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Forschung in der Wissensgesellschaft

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Zitation: Thomas Krefeld (2020): Forschung in der Wissensgesellschaft. Version 1 (07.10.2020, 09:57). Lehre in den Digital Humanities. . url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=173703&v=1

1. Gesellschaftliche Positionierung der wissenschaftlichen Disziplinen

In einem groben Modell wird die Entwicklung der menschlichen Gesellschaften über die Herausbildung grundlegender Sektoren der Wirtschaft und die Verschiebung ihrer jeweiligen Gewichtung skizziert: In einem ersten Veränderungsprozess wird der zunächst grundlegende, primäre Sektor der Landwirtschaft durch einen sekundären Sektor, nämlich die im Gefolge der Mechanisierung massiv wachsende Bedeutung der industriellen Produktion überlagert. So entstand die moderne Industriegesellschaft, die sich unter anderem durch eine sehr ausgeprägte Arbeitsteilung auszeichnet. Die entstehende Dominanz eines tertiären Sektors, der Dienstleistung, kennzeichnet den Übergang zu postindustriellen oder postmodernen Gesellschaften. Am Beispiel Deutschlands lässt sich diese Entwicklung chronologisch wie folgt schematisieren:

3 Sektoren Modell (Quelle)

In den letzten Jahrzehnten und speziell seit der Durchsetzung der sogenannten Neuen Medien und des Internet ist ein vierter Bereich ins Zentrum gerückt, den man aber nicht als weiteren Sektor fassen sollte, da er auf die Funktionalität aller genannten Sektoren einen grundlegenden Einfluss nimmt: die Informations- und Kommunikationstechnik. Es sind nun Formationen entstanden, die als Informations– oder  Wissensgesellschaft bezeichnet werden.  

Agrargesellschaft (Link)
Industriegesellschaft (Höpflinger 2012)
Dienstleistungsgesellschaft (Link)
↓ 
Informationsgesellschaft (Link) | Wissensgesellschaft (Link)

Dazu ein einfaches Beispiel:

Von Produktion zu Dienstleistung – das Beispiel Automobilindustrie
Die Automobilindustrie produziert zwar noch immer Automobile. Die Aufgabe besteht heute aber zunehmend darin, nicht das physische Produkt Auto zu verkaufen, sondern Mobilitätsbedürfnisse der Kunden zu befriedigen. Die Menschen wollen das Auto nicht mehr unbedingt besitzen, sondern es dort nutzen, wo ihnen Fahrrad, Bahn oder Bus nicht ausreichen. Die Lösung dieser Fragen – zum Beispiel durch Car-Sharing eingebunden in weitere Nutzungsmöglichkeiten – erfordert kommunikative und logistische Leistungen, die weit über die Herstellung der physischen Produkte hinausgehen. Es geht um Kommunikation mit den Kunden und um Kooperation mit ihnen, die in gewisser Weise zu Koproduzenten des Mobilitätsangebots werden. (Poltermann 2013)

Hinzugefügt werden muss, dass die zu Recht herausgestellte Kommunikation keineswegs auf zwischenmenschlichen Informationsaustausch beschränkt ist (Mensch ↔ Mensch, bzw. Mensch ↔ Maschine ↔ Mensch), sondern zunehmend auch direkt zwischen Maschinen stattfindet (Maschine ↔ Maschine). Selbstverständlich verschwinden die einzelnen Sektoren nicht mit dem plakativ bezeichneten Übergang in ein andere Gesellschaftsformation; so wird die Industrie nicht durch den Ausbau des Informations- und Wissensbereichs ersetzt. In gewisser Hinsicht muss man sogar sagen, dass der Umgang mit Information, Kommunikation und Wissen geradezu industrialisiert wird: Unter den sechs größten börsennotierten Unternehmen der Welt nach Marktkapitalisierung sind: Microsoft (1.) Apple (2.), Amazon (3.), Alphabet Inc. mit Google (4.) und Facebook (6.) (Quelle)

Es ist jedoch scharf zwischen der Industrialisierung im Sinn einer Technisierung und der damit keineswegs zwangsläufig verbundenen Kommerzialisierung zu unterscheiden, so dass die Wissenschaft sich gewissermaßen in folgendem Dreieck positionieren muss: 

Information | Kommunikation | Wissen 
  Wissenschaft  
Technisierung   Kommerzialisierung

Dabei besteht eine der größten Herausforderungen der wissenschaftlichen Praxis (des Wissenschaftsbetriebs), die auf Erweiterung und Verbreitung des Wissens zielt, eben darin, die informationstechnischen Optionen  für die Kommunikation ihrer Inhalte und Ergebnisse  in optimaler Weise zu nutzen. Aber so eröffnet sich gleichzeitig eine forschungspolitische und -ethische Dimension, denn mindestens in den Staaten, in denen Forschung aus öffentlichen Mitteln, d.h. im Wesentlichen aus Steuergeldern, finanziert wird, besteht die Pflicht die Forschungsarbeit in öffentlich zugänglicher und transparenter Weise zu leisten, um so die Demokratisierung des Wissenschaftsbetrieb zu voranzutreiben. Die hoch technisierten und allgemein verfügbaren, ubiquitären Medien haben uns die dafür notwendigen Bedingungen geliefert. Anders gesagt: In der Welt der öffentlich legitimierten Wissenschaften, die nicht nur die Fachwelt der Experten, sondern – dank der Webtechnologie – immer auch das breite Laienpublikum adressieren (Kap. ), ist kein Platz für Kommerzialiserung. Der Einsatz kommerzieller Ressourcen (Hardware, Software) muss deshalb unbedingt minimiert werden. Diesem Ideal sind die Open Source Initiative (Link) und die Open Access  Praxis (Link) verpflichtet. In manchen Domänen sind non profit Angebote mit den denjenigen der kommerziellen Giganten durchaus konkurrenzfähig, wie z.B. Geoinformationssysteme wie OpenStreetMap zeigen (vgl. deren Anwendung in der interaktiven Karte des Projekts VerbaAlpina). Es sind bei der skizzierten ‘Triangulierung’ der Wissenschaft also gewissermaßen ‘grüne’ (zu maximierende) ‘rote’ (zu minimierende) Strategien und Prozeduren zu unterscheiden:  

Information | Kommunikation | Wissen 
  Wissenschaft  
Technisierung   Kommerzialisierung

Wie diesen Herausforderungen begegnet wird, hängt natürlich auch von den jeweiligen Disziplinen, Gegenstandsbereichen und akademischen Traditionen ab. In Fächern, deren Forschung stark durch privatwirtschaftliche Gelder gefördert wird, und deren Ergebnisse unmittelbar und in lukrativer Weise vermarktet werden können (z.B. bei der Entwicklung von Medikamenten oder diagnostischen Verfahren) herrschen andere Bedingungen als in Fächern, die für die Privatwirtschaft vollkommen uninteressant sind, wie z.B. in der Assyriologie oder wohl auch in der Astrophysik – alle fürchten COVID-19 und niemand Schwarze Löcher.       

2. Was ist Italianistik?

Es fragt sich nun, mit was für einer Disziplin wir es im Fall der Italianistik zu tun haben. Die Antwort fällt weniger leicht, als man spontan meinen könnte. Im universitären Kontext denkt man zunächst daran, dass sich viele Forschungstraditionen, oder: Disziplinen, bis zu einem gewissen Grad in akademischen Fächern abbilden lassen. Ein solches ‘Fach’ ist ja nicht anderes als der institutionalisierte (durch formale Ordnungen reglementierte) Ausschnitt einer Forschungstradition. Aber schon ein Blick auf diese Fächer, wie sie im realen universitären Kontext angeboten werden und Studierende suchen, ergibt ein etwas diffuses Bild, wie sich am Beispiel unserer Universität, der LMU, exemplarisch zeigen lässt. Das Vorlesungsverzeichnis (Link) zeigt uns zunächst an hierarchisch höchster Stelle ‘Fakultäten’,  die man als institutionelle Heimat der Fächer betrachten kann. Darunter ist eine ‘Fakultät für Sprach- und Lteraturwissenschaften’ 

Vorlesungsverzeichnis der LMU (Ausschnitt 1)

Vorlesungsverzeichnis der LMU (Ausschnitt 1)

Die in dieser Fakultät beheimateten Fächer werden freilich nicht, jedenfalls nicht durchgängig, als ‘Sprach- und Literaturwissenschaften’ bezeichnet sondern als ‘Philologien’; zu dieser Gruppe zählen u.a. die ‘Romanische’ und die ‘Italienische Philologie’. Diese Zweiteilung ist übrigens ein Unikum in der deutschen und österreichischen Universitätslandschaft, denn überall sonst ist die ‘Italienische’ Philologie als Teil der ‘Romanischen’ Philologie institutionalisiert:

Vorlesungsverzeichnis der LMU (Ausschnitt 2)

Während die Italienische Philologie ein Alleinstellungsmerkmal der LMU ist, findet man die Romanische Philologie ausschließlich im deutschsprachigen Raum. Man könnte nun meinen ‘Philologie’ sei ein Oberbegriff für jeweils spezifische, z.B. italienische Sprach- und Literaturwissenschaften. Das ist jedoch auch nicht ganz zutreffend, denn unter dem Label ‘Italienische Philologie’ findet man wiederum unterschiedlich, nämlich als ’Italianistik’, ‘Italienstudien’ oder ‘Romanistik/Italianistik’ benannte Studiengänge:

Vorlesungsverzeichnis der LMU (Ausschnitt 3)

Einer davon, der ’M.A. Italienstudien’ ist explizit interdisziplinär ausgerichtet und beinhaltet Gegenstände, die dem traditionellen Verständnis von Philologie gar nicht mehr entsprechen, so ‘Italien in den Künsten’, ‘Geschichte’, ‘Kultur’ usw. 

Vorlesungsverzeichnis der LMU (Ausschnitt 4)

Ein Blick auf die Romanistik und deren konkrete Veranstaltungsthemen ergäbe ein ganz ähnliches Bild und auch auf der Ebene der Fakultät zeigen sich Inkonsistenzen; so gibt es ein  B.A. Nebenfach ‚Digital Humanities – Sprachwissenschaften (DH-S)‘, das ein Fenster in eine vollkommen andere diziplinäre Tradition öffnet, in der – englisch ausgedrückt – zwischen humanities und sciences unterschieden wird; zu den ersten gehören u.a. die Diziplinen, die auf deu. als ‘Geisteswissenschaften’ bezeichnet werden und darüber hinaus zahlreiche andere historische und kulturorientierte Forschungsfelder, wie die Rechts- und Politikwissenschaften; diese universitäre Tradition steckt ausgerechnet im Namen der transfakultären Einrichtung, die maßgeblich mitverantwortlich für die Entwicklung der Digital Humanities an der LMU ist, der IT-Gruppe Geisteswissenschaften. Als sciences werden auf engl., aber auch auf fra., die Naturwissenschaften bezeichnet.

Man beachte dass die LMU auf jegliche Gruppierung ihrer Fakultäten und Disziplinen vollkommen verzichtet; ein Konsens wäre dabei auch kaum zu erwarten:

Die Fakultäten der LMU (Link)

Die Lage ist also einerseits unübersichtlich, andererseits jedoch hinreichend flexibel, um den teils kontinuierlichen, teils krisenhaften Veränderungen des disziplinären Selbstverständnisses gerecht zu werden.   

3. Digital Italian Humanities

Ein solche, wissenschaftsgeschichtlich offensichtliche Diversifizierung des Selbstverständnisses steht hinter dem Pluralismus der herausgestellten Etikettierungen und Klassifizierungen der Studieninhalte, die einerseits unterschiedliche Forschungstraditionen (Philologie, Sprach-, Literatur-, Kunst-, Kultur-, Geschichtswissenschaft) und andererseits vielfältige Gegenstandsbereiche (Sprache, Text, Film, Bild, Architektur, Musik u.a.) umfasst. Hierbei wirken die interne Ausdifferenzierung des Fachs und die inter- bzw. transdisziplinäre Integration anderer Fächer und Fachdiskurse zusammen. So haben sich die Sprach- und Literaturwissenschaft grosso modo aus der Philologie heraus entwickelt, allerdings ohne dass man sie im Ganzen noch unter diesen Oberbegriff stellen dürfte;  die einschlägigen Namen der universitären Einrichtungen  (Institut für … Philologie) sind praktisch, aber irreführend  (vgl. dazu Krefeld 2019Link).

Italienische Philologie
intradiszipl. Ausdifferenzierung
   
Sprachwiss. Lit.wiss. Kunstwiss. transdiszipl.
Erweiter.
Musikwiss. usw.
Italienstudien  

Die über die Einzeldisziplin hinausreichende Erweiterung und Veränderung der Fächer rechtfertigt sich schon durch den gemeinsamen raum-zeitlichen Italienbezug. Sie ist aber auch deshalb konsequent, da die thematisierten Gegenstandsbereiche keineswegs  nur für einzelne Disziplinen von Interesse sind. Ein Text wie I quattro libri dell’architettura von Andrea Palladio ist für die historische Sprachwissenschaft ebenso interessant wie für die Kunstgeschichte und womöglich auch die Literaturwissenschaft. Auch historische Audioaufnahmen, wie z.B. Reden wichtiger Politiker, oder Filme wie La terra trema von Luchino Visconti  sind wichtige Quellen für mehrere Disziplinen usw. Es gibt – mit anderen Worten – ein breites, fachübergreifendes Interesse an der Bereitstellung entsprechender Text-, Bild- und Tondaten mit zugehörigen Geo- und Chronoreferenzierungen sowie aussagekräftigen Metadaten (vgl. dazu Schulz u.a. 2020).  So würde es möglich Plattformen zu entwickeln, die es erlauben mit entsprechenden Filtern Zeichnungen, Photos usw. von Gebäuden im Veneto zu finden, die in den Jahren nach dem Erscheinen von Palladio 1570 errichtet wurden usw.

Verschiedene Dinge werden nun bereits klar:

  • Digital Humanities sind keine Fortsetzung der Philologie mit anderen Mitteln; sie lassen sich also keineswegs auf Computerphilologie (Link) reduzieren.
  • Digital humanities sollten nicht als selbständige Disziplin etabliert werden (wie es manche Universitäten tun).
  • Digital Humanities sind eine genuin fachunabhängige Methodologie, die in hervorragender Weise geeignet ist, stark diversifizierte Fächer und auseinandergedriftete Forschungstraditionen zu reintegrieren und organisch mit anderen Fächern zu verbinden; entsprechende Beispiele werden wir diskutieren.

Für das Beispiel der Italienstudien eröffnet sich damit schematisch die die folgende Entwicklungsperspektive:

Italienische Philologie
intradiszipl. Ausdifferenzierung
     
Sprachwiss. Lit.wiss. Kunstwiss. Musikwiss. interdiszipl.
Erweiter.
strukturierte Text-, Bild-, Tondaten (mit Geo-, Chronoref.)  
Italienstudien in virtueller Umgebung (= Digital Italian Humanities)  

4. Wissenschaftskommunikation im aktuellen medialen Rahmen

Forschung richtet sich mit einem bestimmten Erkenntnisinteresse auf einen bestimmten Gegenstand; dieser Gegenstand hat ein Korrelat jenseits der Forschung, in der Welt.

Forscher
Gegenstand in der Welt

Als Forschungsobjekt wird dieser Gegenstand jedoch,  mehr oder weniger und unter Umständen auch sehr weitgehend, erst durch das theoretische Wissen und die Methoden des Forschers konstruiert.

Forscher
Theorie
Wissen Methoden
Gegenstand in der Welt
Forschungsobjekt

Gesellschaftliche Relevanz erhält die Arbeit des Forschers erst dann, wenn sie verbalisiert und anderen Personen zugänglich gemacht wird. Hier kommen nun die Medien und physische Standorte ins Spiel, denn Forschung wird traditionell als geschriebener Texte in gedruckter Gestalt publiziert und in öffentlichen Bibliotheken gesammelt und konserviert. Diese für die Kulturgeschichte grundlegende Funktion der Bibliotheken als zentrale Wissensspeicher manifestiert sich nicht selten in  monumentaler Architektur, wie z.B. die Biblioteca Nazionale Marciana (Venedig) oder der alte Lesesaal des British Museum (London) zeigen: 

Ostfassade der Biblioteca Marciana in Venezia (Bildquelle)

Alter Lesesaal des British Museum in London (Bildquelle)

Um die veränderten Rahmenbedingungen der Gegenwart zu verstehen, reicht es darauf hinzuweisen, dass die Medialität in der traditionellen Forschung nicht nur keinen positiven, sondern mindestens in zweifacher Hinsicht einen geradezu negativen Einfluss auf die Konstruktion des Forschungsobjekts ausübte:

  1. Der Druck zwingt den veröffentlichten Inhalt in zweidimensionale und optische Gestalt. Die wissenschaftliche Überführung des Gegenstands in das  konstruierte Forschungsobjekt ist deshalb häufig wenig transparent. Anders gesagt: Das Forschungsobjekt kann nicht direkt auf den Gegenstand zurückgeführt werden. Diese Problematik wird sehr deutlich bei allen Gegenständen, die über andere Modalitäten als das Sehen wahrgenommen werden, insbesondere natürlich bei den vielfältigen akustischen Realitäten, die auditiv verarbeitet werden, wie im Fall der gesprochenen Sprache oder der Musik. Ihre Transkription in phonetische Sonderzeichen bzw. in Notenschrift ist unumgänglich und reduktionistisch. Nur ausgewählte Merkmale der akustischen Natur werden repräsentiert. So erkennen wir Sprecher*innen – und mit einiger Zuverlässigkeit gerade das Geschlecht –  am Gesamteindruck ihrer Stimme, deren individuelle ‘Färbung’ bei der Transkription vollkommen irrelevant ist. Dasselbe gilt für die individuellen Tonbildung beim Spielen eines Instruments, die für den Kenner sofort mit einem bestimmten Musiker identifiziert wird (Miles Davis, Stan Getz usw.). Ein Buch ist aber nicht nur vom Gegenstand, über das es handelt, abgeschnitten; es ist selbst ein vollkommen autonomer Gegenstand, der sich vollständig von seinem Autor emanzipiert hat. Es ist ihm entfremdet, da er keinerlei Veränderungsmöglichkeiten mehr hat. Weiterhin ist das Interesse etwaiger Leser vollkommen irrelevant für den Bestand. 
    Allerdings verspricht die Konservierung in der Bibliothek maximale Haltbarkeit: Druck ist, mit einem Reizwort der Gegenwart gesagt, ein nachhaltiges Medium par excellence und Bibliotheken sind – im Gegensatz zu Projekten – auf Dauer eingerichtete Institutionen; die oben gezeigte Biblioteca Marciana (Link) befindet sich seit 1553 im selben Gebäude.
  2. Die physische Natur des gedruckten Textes schränkt seine Verbreitung de facto in  extremer Weise ein, da Texte nur an ihrem Standort, d.h. sehr häufig: nur in der jeweiligen Bibliothek zur Kenntnis genommen werden können. Diese Ortsabhängigkeit ist umso deutlicher, je spezieller, seltener und damit wissenschaftlich relevanter der jeweilige Text ist; sie ist – von der Zufälligkeit der Verfügbarkeit einmal ganz abgesehen – in hohem Maße elitär und ungerecht.
Forscher
Theorie
Wissen Methoden
Gegenstand in der Welt
Forschungsobjekt
Bibliothek(en)
  analytischer, gedruckter Text  
     
Was von traditioneller Forschung bleibt: Texte in Bibliotheken

Die Rahmenbedingungen, die auf der Grundlage von Webtechnologie geschaffen werden, könnten verschiedener nicht sein. Sie ergeben sich vor allem daraus, dass die gesamte Forschungspraxis durch und durch medialisiert ist; der digitale Medienkomplex (vgl. zu diesem Begriff Franko 2019) prägt alle Instanzen und Prozeduren des Forschungsbetriebs sowie den Begriff der Publikation als solchen, denn es wird ja nicht nur Inhalt veröffentlicht, sondern auch Code (vgl. genauer Krefeld 2019al).

Zunächst kann eine maximale Transparenz in der Konstruktion wichtiger Forschungsobjekte garantiert werden, da nicht nur visuelle und statische Informationen (Schrift, Bild), sondern auch Sound publiziert werden kann. Die Veröffentlichung visueller Inhalte wird zudem substantiell durch die Video-Option verbessert; davon können zahlreiche Forschungsfelder, die sich zum Beispiel mit Film, Theater/Oper, Sprache oder bildender Kunst beschäftigen außerordentlich profitieren. Auch in der virtuellen Darstellung  dreidimensionaler Gegenständige gibt es mittlerweile gewaltige Fortschritte, die allerdings eine sehr aufwändige Technologie voraussetzen (vgl. Hoppe 2016 und diesen Link). Aus dem unimodalen Leser wird so ein multimodaler Nutzer, der sieht, hört und seine Hände einsetzt.

Vollkommen neue Perspektiven haben sich aus der Möglichkeit ergeben diese Nutzer aktiv und auf sehr unterschiedliche Weise in die wissenschaftlichen Prozeduren einzubinden. Zu berücksichtigen ist dabei die ganz grundsätzliche Erweiterung des erreichbaren Personenkreises; Internetpublikation sind für Experten und Laien gleichermaßen zugänglich und sie werden dem Potential dieser komplexen Medialität eigentlich erst dann gerecht, wenn sie interaktive Funktionen implementieren. Dazu gehört mindestens folgende Optionen:

  • Kommentieren der veröffentlichten Inhalte;
  • Anreicherung der Datenbasis durch neue Rohdaten (so genanntes Crowdsourcing);
  • Verbesserung der Datenqualität durch Tagging;
  • Verbesserung und Ergänzung des entwickelten Codes;
  • Verbesserung, Kritik und Ergänzung des analytischen Textes.  

Die Nutzer können also mehr oder weniger zu Koautoren gemacht werden, so dass sich anstatt der ganz und gar asymmetrischen Kommunikation durch Druckschriften (Autor → Leser) eine zunehmend symmetrische Kommunikation entwickelt, in der dieselben Teilnehmer unterschiedliche Rollen einnehmen können (Autor/Nutzer ↔ Nutzer/Autor). Ergebnis der Forschungsarbeit sind nicht mehr gegenständliche, quasi autonome und unveränderliche Texte, sondern  dynamische Inhalte, die gleichwohl in festen, zitierfähigen Versionen bereitgestellt werden müssen.

virtuelle Forschungsumgebung auf der Basis von Webtechnologie
  Autor/Nutzer ↔  Gegenstand in der Welt Nutzer/Autor  
 Forschungsobjekt
 Webpublikation 
mit webfähigen Methoden und Theorien
  Forschungskommunikation in virtueller Umgebung

Bibliographie

  • Flandera u.a. 2017 = Flandera, Christian / Rainoldi, Mattia / Jooss, Mario (2017): „Eye-Tracking“ im Museum, 36-43.
  • Franko 2019 = Franko, Katharina (2019): Code-Switching in der computervermittelten Kommunikation, in: Korpus im Text, München, LMU (Link).
  • Höpflinger 2012 = Höpflinger, François (2012): Industriegesellschaft, in: Historisches Lexikon der Schweiz (Link).
  • Hoppe 2016 = Hoppe, Stefan (2016): Barocke Deckenmalerei in 3D, München, BAdW (Link).
  • Krefeld 2019 = Krefeld, Thomas (2019): Eine neue (digitale) Einheit für ein altes (philologisches) Fach – DromH, in: Korpus im Text, München, LMU (Link).
  • Krefeld 2019ak = Krefeld, Thomas (2019): Wissenschaftskommunikation im Web, in: Methodologie, VerbaAlpina-de 19/2 (Link).
  • Krefeld 2019al = Krefeld, Thomas (2019): Publikation, in: Methodologie, VerbaAlpina-de 19/2 (Link).
  • Metze-Mangold 2013 = Metze-Mangold, Verena (2013): Der Übergang von der Informations- zur Wissensgesellschaft - Die Debatte in der UNESCO 3 / 2013 , in: Beiträge des UNESCO-Lehrstuhls für Internationale Beziehungen (Link).
  • Palladio 1570 = Palladio, Andrea (1570): I quattro libri dell’architettura, Venezia, Dominico de' Franceschi (Link).
  • Poltermann 2013 = Poltermann, Andreas (2013): Wissensgesellschaft - eine idee im Realitätscheck, Bundeszentrale für politische Bildung (Link).
  • Schulz u.a. 2020 = Schulz, Julian / Kümmet, Sonja / Lücke, Stephan / Spenger, Martin / Weber, Tobias (2020): Standardisierung eines Standards: Warum und wie ein Best-Practice-Guide für das Metadatenschema DataCite entstand, in: Korpus im Text, Serie A, 42800, München, LMU (Link).
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