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AIS: Phonetik

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Zitation: Thomas Krefeld (2016): AIS: Phonetik. Lehre in den Digital Humanities. Version 3 (11.05.2016, 00:02). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=22632&v=3.

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Das phonetische Potential des AIS ist geradezu unerschöpflich; dafür ist in erster Linie die Art der Präsentation, genauer gesagt: die so genannte ‘analytische’ Form der Kartographie verantwortlich. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass grundsätzlich alle belegten Formen dem Leser in exakter phonetischer Transkription wiedergegeben werden. Der AIS verzichtet also darauf, die Einzelbelege zu Typen zusammenzufassen; ebenso fehlt jede phonologische Interpretation. Diese Typisierung ist für das Erkennen sprachräumlicher Strukturen von grundlegender Bedeutung – sie setzt jedoch immer eine mehr oder weniger weitgehende Interpretation voraus, die durch die jeweiligen Forschungsinteressen geleitet wird. Dadurch wird dem Leser jede Freiheit gelassen, raumbildende Merkmale zu bestimmen, sie hierarchisieren, womöglich quantitativ zu ‚metrisieren‘ usw. Der folgende große Ausschnitt gibt einen Eindruck vom Kartenbild:

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AIS 562, Ausschnitt (1)

Hier der Titel in der Vergrößerung:

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AIS 562, Ausschnitt (3)

Der folgende Detailausschnitt (3) zeigt das nördliche Friaul:

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AIS 562, Ausschnitt (3)

Man beachte die Transkriptionstechnik nach dem so genannten Böhmer-Ascoli-System, die Grundzeichen (‚Buchstaben‘) und diakritische Zeichen kombiniert, so dass für die Transkription einzelner Laute nicht selten drei oder vier übereinander liegende Zeichen benötigt werden, also im Fall eines Vokals die Betonung, die Dauer (‚Vokalquantität) und der über die Zungenhöhe bestimmte Öffnungsgrad (‚Vokalqualität‘):

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Der AIS erlaubt es einerseits, zahlreiche synchrone Prozesse zu analysieren, wie z.B. die in Italien weitverbreiteten Umlautprozesse (Metaphonie, it. metafonesi). Einen kleinen Eindruck gibt der folgende Ausschnitt aus AIS 1574 NERO, NERA, NERI illustriert. Dieses Wort geht auf lat. nĭger, nĭgra zurück. 

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zur Orientierung: 583 = Orvieto in Umbrien

Ohne im Einzelnen auf die Regeln einzugehen, sieht man sofort, dass die Öffnung des betontes lat. ĭ > ital.südöstl. der Toskana (und darüberhinaus überhaupt in großen Teilen Italiens) vor auslautendem -u und/oder -i entweder nicht stattgefunden hat oder aber rückgängig gemacht wurde; der Tonvokal passt sich hier im Öffnungsgrad an den Auslautvokal an (nera vs  niru | niri). Alle synchronen Prozesse eröffnen diachrone Einsichten, denn sie lassen sich in der Regel auf lateinische Ausgangsformen zurückführen und ermöglichen die Rekonstruktion der Veränderungen. Von besonderem Interesse ist der Vergleich von Dialekten, die unterschiedliche Stufen ein und desselben  Prozesses dokumentieren. Ein illustratives Beispiel sind die Veränderungen der intervokalischen lateinischen Plosive -p-, -t-, -k-, die in Mittel- und Süditalien weithin konserviert sind, in Norditalien jedoch geschwächt werden und teils ganz (wie im Französischen) geschwunden sind.

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zur Orientierung: P. 523 = Florenz, P 178 = Genua

An die konservierende Toskana (z.B. P. 511 dito) schließen im Norden lenisierte Formen (z.B. 432 dido) und weiter nach solche mit vollständig geschwundenem Konsonanten (z.B. 179 diu) an.  Die synchrone Variation im Raum lässt sich hier also gewissermaßen auf ein diachrones Kontinuum der Lenisierung (oder: Sonorisierung) -t- > -d- > -Ø- projizieren.

Dieser Prozess interagiert weiterhin in nicht trivialer Weise mit anderen Prozessen, speziell mit dem Schwund der Auslautvokale, wie z.B. P. 455 (un dit | al dida): wie es scheint ist, ist das auslautende -t hier keine Konservierung, sondern eine sekundäre Rückentwicklung eines früheren auslauten -d (wie es z.B. in P. 500 did belegt ist); es würde sich demnach um denselben Prozess handeln, der auch das deutsche phonologische System kennzeichnet, wo stimmhafte Auslautkonsonanten entstimmt werden, wie in deu. Rad [raːt] (so genannte Auslautverhärtung).    

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8 Antworten

  1. Lieber Herr Professor Krefeld,
    was würden Sie davon halten, die „Plosive“ (kurz vor der letzten Karte dieser Seite) zu verlinken?
    Dazu gäbe es entweder einen Wikipedia-Eintrag (https://de.wikipedia.org/wiki/Plosiv) mit – meiner Meinung nach – vernünftigen Literaturver- bzw. Nachweisen oder eine Seite der JWG-Universität Frankfurt (http://phonetik.sprachsignale.de/exphon/plosive1.html).
    Einen angenehmen Feierabend,
    Laura Umlauf

  2. Sehr geehrter Herr Krefeld,

    anbei finden Sie einen Link zu einer PDF Datei, welche den Begriff „Schwundstufe“ (diesen haben Sie kurz unterhalb des letzten Bildes verwendet) und die dazugehörigen Begriffe (
    „Ablaut“, „Ablautreihe“, „Abstufung“, „Abtönung“) meiner Meinung nach relativ gut und einfach erklärt. Vielleicht könnte man diesen Link als ergänzende Erklärung einbauen?

    http://www1.ids-mannheim.de/fileadmin/gra/Artikel/Wiese_Ablaut_usw.pdf

    Liebe Grüße
    Mirjam Hauter

  3. Lieber Herr Krefeld,

    da oft der Unterschied zwischen Phonetik und Phonologie vergessen wird oder nicht ganz deutlich ist, könnte man zu Beginn eine kurze Definition einbauen. Eine Begriffserklärung findet sich unter folgendem Link:
    http://www.fb10.uni-bremen.de/khwagner/phonetik/ppt/Phonologie.ppt

    Während die Phonetik die Lautsubstanz zum Gegenstand hat und u.a. einzelne „Sprechlaute“ hinsichtlich ihrer Hervor-bringung und unterscheidenden Merkmale untersucht und klassifiziert, beschäftigt sich die Phonologie unter funktionalen Aspekten mit dem Lautsystem und der Lautstruktur einzelner Sprachen, d.h. mit der Art und Weise, wie die Laute in einer Sprache als System geordnet sind und wie sie untereinander in Beziehung stehen.

    LG,
    Ester Radi

  4. Sehr geehrter Herr Krefeld,
    Ich würde es sehr hilfreich finden, wenn Sie in der Unterkategorie „Phonetik“ bei den Beispielen zur Transkription eventuell einen kurzen Link oder eine kurze Erklärung einfügen würden, was genau mit Vokalqualität und Vokalquantität gemeint ist, bzw was genau es für die Transkription bedeutet. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass wenn man „nur“ online ihre Beiträge verfolgt dabei stocken könnte.

    Dabei könnten schon zwei bis drei einfache und kurze Sätze aufschlussreich sein, wie zum Beispiel :

    Vokalquantität: zeigt die Dauer der Artikulation an – vergleichen lange,halblange und kurze Vokale miteinander

    Vokalqualität: offene oder geschlossene Qualität (unterscheidet sich klanglich) : wichtig dabei ist die Spannung der Artikulationsmuskeln (gespannt=geschlossener Vokal, ungespannt=offener Vokal)

    Quelle: http://www.ifg.uni.wroc.pl/persons/4/4-5/m_zyr_Vokale_DistinktiveMerkmale.pdf

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