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Le(s) français en Afrique subsaharienne – Langue(s), Littératures, Cultures




Fortbildungsseminar "Frankreich in der Welt - Die Frankophonie ins Klassenzimmer gebracht" (Akademie für Politische Bildung Tutzing in Kooperation mit der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung Dillingen)

Tutzing, 29. September 2023

Joséphine Mulumba Tumba / Sebastian Postlep / Dagmar Stöferle

1. Vorbemerkungen

  • das frankophone, subsaharische Afrika kann nicht als Einheit aufgefasst werden
  • die stärkere Verankerung frankophoner Themen in den Unterricht ermöglicht die Integration neuerer, fachdidaktischer Ansätze in die Lehrpläne

    Phasen der jüngeren romanistisch-mehrsprachigkeitsdidaktischen Forschung (Reimann 2016, 17)

  • in der romanistischen Forschung wird der Begriff Francophonie in der Regel nicht politisch oder wirtschaftlich, sondern sprachlich-kulturell verstanden

2. Die Ausgangslage

  • deutlich sinkendes Interesse am Französischstudium im deutschsprachigen Raum
  • z.T. Imageproblem des Französischen als Schulsprache
    ➡ Aktualisierung des Französisch-Curriculums in den Universitäten

2.1. Integration frankophoner Themen in die universitäre Lehrer*innenbildung

  • verstärkte Nachfrage nach v.a. afrikanistischen Themen in Sprach-, Kultur- und Literatuwissenschaft ➡ Ausweitung des Angebotes
  • veränderte Interessen der Studierenden: kritische Auseinandersetzung mit postkolonialen, ökologischen und/oder gendertheoretischen Themen ➡ Integration alternativer Lehr- und Prüfungskonzepte zu frankophonen Themen ("emische" Sichtweisen [vgl. Pike 21967] und keine Außenperspektive, Exkursionen, Studitagungen, usw.)
  • Beispiel aus dem vergangenen Semester: Studitagung "Perspektivwechsel"

    Besuch bei Rahmée Wetterich im Atelier "Noh Nee", Görresstr. (München)

    Studentischer Vortrag zur Migrationsliteratur in Italien (Seminar Stöferle)

    Besuch bei Robert Ahiagba im Restaurant "Makula", Dreimühlenstr. (München)

    Lesung und Diskussion mit In-Koli Jean Bofane "Congo Inc." (Mulumba/Wiesmath)

    Studentischer Vortrag über "Congo Inc." (Seminar Mulumba/Wolf)

    Workshop zum Linguistic Landscaping (Seminar Gruber/Postlep)

➡ Steigerung der wahrgenommenen kommunikativen Relevanz des Französischen

2.2. Linguistische Perspektiven für die universitäre und schulische Lehre

  • Mehrsprachigkeit in Theorie und Praxis
  • Varietätenkompetenz
  • Erprobung interkultureller Erfahrung (Linguistic Landscaping)

3. Mehrsprachigkeit (MS) in Theorie und Praxis

  • die frankophonen Sprachgemeinschaften im subsaharischen Afrika bieten ein riesiges Panorama an MS-Szenarien auf gesellschaftlicher Ebene (offizielle vs. ko-offizielle vs. Minderheitensprachen), auf Diskursebene (polyphone Texte) sowie auf individueller Ebene (Sprecherbiographien und -migration)
  • Gesellschaftliche Ebene: Beschreibung der Sprachsituation ausgewählter Länder (Frankophonie-Datenbanken)
  • Diskursebene: Verknüpfung mit digitalen und ästhetischen Perspektiven (Literatur- und Kulturwissenschaft): Analyse konkreter polyphoner Texte (Film, Comic, Musik, Literatur)
  • Individuelle Ebene: Einbindung der eigenen Erfahrungen von Schüler*innen und Studierenden (Herkunfts- und Familiensprachen)
  • ➡ frankophone Gemeinschaften im subsaharischen Afrika als Diskussionsgrundlage für den Wandel vom Ideal einer dominant-einsprachigen Integrationskultur zu einer plurilingualen Koexistenz gestaffelter Identitäten?

4. Varietätenkompetenz

  • Unterscheidung Nähe- vs. Distanzsprache (rezeptiv)
  • Perzeptive Varietätenlinguistik: Aufzeigen sog. schibboleths (= in den Repräsentationen der Sprecher*innen als typisch empfundene Merkmale oder Phraseologismen für bestimmte Varietäten, hier ein Beispiel zum kongolesischen Französisch) und Diskussion von Sprechereinstellungen
  • Normdiskussion: Existenz von Regionalstandards in der Frankophonie?
    ➡ Vgl. zum Englischen und Spanischen
    ➡ Aufzeigen aktueller Diskussionen um die Norm des Französischen (vgl. hierzu auch den Tracts des linguistes)
    ➡ Konzept eines "français retravaillé" in den ästhetischen Texten des subsaharischen Afrika (Moussa Sagna, UCAD Dakar)

5. Afrika in München: ein exemplarisches Projekt zum Linguistic Landscaping

  • Einsatz im Unterricht = "Förderung von Sprach(en)bewusstheit" (Eibensteiner 2023: 227 ff.)

5.1. (Gruber/Postlep 2023): Linguistic Landscape: Definition und Untersuchungsformen

The language of public road signs, advertising billboards, street names, place names, commercial shop signs, and public signs on government buildings combines to form the linguistic landscape of a given territory, region, or urban agglomeration. (Landry/Bourhis 1997, 25)

A. Oftmals wird bei der Betrachtung von linguistic landscapes der Fokus auf die Räumlichkeit der SPRACHE (vgl. Krefeld 2004) gelegt: welche Sprachen sind (insbesondere bei offiziell mehrsprachigen Orten) wo und in welcher Form bzw. Häufigkeit präsent? (vgl. aus hispanistischer Sicht bspw. Castillo Lluch/Sáez Rivera 2013, Castillo Lluch 2022Pons Rodríguez 2012, Sáez Rivera/Castillo Lluch 2012)

B. Ein weiterer Zugang ist stärker soziologisch und stärker an der Räumlichkeit des SPRECHENS (vgl. Krefeld 2004) orientiert: welche sprachlichen Strategien werden in der linguistic landscape verwendet, welche Inhalte verhandelt und wie kann dies interpretiert werden? (vgl. aus aktueller hispanistischer Sicht Morant-Marco 2022)

5.2. Problematik der Datenlage, crowdsourcing

In Anlehnung an (Purschke 2017, 182 f.) sind die gesammelten Daten in mehrfacher Hinsicht zumindest diskussionswürdig und die Gefahr einer Übergeneralisierung der Ergebnisse muss vermieden werden.

Lösungsansatz für das Seminar (vgl. ebenfalls Purschke 2017): crowdsourcing (vgl. z.B. App LINGSCAPE)

➡ dynamischer Ansatz (fortwährende Aktualisierung), periphere Daten werden eher erfasst, Steigerung der Repräsentativität durch Erhöhung der Daten, damit auch mehr Detailgenauigkeit und stärker emischer (Pike 1967) Ansatz (wenn User selbst taggen/kommentieren)

5.3. Tangierte linguistische und gesellschaftliche Problemfelder (Auswahl)

  1. Perzeptive Linguistik: Einstellungen und Repräsentationen der Sprecher*innen (???)
  2. Raumsoziologie: die Anderen vs. eigene peer group: Auto- vs. Heterorepräsentationen
  3. Mehrsprachigkeitsforschung: Präsenz von Sprachen im öffentlichen Raum
  4. Frame-Semantik: wiederkehrende frames in der Linguistic Landscape
  5. Semiotik: Schilder, Graffiti, Plakate und Sticker als multimodale Zeichen (Verhältnis Text<>Bild)

5.4. Beispielanalyse (Postlep 2021): Subsaharisches Afrika in München

5.4.1. Beispielkorpus ( Auto- vs. Heterorepräsentation)

5.4.2. Zusammenfassung der Ergebnisse (1): Afrika in München

Im betrachteten Sample standen sich koloniale und postkoloniale Versprachlichungsstrategien gegenüber:

  1. Die Präsenz Afrikas im öffentlichen Raum München scheint recht gering zu sein. Am häufigsten finden sich Bezüge zu Ländern, die aus ehemaligen deutschen Kolonien hervorgegangen sind sowie zu Äthiopien, Westafrika (hoher Bevölkerungsanteil) und dem südlichen Afrika (Tourismus).
  2. Auto- vs. Heterorepräsentationen:
    • MEHRSPRACHIGKEIT: Auto: lokal mehrsprachig (v.a. englisch, aber auch französisch oder afrikanische Sprachen) vs. Hetero: territorial einsprachig
    • Afrika = KRISE: in Heteroperspektive stark präsent (aktuelle wie historische Bezüge), in Autoperspektive beschränkt auf money transfer
    • Afrika = ABENTEUER: fast ausschließlich heterorepräsentativ vorhanden
    • Afrika = FAUNA ("Big Five"): kommerziell in Auto- und Heteroperspektive vorhanden, v.a. in bildlichen Verfahren (Logos)
    • Afrika = KULTUR: vor allem autorepräsentativ genutzt, insbesondere in Bezug auf Ess-KULTUR
    • Afrika = LUXUS: erneut sowohl in Auto- und Heteroperspektive vorhanden, kommerzielle Strategie
  3. Zentrum vs. Peripherie:
    • ▲ Zentrum: Auto- und Heterorepräsentationen nebeneinander, ausgeprägtere Mehrsprachigkeit, zusätzlicher Fokus auf KULTUR, LUXUS;
    • Peripherie: fast nur heterorepräsentativ, KRISE und ABENTEUER stärker vorhanden (aber oft kritisch kommentiert), kaum Bezüge auf afrikanische KULTUR oder LUXUS-Produkte afrikanischer Herkunft.

5.4.3. Zusammenfassung der Ergebnisse (2): Afrika vs. Lateinamerika

5.5. Beispiel für schulische Anschlussdiskussionen

Dualastraße (Waldtrudering) Kolonialgeschichte offenlegen. Duala, Hauptstadt der ehemaligen deutschen Kolonie Kamerun.

  • Duala = größte Stadt Kameruns heute?
  • Duala = Volksgruppe in Kamerun?
  • Duala = Sprachgruppe?

    Boutique MULEMA (Neuhausen); mulema = Duala für 'Herz, Leidenschaft'

  • Duala = Namensbestandteil der Douala Manga Bell? (vgl. Rudolf-Duala-Manga-Bell-Platz in Ulm)

Bibliographie

  • Castillo Lluch 2022 = Castillo Lluch, Mónica (2022): Time-lapse del paisaje lingüístico de Lausana en español (2013–2021), in: Mercedes de la Torre García / Francisco Molina-Díaz (eds.): Paisaje lingüístico: cambio, intercambio y métodos, Berlin, de Gruyter, 41-79 (Link).
  • Castillo Lluch/Sáez Rivera 2013 = Castillo Lluch, Mónica / Sáez Rivera, Daniel M. (2013): Introducción, in: Revista Internacional de Lingüística Iberoamericana, vol. 11, 1: Paisajes lingüísticos en el mundo hispánico, Iberoamericana Editorial Vervuert, 9-22 (Link).
  • Eibensteiner/Kropp/Müller-Lancé/Schlaak 2023 = Eibensteiner, Lukas / Kropp, Amina / Müller-Lancé, Johannes / Schlaak, Claudia (Hrsgg.) (2023): Neue Wege des Französischunterrichts. Linguistic Landscaping und Mehrsprachigkeitsdidaktik im digitalen Zeitalter, Tübingen, Narr, Romanistische Fremdsprachenforschung und Unterrichtsentwicklung 23.
  • Krefeld 2004 = Krefeld, Thomas (2004): Einführung in die Migrationslinguistik: Von der "Germania italiana" in die "Romania multipla", Tübingen, Narr.
  • Landry/Bourhis 1997 = Landry, R. / Bourhis, R. Y. (1997): Linguistic Landscape and Ethnolinguistic Vitality: An Empirical Study, in: Journal of Language and Social Psychology, vol. 16, 1, 23-49 (Link).
  • Morant-Marco 2022 = Morant-Marco, Ricard (2022): Paisaje lingüístico y transformación social, in: Mercedes de la Torre García / Francisco Molina-Díaz (eds.): Paisaje lingüístico: cambio, intercambio y métodos, Berlin, Peter Lang, 143-164, SRL; 70 (Link).
  • Pike 1967 = Pike, Kenneth Lee (1967): Language in relation to a unified theory of the structure of human behavior (second edition), Den Haag/Paris, Mouton.
  • Pons Rodríguez 2012 = Pons Rodríguez, Lola (Hrsg.) (2012): El paisaje lingüístico de Sevilla: Lenguas y variedades en el escenario urbano hispalense, Sevilla, Diputación de Sevilla.
  • Postlep 2021 = Postlep, Sebastian (2021): Auto- und Heterorepräsentationen Afrikas im öffentlichen Raum (München) – linguistische Perspektiven zur Analyse (post-)kolonialer Diskurse, in: Lehre in den Digital Humanities - Ein Portal der IT-Gruppe Geisteswissenschaften der LMU, München (Link).
  • Purschke 2017 = Purschke, Christoph (2017): Crowdsourcing the linguistic landscape of a multilingual country. Introducing Lingscape in Luxembourg, in: Linguistik online 85, 6/17, 181-202 (Link).
  • Reimann 2016 = Reimann, Daniel (2016): Aufgeklärte Mehrsprachigkeit - Sieben Forschungs- und Handlungsfelder zur (Re-)Modellierung der Mehrsprachigkeitsdidaktik, in: Michaela Rückl (ed.): Mehrsprachigkeit und Inter-/Transkulturalität im Sprachenunterricht und in der Lehrerinnenbildung, Münster, Waxmann, 15-33.
  • Sáez Rivera/Castillo Lluch 2012 = Sáez Rivera, Daniel M. / Castillo Lluch, Mónica (2012): The human and linguistic landscape of Madrid (Spain), in: C.Hélot, M. Barni, R. Janssens & C. Bagna (eds.), Linguistic Landscapes, Multilingualism and Social Change: Diversité des approches, Bern, Peter Lang, 309-328 (Link).

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