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SKLAVE

Der SKLAVE auf Martinique ist ein aus Afrika stammender schwarzer Arbeiter (in den ersten Jahren der Kolonialgesellschaft auch seltener ein autochthoner Karibe), der auf einem kolonialen Anwesen lebt und arbeitet. Der Sklave ist als Funktion zu sehen, eine unfreie Arbeitsfigur, die der Funktion des Konzepts HERR gegenübersteht. Diese Funktion wird fast ausschließlich von schwarzen Afrikanern, später vermehrt von Mulatten eingenommen. Der Sklave befindet sich in einem sozialen und rechtlichen Unten-Raum, wo er zur Arbeit gezwungen wird und nicht frei über sein Leben verfügen kann. Seine Realität, die geprägt ist von Arbeit, Gewalt, Dehumanisierung, aber auch von Widerstand und Hoffnung, hinterlässt Spuren in der Lexikologie der Sprache, die hauptsächlich aus der Perspektive der Sklavengesellschaft entsteht. 

Konzept kreol. Bezeichnung fr. Bezeichnung Etymologie lexikologische Prozesse

SKLAVE

esclav/lesklav/zesklav

esclave (m.)/(f.)

fr. „esclave“ < lat. „sclavus“

Entlehnung, Agglutination Artikel und Substantiv
djouk fr. „joug“ ? metaphorischer Wandel?
wawa afr.? Entlehnung? 
neg fr. „nègre“ metonymischer Wandel

Für das Konzept SKLAVE im kolonialen Martinique gibt es mehrere Begriffe. Die Bezeichnung „esklav“ im Kreol mit den Varianten „lesklav“ und „zesklav“ ist ein Wort aus dem Französischen. Die Variante „lesklav“ entsteht durch eine Agglutination von bestimmtem Artikel im Singular „l‘“ und dem Substantiv „esclave“, während „zesklav“ sich aus der liason des bestimmten Artikels im Plural „les“ und dem Substantiv „esclaves“ herausbildet. Französisch „esclave“ wird im Mittelalter aus dem Latein entlehnt: „sclavus“ ist eine andere Form für „slavus“, das die heutige Bedeutung von „Sklave“ trägt. Während des 12. Jahrhunderts werden viele Sklaven aus dem Balkan nach Europa gebracht, wo sich die lateinische Entlehnung verbreitet (siehe Rey 2010, 772).

Der synonyme Begriff „djouk“ könnte hinsichtlich lexikologischer Prozesse sehr interessant sein. Im Wörterbuch von Confiant 2007 taucht das Wort mit zwei Bedeutungen auf: zum einen bedeutet es „Joch“ und zum anderen „Sklave“. Wenn es sich hier nicht um Homonymie handelt (das heißt eine zufällig gleiche äußere Form bei unterschiedlichen Etyma), hätte „djouk“ ursprünglich die Bedeutung des französischen Etymons „joug“, nämlich „Joch“. Der metaphorische Wandel von einem Konzept JOCH auf das Konzept SKLAVE macht die Stellung und Behandlung eines Sklaven auf Martinique deutlich. Das Joch fesselt das Tier (Ochse oder Pferd) und zwingt es zur Arbeit auf dem Feld, wie auch der Sklave durch seine Funktion zur Arbeit auf dem Feld gezwungen wird, oftmals mit Fuß- oder Handketten. Dieser metaphorische Vergleich führt zu einem Bedeutungswandel von dem Konzept JOCH auf das Konzept SKLAVE. Hier ist allerdings auch nicht sicher, ob die Bezeichnung schon zu Kolonialzeiten verwendet wird oder ob es sich um einen Neologismus aus neuerer Zeit handelt.

Die dritte Bezeichnung „wawa“ könnte aus einer afrikanischen Sprache entnommen sein. Es bleibt an dieser Stelle leider ungeklärt, woher das Wort tatsächlich kommt. Der metonymische Wandel von der Rassenbeschreibung SCHWARZER mit dem kreolischen Begriff „neg“ auf das Konzept SKLAVE verdeutlicht hier nochmal die Korrelation zwischen Phänotyp und rechtlichem Status. Mehr zu dem Begriff „neg“ im Kapitel SCHWARZER.

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