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VA: Stratigraphie und Wortgeschichte

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Zitation: Thomas Krefeld (2019): VA: Stratigraphie und Wortgeschichte. Lehre in den Digital Humanities. Version 6 (10.04.2019, 16:38). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=32438&v=6.

Aus der genauen Analyse der unterschiedlichen alpinen Strata (vgl. Krefeld 2018r), d.h. aus ihrer regionalen oder in Einzelfällen gar lokalen Stratigraphie (vgl. Krefeld 2018r) ergeben sich zahlreiche wortgeschichtlich wichtige Hinweise, wie sich am Beispiel der Romanismen, d.h. der romanischen Elemente in den deutschen und slowenischen Dialekte des Alpenraums exemplarisch zeigen lässt.

Zwei Einzelbeispiele sollen etwas ausführlicher vorgestellt werden: 

1. Deu. Rahm

Der lexikalische Typ Rahm ist auf Grundlage der alpinen Sprachkontaktverhältnisse neu zu bewerten. Im Kluge wird die Wortgeschichte aus indogermanistischer Sicht folgendermaßen skizziert:

Rahm[.] Sm ‛Sahne’ std. (11. Jh.), mhd. roum, mndd. rōm(e)[.] Aus wg.*rauma- m.Rahm’, auch in ae. rēam; im Ablaut dazu ­anord. rjúmi. Falls von *raugma- auszugehen ist, vergleicht sich avest. raoγna- n., raoγniiā- f.‛Butter’. Weitere Herkunft unklar. Die neuhochdeutsche Form beruht auf einer Mundart, die mhd. ou zu ā entwickelt hat. Wo Rahm gegen Sahnesemantisch differenziert wird, bezieht es sich eher auf den sauren Rahm. Präfixableitung: entrahmen; Partikelableitung:abrahmen. Hinweise[:] Ebenso nndl. room.“ (Kluge/Seebold 2015, online s.v. Rahm 1)

In diesem Ansatz werden die dialektalen Verhältnisse ausgeblendet; es muss jedoch berücksichtigt werden, dass im romanischen Alpenraum, und zwar unmittelbar südlich der germanischen romanischen Sprachgrenze der Typ fra. crème/ita. crema weit verbreitet ist. Man beachte, dass auf der folgenden Karte noch zahlreiche westalpine Belege fehlen bzw. nicht phonetisch differenziert dargestellt werden (auf der Karte als ’nicht typisiert‘ bezeichnet), und dass die phonetischen Typen von deu. Rahm noch nicht differenziert sind.

Die Typen deu. Rahm, roa. crème/crema ()

Die zugehörigen phonetischen Typen mit den Tonvokalvarianten [æ], [e], [o] und [a] führen ganz selbstverständlich auf eine gemeinsame Ausgangsform [a] zurück, denn die Hebung von betontem /a/ > [e]  bzw. > [æ] in offener Silbe und die Rundung /a/ > [o] vor Labial sind vollkommen unauffällig. Es ergibt sich somit ein Basistyp crama, der ursprünglich wohl aus dem Gallischen (d.h. aus dem Keltischen) stammt   (vgl. FEW, 2, 1271-1274, s.v.crama); das Wort ist übrigen bei Venantius Fortunatus (*540-600/610) belegt, der in Valdobbiadene, d.h. am südöstlichen Alpenrand nördlich von Treviso geboren wurde. Es wäre nun wenig plausibel, das gemeinsame Areal der synonymen Typen von deu. Rahm und rom. crama aus einem zufälligen Zusammentreffen zu erklären. Vielmehr sollte der deutsche Typ zum selben gallo-romanischen Basistyp  geschlagen werden.

Die Reduktion des Anlauts  lat.-rom. [kr-] > deu. [r-] ist im Zusammenhang damit zu sehen, dass „im d. h- vor konsonant im 9. jh. schwindet“ (FEW, 16, 249, s.v. *hrokk), wie zahlreiche analoge Formen belegen. In der frühen Zeit des germ.-romanischen Sprachkontakts muss die Variante [hr-] noch exitiert haben, denn fra.  froc ‚Kutte‘ kann nicht auf althochdeutsch roc, sondern nur auf hroc mit Substitution des laryngalen durch den labiodentalen Frikativ zurückgehen. So auch Kluge:

Rock[.] Sm std. (9. Jh.), mhd. roc, rok, ahd. (h)roc, as. rok [.] Aus wg.*rukka- m.Rock’, auch afr. rokk. Außergermanisch vergleicht sich air.rucht ‛Tunika’, kymr. rhuchen ‛Mantel’. Alles weitere ist unklar. Es besteht auch eine Variante mit Anlaut hr- in ahd. hroc, as. hroc, afr. hrokk, die vermutlich über das Französische zu Frack geführt hat. Hinweise[:] Ebenso nndl. rok. (Kluge/Seebold 2015, online)

Ebenso erklärt sich das Nebeneinander von engl. horse neben deu. Ross < germ. *hrussa (vgl. Kluge/Seebold 2015) und deu. röcheln neben  nisl. hrygla ‛Rasseln in der Kehle’, lett. kraũkât ‛husten, Schleim auswerfen’ < idg. *kruk- ‛schnarchen, röcheln, grunzen’  (vgl. Kluge/Seebold 2015, s.v. röcheln).

2. Der Basistyp *pinguia

Das Konzept BUTTERFASS, speziell das so genannte STOSSBUTTERFASS wird mit zahlreichen Geosynonymen bezeichnet.

Manche Bezeichnungen weisen im Stamm eine so auffällige lautliche Ähnlichkeit auf, dass man ihre Zusammengehörigkeit kaum in Frage stellen kann:

  • (1) rom. pigna, mit den Tonvokalvarianten [ɪ, e, ɛ, a] u.a.;
  • (2) slaw. pinja, ein offenkundiger Romanismus, da sich sein Verbreitungsgebiet an dasjenige von (1) anschließt;
  • (3) rom. pinacc, eine suffigierte Form von (1);
  • (4) rom. panaglia (mit Varianten des hier unbetonten, initialen Stammvokals, die den unter (1) genannten entsprechen); bei diesem Typ dominieren die Varianten mit dem unbetonten Stammvokal [a];
  • (5) der auch im Standardita. bekannte Typ pignatta ‚Topf‘  mitsamt seiner dialektal häufigen mask. Variante (vgl. AIS, Karte 973) ist ebenfalls zu (1) zu stellen; er ist zwar im VA-Gebiet eher in der Bedeutung ‚Topf aus Terracotta‘ belegt (vgl. AIS, Karte 955), bezeichnet jedoch außerhalb des VA-Gebiets, nämlich in der Emilia-Romagna ausdrücklich einen Topf, in dem durch Schlagen (mit einem Holzlöffel u.a.) kleinere Mengen von Butter hergestellt werden (vgl. AIS, Karte 1206, Kommentar in der Legende zu den Punkten 427, 453, 455, unter C).

Morphologisch und semantisch liegt es somit nahe, an eine Gefäßbezeichnung pigna als Basistyp zu denken. Für einen solchen Grundtyp, als Bezeichnung des allgemeinen Konzept BUTTERFASS, d.h. GEFÄSS ZUM BUTTERN spricht auch der Bezeichnungstyp:

  • latte di pigna BUTTERMILCH, d.h. wörtlich ‚Milch aus dem Butterfass‘ (im Trentino).

Sachkundlich von Interesse ist, dass das archaisch erscheinende STOSSBUTTERFASS gemessen an seinen Bezeichnungen eben nicht die älteste Technik darstellt, wie seine spezifizierten bündnerromanischen Bezeichnungen panaglia lunga, wörtlich ‚langes Butterfass‘, und panaglia dret sü, wörtlich ‚aufrechtes Butterfass‘ (Unterengadin), zeigen (vgl. AIS 1206).
Allerdings kann die für ita. pignatta vorgeschlagene Rückführung auf ita. pigna ‚Pinienzapfen‘ (< lat. *pīnea[m]) – „prob. […] per la somiglianza di forma delle più antiche pignatte con una pigna“ (link) – semantisch nicht überzeugen; zwar mag die konische Form mancher Terracotta- und auch Bronzetöpfe durchaus an Pinienzapfen erinnern (vgl. DELI, 928). Aber ein für die Wortgeschichte entscheidender sachgeschichtlicher Hinweis lässt sich der bereits genannten AIS-Karte 955, LA PENTOLA (PIGNATTA) DI TERRACOTTA, entnehmen: Sie enthält nämlich auch eine Liste mit Bezeichnungen des BRONZETOPFS, die insbesondere im alpinen Raum teilweise sekundär darauf übertragen wurden, da sie auf ein ganz anderes Material zu Herstellung von Kochtöpfen zurückgehen, nämlich auf den so genannten Speckstein, ita. laveggio, dt. auch Lavetz(stein) (vgl. den Kommentar zu AIS, Karte 963,  LA MARMITTA und zu AIS, Karte 970, IL VASO PER LO STRUTTO; zum antiken und mittelalterlichen Abbau des Materials in den Alpen vgl. Bachnetzer u.a. 2015) . Dieses vielseitig und wegen seiner geringen Härte vergleichsweise leicht nutzbare Material, das vor allem in den Tessiner und lombardischen Bergen abgebaut wurde, diente auch zur Fertigung von anderen Gegenständen, wie zum Beispiel von Öfen, die auf bündnerromanisch ebenfalls als pegna, engad. pigna bezeichnet werden (HWbR, 571; LRC, 798; zu pigna, pegna ‚Ofen aus Speckstein‘ vgl. AIS, Karte 937, Kommentar); diese Öfen sind übrigens „annähernd kubisch“ (AIS, Karte 937, Kommentar) und haben nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem Pinienzapfen.
Hier handelt es sich demnach um einen klaren Fall von metonymischer Polysemie (und nicht von Homonymie); pigna ‚Ofen‘ und pigna ‚Gefäss zum Butterschlagen‘ werden nach dem Material benannt, aus dem beide Dinge hergestellt wurden – dem Specksein. Es ist jedoch nicht unbedingt nötig, ein vorrömisches Etymon anzunehmen, wie Alexi Decurtins für bündnerromanisch pegna ‚Ofen‘ in Erwägung zieht (vgl. Decurtins o.J., s.v. pegna), sondern formal käme als Etymologie durchaus das von G. B. Pellegrini vorgeschlagene *pinguia (zu lat.pĭnguis ‚fett‘) in Frage – allerdings nicht elliptisch aus pinguia(m) (ollam) im Sinne eines ‚Gefäßes (= lat. olla) für Fett‘ („Recipiente particolare per conservare il grasso, fosse esso strutto, sugna, o burro cotto, oppure un arnese elementare per fare il burro“ ([1976, 171 zit. in DELI, 928), sondern im Sinne eines hinsichtlich seines Aussehens und seiner Konsistenz fettähnlichlichen Minerals bzw. Gesteins (vgl. analog motiviertes deu. Speckstein). Als Basistyp für (1)-(5) wird daher lat. *pinguia (petra) ‚Speckstein‘ vorgeschlagen.
Die vielen Formen mit Stammvokal [ ɐ, a] zeigen eine starke und onomasiologisch naheliegende Beeinflussung durch das etymologisch zu trennende panna ‚Rahm‘.

Nicht zu diesem Typ gehören dagegen

  • (6) lombardisch pench, und bündnerrom. paintg ‚Butter‘, 
    die besser direkt auf pĭnguis ‚fett‘ zurückgeführt werden (vgl. HWbR, 590).

Immerhin als Rückbildung auf Basis von pigna ‚Butterfass‘ kann dagegen

  • (7) bündnerrom. penn ‚Buttermilch‘ (vgl. Decurtins o.J., s.v. penn)

aufgefasst werden. Die Buttermilch wird ja aus dem Fass abgelassen.
Das folgende Schema zeigt die Wortfamilie (grüne Pfeile) sowie die belegten Bedeutungen (rote Pfeile).
VA_pigna
Im Hinblick auf die metonymische Motivation der Polysemie lässt sich also die Übertragung der Bezeichnungen vom natürlichen Rohstoff auf daraus hergestellte Artefakte zunehmender Komplexität (einfaches Gefäß -> mechanisches Gerät) und schließlich auf die damit verbundene Funktion feststellen.

Bibliographie

  • AIS = Jaberg, Karl / Jud, Jacob (1928-1940): Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz, 8 vol., Zofingen (Link) .
  • Bachnetzer u.a. 2015 = Bachnetzer, Thomas u.a. (2015): Lavezabbau am Pfitscherjoch in den Zillertaler Alpen, Nordtirol, in: Stöllner/Oeggl 2015, 431-439 (Link) .
  • Decurtins o.J. = Decurtins, Alexi (o.J.): Niev Vocabulari sursilvan online (Link) .
  • DELI = Cortelazzo, Manlio / Zolli, Paolo (1979-): Dizionario etimologico della lingua italiana, 5 voll., Bologna, Zanichelli.
  • FEW = von Wartburg, Walther (1922--2002): Französisches Etymologisches Wörterbuch. Eine Darstellung des galloromanischen Sprachschatzes, 25 Bände, Basel, Zbinden (Link) .
  • FEW en ligne = atilf: Französisches etymologisches Wörterbuch (Link) .
  • HWbR = Bernardi, Rut u.a. (1994): Handwörterbuch des Rätoromanischen, Zürich, Offizin.
  • Kluge/Seebold 2015 = Kluge, Friedrich / Seebold, Elmar (2015): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin/Boston, De Gruyter (Link) .
  • Krefeld 2018r = Krefeld, Thomas (2018): Stratigraphie, in: Methodologie, VerbaAlpina-de 18/2 (Link) .
  • Krefeld 2018s = Krefeld, Thomas (2018): Strata, in: Methodologie, VerbaAlpina-de 18/2 (Link) .
  • NavigAIS = Tisato, Graziano (2017): NavigAIS. AIS Digital Atlas and Navigation Software, Padua, Istituto di Scienze e Tecnologie della Cognizione (ISTC) - Consiglio Nazionale delle Ricerche (CNR), Online-Version von Jaberg/Jud, 1928-1940, Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz (AIS) (Link) .
  • Stöllner/Oeggl 2015 = Stöllner, Thomas / Oeggl, Klaus (Hrsgg.) (2015): Bergauf Bergab. 10.000 Jahre Bergbau in den Ostalpen, in: Veröff. aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, vol. 207, Oberhausen, Leidorf.
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Eine Antwort

  1. Lieber Herr Krefeld,

    zum Thema Wortgeschichte gibt es einen interessanten Essay, welcher in einem Teil exemplarische Fälle des Lexikons der Gegenwartssprache darstellt und in einem zweiten historischen Teil die chronologische Schichtung des Wortschatzes mit vorrömischen Elementen, Auswirkungen einer besonderen Latinität und Übernahme germanischer Elemente untersucht.

    http://www.degruyter.com/dg/viewarticle.fullcontentlink:pdfeventlink/$002fj$002fzrph.2014.130.issue-4$002fzrp-2014-0088$002fzrp-2014-0088.pdf/zrp-2014-0088.pdf?t:ac=j$002fzrph.2014.130.issue-4$002fzrp-2014-0088$002fzrp-2014-0088.xml

    Lg
    Ester Radi

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