Die soziale Variation des italiano regionale der Zimbern in Auto- und Heteroperzeption


1. Einleitung

Una volta, sulle nostre montagne, vivevano delle genti che parlavano un’antica lingua. Quando gli italiani chiedevano che lingua parlassero, loro rispondevano “bar reidan tauć”. I foresti guardavano sempre in malo modo i bambini delle contrade più a nord che ancora parlavano quell’antica lingua. Uno di quei bambini veniva spesso mandato in paese a comprare qualcosa da mangiare per la famiglia. Il vecchio della bottega, ultimo della piazza che ancora parlava cimbro, lo prendeva sempre da una parte, e gli diceva: „dì a me cosa vuoi, non ascoltare cosa dicono i foresti“. Oggi, nelle contrade lontano dal paese, non si sente più parlare cimbro perché la gente è andata via a lavorare per vivere. Oggi c’è solo silenzio. Più nessuno tiene viva la montagna come le genti cimbre sapevano fare. Il bambino che veniva mandato alla bottega oggi è un vecchio; a volte lo vedo guardare perso tra le case delle contrade dove è stato giovane e dove un tempo rideva la vita. (Sp04_23m)

Diese Erzählung stammt von einem Zimber aus dem Gebiet der 13 Gemeinden1 ‚Der Begriff der 13 Gemeinden ist historisch zu verstehen – die heutige Sprachinsel besteht inzwischen nur noch aus weniger als einer halben Gemeinde, da Giazza selbst nur Fraktion der Gemeinde Selva di Progno (…) ist.‘ (Rowley 2013: 401). bei Verona, welches zusammen mit dem Gebiet der sieben Gemeinden bei Vicenza und der Gemeinde aus dem Dorf Lusern im Trentino jene Orte ausmachen, in denen der Sprachinseldialekt Zimbrisch 2 ‚Mit ‚Zimbrisch’ bezeichnet man eine Gruppe von Sprachvarietäten deutschen Ursprungs (…) in Nordostitalien‘ (Bidese 2011: 11). gesprochen wurde, seitdem laut Rowley (1996: 265) im Spätmittelalter Sprechergemeinschaften aus dem bairischen Gebiet ausgewandert sind. Dank der geographisch isolierten Lage konnte sich über viele Jahrhunderte hinweg diese Minderheitensprache erhalten. Durch die schlechte bis fehlende Infrastruktur blieb der Kontakt zwischen den einzelnen Gemeinden und den italienischen Städten aus, weshalb sich über die Zeit hinweg eigene Varietäten3 “Die unterschiedlichen Realisierungsformen einer Sprache nennt man sprachliche Varietäten“ (Kabatek/Pusch 2009: 223). , die sowohl diatopischer Natur (vgl. Bidese 2004: 5f), als auch im Besonderen individueller Natur sind (vgl. Rowley 2013: 405), entwickelt haben. Auf Dauer blieb der Kontakt mit den italienischen Varietäten der Umgebung nicht aus, weshalb heute zu dem Sprachrepertoire eines jeden Zimbers neben dem Zimbrischen selbst auch italienische Dialekte sowie das italiano regionale  zählen (vgl. Schöntag 2014: 87). Heutzutage wird das Zimbrische nur noch in Lusern regelmäßig in der Familie und der Öffentlichkeit gesprochen, während es in den anderen Gemeinden lediglich von sehr wenigen Sprechern beherrscht wird und das Italienische zur vorherrschenden Kontaktsprache geworden ist (vgl. Bidese 2011:11). Dieser Aspekt soll als Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit dienen. Das Forschungsinteresse liegt dabei auf der Wahrnehmung des italiano regionale der Zimbern aus den 13 Gemeinden um Verona. Da alle italiani regionali äußerst vielfältig und teilweise in sehr kleinen Räumen voneinander abzugrenzen sind, ist die Ausgangshypothese dieser Arbeit, dass auch das italiano regionale der Zimbern einzigartig ist und sprachliche Unterschiede zu anderen italiani regionali des Veneto aufweist, die in Auto- und Heteroperzeption wahrzunehmen sind. Womöglich lassen sich sprachliche Einflüsse der zimbrischen Sprache vorfinden. Zu vermuten ist ferner, dass diese diatopische Varietät auch in der Diastratik variiert und in Folge dessen soziale Variationen des italiano regionale vorliegen.4Vgl. zum Beispiel Piredda 2013, die über die Wahrnehmung der Sardischsprecher geforscht hat und in ihrere Arbeit „Gli italiani locali di Sardegna – uno studio percettivo“ die präzise Perzeption der Sarden gegenüber der italiani regionali aus Sardinien erörtert, die von Ortschaft zu Ortschaft variieren. Dabei soll sowohl ein Augenmerk auf die Autoperzeption der Zimbern geworfen werden, als auch im Vergleich dazu die Heteroperzeption der Veroneser betrachtet werden. Folgende Fragen werden im Laufe der Arbeit untersucht und diskutiert:

  1. Werden in Auto- und Heteroperzeption unterschiedliche linguistische Charakteristika bezüglich des italiano regionale der Zimbern wahrgenommen und welche sind das?
  2. Erfolgt bei der Autoperzeption in diesem Zusammenhang die Verortung des     sprachlichen Stimulus genauer als bei der Heteroperzeption?
  3. Liegen bei Auto- und Heteroperzeption unterschiedliche Einstellungen vor?
  4. Werden die verschiedenen sozialgeprägten Differenzen (z.B. Alter etc.) zwischen den Sprechern wahrgenommen?
  5. Inwiefern spielen soziolinguistische und außersprachliche Faktoren bei dem Sprachwissen eine Rolle?

Mit dieser Art der Fragestellung soll erstmals in der Linguistik der Fokus auf der sprachlichen Wahrnehmung und damit verbunden auf dem sprachlichen Wissen der Zimbern  und der Veroneser bezüglich einer Varietät  des italiano regionale, welches von einer sprachlichen Minderheitengruppe in den 13 Gemeinden bei Verona gesprochen wird, gelegt werden. Dadurch erfolgt zum ersten Mal eine Analyse des kommunikativen Raums5Zur Definition des kommunikativen Raums siehe Kapitel 2.3.1 der Zimbern, welcher ausschlaggebend für das Sprachwissen der Zimbern und Veroneser inklusive Repräsentationen und Einstellungen ist. Somit soll auch der Bogen vom germanistischen Interesse bezüglich einer germanischen Varietät zum romanistischen Interesse der sprachlichen Realisierung und der Wahrnehmung dieser italienischen Varietät, die von zimbrischen Sprechern erfolgt, gespannt werden. Damit positioniert sich vorliegende Arbeit im Forschungsbereich der perzeptiven Varietätenlinguistik und erstrebt mit diesem theoretischen Hintergrund sowie mit dessen methodischem Ansatz eine Forschungslücke zu füllen und weitere mögliche Forschungsaussichten, die auf dieser Arbeit aufbauen könnten, im Fazit aufzuzeigen. Ziel der Arbeit ist dabei, die oben aufgeführten Überlegungen anhand einer Untersuchung zu analysieren und im Anschluss daran zu diskutieren.

Darüber hinaus soll das Augenmerk auf die Wichtigkeit gelegt werden sich mit sprachlichen Minderheitengruppen zu beschäftigen, die den kommunikativen Raum mitgestalten. Die Methode hierbei ist, die Sprecher selbst zu befragen und somit aufzuzeigen, dass diese unmittelbar perzeptiv begründbares Sprachwissen aufweisen.

Die Erforschung  dieses bis jetzt unerforschten Themengebietes mit all seinen oben genannten Fragen erfolgt im Rahmen der perzeptiven Varietätenlinguistik und stützt sich auf die Methoden der teilnehmenden Beobachtung, Interviews mit soziolinguistischen Fragen sowie perzeptiven Tests, die auf Grundlage von fünf Stimuli durchgeführt werden, welche auf einer nacherzählten Bildergeschichte basieren. Um die Forschung in einen theoretischen Rahmen zu betten, soll im ersten Kapitel die aktuelle Forschungslage des Zimbrischen, die für die empirische Studie und Analyse der vorliegenden Arbeit von Bedeutung ist, beschrieben werden. In diesem Zusammenhang erfolgt die begriffliche Definition eines Sprachinseldialekts, gefolgt von einigen für diese Untersuchung relevanten sprachlichen Besonderheiten. Im Anschluss daran wird das in der Literatur genannte Sprachrepertoire der Zimbern behandelt. In dem folgenden Unterkapitel soll sich eingehender mit dem italiano regionale beschäftigt werden. Den Übergang von dem theoretischen Rahmen zum Methodenteil bildet die Erläuterung der perzeptiven Varietätenlinguistik. Die verwendete Methode wird im dritten Kapitel intensiv behandelt, wobei auch auf die Durchführung der Untersuchung eingegangen wird. Im vierten Kapitel schließlich erfolgen die Analysen der einzelnen Stimuli sowie ein Vergleich der Ergebnisse. Im Rahmen dieses Analysekapitels werden alle Forschungsfragen behandelt und somit die Ausgangshypothese beantwortet. Innerhalb des Fazits soll schlussendlich noch ein wissenschaftlicher Ausblick gegeben werden, also von vorliegender Arbeit ausgehend Denkansätze für eine weitere Forschung aufgezeigt werden.

„Il bambino che veniva mandato alla bottega oggi è un vecchio; a volte lo vedo guardare perso tra le case delle contrade.” (Sp04_23m)6Zur Erklärung der Abkürzungen für die Sprecher der Interviews siehe Kapitel 3.2.2.

Im Folgenden soll nun im Rahmen eines stark sprecherbasierten Forschungsansatzes dieser Sprechergruppe die Aufmerksamkeit geschenkt werden und die Sprache sowie das Sprachwissen der Sprecher jener „contrade“ (Sp04_23m) analysiert werden.

2. Theoretischer Hintergrund

2.1. Zimbrisch

2.1.1. Aktuelle sprachliche Situation des Zimbrischen

Wie in der Einleitung bereits angeführt wurde, lässt sich das Zimbrische in drei Gemeinden vorfinden: in Lusern, das sich im Trentino befindet, in sieben Gemeinden bei Vicenza und schließlich in 13 Gemeinden bei Verona (vgl. Rabanus 2010: 116). Die vorliegende Arbeit konzentriert sich ausschließlich auf die zimbrischen Gemeinden bei Verona, in denen Giazza7Giazza befindet sich am Ende eines Tales, in einer verkehrstechnisch reichlich ungünstigen Lage. Die dadurch resultierende Isolation der Sprachgruppe konnte aber somit den Bestand des Zimbrischen gewährleisten (vgl. Rowley 1996: 265)., im Zimbrischen Ljetzan genannt, den Ort ausmacht, in welchem noch die meisten Zimbrischsprecher vorzufinden sind. Doch auch diese Anzahl der Sprecher hält sich in Grenzen. Laut Rowley (2013: 401) leben noch circa 10 Sprecher in Giazza, die Zimbrisch als L1 haben, wobei noch einige weitere hinzukommen, die allerdings nach Verona oder in die Nachbargemeinden ausgewandert sind (vgl. Rowley 2013: 402). Aufgrund dieser geringen Sprecherzahl und der Tatsache, dass das Zimbrische nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben wird, lässt sich eine hohe Variation dieser Sprachinselvarietät8Unter dem Begriff der Sprachinsel werden „relativ kleine Sprach- und Siedlungsgemeinschaften in einem anderssprachigen größeren Gebiet“ (vgl. Egger/Heller 1997: 1352) verstanden; wobei im konkreten Fall der zimbrischen Sprachinsel ein deutschsprachiges Gebiet in Oberitalien außerhalb der Provinz Bozen gemeint ist, dass auf Grund „lange währender Isolierung erhebliche Unterschiede zur heutigen deutschen Standardsprache“ (Rowley 1996: 265) aufweist. Sprachinselgemeinschaften sind mehrsprachig und beinhalten in diesem Fall neben dem Italienischen auch oftmals die norditalienischen Dialekte, die gravierende Unterschiede zum Standarditalienischen aufzeigen (vgl. Rowley1996: 265). feststellen (vgl. Rowley 2013: 405). Offen bleibt dabei die Frage, inwiefern sich die  hohe Variation des Zimbrischen auch im italiano regionale der Zimbern bemerkbar macht, konkret also, ob auch das italiano regionale hohe Variationen aufweist, die aber trotz allem auf der L1 – Zimbrisch – basieren und davon geprägt sind.

Der dialetto veneto bzw. das italiano regionale der Zimbern haben tatsächlich bereits einen großen Teil der sprachlichen Domänen für sich beansprucht, wohl auch aufgrund dessen, dass es wenige zimbrische Sprecher gibt, durch die das Zimbrische als L1 Verwendung finden kann.9Des Weiteren sind alle zimbrischen L1 Sprecher mit Sprechern anderer Varietäten verheiratet, weshalb die Familiensprache ausschließlich Italienisch ist und in Folge dessen auch die Kinder kein Zimbrisch mehr in der Familie erwerben (vgl. Rowley 2013: 404). Somit nehmen die lokalen italienischen Varietäten immer mehr überhand und finden im alltäglichen Kommunikationsraum Verwendung (vgl. Rabanus 2010: 132)10Diejenigen kommunikativen Domänen, die das Zimbrische betreffen, begrenzen sich auf das enge kommunikative Umfeld wie Freunde, Familie und Verwandte und auch bei kulturellen Anlässen der zimbrischen Traditionen findet die zimbrische Varietät Gebrauch (vgl. Schöntag 2014: 98).. Trotz alledem ist das Zimbrische aus linguistischer Sicht „bei bester Gesundheit“ (Rowley 2013: 405) und erhält auch kulturelle Unterstützung von Seiten vieler Vereine, Einrichtungen und Museen. In diesem Rahmen werden Abendsprachkurse für all diejenigen, die sich der zimbrischen Kultur zugehörig fühlen und dessen Sprache lernen wollen, angeboten (vgl. Rowley 2013: 404). Ein Großteil der zimbrischen Sprechergemeinschaft weist nämlich inzwischen nur noch eine rein passive Kompetenz auf oder beherrscht das Zimbrische nur noch bruchstückhaft. Jene, die das Zimbrische lückenlos sprechen und als L1 erworben haben, lassen sich vor allem in der älteren Generation vorfinden (vgl. Schöntag 2014: 98). Dies hängt auch damit zusammen, dass das Zimbrische als Sprache einen niedrigen Status besitzt, weshalb größere institutionelle Unterstützungen fehlen.

Außerdem mangelt es in den zimbrischen Gemeinden an wirtschaftlichen und bildungstechnischen Möglichkeiten, weshalb immer mehr Zimbern, besonders aus der jungen Generation, auswandern. Auch hier ist der Bezug zum italiano regionale der Zimbern deutlich: Je nach sozialen Variablen liegt eine andere Variante des italiano regionale vor. Inwiefern sich diese in der sprachlichen Realisierung bemerkbar machen und wahrgenommen werden, ist ebenfalls Bestandteil des Analysekapitels (vgl. Kapitel 4) dieser Arbeit.

Es lässt sich ebenfalls feststellen, dass ein starkes Sprachbewusstsein und ein großer Stolz bezüglich des Zimbrischen vorliegen, auch bei denen, die selbst kein Zimbrisch mehr beherrschen oder es erst im späteren Verlauf ihres Lebens erworben haben (vgl. Rowley 2013: 406). Innerhalb der zimbrischen Sprechergemeinschaft11Eine Sprechergemeinschaft entsteht durch die Verbindung von Sprechern, Territorium, Sprachgebrauch, Werten der Sprache und dem Willen zur selben Sprechgemeinschaft zu gehören (vgl. Heydenreich 2009: 24ff). lässt sich eine starke Identifikation mit der zimbrischen Sprache und dem zimbrischen Territorium erkennen, wobei die Geschichte sowie soziale und kulturelle Faktoren hierbei eine tragende Rolle spielen (vgl. Heydenreich 2009: 24ff). Im Rahmen der Analyse soll erneut auf diesen Aspekt des Sprachbewusstseins eingegangen und durch weitere Beobachtungen ergänzt werden, die durchaus auch die Autoperzeption inklusive der Repräsentationen und Einstellungen beeinflussen.

2.1.2. Sprachliche Besonderheiten des Zimbrischen

In diesem Kapitel sollen einige sprachliche Charakteristika genannt werden, die für den Methodenteil dieser Arbeit von Bedeutung sind. Wie im vorherigen Kapitel bereits ausgeführt, besteht im Zimbrischen selbst eine hohe Variation der Varietät (vgl. Rowley 2013: 405). So sind trotz der geographischen Nähe der Dörfer innerhalb der 13 Gemeinden verschiedene Varietäten vorzufinden (vgl. Bidese 2010: 6).

Im Folgenden sollen nun einige Charakteristika des Zimbrischen angeführt werden, die sich im Laufe des Analysekapitels als relevant erweisen. Für das Zimbrische ist das stimmlose /s/ im Anlaut vor Konsonanten markant, welches besonders stimmlos in der Verbindung von /st/ und /sp/ ist. Im Gegensatz dazu fällt das /s/ vor Vokalen in den meisten Fällen stimmhaft aus (vgl. Schweizer 1951: 319f).

Besonders prägnant sind die /k/ Laute, welche im Inlaut und Auslaut sowie vor Vokalen und /r/ und /l/ zu [χ] verschoben werden (vgl. Schweizer 1951: 253). Im Zimbrischen entsteht der stimmlose velare Reibelaut [χ], der jedoch vor Vokalen einen leichten Stimmton besitzt (vgl. Bidese 2011: 20). Als ebenfalls merkmalspezifisch wird der stimmhafte velare Nasallaut [ŋ] bezeichnet (vgl. ebd.).

„Quale varietà germanica da lunghissimo tempo ha stretto contatto con varietà romanze“ (Bidese 2010: 5f), weshalb sich die ursprünglich rein germanischen Formen einer linguistischen Veränderung unterzogen haben (vgl. Bidese ebd.). Dies macht sich besonders im Lexikon bemerkbar, in dem lexikalische Interferenzen aus dem Italienischen und insbesondere aus den umliegenden Dialekten übernommen werden (vgl. Rowley 2010: 19). So ersetzt, der Einfachheit halber, oftmals das veronesische Dialektwort ‚sinkwe’ den im Zimbrischen komplexeren Begriff ‚a hant’ um das Zahlenwort ‚fünf’ auszudrücken (vgl. Rowley 2013: 406). Während auch in der Syntax diverse italienische Interferenzen vorzufinden sind, bleibt die semantische Struktur des Zimbrischen erhalten (vgl. Rowley 2010: 19f).

Dieses Spannungsfeld zwischen der germanischen Varietät sowie den italienischen Entlehnungen und Interferenzen bietet eine interessante Grundlage für sprachliche Realisierungen im italiano regionale und dessen Wahrnehmung in Auto- und Heteroperzeption, um analysieren zu können, welche besonders markanten Charakteristika des Zimbrischen im italiano regionale bestehen bleiben und welche italienischen Dialektbegriffe mit übernommen werden. Besonders bei diesen Wörtern erweist sich die Heteroperzeption als interessant zu analysieren, um feststellen zu können, ob Dialektsprecher aus Verona bei diesen Ausdrücken Unterschiede bemerken oder sie im Gegensatz dazu, als typisch für ihre eigene sprachliche Varietät wahrnehmen.

2.1.3. Das Sprachrepertoire der Zimbern

Da der Forschungsgegenstand dieser Arbeit das italiano regionale der Zimbern ist, sei schließlich noch dem Sprachrepertoire12Unter einem Sprachrepertoire wird die mögliche menschliche Kommunikationsfähigkeit verstanden, sprich all die sprachlichen Möglichkeiten eines Sprechers sich in bestimmten Situationskontexten auszudrücken (vgl. Pütz 2004: 226). der Zimbern ein Kapitel gewidmet. Dieses erweist sich im vorliegenden Fall insofern als relevant, als dass das italiano regionale in Abhängigkeit zur L1 und weiteren beherrschten Varietäten steht. Es kann also durchaus davon ausgegangen werden, dass das Sprachrepertoire sowohl auf das Sprachwissen, als auch auf die sprachlichen  Realisierungen Einflüsse ausübt. Das Sprachrepertoire variiert je nach den beherrschten Sprach- und Dialektvarietäten eines Sprechers oder eine Sprechergemeinschaft (vgl. Berruto 1995: 67-70).

Sprechergemeinschaften bestehen aus Sprechern, die eine gemeinsame L1 haben oder zumindest eine gemeinsame Sprachvarietät mit dessen Norm teilen. Die Sprecher interagieren innerhalb eines geographischen und politischen Raums untereinander. Außerdem besitzen sie gemeinsame soziale Einstellungen gegenüber Sprache und Werten und teilen darüber hinaus das Wissen der Regeln einer Varietät (vgl. Berruto 1995: 67-70).

Auch soziale Variablen wie die Schicht und das Alter bestimmen das Sprachrepertoire  (vgl. Pütz 2004: 228).

In diesem Sinne wird bereits der markanteste Unterschied zwischen der Auto- und Heteroperzeption deutlich: das Sprachrepertoire. Während zwar sowohl Veroneser, als auch Zimbern das italiano regionale und den Dialekt aus Verona und Umgebung beherrschen, bleibt die passive und aktive Kompetenz des Zimbrischen den Zimbern überlassen (vgl. Schöntag 2014: 87). Dieser Teil des Sprachrepertoirs erfährt eine wesentliche Symbolfunktion für die zimbrische Gruppenzugehörigkeit sowie für dessen soziokultureller Identität (vgl. Pütz 2004: 228). Daraus lässt sich schlussfolgern, dass eine stark ausgeprägte zimbrische Identität vorliegt. Da durch die Verbindung von Sprache und Kognition sprachliche Wissenssysteme durch Kognitionsprinzipien, wie die der Wahrnehmung erklärbar sind und Sprache des Weiteren als Ausdrucksmittel für Konzepte dient, mit dessen Hilfe Sprecher ihre Lebenswelt wahrnehmen (vgl. Pütz 2004: 228f), kann an diesem Punkt die Vermutung aufgestellt werden, dass die Kompetenz des Zimbrischen ebenfalls seine Spuren im Sprachwissen mit sprachlichen Repräsentationen und Einstellungen hinterlassen hat.

Die Analyse eines Sprachrepertoirs, welches sowohl für Individuen, als auch für Gemeinschaften erfolgen kann, ermöglicht die Erklärung für den Sprachgebrauch und „lässt Rückschlüsse auf die Variationsmöglichkeiten im Sprachgebrauch zu“ (Pütz 2004: 227).

 Hierbei ist ebenfalls zu beachten, dass kein Sprecher innerhalb der Sprechergruppe das gesamte Sprachrepertoire in gleichem Maße besitzt (vgl. Berruto 1995: 73f). So kann es auch vorkommen, dass ein Sprecher zwar die passive Kompetenz einer der Varietäten der Sprechergemeinschaft aufzeigt, aktiv jedoch nicht die notwendigen Kenntnisse zur Kommunikation hat (vgl. Berruto 1995: 80).

Kurz zusammengefasst umfasst das Sprachrepertoire der Sprechergemeinschaft der Zimbern das Zimbrische, den örtlichen italienischen Dialekt, das italiano regionale (vgl. Schöntag 2014: 87), sowie stilistische Varietäten, die an die Situation, das Gesprächsthema und die Teilnehmerrolle geknüpft sind (vgl. Pütz 2004: 227). An diesen Punkt setzt die Forschungsfrage der vorliegenden Arbeit an, die sich mit dem Thema der Auto- und Heteroperzeption des italiano regionale einer Sprechergruppe, welche eine germanische Varietät als L1 besitzt, beschäftigt.

2.2. Das italiano regionale

„L`italiano regionale è […] l`espressione più vera degli italiani che mangiano si con ‘forchetta e coltello’ ma si nutrono dei loro piatti tipici preferiti” (Piredda 2013: 13).

Mit diesem Zitat wird deutlich, dass das italiano regionale die mündlich realisierte Varietät ist, während das italiano standard in der gesprochenen Wirklichkeit reine Utopie ist (vgl. Piredda 2013: 14f). Auch Sobrero (2011: 732) bekräftigt, dass das italiano regionale „l’insieme delle varietà della lingua italiana, diversificate in relazione all’origine e alla distribuzione geografica dei parlanti” ist. Dabei gibt es lokale Variationen, die besonders in Prosodie und Phonologie zum Ausdruck kommen (vgl. Piredda 2013: 15), aber auch die Bereiche des Lexikons und der Syntax betreffen (vgl. Sobrero 2011: 732).

Das italiano regionale positioniert sich in einem Kontinuum zwischen dem lokalen Dialekt des Gebietes und dem Standarditalienisch (vgl. Loi Corvetto 1983: 9). Dabei gibt es sowohl Merkmale des Standarditalienischen, die in der jeweiligen Form des italiano regionale integriert werden, als auch Phänomene des Dialekts, die dem italiano standard in der gesprochenen Varietät bevorzugt werden (vgl. Piredda 2013: 16). Aber diese Verschiebung kann durchaus auch in die andere Richtung erfolgen. So sinken manche Merkmale, die zwar Bestandteil des italiano regionale sind, zum Dialektgebrauch hinab, während andere Charakteristika des italiano regionale auch in anderen Varietäten Gebrauch finden. Sie verlieren somit ihre örtlichen Konnotationen und nähern sich einer Varietät an, die von einer größeren Sprechergemeinschaft verwendet wird (vgl. Sobrero 2011: 741).

Die jeweils gesprochene Varietät wird in einem bestimmten geographischen Gebiet verwendet und ist durch bestimmte phonetische, morphosyntaktische und lexikalische Charakteristika erkennbar. Durch diese Charakteristika kann eine Variante des italiano regionale von einer anderen gesprochenen Varietät unterschieden werden (vgl. Loi Corvetto 1983: 6). In diesem Zusammenhang stellt sich in der Wissenschaft nach wie vor die Frage, wie die Grenzen definiert werden können, um bei einem Merkmalsbündel von einem italiano regionale ausgehen zu können, welches innerhalb eines kommunikativen Raums auftritt (vgl. Piredda 2013: 15f). Das Problem bei der exakten Definition ist die Komplexität ein italiano regionale von anderen regionalen Varietäten abzugrenzen (vgl. Sobrero 2011: 732). Im Vergleich zum italiano standard weist das italiano regionale eine hohe diatopische Variation auf, die durch diastratische, diaphasische sowie diamesische Variationen innerhalb der Varietät ergänzt werden. Im Gegensatz zum Dialekt hat das italiano regionale viel stärker die Möglichkeit sich zu verbreiten, zu verändern oder neue sprachliche Innovationen aufzunehmen (vgl. Sobrero 2011: 740).  Aber auch soziale Aspekte spielen bei dem italiano regionale eine Rolle und äußern sich besonders in der Lexik sowie Phonetik (vgl. Piredda 2013: 18). Laut Berruto (1993: 10) sind alle Varietäten die ein Sprecher erwirbt, neben dem geographischen Hintergrund auch immer sozial markiert. Diese soziale Markierung beruht auf der Herkunft der Sprecher, ihrer sozialen Gruppe, der kommunikativen Situation sowie dem Medium, mit welchem die Sprecher interagieren. In diesem Sinne ist das italiano regionale sowohl geographischer als auch sozialer Natur (vgl. Piredda 2013: 25).

Das italiano standard steht gleichbedeutend für Sprecher mit einem hohen Bildungshintergrund und ist mit einem hohen Prestige verbunden, während der Dialekt vor allem von Sprechern mit niedrigerem Schulabschluss verwendet wird. So lässt sich ein Kontinuum auch im italiano regionale selbst feststellen (vgl. Piredda 2013: 30ff).

Auch das Sprachrepertoire eines Sprechers umfasst ein Kontinuum der Varietät des italiano regionale, wie auch des Dialekts. Auf Grund dieses Kontinuums erweist es sich als schwierig die Varietäten zu differenzieren. Da viele Merkmale in mehreren Varietäten gleichzeitig vorkommen, kann hier von einem pluridimensionalem Varietätenbegriff des italiano regionale gesprochen werden (vgl. Piredda 2013: 30ff).

Um folglich das italiano regionale der Zimbern durch Perzeptionstests analysieren zu können, braucht es zur Erklärung der erhobenen Daten der Informanten jene sozialen wie geographischen Hintergründe der gesprochenen Varietät der Sprecher. Zu überprüfen ist dabei, ob und inwiefern sich diese mit der Perzeption der Informanten decken.

2.3. Perzeptive Varietätenlinguistik

2.3.1. Der kommunikative Raum

Das Modell des kommunikativen Raums ist von Krefeld (2004) im Rahmen der Migrationslinguistik  entwickelt worden. Mit diesem Ansatz soll vermieden werden, einen diatopischen Raum einer Einzelsprache rein eindimensional zu betrachten (vgl. Krefeld 2004: 19). Bei diesem Ansatz steht der Sprecher selbst im Mittelpunkt, indem er seinen eigenen kommunikativen Raum konstruiert (vgl. Krefeld 2004: 20f).

Innerhalb dieses Raums konstituieren sich die Räumlichkeiten des Sprechers, die der Sprache und die des Sprechens, die alle einer übergeordneten Alltagswelt zugehörig sind. Der Sprachraum umfasst alle Varietäten, die innerhalb eines kommunikativen Raumes auftreten können, angefangen von den Lokalvarietäten, über die Arealvarietäten bis hin zu den Territorialvarietäten. Der Sprecher wird von seiner Herkunft und seiner Mobilität beeinflusst. Dadurch wird sein Sprachrepertoire konstruiert. Das Sprechen schließlich bezieht sich auf den Sprachgebrauch, der von der sozialen Vernetzung sowie der Kommunikationsraum abhängt (vgl. Barbaric 2015: 54ff).

Abbildung 1 Kommunikationsraum von Krefeld (2004)

Abbildung 1 Kommunikationsraum von Krefeld (2004)

Sprecher und Hörer sind laut diesem Modell stets in Interaktion. Darauf basierend baut nun die Theorie der perzeptiven Varietätenlinguistik auf, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Sprachwissen eines Sprechers über das Sprechen einer Varietät einer bestimmten Sprache zu analysieren. 13Vgl.: Krefeld/Pustka 2010: „Perzeptive Varietätenlinguistik“.Diese Frage hängt unmittelbar mit der Beziehung zwischen dem Sprecher und seinem kommunikativen Raum zusammen. Sie beschäftigt sich mit der Raumkonstruktion, die vom Sprecher ausgeht, sowie – als Überleitung zur perzeptiven Varietätenlinguistik – mit der Wahrnehmung des Sprechers und des Hörers vom kommunikativen Raum (vgl. Krefeld 2004: 20f).

2.3.2. Erläuterung des theoretischen Ansatzes der perzeptiven Varietätenlinguistik

Die Theorie der perzeptiven14Unter Perzeption wird die Wahrnehmung verstanden. „Der Terminus umfasst in der Sprachpsychologie die Gesamtheit der Prozesse, in denen sprachliche Informationen (akustisch oder visuell) wahrgenommen, strukturiert, verarbeitet und verstanden wird. Perzeption umfasst auch die aktiven Sinngebungsprozesse, die aus dem sprachlichen Input eine sinnvolle Nachricht machen.“ (Metzler Lexikon Sprache 2010: 504). Varietätenlinguistik15Die Varietätenlinguistik beschäftigt sich mit den Variationen innerhalb einer Sprache, die in den Dimensionen der Diatopik, Diaphasik und Diastratik Ausdruck finden (vgl. Krefeld/Pustka 2010: 16). und deren Methoden erlauben einen stärker sprecherorientierten Forschungsansatz, da die Rolle des Sprechers und sein Verhältnis zur Sprache Forschungsgegenstand wird (vgl. Piredda 2013: 68).16Dieser Ansatz gilt als Antwort auf eine einseitig arbeitende Geolinguistik, in der zwar bereits die Perzeption der Sprecher mit Beachtung findet, jedoch alle anderen wesentlichen Varietäten außer der Diatopik vernachlässigt wurden. In der Varietätenlinguistik wurde bis dato der Sprachwahrnehmung keine Aufmerksamkeit geschenkt. In diesem Sinne entstand die perzeptive Varietätenlinguistik von Krefeld und Pustka, die auf bereits bestehenden Ansätzen aufbaut und zu mehr Beachtung der Wahrnehmung der Sprecher aufruft. (vgl. Krefeld/Pustka 2010: 9f).

Laut Krefeld bedeutet die perzeptive Varietätenlinguistik die „Modellierung und Verknüpfung der beobachtbaren Variation einerseits und ihrer Perzeption durch die Sprecher andererseits“ (Krefeld 2005: 162).

Sprachwissen und Sprechhandlungen von Krefeld/Pustka (erweitert durch Postleo 2010: 57)

Abbildung 2 Sprachwissen und Sprechhandlungen von Krefeld/Pustka (erweitert durch Postlep 2010: 57)

Mit Hilfe dieses Modells wird beschrieben, wie der Sprecher den sozialen und kommunikativen Raum wahrnimmt. Dabei wird metasprachliches Wissen abgerufen, welches sich im Rahmen der Sprachtätigkeit auf sprachliche Realisierungen bezieht. Die Wahrnehmung dieser Realisierungen ermöglichen sprachen- und varietätenbezogene Äußerungen (vgl. Krefeld/Pustka 2010: 10f), die in Form von Repräsentationen als kognitive Strukturierungen abgerufen werden können (vgl. Postlep 2010: 55). Beziehen sich die Repräsentationen auf unmittelbar wahrgenommene sprachliche Realisierungen, spricht man von perzeptiv basierten Repräsentationen. Diese werden von außersprachlichen Faktoren beeinflusst (vgl. Krefeld/Pustka 2010: 12f). Das Sprachwissen selbst wird durch eigenes Handeln und Sprechen gebildet, indem jeder Sprecher stets an seiner sozialen Lebenswelt und seinem kommunikativen Raum teilnimmt. Durch Beobachtungen und Wahrnehmungen entsteht das Sprachwissen des Sprechers (vgl. Barbaric 2015: 83).

Des Weiteren ist zu beachten, dass sich sprachen- und varietätenbezogene Repräsentationen von Individuum zu Individuum unterscheiden und in Folge dessen der größte Unterschied der Repräsentationen in Auto- und Heteroperzeption vorliegt, wenn also zwischen in-group– und out-group Sprechern differenziert wird (vgl. Krefeld/Pustka 2010: 15). Ergänzt wird das Sprachwissen außerdem durch Spracheinstellungen, die sich auf „affektive Wertungen und Gefühle gegenüber der sprachlichen Variation“ (Postlep 2010: 55) beziehen. Da diese die sprachliche Produktion beeinflussen, können sie auch nicht vom Sprachwissen getrennt werden und stehen in einer gegenseitigen Beeinflussung von Einsstellungen und Repräsentationen (vgl. Postlep 2010: 55f). Angesichts der Tatsache, dass sich Einstellungen auf konkrete sprachliche Realisierungen beziehen, hängen auch diese „vom Filter der Perzeption“ (Postlep 2010: 56) ab. In Folge dessen sollte die Forschung stets mit perzeptiven Stimuli arbeiten um die „auf der aktuellen Perzeption basierenden Repräsentationen“ (Krefeld/Pustka 2010: 14) zu ermitteln und um zu vermeiden, dass rein außersprachliches Wissen vom Sprecher abgerufen wird (vgl. Krefeld/Pustka 2010: 14). Bei einer Analyse des Sprachwissens des Sprechers, welches sich auf sprachen- und varietätenbezogene Äußerungen bezieht, wird das metasprachliche Wissen untersucht, das größer ist als jenes Wissen, das der Sprecher über konkrete Sprechakte angibt (vgl. Barbaric 2015: 83). Für die Untersuchung der perzeptiv basierten Repräsentationen und Einstellungen braucht es daher eines Stimulus, der die Aufmerksamkeit auf die unmittelbar produzierte Sprache ermöglicht (vgl. Postlep 2010: 59). Erweitert werden kann der Perzeptionstest mit Stimulus durch Befragungen, Beobachtungen sowie durch die Analyse von Imitationen und Karikaturen (vgl. Krefeld/Pustka 2010: 15).

Nachdem nun der theoretische Ansatz, auf welchem die vorliegende Forschung basiert, erläutert wurde, soll im folgenden Kapitel die Methodenabhandlung dieses Forschungsansatzes beschrieben werden und die Notwendigkeit dieses Methodenansatzes für die Forschung über das italiano regionale der Zimbern geklärt werden.

3. Methoden

3.1. Hinführung zu den Methoden der perzeptiven Varietätenlinguistik und deren Bedeutung

Die durchgeführte empirische Studie arbeitet mit den Methoden der perzeptiven Varietätenlinguistik. Zum einen mit dem Ziel, durch diese Vorgehensweise ein offenes Forschungsfeld zu füllen und somit zur Relevanz für die Wissenschaft beizutragen, zum anderen, da diese Methode am geeignetsten für die Forschungsfragen erscheint. Durch den Fokus auf den Sprecher, welche dieser Methodenansatz gewährleistet, kann der Vermutung, dass Sprecher die zimbrischen Einflüsse im italiano regionale wahrnehmen, nachgegangen werden. „Empirisch erfassen kann man nur die aktuellen Sprechhandlungen von Individuen (parole), Gegenstand der Forschung ist aber eigentlich das virtuelle Sprachwissen von Gemeinschaften (langue)“ (Pustka 2008: 2016). Um also das Sprachwissen der Zimbern gegenüber ihrer eigenen Varietät und jenes der Veroneser gegenüber einer Varietät, die zwar von einer anderen Sprechergemeinschaft gesprochen wird, die jedoch durch die geographische Nähe einen Sprachkontakt mit der veronesischen Varietät erhalten hat, erfassen zu können, muss die Perzeption dieser beiden Sprechergruppen untersucht und für die Rolle der langue analysiert werden. Daher arbeitet diese Forschung mit Stimuli, mit deren Hilfe das unmittelbar perzeptiv basierte Sprachwissen aktiviert wird (vgl. Postlep 2010. 59).

Durch die Perzeptionstests der beiden Gruppen kann so ein Vergleich zwischen den Repräsentationen und Einstellungen gegenüber der zimbrischen Varietät des italiano regionale angestellt werden und auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede geprüft werden. Gleichzeitig besteht mit diesem Forschungsansatz ebenfalls die Möglichkeit den Sprechern bezüglich wahrnehmbarer Varietätengrenzen Gehör zu schenken. Obwohl in der Wissenschaft der Konsens besteht, dass keine präzisen Varietätengrenzen existieren, sondern vielmehr ein Kontinuum der Varietäten existiert, sind Sprecher durchaus dazu in der Lage, Varietäten zuzuordnen und voneinander abzugrenzen.

Ein unrichtiges Verfahren ist es ferner, wenn man zuerst eine Definition aufstellt und erst nachher sucht, ob so ein Ding vorhanden sei. Das hat man aber tatsächlich mit den Dialekten getan. Man hat gesagt, ein Dialekt müsse charakteristische Merkmale enthalten, die sonst nirgends vorkommen, er müsse von den Nachbardialekten durch ein an ganz wenigen Orten durchgehendes Zusammenfallen mehrere (…) Lautgrenzen deutlich geschieden sein. Innerhalb des Dialekts müsse eine ungetrübte lautliche Einheit herrschen. Da dies nicht vorkomme, gebe es keine Dialekte. (…) Trotzdem besitzen alle Angehörigen eines Dialektes etwas Gemeinschaftliches, an dem man sie erkennt, das in ihnen, wenn sie in der Fremde zusammentreffen, ein freudiges Heimatgefühl weckt.” (Gauchat 1903: 96)

Die Feststellung, die Gauchat bezüglich der Dialekte trifft, ist auf alle Varietäten übertragbar. So scheint die perzeptive Varietätenlinguistik eine Antwort auf dieses Problem zu bieten, indem man direkt beim Sprecher ansetzt und dessen eigene Repräsentationen untersucht. Da Repräsentationen je nach Sprechergruppe verschieden ausfallen können, bietet es sich an einen Vergleich der Auto- und Heteroperzeption anzustellen, mit dem Ziel, die Unterschiede und deren Gründe aufzudecken. Auf Grund der Tatsache, dass durchaus auch Unterschiede im Sprachwissen der einzelnen Sprecher innerhalb einer Sprechergemeinschaft auftreten können, erweist es sich als relevant, eine repräsentative Anzahl an Sprechern – angemessen an die Größe der Sprechergruppe – zu befragen (vgl. Krefeld/Pustka 2010: 20). Die Forschung dieser Arbeit integriert darüber hinaus – neben der Untersuchung des perzeptiv basierten Sprachwissens – einige soziolinguistische Aspekte, auf die in folgenden Kapiteln detaillierter eingegangen wird. Der Zweck der Kombination der perzeptiven Tests mit den soziolinguistischen Fragen ist es, mögliche Erklärungen für die Repräsentationen und Einstellungen der Sprecher zu diskutieren. Es sollen dabei sowohl außersprachliche Aspekte zur Erklärung herangezogen werden, als auch direkt soziolinguistische Aspekte, die das Sprachwissen lenken und beeinflussen. In diesem Sinne kann auch der Unterschied zwischen Auto- und Heteroperzeption nach Abhängigkeit der soziolinguistischen Daten erörtert werden. Auch das Sprachrepertoire, welches wiederum das Sprachwissen und die Perzeption beeinflusst, wird mit Hilfe soziolinguistischer Fragen betrachtet. Ebenso kann zur Überprüfung und Qualifizierung der Ergebnisse analysiert werden, ob die Repräsentationen und Einstellungen gegenüber einer gesprochenen Varietät mit den soziolinguistischen Daten der Sprecher übereinstimmen und dadurch erklärbar sind. Jegliche regionale, soziale oder situative Merkmale einer Varietät erweisen sich nur dann als relevant, wenn diese von den Informanten durch Perzeption wahrgenommen werden, wobei es auch durchaus vorkommen kann, dass die Informanten die Merkmale zwar wahrnehmen, diese jedoch nicht genau benennen können. In einem solchen Fall liegt die Verantwortung beim Linguisten, die von den Informanten erhaltenen Informationen in eine konkrete linguistische Ausdrucksweise umzuformulieren (vgl. Krefeld/Pustka 2010: 20).

Folgernd kann betont werden, dass der Methodenansatz dieser Forschung mit den etablierten Methoden der perzeptiven Varietätenlinguistik arbeitet, die in folgenden Kapiteln eingehender behandelt werden und durch soziolinguistische Daten erweitert wird. Dadurch findet die Analyse des Sprachwissens gegenüber dem italiano regionale der Zimbern in Auto- und Heteroperzeption statt.

3.2. Erstellung der Stimuli

3.2.1. Bildergeschichte

Wie bereits im vorhergehenden Kapitel erwähnt, dient als Grundlage der Analyse des Sprachwissens der Sprecher ein perzeptiv basierter Stimulus, anhand dessen die Auto- und Heteroperzeption gegenüber dem italiano regionale der Zimbern analysiert werden kann. Die Basis der Perzeptionstests stellen fünf spontan produzierte, phonische Stimuli dar, die den Vorteil besitzen, dass sie spontansprachlicher sind als von Texten vorgelesene sprachliche Realisierungen und stärker die individuelle Variation berücksichtigen. So können auch Besonderheiten der Lexik, die in einer Varietät existieren, auftreten. Durch den phonisch realisierten Stimulus können auch Intonation sowie phonologische Charakteristika für die Repräsentation von Bedeutung sein (vgl. Postlep 2010: 90). Auch wenn durch einen spontan realisierten Stimulus die Gefahr besteht, als Linguist die Kontrolle über die sprachliche Realisierung zu verlieren und auch nicht gewährleistet werden kann, dass in jedem Fall die erwünschten sprachlichen Charakteristika vom Sprecher tatsächlich realisiert werden, scheint doch für diese Forschung der Vorteil eines ungesteuerten, spontan realisierten Stimulus zu überwiegen, da die Natürlichkeit der gesprochenen Sprache des Sprechers von besonders großer Bedeutung ist. Es sollen keine gelenkten sprachlichen Realisierungen entstehen, da das Sprachwissen der Zimbern und Veroneser gegenüber dem im Alltag spontansprachlich realisiertem italiano regionale untersucht werden soll. In diesem Sinne wurde  als Grundlage für den Stimulus eine Photogeschichte gewählt, die frei und möglichst kolloquial von den fünf Sprechern erzählt werden sollte. Als Input diente dabei folgende Aufforderung: „Per favore, parli come se parlasse con i Suoi amici in modo colloquiale”. Dadurch sollten die Sprecher angeregt werden, sich tatsächlich so auszudrücken wie sie es in ihrer kommunikativen Lebenswelt gewohnt sind, anstatt auf eine Varietät zurückzugreifen, die in ihrem Sprachbewusstsein ein höheres Prestige besitzt. Für diesen Zweck war auch ein vorhergehendes persönliches Gespräch von Bedeutung, durch das Hemmungen, sich natürlich auszudrücken, verschwinden konnten. Außerdem wird dadurch ein ungezwungenes Sprechen ermöglicht, da auf diese Weise keine typische Frage – Antwort – Situation eines Interviews entsteht, sondern vielmehr der Eindruck eines lockeren Gesprächs, in welchem man sich frei äußern kann, garantiert wird.

Auch die Photogeschichte selbst sollte die zimbrische Lebenswelt widerspiegeln, damit sich die Sprecher damit identifizieren können. Zum einen fällt ihnen dadurch das Nacherzählen der Geschichte leichter, zum anderen können so Ausdrücke und Wörter fallen, die sie häufig in ihrem kommunikativen Alltag verwenden. Dadurch soll erneut die Natürlichkeit des Stimulus unterstützt werden.

In vorliegendem Fall handelt es sich bei der Grundlage für den Stimulus nicht um eine klassische, gemalte Bildergeschichte; vielmehr wurden dafür Photos17Vgl. Anhang 2. gewählt. Einerseits können dadurch Feinheiten, die für die sprachliche Realisierung gewünscht sind, besser dargestellt werden. Andererseits erfüllt eine Photogeschichte den pragmatischen Zweck der leichteren Erkennbarkeit der abgebildeten Bilder. Besonders für ältere Sprecher erweist sich dieser Vorteil gegenüber einer klassischen Bildergeschichte als relevant, da so eventuellen Sehproblemen vorgebeugt werden kann. Natürlich darf bei einer frei nacherzählten Photogeschichte nicht davon ausgegangen werden, dass alle Sprecher die Merkmale verwenden, auf die durch die eigene Gestaltung der Geschichte abgezielt wird. Dennoch ist bei diesem Forschungsansatz wichtig die Photos und das Thema selbst zu gestalten, damit interessante sprachliche Merkmale provoziert werden. Weil davon ausgegangen werden kann, dass keinesfalls jeder Input der Photogeschichte durch die Sprecher aufgegriffen und in die Erzählung integriert wird, wurden vorbeugend mehrere Inputmöglichkeiten für ein und dasselbe sprachliches Merkmal gewählt.

Gleich im ersten Bild wird durch eine Uhr, auf der es fünf Uhr ist, das Wort „fünf“ als Input vorgegeben. Hierbei ist es interessant zu beobachten, auf welche Varietät die Sprecher zurückgreifen und wie diese Auffälligkeiten bei den perzeptiven Tests wahrgenommen werden und ausschlaggebend für die Repräsentationen sind.18Vgl. zur Relevanz der sprachlichen Realisierung dieses Wortes Kapitel 2.1.2.

Das zweite Photo ist von einer Gedankenblase umhüllt, mit Hilfe derer erkannt werden soll, dass der ältere Mann vom ersten Bild über seine Vergangenheit sinniert. Dadurch wird der Gebrauch einer Vergangenheitsform notwendig, die im italiano regionale des Veneto in den allermeisten Fällen das passato prossimo ist (vgl. Sobrero 2011: 734) und nun mit dem Gebrauch der Zimbern verglichen werden soll.

Nach wie vor auf dem zweiten Photo sieht man einen jungen Mann, der einen Cappuccino trinkt. Dies ist zum einen bezüglich des stimmhaften palatalen Affrikaten [ʤ] interessant, zum anderen wird in Norditalien gerne die Abkürzung Cappuccio gewählt (vgl. Sobrero 2011: 733).

Auf dem darauf folgenden Photo verlässt der Mann sein Haus. Damit wurde auf die Aktivierung des Sprachwissens bezüglich des Phons [k] von it. casa abgezielt. Ähnlich verhält es sich mit dem Phon [kj], welcher durch die abgebildete Kirche im letzten Bild realisiert wird.19Vgl. hierzu Kapitel 2.1.2. Bezüglich der charakteristischen /s/ Laute wurde ein Wald (it. ‚bosco’), eine Säge (it. ‚sega’) und ein Strudel (it. ‚strudel’) abgebildet. Je nachdem, ob ein Vokal oder Konsonant folgt, kann auch hier die Realisierung des /s/ stimmlos oder stimmhaft erfolgen.20Vgl. hierzu Kapitel 2.1.2.

Auf dem vorletzten Photo wird durch Sprechblasen ein Dialog abgebildet, der ebenfalls den kolloquialen Gebrauch der Sprache unterstützen soll.

Die wichtigsten sprachlichen Merkmale sind bei allen Sprechern präsent, nicht unbedingt bei denselben Wörtern, doch immerhin so, dass ein Vergleich stattfinden kann. In Folge der freien Grundlage für die Konstruktion der Stimuli sind bei jedem Sprecher weitere Charakteristika vorhanden, die von Zimbern und Veronesern genannt wurden und das Sprachwissen aktivierten.

3.2.2. Sprecher

Da die soziale Variation des italiano regionale im Sprachwissen der Zimbern und Veroneser erforscht werden soll, sollte ein breites Spektrum an sozialen Variablen durch die Sprecher der Stimuli abgedeckt werden. Dies gewährleistet den Vergleich der verschiedenen sprachlichen Realisierungen in Abhängigkeit von sozialen Variablen und ermöglicht so zu untersuchen, ob die Unterschiede der sozialen Varianten auch im Sprachwissen erkennbar und verankert sind und welchen Einfluss dies auf die Einstellungen gegenüber der Varietät hat. Ein besonderer Fokus lag auf den Variablen Sprachrepertoire, Herkunft, Wohnort, Alter und Schulabschluss. Der Fragebogen21Vgl. Anhang 1. für die Sprecher der Stimuli umfasst einen Teil A, der sich mit den soziolinguistischen Daten beschäftigt, gefolgt von der Bildergeschichte und schließt mit Fragen bezüglich soziodemographischer Daten ab.

Teil A ist einerseits wichtig für die Analyse der Perzeptionstests, andererseits kann er gleichzeitig auch als ‚Aufwärmphase’, in der bereits kleinere Fragen gestellt werden bevor es zum Hauptteil mit der Bildergeschichte kommt, verstanden werden.22Der Fragebogen befindet sich im Anhang der Arbeit. Dafür wurden Sprecher gewählt, die verschiedene Voraussetzungen gegenüber den eben genannten Variablen aufzuweisen haben.23Zur Kontaktaufnahme zu den Zimbern vergleiche Kapitel 3.4. Die erste Sprecherin des Stimulus ist eine 68-jährige L1 Sprecherin des Zimbrischen, die erst mit Eintritt in die Schule, welche sie bis einschließlich der scuola elementare frequentiert hat, das Italienische erlernt hat. Sie spricht somit Zimbrisch, italiano regionale, sowie den dialetto veneto. Mit ihrer Familie macht sie lediglich vom Zimbrischen Gebrauch, während sie mit Freunden zumeist im Dialekt spricht, da die meisten kein Zimbrisch beherrschen. Nur außerhalb der zimbrischen Sprechergemeinschaft greift sie auf das italiano regionale zurück. Am wohlsten fühlt sie sich dabei Zimbrisch zu sprechen, aber auch mit dem Dialekt ist sie zufrieden. Geboren und aufgewachsen in Selva di Progno, einer Gemeinde in den Bergen, die auch Giazza miteinschließt, fühlt sie sich am meisten mit Giazza sowie mit Illasi, einem Ort zwischen Verona und Giazza, wo sie heute lebt, verbunden. Es ist dementsprechend davon auszugehen, dass – wie sie selber auch betont – das Zimbrische ihre L1 ist und das Italienische, also auch die Varietät des italiano regionale, erst mit Schuleintritt mit dem Hintergrund einer germanischen L1 erlernt hat. Der Einfachheit halber wird ihr Stimulus im Verlauf der Arbeit folgendermaßen bezeichnet werden: Sp01_68f.24Die Abkürzung bezieht sich auf Sprecher 01, im Alter von 68 Jahren, weiblich.

Der 74-jährige Sprecher des zweiten Stimulus, Absolvent der scuola media, (Sp02_74m) ist ebenfalls zimbrischer L1 Sprecher und fühlt sich mit dieser Varietät auch am wohlsten. Trotz allem spricht er mit seiner Familie, den Freunden sowie in der Öffentlichkeit den dialetto veneto25Inzwischen spricht er ab und an auch mit seinem Sohn Zimbrisch, da dieser das Zimbrische ebenfalls im späteren Verlauf seines Lebens erworben hat. und fühlt sich besonders dem Gardasee, wo er heute lebt, verbunden. Geboren und aufgewachsen ist er in Giazza, wo er sehr aktiv mit kulturellen Aktivitäten und der Weitergabe der zimbrischen Kultur beschäftigt ist.

Der dritte Sprecher des Stimulus Sp03_33m ist der Sohn des zweiten Sprechers, somit Sohn eines aktiven L1 Zimbrischsprechers. Daher ist davon auszugehen, dass er von der in der Familie gesprochenen Varietät beeinflusst wird, durch sein Studium an der Universität allerdings auch andere Einflüsse erhalten hat. Seine L1 ist der dialetto veneto, mit dem er sich am wohlsten fühlt, während er das Zimbrische erst als Fremdsprache erworben hat und diese heute des Öfteren mit seinem Vater praktiziert. Sein Verbundenheitsgefühl zur zimbrischen Sprache und Kultur spiegelt sich auch durch seine Identifikation mit Giazza wieder. Geboren ist der 33-jährige in Tragnago und lebt heute am Gardasee.

Nachdem nun zwei L1 Sprecher und der Sohn eines L1 Sprechers ohne L1 Kenntnisse den sprachlichen Stimulus realisiert haben, soll das Kontinuum zu einem 23-jährigen Zimber gespannt werden, der die scuola superiore  absolviert hat. Geboren ist er in Soave bei Verona, hat aber immer in Campofontana, einer zimbrischen Gemeinde in der Nähe von Giazza in den Bergen gelebt, wohin er sich auch am meisten verbunden fühlt. Neben dem dialetto veneto, der Varietät, in der er sich am wohlsten fühlt, gibt er an italiano regionale, Französisch, Englisch sowie Zimbrisch, dessen Kenntnisse er bei wenig bis gut einstuft, zu sprechen. Sein sprachlicher Stimulus wird fortan mit Sp04_23m gekennzeichnet.

Mit diesen vier Stimuli sollte ursprünglich die Grundlage für die perzeptiven Tests geschaffen sein, da so die wichtigsten Variablen von diversen Altersklassen über verschiedene Zimbrischkenntnisse bis hin zu Schulabschlüssen, Herkunft und Wohnort getroffen wurden, die bereits ein breites Spektrum und somit ein möglichst großes Kontinuum an sozialen Varianten des italiano regionale der Zimbern gewährleisten. Die erhaltenen sprachlichen Produktionen wurden aber schließlich noch durch einen weiteren Stimulus ergänzt, da ein 21-jährige Sprecher, der angibt ein sehr gutes Zimbrisch zu sprechen, welches er mit 11 Jahren nach dem dialetto veneto erworben hat, ebenfalls die Bildergeschichte erzählen wollte. Dadurch wird ein Mitteilungswunsch des Sprechers deutlich, der mit einem großen Stolz auf die zimbrische Sprache und Kultur begründbar ist. Dieser Aspekt macht seinen sprachlichen Stimulus für die Perzeptionstests besonders interessant. Tatsächlich spricht er nie italiano regionale, sondern macht entweder vom dialetto veneto oder vom Zimbrischen Gebrauch, in denen er sich auch gleichermaßen wohlfühlt. Verbunden ist er zu den 13 Gemeinden der Zimbern sowie zu den umliegenden Bergen. Zu seinen soziodemographischen Daten sei noch hinzuzufügen, dass er in Soave geboren ist, aber immer in Bolca, einer der 13 zimbrischen Gemeinden gelebt hat und auch heute dort seinen Wohnsitz hat. Ebenso wie der Sprecher Sp04_23m hat er die scuola superiore absolviert. Die Bezeichnung seines sprachlichen Stimulus lautet Sp05_21m.

Auffällig bei den Interviews mit den Zimbern war bereits, dass mit sinkendem Alter auch die Zimbrischkenntnisse abnehmen. Im Allgemeinen lassen sich weniger junge Sprecher vorfinden, die jedoch stets ein sehr großes Sprachbewusstsein und Stolz gegenüber der zimbrischen Sprache und Kultur besitzen.

3.3. Perzeptive Tests

Um das Sprachwissen inklusive Repräsentationen und Einstellungen in Auto- und Heteroperzeption gegenüber der sozialen Variation des italiano regionale der Zimbern untersuchen zu können benötigt es einen perzeptiven Test, der auf Grundlage der fünf zuvor beschriebenen Stimuli stattfindet.

Als erstes soll dabei die wahrgenommene Varietät verortet werden, damit so das räumliche Sprachwissen aktiviert wird. Dies leitet zu den Repräsentationen über, welche in einem nächsten Schritt abgefragt werden. Schließlich dienen einige Attribute dazu den wahrgenommenen Stimulus zu bewerten und somit die Einstellungen gegenüber der Varietät abzurufen. Dieses Vorgehen findet bei jedem Informanten insgesamt fünfmal statt um so alle fünf Stimuli zu bewerten.

Eingangs werden dieselben soziolinguistischen und soziodemographischen Fragen gestellt wie auch bei der Sprechergruppe der Stimuli, um so Erklärungen für Repräsentationen und Einstellungen zu erhalten.

Es erklärt sich von selbst, dass die Fragen bezüglich der Zimbrischkenntnisse bei der veronesischen Sprechergruppe nicht gestellt wurden. Bei der zimbrischen Sprechergruppe wurde die passive Kompetenz vor der aktiven Kompetenz abgefragt, da die passive Verständlichkeit in den allermeisten Fällen unproblematischer erfolgt und so in der ersten Frage ein größeres Erfolgserlebnis des Informanten stattfindet, das auch für den weiteren Verlauf des Interviews motiviert. Summa summarum wurden die Fragen zu den soziolinguistischen und soziodemographischen Daten vom Allgemeinen in das Konkrete verengt, um auch durch eine perspektive Verengung der Fragen ein sich aufbauendes Vertrauensverhältnis zu erzielen.

Bezüglich der Reihenfolge der einzelnen perzeptiven Tests der fünf Stimuli sei anzumerken, dass diese so gewählt wurde, dass möglichst keine Beeinflussung der zimbrischen Varietät stattfinden konnte, um keine Vorkonditionierung mit dem Zimbrischen zu provozieren. Begonnen wurden die Tests daher mit dem Stimulus Sp04_23m. So konnte bewusst kein zimbrischer L1 Sprecher den Beginn und den Verlauf der Interviews bestimmen. Im Anschluss daran wurde der perzeptive Test mit dem Stimulus Sp02_74m durchgeführt, womit der erste zimbrische L1 Sprecher angehört wurde. Im Kontrast dazu wurde als nächster Schritt der Stimulus Sp03_33m besprochen, der sich laut seiner soziolinguistischen und soziodemographischen Daten stark vom vorherigen Stimulus unterscheidet. Den vierten Stimulus bildete die Sprecherin Sp01_68f, womit nun wiederum einer zimbrischen L1 Sprecherin Gehör verschaffen wurde. Der Abschluss der perzeptiven Tests wurde durch den Stimulus Sp05_21m geschaffen, der laut seiner soziolinguistischen und soziographischen Daten am meisten mit dem Stimulus Sp04_23m, der als erster angehört wurde, übereinstimmt.

Im Folgenden sollen nun die einzelnen Bestandteile des perzeptiven Tests vorgestellt und erörtert werden bevor die Auswertung und Interpretation erfolgt.26Der Fragebogen befindet sich im Anhang.

3.3.1. Kartenmaterial

Das Kartenmaterial, das direkt nach dem Anhören der jeweiligen Audioaufnahme vorgelegt wurde, bezieht sich auf zwei verschiedene Kartentypen, mit Hilfe deren „mentale Repräsentationen räumlicher Strukturen“ (Lameli/Purschke/Kehrein 2008: 55) abgebildet werden können. Durch die sogenannten mental maps wird Sprachraumwissen getestet, welches sowohl geographischer als auch sprachbezogener Natur ist. Da je nach Karte unterschiedliche Wissensbestände aktiviert werden, ist es auch in dieser Studie von großer Bedeutung das passende Erhebungsinstrument für die Intention der Forschung auszuwählen (vgl. Lameli/Purschke/Kehrein 2008: 55 – 57). Die Menge sowie die Qualität der auf der Karte vorkommenden Informationen beeinflussen die Antworten der Informanten je nach Aktivierung der einzelnen Wissensbestände durch die auf der Karte stimulierten Ergebnisse (vgl. Lameli/Purschke/Kehrein 2008: 81f). Da zu viele Informationen zwar Verwirrung stiften können (vgl. Lameli/Purschke/Kehrein 2008: 82), bei dieser Forschung präzise Angaben allerdings von Bedeutung sind, da alle Stimuli aus der Nähe von Verona kommen und die exakte Differenzierung je nach diatopischen und sozialen Varianten erzeugt werden soll, wurden zwei Karten herangezogen, die für die Verortung der Stimuli verwendet wurden. So wurde dem Informanten zuerst eine Karte von ganz Italien ohne Bundesländergrenzen oder weiteren Angaben vorgelegt. Lediglich die italienische Staatsgrenze war verzeichnet. Dadurch fand bereits eine Fokussierung auf Italien und somit eine „methodische Verengung der Perspektive“ (Lameli/Purschke/Kehrein 2008: 58) statt. Des Weiteren sind dadurch keine weiteren Einflussfaktoren vorhanden, die den Informanten in seiner Antwort beeinflussen könnten. Somit werden die Wissensbestände bezüglich der Varietät und deren geographischen Raums evoziert, die spontan im Informanten verfügbar sind (vgl. Lameli/Purschke/Kehrein 2008: 64). In diesem Sinne kann jeder Informant den Stimulus dorthin in Italien verorten, wo er meint, dass er herkommt, womit in diesem ersten Schritt überprüft wird, ob die Varietät als venetische Varietät wahrgenommen wird.

Erst wenn der Stimulus tatsächlich in das Veneto oder die Berge bis in das Trentino verortet wurde, sollten sie auf einer zweiten Karte präzisere Angaben treffen. Diese Karte stellt den venetischen Raum sowie den südlichen Raum des Trentinos dar und  enthält sehr genaue Angaben bezüglich Städten, Relief und Flüssen. Somit konnte nach dem Erfolgserlebnis auf der ersten Karte eine schwierige Aufgabe absolviert werden, bei der mehr Wissensbestände durch zahlreiche Informationen abgerufen werden. Eine derartige Kombinationskarte löst eine hohe Spontanität des aktivierten Wissens aus, da sich die einzelnen Stimuli, die den Wissensbestand beeinflussen könnten, gegenseitig aufheben (vgl. Lameli/Purschke/Kehrein 2008: 81).

Somit diente das Kartenmaterial27Vgl. Anhang 3. der Verortung und den mentalen Repräsentationen des geographischen und kommunikativen Raums, womit auf den zweiten Teil des perzeptiven Tests, den Repräsentationen des Stimulus übergeleitet wird.

 

3.3.2. Repräsentationen

Um die Repräsentation der Stimuli, die der Informant besitzt, fassen zu können, nähert man sich mit einzelnen Fragen an das Sprachwissen an. Um den Bogen von der Verortung zu den sprachlichen Charakteristika zu spannen, lautet die erste Frage: „Da dove Le sembra provenga l’accento?“. Zum einen ist der gewählte Begriff ‚accento’ recht frei gefasst, womit sich jeder eine Vorstellung von dem machen kann, was gemeint ist. Zum anderen gibt diese Frage eine Begründungsgrundlage, mit der die sprachlichen Repräsentationen aktiviert werden. Auf einer Skala von eins bis sechs soll der Informant angeben, ob die Varietät seiner Meinung nach da molto vicino oder da molto lontano kommt.

Selbes Verfahren gilt für die darauffolgende Frage nach der Verständlichkeit des eben gehörten Stimulus. Die sechsstufige Skala vermeidet, dass aus Ungeduld oder Unsicherheit ein Mittelwert gewählt wird, der das eigentliche Ergebnis verfälschen würde (vgl. Postlep 2010: 83). Diese beiden Fragen gelten als Hinführung zu den sprachlichen Repräsentationen. Nachdem der Informant somit bereits über die Varietät nachdenken konnte, wird schließlich nach genaueren sprachlichen Besonderheiten folgendermaßen gefragt: „In base a cosa ha deciso? Quali sono le caratteristiche o le particolarità secondo le quali ha deciso? E quali sono i criteri per cui ha scelto la risposta alle due domande?”

3.3.3. Einstellungen

Nach dem Gespräch über die sprachlichen Repräsentationen des jeweiligen Stimulus werden die Einstellungen gegenüber der Varietät getestet. Dabei sollten die Informanten anhand vorgegebener Kriterien eine Bewertung auf einer Skala von eins bis sechs abgeben. Das erste Attribut ist ‚bello’, womit eine generelle Spracheinstellung, die leicht zu definieren ist, genannt wird. Laut der sechsstufigen Skala lautet somit die Einteilung des Attributs wie folgt: molto brutto (1) – brutto (2) – un poco brutto (3) – un poco bello (4) – bello (5) – molto bello (6).  Mit Hilfe dieser Kriterien fand auch die Bewertung der übrigen sieben Attribute statt, die wie folgt lauten: duro, melodioso, colto, serio, montanaro, selvaggio, ruale. All diese Attribute wurden zuvor mit einer Zimberin überprüft, die sich die Stimuli angehört und mit diesem Hintergrund die Attribute, die von der Forschenden aufgestellt wurden, verifiziert beziehungsweise falsifiziert hat und um weitere wesentliche Attribute ergänzt hat. Diese Voranalyse eines Informanten aus der zu erforschenden Sprechergruppe ist unabdingbar, damit „keine Artefakte produziert werden“ (Krefeld/Pustka 2010: 16), die in den Einstellungen der Sprechergruppe gegenüber den Stimuli nicht auftauchen.

Die erhaltenen Informationen der Befragten wurden – ebenso wie bei den Repräsentationen – von der Forschenden selbst eingetragen, damit die Bedeutung der Skala eingehalten wird (vgl. Postlep 2010: 83). Außerdem können so Informationen, die nicht in direkten Zahlenangaben, sondern in Beschreibungen erfolgen, in den entsprechenden Zahlenwert umgewandelt werden.

3.3.4. Informanten

Dem Titel der Arbeit entsprechend werden die Informanten aus zwei verschiedenen Sprechergruppen entnommen, womit die Auto- und Heteroperzeptionen abgedeckt werden. Dieser Perspektivwechsel ermöglicht einen Vergleich zwischen zwei Kommunikationsräumen, die unterschiedliches Sprachwissen besitzen, da die außersprachlichen Faktoren sowie die Lebenswelten verschiedene Einflüsse ausüben. Krefeld/Pustka (2010: 22) stellen in diesem Zusammenhang die Opposition zwischen emisch und etisch konstruiertem Sprecherwissen auf. Dabei entwickeln sich bei der emischen Betrachtungsweise Konzepte von innen. Der Sprecher betrachtet die systemimmanenten Kategorien; also die Kategorien seiner eigenen Lebenswelt und Sprache, welche eine autorepräsentative Perspektive auf die sprachliche Produktion zulassen. Im Gegensatz dazu steht die etische Sprechergruppe der Heteroperzeption  – in diesem Falle die Sprechergruppe der Veroneser – die „von außen an das soziale Objekt herangetragen“ (Krefeld/Pustka 2010: 22) werden und systemübergreifende Kategorien betrachten. Diese Unterscheidung ist für das Verständnis der Perzeption unabdingbar, da dadurch Unterschiede im Sprachwissen erklärbar werden. So kann es durchaus vorkommen, dass die eine Sprechergruppe eine deutliche Dialektgrenze wahrnimmt, während die andere Gruppe ein Kontinuum feststellt (vgl. Krefeld/Pustka 2010: 22f).

Dieser Opposition möchte auch vorliegende Arbeit gerecht werden, um mögliche Unterschiede des etischen und emischen Sprecherwissens gegenüber der sozialen Variation des italiano regionale der Zimbern aufzudecken. Daher wurden zehn Informanten aus der zimbrischen und neun Informanten aus der veronesischen Sprechergruppe bezüglich der fünf Stimuli befragt. Diese Anzahl der Sprecher ergibt sich aus der Tatsache, dass in Giazza selbst laut Rowley (2013: 401) nur noch zehn zimbrische L1 Sprecher leben, während die in den anderen Ortschaften der 13 Gemeinden lebenden oder die in andere Dörfer und Städte ausgewanderten Zimbern zum einen nur schwer erfassbar sind und zum anderen eine ausgesprochen kleine Sprechergruppe bilden. Da zudem noch die fünf Sprecher der Stimuli sowie die Zimberin, welche für die Überprüfung der Einstellungen sowie für die Hilfestellung bei sprachlichen Komplikationen bei der Durchführung der Interviews zuständig war, erwiesen sich zehn Informanten für den im Rahmen dieser Forschung vorgesehenen Zeitraum als möglich, da mehr als 16 Sprecher, die sich zudem noch für ein Interview zur Verfügung stellen, bei einer derart kleinen Sprechergemeinschaft schwer aufzufinden sind.28Bei einem längeren Forschungsaufenthalt wäre es möglich weitere zimbrische Informanten mit Hilfe des Schneeballsystems ausfindig zu machen. Um von der Größe der Informantengruppe vergleichbare Ergebnisse erzielen zu können, richtet sich die Anzahl der veronesischen Sprecher nach der zimbrischen Sprechergruppe. Dadurch erweist sich ein Vergleich der Auto- und Heteroperzeption als mengenmäßig sinnvoll.

Zusammenfassend kann dementsprechend festgehalten werden, dass neun Sprecher verschiedener Altersstufen, unterschiedlichen Geschlechts und Bildungsgrads aus Verona, die allesamt den dialetto veneto beherrschen sowie das italiano regionale des Veneto sprechen die Sprechergruppe der Heteroperzeption bilden. Damit sollte ein möglichst breites Spektrum an sozialen Variablen abgedeckt werden, um zu überprüfen, ob diese für die Perzeption des italiano regionale der Zimbern verschiedene Resultate erzeugen oder aber ob in der Heteroperzeption für diese Informantengruppe eine Einigkeit vorliegt.

Die zimbrische Sprechergruppe besteht aus sieben zimbrischen L1 Sprechern, die alle in Giazza oder in Ortschaften leben, die sich in der Nähe von Giazza befinden. Diese sieben Sprecher sind alle über 65 Jahre alt und haben einen Schulabschluss auf der scuola elementare. Drei Zimbrischsprecher haben das Zimbrische als Fremdsprache erlernt, kennen diese Varietät also sehr gut, besitzen aber eine andere L1. In diesem Zusammenhang ist ferner nennenswert, dass diese drei Sprecher in einer Großstadt leben oder zumindest dort für einen langen Zeitraum gelebt haben. Auf die soziolinguistischen Daten soll an dieser Stelle noch nicht weiter eingegangen werden, da diese erst für die Analyse der Perzeptionstests relevant werden.29Die Sprachaufnahmen zu den soziolinguistischen Daten befinden sich in Anhang 4

Tabelle 1 Überblick über die Informanten30Diese Abkürzungen werden fortlaufend für die Informanten zur Gewährleistung der Anonymität bei Zitaten oder direkten Nennungen im Text verwendet.
Autoperzeption Heteroperzeption
InfAP01_zi>65m InfHP01_v15-25m
InfAP02_zi>65m InfHP02_v15-25f
InfAp03_zi>65m InfHP03_i45-65m
InfAP04_zi>65f InfHP04_i15-25m
InfAP05_zi>65m InfHP05_v15-25m
InfAP06_zi>65m InfHP06_v15-25m
InfAP07_zi>65m InfHP07_i15-25f
InfAp08_v45-65m InfHP08_i15-25m

InfAP09_i25-45f

InfAP10_i>65m

InfHP09_i15-25m

Die Abkürzungen stehen für Informant, Autoperzeption bzw. Heteroperzeption, die Nummer des Informanten, seine L1 mit den Abkürzungen „zi“ für zimbrisch, „v“ für dialetto veneto und „i“ für italienisch, sowie das Alter, welches in Altersstufen angegeben wird und das Geschlecht. Das genaue Alter ist für die Forschung nicht relevant und wurde nicht abgefragt, damit die Informanten sich nicht in einer für sie empfundenen unangenehmen Situation befinden.

3.4. Durchführung der Interviews

3.4.1. Kontaktaufnahme

Die erste Kontaktaufnahme zur zimbrischen Srechergruppe fand circa einen Monat vor dem Forschungsaufenthalt via Facebookgruppe „Taucias Gareida“ statt. Mit einer kurzen Erklärung des Forschungsinteresses und der Frage nach Freiwilligen stellten sich bereits viele Zimbern für die Interviews zur Verfügung. Auf diese Weise entstand auch der Kontakt zu einer Zimberin, die seit 40 Jahren selbst Forschungen zur zimbrischen Sprache und Kultur durchführt und nun auch zum zweiten Mal in Folge zusammen mit zwei jungen Zimbern einen zimbrischen Sprachkurs anbietet. Dank dieser Zimberin wurde das Forschungsfeld für die Forschende geöffnet. Durch sie war eine Besichtigung der Ortschaft Giazza, ein Besuch im Museum für die zimbrische Geschichte und Kultur sowie die Teilnahme an einem Zimbrischkurs möglich. Außerdem wurden dank ihrer Hilfe die Kontakte zu  den zimbrischen L1 Sprechern, mit denen die perzeptiven Tests durchgeführt wurden, geschaffen. Durch sie wurde ferner der Kontakt zu einem weiteren Zimber vermittelt, der zusätzliche Interviews mit zimbrischen L1 Sprechern ermöglichte.31An dieser Stelle sei den beiden Zimbern ganz herzlich gedankt. Ohne sie wäre diese Studie niemals realisierbar gewesen.

Die Kontaktaufnahme zu der veronesischen Sprechergruppe erfolgte einmal durch Freunde und im Rahmen des Schneeballsystems durch Bekannte und Verwandte dieser Informanten. Zum anderen erwies sich auch hier die Facebookgruppe der Universität als nützlich, durch die sich weitere Veroneser für die Interviews zur Verfügung stellten.

3.4.2. Durchführung der Datenerhebung

Die Forschung basiert auf Methoden der teilnehmenden Beobachtung, bei welcher die Forschende stets mit dem Befragten interagieren kann. Dies bringt eine Reihe von Vorteilen mit sich, wie die der Kontrolle und Steuerung der Situation, die auch durch den vorgegebenen Stimulus einerseits in Form der Bildergeschichte, andererseits in Form der realisierten Sprachproduktion gewährleistet wird. Außerdem kann durch die teilnehmende Beobachtung ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden, das differenziertere Antworten zulässt, die in einem rein anonymen Fragebogen nicht möglich wären. Ferner kann explizit auf interessante Antworten eingegangen und durch Nachfragen weitere Informationen erhalten werden.

Neben der strukturierten Vorgehensweise im Rahmen der vorgegebenen Stimuli traten aber durchaus auch unstrukturierte Bestandteile im Forschungsprozess auf, insofern, als dass kein Einfluss auf das Vorkommen spezifischer sprachlicher Merkmale bestand, da zwar in der Bildergeschichte Stimuli vorgegeben wurden, das freie Nacherzählen aber dem Sprecher die Verantwortung überlies sprachliche Phänomene zu realisieren.32Vgl. zum genaueren Methodenansatz der Bildergeschichte Kapitel 3.2.1. In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass zumeist nicht zwischen rein strukturierten und rein unstrukturierten Vorgehensweisen differenziert werden kann, ebenso wenig wie zwischen quantitativen und qualitativen Forschungsmethoden. Zwar werden die geäußerten Nennungen der Repräsentationen und Einstellungen gezählt und somit quantitativ behandelt, doch werden alle Charakteristika, die genannt werden, aufgenommen und auch soziolinguistische Daten, die von Sprecher zu Sprecher variieren, mit in die Analyse einbezogen. Dadurch wird auch ohne Zählungen der Charakteristika ein Sprachwissen einer Sprechergruppe konstruiert, das auf qualitativen Forschungsmethoden beruht.

Des Weiteren ist hinzuzufügen, dass die Interviews auf offenen Fragen basieren, bei denen Sprecher und Informanten frei antworten und sich somit ihren Fähigkeiten entsprechend ausdrücken können. Auch bei den Einstellungen, bei denen eine Skala zu Grunde lag, konnten die Informanten frei ihre Meinung zu den Attributen gegenüber dem jeweiligen Stimulus äußern, womit die Anforderung bei der Forschenden darin lag die wertenden Beurteilungen treffend auf die sechsstufige Skala zu übertragen. Dies barg den Vorteil in sich, dass ein freies Gespräch entstehen konnte, bei dem somit dem klassischen Interviewereffekt, der Ergebnisse verfälschen könnte, vorgebeugt wurde. Bei so gut wie allen durchgeführten Interviews lag eine grundlegende Natürlichkeit zu Grunde, welche die Korrektheit der Ergebnisse verifiziert. Dies lag sicherlich daran, dass ein vorhergehendes Gespräch die Situation bereits entspannte, aber auch an der Wahl der Örtlichkeit für die Interviews, die bei den Zimbrischsprechern bis auf zwei Interviews, die in Cafes durchgeführt wurden, alle in deren Wohnungen stattfanden. Diese gewohnte Umgebung gewährleistet eine entspannte Atmosphäre. Darüber hinaus wurde die Forschende in vielen Fällen von den in Kapitel 3.4.1 genannten Zimbern begleitet, die in der Rolle als Kontaktperson ein Vertrauensverhältnis wecken konnten.

Die Interviews mit den Veronesern wurden ebenfalls entweder zu Hause oder in Cafes durchgeführt. Bei den Studenten der Sprechergruppe fanden die Interviews teilweise auch in der Universität statt. Bei ihnen erledigte sich der Interviewereffekt quasi von selbst, da von Student zu Student stets ein vertrauensvolles Verhältnis besteht.

Die teilnehmende Beobachtung der zimbrischen Sprechergemeinschaft während des Zimbrischkurses schließlich fand offen statt und erlaubte der Forschenden Einblicke in die Sprechergruppe.

Ferner sei zu ergänzen, dass alle Interviewten selbstverständlich erst nach Beendigung des Interviews über das Thema und Ziel der Forschung informiert wurden, um auf diese Weise ein unverfälschtes Ergebnis zu erhalten.

3.4.3. Komplikationen bei der Durchführung der Interviews

Während der Datenerhebung sind ein paar Komplikationen aufgetreten, die im Folgenden beschrieben werden, um diesen  bei weiteren Forschungen vorbeugen zu können.

Eine bereits erwähnte Komplikation besteht darin, dass ein paar wenige Zimbern sich nur im dialetto veneto verständigen konnten. Hierbei ist es besonders wichtig eine Begleitung dabei zu haben, die, falls man selbst Verständnisprobleme mit dem dialetto veneto hat, mit Übersetzungen helfen kann.

Des Weiteren trat bei einem Interview der Fall auf, dass der Informant stets die Forschende nach der richtigen Antwort fragte, wohl aus der Befürchtung, falsche Angaben zu treffen. Eine Klärung, dass diese Art der Fragen rein subjektiv und persönlich ist und es dementsprechend keine falschen Aussagen gäbe, konnte dieses Problem teilweise beseitigen.

Die größte Komplikation bestand jedoch darin, dass einige zimbrische Sprecher bei der Verortung des Stimulus nicht, wie erwünscht, den accento oder die parlata als Basis für die Verortung wählten, sondern sich im Gegensatz dazu auf das Thema der erzählten Geschichte beriefen. Hier war es nötig deutlich zu machen, dass die Erzählung keineswegs mit der Herkunft der Sprecher in Zusammenhang stehen muss, sondern, dass die Geschichte vielmehr erfunden sei. Bis auf einen Sprecher, bei dem das Interview folgerichtig abgebrochen werden musste, konnten dadurch alle Unklarheiten beseitigt werden.

In diesem Zusammenhang stellt sich nun aber die Frage, ob abstraktere Geschichten dieses Verständnisproblem vermeiden würden. Zwar ist die aktuelle Lebenswelt für die Sprecher der Bildergeschichte für ein leicht gemachtes Nacherzählen von Bedeutung, doch entsteht dadurch auch die Gefahr, dass die Geschichte von der Konzentration auf die gesprochene Sprache ablenkt. Hierbei müssen von Forschungsgegenstand zu Forschungsgegenstand die Pros und Kontras abgewogen werden. Letztlich schien es aber für diese Studie trotz der aufgetretenen Komplikationen die richtige Methode gewesen zu sein, da die Photogeschichte genügend Material zur Grundlage der Perzeptionstests bot, was für das Gelingen der gesamten Untersuchung wesentlich ist. Außerdem konnten, bis auf einen Informanten, die Missverständnisse aus dem Weg geräumt werden.

4. Analyse

Im Folgenden sollen nun alle perzeptiven Tests ausgewertet und interpretiert werden. Dabei wird das Sprachwissen der Auto- und Heteroperzeption eines jeden Stimulus interpretiert. Mit Hilfe der Verortungen und der Repräsentationen wird das Sprachwissen der beiden Sprechergruppen gegenüber den sozialen Variationen des italiano regionale der fünf Stimuli analysiert. Dabei werden sprachliche Charakteristika der Repräsentationen genannt, die Wahrnehmung im geographischen Raum aufgezeigt sowie die Verständlichkeit der Stimuli von der autoperzeptiven wie heteroperzeptiven Gruppe geklärt. Die Erhebung der durch die Informanten geäußerten perzeptiven Einstellungen bereichert die Konstruktion der Sprachbewertung und des Sprachwissens. Dabei sollen soziolinguistische Daten und außersprachliche Faktoren zur Erklärung des Datenmaterials herangezogen werden. Es werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten innerhalb der Informantengruppen, wie auch zwischen den beiden Gruppen erläutert und Vermutungen zur Erklärung des Sprachwissens aufgestellt.33Die Interviews der perzeptiven Tests mit den Informanten befinden sich in Anhang 4

Im Anschluss daran erfolgt letztlich noch im Rahmen der Synthese ein Vergleich der Perzeptionen gegenüber allen fünf Stimuli, um die wahrgenommene soziale Variation der sprachlichen Realisierungen zu diskutieren.

4.1. Analyse des Stimulus Sp01_68f

4.1.1. Kognitive Komponente in Auto- und Heteroperzeption

Das italiano regionale der 68-jährigen Zimberin34Zur Sprachaufnahme des Stimulus Sp01_68f siehe Kapitel 3.2.2 oder Anhang 4 aus Selva di Progno, deren L1 Zimbrisch ist und die sich zu Giazza am meisten zugehörig fühlt, wird von neun Zimbern in das Veneto und von einem Zimber in das Latium verortet.35Bei diesem Stimulus liegen anstatt zehn Interviews von zimbrischen Informanten lediglich neun zu Grunde, da die Informantin InfAP04_ zi>65f sich für das Interview dieses Stimulus nicht mehr zur Verfügung stellte.

Verortungen des Stimulus Sp01_68f durch die autoperzeptive Informantengruppe

Abblidung 3 Verortungen des Stimulus Sp01_68f durch die autoperzeptive Informantengruppe

36Die roten Kreuze stehen symbolisch für die autoperzeptiven Informanten, deren L1 italiano regionale oder dialetto veneto ist. Die schwarzen Kreuze geben die Verortungen der zimbrischen L1 Sprecher an.

Diese eine Fehlverortung kann darauf zurückgeführt werden, dass der Informant InfAP10_i>65m in der Schweiz geboren ist und dort viele Jahre gelebt hat, ehe er nach Giazza gezogen ist. Dadurch ist sein Sprachrepertoire anders aufgebaut, da es neben der zimbrischen und italienischen Sprache auch das Deutsche als 2L1 sowie das Französische enthält. Auch wenn er das Zimbrische gut und regelmäßig spricht und Teil des kommunikativen Raums der Zimbern ist, wurde sein Sprachwissen zu lange von anderen sprachlichen wie außersprachlichen Faktoren geprägt.

Bei der genaueren Verortung auf der zweiten Karte herrscht eine weniger große Einheit im Vergleich zu den anderen Stimuli.37Vgl. die folgenden Kapitel. Dies mag wohl damit zu begründen sein, dass die Sprecherin sich sehr bemüht ein italiano regionale ohne dialektale oder zimbrische Einflüsse zu sprechen.

Abbildung 4 Verortungen des Stimulus Sp01_68f durch die autoperzeptive Informantengruppe

Abbildung 4 Verortungen des Stimulus Sp01_68f durch die autoperzeptive Informantengruppe

38Die gelben Kreuze geben die Verortungen der zimbrischen L1 Sprecher an, während die der roten Kreuze von denjenigen autoperzeptiven Informanten stammen, die italiano regionale oder dialetto veneto als L1 besitzen. Der grüne Kreis markiert die Stelle, an der sich Giazza befindet.

Der Stimulus SP01_68f wurde in der Heteroperzeption in das Veneto und in mehr als der Hälfte der Fälle auch relativ präzise in die Berge nördlich von Verona verortet. Innerhalb der heteroperzeptiven Gruppe lässt sich keine Regelmäßigkeit feststellen, was den Zusammenhang zwischen den ziemlich genauen Angaben in die Berge oder die Verortungen in Richtung Verona und den soziolinguistischen oder soziodemographischen Daten betrifft. Scheinbar besitzen die Informanten der veronesischen Sprechergruppe ein Sprachwissen, das ihnen ermöglicht auf Grund ihres Sprachrepertoires, welches ohne Ausnahmen den dialetto veneto und das italiano regionale einschließt, die Varietät relativ präzise einzuordnen ohne Fehlerverortungen in andere italienische Regionen zu treffen. Dies lässt sich mit dem we-code begründen, dank dem die Informanten einen Sprecher aus ihrer eigenen Region wiedererkennen (vgl. Krefeld/Pustka 2010:21).

Verortungen des Stimulus Sp01_18f durch die heteroperzeptive Informantengruppe

Abbildung 5 Verortungen des Stimulus Sp01_18f durch die heteroperzeptive Informantengruppe

Verortungen des Stimulus Sp01_68f durch die heteroperzeptive Informantengruppe

Abbildung 6 Verortungen des Stimulus Sp01_68f durch die heteroperzeptive Informantengruppe

 

Beim Vergleich der Verortungen ist sofort auffällig, dass sich zwar beide Informantengruppen sowohl mit dem Veneto, als auch mit der Provinz Verona einig sind, doch erfolgen die Verortungen der autoperzeptiven Informanten wesentlich konkreter.

Trotz der Bemühungen ein reines Italienisch zu sprechen, zeigt sich im Verlauf der Interviews, dass nach Meinung der zimbrischen Sprechergemeinschaft diese Sprecherin ursprünglich aus Giazza oder Umgebung kommen muss, da es „piccole differenze tra loro a Giazza e loro negli altri comuni“ (InfAP01_zi>65m) gibt, welche von den zimbrischen Informanten wahrgenommen werden. Zwar können Laien oftmals keine konkreten sprachlichen Charakteristika nennen, auf deren Grundlage sie ihr Sprachwissen aufbauen, doch besitzen sie Repräsentationen gegenüber einer sprachlichen Realisierung, die sie zumeist entweder mit dem Lexikon oder der Prosodie, welche sie cadenza nennen, begründen. In diesem Fall wurde darauf hingewiesen, dass die Sprecherin sich darum bemühe, in einem klaren Italienisch zu sprechen, auch wenn es ihr schwer fiele. Informant InfAP02_zi>65m betont: „Si sente che lei è di Giazza“ und begründet dies mit der „pronuncia“ der Sprecherin, dank der man sofort höre, wo diese geboren sei. Detailliertere sprachliche Informationen kann er jedoch nicht geben, wahrscheinlich aufgrund dessen, dass die Varietät des Stimulus seiner eigenen sehr ähnlich ist und er infolgedessen keine für ihn nennenswerten Besonderheiten feststellt.

Fünf der Informanten mit Zimbrisch als L1 argumentieren des Weiteren, dass man den Einfluss der Berge höre. Dabei fallen Erklärungen wie „dalla montagna“, „particolarità delle montagne“ (vgl.InfAP03_zi>65m) und „origine montanara“ (vgl. InfAP07_zi65m). Gleichzeitig  wird aber auch festgestellt, dass diese Sprecherin ihre Art zu sprechen verändert hat. Informant InfAP07_zi>65m meint: „Ha un accento che non è proprio montanaro montanaro, pero non è neanche di pianura. Io direi che questa qui è una montanara che è venuta giù per abitare in città oppure in pianura”. Der Informant stellt folglich fest, dass die Sprecherin eine Varietät besitzt, die in den Bergen gesprochen wird. Zu dieser genauen Aussage ist er in der Lage, da er selbst aus den Bergen (Bosco Chiesanuova) kommt und er so im Sinne des we-codes (vgl. Krefeld/Pustka 2010: 21) eine Varietät wiedererkennt, die seiner eigenen ähnelt. Daher bemerkt er auch die Unterschiede der sprachlichen Realisierung der Sprecherin im Vergleich zu der ‚klassischen’ Varietät der Berge, was ihn zu der Vermutung veranlasst, dass die Sprecherin einen sprachlichen Einfluss eines anderen kommunikativen Raums erhalten hat. Tatsächlich jedoch beruht die am Standard orientierte sprachliche Realisierung des Stimulus darauf, dass die Sprecherin aufgrund des geringen Prestiges des Dialekts sich in der Interviewsituation um ein standardnahes Italienisch bemüht hat. Nichtsdestotrotz erkennen die zimbrischen Informanten eine Sprecherin aus ihrem eigenen kommunikativen Raum wieder und können außerdem sogar der Sprecherin eine Veränderung der Sprechweise nachweisen. 

Von den drei Zimbern, deren L1 nicht das Zimbrische ist39Für ein repräsentatives Ergebnis der zimbrischen Sprechergruppe, die Zimbrisch als Fremdsprache erlernt haben, wäre eine größere Sprecherzahl vonnöten. Zumindest dieselbe Anzahl derer, die Zimbrisch als L1 erworben haben., fallen detailliertere sprachliche Angaben, was darauf zurückzuführen ist, dass sie die Charakteristika des Zimbrischen kennen, da sie bereits des Öfteren in Kontakt mit dem italiano regionale der Zimbern standen, jedoch mit der notwendigen Distanz diese Varietät analysieren können. Somit beeinflusst der andere kommunikativen Raum, in dem diese drei Informanten leben oder gelebt haben, die Informanten in ihrer Wahrnehmung. Ihre eigene Varietät ist folglich so weit von der Varietät der Sprecherin entfernt, dass sie sich bereits im Sinne des they-codes von dem Stimulus abgrenzen können und sprachliche Unterschiede feststellen, welche es ihnen erlauben konkrete sprachliche Besonderheiten zu nennen (vgl. Krefeld/Pustka 2010: 21).

Auch bei dem Sprachwissen dieser Informanten tauchen hauptsächlich Repräsentationen bezüglich des Lexikons oder der Prosodie auf. So wird auf die cantilena (dt. Singsang) hingewiesen, womit ein gesungener Rhythmus in der Satzmelodie gemeint ist. Als weitere Besonderheit wurde die Verwendung des dialektalen Ausdrucks ‚qualche d’uno’ anstatt der italienischen Standardvariante ‚qualcuno’ genannt, auf dessen Grundlage die Informanten die Sprecherin als Dialektsprecherin identifizieren.

Zwar stellen auch diese Informanten fest, dass die Sprecherin normalerweise anders spricht. Statt dies aber auf das Zimbrische zurückzuführen, argumentieren sie mit dem dialetto veneto als vorherrschendes Ausdrucksmittel. Dieser Unterschied lässt sich ebenfalls in der Verständlichkeit sowie in der Wahrnehmung im geographischen Raum feststellen. Die folgende Tabelle weist den Unterschied zwischen den L1 Zimbrischsprechern und jenen, die Zimbrisch als Fremdsprache erlernt haben, auf.

Tabelle 2 Wahrnehmung im geographischen Raum der autoperzeptiven Informantengruppe40Fortlaufend stellen die roten Markierungen die Informanten dar, deren L1 nicht das Zimbrische, sondern der dialetto veneto oder das italiano regionale ist.
  1 2 3 4 5 6  
Da molto vicino IIIIII II       I Da molto lontano
Tabelle 3 Verständlichkeit für die autoperzeptive Informantengruppe
  1 2 3 4 5 6  
Molto facile
da capire
IIIIIII I   I     Molto difficile da capire

Es wird deutlich, dass sich die veronesische Sprechergemeinschaft dieser Varietät nicht so nahe fühlt wie die zimbrische Sprechergemeinschaft. Deutlich häufiger werden die Skalenbewertungen zwei oder auch drei getroffen. Dass keine größere Distanz des Stimulus zur eigenen Varietät wahrgenommen wird, hängt sicherlich damit zusammen, dass trotz der sprachlichen Unterschiede, die genannt wurden und trotz der geographischen Distanz zu Verona der Stimulus noch immer in das Veneto verortet wurde und der Vergleich auch mit dem Wissen angestellt wurde, dass in anderen Regionen Italiens die Varietäten um einiges unterschiedlicher ausfallen. Durch den Reiz der ersten Karte wurde eine Konzentration auf ganz Italien provoziert, womit der Vergleich der Varietäten innerhalb des Sprachwissens ganz Italien mit einschließt. Ohne der Italienkarte wären unter Umständen andere Ergebnisse bezüglich der Wahrnehmung im geographischen Raum zu erwarten gewesen.

Tabelle 4 Wahrnehmung im geographischen Raum der heteroperzeptiven Informantengruppe

  1 2 3 4 5 6  
Da molto vicino IIII IIII I       Da molto lontano

Auch die Verständlichkeit des Stimulus ohne weitere Komplikationen hat mit Sicherheit zu den Ergebnissen der Verortung geführt.

Tabelle 5 Verständlichkeit für die heteroperzeptive Informantengruppe
  1 2 3 4 5 6  
Molto facile
da capire
IIIIIIII I         Molto difficile
da capire

 

Wie bereits erwähnt, können die Repräsentationen auf außersprachlichen Faktoren, wie den Einfluss der Berge oder der Stadt zurückgeführt werden, welche das sprachliche Wissen beeinflussen. Aber auch soziolinguistische sowie soziodemographische Aspekte spielen bei den Repräsentationen eine Rolle. Das Sprachrepertoire der autoperzeptiven Sprechergemeinschaft enthält das Zimbrische, zwar auf unterschiedlichen Kompetenzniveaus, doch alle verfügen über genügend Kenntnisse um den Stimulus aus autoperzeptiver Perspektive zu verstehen. Dank des Informanten InfAP10­­_i>65m wird deutlich, dass lange geographische wie sprachliche Distanz andere Repräsentationen im Vergleich zu jenen der Sprecher, die den kommunikativen Raum stets mit den Sprechern der Stimuli geteilt haben, evoziert. Das Sprachwissen fußt folglich unmittelbar auf der kommunikativen Lebenswelt, mit Hilfe derer Repräsentationen entstehen können.

Für den InfAP0_5zi>65m ist die sprachliche Produktion „normale“, da er sich fast ausschließlich in dem kommunikativen Raum der Zimbern aufhält und dementsprechend mit dieser Varietät vertraut ist. Ausführlichere Erklärungen konnte er nicht geben, wahrscheinlich auf Grund der Tatsache, dass die sprachliche Nähe des Stimulus zu seiner eigenen Sprachproduktion zu groß ist um Besonderheiten zu erkennen.

Bei den Repräsentationen dieses Stimulus wird folglich deutlich, dass die zimbrische Informantengruppe eine Sprecherin aus ihrem eigenen kommunikativen Raum wiedererkennen, auch wenn diese sich bemüht ein möglichst klares italiano regionale zu sprechen. In diesem Sinne kann man entweder davon ausgehen, dass das Zimbrische Spuren im italiano regionale hinterlässt, welche die autoperzeptive Sprechergruppe wiedererkennt, da sie diese sprachlichen Charakteristika aus ihrer eigenen sprachlichen Produktion des italiano regionale kennen. Antworten wie „una parlata normale“ oder „una parlata nostra“ unterstützen diese These, ebenso wie die geringen, aber doch vorhandenen Unterschiede innerhalb der autoperzeptiven Informantengruppe: Sprecher, die das Zimbrische zwar beherrschen, aber eine andere L1 besitzen, weisen – den Resultaten dieser Untersuchung zur Folge – ein anderes Sprachwissen auf, das sich unterschiedlich in Verortung und sprachlichen Repräsentationen äußert, als jene, die das Zimbrische als Fremdsprache erlernt haben. Das Sprachrepertoire erweist sich insofern als relevant, als dass es eine Sprechergruppe definiert, doch scheint die L1 und die Varietät, in der man sich am wohlsten fühlt, für das Sprachwissen am prägendsten.

Eine zweite These, die in diesem Rahmen bereits aufgegriffen werden kann, später aber noch vertieft werden soll, ist, dass die kommunikative Lebenswelt der Berge eine sprachliche Realisierung beeinflusst und die Informanten der Autoperzeption jene Charakteristika der Varietät heraushören, die in den Bergen gesprochen werden.

Bei der Verortung, die von der heteroperzeptiven Informantengruppe erfolgt, stützen sich die Informanten auf das Sprachwissen, welches sie von dem dialetto veneto haben, und das sie nun als Einflüsse im italiano regionale wahrnehmen. So erklärt InfHP01_v15-25m: “Infatti senti che lei cerca di dire le parole in modo veloce. Però ne cerca di dirlo in italiano, a volte si sente che sbaglia che poi non è sbagliata la grammatica ma che lei dice in italiano quelle che direbbe in dialetto.” So wird zum Beispiel von der veronesischen Informantengruppe häufig festgestellt, dass sie, wie im dialetto veneto üblich, qualche d’uno anstatt it. qualcuno sagt, was eine Übertragung des Dialekts auf das italiano regionale bedeutet.

Des Weiteren taucht in den Repräsentationen das Wissen darüber auf, dass im dialetto veneto anstatt it. mi sembra der Ausdruck me par verwendet wird. Diesen Ausdruck überträgt die Sprecherin ebenfalls vom dialetto veneto in das italiano regionale, indem sie häufig ihre Sätze mit mi pare einleitet.

Außerdem wird eine syntaktische Besonderheit genannt, die ebenfalls auf  die syntaktischen Strukturen des dialetto veneto zurückzuführen sind. Die Sprecherin sagt: „Guarda avanti vedere se c’è qualcuno“, wobei sie die Präposition a vor it. vedere weglässt, so wie es im dialetto veneto gehandhabt wird.

Von mehreren Informanten wurde festgestellt, dass die Sprecherin zwar versucht italiano standard zu sprechen, ihr das aber schwer fiele. „Si sforza a parlare in maniera chiara senza troppe influenze“ (InfHP04_i15-25m). So wird von einigen Informanten auf die falsche Verwendung des Artikels des Wortes motosega hingewiesen.

Ferner lässt sich durch die Repräsentationen Sprachwissen bezüglich der Konsonanten ableiten. So wird des Öfteren festgestellt, dass die doppelten Konsonanten einfach ausgesprochen werden. Außerdem wird der /s/ Laut teilweise als stimmhaft und teilweise als stimmlos charakterisiert. Ein stimmhaftes /s/ wurde zum Beispiel bei it. chiesa festgestellt und wurde somit als [z] realisiert, womit ein dentaler Frikativ vorliegt. Stimmlos dagegen scheint das /s/ bei it. spettare. Folgernd kann darauf geschlossen werden, dass /s/ Laute vor Vokalen stimmhaft artikuliert werden, während vor Konsonanten eine stimmlose Artikulation vorliegt. Eine daraus folgernde These kann sich auf das Zimbrische beziehen, bei dem eine derartige Unterscheidung von stimmhaften und stimmlosen /s/ Lauten markant ist. Damit kann die Vermutung bekräftigt werden, dass in derart prägnanten Fällen in der Tat ein Einfluss der zimbrischen L1 vorliegt und durch die Heteroperzeption erkannt wird.

Ein weiteres Kriterium für den zimbrischen Einfluss im italiano regionale bilden das Lexikon und die Semantik, welche von der veronesischen Sprachgemeinschaft als markant charakterisiert wird. Informant InfHP02_v15-25f begründet, dass durch technische Ausdrücke, welche die Sprecherin verwendet, deutlich wird, dass diese in den Bergen aufgewachsen ist, in diesem Zusammenhang also Teil des kommunikativen Raums der Berge ist. „Usa termini un po’ troppo tecnici per essere una donna. Quindi mi porta pensare che sia cresciuta in mezza dei campi“. Auch Informant InfHP01_v15-25m spricht das Lexikon der Bergwelt an.

Penso che sia una cosa culturale. Cioè uno che ha fatto … che ha poca comunicazione con gli altri. Se comunichi poco e sei abituata a parlare in un certo modo con le persone del tuo posto è chiaro che magari uno della città che è più in contatto con altre persone, con altre realtà intende a parlare un italiano più corretto e sta molto più attento come parla. Invece lei sembra molto più spontanea. Magari sono delle persone che l’italiano lo sentono solo in televisione. […] È il modo come parla nel senso… è una cosa culturale. Mi sembra di sentire le vecchie dei paesini […]. Cioè senti che sono fuori che parlano. […] Riconosco questo tipo di linguaggio.

Für diesen Informanten sind die Wörter der Sprecherin typisch für ein isoliertes Gebiet, da sie Ausdrücke wie nonnino oder vecchio verwendet, die in der Stadt auf Grund von einer negativen Konnotation gegenüber diesen Wörtern nicht Gebrauch finden. Für die Sprecherin jedoch scheinen diese Ausdrücke alltäglich zu sein, weshalb dies auf einen kommunikativen Raum schließen lässt, der von anderen Räumen isoliert ist. In diesem Sinne kann durchaus darauf geschlossen werden, dass aus semantischer sowie lexikalischer Perspektive der veronesischen Sprechergemeinschaft die Unterschiede der sprachlichen Realisierung im Vergleich zu ihrer eigenen Varietät auffallen. Dies veranlasst dazu, die Idee eines anderen kommunikativen Raums zu entwickeln, der in diesem Fall tatsächlich die Lebenswelt der Zimbern trifft. Somit spielen auch die Semantik und der Gebrauch des Lexikons eine wesentliche Rolle für die Perzeption einer sprachlichen Realisierung und insofern auch für die Repräsentationen eines Stimulus.

In Anbetracht all der ausgewerteten Daten und der Erörterungen dieser kann man anführen, dass die Repräsentationen der heteroperzeptiven Informantengruppe mit konkreten sprachlichen Angaben erfolgen, während die autoperzeptive Informantengruppe in den Repräsentationen ein geringeres metalinguistisches Wissen anhand von konkreten sprachlichen Merkmalen aufweist, insofern jedoch ein metalinguistisches Wissen besitzt, als dass sie die Sprecherin als eine Sprecherin ihres eigenen kommunikativen Raums wiedererkennen und betonen, dass die Varietät ähnlich oder gar identisch zu der Eigenen sei. Dabei sei aber ein weiteres Mal auf die Unterschiede innerhalb der zimbrischen Informantengruppe hingewiesen.

4.1.2. 4.1.2 Affektive Komponente in Auto- und Heteroperzeption

Die Einstellungen gegenüber diesem Stimulus unterscheiden sich stark innerhalb der autoperzeptiven Informantengruppe. Allerdings basiert dieser Unterschied auf einer markanten Regelmäßigkeit. Eine überraschend große Einigkeit herrscht innerhalb der zimbrischen Sprechergruppe mit Zimbrisch als L1, während die Ergebnisse der zimbrischen Sprechergruppe mit Italienisch als L1 übereinstimmen und oft konträr zu den Einstellungen der zimbrischen L1Sprecher stehen. Folgende Graphik gibt einen vergleichenden Überblick der Ergebnisse:

Tabelle 6 Einstellungen in Autoperzeption41Auf Graphiken, auf denen der Mittelwert präsentiert wird, soll bei der Auswertung der Ergebnisse dieser Forschung verzichtet werden, da es als relevanter erscheint die Einzelnennungen zu diskutieren. Anhand der Tabelle wird die Streuung deutlich, die bei der Darstellung eines Mittelwerts vernachlässigt werden würde.
  1 2 3 4 5 6
Bello I I I   II IIII
Duro IIIIIII I       I
Melodioso II   I I IIII I
Colto III   I   IIII I
Serio II     II IIIII  
Montanaro I I   I   IIIIII
Selvaggio IIIIIIII I        
Rurale II     I III III

Anhand der Auswertung der Einstellungen gegenüber diesem Stimulus wird offensichtlich, dass ein großer Stolz bezüglich der eigenen Varietät besteht. Bis auf eine Ausnahme geben alle an, dass sie die Varietät als schön bzw. sehr schön empfinden. Da auch molto, melodioso und serio bis auf eine Ausnahme auf der Skalenbewertung sehr hoch eingeschätzt werden, bestätigt sich ebenfalls in diesem Fall die Vermutung. Sehr prägnant sind die Einstellungen montanaro und selvaggio. Ausnahmslos wird der Stimulus als molto montanaro beschrieben, wobei bei der Angabe dieser Wertung bei keinem Informanten ein Zögern zu vermerken war. Durch die Verbindung der hohen Wertung des Attributs  bello und montanaro ist zu erkennen, dass eine Varietät, die aus den Bergen stammt, ein sehr hohes Prestige bei der Sprechergruppe der zimbrischen L1 Sprecher genießt. Somit ist offensichtlich, dass sie ihre eigene Lebenswelt als durchwegs positiv bewerten, was sich auch in der Bewertung der Sprache auswirkt. Ein hohes Sprachbewusstsein ist in diesem Sinne die Schlussfolgerung.

Diese These wird darüber hinaus durch die Skalenbewertung des Attributs selvaggio unterstrichen. Ohne Ausnahme geben die Informanten diesem Attribut die Nummer eins. Da auch hier kein Zögern bei der Bewertung festzustellen ist, kann vermutet werden, dass für diese Informantengruppe die Varietät aus den Wäldern überaus negativ konnotiert ist. Diese Tatsache kann damit begründet werden, dass die zimbrische Sprechergruppe einen großen Unterschied macht zwischen ihrer eigenen Lebenswelt, die sich im Rahmen des kommunikativen Raums ausschließlich in den Bergen befindet, und der kommunikativen Lebenswelt der Wälder, die schon weiter in die Ebene hinein zu verorten ist. Dadurch wird erneut die These bekräftigt, dass die eigene sprachliche Varietät der Zimbern selbst im italiano regionale ein sehr hohes Prestige aufweist.

Auch duro, ein Attribut, das angesichts der positiven Konnotation von melodioso teilweise einen negativen Charakter erfährt, wird hier ausnahmslos mit einer eins bewertet.

Rurale unterstreicht die ländliche Lebenswelt in den Bergen, weit weg von dem städtischen Leben und somit erhält das Attribut auf der Skala durchwegs bekräftigende Wertungen (4-6).

Anders verhält es sich tatsächlich mit der zimbrischen Informantengruppe, deren L1 das italiano regionale oder der dialetto veneto ist. Diese stufen den Stimulus weder als besonders schön, noch gebildet oder aus den Bergen oder den Wäldern kommend ein. Deshalb kann im Falle der Einstellungen dieselbe Vermutung getroffen werden wie bei den Repräsentationen. Ohne Zimbrisch als L1 liegt keine so große Selbstverständlichkeit gegenüber dieser Varietät vor. Durch die Interviews hat sich ergeben, dass auch diese Informantengruppe einen großen Stolz gegenüber der zimbrischen Kultur, Sprache und Lebenswelt aufweist, da sie sich Giazza oder den Bergen um Giazza zugehörig fühlen. Doch scheint im italiano regionale eher die Variante der Stadt bevorzugt zu werden, die klarer und frei von zimbrischen oder dialektalen Einflüssen ist. Diese Einstellung stimmt mit dem hohen Prestige des italiano standard sowie dem niedrigen Prestiges der Dialektverwendung überein.

Die Einstellungen der heteroperzeptiven Informantengruppe gegenüber dem Stimulus Sp01_zi68f erweisen sich als recht gemischt, wobei trotz allem stets eine dominante Einstellung eines jeden Attributs der Sprechergemeinschaft vorliegt.

Tabelle 7 Einstellungen in Heteroperzeption

  1 2 3 4 5 6
Bello     IIIII II I I
Duro III III I II    
Melodioso   II IIIII I I  
Colto   IIIIII II I    
Serio   III III III    
Montanaro III I I II II  
Selvaggio IIII III I I    
Rurale   III   III III  

Einig sind sich die Informanten darin, dass die Varietät meno colto sei. Somit lässt sich auf ein geringes Prestige dieser Varietät in der veronesischen Sprechergemeinschaft schließen, was ebenfalls durch den geringen Wert des Attributs bello bestärkt wird.

Auffällig ist darüber hinaus, dass die veronesischen Informanten keine markante Unterscheidung zwischen den Attributen montanaro und selvaggio treffen, wohl auf Grund der Tatsache, dass beide Attribute gleiche Assoziationen bei dieser Sprechergemeinschaft auslösen, da für sie, die alle aus Verona kommen, beide Attribute Lebensräume symbolisieren, die sich von ihren Eigenen distanzieren und sie daher nicht mehr eine so detaillierte Unterscheidung treffen können.

Bei rurale liegt die größte Unstimmigkeit innerhalb der Einstellungen der veronesischen Informanten vor. Während sechs Informanten den Stimulus als poco rurale oder rurale beschreiben, geben drei Informanten an, dass ihrer Meinung nach der Stimulus nicht rurale sei. Da die soziolinguistischen Daten dieser drei Informanten nicht geschlossen anders sind als die Daten der anderen Informanten, muss davon ausgegangen werden, dass diese Einstellung individueller Natur ist, da jeder Sprecher bzw. Hörer, sowie bei sprachlichen Realisierungen in Form eines Idiolekts, auch individuelle Wahrnehmungen bezüglich einer Varietät besitzt.

An diesem Punkt sei noch mal auf die durch soziolinguistische Faktoren begründbaren Unterschiede innerhalb der zimbrischen Sprechergemeinschaft hingewiesen. Sowohl bei Verortung, Repräsentationen als auch Einstellungen liegen hier deutliche Unterschiede vor. Es lässt sich sogar erkennen, dass in allen Aspekten die Autoperzeption ohne Zimbrisch als L1 bis auf die Informantin InfAP08_25-45f mit den Ergebnissen der Heteroperzeption übereinstimmt. Daraus kann man schlussfolgern, dass die eigene L1 sowie der kommunikative Raum, in dem man lebt und aufgewachsen ist, prägender ist als die Kenntnisse des Zimbrischen und das Verbundenheitsgefühl mit dem Raum. Außerdem besitzen die drei Informanten nicht nur eine andere L1, sondern sie geben an sich mit dem dialetto veneto oder mit dem italiano regionale am wohlsten zu fühlen. Auch dieser soziolinguistische Aspekt beeinflusst das Sprachwissen stark.

4.2. Analyse des Stimulus Sp02_74m

4.2.1. Kognitive Komponente in Auto- und Heteroperzeption

Nach der Analyse der ersten Variante des italiano regionale einer Sprecherin aus der zimbrischen Sprachgemeinschaft wird nun der Stimulus des Sprechers Sp02_74m42Zur Sprachaufnahme des Stimulus Sp02_74f siehe Kapitel 3.2.2 oder Anhang 4 ausgewertet und interpretiert. Diese sprachliche Realisierung stammt von einem Zimber, dessen L1 ebenfalls Zimbrisch ist und der in Giazza geboren ist. Im Gegensatz zu der ersten Sprecherin wohnt er aber nicht mehr in einer zimbrischen Gemeinde, sondern am Gardasee, wohin er sich auch am Meisten verbunden fühlt. In diesem Kontext kann vermutet werden, dass er weniger Kontakt zur zimbrischen Sprache hat als die erste Sprecherin. Allerdings muss betont werden, dass auch er noch sehr aktiv am zimbrischen Leben der 13 Gemeinden teilnimmt und er somit Teil dieser Lebenswelt sowie des kommunikativen Raums ist. Diesen Aspekt scheinen die zimbrischen L1 Sprecher bei der Perzeption seiner sprachlichen Produktion zu bemerken, denn die Verortungen konzentrieren sich allesamt auf das Gebiet in und um Giazza herum, sprich stets in ein Gebiet der 13 Gemeinden der zimbrischen Lebenswelt.

Größere Schwierigkeiten haben im Gegensatz dazu die Informanten aus der Autoperzeption, deren L1 Italienisch ist, wobei sie sich sowohl bei der Verortung wie auch bei der geographischen Wahrnehmung ähnlich wie die heteroperzeptive Informantengruppe verhalten.

Abbildung 7 Verortungen des Stimulus Sp02_74m durch die autoperzeptive Informantengruppe

Abbildung 7 Verortungen des Stimulus Sp02_74m durch die autoperzeptive Informantengruppe

Abbildung 8 Verortungen des Stimulus Sp02_74m durch die heteroperzeptive Informantengruppe

Abbildung 8 Verortungen des Stimulus Sp02_74m durch die heteroperzeptive Informantengruppe

Abbildung 9 Verortungen des Stimulus Sp02_74m durch die autoperzeptive Informantengruppe

Abbildung 9 Verortungen des Stimulus Sp02_74m durch die autoperzeptive Informantengruppe

Abbildung 10 Verortungen des Stimulus Sp02_74m durch die heteroperzeptive Informantengruppe

Abbildung 10 Verortungen des Stimulus Sp02_74m durch die heteroperzeptive Informantengruppe

 

Tabelle 8 Wahrnehmung im geographischen Raum der autoperzeptiven Informantengruppe
  1 2 3 4 5 6  
Da molto vicino IIIIIII  I I   I   Da molto lontano

 

Tabelle 9 Wahrnehmung im geographischen Raum der heteroperzeptiven Informantengruppe
  1 2 3 4 5 6  
Da molto vicino IIIII II I I     Da molto lontano

Anhand dieser Resultate kann dieselbe Vermutung aufgegriffen werden, die bereits bei der Analyse des ersten Stimulus aufgestellt wurde. Der kommunikative Raum der zimbrischen Sprechergruppe, deren L1 Italienisch ist, ist wesentlich stärker von italienischen Einflüssen ihrer unmittelbaren Arbeits- und Lebenswelt in Verona beeinflusst, was ihr sprachliches Wissen in Bezug auf die Verortung prägt. Auch wenn sie ein hohes Verbundenheitsgefühl zur zimbrischen Sprache und Kultur aufweisen, ist ihre eigene Produktion des italiano regionale anders und evoziert somit eine andere Wahrnehmung gegenüber dem geographischen Raum. Ihr kommunikativer Raum ist dementsprechend in Verona angesiedelt. Durch den intensiven Kontakt mit der zimbrischen Lebenswelt liegen keine Verständnisprobleme gegenüber dem italiano regionale der Zimbern vor, womit sie sich von der heteroperzeptiven Wahrnehmung differenzieren.

Tabelle 10 Verständlichkeit für die heteroperzeptive Informantengruppe
  1 2 3 4 5 6  
Molto facile
da capire
IIIII II I   I   Molto difficile
da capire

Auch die autoperzeptive Informantengruppe mit Zimbrisch als L1 gibt zu 100% eine sehr gute Verständlichkeit an.

Tabelle 11 Verständlichkeit für die autoperzeptive Informantengruppe
  1 2 3 4 5 6  
Molto facile
da capire
IIIIIIIIII           Molto difficile
da capire

Dies ist mit den Repräsentationen des Stimulus in Verbindung zu setzen, bei denen alle L1 Zimbrischsprecher auf ihre eigene „parlata“ verweisen, die identisch sei mit der des Sprechers SP02_74m. So betont InfAP02_zi>65m, dass der Sprecher eine „stessa pronuncia“ hätte wie er selbst und Informant InfAP04_zi>65m unterstreicht diese Wahrnehmung damit, indem er sagt: „Parla come noi.“ InfAP05_zi>65m präzisiert, dass eine „parlata cimbra“ vorliegt. Auch von den anderen Informanten fallen gehäuft Äußerungen wie „parla come noi altri“ oder „uno dei nostri“. Dementsprechend wird eine große Identifikation mit der sprachlichen Realisierung des Stimulus deutlich, weshalb weiterhin die These gehalten werden kann, dass innerhalb des kommunikativen Raums der Zimbern eine italienische Varietät besteht, die von allen Zimbern gleichermaßen als solche erkannt wird und mit der ein Identifikationsprozess stattfindet.

Auf die Frage nach sprachlichen Besonderheiten des Stimulus wurden zwar keine konkreten Äußerungen getroffen, doch auch die Antwort niente di strano impliziert eine auffallend hohe wahrgenommene Ähnlichkeit zwischen dem Stimulus und dem italiano regionale der zimbrischen Sprechergemeinschaft.

Ergänzend wird auf das typische Lexikon hingewiesen, welches in der Bergwelt verwendet wird, das einfacher sei und mit Hilfe dessen ebenfalls die zimbrische Herkunft des Sprechers erkannt wird. Wie bereits in der vorhergehenden Analyse angedeutet, ist der kommunikative Raum der Berge symbolisch für den der Zimbern. Da die zimbrische Sprechergemeinschaft immer von den Bergen geprägt wurde, ist das Lexikon dementsprechend ausgebildet.

Ferner entsteht durch die Berge ein Isolationsprozess, der den stetigen Kontakt mit Sprechergemeinschaften aus der Ebene verhindert und somit einen Sprachkontakt erschwert. Dadurch konnte sich, auch als das Italienische in den zimbrischen Kommunikationsraum Einzug fand, ein italiano regionale mit eigenen Charakteristika und sprachlichen Besonderheiten entwickeln, welche die zimbrischen L1 Sprecher auf Grund der verhältnismäßig großen Unterschiede zu anderen Varietäten stets wiedererkennen, selbst wenn der Sprecher, wie in diesem Falle, seinen Wohnsitz nicht mehr in den zimbrischen Gemeinden hat. Daher scheinen die Herkunft, die L1 und die jahrzehntelange Prägung durch den kommunikativen Raum für eine sprachliche Produktion am bedeutendsten und wird in Autoperzeption auch immer als solche wahrgenommen.

Die aktive Teilnahme am kommunikativen Raum in Verbindung mit der L1 scheint für die Wahrnehmung am relevantesten, da auch bei diesem Stimulus große Unterschiede zu den Zimbern mit Italienisch als L1 vorzufinden sind. Dies hat sich bereits in der Verortung deutlich gemacht und kommt nun auch im Rahmen der Repräsentationen zum Vorschein. Diese Informanten stellen alle fest, dass sich auch dieser Sprecher, wie Sprecherin Sp01_68f, sehr bemüht Italienisch zu sprechen, normalerweise aber eine andere Varietät gebraucht. Im Gegensatz zu der Informantengruppe mit Zimbrisch als L1, welche diese Besonderheit auf das Zimbrische zurückführen, begründen diese Informanten diese Charakteristika mit dem dialetto veneto. InfAP09_i25-45f vermutet: „Pensa in dialetto, poi parla in italiano.” Des Weiteren ergänzt sie, dass eine sehr schnelle Sprechweise vorliegt, die typisch für den Dialekt sei. So scheint auch dieser Sprecher bestimmte Charakteristika wie die Prosodie des Dialekts auf das italiano regionale übertragen zu haben.

Wie bei dem vorherigen Stimulus liegen gleiche Charakteristika bezüglich der /s/ Laute vor. Auch bei diesem Stimulus wurde festgestellt, dass das /s/ äußerst stimmhaft ausgesprochen wurde, also als [z] realisiert wurde. Anhand dieses Merkmals wurde unter anderem der Gebrauch des Dialekts begründet, der typisch für das Gebiet östlich von Verona sei.

Aber nicht nur im Rahmen des Dialekts ist dieses Merkmal charakteristisch, dieselbe Besonderheit lässt sich auch im Zimbrischen vorfinden. Tatsächlich hat das Sprachrepertoire des Sprecher aus beiden kommunikativen Räumen Einfluss erhalten. Zum einen wurde er in Giazza geboren, ist somit mit dem Zimbrischen sowie der italienischen Varietät, die er dort in der Schule erlernt hat, aufgewachsen. Zum anderen hat er sieben Jahre lang in Colognola ai Colli, einem Dorf östlich von Verona, gelebt bevor er an den Gardasee gezogen ist, wo er den Großteil seines Lebens verbracht hat. Da er folglich an zwei kommunikativen Räumen, die beide ein [z], anstatt eines stimmlosen [s] realisieren, teilgenommen hat, stellt sich die Frage, ob er dieses sprachliche Merkmal aus dem Zimbrischen oder aber aus dem dialetto veneto übernommen hat. Da seine L1 das Zimbrische ist und er sein Leben lang im engen Kontakt mit der zimbrischen Sprechergemeinschaft stand, scheint die Vermutung sinnvoller, dass er diesen Einfluss aus dem Zimbrischen übernommen hat, zumal auch, da dieselbe Charakteristik bei dem ersten Stimulus aufgetreten ist und diese Sprecherin niemals außerhalb des Gebiets der 13 Gemeinden gelebt hat. Des Weiteren wurde der Stimulus von der zimbrischen Sprechergemeinschaft als eine Varietät ihrer eigenen Sprachproduktion identifiziert, womit ebenfalls Rückschlüsse auf die Einflüsse des zimbrischen Kommunikationsraums gezogen werden können. Für präzisere linguistische Argumente, welche diese Vermutung unterstützen oder gegebenenfalls auch entkräften könnten, wären rein linguistische Auswertungen vonnöten, die zimbrische und dialektale sprachliche Merkmale genauestens untersuchen und vergleichen würden. In jedem Fall wurde auch von dieser Informantengruppe festgestellt, dass der Stimulus meno cittadino sei und insofern auf einen kommunikativen Raum außerhalb Veronas verweist.

So wie die autoperzeptive Informantengruppe nimmt auch die heteroperzeptive Informantengruppe den deutlichen Unterschied zwischen den sprachlichen Realisierungen von Stadt und Land wahr und verweist dabei mit denselben Argumenten auf den Dialektgebrauch wie die Zimbern mit Italienisch als L1, wobei sie ähnliche Charakteristika der /s/ Laute angeben wie bei der Sprecherin des Stimulus Sp01_68f.

Sowohl Sp01_68f als auch Sp02_74m sind in Giazza geboren, besitzen Zimbrisch als L1 und sind in dieselbe Alterskategorie einzustufen. Da gemeinsame sprachliche Merkmale wahrgenommen werden, kann schlussgefolgert werden, dass diese Variablen prägnant für den Sprachgebrauch sind. Der Wohnsitz scheint folglich eher weniger relevant, zumal beide Sprecher sehr aktiv im kommunikativen Raum der Zimbern integriert sind. Die Varietät des italiano regionale der Zimbern scheint dementsprechend sowohl von Autoperzeption wie Heteroperzeption erkennbar, wenn auch auf Grund eines unterschiedlich aufgebauten Sprachwissens verschiedene Schlussfolgerungen in Bezug auf die L1 der Sprecher gezogen werden.

Einig sind sich beide Informantengruppen in jedem Fall über das Stadt – Land – Kontinuum, auch wenn es von heteroperzeptiver Seite oftmals anders ausgedrückt wird. So erklärt InfHP02_v15-25f, der Sprecher hätte „poco contatto con la civiltà“. Die Informantin ist selbst Sprecherin des dialetto veneto und verweist auch darauf, dass sie sich mit dieser Varietät am wohlsten fühle. Doch nimmt sie allen Anschein nach einen Unterschied zwischen ihrer Varietät und der des Sprechers des Stimulus wahr, welcher der Aussage folgend negativ konnotiert ist und ergänzt, dass der Stimulus gar „un altro mondo“ sei.

Da alle Informanten der Heteroperzeption den dialetto veneto beherrschen, aber trotz allem auf eine große Differenz zu dem Stimulus hinweisen, kann man vermuten, dass ein geschlossener kommunikativer Raum der Zimbern mit einer gemeinsamen Varietät existiert. Auch die Diastratik scheint in diesem Fall eine wesentliche Rolle zu spielen, da der Sprecher einen anderen Bildungshintergrund aufweist und in einem anderen Arbeitsfeld als die Informantengruppe tätig ist. Dieser Unterschied macht sich sprachlich gesehen sowohl in der Sprachproduktion selbst bemerkbar, als auch in der Wahrnehmung, vor allem bezüglich der Einstellungen gegenüber dem Stimulus.

Um weiterhin bei den soziolinguistischen Aspekten zu bleiben, soll außerdem auf den wahrgenommenen Generationenunterschied aufmerksam gemacht werden. InfHP08_i15-25m betont, dass der Sprecher aus der älteren Generation komme, da er Probleme hätte italiano standard zu sprechen.

Ferner wird des Öfteren auf die doppelten Konsonanten hingewiesen, die er einfach ausspricht. Dieses sprachliche Merkmal deckt sich erneut mit dem Stimulus der ersten Sprecherin.

Anhand der wahrgenommenen sprachlichen Charakteristika wird die Ähnlichkeit der Sprecher Sp01_68f und Sp02_74m deutlich. Dies mag sowohl an Alter und Bildungsgrad liegen, sicherlich aber auch an der gemeinsamen Herkunft aus Giazza sowie der gemeinsamen L1. Dabei liegt eine Korrelation zwischen dem Alter, der Herkunft und der L1 vor, da sie in ihrer Kindheit in Giazza nur Zimbrisch gesprochen haben. Dies ist in unserer heutigen Zeit nicht mehr üblich. In keiner zimbrischen Familie der 13 Gemeinden wird heute noch mit den Kindern zimbrisch gesprochen. Daher ist die Ähnlichkeit der Sprache nur möglich, da beide in einer Zeit geboren wurden, in der Zimbrisch in Giazza als L1 vermittelt wurde. Der spätere Umzug des Sprechers Sp02_74m mag demzufolge kaum noch eine Veränderung seiner Variante des italiano regionale verursacht haben.

4.2.2. 4.2.2 Affektive Komponente in Auto- und Heteroperzeption

Im Großen und Ganzen sind in der Autoperzeption ähnliche Einstellungen gegenüber diesem Stimulus festzustellen wie bei dem Stimulus Sp01_68f.

Tabelle 12 Einstellungen in Autoperzeption
  1 2 3 4 5 6
Bello I I     IIII IIII
Duro III II IIIII      
Melodioso   I I II IIII II
Colto43Da sich der Informant InfAP02_zi>65m nicht auf eine Wertung des Attributs colto einlassen wollte, sind hier nur sechs anstatt sieben Wertungen vorzufinden.   I III   II III
Serio     II I IIII III
Montanaro I I     II IIIIII
Selvaggio IIIII   II I II  
Rurale     I III III III

Dies mag sicherlich der auch schon in den Repräsentationen vorgefundenen wahrgenommenen Ähnlichkeit der beiden Stimuli geschuldet sein. Um Wiederholungen zu vermeiden, seien hier nur kurz einige Besonderheiten angerissen; für genauere Erörterungen dient in diesem Fall das Kapitel 4.1.2.

Auch hier ist auffällig, dass ein starker Kontrast zwischen den Attributen montanaro und selvaggio bei der autoperzeptiven Informantengruppe mit Zimbrisch als L1 vorliegt, während die anderen Zimbern und im Besonderen die heteroperzeptive Informantengruppe kaum einen Unterschied zwischen der Bewertung der beiden Attribute vornimmt.44Zur Diskussion dieses Phänomens siehe Kapitel 4.1.2.

Tabelle 13 Einstellungen in Heteroperzeption
  1 2 3 4 5 6
Bello II III   III I  
Duro   III II II   II
Melodioso IIII I III I    
Colto IIII IIII     I  
Serio I II I III II  
Montanaro II I II I I II
Selvaggio III I I I II I
Rurale I I I III II I

Des Weiteren lässt sich im Allgemeinen ein erheblicher Unterschied zwischen den Einstellungen der zimbrischen und der veronesischen Sprechergemeinschaft feststellen, wobei tatsächlich die Informanten der Autoperzeption mit Italienisch als L1 eher mit den Einstellungen der Heteroperzeption konform gehen.

Während die Zimbern45In diesem Kapitel wird der Einfachheit halber bei Zimbern nur noch von den Informanten gesprochen, die Zimbrisch tatsächlich auch als L1 haben. ohne Ausnahme die Varietät als schön bzw. sehr schön einstufen, sind die Meinungen der Veroneser eher verteilt, wobei auch jedes Mal eine kritische Denkpause vonnöten war. Die Zimbern hingegen waren sich ihrer Antwort schnell im Klaren und begründeten diese Entscheidung damit, dass die Varietät identisch mit der Eigenen sei.

Ein markanter Unterschied liegt auch bei der Einschätzung des Attributs colto vor. Fast ausschließlich wurde der Stimulus von der heteroperzeptiven Gruppe als überhaupt nicht gebildet eingestuft, was auf eine negative Einstellung gegenüber der Dialektverwendung zurückzuführen ist. Auch die Divergenz in der Diastratik  spielt bei dieser Einstellung eine wichtige Rolle, ebenso wie der Altersunterschied, der eine Veränderung der Haltung gegenüber stark dialektal markierten Varietäten evoziert hat. Für die Zimbern selbst hat die markierte Varietät keine negativen Auswirkungen auf die Wahrnehmung des Attributs colto. Ganz im Gegenteil wirken sie über diese Frage sogar oftmals eher überrascht, da für sie eine sprachliche Realisierung keinen Hinweis auf den Bildungsgrad gibt. Dies ist sicherlich auf außersprachliche Faktoren zurückzuführen. In einer von den Bergen geprägten Lebenswelt, in der andere Arbeiten vonnöten sind, spielt der Bildungsgrad nur eine geringe Rolle und bezieht sich darüber hinaus auch auf andere Aspekte, als den für viele aus der heteroperzeptiven Informantengruppe verstandenen Bildungsbegriff, der einen hohen Schulabschuss oder die universitäre Laufbahn impliziert.

4.3. Analyse des Stimulus Sp03_33m

4.3.1. Kognitive Komponente in Auto- und Heteroperzeption

Im Folgenden wird das Sprachwissen der Zimbern und Veroneser bezüglich eines 33-jährigen Zimber46Zur Sprachaufnahme des Stimulus Sp03_33m siehe Kapitel 3.2.2 oder Anhang 4 untersucht, der Sohn eines L1 Zimbrischsprechers ist, aber selbst den dialetto veneto als L1 besitzt und das Zimbrische erst im Laufe seines Lebens erlernt hat. Er gibt an, dass er nur ein bisschen Zimbrisch versteht und spricht, sich aber mit der zimbrischen Sprechergemeinschaft in und um Giazza am verbundensten fühlt. Außer in der Arbeit, wo er als Ingenieur tätig ist, spricht er den dialetto veneto, da er sich damit am wohlsten fühlt. Geboren ist er in Tregnago, doch lebt er nun schon lange am Gardasee. Im Rahmen dieser soziodemographischen wie soziolinguistischen Daten wird der durch das Alter, den Bildungsgrad, die L1 und die Herkunft bestimmte Unterschied zu vorherigen Sprechern mehr als offensichtlich.

Nun stellt sich die Frage, ob die Zimbern und Veroneser bei diesem Sprecher auf Grund der Differenzen eine deutlich andere Sprachproduktion wahrnehmen oder aber den Einfluss des zimbrischsprachigen Vaters, der einen wesentlichen Faktor für seinen Spracherwerb darstellte, feststellen. Wurden bei dem Vater noch zimbrische bzw. dialektale Einflüsse wahrgenommen, soll nun analysiert werden, inwieweit dies auf den Sohn übertragen wurde oder aber ob er sich durch die sozialen wie sprachlichen Faktoren von der Sprechweise seines Vaters entfernt hat. Auffällig sind hierbei in erster Linie auf jeden Fall die Verortungen der zimbrischen Sprechergemeinschaft, die nicht mehr so konkret nach Giazza oder in die Berge fallen, jedoch alle im Veneto vorzufinden sind.

Abbildung 11 Verortungen des Stimulus Sp03_33m durch die autoperzeptive Informantengruppe

Abbildung 11 Verortungen des Stimulus Sp03_33m durch die autoperzeptive Informantengruppe

Abbildung 12 Verortungen des Stimulus Sp03_33m durch die autoperzeptive Informantengruppe

Abbildung 12 Verortungen des Stimulus Sp03_33m durch die autoperzeptive Informantengruppe

Dementsprechend wird diese sprachliche Varietät zwar noch immer als eine Varietät der Provinz Verona identifiziert und scheint auch in der autoperzeptiven Wahrnehmung durchaus charakteristisch für die voralpinen Sprachvarietäten zu sein, doch macht die Entfernung zu Giazza, genauso wie auch die angegebene Wahrnehmung im geographischen Raum bezüglich der eigenen Varietät deutlich, dass keine zimbrischsprachigen Markierungen in dem Stimulus wahrgenommen werden.

Tabelle 14 Wahrnehmung im geographischen Raum der autopereptiven Informantengruppe
  1 2 3 4 5 6  
Da molto vicino II II II   I   Da molto lontano

Dies geht auch mit der Repräsentation kleine Differenzen bezüglich des Stimulus Sp02_74m wahrgenommen zu haben Hand in Hand. Mehrere Informanten weisen auf eine stärker italienischgeprägte Varietät hin, die frei von zimbrischen Einflüssen sei. Dabei wird besonders auf die unterschiedliche Artikulation der Vokale und der /s/ Laute aufmerksam gemacht.

Während ein Informant auf den noch immer wahrnehmbaren Einfluss der Berge (es wird explizit nicht der zimbrische Einfluss genannt) hinweist, vermuten die anderen Sprecher eher einen städtischen Stimulus wahrzunehmen. Dieses beziehen sie im Besonderen auf eine „parlata più ricca“ (InfAP07_zi>65m), infolgedessen auf eine Angabe bezüglich des Lexikons, welches der Sprecher verwendet. In diesem Kontext kann bereits die Fragestellung bezüglich der Wahrnehmung der sozialen Variante des italiano regionale der Zimbern aufgegriffen und damit beantwortet werden, dass soziolinguistische sowie soziodemographische Faktoren sowohl einen wesentlichen Einfluss auf die Sprachproduktion haben, als auch in der Wahrnehmung der Informanten präsent sind und sich in sprachlichen Repräsentationen äußern.47Im Rahmen der Varietätenlinguistik wird dieser Aspekt durch die Diastratik behandelt, die mit der Diatopik und Diaphasik verschränkt ist. Diastratik und Diatopik sind im Fall des Stimulus Sp03_33m stark miteinander verschränkt, da sich die Repräsentationen des Informanten auf sprachliche Charakteristika wie das Lexikon beziehen, die stark von sozialen Faktoren abhängen und mit der Diatopik beantwortet werden, nämlich, dass die „parlata più italiana“ (InfAP07_zi>65m) typisch für eine Varietät aus der Stadt sei. Folglich werden soziale Variationen im italiano regionale der Zimbern von der autoperzeptiven Informantengruppe wahrgenommen, die sich zwar nicht in der Verständlichkeit, wohl aber in der Warnehmung im geographischen Raum  äußert.

Tabelle 15 Verständlichkeit für die autoperzeptive Informantengruppe
  1 2 3 4 5 6  
Molto facile
da capire
IIIIIII           Molto difficile
da capire

Ähnliche Repräsentationen, allerdings andere Verortungen bestehen in der autoperzeptiven Informantengruppe der Zimbrischsprecher ohne L1, die wiederum eher mit den Ergebnissen der heteroperzeptiven Wahrnehmung übereinstimmen.

Die zahlreichen Verortungen nach Verona von der heteroperzeptiven Informantengruppe lassen sich mir der stärker wahrgenommenen sprachlichen Nähe zu dem Stimulus erklären, wobei sicherlich auch die Verständlichkeit ohne Komplikationen eine Rolle spielt.

Abbildung 13 Verortungen des Stimulus Sp03_33m durch die heteroperzeptieve Informantengruppe

Abbildung 13 Verortungen des Stimulus Sp03_33m durch die heteroperzeptieve Informantengruppe

Abbildung 14 Verortungen des Stimulus Sp03_33m durch die heteroperzeptieve Informantengruppe

Abbildung 14 Verortungen des Stimulus Sp03_33m durch die heteroperzeptieve Informantengruppe

48Ein Informant wollte keine konkrete Aussage über die Herkunft des Sprechers geben und verortete den Stimulus in ein großräumigeres Gebiet, welcher mit dem gelben Kreis definiert wird.

Dieses Bewusstsein drückt sich auch in den Repräsentationen der heteroperzeptiven Informantengruppe sowie in der Wahrnehmung der zimbrischen Informanten mit Italienisch als L1 aus. Beide Sprechergemeinschaften nehmen eine Varietät wahr, die stärker am Standard orientiert ist und geringere bis keine dialektalen Markierungen enthält. Dabei betonen sie den markanten Unterschied zum Stimulus Sp02_74m. Einzig die rein heteroperzeptive Informantengruppe nimmt eine Ähnlichkeit zum Sprecher Sp02_74m wahr: „L’accento sulla parola alla fine“ (InfHP09_i15-25m). Die Betonung auf der letzten Silbe lässt sich besonders bei it. montagna und it. legno feststellen und fand so laut dem Informanten auch schon beim Stimulus Sp02_74m statt.

Auf deutliche Unterschiede zwischen den beiden Sprechern wurde allerdings bezüglich der satzinternen Vokale aufmerksam gemacht. Bei diesen wird  zwischen geschlossen und offenen Vokalen im Sinne des italiano standard korrekt differenziert. Diese Charakteristika wurden vor allem bei it. esce und it. colazione wahrgenommen. Diese Repräsentation wurde damit erklärt, dass der Sprecher in einem italienischsprachigen Gebiet aufgewachsen ist und darüber hinaus einer anderen Generation angehört, die den Dialekt seltener verwendet. Wie auch bei den Repräsentationen der Autoperzeption lässt sich hier eine Verknüpfung der Diatopik und Diastratik erkennen, die Rückschlüsse zulässt, dass auch die heteroperzeptive Sprechergemeinschaft zwischen den sozialen Variationen des italiano regionale der Zimbern unterscheiden kann.

Auch bei diesem Stimulus wird deutlich, dass die Repräsentationen der Heteroperzeption mit denen, die Zimbrisch als Fremdsprache erlernt haben, Ähnlichkeiten aufweisen und sprachlich ausdifferenzierter sind als die der autoperzeptiven Informantengruppe mit Zimbrisch als L1. Jedoch sind beide Sprechergemeinschaften dazu in der Lage die soziale Variation wahrzunehmen.

Die Verortungen unterscheiden sich allerdings deutlich. Während sich die Zimbern weiterhin mehr auf die Berge konzentrieren – nicht mehr Giazza direkt, doch noch immer in geographischer Nähe – verorten die anderen Informanten den Stimulus eher Richtung Stadt. Dies kann auf zwei mögliche Gründe zurückgeführt werden.

Einerseits lässt sich die These aufstellen, dass die zimbrischen L1 Sprecher auf Grund ihrer Biographie und ihrer Lebenswelt, die sich ausschließlich auf die Bergwelt bezieht, weniger geographisches Wissen gegenüber anderen kommunikativen Räumen besitzen, was bei einer geographischen Verortung auf Kartenmaterial wesentlich ist. Durch die stetige Konzentration auf ihre eigene Lebenswelt entsteht ein Filter, der verhindert detaillierte Verortungen in andere Gebiete zu treffen. Andererseits kann auch die These gehalten werden, dass die zimbrischen L1 Sprecher ein ausgeprägtes Gehör für ihren kommunikativen Raum besitzen, der sich auch in der Wahrnehmung des Stimulus Sp03_33m insofern bemerkbar macht, als dass geringe Charakteristika des kommunikativen Raums der Berge, wie die vom Dialekt gefärbte Prosodie wahrgenommen und in Repräsentationen geäußert werden. Dabei weisen sie zwar auf Unterschiede zu dem Stimulus Sp02_74m hin, aber immer mit der Betonung, dass auch der Sprecher Sp03_33m aus den Bergen kommen kann, dort geboren ist und gewisse, wenn auch geringfügige sprachliche Charakteristika der Berge auftreten.

Als Sohn eines zimbrischen L1 Sprechers hat er die Varietät seines Vaters im Kindesalter übernommen, die damals Italienisch war, da das Zimbrische ein niedriges Prestige hatte, weshalb er nicht zweisprachig aufgewachsen ist. Des Weiteren wurde seine sprachliche Varietät modifiziert, als er sich für ein Studium entschloss, für welches er in die Stadt zog. Seitdem erfährt er einen hohen vom Dialekt und vom kommunikativen Raum der Zimbern entfernten italienischen Einfluss, der sowohl in Auto- als auch in Heteroperzeption wahrgenommen wird.

Einige zimbrische Informanten verweisen auf sprachliche Markierungen der kommunikativen Lebenswelt der Berge, die dank des frühen sprachlichen Einflusses des Vaters erhalten geblieben sind und einige Informanten mit einem großen Sprachwissen und einem ausdifferenzierten Wahrnehmungsgrad noch hören. Dieser Sprecher dient als Beispiel dafür, wie sich eine Sprache durch die räumliche wie soziale Umorientierung verändern kann, doch noch auf der Grundlage der im Kindesalter erworbenen Varietät aufbaut.

4.3.2. Affektive Komponente in Auto- und  Heteroperzeption

Die Einstellungen der autoperzeptiven Wahrnehmung gegenüber diesem Stimulus variieren nur gering zu den Einstellungen gegenüber der anderen Stimuli.

Tabelle 16 Einstellungen in Autoperzeption
  1 2 3 4 5 6
Bello       II II IIIIII
Duro IIIIIIII   I I    
Melodioso     I I IIIII III
Colto         IIIII IIIII
Serio         IIIIIIIII I
Montanaro II I   I   IIIIII
Selvaggio IIIIIIII       I  
Rurale II II II   I III

Lediglich beim Attribut montanaro tritt keine geschlossene Einigkeit mehr auf. Zwar gibt die Mehrheit noch immer überaus bestärkende Werte an, was auf die in Kapitel 4.3.1 erörterten Faktoren zurückzuführen ist, doch ist auch die Unsicherheit innerhalb dieser Sprechergemeinschaft offensichtlich, was dem starken sprachliche Einfluss aus der Stadt zu schulden ist. Dies wird unter anderem auch durch die hohe Streuung der Einstellung des Attributs rurale mehr als deutlich. Der Sprecher kann somit zwar aus den Bergen kommen, doch ländlich muss der Stimulus in der Wahrnehmung der zimbrischen L1 Sprecher nicht sein. Die in den Repräsentationen verdeutlichten stadtsprachlichen Charakteristika scheinen auf das Attribut montanaro im Rahmen der Einstellungen nur geringe Auswirkungen zu haben. Dies mag mit einer positiven Konnotation dieses Attributs zusammenhängen, da dadurch die eigene Lebenswelt der Zimbern, auf die sie stolz sind, symbolisiert wird.

Einig sind sich sowohl die autoperzeptive wie zu großen Teilen auch die heteroperzeptive Gruppe über das Attribut colto, das fast von allen Informanten auf der Skala hoch eingestuft wird.

Tabelle 17 Einstellungen in Heteroperzeption
  1 2 3 4 5 6
Bello     II II III II
Duro IIIIIII   I   I  
Melodioso   I IIIII I I I
Colto   I I III IIII I
Serio     II I IIIIII  
Montanaro IIIIIII I     I  
Selvaggio IIIIIII II        
Rurale IIIIII II   I    

Hier kommt wieder das im Vergleich zum Dialekt hohe Prestige einer standardnahen Varietät zum Vorschein, was bei der heteroperzeptiven Wahrnehmung deutlich stärker ausgeprägt ist. Dies ist mit dem Bildungsgrad sowie dem Generationenunterschied zwischen Auto- und Heteroperzeption in Zusammenhang zu bringen. Aber auch die Fremdwahrnehmung eines Stimulus evozieren andere Einstellungen. Die weniger dialektale, sprachliche Realisierung des Sprechers Sp03_33m hat die extrem niedrige Einstufung der Attribute montanaro, selvaggio und rurale zur Folge.

4.4. Analyse der Stimuli Sp04_23m und Sp05_21m

4.4.1. Kognitive Komponente in Auto- und Heteroperzeption

Die Analyse der Stimuli Sp04_23m und Sp05_21m49Bei diesem Stimulus liegen anstatt zehn Interviews von zimbrischen Informanten lediglich neun zu Grunde, da die Informantin InfAP04_ zi>65f sich für das Interview dieses Stimulus nicht mehr zur Verfügung stellte. soll gemeinsam erfolgen, da sich sowohl die soziolinguistischen wie auch die soziodemographischen Daten decken und sich auch die Ergebnisse der Perzeptionstests ähneln und lediglich durch teilweise verschieden gebrauchtes Lexikon der Sprecher bei den Aufnahmen unterscheiden. Somit ergänzen sich die Resultate der Tests und unterstreichen dadurch den repräsentativen Wert einer sozialen Variante des italiano regionale der Zimbern.50Zur Sprachaufnahme der Stimuli Sp04_23m und Sp05_21m siehe Kapitel 3.2.2 oder Anhang 4 Hier sei ferner anzumerken, dass bei der Durchführung der perzeptiven Tests der Stimulus Sp04_23m als erstes gehört wurde, während der Stimulus Sp_21m zum Schluss besprochen wurde. Da sie durch diesen größtmöglichen Abstand keiner gegenseitigen Beeinflussung unterliegen können, sind die auffallenden Ähnlichkeiten besonders aussagekräftig.

Beide Sprecher sind Anfang 20, haben einen Abschluss auf der scuola superiore. Sie sind in Soave bei Verona geboren, haben aber immer in dem Gebiet der 13 Gemeinden gelebt. Beide sind Söhne zimbrischer Eltern, die das Zimbrisch allerdings nicht beherrschen, wohl aber den dialetto sprechen, der im kommunikativen Raum der Zimbern verwendet wird. Dieser dialetto ist die L1 der beiden Sprecher, während sie Zimbrisch erst im Jugendalter erlernt haben. Somit unterscheiden sie sich von den ersten beiden Sprechern deutlich, da sie eine andere L1 besitzen, einer anderen Generation angehören sowie einen anderen Schulabschluss aufweisen. Sie teilen allerdings denselben kommunikativen Raum sowohl im Rahmen der Herkunft, als auch im Rahmen des Wohnsitzes.

Mit dem dritten Sprecher liegt insofern eine Gemeinsamkeit vor, als dass sie das Zimbrische erst im Jugendalter erlernt haben. Sie differenzieren sich allerdings durch den Wohnort sowie durch die Tatsache, dass sie nicht für ein Studium in einen anderen kommunikativen Raum gewechselt haben. Außerdem sind sie zwar alle Kinder zimbrischer Eltern, doch spricht nur der Vater des Sprechers Sp03_33m noch aktiv das Zimbrische.

Für die Interpretation der Stimuli sei hier schon erwähnt, dass nun die Wichtigkeit darin liegt, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede aller fünf Sprecher herauszuarbeiten um die Wahrnehmung der auto- und heteroperzeptiven Informanten erklären zu können.

Die Verortung beider Stimuli erfolgt von der zimbrischen Informantengruppe bis auf eine Ausnahme51Auch diese Fehlverortung stammt vom Informanten InfAP10_i>65m und kann mit denselben Argumenten begründet werden wie auch bei den anderen Stimuli. zielsicher in den geographischen Raum der Zimbern und somit korrekterweise in die Wohngebiete der beiden Sprecher. Lediglich die veronesische Informantengruppe weist eine hohe Streuung der Ergebnisse auf, die sich zwar alle auf das Veneto beziehen, doch nicht so korrekt-konkrete Verortungen zeigen, wie bei der autoperzeptiven Wahrnehmung.

Abbildung 15: links: Verortungen des Stimulus Sp04_23m durch die autoperzeptive Informantengruppe. Rechts: Verortungen des Stimulus Sp05_21m durch die autoperzeptive Informantengruppe.

Abbildung 15: links: Verortungen des Stimulus Sp04_23m durch die autoperzeptive Informantengruppe. Rechts: Verortungen des Stimulus Sp05_21m durch die autoperzeptive Informantengruppe.

Abbildung 16 Verortungen des Stimulus Sp04_23m durch die autoperzeptive Informantengruppe

Abbildung 16 Verortungen des Stimulus Sp04_23m durch die autoperzeptive Informantengruppe

Abbildung 17 Verortungen des Stimulus Sp_05_21m durch die autoperzeptive Informantengruppe

Abbildung 17 Verortungen des Stimulus Sp_05_21m durch die autoperzeptive Informantengruppe

Abbildung 18: links: Verortungen des Stimulus Sp04_23m durch die heteroperzeptive Informantengruppe. Rechts: Verortungen des Stimulus Sp05_21m durch die heteroperzeptive Informantengruppe

Abbildung 18: links: Verortungen des Stimulus Sp04_23m durch die heteroperzeptive Informantengruppe. Rechts: Verortungen des Stimulus Sp05_21m durch die heteroperzeptive Informantengruppe

Abbildung 19 Verortungen des Stimulus Sp04_23m durch die heteroperzeptive Informantengruppe

Abbildung 19 Verortungen des Stimulus Sp04_23m durch die heteroperzeptive Informantengruppe

Abbildung 20 Verortungen des Stimulus Sp05_21m der heteroperzeptiven Informantengruppe Damiano Heteroperzeption Veneto

Abbildung 20 Verortungen des Stimulus Sp05_21m der heteroperzeptiven Informantengruppe

Diese Ergebnisse beweisen, dass die zimbrische Sprechergemeinschaft durchaus die Varietät ihres kommunikativen Raumes wahrnimmt, während in diesem Fall die veronesische Sprechergemeinschaft mit der Verortung nicht so im Einklang ist. Dadurch wird auch der sprachliche Unterschied zu den ersten beiden Sprechern deutlich, die dementsprechend eine markantere sprachliche Realisierung für das Gebiet der 13 Gemeinden haben, da auch die heteroperzeptive Gruppe dazu in der Lage war, die Stimuli eher korrekt zu verorten. Die auf die Verortung bezogene Wahrnehmung der beiden Stimuli der Sprecher Sp04_23m und Sp05_21m spiegelt sich auch in der geographischen Wahrnehmung im Raum wieder.

Tabelle 18 Wahrnehmung im geographischen Raum des Stimulus Sp04_23m der autoperzeptiven Informantengruppe
  1 2 3 4 5 6  
Da molto vicino IIIIIII II I       Da molto lontano

 

Tabelle 19 Wahrnehmung im geographischen Raum des Stimulus Sp05_21m der autoperzeptiven Informantengruppe
  1 2 3 4 5 6  
Da molto vicino IIIIII II       I Da molto lontano

Hier lässt sich erkennen, dass im Durchschnitt eine Nähe der Stimuli zur eigenen Varietät wahrgenommen wird, wenn diese auch nicht mehr so hoch liegt wie bei den ersten beiden Stimuli, bei denen zwei zimbrische L1 Sprecher analysiert wurden.

Dahingegen ist ein größeres Distanzverständnis bei der heteroperzeptiven Wahrnehmung offensichtlich, da sie deutliche Unterschiede zur eigenen Varietät feststellen.

Tabelle 20 Wahrnehmung im geographischen Raum des Stimulus Sp04_23m der heteroperzeptiven Informantengruppe
  1 2 3 4 5 6  
Da molto vicino I IIIII II I     Da molto lontano

 

Tabelle 21 Wahrnehmung im geographischen Raum des Stimulus Sp05_21m der heteroperzeptiven Informantengruppe
  1 2 3 4 5 6  
Da molto vicino II II II III     Da molto lontano

Die Verständlichkeit ist in allen Fällen ohne Probleme möglich und soll hier nicht weiter ausgeführt werden.

Die Verortungen sowie die Wahrnehmung im geographischen Raum lassen sich durch die Repräsentationen in Auto- und Heteroperzeption erklären. Die veronesischen Informanten nehmen bei beiden Stimuli eine dialektale Basis wahr, welche das italiano regionale der Sprecher beeinflusst. In den Repräsentationen lassen sich dabei vor allem Aussagen über die cadenza vorfinden, also über die Prosodie des venetischen Dialekts, welche weniger melodisch im Vergleich zum italiano standard ist. Informant InfHP04_i15-25m konkretisiert die Prosodie des Sp05_21m, indem er diese als typisch für die italienische Varietät der Berge bezeichnet. Auch die autoperzeptiven Informanten verweisen in den Repräsentationen auf die Prosodie, welche typisch für Giazza sei und welche sowohl bei Stimulus Sp04_23m, als auch bei Stimulus Sp05_21m deutlich zu vernehmen ist. In diesem Kontext lassen sich die Repräsentationen der autoperzeptiven Gruppe, die eine besonders ausgeprägte Wahrnehmung gegenüber ihrer eigenen Varietät besitzen, erklären. Die Repräsentationen beziehen sich dabei vor allem auf folgende Aussagen der beiden Stimuli:

  • „Pronuncia come la mia“ (InfAP01_zi>65m)
  • „L’accento della montagna” (InfAP03_zi>65)
  • „Parole cimbre” (InfAP05_zi>65)
  • „Uno dei nostri” (InfAP03_zi>65)
  • „Parla come me” (InfAP03_zi>65)

Des Weiteren wird auf die Pausen zwischen den Wörtern verwiesen, die laut autoperzeptiven Informanten charakteristisch für den zimbrischen Kommunikationsraum sind und bei beiden Sprechern übereinstimmen.

Im Allgemeinen wird oft auf die Ähnlichkeit der beiden Stimuli bezüglich der Prosodie und der Vokale, die ausgefallen lang und betont sind, aufmerksam gemacht. Informant InfAP07_zi>65m sagt, dass der Stimulus des Sprechers Sp05_21m „molto simile al primo“ sei, womit er auf den Sprecher Sp04_23m verweist und begründet dies mit der „cadenza più che altra“.

Auch Repräsentationen, die sich auf die Charakteristika der Konsonanten beziehen, treten in der heteroperzeptiven Wahrnehmung auf und beziehen sich bei beiden Stimuli auf das /s/, bei welchem dasselbe Charakteristikum wie auch bei den ersten drei Stimuli auftritt.

Ferner wird bei Stimulus Sp04_23m ein typisches sprachliches Merkmal mit linguistischer Relevanz genannt, welches sich auf die Artikulation des stimmhaften palatalen Affrikaten [ʤ] bezieht, das der Sprecher bei it. cinque mit einem stimmlosen dentalen Frikativ ausspricht. Die Informanten betonen, dass diese Aussprache typisch für den dialetto veneto sei.

Darüber hinaus wird auf die als einfach realisierte Konsonantenverwendung hingewiesen, auch wenn laut Standardnorm eine doppelte Realisierung gefordert wäre. Dieses sprachliche Merkmal kommt besonders bei Sprecher Sp05_21m zum Vorschein, der it. letto und it. mattina mit nur einem /t/ ausspricht und it. donna mit nur einem /n/. Aber auch Sprecher Sp04_23m spricht it. casetta und it. vecetto mit einem einfachen  /t/ aus.

Ferner wird bei beiden Stimuli das für den Dialekt charakteristische Lexikon angesprochen. Vecetto, mi par und vestito da festa sind Ausdrücke des Dialekts, welche in das italiano regionale übertragen wurden, ebenso wie der Gebrauch des Wortes donna, welches synonym zu it. moglie verwendet wird und laut Informant InfHP08_i15-25m auf einen ländlichen, womöglich in die Bergen zu verortenden Kommunikationsraum schließen lässt. Dieses kulturelle Verständnis wird von Informant InfHP01_v15-25m folgenermaßen bekräftigt: „Uno direbbe, vado a fare una passeggiata, lui dice va a fare la camminata.“ Dies sei typisch für “Le zone di montagna più che altra, perché in montagna vai a fare una camminata.”

In der heteroperzeptiven Wahrnehmung treten außerdem Repräsentationen bezüglich der Syntax auf. „Il mangiare lo ha fatto la sua donna“, sagt Sp05_21m, was von der syntaktischen  Struktur aus dem Dialekt direkt in das italiano regionale übernommen wurde.

Das in den beiden Stimuli gebrauchte Lexikon wird auch in den autoperzeptiven Repräsentationen genannt. Einerseits durch konkrete lexikalische Angaben (it. vecetto), andererseits von den zimbrischen L1 Sprechern mit der Wahrnehumg einer „parlata semplice“ (InfAP_03zi>65m).

Jenes in den auto- wie heteroperzeptiven Repräsentationen existierende Sprachwissen bezieht sich auf einen von den meisten Informanten festgestellten kommunikativen Raum in den Bergen der 13 Gemeinden. Die im Sprachwissen bestehenden und durch Repräsentationen geäußerten sprachlichen Merkmale – besonders im Rahmen der Prosodie – stimmen ebenfalls bei beiden Informantengruppen überein.

Bedeutende Differenzen liegen allerdings in Form der genannten Ursachen für die sprachlichen Charakteristika vor. Während die heteroperzeptive Wahrnehmung von Dialektsprechern ausgeht, die ihren Dialekt in das italiano regionale übertragen, argumentiert die autoperzeptive Informantengruppe  – im Besonderen die zimbrischen L1 Sprecher – mit einem zimbrischsprachigen Einfluss, der sich in Prosodie und Lexik bemerkbar macht. Nun tritt aber der berechtigter Einwand auf, dass weder Sp04_23m, noch Sp05_21m zimbrische L1 Sprecher sind und sie infolgedessen auch keinen Akzent einer anderen Sprache im italiano regionale haben können. Dieser wäre darüber hinaus auch der veronesischen Informantengruppe aufgefallen. Trotz allem nimmt die zimbrische Sprechergemeinschaft sprachliche Charakteristika wahr, die es ihnen ermöglicht einen zimbrischen Sprecher wiederzuerkennen und als einen solchen zu identifizieren. Folglich kann vermutet werden, dass innerhalb des kommunikativen Raums der Zimbern eine sprachliche Varietät vorliegt, die alle Sprecher teilen und die als solche wahrgenommen wird. Das Sprachwissen der zimbrischen Sprechergemeinschaft beruht folglich auf Wissen, welches präzise Verortungen und Wiedererkennungseffekte enthält, das sie von anderen Sprechergemeinschaften differenziert. Die heteroperzeptive Sprechergemeinschaft besitzt zwar auf Grund der sprachlich eher größeren Distanz zum italiano regionale der Zimbern konkretere sprachliche Repräsentationen, sind aber auf Grund der fehlenden Nähe zu dieser Varietät nicht dazu in der Lage den kommunikativen Raum als einen zimbrischen Kommunikationsraum zu identifizieren.

Dank der Möglichkeit zwei Stimuli von Sprechern mit ähnlichen sozialen Variablen innerhalb der perzeptiven Tests analysieren zu können, ist deutlich geworden, dass die Daten vergleichbar sind und repräsentativen Wert aufweisen, da in den Repräsentationen beider Gruppen Hinweise auf die Ähnlichkeit der beiden Stimuli gegeben wurde, womit die Vermutung bestätigt wird, dass soziale Variablen und soziale Variationen im italiano regionale der Zimbern wahrgenommen werden. Die Gemeinsamkeit liegt in einem einheitlichen kommunikativen Raum, der in der autoperzeptiven Wahrnehmung erkannt wird.

4.4.2. 4.4.2 Affektive Komponente in Auto- und Heteroperzeption

Die Einstellungen der Autoperzeption stimmen fast bei allen Attributen mehr oder weniger mit den Einstellungen der anderen Stimuli überein, wohl auf Grund dessen, dass stets der selbe kommunikative Raum wahrgenommen wird und, bis auf einige auf soziale Variablen zurückzuführende Differenzen, stets die Varietät der Berge bzw. die Varietät der Zimbern perzipiert wird.

Tabelle 22 Einstellungen des Stimulus Sp04_23m in Autoperzeption
  1 2 3 4 5 6
Bello     I I III IIIII
Duro52Da sich der Informant InfAp03_zi>65m nicht auf eine Wertung des Attributs colto einlassen wollte, sind hier nur sechs anstatt sieben Wertungen vorzufinden. IIII I II   II  
Melodioso I I   II IIIII I
Colto   I I I IIII III
Serio       III IIII III
Montanaro       I I IIIIIIII
Selvaggio IIIII I II II    
Rurale     I III II IIII
Tabelle 23 Einstellungen des Stimulus Sp04_23m in Heteroperzeption
  1 2 3 4 5 6
Bello     I II IIII I
Duro I III IIII   I  
Melodioso I III II I I I
Colto IIII III I      
Serio II   IIIII I I  
Montanaro III I II   II I
Selvaggio III III II   I  
Rurale     I IIIII II I

Erwähnenswert ist hier noch zusätzlich die Skalenbewertung des Attributs rurale, welches im Kontrast zum Stimulus Sp03_33m besonders hoch eingestuft wird. Dies hängt sicherlich mit dem unterschiedlichen Wohnort und der Tatsache, dass Sp03_33m durch sein Arbeitsumfeld im ständigen Kontakt mit dem italiano regionale der Stadt ist, zusammen. Dadurch wird deutlich, dass der Wohnsitz und der Arbeitsplatz der beiden Sprecher eine sprachliche Varietät zulässt, die als stärker ländlich wahrgenommen wird.

Tabelle 24 Einstellungen des Stimulus Sp05_21 in Autoperzeption
  1 2 3 4 5 6
Bello I I II     IIIII
Duro IIII   III II    
Melodioso I I I IIII II  
Colto II II I I II I
Serio     II III II II
Montanaro   I I I   IIIIII
Selvaggio IIIII II I   I  
Rurale       II   IIIIIII
Tabelle 25 Einstellungen des Stimulus Sp05_21 in Heteroperzeption
  1 2 3 4 5 6
Bello I I IIII III    
Duro II IIIII I   I  
Melodioso II II IIII I    
Colto II IIII II I    
Serio   III IIII I I  
Montanaro III III I II    
Selvaggio IIIII II   II    
Rurale   II II I II II

In der Heteroperzeption werden die Attribute montanaro, selvaggio und rurale sehr unterschiedlich eingestuft und stimmen mit den Verortungen der Stimuli überein, die auch schon verstreuter ausgefallen sind.

Im Gegensatz zur zimbrischen Sprechergemeinschaft, die, wie durch die Einstellungen erkennbar, eine sehr positive Sprachbewertung gegenüber ihrer eigenen Varietät besitzen, kann aus der Heteroperzeption eher ein geringes Prestige des italiano regionale der Zimbern dank der Einstellungen gegenüber den Attributen bello und colto erkannt werden. Diese Tatsache lässt sich auf ein allgemein niedrigeres Prestige der Dialekte zurückführen, was durch die Aussage „fuori della civiltà“ des Informanten InfHP_i15-25m bezüglich des Stimulus Sp04_23m verdeutlicht wird.

4.5. Synthese

Nachdem die Perzeptionstests aller fünf Stimuli ausgewertet und analysiert wurden, soll nun im Rahmen dieser Ergebnisse ein Gesamtresultat gezogen werden.

Tatsächlich lassen sich deutliche Unterschiede zwischen der Autoperzeption und der Heteroperzeption sowohl bezüglich der Repräsentationen als auch der Einstellungen feststellen, wobei anzumerken ist, dass die drei Informanten der autoperzeptiven Gruppe mit Italienisch als L1 ihrem Sprachwissen zufolge eher mit den Resultaten der Heteroperzeption übereinstimmen. Zwar beherrschen alle drei Informanten das Zimbrische und fühlen sich zu diesem Raum verbunden, doch wurden sie durch ihren jetzigen oder ehemaligen Wohnort zu stark von anderen Einflüssen, wie außersprachlichen Faktoren, aber auch durch die aktive Verwendung des italiano regionale geprägt, um wirklich noch zum aktiven kommunikativen Raum der Zimbern dazugerechnet werden zu können. Insofern ist deutlich, dass soziolinguistische und außersprachliche Faktoren das Sprachwissen bedeutend mitgestalten.

Die Unterschiede der Auto- und Heteroperzeption sind besonders im Rahmen der Einstellungen markant, auf die an dieser Stelle nur noch kurz Bezug genommen werden soll, da sie bereits in den Einzelanalysen eingehend erörtert wurden. Als erwähnenswert wird die Differenz der Perzeption gegenüber den Einstellungen colto und bello erachtet, dank derer das unterschiedliche Prestige bezüglich der Dialekte erkannt wird.

Außerdem unterstreichen die durchgehend positiven Bewertungen aller Stimuli durch die Autoperzeption das große Sprach- und Kulturbewusstsein der Zimbern. Auch die hohen Skalenbewertungen des Attributs montanaro in Verbindung mit den hohen Wertungen von bello weisen die Verbundenheit und den Stolz zu den Bergen auf, während selvaggio in allen Fällen eine negative Konnotation erhält. Wie in vorherigen Kapiteln bereits eingehender behandelt wurde, liegt auch hier ein markanter Unterschied zur Heteroperzeption vor, die diese feine Differenzierung nicht wahrnehmen, da sie vom tatsächlichen kommunikativen Raum der Zimbern sprachlich zu weit entfernt sind.

In Bezug zu den Verortungen ist zuerst erkennbar, dass sowohl die Autoperzeption als auch die Heteroperzeption keine Schwierigkeiten hat, die Stimuli in das Veneto zu verorten. Bei den präziseren Ortsangaben sind die Informanten der Autoperzeption um einiges treffsicherer, da sie ihre eigene Varietät wiedererkennen und somit korrekt verorten. Dies leitet zu den Repräsentationen und zum Fazit der empirischen Studie über. An dieser Stelle sei nochmals auf die konkreteren sprachlichen Repräsentationen in Heteroperzeption hingewiesen, was einerseits auf die höheren Schulabschlüsse, andererseits auf die Objektivität durch die Fremdperspektivierung gegenüber der Stimuli zurückzuführen ist.

In beiden Sprechergemeinschaften liegt der allgemeine Konsens vor, dass die Sprecher der Stimuli normalerweise eine andere Varietät für die Kommunikation verwenden. Je nach Stimulus variieren diese Aussagen nach Intensität. Bei den beiden zimbrischen L1 Sprechern wird ein starker Einfluss einer anderen Varietät wahrgenommen, der anhand von Repräsentationen erklärt wird. Der Stimulus des Sprechers Sp03_33m hingegen wird im Besonderen aus Sichtweise der Heteroperzeption als standardsprachlich eingestuft, auch wenn einige Informanten, vor allem in Autoperzeption, Charakteristika feststellen, die sie mit einer standardfernen Varietät als Basis begründen.

Die Sprecher der Stimuli Sp04_23m und Sp05_21m, bei denen auf Grund gemeinsamer soziolinguistischer und soziodemographischer Daten von zahlreichen Informanten auf sprachliche Ähnlichkeiten verwiesen wurde, sind keine L1 Zimbrischsprecher mehr. Nichtsdestotrotz wurden auch bei diesen Sprechern seitens der Autoperzeption einige zimbrische Sprachcharakteristika wahrgenommen, während die heteroperzeptiven Informanten dialektale Einflüsse zu erkennen glauben, die aber unterschiedlich zu ihrem eigenen Dialekt sind. Demzufolge ist die aufgestellte These zu bekräftigen, dass die soziale Variation des italiano regionale sowohl in Autoperzeption als auch in Heteroperzeption vernommen wird und mit den tatsächlichen soziodemographischen Daten übereinstimmt.

Ein Kontinuum des italiano regionale der Zimbern, das von sozialen Aspekten abhängig ist, liegt vor und wird wahrgenommen. Innerhalb dieses Kontinuums, so ist sich die zimbrische Sprechergemeinschaft mit Zimbrisch als L1 einig, sind zimbrische Einflüsse vorhanden, die je nach Sprecher in Abhängigkeit seiner Herkunft, seines Wohnortes, seines Alters, seiner L1 und seines Schulabschlusses von der Intensität her variieren. Die Heteroperzeption jedoch stellt keine germanischen oder anderssprachigen Einflüsse fest, die auf einen Einfluss einer anderen L1 im italiano regionale hinweisen. Sie nehmen lediglich wahr, dass alle Sprecher Dialektsprecher sind und dass ihr Dialekt ihr italiano regionale markiert. Es scheint tatsächlich auch logisch, dass das Zimbrische auf direktem Wege keine sprachlichen Spuren hinterlassen kann, da zumindest drei der fünf Sprecher einen italienischen Dialekt als L1 haben und auch die beiden zimbrischen L1 Sprecher noch im Kindesalter, nämlich mit Schuleintritt, das Italienische erworben haben. Und trotz alledem ist die zimbrische Sprechergemeinschaft der 13 Gemeinden um Giazza herum dazu in der Lage auf Grund des italiano regionale einen Sprecher als einen von ihnen und somit als Zimbern zu identifizieren.

In diesem Sinne sei die Vermutung aufgestellt, dass ein geschlossener kommunikativer Raum der Zimbern besteht, der einen eigenen italienischen Dialekt und ein eigenes italiano regionale hat. Da alle den Dialekt als italienische Varietät und L1 bzw. 2L1 gemeinsam haben, scheint das italiano regionale der Zimbern in der Tat auf dem Dialekt zu basieren und von diesem seine Einflüsse, die in Auto- und Heteroperzeption wahrgenommen werden, erhalten zu haben. Doch sind gewisse zimbrische Merkmale nicht zu negieren, die ihren Weg in das Italienische gefunden haben und besonders in Prosodie und Phonologie erscheinen. „Il cimbro ha lasciato… nel dialetto della montagna ha lasciato una… anche diciamo la cadenza, la cadenza e il modo di pronunciare, il modo di pronunciare le parole che è quello li della nostra zona, della montagna nostra.” (InfAP07_zi>65m).

Alle Sprecher der Stimuli besitzen eine Gemeinsamkeit: einen italienischen Dialekt, den zimbrische Sprecher einst als Fremdsprache erlernten. So haben die Sprecher der ersten beiden Stimuli als zimbrische L1 Sprecher noch selbst den dialetto in der Schule als Zweitsprache erworben. Sprecher Sp03_33m hat als Sohn eines L1 Zimbrischsprechers dessen Dialekt übernommen. Und Sprecher Sp04_23m sowie Sp05_21m haben den Dialekt von Zimbern erworben, die zwar keine L1 Sprecher mehr sind, doch ihrerseits die Variante des dialetto ihrer zimbrischen Vorfahren erworben haben. Dank des überaus geschlossenen Raums der Berge bleibt ein kommunikativer Raum erhalten, der eine italienischsprachige Varietät enthält, welche auf das Zimbrische zurückzuführen ist. Daher können zimbrische L1 Sprecher, die sowohl den Dialekt als auch das Zimbrische beherrschen, sprachliche Merkmale der Stimuli wahrnehmen, die auf dem Zimbrischen beruhen. Ein jeder kommunikativer Raum lebt, indem sich sprachliche Varietäten verändern oder in Kontakt zueinander treten. Hier scheint in der Vergangenheit ein Kontakt zwischen der italienischen und der zimbrischen Varietät stattgefunden zu haben, der eine eigene sprachliche Varietät entstehen lies und heute durch Generationenübertragung noch immer präsent im Sprachwissen der zimbrischen Sprechergemeinschaft verankert ist.

5. Ausblick

Diese empirische Studie hat eine breite Palette an aufbauenden Forschungsmöglichkeiten eröffnet, welche entweder die aufgestellte These unterstreichen oder, anhand der Ergebnisse, weiterführende Studien ermöglichen. Um auf die Ausgangshypothese Bezug zu nehmen sei nach der Analyse der empirischen Studie nun die Vermutung aufgestellt, dass sich durch den Sprachkontakt zwischen Italienisch und Zimbrisch zimbrischsprachige Merkmale im dialetto veneto der Zimbern manifestiert haben und diese innerhalb des kommunikativen Raums der Zimbern von Generation zu Generation weitergegeben werden. So wäre es für einen linguistischen Beweis der in der Synthese diskutierten Hypothese vonnöten, die Sprachentwicklung des Italienischen der Zimbern zu erforschen. Dabei müsste sowohl der Prozess des Dialekts der Zimbern, als auch das italiano regionale untersucht werden, um den Einfluss des Dialekts auf das italiano regionale herauszuarbeiten. Mit einer eingehenden Beschäftigung der sprachlichen Charakteristika des Zimbrischen selbst wären der Sprachkontakt, die Interferenzen und die Entlehnungen aus dem Zimbrischen in das Italienische erklärbar. In diesem Sinne würde sich eine derartige Forschung mit Sprachkontakt und Sprachwandel beschäftigen, wobei historische Phänomene der beiden Sprachen berücksichtigt werden müssten, um die Entwicklung zur heutigen Varietät des italiano regionale der Zimbern erklären zu können.

Auch im Rahmen von sprachbiographischen Interviews könnte sich die zimbrische Sprechergeschichte analysieren lassen und würde besonders in einem kommunikativen Raum einer sprachlichen Minderheitengruppe aufschlussreiche Informationen bezüglich Sprechern und Sprachentwicklung zulassen.

Des Weiteren können die erhaltenen Daten dieser empirischen Studie als Grundlage für eine in diesem Sinne ausgerichtete Forschung über einen Vergleich der italiani regionali mit den anderen zimbrischen Gemeinden dienen. Anhand solcher Ergebnisse könnte festgestellt werden, ob die anderen zimbrischen Sprechergemeinschaften ebenfalls zimbrischsprachige Markierungen in ihrem jeweiligen italiano regionale wahrnehmen und ob diese je nach Gemeinde unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Außerdem wäre es ebenfalls sehr aufschlussreich zu erforschen, ob die zimbrischen Sprecher auch zimbrische Merkmale in den italiani regionali der jeweils anderen beiden zimbrischen Gemeinden wahrnehmen.

All diese Resultate im Vergleich würden ein großes Bild über die verschiedenen italiani regionali der Gemeinden zulassen. Die unterschiedliche Sprachentwicklung je nach vorherrschendem Sprachkontakt sowie die Markierung zimbrischsprachiger Charakteristika durch einen Spracheinfluss im Laufe der Akkuluralisierung könnten durch eine auf den Ergebnissen dieser Untersuchung aufbauenden Forschung untersucht werden.

Abschließend lässt sich sagen, dass die Untersuchung der sozialen Variation des italiano regionale der Zimbern in Auto- und Heteroperzeption beweist, dass das Zimbrische lebt. J.A. Schmeller vermutete bereits 1834 ein baldiges Aussterben der Sprache. Und auch heute prophezeit das Einheitskomitee der historischen deutschen Sprachinseln in Italien schlechte Zukunftsaussichten für das Zimbrische der 13 Gemeinden (vgl. Rowley 2013: 4f). Doch muss man laut Rowley (2013: 404) solche Aussagen kritisch bewerten, da die zimbrische Sprache nun trotz der seit Jahrzehnten von der Wissenschaft angedeuteten Prognose des Aussterbens noch immer gesprochen wird. Auch heute im 21. Jahrhundert lebt diese Varietät, sowohl durch die wenigen L1 Sprecher und durch all die jungen Zimbern, die sich wieder dem Zimbrischen annähern, als auch durch das Italienische selbst. Entscheidend ist, dass, solange der zimbrische Kommunikationsraum besteht, auch die italienische Varietät der Zimbern weiter vermittelt und aktiv gesprochen wird. Und somit existiert eine italienische Varietät, die auf zimbrischsprachigen Merkmalen basiert und alle Zimbern miteinander verbindet und deren kommunikativen Raum gestaltet.

La storia dei cimbri è la nostra storia. Chi ama la propria terra non può che essere affascinato dal piccolo mondo che la Lessinia rappresenta e non può non tentare di fare qualcosa perché la storia di questo mondo non venga dimenticata ma valorizzata come merita.
Quando una lingua sta per morire, quando una minoranza lotta per la sua sopravvivenza linguistica, sociale e culturale, quando il gruppo etnico che ha appreso una lingua sulle ginocchia della madre si assottiglia sempre più, diventa d’obbligo lottare perché tutto ciò non venga relegato a patrimonio del passato.
Ecco perché recuperare questo bagaglio trasmesso da generazioni millenarie non solo per la salvaguardia della nostra cultura, ma anche come importante investimento per il futuro per tutti quelli convinti come noi che la lingua sia soprattutto uno strumento di conoscenza.
Ci auguriamo che il focolare possa un domani tornare a intiepidire le case di tutti noi ultimi cimbri.
(Sp04_23m)

6. Anhang

6.1. Anhang 1: Fragebogen für die Sprecher der Bildergeschichte

Questionario

6.2. Anhang 2: Photogeschichte

Photogeschichte

6.3. Anhang 3: Perzeptionstest

Test percettivo

6.4. Anhang 4: Sprachaufnahmen der Stimuli

6.4.1. Stimulus Sp01_68f

 

6.4.2. Stimulus Sp02_74m

 

6.4.3. Stimulus Sp03_33m

 

6.4.4. Stimulus Sp04_23m

 

6.4.5. Stimulus Sp05_21m

Barbaric, Philipp (2015): Che storia che gavemo qua. Sprachgeschichte Dalmatiens als Sprechergeschichte. Stuttgart: Franz Steiner Verlag.
Berruto, Gaetano (1993): Introduzione all’italiano contemporaneo, 3-36. Roma: Editori Laterza.
Berruto, Gaetano (1995): Fondamenti di sociolinguistica. Roma: Editori Laterza.
Bidese, Ermenegildo (2004): Alte Sprachen: Beiträge zum Bremer Kolloquium über „Alte Sprachen und Sprachstufen“, 3-36. Bochum: Brockmeyer.
Bidese, Ermenegildo (2010): Il cimbro negli studi di linguistica. Padova: Unipress.
Bidese, Ermenegildo (2011): Das Zimbrische von Giazza. Zeugnisse und Quellen aus einer deutschen Sprachinsel in Oberitalien. Innsbruck: Studienverlag.
Egger, Kurt/Heler, Karin (1997): Kontaktlinguistik. Ein internationales Handbuch zur zeitgenössischen Forschung, 1350-1357. Berlin: De Gruyter.
Gauchat, Louis (1903): Archiv für das Studium der Neueren Sprachen und Literaturen 111, 345-403.
Heydenreich, Kirsa (2009): Usi linguistici a Luserna. Tesi di laurea (relatrice Rita Caprini). http://www.minoranzelinguistiche.provincia.tn.it/binary/pat_minoranze_2011/locali/Tesi_Kirsa_Heydenreich_usi_linguistici_a_Luserna2.1256024592.pdf.
Kabatek, Johannes/Pusch, Claus D. (2009): Spanische Sprachwissenschaft. Tübingen: Narr.
Krefeld, Thomas (2004): Einführung in die Migrationslinguistik. Von der Germania italiana in die Romania multipla. Tübingen: Narr.
Krefeld, Thomas (2005): Sprache, Bewußtsein, Stil. Theoretische und historische Perspektiven, 155-166. Tübingen: Narr.
Krefeld, Thomas (2010): Perzeptive Varietätenlinguistik, 151-179. Frankfurt am Main: Lang.
Krefeld, Thomas/Pustka, Elissa (2010): Perzeptive Varietätenlinguistik. Frankfurt am Main: Lang.
Lameli, Alfred/Purschke, Christoph/Kehrein, Roland (2008): Stimulus und Kognition. Zur Aktivierung mentaler Raumbilder. Linguistik Online 35: 55-86. https://bop.unibe.ch/linguistik-online/article/view/523.
Loi Corvetto, Ines (1983): L’italiano regionale di Sardegna. Bologna: Zanichelli.
Metzler: [Glück, Helmut/Schmöe Friederike] (2005): Metzler Lexikon Sprache. Stuttgart u.a.: Metzler.
Piredda, Noemi (2013): Gli italiani locali di Sardegna. Frankfurt am Main: PL Acad. Research.
Postlep, Sebastian (2010): Zwischen Huesca und Lérida. Perzeptive Profilierung eines diatopischen Kontinuums. Frankfurt am Main: Peter Lang.
Pustka, Elissa (2010): Perzeptive Varietätenlingustik, 123-150. Frankfurt am Main: Lang.
Pütz, Martin (2004): Soziolinguistik: Ein internationales Hanbuch zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft, 226-232. Berlin: De Gruyter.
Rabanus, Stefan (2010): Il cimbro negli studi di linguistica, 115-139. Padova: Unipress.
Rowley, Anthony (1996): Handbuch der mitteleuropäischen Sprachminderheiten, 263-286. Tübingen: Narr.
Rowley, Anthony (2010): Il cimbro negli studi di linguistica, 9-24. Padova: Unipress.
Rowley, Anthony (2013): Strömungen in der Entwicklung der Dialekte und ihrer Erforschung, 401–412. Regensburg: Ed. Vulpes.
Schweizer, Bruno (2008): Zimbrische Gesamtgrammatik. Vergleichende Darstellung der Zimbrischen Dialekte. Stuttgart: Steiner.
Schöntag, Roger (2014): Sprachminderheiten: gestern, heute, morgen, 83-104. Frankfurt am Main: Lang.
Sobrero, Alberto (2011): Italiano regionale. In: Lexikon der romanistischen Linguistik. Italienisch, Korsich,Sardisch, 732-748. Tübingen: Niemeyer.