem. Singular (die Aubergine) als ital. Fem. Plural deuten ((le) aubergine).

Bibliographie

  • Dauhrer 2018 = Dauhrer, Julia (2018): Linguistic Landscaping in Bozen. Master-Arbeit, in: DH-Lehre: Abschlussarbeiten, München, LMU (Link).
  • GG 1949 = GG (1949): Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland (Link).
  • Gorter 2013 = Gorter, Durk (2013): Linguistic landscapes in a multilingual world, in: Annual Review of Applied Linguistics, vol. 33, 190‒212.
  • Ingrosso/Barberio 2020 = Ingrosso, Sara / Barberio, Teresa (2020): Monaco Italiana. Realtà urbane e digitalizzazione, München (Link).
  • Jakobson 1960c = Jakobson, Roman (1960): "Linguistics and Poetics", in: Sebeok, Thomas A. (1960): Style in Language, Cambridge, Massachusetts, MIT Press, Zugriff: 16.09.2018 (Link).
  • Jakobson 1979 = Jakobson, Roman (1979): Linguistik und Poetik, in: Poetik. Ausgewählte Aufsätze 1921-1971, Frankfurt a. M., Suhrkamp, 83-121.
  • Krefeld 2019as = Krefeld, Thomas (2019): Räumlichkeit des SPRECHERS (vi) – Das Beispiel der Germania italiana, in: Lehre in den Digital Humanities, München (Link).
  • Landry/Bourhis 1997 = Landry, R. / Bourhis, R. Y. (1997): Linguistic Landscape and Ethnolinguistic Vitality: An Empirical Study, in: Journal of Language and Social Psychology, vol. 16, 1, 23-49 (Link).
  • Melchior 2019 = Melchior, Luca (2019): Ein Steinchen im Mosaik der Mehrsprachigkeit. Gesetzlicher Rahmen, Erfahrungen und Herausforderungen des Friaulischunterrichts in Schulen der Region Friaul Julisch-Venetien, in: Donlic, Jasmin / Gombos, Georg / Peterlini, Hans Karl (Hrsgg.), Lernraum Mehrsprachigkeit. Zum Umgang mit Minderheiten- und MigrantInnensprachen, Klagenfurt, Drava, 185 – 198.
  • Melchior 2020 = Melchior, Luca (2020): L'italiano nei linguistic landscapes dell’Austria meridionale: alcune considerazioni, in: Studia Universitatis Hereditati, vol. 8/2, Klagenfurt (Link).
  • Pustka 2020 = Pustka, Elissa (2020): Wo Österreich französisch ist: eine Pilotstudie zur Linguistic Landscape der Wiener Josefstadt (8. Bezirk), in: Prof. Alpinista, München (Link).
  • Searle 1976 = Searle, John R. (1976): a classification of illocutionary acts, in: Language in Society , vol. 5, Cambridge, Cambridge University Press, 1-23.
  • Shohamy/Ben-Rafael = Shohamy, Elana / Ben-Rafael, Eliezer: Introduction: Linguistic landscape, a new journal, in: Linguistic Landscape, vol. 1, 2015, 1‒5.
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