burgus

burgus


Etymologie:

Der lexikalische Typ fra. bourg/ita. borgo usw. wird auf eine Entlehnung aus dem Germanischen oder zumindestens auf die Kreuzung eines griechisch-lateinischen Typs mit einer germanischen Entlehnung zurückgeführt. Beide Auffassungen erweisen sich im Lichte einer historisch genauen und onomasiologisch abgesicherten Quellenlektüre als revisionsbedürftig. Es sollte vielmehr die umgekehrte Entlehnungsrichtung und die Herkunft des deu. und germanischen Typs Burg aus dem griechisch-lateinischen angenommen werden.

1 Antike toponomastische Verwendung

Hier ist jedoch vor allem der keineswegs sagenhafte, sondern bis heute mindestens teilweise erhaltene Ortsname Asciburgium (Tacitus 1914, 2, 3 f.) relevant, der im zitierten Passus genannt wird: Während die zweite Konstituente –burgium im Laufe der Geschichte durch phonetisch ähnliches –berg ersetzt wurde, hat sich die erste Konstituente bis in die heutige Form Asberg erhalten; dieser Ort, ein Stadtteil des heutigen Moers, gehört zu den bedeutenden provinzialrömischen Fundorten in der ehemaligen Provinz Germania inferior, die nicht allzu lange vor der mutmaßlichen Abfassung von Tacitus‘ Schrift (98 n.Chr.?) von den Batavern geplündert worden war (69 n.Chr.), wie wiederum Tacitus in seinen Historiae (4, 33, S. 60) berichtet, und danach unter Vespasian (Kaiser von 69-79 n.Chr.) neu belegt und wieder ausgebaut worden ist. Die Mitteilung dieses Namens hatte daher womöglich eine gewisse Aktualität. Ein Blick auf die Tabula Peutingeriana zeigt übrigens, dass sich in unmittelbarer Nähe von Asciburgium ein Name mit der Variante burgus-, nämlich Burginatium (), das heutige Kalkar, findet:

Visualisierung des Ausschnitts aus der Tabula Peutingeriana nach <https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de?page_id=133&tk=199>

Eine spätere Quelle, Ammianus Marcellinus (ca. 325–ca. 395) belegt wiederum am Rhein in einer Aufzählung mehrerer gut identifizierbarer Orte, die Kaiser Iulian (Kaiser 360-363 n.Chr.) wieder instand setzen ließ, ein Quadriburgium, das mit dem heutigen Qualburg in der Gemeinde Bedburg-Hau (Kreis Kleve) übereinstimmen dürfte:

“Et utrumque perfectum est spe omnium citius. Nam et horrea veloci opere surrexerunt, alimentorumque in eisdem satias condita, et civitates occupatae sunt septem: Castra Herculis Quadriburgium Tricensima et Novesium, | Bonna Antennacum et Vingo, ubi laeto quodam eventu, etiam Florentius praefectus apparuit subito, partem militum ducens, et commeatuum perferens copiam, sufficientem usibus longis.” (Ammianus 1950, XVIII, 4, S. 406 | 408)

“For not only did the granaries quickly rise, but a sufficiency of food was stored in them; and the cities were seized, to the number of seven: Castra Herculis [= Arnhem-Meinerswijk], Quadriburgium [= Qualburg],  Tricensima [= Xanten]  and Novesium [= Neuss],  Bonna [=Bonn], | Antennacum [= Andernach] and Vingo [= Bingen], where by a happy stroke of fortune the prefect Florentius also appeared unexpectedly, leading a part of the forces and bringing a store of provisions sufficient to last a long time.” (Ammianus 1950, XVIII, 4, S. 407 | 409)

Zwei weitere burgus-Namen bezeugt die Tabula Peutingeriana in Pannonia inferior, nämlich Tittobvrgo, das heutige Dalj (ganz im Nordosten Kroatiens) und Bvrgenis, das heutige Novi Banovci (20 km. nordwestlich von Belgrad; vgl. RE, Band III,1, Sp. 1062). In beiden Fällen handelt es sich um Auxiliarkastelle die ebenfalls bereits auf augusteisch-tiberische Zeit (30 v.Chr.- 37 n.Chr.) zurückgehen (vgl. diese Karte).

Das bei Tacitus erwähnte Asciburgium präsentiert sich im 1. Jahrhundert n. Chr., zur Zeit der Erwähnung, so wie alle früh belegten Kastelle, als eine Anlage mit Erdwällen und wohl auch mit einer zugehörigen Zivilsiedlung (canaba); man darf also hinter der namensbildenden Konstituente burg(i)us ein  Appellativ mit der Bedeutung ‘nicht durchgängig in Stein ausgeführtes Grenzkastell mit einer peripheren canaba’ vermuten.

2 Antike appellativische Verwendung

Einen wortgeschichtlich bedeutsamen Beleg von burgus in appellativischer Verwendung liefert nun eine etwas oberhalb des Moseltals, zwischen Bernkastel-Kues und Koblenz, in Mittelstrimmig (Ortsteil Liesenich), gefundene Bauinschrift. Dort heißt es:

“Qui burgum (a)edificaverunt Lup(ulinius) Am/minus pr(a)efectus Sab(inius) Acceptio Vid(ucius) / Perpetu(u)s Flavius Tasgillus CO() Lepidus / Min(ucius) Luppus cum C(a)es(ius) Ursulus paratus / est Victorino Augusto et / Sa(n)cto co(n)s(ulibus) X Kal(endas) Iunias”

‘Hier erbauten der Präfekt Lupulinus Amminus, Sabinius Acceptio Viducius,  Perpetuus Flavius Tasgillus,  CO(), Lepidus  Minucius Luppus gemeinsam mit Caesius Ursulus einen Burgus; er wurde für den Herrscher Victorinus und für Sanctus, die Konsulen, eingerichtet, 10 Tage vor den Kalendae des Juni’ (Übersetzung Th.K.)

Die Inschrift ist auf einen 23. Mai datiert, der von der Forschung dem Jahr 270 n.Chr. zugeschrieben wird (vgl. Thoma 2006).

Der Beleg ist für die Wortgeschichte von zentraler Bedeutung; denn burgus referiert hier auf einen spezifischen, unmittelbar vor Anbringung der Inschrift ausgeführten Gebäudetyp und nicht auf einen gesamten Siedlungskomplex (Grenzkastell mit canaba), nämlich auf eine kleinere, aber in massiver Steinbauwiese ausgeführte, turmähnliche Befestigungsanlage.

„Durch Wiederstandsmessungen im Erdreich des Vicus bei Mittelstrimmig ließ sich die inschriftlich belegte Kleinfestung genau[e]stens lokalisieren. Mächtige Mauern schützten ein 13×18 m großes durch Räume unterteiltes Gebäude mit kleinem Innenhof. Der Festungsbau  war von zwei Gräben umgeben. Die bis zu 48 m langen Gräben zeigen keine Unterbrechung, der Zugang führte über Brücken.“ (Thoma 2006; vgl. auch die dort veröffentliche Rekonstruktion des Gebäudes).

Bemerkenswert ist auch die frühe Datierung der Inschrift, denn erst ca. 100 Jahre später, im Zuge des Ausbaus des Limes unter Valentinian (Kaiser von 364–375) wurden Gebäude dieser Art zur Sicherung in regelmäßigen Abständen an der gesamten Reichsgrenze ausgeführt, wie durch ( )Ammianus Marcellinus bezeugt wird:

„At Valentinianus magna animo concipiens et utilia, Rhenum omnem a Raetiarum exordio, ad usque fretalem Oceanum, magnis molibus communiebat, castra extollens altius et castella,  turresque assiduas per habiles locos et opportunos, qua Galliarum extenditur longitudo: non numquam etiam ultra flumen aedificiis positis, subradens barbaros fines.“ (Ammianus Marcellinus 1950, XVIII, 2, 1, S. 122)

 

“But Valentinian, meditating important and useful plans, fortified the entire Rhine from the beginnings of Raetia as far as the strait of the Ocean with great earthworks, erecting lofty fortresses and castles, and towers at frequent intervals, in suitable and convenient places as far as the whole length of Gaul extends; in some places also works were constructed even on the farther bank of the river, which flows by the lands of the savages.”  (Ammianus Marcellinus 1950, XVIII, 2, 1, S. 122)

Ausgerechnet der Ausdruck burgus wird hier allerdings nicht genannt; er findet sich jedoch bei einem anderen Autor, Vegetius, mit Bezug auf dasselbe Befestigungsprogramm. Vegetius  empfiehlt in seinen Epitoma rei militaris (Ende des 4. Jhs.) die Sicherung von außerhalb der Siedlungen gelegenen Wasserstellen durch Mauern und weiterhin durch Errichtung kleiner Kastelle, die als burgus bezeichnet werden:

“castellum paruulum, quem burgum vocant, inter ciuitatem et fontem conuenit fabricari ibique ballistas sagittariosque constitui ut aqua defendatur ab hostibus” (Flavius Vegetius Renatus 1885, IV, 10, S. 135)

‘es ist angebracht, zwischen Stadt und Quelle ein kleines Kastell zu errichten, das Burgus genannt wird, und dort Wurfmaschinen und Bogenschützen zu  stationieren, damit das Wasser vor den Feinden verteidigt wird.’ (Übers. ThK.)

In diesen Kontext der systematischen Grenzbefestigung gehören auch die beiden oben genannten Namen aus Pannonien sowie drei andere, im CIL (<http://db.edcs.eu/epigr/epi_de.php>) dokumentierte appellativische Verwendungen von burgus in römischen Bauinschriften; sie stammen allesamt direkt von der Reichsgrenze, nämlich aus Ybbs an der Donau (Noricum, CIL 03, 05670a), aus Etzgen am Hochrhein (Germania superior,  CIL 13, 11538 ) und aus Esztergom (Pannonia superior, CIL 03, 03653). Der Bezeichnungstyp ist dann in der Neuzeit auch als terminus technicus in die provinzialrömische Archäologie eingegangen. Wichtiger ist jedoch in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass man genau in dem mit burgus bezeichneten spätrömischen Festungstyp den Vorläufer der mittelalterlichen Steinburgen sehen muss. David Thoma 2017 (s.v. Burgus) weist darauf hin, dass nicht selten sogar eine unmittelbare Bebauungskontinuität in situ festgestellt werden kann:  „Oft sind diese strategisch vorteilhaft gelegenen Befestigungen  überlagert von mittelalterlichen Burgen.“

3 Zur Kontaktgeschichte der romanisch-germanischen Kognaten

Vor diesem sachgeschichtlichen Hintergrund kann der lexikologische Zusammenhang von lat. burgius/burgus (mitsamt den romanischen Kognaten fra. bourg, ita. borgo usw.) einerseits und deu. Burg  (mitsamt den germanischen Kognaten dän./schwed. borg usw.) andererseits vernünftigerweise nicht bezweifelt werden. Es wurde deshalb, von Seiten der deutschen Latinistik, versucht, den lateinischen Typ aus dem Deutschen herzuleiten, wie z.B. von Otto Seeck (1897) in der Realencyclopädie der Altertumswissenschaften:

Burgus, ein urdeutsches Wort, das allen germanischen Stämmen gemeinsam ist und sich schon in so alten Ortsnamen wie  Asciburgium  (Tac. h. IV 33; Germ. 3) findet. Die Römer haben es wohl von ihren barbarischen Grenznachbarn entlehnt; jedenfalls hat es mit dem griechischen πύργος nichts gemein.“ (1066)

Zwar hat Seeck hier die Nähe zum griechischen πύργος  ‘Turm (aus Stein)’ gesehen; einen Zusammenhang lehnt er jedoch kategorisch, ohne jegliche Begründung ab. Seine Behauptung ist umso fragwürdiger, als Seeck genau von der Bedeutung ausgeht, die sich aus der Stelle bei Vegetius ergibt (castellum parvulum, quem burgum vocant; Veg. IV, 10). Da nach Auskunft der Archäologen damit turmartige, in jedem Fall steinerne Kleinfestungen bezeichnet werden, liegt die Nähe zum griechischen Wort jedoch auf der Hand, wie er einschlägige Artikel des LSJ bestätigt:

„πύργος, ὁ, tower, esp. such as were attached to the walls of a city, Il.7.219, al., Hes.Sc.242, Hdt.3.74, al., Th.2.17, al., Plb.5.99.9, etc.: in pl., city walls or ramparts with their towers, Il.7.338, 437; in sg., ἧντ’ ἐπὶ πύργῳ 3.153, cf. 22.447; πόλιος ἣν πέρι πύργος ὑψηλός Od.6.262; πέριξ δὲ πύργος εἶχ’ ἔτι πτόλιν E.Hec.1209; πύργους ἐπὶ τῶν γεφυρῶν ἐπιστῆσαι Pl.Criti.116a.“ ( )

Das formal ähnliche und semantisch immerhin naheliegende lateinische burg(i)us könnte diese spezifischere, neue Bedeutung gut aus dem Griechischen entlehnt haben, denn die massivere Grenzbefestigung war keineswegs auf den germanisch-rätischen Limes beschränkt, sondern galt auch für den Donaulimes, wo sie sogar schon früher, unter Traian (Kaiser von 98-117 n.Chr.), durchgeführt wurde. Unabhängig von dieser relativ späten Bedeutungsentlehnung deutet die formale Ähnlichkeit der lateinischen und griechischen  Wörter auf eine gemeinsame vorindogermanische (mediterrane?) Ausgangsform hin, wie auch Kluge 2012 (s.v. Burg) im Hinblick auf die Ähnlichkeit von griech. πύργος  mit Pérgamos ‛Burg von Troja’ vermutet.

Jedenfalls war ein entsprechender, massiver Steinbautyp den Germanen vollkommen fremd; sie haben ihn ja, wie im übrigen die gesamte Steinbauweise, gerade von den Römern, oder im Fall der Goten eben von den Griechen übernommen; das gotische baurgs wird in Streitberg (1910, 18) als ‘Turm’, ‘Burg’, jedoch „häufig“ als ‘Stadt’, d.h. synonym mit griechisch πόλις glossiert; bevor die nomadisierenden Goten in Kontakt mit dem Griechentum gelangten, war auch ihnen die Steinbauweise ganz gewiss unbekannt: Die Entlehnung eines gotischen Worts dieser Bedeutung ins Griechische muss man daher ausschließen (so auch Kluge 2012). Gewiss ist der Bezeichnungstyp – umgekehrt – vom Griechischen ins Gotische gelangt. Die Goten haben sich bekanntlich recht schnell akkulturiert, wie schon ihre frühe Christianisierung zeigt.

Lat. burgus in der Bedeutung ‘kleine, turmartige Grenzbefestigung in massiver Steinbauweise’ lässt sich somit als charakteristische Bezeichnung des Lateins der spätkaiserzeitlichen Grenzgebiete charakterisieren, die als Substratentlehnung in den dialektalen Varianten von deu. Burg ‘befestiger Wohn- und Wehrbau in massiver Steinbauweise’ bzw. in den genannten Ortsnamen weiterlebt. Dieser lexikalische Typ hat sich ausgehend von den spätantiken und frühmittelalterlichen germanischen Kontaktvarietäten in andere germanische Varietäten verbreitet und wurde weiterhin ins Standarddeutsche übernommen.

Im Romanischem hat sich diese Bedeutungsvariante des Worts jedoch gerade nicht erhalten, oder besser gesagt: sie hat sich nicht über die alten Grenzgebiete hinaus verbreitet, sondern ist gemeinsam mit deren Latein untergegangenen. Die romanischen Formen, d.h. fra. bourg/ita. borgo mitsamt ihren Varianten, lassen sich dagegen problemlos an die weniger spezifische, ältere Bedeutung ‘Grenzkastell mit canaba’ anschließen, die bereits dem früh belegten burg(i)us im Namen Asciburgium zugrunde gelegen hat; es muss lediglich eine leichte Bedeutungverschiebung in Richtung ‘nicht städtische Zivilsiedlung (eventuell bei einem Kastell)’ vorausgesetzt werden. Die im FEW (15/2, 15-23) gesammelten Dialektbelege bedeuten durchweg so viel wie ‘Weiler, Markflecken, kleines Dorf mit Kirche’ usw.; eine eventuelle Befestigung ist allenfalls sekundär. Dasselbe gilt für ita. borgo, wie die alten Belege des TLIO, s.v. borgo, zeigen; sie lassen sich mehrheitlich unter den Bedeutungen ‘piccolo centro abitato’ oder, im Sinne des lat. canaba, ‘centro abitato posto all’esterno delle mura, soggetto alla giurisdizione cittadina’ zusammenfassen. 

Auch den Siedlungskomplex ‘Grenzkastell mit canaba’, auf den der Namensbeleg bei Tacitus referiert, darf man sich keinesfalls in spezifisch ‘germanischer’ Bautradition vorstellen. Denn der römische Historiograph insistiert auf der ihm fremden Tatsache, dass die Germanen weder Städte noch Steinbau kennen; als besonders auffällig erscheint ihm dabei die Tatsache, dass  die Behausungen, die Tacitus als sedes im Gegensatz zu den römischen aedificia bezeichnet, jeweils für sich stehen und einander nicht berühren.

“Nullas Germanorum populis urbes habitari satis notum est, ne pati quidem inter se iunctas sedes, colunt discreti ac diversi, ut fons, ut campus, ut nemus placuit. vicos Iocant non in nostrum morem conexis et cohaerentibus aedificiis: suam quisque domum spatio circumdat, sive adversus casus ignis remedium sive inscitia aedificandi. ne caementorum quidem apud illos aut tegularum usus: materia ad omnia utuntur informi et citra speciem aut delectationem. quaedam loca diligentius inlinunt terra ita pura ac splendente, ut picturam ac liniamenta colorum imitetur. soient et subterraneos specus aperire eosque multo insuper fimo onerant, suffugium hiemis et receptaculum frugibus, quia rigorem frigorum eius modi loci molliunt, et si quando hostis advenit, aperta populatur, abdita autem et defossa aut ignorantur aut eo ipso fallunt, quod quaerenda sunt.” (Tacitus 1914, 16)

“It is well known that none of the German tribes live in cities, that even individually they do not permit houses to touch each other: they live separated and scattered, according as spring-water, meadow, or grove appeals to each man: they lay out their villages not, after our fashion, with buildings contiguous and connected; everyone keeps a clear space round his house, whether it be a precaution against the chances of fire, or just ignorance of building. They have not even learned to use quarry-stone or tiles: the timber they use for all purposes is unshaped, and stops short of all ornament or attraction; certain parts are smeared carefully with a stucco bright and glittering enough to be a substitute for paint and frescoes. They are in the habit also of opening pits in the earth and piling dung in quantities on the roof, as a refuge from the winter or a root-house, because such places mitigate the rigour of frost, and if an enemy comes, he lays waste the open; but the hidden and buried houses are either missed outright or escape detection just because they require a search.” (Tacitus1914, 16)

Bis heute ist das typische Kennzeichen eines z.B. in Italien als borgo bezeichneten älteren kleinen Siedlungskerns die direkte bauliche Verbindung aller Gebäude zu einem einzigen Komplex. Diese sachgeschichtliche Schwierigkeit bei der Herleitung des Typs aus dem Germanischen sieht auch Kluge (2012).  Mit dem germ. Wort seien „─ da die alten Germanen keine Städte hatten ─ zunächst römische oder sonstige antike Anlagen“ bezeichnet worden (online-Ausgabe, s.v. Burg, o.S.). Wenn man sich diese Sicht zu eigen macht, müsste man davon ausgehen, dass der von Tacitus erwähnte Name des römischen Kastells auf die Entlehnung der germanischen Bezeichnung eines römischen Siedlungstyps nicht lange nach Errichtung dieser Siedlung zurückzuführen sei. Diese Annahme ist in höchstem Maße unwahrscheinlich. Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht überzeugend mit dem DELI einen “infl[usso] del germ. burgus ‚luogo fortificato’” (DELI 1988, 156) oder mit dem FEW (15/2, 21) und TLFi (s.v. bourg) eine germanisch-romanische Wortkreuzung anzunehmen.

Vielmehr lässt sich die skizzierte Wort- und Entlehnungsgeschichte abschließend wie folgt schematisieren:

Schematische Darstellung der Wortgeschichte von lat. burg(i)us


Morphologie:
Phonetik:
Rezente Entsprechung:

fra. bourg, ita. borgo u.a. (vgl. REW 1407, s.v. burgs)

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