Einführung in die Geolinguistik (ITG/slu)

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Zitation: Stephan Lücke (2019): Einführung in die Geolinguistik (ITG/slu). Lehre in den Digital Humanities. Version 1 (13.01.2019, 09:44). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=78314&v=1.

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Übersicht

0.1.  

 


1. Einführung

  • Geolinguistik = Sprachgeographie = Areallinguistik (traditionell und etwas vereinfachend; für eine differenzierende Darstellung s. Thomas Krefeld [2016], ‚Geolinguistik‘ und einige konkurrierende Bezeichungen)
  • Sprachwissenschaftliche Unter-Disziplin
  • Anfänge im 19. Jh., hervorgegangen aus der Dialektologie
  • Georeferenzierte Erhebung von Sprachdaten
  • Analyse der Sprachdaten auf Grundlage definierter Merkmale
  • Ermittlung von Verbreitungsarealen bestimmter Merkmale
  • Gegenstand ist überwiegend gesprochene Sprache
  • Beschränkung des Vortrags auf den europäischen Sprachraum, überwiegend Exempla aus der deutschen und romanistischen Sprachwissenschaft


2. Die Datenbasis

2.1. Sammlung von Sprachmaterial

  • Wie kommt man an das Sprachmaterial?
  • Traditionell: Feldforschung
  • ⇒ Systematische Sammlung von Sprache durch sog. „Erhebungen
  • Explorator ⇒ Informant: Interview

CC0 Creative Commons Freie kommerzielle Nutzung  Kein Bildnachweis nötig


SAT Fragebuch S. 94: Konzeptdomäne BUTTERHERSTELLUNG


Belegzettels (Informant aus der Ortschaft Sölden auf die Fragen zur Butterherstellung gegeben hat):

Belegzettel aus dem Sprachatlas von Tirol. Antworten eines Informanten aus Soelden auf die Fragen zur Konzeptdomäne BUTTERHERSTELLUNG (S. 94 des SAT-Fragebuchs)

Informant aus Sölden antwortet auf Frage 9 auf Fragebuchseite 94 („Nach dem Herausnehmen [sc. der Butter aus dem Butterfass] muss man die Butter … (das Wasser herauswalgen; „pracken“, „walgen“)): „waldn – über ein Brett hinunter drücken, damit <phon>woser</phon> herausgeht“

  • Anzahl der Belegzettel errechnet sich aus dem Produkt der Anzahl von Fragen und der Anzahl an Informanten (z.B. 500 Fragen x 500 Informanten = 250.000 Einzelbelege)

Erfassung von Informantendaten

Daten zum SAT-Informanten aus St. Andrae oberhalb von Brixen in Südtirol

Chronoreferenzierung durch Erfassung des Interviewdatums



2.2. Transkription von Sprachdaten für die Verwendung in Sprachatlanten, Wörterbüchern und Datenbanken

Wie geht man der Erfassung der individuellen Lautung um? Zwei Möglichkeiten:

  • phonetische Transkription
  • Tonaufnahmen (Tonbänder, z.B. Audioatlas Siebenbürgisch-Sächsicher Dialekte, oder  in jüngerer Zeit digital (z.B. Atlante sintattico della Calabria, AsiCa) (beide s. unten) ⇒ Verschriftlichung ⇒ phonetische Transkription

Manuelle Transkription vs. EDV


  • Vielzahl von Transkriptionssystemen für Erfassung phonetischer Besonderheiten
  • Die wichtigsten Vertreter:

Teuthonista: Benannt nach der gleichnamigen Zeitschrift für Dialektologie; dort im Jahr 1924/5 vorgestellt, im Wesentlichen entwickelt vom Dialektologen Philipp Lenz und erstmals 1900 publiziert, Anfänge aber schon im 19. Jh. (Peter WIESINGER: Das phonetische Transkriptionssystem der Zeitschrift ’Teuthonista’, In: Zeitschrift für Mundartforschung 31, 1964, 1-20; http://udi.germanistik.uni-wuerzburg.de/wp/wp-content/uploads/arbeitshilfen_lautschriftenkunde.pdf)

Beispiel „Milch“: 

Teuthonista milch

(Fehlerhafte Kodierung in o.a. PDF-Dokument (gesetzt mit Latex): [mIlX] [Illustration der Gefahren, die in diesem Kontext mit der EDV verbunden sind; s. Vortrag von Christian Riepl zum Thema „Zeichenkodierung“])

Böhmer-Ascoli: Benannt nach Graziadio Ascoli (1829-1907, Begründer der italienischen Dialektologie) und Eduard Böhmer (1827-1906, deutscher Romanist). Von Ascoli entworfen und von Böhmer weiterentwickelt. Der Teuthonista sehr ähnlich, letztlich eine Variante

IPA – Internationales phonetisches Alphabet: seit ca. 1888, entwickelt von der International Phonetic Association, heutzutage am weitesten verbreitet (Unicode-kodiert: http://www.unicode.org/charts/PDF/U0250.pdf)

Dieth-Schrift: Lautschrift für nicht sprachwissenschaftliche Dialekttranskription (Eugen DIETH, Schwyzertütschi Dialäktschrift. Dieth-Schreibung, 2. Aufl., bearb. und hg. von Christian Schmid-Cadalbert, Aarau/Frankfurt a.M./Salzburg 1986); kommt weitgehend ohne Diacritica und Sonderzeichen aus

individuelle Transkriptionssysteme: z.B. AsiCa [mi piatʃi u vaju u ddʒiru kâ bbitʃikletth] ‚es gefällt mir, dass ich eine Runde mit dem Fahhrad mache‘; Kompromiss zwischen phonetischer Genauigkeit und Lesbarkeit)


Probleme im Zusammenhang mit der phonetischen Transkription von Sprachdaten:

  • zu viele „Standards“ ⇒ Uneinheitlichkeit
  • Umgang in der elektronischen Datenverarbeitung (EDV; Kodierung!) – nicht alle phonetischen Transkriptionssysteme sind in Unicode kodiert.

Lösungen:

  • Einheitlichkeit ⇒ Schnittstellen („Übersetzungen“ von einem System in beliebige andere; Empfehlung: IPA als Referenztranskriptionssystem)
  • EDV ⇒ „Betacode“

Beispiel einer Schnittstellenlösung (im Projekt VerbaAlpina (vgl. https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=493&tag=3#7)):

VerbaAlpina:

  • DFG-gefördertes Langzeitprojekt an der LMU München
  • Erste Dreijahresphase von 2014-2017; derzeit zweite Dreijahres-Phase (bis 2020)
  • DH-Projekt der Romanischen Philologie (Prof. Thomas Krefeld) und der IT-Gruppe Geisteswissenschaften (Stephan Lücke)
  • Grenzüberschreitende Dokumentation und Analyse lexikalischen Materials zu ausgewählten Konzeptdomänen (z.B. Alm- bzw. Milchwirtschaft, Traditionelle Küche, Flora, Fauna, Landschaftsformationen, Wetter)

VerbaAlpina, Betacode

Das Beispiel zeigt die manuelle Erfassung (Abtippen) eines Einzelbelegs (ital. tegia ALMHÜTTE) aus einem Sprachatlanten (hier: AIS; s. unten) und die automatische Transformation in IPA

  • Abtippen von gedruckten Einzelbelegen unter ausschließlicher Verwendung von ASCII-Zeichen: „Beta-Code“ (Idee übernommen vom Thesaurus Linguae Graecae; 1976)
  • Vorteil von Beta-Code: geringe Wahrscheinlichkeit von Kodierungsschäden und entsprechendem Informationsverlust
  • Einzugeben über gewöhnliche Standardtastaturen
  • Transkriptor braucht keine Kenntnisse der in der Vorlage verwendeten phonetischen Schrift
  • Bezeichnung als „Betacode“ in Anlehnung an den Thesaurus Linguae Graecae (vgl. https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=493&letter=B#7)
  • Übersetzung durch automatische Ersetzungsroutinen in nahezu beliebige andere phonetische Transkriptionssysteme, z.B. IPA
  • Problem: Unterschiedliche Genauigkeit/Granularität verschiedener Transkriptionssysteme

Notwendigkeit: Rückführung von Daten aus unterschiedlichen Quellen mit unterschiedlichen Transkriptionssystemen auf eine gemeinsame Referenztranskription zur Herstellung von Vergleichbarkeit.



3. Sprachwissenschaftliche Strukturierung und Analyse der gesammelten Sprachdaten

3.1. Kategorien, Merkmale und Merkmalsausprägungen

Analytischer Zugang durch Definition von Merkmalen

Feststellung zugehöriger Merkmalsausprägungen in den Domänen

  • Phonetik/Phonologie (Beispiel: Muich vs. Milch)
  • Lexik (Beispiel: Samstag vs. Sonnabend)
  • Morphosyntax (Beispiel: rote Äpfel vs. rot Äpfel)

Beispiel:

Merkmal: Welches Wort (= morpholexikalischen Typ) verwendet ein Informant zur Bezeichnung des Konzepts BUTTER

Merkmalsausprägung (z.B.): burro


3.1.1. Phonetische Variation

Beispiele aus dem

Audioatlas Siebenbürgisch-Sächsischer Dialekte (ASD):

  • Tonarchiv aus den 1960er und frühen 1970er Jahren
  • Aufgenommen auf Tonbändern (mit „TESLA“ Tonbandgerät)
  • 360 Stunden gesprochener Sprache aus ca. 250 verschiedenen Ortschaften
  • erhoben von den rumänischen Universitäten Bukarest, Hermannstadt, Klausenburg
  • z.T. Fragebogenerhebung (Wenkersätze; über 100 Aufnahmen)
  • daneben aber auch Erzählungen mit Inhalten zu Ethnographie und Geschichte
  • Digitalisate der Tonbandaufnahmen seit Anfang der 2000er Jahre
  • Ab 2009 Partiell transkribiert (teils phonetisch, teils standardnah mit Dokumentation sprachlicher Besonderheiten)
  • Transkriptionen teils strukturiert in MySQL-Datenbank erfasst
  • Web-Interface mit Online-Kartographie 

Beispiel: Verbreitung von Blader, Blieder, Bloder für BLÄTTER im Audioatlas Siebenbürgisch-Sächsischer Dialekte (ASD):

Audioatlas Siebenbürgisch-Sächsischer Dialekte: Phonetische Variation im Wort „Blätter“ im Wenkersatz 1


3.1.2. Lexikalische Variation

Grundlegend im Hinblick speziell auf lexikalische Untersuchungen ist die Unterscheidung zwischen Konzept und Bezeichnung

Konzept = Begriff, „Idee“; die außersprachliche Kategorie, die durch eine sprachliche Einheit bezeichnet wird 

Bezeichnung = Wort(gruppe) (Beispiel für Wortgruppe: ital. Cascina di montagna als Bezeichnung für die SENNHÜTTE; man spricht in solchen Fällen auch von einer „Mehrwortlexie„)

  • Explorator fragt Informant nach Bezeichnung für Konzept
  • Konvention für Schreibung: Konzept in VERSALIEN, Bezeichnung [wenn Objektsprache] kursiv

Onomasiologie vs. Semasiologie

  • Im Zusammenhang mit der lexikalischen Variation ist es hilfreich und wichtig, zwischen „Onomasiologie“ und „Semasiologie“ zu unterscheiden
  • Frage: Welche Konzepte werden mit einem bestimmten Wort (= morpholexikalischer Typ) bezeichnet? ⇒ semasiologische Perspektive (< griech. σημαίνω BEZEICHNEN; vgl. „Semantik“), vom Wort zum Konzept
  • Frage: Durch welche Wörter (= morpholexikalische Typen) wird  ein ganz bestimmtes Konzept bezeichnet Onomasiologische Perspektive (< griech. ὄνομα NAME), vom Konzept zum Wort

Onomasiologisch vs. semasiologisch

… vor dem Hintergrund der geographischen Verbreitung: so kann beispielsweise das ital. Wort malga in einer Region oder einem Ort eine ALMHÜTTE bezeichnen, in einer anderen eine KUHHERDE

Das entsprechende Beispiel aus VerbaAlpina:

VerbaAlpina: Mit dem Wort „malga“  bezeichnete Konzepte

  • In Graubünden und am Comer See: HERDE
  • Im Trentino: ALM (Weidefläche) und/oder SENNHÜTTE

Beispiel lexikalische Variation: Verbreitung von Pferd, Hengst, Ross, Gurre für PFERD im Audioatlas Siebenbürgisch-Sächsischer Dialekte (ASD):

Audioatlas Siebenbürgisch-Sächsischer Dialekte: Lexikalische Variation zum Konzept PFERD in Wenkersatz 4


Beispiel morphosyntaktische Variation im Audioatlas Siebenbürgisch-Sächsischer Dialekte: rot vs. rote vs. roten in „… mit roten Äpfelchen.“:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/01/1516974891 ASD rot morphsyntvar



3.2. Typisierung von Sprachmaterial (Beispiele: lexikalisch, phonetisch)

Zur Herstellung der Vergleichbarkeit von Sprachdaten ist die Typisierung individueller Beleg- bzw. Sprechervarianten erforderlich. Dieselben Belege können dabei gemäß unterschiedlicher Merkmale typisiert werden. 

Die folgenden Beispiele basieren auf einer Karte aus dem „Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz“ (AIS) (Karte 1151, „Il piccione“, die TAUBE) – zum AIS s. unten das gesonderte Kapitel

lexikalische Typisierung (unvollständig und skizzenhaft):

Beispiel für lexikalische Typisierung AIS-Karte 1151 „Il piccione“ (die TAUBE)

in vereinfachter Schreibweise:

  • lu kulumb (131), lu kulump (143), kolomp (144), … ⇒ Typ Colomba
  • lu pendzu (122), lu pingu (150), … ⇒ Typ Piccione


Phonetisch: o oder u im morpholexikalischen Typ colomba (unvollständig und skizzenhaft)

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/01/1517311523 Typisierung Phon AIS1151

in vereinfachter Schreibweise:

  • kolomp (132), kolomp (144), lo kolo (121), … ⇒ o-Laut
  • lu kulump (143), lu kulumb (131), … ⇒ u-Laut

 

  • Weitere Möglichkeit: z.B. typologische Unterscheidung zwischen verschiedenen  Varianten des Verschlusslauts (kolomb vs. kolomp)
  • Weitere Typisierungen vorstellbar
  • Typisierungen phonetischer Einzelbelege können eigentlich nur manuell von sprachwissenschaftlichen Experten durchgeführt werden


4. Publikationsformen: Georeferenzierte Wörterbücher (semasiologisch) und Sprachatlanten (onomasiologisch)

4.1. Georeferenzierte Wörterbücher

zwei Beispiele:

  • Schweizerisches Idiotikon. Schweizerdeutsches Wörterbuch. Basel. http://www.idiotikon.ch/index.php
  • Grassi, Corrado (2009): Dizionario del dialetto di Montagne di Trento. San Michele all’Adige.

Das Idiotikon:

  • zu griechisch ídios (ἴδιος) EIGEN, EIGENTÜMLICH ⇒ ‚Verzeichnis der einer bestimmten Mundart eigenen Besonderheiten‘ (Idiotikon)
  • alemannischer Wortschatz seit dem Spätmittelalter bis ins 21. Jh.
  • aktuell 150.000 Stichwörter
  • größtes Regionalwörterbuch der deutschen Sprache
  • noch nicht abgeschlossen, derzeit 16 von insgesamt 17 Bänden publiziert
  • seit 2010 auch online abrufbar

Beispiel eines Eintrags im Idiotikon: Der Eintrag zum morpholexikalischen Typ Teie(n):

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/02/1517568960 Idiotikon Teie

Geographische Zuordnung:

  • Gr. = Graubünden
  • GrD. = Davos
  • GrMu = Mutten
  • GrKl. = Klosters
  • GrChur. = Chur

Auch Angaben zur Herkunft der Sprachdaten (https://www.idiotikon.ch/benutzungsanleitung/quellen):

  • B. = Valentin Bühler 1835/1912. Rechtsanwalt in Heidelberg, Richter in Chur, Walserforscher  – Bühl(er).  Davos in seinem Walserdialekt. Ein Beitrag zur Kenntniß dieses Hochthals und zum schweizerischen Idiotikon. I. Lexicographischer Theil. II. Synonymer Theil. III. Homonymer und grammatischer Theil. Heidelberg 1870 (2. Aufl. 1872). 1875. 1879. IV. (Erstes und Hauptsupplement) Der Obersaxer Dialekt in seiner Eigenart. Heidelberg, Aarau [?] 1886. – Chrestomathie der Bündnerdialekte (vornehmlich der Walser- und Hohenstaufendialekte). 1. Hälfte in Bühl. III, Forts. in Bühl. IV. Heidelberg 1879, Aarau [?] 1886. – Hdschr. Nachtrag zu seinem Idiotikon (Mskr. in der Bibl. des Id.).
  • Tsch. = Martin Tschumpert 1830/1911. Pfarrer in Graubünden. – Tsch. Versuch eines bündnerischen Idiotikon, zugleich ein Beitrag zur Darstellung der mittelhochdeutschen Sprache und der Culturgeschichte von Graubünden. S. 1/800 (a–h). Chur 1880/96 (vollständiges Mskr. samt Nachträgen und Materialsammlungen in der Bibl. des Id.).

Mit dem morpholexikalischen Typ bezeichnete Konzepte:

  • ALP-, SENNHÜTTE
  • VORRAUM HINTER DER TÜR MIT KÜCHE IN DEN ALPHÜTTEN
  • WOHNRAUM, AN DEN HEUSTADEL ANGEBAUT
  • GEBRECHLICHE, BESCHRÄNKTE, SCHWERFÄLLIGE WEIBSPERSON

⇒ Antwort auf die Frage: Wann hat Teie(n) in welchen Orten welche Konzepte bezeichnet?



4.2. Kartierung: Sprachatlanten

Kartierung in Sprachatlanten. Zwei verschiedene Traditionen. Abbildung des gesammelten Sprachmaterials auf

  • Punktsymbolkarten (germanistische Tradition) oder
  • Belegkarten (romanistische Tradition)

Germanistische Tradition Punktsymbolkarte, Beispiel Vorarlberger Sprachatlas (VALTS; Gabriel, Eugen (1985-2004): Vorarlberger Sprachatlas mit Einschluss des Fürstentums Liechtenstein, Westtirols und des Allgäus. Band 1-5. Bregenz), Karte IV 35: Die KÄSEMASSE

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/01/1516971744 VALTS IV35 KAESEMASSE

Charakteristika der Punktsymbolkarte:

  • Einzelbelege nur vereinzelt dokumentiert
  • Einzelbelege nach unterschiedlichen Kategorien typisiert, pro Typ ein Symbol
  • Vorteil: übersichtlich, suggestiv
  • Nachteil: schwer überprüfbar, suggestiv
  • Im Fall des VALTS: Rot: Romanische Bezeichnungen. Schwarz: Deutsche Bezeichnungen

Romanistische Tradition Belegkarte, Beispiel: Karl Jaberg, Jakob Jud, AIS-Karte 1151 (IL PICCIONE [die Taube])

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/01/1516969300 AIS PICCIONE

Charakteristika der Belegkarte

  • Präsentation von Einzelbelegen
  • keine Typisierung
  • Nachteil: vergleichsweise unübersichtlich
  • Vorteil: quellentreu, nachvollziehbar, überprüfbar


4.2.1. Vom Punkt zum Areal

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/01/1517321740 Voronoi; Von Markus Matern – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8460523 (leicht modifiziert)

  • Die Punkte mit den arabischen Ziffern stellen georeferenzierte Erhebungsorte dar
  • Diese werden mit den schwarzen Linien verbunden
  • Auf die Seiten der entstandenen Dreiecke werden die Mittelsenkrechten gefällt
  • Die Mittelsenkrechten eines beliebigen Dreiecks treffen sich immer in genau einem Punkt (mit roten Großbuchstaben bezeichnete gelbe Punkte)

Illustration: Mittelsenkrechte im Dreieck (Quelle: https://www.geogebra.org/geometry)

  • Die gelben Punkte sind die Ecken eines Polygons, innerhalb dessen der Erhebungspunkt liegt. Die Fläche des Polygons ist dem Erhebungspunkt zugeordnet und kann zur Visualisierung bestimmter Merkmalsausprägungen eingefärbt werden

Beispiel:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/01/1517323531 Voronoi frzdepts

Problem: Gesetzt den Fall jede Fläche würde einen Informanten repräsentieren, so wird der optische Eindruck verzerrt, da z.B. die Fläche 92 deutlich kleiner ist als die Fläche 45, beide jedoch nur jeweils einen Informanten repräsentieren.


Lösung: Verzerrung durch unterschiedliche Flächengrößen ⇒ Hexagonkarten mit jeweils gleich großen Hexagonen pro Erhebungspunkt

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/02/1519138680 VerbaAlpina quantKarte


Arealbildung

  • Kartierung großflächige Verbreitungsgebiete bestimmter sprachlicher Merkmale
  • Die Grenzlinien zwischen Verbreitungsgebieten ausgewählter sprachlicher Phänomene / Merkmalsausprägungen werden als Isoglossen bezeichnet
  • von Griechisch ἴσος, GLEICH, und γλῶσσα, ZUNGE, SPRACHE

Beispiel: Karte aus dem dtv-Atlas zur deutschen Sprache von Werner König aus dem Jahr 1978; lexikalische Variation der Bezeichnungen für den SAMSTAG

W. König, dtv-Atlas zur deutschen Sprache, 1978, S. 186 (SAMSTAG)(K{\"o}nig & Paul 1978)

  • Kartierung morpholexikalischer Typen zum Konzept SAMSTAG
  • Angabe von phonetischen Varianten
  • Inkonsequent: Areal Samschdag in Südwestdeutschland ⇒ phonetische Variante zum benachbarten Samstag
  • Eindruck weitgehender morpholexikalischer Homogenität innerhalb der Areale

(hinkende) Analogiebildung zu Isobaren auf Wetterkarten?

Isobaren bei Orkan – Von Simon Eugster –Simon 15:21, 6 Apr 2005 (UTC) – Own graphic, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=99597

Isobaren: Linien *gleichen* Luftdrucks

⇒ Isoglossen sind Grenzen (trennen Areale mit postuliert gleichen sprachlichen Verhältnissen voneinander ab), Isobaren nicht


Verlauf von Isoglossen problematisch, da artifiziell und selektiv; in der Realität eher Kontinua als abgegrenzte Areale

dazu ein Beispiel aus dem

Atlas zur deutschen Alltagssprache:

  • Stephan Elspaß (Universität Salzburg) und Robert Möller (Universität Liège)
  • seit 2003 Interneterhebungen in zeitlich gestaffelten bislang 10 Umfragerunden
  • anfänglich Umfragen per Mail, jetzt im Internet
  • derzeit elfte Runde

Verbreitung der beiden lexikalischen Typen Samstag und Sonnabend als Bezeichnungen für SAMSTAG (Karte aus dem „Atlas zur deutschen Alltagssprache“ von (Daten aus dem Jahr 2001/2):

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/01/1516702725 Alltagssprache Samstag

  • Striche: Samstag, Punkte: Sonnabend
  • deutlich differenzierteres Bild als auf der Karte aus dem dtv-Atlas zur deutschen Sprache
  • Samstag auch im Norden vertreten und umgekehrt Sonnabend auch im Süden
  • Dynamische Prozesse (z.B. „Vordringen“ des Samstag in den Norden) nicht feststellbar (⇒ weitere Erhebung(en) in zeitlichem Abstand erforderlich; ⇒ Diachronie)


4.2.2. Qualitative Kartierung vs. quantitative Kartierung (Dialektometrie)

Dialektometrie: Seit den 1970er Jahren von den Romanisten Hans Goebl und Roland Bauer entwickelt (s. z.B. http://www.dialectometry.com/dmdocs/index.html)

Qualitativ: Verbreitung einzelner Merkmalsausprägungen in der Fläche

Beispiel (aus dem Audioatlas Siebenbürgisch-Sächsischer Dialekte – ASD): Wahl unterschiedlicher morpholexikalischer Typen zur Bezeichnung des Konzepts PFERD im Satz „Der gute alte Mann ist mit dem Pferd durchs Eis gebrochen und in das kalte Wasser gefallen“ (= Wenkersatz 4; s.u.).

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/01/1516973635 ASD PFERD lexvar

Belegte morpholexikalische Typen: Pferd, Hengst, Ross, Gurre (⇒ Schimpfwort Bißgurn im Bairischen als abwertende Bezeichnung für eine zänkische Frau, also soviel wie „bissiges Pferd“)


Quantifizierung: Kumulation mehrerer Merkmalsausprägungen

Gegeben:

  • Informanten 1, 2, 3
  • Merkmale M1, M2, M3, jeweils mit den Merkmalsausprägungen A, B, C

Schematische Darstellung eines fiktiven Ergebnisses einer Erhebung (ohne Georeferenzierung):

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/02/1517479451 Dialektometrie demo


Abbildung im relationalen Datenformat:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/02/1517480263 Dialektometrie demo relational


Berechnung mit einem Datenbankmanagementsystem (MySQL; Datenbank:):

/* 

sql-statement zur Berechnung der Dialektähnlichkeit zwischen den 
fiktiven Informanten 1, 2 und 3 in Bezug auf die Ausprägungen 
bezüglich der Merkmale M1, M2, M3 und M4.

MySQL-Datenbank und Tabelle:
https://dhvlab.gwi.uni-muenchen.de/sql/sql.php?server=1&db=lab_korplingma&table=geoling_quant&pos=0

*/

select 
 informant_a, 
 informant_b, 
 count(*) as Anzahl_absolut, 
 round(count(*) 
  / 
  (select count(*) from (
    select merkmal from geoling_quant group by merkmal) sq0) * 100, 0
  ) as Anteil_prozentual, group_concat(merkmal) 
 as `Übereinstimmung in den Merkmalen...` 
from 
(
SELECT 
 a.informant informant_a, 
 b.informant informant_b, 
 a.merkmal merkmal, 
 a.auspraegung auspraegung_a, 
 b.auspraegung auspraegung_b
FROM `geoling_quant` a 
JOIN
geoling_quant b on a.informant != b.informant and a.merkmal = b.merkmal
where a.auspraegung = b.auspraegung
) sq
group by informant_a, informant_b
order by informant_a, informant_b, merkmal
;

Ergebnis:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/02/1517481088 Dialektometrie demo relational abfrageergebnis


Konkretes Beispiel für quantifizierende kartographische Darstellung (aus dem Adioatlas Siebenbürgisch-Sächsischer Dialekte ASD): Unterschiedliche Merkmalsausprägungen zwischen dem Ort Rumes in Siebenbürgen und anderen siebenbürgischen Gemeinden; herausgehoben: Felmern 

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/02/1517505077 ASD quant beispiel

  • Die vorliegende Karte erlaubt die Auswahl eines einzelnen Informantensymbols auf der Karte. Anschließend errechnet die dahinterliegende Datenbank die Anzahl der übereinstimmenden Merkmalsausprägungen zu jedem einzelnen der anderen Informanten. In der kartographischen Darstellung wird das Maß der Übereinstimmung durch das Maß der Rotsättigung der Informantensymbole abgebildet (100 Prozent Sättigung = Übereinstimmung der Merkmalsausprägungen in *allen* Merkmalen; weiß: Gegenteil)
  • In der Liste markiert die rote Farbe die Unterschiede zwischen den einzelnen Merkmalsausprägungen zwischen den beiden Informanten aus Rumes und Felmern
  • Die farbig unterlegte Kolumne zeigt jeweils die Merkmalsausprägung des Informanten aus Rumes an. Wenn diese mit der des Informanten aus Felmern übereinstimmt, ist sie grün unterlegt, andernfalls rot.

Weiteres Beispiel für Quantifizierung – möglicher Erkenntnisgewinn aus der Sprachwissenschaft für die Geschichtswissenschaft

Quantifizierende Darstellung der Verbreitung von morpholexikalischen Typen im zeitgenössischen Italienisch mit Wurzeln in der Sprache der Langobarden:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/02/1517769874 Prestiti longobardi

Ausdehnung des Langobardenreichs um die Mitte des 8. Jhs. auf einer Kartendarstellung:

Langobardenreich Mitte 8 Jh. [Von Aistulf’s Italy-it.svg: Castagnaderivative work: Timk70; (non-copyrightable) SVG cleanup by darkweasel94 – Aistulf’s Italy-it.svg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31449671]



5. Pluridimensionalität der Geolinguistik

  • diatopisch (Ort; Georeferenzierung), aber auch …
  • diachron (Zeit)
  • diastratisch (Alter, Geschlecht, Bildung, soziale Schicht)
  • diaphasisch (Stilebenen/Register)

⇒ diatopische Variation nur *eine* Dimension von mehreren

Lösungsvorschlag (Thomas Krefeld): Mehrdimensionale Sprachgeographie: „Glossotop“ bzw. „Glossotopik“


5.1. Diastratische Variation im Raum

Beispiel: Einbeziehung mehrerer (diatopische und diastratische) Dimensionen z.B. im Atlante sintattico della Calabria (AsiCa-online; www.asica.gwi.uni-muenchen.de; seit 2006)

AsiCa:

  • Thomas Krefeld, Stephan Lücke
  • Erhebung 2004
  • Dialekt von Kalabrien (Stiefelspitze Italiens)
  • Analyse der Syntax vor dem Hintergrund von Migrationserfahrung
  • 8 Familien aus 8 Orten
  • pro Familie 4 Personen mit Migrationserfahrung und 4 ohne Migrationserfahrung
  • jeweils 2 männliche und 2 weibliche Informanten
  • Unterscheidung zwischen Eltern und Kindern
  • MySQL-Datenbank mit Php-Frontend

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/01/1517331973 Asica beispiel


Abbildung der Sprecherdaten in AsiCa:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/01/1517332639 Asica informante

⇒ neben geographischer Verortung Informationen zu Alter, Beruf, Schulbildung, Migrationserfahrung

Aufbau der Informantensiglen: 

  • Position 1-3: Kürzel des Ortes
  • Position 4: Generation (1=Eltern; 2=Kinder)
  • Position 5: Geschlecht (m, w)
  • Position 6: Migrationserfahrung (D=ja; I=nein)

Unterscheidung der Interviews (Fragebuch vs. spontane Sprachproduktion [meist Lebensgeschichte])

  • Position 7: Erhebungsart (Q=Fragebuch; D=spontan)

Hypothese bzw. Erwartung: Anderes Verhalten der Informanten bei Befragung als beim freien Sprechen


Schema der AsiCa-Symbole

AsiCa: Schema der Siglen


5.2. Diachrone Variation

Szenario: Veränderung von Sprache im Lauf der Zeit u.a. durch

  • Sprechermobilität (Individuen oder ganze Völker)
  • und regionalen oder auch medialen Kontakt

Beispiele:

  • Eindringen germanisch sprechender Bevölkerung in das Territorium des römischen Reichs (Gemengelage: Germanisch/(Vulgär)latein)
  • Eroberung Englands durch die Normannen i.J. 1066 (Gemengelage: Altfranzösisch/Altenglisch)
  • Eindringen von Anglizismen ins Deutsche durch die Medien

Schichten: Herrschende Schicht vs. beherrschte Schicht

Schichtenmodell („Strata“) um 1875 von Graziadio Ascoli (-> phonetische Transkription nach Böhmer-Ascoli) entwickelt.

 

Unterscheidung zwischen Substrat, Superstrat, Adstrat:

  • Substrat: Sprache der beherrschten Schicht
  • Superstrat: Sprache der herrschenden Schicht
  • Adstrat: durch Kontakt (z.B. Nachbarschaft, aber auch durch Medien) auf eine Sprechergemeinschaft einwirkende Sprache/Sprechergemeinschaft

Interferenzen zwischen den in diesen Weisen aufeinander treffenden Sprachen (Eindringen 

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/02/1517817938 Substrat Superstrat


6. (Sprach)grenzen und deren Überwindung

Traditionell Beschränkung auf Sprach- und/oder politische Grenzen:

  • AIS: italienischer Sprachraum (Schweiz + Italien + Slowenien/Kroatien)
  • SDS: Sprachatlas der deutschen Schweiz
  • BSA: Bayerischer Sprachatlas (Unterteilt in Regionalprojekte: Schwaben, Nordostbayern, Ober-, Unter-,Mittelfranken, Oberbayern)
  • etc. …

Beispiel Alpenraum (https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=133)

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/02/1517483528 Sprachatlanten Alpenraum

Jede Punktfarbe steht für einen Sprachatlas

Für die Überwindung dieser Grenzen ist die systematische Erfassung des Materials der verschiedenen Sprachatlanten und Wörterbücher und dessen Zusammenführung in einem gemeinsamen Datenbestand erforderlich.

Ein Beispiel:

Ein sog. Basistyp – damit ist ein einem lexikalischen Typ zugrunde liegendes Wort gemeint (zumeist ein Etymon, also eine historische Vorform, manchmal aber auch eine rezente Entlehnung aus einer anderen Sprache) – findet sich unter Umständen im Datenbestand verschiedener Sprachatlanten wieder. So findet sich z.B. der Basistyp *tegia in einer ganzen Reihe von Sprachatlanten und begegnet sowohl im germanischen wie auch im romanischen Sprachraum:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/02/1517565899 VA Basistyp Tegia atlasueberschreitend


Der geographischen „Zersplitterung“ der Sprachatlanten steht eine onomasiologische Zersplitterung gegenüber: Inhomogenität der abgefragten Konzepte

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/02/1517563567 Atlanten konzepte VA beispiel

  • oben: Sprachatlanten, links Liste der Konzepte (hier zur Konzeptdomäne MILCHVERARBEITUNG, Grafik und Datenbasis: VerbaAlpina)
  • x markiert, dass ein Konzept von einem Sprachatlas abgefragt wurde
  • ⇒ nicht alle Atlanten haben alle Konzepte abgefragt
  • z.B. GERÄT FÜR DAS KÄSEBRECHEN (sog. „Käseharfe“) nur abgefragt von AIS (Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz), ALTR (L’Archivio lessicale dei dialetti trentini), ASLEF (Atlante storico-linguistico-etnografico friulano) und Colcuc (Beatrice Colcuc, Mitarbeiterin VerbaAlpina)

Die Grafik zeigt die Bedeutung der „Crowd“, also von Informanten aus dem Internet ⇒ im Gegensatz zu traditionellen Sprachatlanten regional nicht begrenzt

Ausgleich durch die Crowd: Eintragungen in VerbaAlpina zum Konzept GERÄT FÜR DAS KÄSEBRECHEN

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/02/1517564207 VA KAESEHARFE Crowd



7. Geolinguistik 2.0 – im Umfeld der digitalen Revolution und Vernetzung

neue Möglichkeiten bezüglich

  • Erhebungen
  • Kooperationen
  • Analysen (⇒ Datenbanken)
  • Visualisierungen (⇒ Online-Kartierung, Webtechnologie)
  • Multimedialität (Einbindung von Bild und Ton)

7.1. Crowdsourcing

Erhebungen können elektronisch im Internet erfolgen

Beispiel: Crowd-Sourcing-Tool von VerbaAlpina:

Crowdsourcing-Tool des Projekts VerbaAlpina

Problem dabei: Anonymität der Informanten (Verifizierung der Angaben schwierig)

Möglichkeiten:

  • Validierung durch Fremdbestätigung (zwei unabhängige Quellen [= Crowder] ⇒ Bestätigung; bei mehrfacher Bestätigung wachsender „Validitätsindex“)
  • Aufbau einer Community mit registrierten Benutzern
  • eventuell auch statistische Absicherung (problematisch)

7.2. Einsatz von (relationalen) Datenbanken

Relation = Tabelle ⇒ Daten werden in Tabellenform abgelegt

Beispiel: Relationale Abbildung des Eintrags Teie(n) aus dem schweizerischen Idiotikon:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/02/1517568960 Idiotikon Teie

Relationale Abbildung (partiell):

Exemplarische relationale Abbildung des Eintrags „Teie(n)“ im Schweizerdeutschen Idiotikon

  • de facto keine automatische Übertragung möglich ⇒ mühsame manuelle Erfassung (gilt auch für Daten aus Sprachatlanten)
  • bisweilen Unklarheiten: Was bedeutet „Alp-, Sennhütte“? ⇒ zwei verschiedene Konzepte (sind „Alphütte“ und „Sennhütte“ zwei verschiedene Konzepte, oder sind hier zwei Bezeichnungen ein und desselben Konzepts gemeint?)

Einfache Kartierung z.B. in Google Maps möglich:

  • Umstrukturierung der o.a. Struktur in drei Kolumnen: Daten, Breitengrad, Längengrad; Abspeichern in Datei (z.B. Excel)
  • Import über „My Maps“ in Google Maps

Ergebnis (Link):

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/02/1517650185 Teien Google Maps

  • Erweiterte Analysen z.B. mit der Datenbankabfragesprache SQL

(Internationale) Kooperationen mit Sprachwissenschaftlern mit dem Ziel der Zusammenführung von Datenbeständen zum wechselseitigen Nutzen in o.a. Sinn

 



8. Pioniere der Geolinguistik: Die Dialektologen Georg Wenker, Jules Gilliéron, Karl Jaberg und Jakob Jud

8.1. Georg Wenker und der „Sprachatlas des Deutschen Reichs“

  • Dialektologie als Ursprung der Geolinguistik
  • Der deutsche Dialektologe Georg Wenker (1852-1911)

Georg Wenker (1852-1911)

  • 1888 Begründung des „Sprachatlas des Deutschen Reichs“
  • Systematische Erfassung der regionalen sprachlichen Unterschiede auf dem Gebiet des damaligen Deutschen Reichs.
  • Mustersätze, sog. Wenkersätze
  1. Im Winter fliegen die trocknen Blätter durch die Luft herum.
  2. Es hört gleich auf zu schneien, dann wird das Wetter wieder besser.
  3. Thu Kohlen in den Ofen, daß die Milch bald an zu kochen fängt.
  4. Der gute alte Mann ist mit dem Pferde durch´s Eis gebrochen und in das kalte Wasser gefallen.
  5. Er ist vor vier oder sechs Wochen gestorben.
  6. Das Feuer war zu stark/heiß, die Kuchen sind ja unten ganz schwarz gebrannt.

Die vollständige Liste kann z.B. auf den Seiten des Langzeitprojekts Regionalsprache.de (REDE) abgerufen werden.

  • Erfassung ganz bestimmter sprachlicher Charakteristika aus den Bereichen Phonetik, Lexik und Morphosyntax
  • An Lehrer in sämtlichen damals existierenden Schulorten verschickt.
  • Bögen von Lehrern oder Schülern ausgefüllt: Übersetzung der Mustersätze in den jeweiligen Ortsdialekt
  • Erhebung in mehreren Phasen
  • 1876 in seiner Heimatstadt Düsseldorf und dessen Umgebung (Pilotprojekt, Testerhebung)
  • 1879/80 ganz Nord- und Ostdeutschland („klassischer“ Wenkerfragebogen)
  • 1887 Süddeutschland
  • Bis 1933 weitere Fragebögen aus Gebieten außerhalb des damaligen Deutschen Reichs (z.B. Sudetenland, Schweiz, Südtirol; auch deutschsprachige Minderheiten, z.B. die Zimbern in Oberitalien)
  • Fragebögen heute im Archiv des Deutschen Sprachatlas in Marburg
  • Auch online abrufbar

Bei den Wenkererhebungen wurden die Informanten aufgefordert, die Mustersätze „… mit den durch das ‚allgemein gebräuchliche Alphabet‘ zur Verfügung gestellten Mitteln in den jeweiligen Ortsdialekt zu übertragen. “ Die handschriftlich ausgefüllten Fragebögen sind mittlerweile gescannt und können im Internet auf den Seiten von regionalsprache.de abgerufen werden. Die folgende Abbildung zeigt einen solchen Bogen aus der Ortschaft Bobenthal im Landkreis Pirmasens in der Pfalz.

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/01/1516887300 Wenker bobenthal

  • Meist in deutscher Kurrentschrift ausgefüllt (Lesehilfen auf regionalsprache.de)
  • 51480 Bögen aus 49363 deutschsprachigen Schulorten (grob gerechnet einer aus jedem Schulort)
  • Seit Erhebung in Süddeutschland auch Erfassung einzelner Wörter wie z.B. die Namen der Wochentage

Beispiel: Wenkerbogen aus Bobenthal, SAMSTAG:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/01/1516889204 Wenker bobenthal samstag

vgl. Areal „Samschdag“ bei Werner König im dtv-Atlas zur deutschen Sprache

  • Erzeugung von Karten
  • jeweils drei Teilkarten, jeweils ca. 50 auf 70 cm
  • 556 Gesamtkarten (1668 Teilkarten)
  • nie drucktechnisch publiziert (teuer)
  • Seit Anfang der 2000er Jahre: DIWA, „Digitaler Wenker-Atlas“

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/01/1516891967 DIWA


8.2. Jules Gilliérons Sprachgeographie

1854-1926. Schweizer Romanist, Begründer des Atlas linguistique de la France (ALF), online verfügbar unter http://cartodialect.imag.fr/cartoDialect/. Gilt zusammen mit Edmond Edmont (Explorator des ALF) als Begründer der romanischen Sprachgeographie.

  • Königsatlas der Romanistik“ (Hans Goebl)
  • Zwischen 1897 und 1901 Erhebungen in 639 Gemeinden in Frankreich, französischsprachige Regionen von Belgien, der Schweiz und Italien
  • insgesamt 735 Informanten
  • onomasiologisch, fragebuchbasiert
  • ALF-Fragebuch „allgemein“ ausgerichtet ⇒ Antworten in ganz Frankreich erwartbar (keine regional unbekannten Konzepte)
  • 639 Antworten-Hefte Edmonts in 54 Bindungen (auf deren Rücken natürlich in Goldprägung RF steht: = République française) vorhanden, davon, seit August 2017, 15 im Netz
  • Original Fragebuch (= carnet de questions) verloren; an der Uni Toulouse jüngst rekonstruiert (http://symila.univ-tlse2.fr/alf/questionnaire_alf_reconstitue)

Graphische Darstellung des Verlaufs der ALF-Erhebungen zwischen 1897 und 1901 – Autor: Hans Goebl

  • „Edmont war angehalten, seine Frage knapp und wortarm zu stellen, immer nur die erste Antwort aufzuschreiben und alle nachbohrenden Fragen („extorsion“) zu vermeiden“ (Goebl)
  • Publikation zwischen 1902 und 1910 (10 Bände, 35 Faszikel) in Kartengestalt, insgesamt 1920 Karten (einige davon nicht vollständig)
  • Druckerei Protat & Frères in Mâcon (Burgund; Drucker haben in Eigenregie die Belegzettel auf die Druckplatten übertragen!)
  • Einzelbelege direkt auf der Karte in phonetischer Transkription im sog. Rousselot-Gilliéron-Alphabet
  • Beispiel: Ausschnitt aus der Karte PIGEON (= TAUBE), rot: morpholexikalischer Typ colomba (ital. auch: piccione), grün: morphlex.Typ pigeon (frz.)

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/01/1516959170 ALF PIGEON


8.3. Karl Jaberg und Jakob Jud und der „Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz“ (AIS)

  • Karl Jaberg (1877-1958), Schweizer Romanist, Dialektologe, Professor an der Uni Bern; beeinflusst u.a. von Jules Gilliéron, zusammen mit Jakob Jud Initiator des „Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz“
  • Jakob Jud (1882-1952), ebenfalls Schweizer Romanist, Professor an der Uni Zürich

Der „Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz“ (AIS)

  • Erhebungen ab 1919 durch Paul Scheuermeier, Gerhard Rohlfs und Max Leopold Wagner
  • Fragebuchbasierte Erhebungen in über 400 Orten in Italien und der italienisch-sprachigen Schweiz
  • Detaillierte Beschreibung der Informanten
  • 8 Bände (1928-1940)
  • 1705 Karten
  • insgesamt 407 Erhebungspunkte
  • insgesamt 421 Informanten
  • entschieden ethnographische Ausrichtung, die Wenker vollkommen fehlt und beim ALF nur sehr ansatzweise ablesbar ist (z.B. hier: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=23521&l=78275), auch bei einigen aktuellen, z.B. ALD, sehr schwach entwickelt
  • online: Graziano Tisato, Navigais (http://www3.pd.istc.cnr.it/navigais/)

  • AIS-Karte 1151: IL PICCIONE (die Taube):

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2018/01/1516969300 AIS PICCIONE


Online-Version mit analytischen Karten ausgewählter AIS-Daten:

AdIS – Atlante linguistico digitale dell’Italia e della Svizzera meridionale (http://www.adis.gwi.uni-muenchen.de/AIS.php?karte=true)

  • (bislang noch) nicht gefördertes LMU-internes Kleinprojekt von Krefeld/Lücke
  • begrenzt auf den italienischen Sprachraum
  • selektive Erfassung von AIS-Daten
  • onomasiologische Erweiterung durch gezielte Erfassung komplementärer Konzepte (s. u.a. Beispiel EDELWEISS)

Adis-Karte, lexikalische Varianten zum Konzept EDELWEISS/STELLA ALPINA:

Adis Lexikalische Variation zum Konzept EDELWEISS (mit in Datenbank erfassten Daten aus dem „Atlante storico-linguistico-etnografico friulano“ [ASLEF] und



9. Literatur

  • AIS – Jaberg, Karl / Jud, Jakob (1928-1940): Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz. vol. 1-7. Zofingen.
  • ALD-I – Goebl, Hans (1998): Atlant linguistich dl ladin dolomitich y di dialec vejins I. vol. 1-7. Wiesbaden: Reichert. (sprechend: http://ald.sbg.ac.at/ald/ald-i/index.php).
  • ALD-II – Goebl, Hans (2012): Atlant linguistich dl ladin dolomitich y di dialec vejins, 2a pert. vol. 1-5. Editions de Linguistique et de Philologie (Sprachatlas des Dolomitenladinischen und angrenzender Dialekte, 2. Teil).
  • ALF – Gilliéron, Jules / Edmont, Edmond (1897-1900): l’Atlas linguistique de la France. Paris: Champion.
  • ASLEF – Pellegrini, Giovan Battista (1974-1986): Atlante storico-linguistico-etnografico friulano. vol. 1-6. Padova.
  • COLCUC – Colcuc, Beatrice (2015): Datenerhebungen zum Thema Milchverarbeitung in Colle Santa Lucia.
  • DIWA – Schmidt, Jürgen Erich/ Herrgen, Joachim (Hrsg.) (2001-2009): Digitaler Wenkeratlas: http://www.diwa.info/
  • Elspass/König 2008 – Elspaß, Stephan/ Werner König (Hrsg.) (2008): Sprachgeographie digital. Die neue Generation der Sprachatlanten (mit 80 Karten). Hildesheim/ Zürich/ New York: Olms.
  • Idiotikon – Schweizerisches Idiotikon. Schweizerdeutsches Wörterbuch. Basel. http://www.idiotikon.ch/index.php
  • Krefeld 2003 – Methodische Grundfragen der Strataforschung, HSK 23.1, 555-567
  • Krefeld 2017a – Krefeld, Thomas (2017): Geolinguistik in der Perspektive der ‚digital humanities‘ (am Beispiel von Verba Alpina). Vorlesung dh-lehre. Version 2 (20.10.2017, 08:18). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=20659&v=2.
  • Krefeld 2017b – Thomas Krefeld (2017): Glossotope statt Isoglossen. Zum Paradigmenwechsel in der Geolinguistik. Korpus im Text. Version 1 (19.10.2017, 07:51). url: http://www.kit.gwi.uni-muenchen.de/?p=13679&v=1.
  • Krefeld 2018 – Krefeld, Thomas (2018): Sprache und Raum – Italien und das Italienische. Vorlesung dh-lehre. Version 2 (2.02.2018, 17:47). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=77045&v=2.
  • SDS – Baumgartner, Heinrich/ Handschuh, Doris/ Hotzenköcherle, Rudolf (1962-2003): Sprachatlas der Deutschen Schweiz.b Band 1-9. Bern: Francke.
  • VALTS – Gabriel, Eugen (1985-2004): Vorarlberger Sprachatlas mit Einschluss des Fürstentums Liechtenstein, Westtirols und des Allgäus. Band 1-5. Bregenz: Vorarlberger Landesbibliothek.
  • VIVALDI – Kattenbusch, Dieter/ Tosques, Fabio (1998-2016): VIVALDI: Vivaio Acustico delle Lingue e dei Dialetti d’Italia. Aktustischer Sprachatlas der Dialekte und Minderheitensprachen Italiens. Berlin: Humboldt-Universität Berlin, Institut für Romanistik. http://www2.hu-berlin.de/Vivaldi/index.php?id=0001&lang=de
  • WBOE – Werner/ Kranzmayer, Eberhard. Institut für österreichische Dialekt- und Namenlexika (Hrsg.) (1970ff): Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich. Wien: Verl. der Österr. Akad. der Wiss.



 

 

König, Werner & Paul, HJ (1978): Dtv-Atlas Zur Deutschen Sprache: Tafeln U, Texte. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag.

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