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VA: Stratigraphie und Wortgeschichte

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Zitation: Thomas Krefeld (2019): VA: Stratigraphie und Wortgeschichte. Lehre in den Digital Humanities. Version 4 (20.03.2019, 14:45). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=32438&v=4.

Aus der genauen Anlyse der unterschiedlichen alpinen Strata, d.h. aus ihrer regionalen oder in Einzelfällen gar lokalen Stratigraphie ergeben sich zahlreiche wortgeschichtlich wichtige Hinweise, wie sich am Beispiel der Romanismen exemplarisch zeigen lässt.

Zwei Einzelbeispiele sollen etwas ausführlicher vorgestellt werden: 

1. Deu. Rahm

Der lexikalische Typ Rahm ist auf Grundlage der alpinen Sprachkontaktverhältnisse neu zu bewerten. Im Kluge wird die Wortgeschichte aus indogermanistischer Sicht folgendermaßen skizziert:

Rahm[.] Sm ‛Sahne’ std. (11. Jh.), mhd. roum, mndd. rōm(e)[.] Aus wg.*rauma- m.Rahm’, auch in ae. rēam; im Ablaut dazu ­anord. rjúmi. Falls von *raugma- auszugehen ist, vergleicht sich avest. raoγna- n., raoγniiā- f.‛Butter’. Weitere Herkunft unklar. Die neuhochdeutsche Form beruht auf einer Mundart, die mhd. ou zu ā entwickelt hat. Wo Rahm gegen Sahnesemantisch differenziert wird, bezieht es sich eher auf den sauren Rahm. Präfixableitung: entrahmen; Partikelableitung:abrahmen. Hinweise[:] Ebenso nndl. room.“ (Kluge Online s.v. Rahm 1)

In diesem Ansatz werden die dialektalen Verältnisse ausgeblendet; es muss jedoch berücksichtigt werden, dass im romanischen Alpenraum, und zwar unmittelbar südlich der germanischen romanischen Sprachgrenze der Typ fra. crème | ita. crema gehören, weit verbeitet ist. Man beachte, dass auf der folgenden Karte noch zahlreiche westalpine Belege fehlen, und dass die phoentischen Typen von Rahm noch nicht differenziert sind.

Die zugehörigen phonetischen Typen mit den Tonvokalvarianten [æ], [e], [o] und [a] führen ganz selbstverständlich auf eine gemeinsame Ausgangsform [a] zurück, denn die Hebung von betontem /a/ > [e]  bzw. > [æ] in offener Silbe und die Rundung /a/ > [o] vor Labial sind vollkommen unauffällig. Es ergibt sich somit ein Basistyp crama, der ursprünglich wohl aus dem Gallischen (d.h. aus dem Keltischen) stammt   (vgl. FEW  2, 1271-1274, s.v.crama); das Wort ist übrigen bei Venantius Fortunatus (*540-600/610) belegt, der in Valdobbiadene, d.h. am südöstlichen Alpenrand nördlich von Treviso geboren wurde. Es wäre nun wenig plausibel, das gemeinsame Areal der synonymen Typen von deu. Rahm und rom. crama aus einem zufälligen Zusammentreffen zu erklären. Vielmehr sollte der deutsche zum selben gallo-romanischen Basistyp  geschlagen werden.

Die Reduktion des Anlauts  lat.-rom. [kr-] > deu. [r-] ist im Zusammenhang damit zu sehen, dass „im d. h- vor konsonant im 9. jh. schwindet“ (FEW 16, 249, s.v. *hrokk), wie zahlreiche analoge Formen belegen. In der frühen Zeit des germ.-romanischen Sprachkontakts muss die Variante [hr-] noch exitiert haben, denn fra.  froc ‚Kutte‘ kann nicht auf althochdeutsch roc, sondern nur auf hroc mit Substitution des laryngalen durch den labiodentalen Frikativ zurückgehen. So auch Kluge:

Rock[.] Sm std. (9. Jh.), mhd. roc, rok, ahd. (h)roc, as. rok [.] Aus wg.*rukka- m.Rock’, auch afr. rokk. Außergermanisch vergleicht sich air.rucht ‛Tunika’, kymr. rhuchen ‛Mantel’. Alles weitere ist unklar. Es besteht auch eine Variante mit Anlaut hr- in ahd. hroc, as. hroc, afr. hrokk, die vermutlich über das Französische zu Frack geführt hat. Hinweise[:] Ebensonndl. rok.“ (Kluge Online s.v. Rock)

Ebenso erklärt sich das Nebeneinander von engl. horse neben deu. Ross < germ. *hrussa (vgl. Kluge und deu. röcheln neben  nisl. hrygla ‛Rasseln in der Kehle’, lett. kraũkât ‛husten, Schleim auswerfen’ < idg. *kruk-  ‛schnarchen,röcheln, grunzen’  (vg. (Kluge s.v. röcheln).
(Auct. Thomas Krefeld)

2. Der Basistyp *pinguia

Das Konzept BUTTERFASS, speziell das so genannte STOSSBUTTERFASS wird mit zahlreichen Geosynonymen bezeichnet.

Manche Bezeichnungen weisen im Stamm eine so auffällige lautliche Ähnlichkeit auf, dass man ihre Zusammengehörigkeit kaum in Frage stellen kann:

  • (1) rom. pigna, mit den Tonvokalvarianten [ɪ, e, ɛ, a] u.a.;
  • (2) slaw. pinja, ein offenkundiger Romanismus, da sich sein Verbreitungsgebiet an dasjenige von (1) anschließt;
  • (3) rom. pinacc, eine suffigierte Form von (1);
  • (4) rom. panaglia (mit Varianten des hier unbetonten, initialen Stammvokals, die den unter (1) genannten entsprechen); bei diesem Typ dominieren die Varianten mit dem unbetonten Stammvokal [a]
  • (5) der auch im Standardita. bekannte Typ pignatta ‚Topf‘  mitsamt seiner dialektal häufigen mask. Variante (vgl. AIS 973) ist ebenfalls zu (1) zu stellen; er ist zwar im VA-Gebiet eher in der Bedeutung ‚Topf aus Terracotta‘ belegt (vgl. AIS 955), bezeichnet jedoch außerhalb des VA-Gebiets, nämlich in der Emilia-Romagna ausdrücklich einen Topf, in dem durch Schlagen (mit einem Holzlöffel u.a.) kleinere Mengen von Butter hergestellt werden (vgl. AIS 1206, Punkte 427, 453, 455).

Morphologisch und semantisch liegt es somit nahe, an eine Gefäßbezeichnung pigna als Basistyp zu denken. Für einen solchen Grundtyp, als Bezeichnung des allgemeinen Konzept BUTTERFASS, d.h. GEFÄSS ZUM BUTTERN spricht auch der Bezeichnungstyp:

  • latte di pigna BUTTERMILCH, d.h. wörtlich ‚Milch aus dem Butterfass‘ (im Trentino).

Sachkundlich von Interesse ist, dass das archaisch erscheinende STOSSBUTTERFASS gemessen an seinen Bezeichnungen eben nicht die älteste Technik darstellt, wie seine spezifizierten bündnerromanischen Bezeichnungen panaglia lunga, wörtlich ‚langes Butterfass‘, und panaglia dret sü, wörtlich ‚aufrechtes Butterfass‘ (Unterengadin), zeigen (vgl. AIS 1206).
Allerdings kann die für ita. pignatta vorgeschlagene Rückführung auf ita. pigna ‚Pinienzapfen‘ (< lat. *pīnea[m]) – „prob. […] per la somiglianza di forma delle più antiche pignatte con una pigna“ (link) – semantisch nicht überzeugen; zwar mag die konische Form mancher Terracotta- und auch Bronzetöpfe durchaus an Pinienzapfen erinnern (vgl. DELI#). Aber ein für die Wortgeschichte entscheidender sachgeschichtlicher Hinweis lässt sich der bereits genannten AIS-Karte 955 LA PENTOLA (PIGNATTA) DI TERRACOTTA entnehmen: Sie enthält nämlich auch eine Liste mit Bezeichnungen des BRONZETOPFS (AIS 955_2), die insbesondere im alpinen Raum teilweise sekundär darauf übertragen wurden, da sie auf ein ganz anderes Material zu Herstellung von Kochtöpfen zurückgehen, nämlich auf den so genanntenSpeckstein, ita. laveggio, dt. auch Lavetz(stein) (vgl. AIS 963 Komm. LA MARMITTA, AIS 970 IL VASO PER LO STRUTTO; zum antiken und mittelalterlichen Abbau des Materials in den Alpen vgl. Bachnetzer et al. 2015) . Dieses vielseitig und wegen seiner geringen Härte vergleichsweise leicht nutzbare Material, das vor allem in den Tessiner und lombardischen Bergen abgebaut wurde, diente auch zur Fertigung von anderen Gegenständen, wie zum Beispiel von Öfen, die auf bündnerromanisch ebenfalls als pegna, engad. pigna bezeichnet werden (HWbR, 571; LRC, 798; zu pigna, pegna ‚Ofen aus Speckstein‘ vgl. AIS 937, Kommentar); diese Öfen sind übrigens „annähernd kubisch“ (AIS 937, Kommentar) und haben nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem Pinienzapfen.
Hier handelt es sich demnach um einen klaren Fall von metonymischer Polysemie (und nicht von Homonymie); pigna ‚Ofen‘ und pigna ‚Gefäss zum Butterschlagen‘ werden nach dem Material benannt, aus dem beide Dinge hergestellt wurden – dem Specksein. Es ist jedoch nicht unbedingt nötig, ein vorrömisches Etymon anzunehmen, wie Alexi Decurtins im LRC, 798#) für bündnerromanisch pegna | pigna ‚Ofen‘ vorschlägt, sondern formal käme als Etymologie durchaus das von G. B. Pellegrini vorgeschlagene *pinguia (zu lat.pĭnguis ‚fett‘) in Frage – allerdings nicht elliptisch aus pinguia(m) (ollam) im Sinne eines ‚Gefäßes (= lat. olla) für Fett‘ („Recipiente particolare per conservare il grasso, fosse esso strutto, sugna, o burro cotto, oppure un arnese elementare per fare il burro“ ([1976, p. 171 zit. DELI 928]), sondern im Sinne eines hinsichtlich seines Aussehens und seiner Konsistenz fettähnlichlichen Minerals bzw. Gesteins (vgl. analog motiviertes deu.Speckstein). Als Basistyp für (1)-(5) wird daher lat. *pinguia (petra)‚Speckstein‘ vorgeschlagen.
Die vielen Formen mit Stammvokal [ ɐ, a] zeigen eine starke und onomasiologisch naheliegende Beeinflussung durch das etymologisch zu trennende panna ‚Rahm‘. Nicht zu diesem Typ gehört dagegen
(6) lombardisch pench, bündnerrom. paintg ‚Butter‘, 
die besser direkt auf pĭnguis ‚fett‘ zurückgeführt wird (HR. Bei
(7) bündnerrom. penn ‚Buttermilch‘
könnte es sich immerhin um eine Rückbildung auf Basis von pigna ‚Butterfass‘ handeln. Die Buttermilch wird ja daraus abgelassen.
Das folgende Schema zeigt die Wortfamilie (grüne Pfeile) sowie die belegten Bedeutungen (rote Pfeile).
VA_pigna
Im Hinblick auf die metonymische Motivation der Polysemie lässt sich also die Übertragung der Bezeichnungen vom natürlichen Rohstoff auf daraus hergestellte Artefakte zunehmender Komplexität (einfaches Gefäß -> mechanisches Gerät) und schließlich auf die damit verbundene Funktion feststellen.
(auct. Thomas Krefeld)

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Eine Antwort

  1. Lieber Herr Krefeld,

    zum Thema Wortgeschichte gibt es einen interessanten Essay, welcher in einem Teil exemplarische Fälle des Lexikons der Gegenwartssprache darstellt und in einem zweiten historischen Teil die chronologische Schichtung des Wortschatzes mit vorrömischen Elementen, Auswirkungen einer besonderen Latinität und Übernahme germanischer Elemente untersucht.

    http://www.degruyter.com/dg/viewarticle.fullcontentlink:pdfeventlink/$002fj$002fzrph.2014.130.issue-4$002fzrp-2014-0088$002fzrp-2014-0088.pdf/zrp-2014-0088.pdf?t:ac=j$002fzrph.2014.130.issue-4$002fzrp-2014-0088$002fzrp-2014-0088.xml

    Lg
    Ester Radi

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