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HERRSCHAFTSANWESEN

Der Raum, der die Konzepte HERR und SKLAVE miteinander verbindet ist der Wohnraum, der zugleich auch Arbeitsraum ist. Auf diesem HERRSCHAFTSANWESEN werden drei Gruppen unterschieden: Der Herr, dem das Anwesen gehört und der dort mit seiner Familie lebt (seltener sind es alleinstehende Großgrundbesitzer), seine Arbeiter und nahe Verwandte, die oft auf dem Anwesen leben und helfen, und die Sklaven (siehe Petit Jean Roget 1980, 947). Seine Angestellten sind Franzosen oder andere Europäer, des Öfteren auch Geschwister oder nahe Verwandte. Die Haus- und Feldsklaven hat er gekauft oder wurden auf seinem Anwesen geboren.

In der Kolonialgeschichte unterscheidet man prinzipiell die „plantation“ und die „habitation“. Der Begriff „platation“ bezeichnet ein Anwesen, wo der Herr nicht selbst wohnt und wo insgesamt mehr Sklaven arbeiten. Der Begriff „habitation“ bezieht sich auf ein kleineres Anwesen mit weniger Sklaven, auf dem sowohl die Sklaven als auch Herr leben (siehe Bégot 2008, 15). Erstmals taucht dieser Begriff in dem Dictionnaire de l’Académie française von 1762 auf: „on appelle ainsi dans l’Amérique des établissements que les Colonies envoyées d’Europa font des terres qu’elles défrichtent, et où elles plantent des cannes de sucre, du tabac, etc.“ (siehe Bégot 2008, 16). Für die Kleinen Antillen dominiert der Begriff „habitation“, der sich auf die Gesamtheit der Baulichkeiten auf dem Grundstück des Großgrundbesitzers bezieht. Dazu gehören sowohl das Herrenhaus, als auch die Häuser der Sklaven und Viehställe. Im Herrenhaus lebt der Herr, also der Großgrundbesitzer mit seiner Familie oder alleine. Es handelt sich dabei keineswegs um ein großes Haus, noch ist die Einrichtung üppig, im Gegenteil, die Lebensbedingungen der Großgrundbesitzer sind nicht unbedingt viel besser als die der Sklaven. Da die Herrenhäuser meistens aus Palmholz gebaut ist, was nicht resistent gegenüber dem tropischen Klima ist, müssen sie regelmäßig abgerissen und neu aufgebaut werden, weshalb es heute nur noch Nachbauten von den damaligen Herrenhäusern gibt (siehe Schmitt 2005, 272f). Das Herrschaftsanwesen dient nicht nur als Wohnraum, sondern auch als Arbeitsraum: dort befinden sich die Zuckerrohrfelder (ganz selten auch Kakao- oder Tabakfelder), Anbaufläche für den Eigenbedarf und die Bauten für die Weiterverarbeitung der Rohstoffe, wie die Zuckermühle und den Siedekessel (siehe Coquery-Vidrovitch 2013, 132)

Konzept kreol. Bezeichnung fr. Bezeichnung Etymologie lexikologische Prozesse

HERRSCHAFTS-ANWESEN

abitasion/bitasion    

habitation (f.)

fr. „habiter“ < lat. „habitare“

Substantivierung, Bedeutungserweiterung

Der kreolische Begriff „abitasion“ bzw. „bitasion“ kommt von französisch „habitation“, was im französischen Mittelalter: „l’ensemble des obligations pesant sur les occupants d’un territoire“ (siehe Chaudenson 2003, 89) bedeutet. Wie viele andere Wörter französischen Ursprungs hat auch der Begriff „habitation“ im kolonialen Rahmen die erweiterte Bedeutung von „l’exploitation agricole“ erhalten, welche nur in den Antillen, in Louisiana und auf Haiti als solche besteht (siehe Rey 2010, 1000).

Das Herrschaftsanwesen ist nicht nur aus lexikologischer Sicht interessant, sondern vor allem weil es zwei konträre Konzepte vereint, die für diese lexikologische Studie entscheidend sind: Der HERR und der SKLAVE. Erst das Zusammentreffen dieser zwei Konzepte führt zu der Notwendigkeit einer Kommunikation auf sprachlicher Ebene und schließlich zu Entstehung des Kreols. Die Lebensbedingungen beider Seiten ähneln sich, da ihr Lebensrhythmus durch harte Arbeit bestimmt wird und der Wohnraum sich nicht stark voneinander unterscheidet.  Die Hauptmerkmale zur Unterscheidung zwischen den zwei Konzepten, die den Kontrast deutlich machen, sind die Freiheit bzw. Unfreiheit, die Klamotten und die Strafe. Während der Herr bei Verstößen lediglich mit einer Geldsumme bestraft wird, bestimmt die Peitsche den Grad der Bestrafung des Sklaven (siehe Chaudenson 2003, 97).

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