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Tacitus: Die Wahrnehmung der Germanen durch die Römer

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Zitation: Thomas Krefeld (2018): Tacitus: Die Wahrnehmung der Germanen durch die Römer. Lehre in den Digital Humanities. Version 8 (19.06.2018, 11:55). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=54545&v=8.

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Nach der ersten konkreten Erwähnung der germani  durch Caesar () sticht besonders eine Schrift des römischen Historiographen Publius Cornelius Tacitus vom Ende des 1. Jahrhundert n. Chr. (98 n.Chr.?)  hervor, die unter dem (nicht originalen) Titel  Germania überliefert worden ist ( 1914). Ob Tacitus sein Wissen mindestens teilweise in eigener Anschauung gewonnen hat, ist unklar; jedenfalls hat er ihm bereits vorliegende (und oft nicht erhaltene) Quellen rezipiert, so dass er in gewisser Hinsicht wohl die ‚römische‘ Wahrnehmung seiner Zeit – in subjektiv wertender Perspektive – widergibt. Es werden vor allem ethnographische Informationen geliefert, deren Verlässlichkeit allerdings durchaus nicht immer garantiert ist. 

Der sprachwissenschaftliche Wert dieser Quelle ist beschränkt, denn nur sehr wenige Appellative und immerhin etliche Namen werden genannt. In onomasiologischer Hinsicht sind Tacitus‘ ethnographische Ausführungen jedoch sehr aufschlussreich.

1. Die Lokalisierung der Germanen

Tacitus lokalisiert die Germanen in weiträumiger und nach Osten hin reichlich vager Perspektive als Nachbarn der Gallier, Räter, Pannonier, Sarmaten und Daker; die Grenzen zu den drei zuerst genannten werden geophysikalisch in Gestalt der Flüsse Rhein und Donau identifiziert. Im Fall der beiden zuletzt genannten wird ein nicht näher spezifizierten Gebirge  (welches?), sowie die ‚gegenseitig Angst‘ (mutuo metu) bemüht. 

„Germania omnis a Gallis Raetisque et Pannoniis Rheno et Danuvio fluminibus, a Sarmatis Dacisque mutuo metu aut montibus separatur: cetera Oceanus ambit, latos sinus et insularum immensa spatia complectens, nuper cognitis quibusdam gentibus ac regibus, quos bellum aperuit.“ ( 1914, 1, 1) 

„Germany as a whole is separated from the Gauls and from Raetians and Pannonians by the rivers Rhine and Danube: from the Sarmatians and Dacians by mutual misgivings or mountains: the rest of it is surrounded by the ocean, which enfolds wide peninsulas and islands of vast expanse, some of whose peoples and their kings have but recently become known to us: war has lifted the curtain.“  ( 1914, 1, 1)

Das Römische Reich unter Hadrian (https://en.wikipedia.org/wiki/Sarmatians#/media/File:Roman_Empire_125.png)

Die Lokalisierung zwischen ‚Galliern‘, ‚Rätern‘ und ‚Sarmaten‘ ist insofern bemerkenswert, als dabei in einem Atemzug Gruppen genannte werden, die teils fest in das Imperium integriert waren (Galli, Raeti), teils jedoch nicht (Sarmati): Die indigene Bevölkerung Galliens und Rätiens wird also als ethnisch fremd wahrgenommen; die Germanen hätten ja explizit zwischen diesen römischen Provinzen (und nicht ihren explizit nicht römischen Bewohnern) einerseits und den Sarmaten (bzw. ihrem Land) verortet werden können. 

Die Integration in das Imperium romanum stand also keineswegs  im Gegensatz zum Weiterbestehen einer gewissen vorrömischen Identität, wie sich auch in den expliziten Ortsnamen des Typs Augusta Vindelicorum ‚die von Augustus gegründete Stadt der Vindeliker‘ (> Augsburg), Augusta Trevirorum ‚die von Augustus gegründete Stadt der Treverer‘ (> Trier) usw.   Weiterhin werden zahlreiche kleinere Stämme genannt, die auf der Karte eingetragen sind. Darunter sind einige, deren Namen sich bis in die Gegenwart erhalten haben und die unten genannt werden (→ Namen) . 

Es ist im Übrigen nicht ganz klar, wie die genannten Großgruppen eigentlich zu verstehen; von rein sprachlichen Kategorien sollte man nicht ausgehen, denn zweifellos spielt auch ein ethnisch-politisch-militärisches Prestige eine Rolle. Anders wäre es unverständlich, wenn Tacitus berichtet, dass manche der Stämme (die Treveri und die Nervii), die den Galliern zugerechnet werden, selbst gern Germani wären:

„Treveri et Nervii circa adfectationem Germanicae originis ultro ambitiosi sunt […]“ ( 1914, 18,4)

„The Treveri and Nervii conversely go out of their way in their ambition to claim a German origin […]“ ( 1914, 18,4)

Darüber hinaus spricht Tacitus an mehreren Stellen auch von Migrationsbewegungen von Germanen über den Rhein nach Westen; dabei betont er auch den damit verbundenen Identitätsverlust:

„ipsam Rheni ripam haud dubie Germanorum populi colunt, Vangiones, Triboci, 5Nemetes. ne Ubii1 quidem, quamquam Rommana colonia esse meruerint ac libentius Agrippinenses conditoris sui nomine vocentur, origine erubescunt, transgressi olim et experimento fidei super ipsam Rheni ripam collocati, ut arcerent, non ut custodirentur.“ ( 1914, 28, 5)

On the river-bank itself are planted certain peoples indubitably German: Vangiones, Triboci, Nemetes. Not even the Ubii, though they have earned the right to be a Roman colony and prefer to be called “Agrippinenses,” from the name of their founder, blush to own their German origin: they originally came from beyond the river, and were placed in charge of the bank itself, after they had given proof of their loyalty, in order to block the way to others, not in order to be under supervision.“ ( 1914, 28, 5)

Schließlich ist überhaupt mit  Unsicherheiten in der Klassifikation zu rechnen, wie  der folgende Lokalisierungsversuch der eben genannten Stämme zeigt, den die Herausgeber der zitierten Tacitus-Ausgabe in einer Fußnote anbringen:

„Vangiones: round Borbetomagus (Worms); Triboci: round Breucomagus (Brumat) and Argentoratum (Strassburg); Nemetes: round Noviomagus (Speyer). All had come across the Rhine, c. 100 b.c., and later were allowed by Julius Caesar, after his clash with Ariovistus, to settle in the Rhine valley, and became Celticized.“ ( 1914, 28, 5, Anm. 4)

Gleich vier dieser Stämme, die Tacitus als germanisch präsentiert, werden offensichtlich keltischen Ortsnamen auf –magos ‚Feld‘ (vgl. FEW 6/1, 51 s.v. magos) zugeordnet.

Weiterhin konstatiert er germanische Einwanderung in das bereits romanisierte Gallien, so dass man schon dieser Zeit nicht von homogener Bevölkerung ausgehen darf:

„Haec in commune de omnium Germanorum origine ac moribus accepimus: nunc singularum gentium instituta ritusque, quatenus differant, quaeque3 nationes e Germania in Gallias commigraverint, expediam.“ ( 1914, 27,3)

„I shall now set forth the habits and customs of the several races, and the extent to which they differ from each other; and explain what tribes have migrated from Germany to the Gallic provinces.“ ( 1914, 27,3)

Sowie nach Tacitus‘ Auskunft in Gallien auch Germanen lebten, darf man annehmen, dass in Germania superior zahlreiche (wenn nicht überwiegend) Gallier wohnten (wie z.B. die Helvetii).

2. Germanische Überlieferungstradion in römischer Sicht

Der Historiograph und Politiker (Senator) Tacitus stellt beiläufig fest, dass die Germanen über keine schriftliche Überlieferung verfügen:

„Celebrant carminibus antiquis, quod unum apud illos memoriae et annalium genus est, Tuistonem deum terra editum.“  ( 1914, 2, 3 ff.)

„Their ancient hymns—the only style of record or history which they possess—celebrate a god Tuisto, a scion of the soil.“ ( 1914, 2, 3 ff.)

Gleichzeitig – und sehr zurückhaltend im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit seiner eigenen Quellen – wird von Grabmälern mit griechischen Inschriften im rätisch-germanischen Grenzgebiet berichtet:

„ceterum et Ulixen quidam opinantur longo illo et fabuloso errore in hunc Oceanum delatum adisse Germaniae terras, Asciburgiumque, quod in ripa Rheni situm hodieque incolitur, ab illo constitutum nominatumque; aram quin etiam Ulixi consecratam, adiecto Laërtae patris nomine, eodem loco olim repertam, monumentaque et tumulos quosdam Graecis litteris inscriptos in confinio Germaniae Raetiaeque adhuc extare. quae neque confirmare argumentis neque refellere in animo est: ex ingenio suo quisque demat vel addat fidem.“ ( 1914, 2, 3 f.)

„To return. Ulysses also—in the opinion of some authorities—was carried, during those long and storied wanderings, into this ocean, and reached the countries of Germany. Asciburgium, which stands on the banks of the Rhine and has inhabitants today, was founded, they say, and named by him; further, they say that an altar dedicated by Ulysses, who coupled therewith the name of his father Laertes, was once found at the same place, and that certain barrows with monuments, inscribed with Greek letters, are still extant on the borderland between Germany and Raetia. I have no intention of furnishing evidence to establish or refute these assertions: everyone according to his temperament may minimise or magnify their credibility.“  ( 1914, 2, 3 f.)

Die Stelle ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert; sie konstruiert einerseits und ohne jede historische Fundierung einen mythischen Zusammenhang zwischen der Irrfahrt des Odysseus und der Romanisierung des Niederrheingebiets (auf die unten noch eingegangen wird); andererseits ist sie jedoch frappierend, da ja nicht nur aus Gallien, sondern gerade auch aus der nachmaligen Provinz Raetia ‚Rätien‘ gallische Inschriften in griechischer Sprache belegt sind (vgl. (Lambert & Lejeune 1994), Petersmann 2016), so z.B. in Manching (vgl. David ). Darüber hinaus wurden in Rätien etliche nicht verständliche Inschriften gefunden wurden, die in einem Alphabet verfasst sind, das von der heutigen Forschung als ‘rätisch’ bezeichnet wird und über etruskische Vermittlung ohne jeden Zweifel ebenfalls auf ein westgriechisches Alphabet zurückführt. Man kann also nicht ganz ausschließen, das die griechische Schrift in Rätien einst, und womöglich bis in römische Zeit mehr als nur ganz sporadisch gebraucht wurde.

Klarer sind die Verhältnisse in Gallien; denn noch von Septimius Severus (147-211 n.Chr.) wurde „eine Verordnung über die Gleichberechtigung des Griech., Lat. und Kelt. in der Provincia celtica (Gallien)“ (Knobloch 1996, 32) erlassen.    

2.1. Namen

Die soeben ausführlich zitierte Stelle ist auch im Hinblick auf den dort erwähnten, kompositen Ortsnamen Asciburgium von allergrößtem Interesse. Während die zweite Konstituente –burgium im Laufe der Geschichte durch phonetisch ähnliches –berg ersetzt wurde, hat sich die erste Konstituente bis in die heutige Form Asberg erhalten; der Ort gehört zu den bedeutenden provinzialrömischen Fundorten in der ehemaligen Provinz Germania inferior, die erst wenige Jahre vor der mutmaßlichen Abfassung von Tacitus‘ Schrift eingerichtet worden war (85 n.Chr.). Die Mitteilung diese Namens hatte daher womöglich eine gewisse Aktualität. Ein Blick auf die Tabula Peutingeriana zeigt übrigens, dass sich in unmittelbarer Nähe ein weiterer burgus-Name, nämlich Burginatium, das heutige Kalkar, findet.  Dass es sich dabei um denselben lexikalischen Typ handelt, der auch dem deu. Burg  zu Grunde liegt kann vernünftigerweise nicht bezweifelt werden. Man neigt daher spontan zur Annahme, schon der lateinische Ortsname sei bereits germanisch. – Diese Auffassung gilt zwar in den meisten Referenzwörterbüchern, aber sie erweist sich bei näherer Betrachtung als durchaus revisionsbedürftig (vgl. burgus).

Darüber hinaus nennt Tacitus etliche andere Stammesnamen:

„Celebrant carminibus antiquis, quod unum apud illos memoriae et annalium genus est, Tuistonem deum terra editum. ei filium Mannum originem gentis conditoresque Manno tris filios adsignant, e quorum nominibus proximi Oceano Ingaevones, medii Herminones, ceteri Istaevones vocentur. quidam, ut in licentia vetustatis, plures deo ortos pluresque gentis appellationes, Marsos Gambrivios Suebos Vandilios adfirmant, eaque vera et antiqua nomina, ceterum Germaniae vocabulum recens et nuper additum, quoniam qui primi Rhenum transgressi Gallos expulerint ac nunc Tungri, tunc Germani vocati sint: ita nationis nomen, non gentis evaluisse paulatim, ut omnes primum a victore ob metum, mox etiam a se ipsis invento nomine Germani vocarentur.“ ( 1914, 2, 3 ff.)

„Their ancient hymns—the only style of record or history which they possess—celebrate a god Tuisto, a scion of the soil. To him they ascribe a son Mannus, the beginning of their race, and to Mannus three sons, its founders; from whose names the tribes nearest the Ocean are to be known as Ingaevones, the central tribes as Herminones, and the rest as Istaevones. Some authorities, using the licence which pertains to antiquity, pronounce for more sons to the god and a larger number of racenames, Marsi, Gambrivii, Suebi, Vandilii; these are, they say, real and ancient names, while the name of “Germany” is new and a recent application.“ ( 1914, 2, 3 ff.)

Die folgende Tabelle zeigt (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) die Stammesbezeichnungen, die sich in der ein oder anderen Weise bis heute erhalten haben. In der Tatsache, dass manche heute in romanischsprachigen Gegenden lokalisiert sind, bildet sich bereits die unter dem Begriff ‚Völkerwanderung‘ zusammengefassten Migrationsbewegung der Germanen ab.

bei Tacitus erwähnte Stammesnamen mit Überlieferungskontinuität bis in die Gegenwart
Chatti (29, 1) deu. Hessen
Frisii (34) deu. Friesen
Anglii (40) eng. anglo(-saxon)
Tungri (2, 3) fläm. Stadt Tongern bei Lüttich
Chasuarii (34, 1) Fluss Hase
Suebii (38) deu. Schwaben
Langobardi (40) ita. lombardi, Lombardia
Gotones (43, 6) schwedische Insel Gotland, sowie mehrere Ortsnamen in Italien
Vandilii (2, 3), eine Variante von Vandali span. Andalucía

2.2. Appellative

Vom appellativischen Material, das sich in den Namen versteckt, einmal abgesehen, nennt Tacitus zwei echte Appellative, die er explizit germanischem Sprachgebrauch zuweist; zunächst die Bezeichnung des Kampfgesangs (baritus):

„sunt illis haec quoque carmina, quorum relatu, quem baritum vocant, accendunt animos futuraeque pugnae fortunam ipso cantu augurantur;“ ( 1914, 3, 1)

„They have also those cries by the recital of which—“barritus” is the name they use—they inspire courage; and they divine the fortunes of the coming battle from the circumstances of the cry.“ ( 1914, 3, 1)

Sodann die Bezeichnung einer charakteristischen Waffe der germanischen Krieger, eines Speers mit schmaler und kurzer Spitze (framea):

„rari gladiis aut maioribus lanceis utuntur: hastas vel ipsorum vocabulo frameas gerunt angusto et brevi ferro“ ( 1914, 6, 2)

„Few use swords or the longer kind of lance: they carry short spears, in their language “frameae,” with a narrow and small iron head,“ ( 1914, 6, 2)

Beide Ausdrücke haben sich in den romanischen Sprachen nicht erhalten.

2.3. Anthropologische und ethnographische Informationen – und ihre onomasiologische Relevanz

Es ist nicht notwendig, die detaillierten Beobachtungen zum Aussehen und zur Lebensweise der Germanen hier umfassend wiederzugeben. In methodischer Hinsicht wäre es aber vielversprechend alle Charakteristika, die Tacitus auffallen, in onomasiologischer Perspektive () zu untersuchen, wie die folgenden Bemerkungen andeuten sollen; eine wirkliche Wortgeschichte müsste historisch weiter ausholen. 

2.4. Physis

In physischer Hinsicht werden die Germanen als rotblond, blauäugig, groß und ungestüm beschrieben:

„unde habitus quoque corporum, quamquam in tanto hominum numero, idem omnibus: truces et caerulei oculi, rutilae comae, magna corpora et tantum ad impetum valida: laboris atque operum non eadem patientia, minimeque sitim aestumque tolerare, frigora atque inediam caelo solove adsueverunt.“ ( 1914, 4, 3)

„whence it comes that their physique, so far as can be said with their vast numbers, is identical: fierce blue eyes, red hair, tall frames, powerful only spasmodically, not correspondingly tolerant of labour and hard work, and by no means habituated to bearing thirst and heat; to cold and hunger, thanks to the climate and the soil, they are accustomed.“ ( 1914, 4, 3)

Zur Bezeichnung der Haarfarbe verwendet Tacitus das lat. rutilus; daneben existierte in ähnlicher Bedeutung, aber vielleicht eher für die Fellfarbe von Tieren, lat. fulvus. Trotzdem wurde anscheinend  sehr früh ein germanisches Wort entlehnt, auf das fra. blond., ita. biondo u.a. zurückgehen  (vgl. *blunda).

2.5. Ernährungsgewohnheiten und Akkulturation

Einige Nahrungsmittel und Ess- bzw. Trinkgewohnheiten werden im folgenden Abschnitt erwähnt: 

„Potui humor ex hordeo aut frumento, in quandam similitudinem vini corruptus: proximi ripae et vinum mercantur. cibi simplices, agrestia poma, recens fera aut lac concretum: sine apparatu, sine blandimentis expellunt famem. adversus sitim non eadem temperantia. si indulseris ebrietati suggerendo quantum concupiscunt, haud minus facile vitiis quam armis vincentur.“ ( 1914, 23)

For drink they use the liquid distilled from barley or wheat, after fermentation has given it a certain resemblance to wine. The tribes nearest the river bank also buy wine. Their diet is simple: wild fruit, fresh game, curdled milk. They banish hunger without great preparation or appetizing sauces, but there is not the same temperance in facing thirst: if you humour their drunkenness by supplying as much as they crave, they will be vanquished through their vices as easily as on the battlefield.“ ( 1914, 23)

Wechselseitige Akkulturation hat sich bei den alkoholischen Getränken ergeben: Das BIERBRAUEN wird als etwas Unbekanntes erwähnt; die Römer scheinen es jedoch von Galliern und Kelten übernommen zu haben, wie die nicht-lateinischen Bezeichnungen der romanischen Sprachen zeigen; sie gehen einerseits auf das gallische cervisia (vgl. span. cerveza, altfra. cervoise) und andererseits (wohl später) auf niederl. bzw. deu. Bier (vgl. ita. birra, fra. bière) zurück. Die Germanen dagegen übernehmen den WEIN (lat. vinum > deu. Wein).  Man beachte auch, die Redeweise von lac concretum, wörtlich ‚verdichtete, feste Milch‘. Hier vermeidet Tacitus den Ausdruck lat. caseus, vielleicht deshalb, weil die Germanen zwar geronnene (concretum) Milch, aber keinen mit Lab hergestellten Hartkäse kannten.

2.6. Geld

Interessant ist auch die Beobachtung eines anderen, wie man sieht sehr schnellen Akkulturationseffekts, nämlich die Übernahme des GELDES, die sich in der Entlehnung von lat. moneta > deu. Münze widerspiegelt: 

„gaudent praecipue finitimarum gentium donis, quae non modo a singulis, sed et publice mittuntur, electi equi, magnifica1 arma, phalerae torquesque; iam et pecuniam accipere docuimus.“ ( 1914, 15,3 )

„The chiefs appreciate still more the gifts of neighbouring tribes, which are sent not merely by individuals but by the community—selected horses, splendid armour, bosses and bracelets: by this time we have taught them to accept money also.“ ( 1914, 15,3 )

2.7. Stadt und Steinbauweise

Sehr auffällig erscheint Tacitus das Fehlen städtischer Lebensformen sowie der Steinbauweise (vgl. das Zitat sowie den Kommentar zu burgus). Dieser markante Unterschied hatte eine massive Akkulturation der Germanen an römisch-romanische Lebensweise zur Folge, die sich ganz deutlich in zahlreichen Entlehnungen des einschlägigen Wortschatzes niederschlägt:

deu. lat
Ziegel < tegula
Pforte < porta
Strasse < strata
Söller < solarium
Fenster < finestra
Mauer < murus
rhein. Pütt ‚Grube, Bergwerk‘ < puteus
u.a.

3. Fazit: Germania inferior, Ende 1. Jahrhundert n. Chr.

Ausgehend von 1914 lässt sich die sprachliche Situation der Germania Inferior des 1. Jahrhunderts n.Chr. unter Verwendung der Kürzel von Kloss () wie folgt schematisieren:  Auf der L-Ebene des informellen mündlichen Sprachgebrauchs koexistieren – in nicht abschätzbaren Mengenverhältnissen – Vulgärlatein, Gallisch und Germanisch. Die H-Ebene war durch das klassische Latein besetzt, das von den Sprechern des Gallischen und Germanischen als unverwandt wahrgenommen wurde. Aussagen über das Ausmass des sicherlich vorhandenen Bilinguismus oder gar über die Art des Spracherwerbs lassen sich aus dieser Quelle nicht ableiten.     

H-Ebene klassisches Latein
  ↑N↓  ↑U↓  ↑U↓ 
L-Ebene  (1) Vulgärlatein (2) Gallisch (3) Germanisch
David, Wolfgang: Boier in Bayern, Bayerische Archäologie 4, 42-48.
Knobloch, Johann (1996): Adstrate des Lateins, Lexikon der Romanistischen Linguistik. Vol. II, 1. Latein und Romanisch. Historisch-vergleichende Grammatik der romanischen Sprachen, 31-44. Tübingen.
Lambert, Pierre Yves & Lejeune, Michel (1994): La Langue gauloise. Description linguistique, commentaire d'inscriptions choisie: Collection des hespérides. Paris: Editions Errance.
Petersmann, Astrid (2016): Die Kelten. Eine Einführung in die Keltologie aus archäologisch-historischer, sprachkundlicher und religionsgeschichtlicher Sicht. Heidelberg: Universitätsverlag C. Winter.
Tacitus (1914): Germania. Cambridge, Mass.: Havard University Press: Digital Loeb Classical Library.
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