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Omertà

  1. Historischer Hintergrund: Mafia
    1. Mafia – eine Nominalisierung von palermit. mafioso (’schön‘, ‚kühn‘, ’selbstbewusst‘) – ist eine Bezeichnung für im Verborgenen arbeitende, lose Gruppen, die schon in der Endphase des Risorgimento Gewaltverbrechen als Dienstleistung anbieten. 
    2. Mafiöse Vereinigungen verdienen sich schon im 19. Jahrhundert ihr Geld nicht nur durch reine Gewalt, sondern durch lukrative Geschäfte, v.a. das der Geschäft der Zitrusfrüchte. Besonders im Westen von Sizilien wird daher Gang und Gebe, dass Plantagenbesitzern die Ernte gestohlen wird, man sie zum Verkauf der Plantage unter Wert oder zu Abgabe von Schutzgeld (pizzo) zwingt. (Mesenhöller 2011, 27)
    3. Abwandlungen der Mafia gibt auch auf dem Festland: Am bekanntesten sind dabei die Camorra in Neapel, deren Name sich wahrscheinlich von einem Glücksspiel herleitet, oder die Ndrangheta (‚tapferer Mann‘) in Kalabrien. (Mesenhöller 2011, 29)
  2. Omertà
    1. Begriffserklärung
      1. Omertà (von napolet. für umiltà, oder von siz. omu) bezeichnet strengen Gehorsam und Treue gegenüber der Gruppe und ihrem Anführer, vor allem aber ein Schweigegebot. (TRECCANI b)
      2. „Kein Mitglied darf mit der Polizei reden, ihr helfen oder ihre Hilfe suchen. Vielmehr gehört es zur Ehre eines Mannes, sich und die seinen selber zu schützen. Wird er gekränkt oder geschädigt, wendet er sich nicht an die Behörden, sondern rächt sich auf eigene Faust. Oder er sucht Hilfe bei einem mächtigen Freund, einem Patron, der die Angelegenheit bereinigt.“ (Mesenhöller 2011, 24) Wer das Gesetz der omertà bricht, ist kein galantuomo (‚Ehrenmann‘) mehr und muss für seinen Verrat einen ungleich höheren Preis als in einer gewöhnlichen kriminellen Bande zahlen. (Mesenhöller 2011, 25)
    2. Beispiele aus der Realität
      1. Der Chirurg Gaspare Galati übernimmt 1872 außerhalb Palermos einen Zitronengarten und stellt einen Wächter einen Wächter ein, der regelmäßig ein Viertel der Ernte stiehlt. Galati entlässt ihn und stellt einen neuen Wächter ein, der aber bald erschossen wird. Er stellt einen dritten Wächter ein, der ebenfalls niedergeschossen wird, aber überlebt und drei galantuomini identifiziert. Galati geht zur Polizei, aber diese interessiert sich nicht für den Vorfall. Schlimmer noch: Sobald der dritte Wächter wieder gesund ist, zieht er seine Aussage zurück und Galati erhält Morddrohungen zusammen mit dem Befehl, den ersten Wächter wiedereinzustellen. Galati flieht aus Sizilien und ihm fällt erst später auf, dass wohl alle drei Wächter Mafiosi waren, nur aus rivalisierenden Zellen. (Mesenhöller 2011, 28)
      2. Der erste cadavere eccelente, dass erste Opfer der organisierten siz, Kriminalität ist der unbestechliche ehemalige Bürgermeister Palermos und Generaldirektor der Bank von Sizilien, Emanuele Notarbartolo. Nachdem bekannt wird, dass er von seinem Ruhestand zurückkehren und die Bank sanieren soll, an der sich immer mehr Politiker bereichern, wird er 1893 auf einer Zugfahrt nach Palermo ermordet. Versuche, den Mord zu vertuschen, gehen nur solange auf, bis Notarbartolos Sohn den Mördern den Prozess macht. Am Ende kommt heraus, dass der Auftraggeber Raffaele Palizzolo (genannt Don Raffaele). Dieser ist nicht nur Mafioso, sondern auch Parlamentsabgeordneter für Palermo in Rom. Nach einem langen Prozess wird der zwar zunächst verurteilt, am Tag seiner Verurteilung im Juli 1902 geht jedoch das Gerücht um, die Mafia plane einen Anschlag; zwei Jahre später wird er schließlich aus Mangel an Beweisen freigesprochen. (Mesenhöller 2011, 23,31)
    3. Beispiele aus Literatur und Film
      1. Il giorno della civetta (1960), Leonardo Scascia
      2. The Godfather (1972)
      3. The Irishman (2019)
  3. Pizzini
    1. Was sind pizzini?
      1. Pizzino (siz. pizzinu) steht für ein Zettelchen mit einer Information oder Mitteilung darauf. Man spricht daher in Sizilien z.B. auch vom pizzino della spesa (‚Einkaufsliste‘). (TRECCANI a)
      2. Außerhalb der Siziliens verbindet man das Wort pizzino mittlerweile fast ausschließlich mit der Mafia. Der Capo der corleoneser Mafia, Bernardo Provenzano benutzt bis zu seiner Verhaftung 2006 pizzini als Kommunkationsmittel. Über zahlreiche Kuriere teilt er seinen Gefolgsleuten Investitions- und Personalentscheidungen, Schiedssprüche und Mordbefehle mit. Die Nachrichten werden gefaltet und mit Klebeband versiegelt, sodass sie, beinahe wie Zigaretten aussehend, unter eine Armbanduhr, eine Mauerritze oder zwischen zwei Finger passen. Zudem verschlüsselt Provenzano seine Nachrichten – nach gleichen Prinzip wie Julius Caesar in der Antike. Wie beim sogenannten Caesar-Chiffre ersetzt er Buchstaben durch Zahlen, die die jeweilige Position im Alphabet räpresentieren. Zur Verkomplizierung addiert er jeweils 3 zur Zahl, d.h. A=4, B=5 und Z=24. Caesar sogar noch das Alphabet mit D beginnen lassen und ABC an letzte Stelle gesetzt. (Lorenzi 2006) Außerdem gibt Provenzano jeder Person eine Nummer. So steht beispielsweise die ’60‘ für Gaetano Lipari, den Krankenpfleger, der sich nach seiner Prostataoperation 2003 ein Jahr lang um ihn kümmert, und die ‚164‘ steht für seinen Arzt Gaetano Cinà. (Bolzoni 2007) Provenzanos Nachrichten gehen besonders oft an drei Personen: seinen Sohn (Angelo), den Chef des Clans von Palermo (Salvatore Lo Piccolo) und den Chef des Clans von Trapani (Matteo Messina Denaro). Die Nachrichten sind in standarditalienisch verfasst, wenngleich sie viele Rechtsschreibfehler haben. Zunehmend häufen sich außerdem religiöse Anspielungen und Botschaften. Provenzano war – nicht ungewöhnlich für einen Mafioso – ein sehr religiöser Mensch; bei seiner Festnahme soll er den Polizisten zugemurmelt haben: „Ihr wisst nicht, was ihr gerade tut.“ Spielt er damit auf das Wort Jesu am Kreuz an. „Vater vergibt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“. (Mesenhöller 2011b, 163) Jedenfalls hat Andrea Camilleri viele pizzini analysiert und das Buch Voi non sapete (2007) geschrieben – eine Art Wörterbuch über die 60 wichtigsten Begriffe aus dem Bereich Mafia. (Camilleri 2007b)
    2. Wie sehen Bernardo Provenzanos pizzini aus?
      1. Nachricht vom 19.04.2001, Empfänger unbekannt (La Mafia Italiana)
      2. Nachricht vom März 2002 an Antonino Giuffre. Giuffre wird einen Monat später verhaftet. Eventuell steht Gesù Cristo für eine wirkliche Person. (Apollonio 2011/12, 18-19)
      3. Nachricht mit unbekanntem Datum, Empfänger wohl Provenzanos Familie (Bianconi 2016)

Bibliographie

  • Apollonio 2011/12 = Apollonio, Simona (2011/12): La parola al padrino: strategie e forme della comunicazione mafiosa (Tesi di Laurea), Università degli Studi di Milano: Facoltà di Scienze Politiche (Link).
  • Bianconi 2016 = Bianconi, Giovanni (2016): Provenzano, gli ultimi pizzini: "Se paga il pizzo, non chiedere altro", Corriere della Sera (Link).
  • Bolzoni 2007 = Bolzoni, Attilio (2007): Il Codice Provenzano non ha più segreti, Palermo - La Repubblica (Link).
  • Camilleri 2007b = Camilleri, Andrea (2007): Voi non sapete. Gli amici, i nemici, la mafia, il mondo nei pizzini di Bernardo Provenzano, Arnoldo Mondadori Editore.
  • La Mafia Italiana = La Mafia Italiana: Il Contraddizione Ideologica Religioso di Cosa Nostra (Link).
  • Lorenzi 2006 = Lorenzi, Rosella (2006): Mafia Boss's Encrypted Messaged Deciphered, Discovery Channel: News (Link).
  • Mesenhöller 2011 = Mesenhöller, Mathias (2011): Die ehrenwerte Gesellschaft, in: GEO Epoche, vol. MAFIA: Die Geschichte des Organisierten Verbrechens, 48, Hamburg, Gruner + Jahr, 20-31.
  • Mesenhöller 2011b = Mesenhöller, Mathias (2011): Der Boss der Bosse, in: GEO Epoche, vol. MAFIA: Die Geschichte des Organisierten Verbrechens, 48, Hamburg, Gruner + Jahr, 160-163.
  • TRECCANI b = TRECCANI: omertà (Link).
  • TRECCANI a = TRECCANI: pizzino (Link).
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