gart/gardo

germ. gart/gardo


Etymologie:

Es liegt zweifellos ein germanischer Typ zu Grunde, der bereits im Germanischen zwei Varianten, gart und gardo ‚Gehege, Einfriedung‘, aufweist (vgl.  FEW 16, 18-22, s.v. gard).  Wohl im Hinblick auf den späten Erstbeleg (als gardinium im lat. Triptychon des Heiligen Remigius aus dem 10. Jahrhundert; vgl, FEW a.a.O. und Gamillscheg 1934-1936, I, 192) wird die germ. Ausgangsform als altniederfränkisch spezifiziert; es liegt aber auch ein gotischer Beleg vor. Die galloromanische Bedeutung sowohl des Simplex wie der Derivation ist ursprünglich ‚Gemüsegarten‘.

Später – im Zusammenhang mit der „Ritterkultur“ (FEW a.a.O.) des höfisch geprägten Mittelalters – wurde die Bedeutung dann zu ‚Blumen- und Ziergarten‘ verschoben. In dieser speziellen Bedeutung gelangte das Wort dann in die anderen romanischen Sprachen, so dass sich eine Opposition zu den Kognaten von lat. hortus (vgl. , Sp. 3085) entwickelte. Die Bedeutung dieses lateinischen Typs wurde zu ‚Nutz- und Gemüsegarten‘ verengt. 

  port. span. kat. fra. ita. rum. 
GEMÜSEGARTEN horta (LEO) huerto (DLE)

hort (EC)

potager (TLFi), altfra. auch verger (TLFi)

orto (Treccani) Ø
ZIERGARTEN jardim (LEO) jardín (DLE) jardí (EC) jardin (TLFi), altfra. auch jart giardino (Treccani) rum. grădină (Dexonline)  < bulg. gradina < ?

Auf Grundlage eines vollkommen an das Romanische adaptierten Germanismus hat sich also im Romanischen und im kulturellen Kontext des französischen Mittelalters eine semantische Opposition entwickelt, die den germanischen Sprachen selbst (bis heute) fremd ist. Die etymologische Herkunft aus dem Germ. ist daher für die sekundäre romanische Verbreitung von fra. jardin vollkommen irrelevant.

Die Tabelle zeigt, dass der Typ lat. hortus im Standardfra. nicht mehr existiert; okzitanische Kognaten finden sich im ALF (vgl. Gilliéron & Edmont 1903-1910, Karte 712). Die semantische Opposition ist jedoch stabil; im Hinblick auf die Bedeutungsentwicklung von fra. verger, das im Altfra. ‚Nutzgarten‘, im Neufra. jedoch nur noch ‚Obstgarten‘ bedeutet, ist sogar eine noch weitergehende Spezialisierung eingetreten. 


Morphologie:

Vom germanischen Simplex, das im altfra. jart/jard erhalten ist, wurde im Galloromanischen suffigierte Bildung abgeleitetet (mit –in), bei der es sich vielleicht um ein Adjektiv handelte, das analog zu belegtem lat. hortino (< hortus) gebildet wurde; es wäre also vielleicht von einen Wendung wie hortus gardinus auszugehen (vgl. Gamillscheg 1934-1936, I, 192 und FEW 16, 18-22, s.v. gard). Ausschließlich die galloromanische Derivation wurde in die anderen romanischen Sprachen entlehnt.


Phonetik:
Rezente Entsprechung:
port. span. kat. fra. ita. rum. 
jardim (LEO) jardín (DLE) jardí (EC) jardin (TLFi), altfra. auch jart giardino (Treccani) rum. grădină (Dexonline)  < bulg. gradina < ?
Gamillscheg, Ernst (1934-1936): Romania germanica. Sprach-und Siedlungsgeschichte der Germanen auf dem Boden des alten Römerreichs, voll. 3. Berling and Leipzig: de Gruyter.
Gilliéron, Jules & Edmont, Edmont (1903-1910): Atlas linguistique de la France (ALF). Paris. http://cartodialect.imag.fr/cartoDialect/accueil.

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