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UNTOTER

Das Konzept des UNTOTEN zeigt die Verbindung der afrikanischen, karibischen und europäischen Glaubenssysteme und sagt zugleich viel über die Sicht der Sklaven auf sich selbst als Funktion des Sklaven. Dass das Konzept des UNTOTEN in der Karibik schon im 17. Jahrhundert weit verbreitet ist, zeigt der Umgang mit seiner Bezeichnung „zombi“ in dem Text „Le zombi du Grand Pérou, ou la comptesse de Cocagne“, der zunächst 1697 anonym erscheint und später von Guillaume Apollinaire als „erster Kolonialroman“ veröffentlicht wird. Darin wird der Begriff nicht erläutert, wonach man davon ausgehen kann, dass es sich um einen zu der Zeit gängigen Begriff handelt  (siehe Rath 2014, 49).

Die Vorstellung einer Figur zwischen Leben und Tod, ein Mensch, der weder tot noch lebendig ist und sich zugleich als unsichtbarer Geist in der Welt der Lebenden bewegt vereint afrikanische und karibische Mythen mit europäischen Glaubenssystemen. Auch in Europa gibt es die Idee von Seelen, die als unsichtbare Geister wiederkehren. Der Untote ist also eine „Figur der Zirkulation und Transformation unterschiedlicher Glaubenssysteme“  (siehe Rath 2014, 51). In der kreolischen Gesellschaft gibt es verschiedene Vorstellungen des Untoten  (siehe Rath 2014, 56). Der direkte Vergleich des Untoten mit dem Konzept SKLAVE dürfte bereits zur Kolonialzeit auftauchen. Zwischen dem Erscheinungsbild sowie ihrer gesellschaftlichen Stellung und der Figur des Untoten gibt es einige Parallelen. Die Sklaven sind „ungepflegt, abgemagert, in Lumpen gekleidet“  (siehe Degoul 2014, 39). und ähneln somit den Untoten. Ebenso wie der Sklave wird der Untote von dem „bòkò“ zur Arbeit gezwungen und wird unmenschlich behandelt  (siehe Anglade 1998, 201). Durch den Vergleich mit dem Untoten wird ein Bild des Sklaven als machtlose Marionette des weißen Herrn ohne Selbstbestimmung und in endloser Arbeit evoziert.

Konzept kreol. Bezeichnung fr. Bezeichnung Etymologie lexikologische Prozesse

UNTOTER

zonbi zombi (m.) afr. kikongo „nzambi“/“zumbi“ /“ozambi“  Entlehnung, Bedeutungserweiterung

Da viele Mythen im Bereich des Voodoo auf Haiti entstehen, ist es wahrscheinlich, dass für das Kreol von Martinique das Wort „zonbi“ aus dem haitianischen Kreol entlehnt wird. Im haitianischen Kreol verweist die Bezeichnung zum einen auf den Schlangen-Gott im Voodoo Glauben und zum anderen auf das Konzept des UNTOTEN  (siehe Rey 2010, 2516). Das Französische übernimmt 1832 den Begriff „zombi“, der auch in viele andere Sprachen gelangt. Der Mythos hat, wie die Bezeichnung „zombi“ auch, seine Wurzeln in Westafrika, wahrscheinlich aus einer Sprache, die zu der Kolonialzeit im Königreich Dahomey im heutigen Benin gesprochen wird  (siehe Rey 2010, 2516). Im Kikongo, einer Niger-Kongo Sprache, die zu den Bantusprachen gehört, gibt es das Wort „nzambi“, das „Gott“ bedeutet und in anderen Sprachen in Kongo bedeutet „zumbi“ „Seelen der Toten“ und „onzambi“ ebenfalls „Gott“  (siehe Anglade 1998, 201).

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