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Reflexe der Ostgoten

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Zitation: Thomas Krefeld (2018): Reflexe der Ostgoten. Lehre in den Digital Humanities. Version 8 (07.05.2018, 21:45). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=61989&v=8.

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Am 23. August 476 wählten die Soldaten des Föderatenheeres den Odoaker (433-493) zum rex1Dieser Ausdruck verliert dadurch seine negative Konnotation; vgl. Georges 1913, s.v.; dieses Ereignis markiert gewissermaßen das Ende des weströmischen Kaiserreichs. Odoaker war germanischer Abstammung und – wie es scheint – am Hofe des Hunnenkönigs Attila aufgewachsen; er wurde durch den Ostgotenkönig Theoderich eigenhändig ermordet.

Die darauf folgende ostgotische Herrschaft in Italien ist eine eher kurze, wenngleich stark nachwirkende Episode; sie steht ganz im Zeichen eben dieses Königs Theoderich (vgl. den vorigen Beitrag). 

„Zwischen seinem achten und achtzehnten Lebensjahr lebte Theoderich als Geisel am Kaiserhof zu Konstantinopel. Kurz nach seiner Rückkehr im Jahre 469 zogen die Ostgoten aus Pannonien ab und versuchten, in der Nähe Konstantinopels ein dauerhaftes Föderatenreich zu errichten. Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 474 wurde hier Theoderich zum König erhoben; doch ließ der durchschlagende Erfolg lange auf sich warten. Die Jahre von 474 bis 488 sind voller Wirren und Kämpfe, voller scheinbar sinnloser Kriegszüge durch die gesamte Balkanhalbinsel, voller leerer Versprechungen und gebrochener Verträge. Am 1. Jänner trat Theoderich in Konstantinopel den Konsulat an, wurde Heermeister und patricius und schloss im Sommer 488 mit Kaiser Zenon den folgenschweren Vertrag, wonach er Odoaker, der 476 den letzten weströmischen Kaiser gestürzt und vom italischen Föderatenheer zum König erhoben worden war, aus Italien vertreiben und dort für den Kaiser so lange herrschen sollte, bis dieser selbst ins Land käme. Dieser Vertrag bildete die | Grundlage des italischen Ostgotenreichs, der glanzvollsten, obgleich wenig dauerhaften gotischen Staatsgründung.“ (vgl. Wolfram 2002, 97 f.)

„Theoderichs italisches Reich ist das stabilere, reichere und stärkere Regnum Odoakers.“ ((Wolfram 1979), 362)

Eine dauerhafte, über seine eigen Lebenszeit hinaus reichende Vereinbarung mit dem byzantinischen Kaiser erreichte Theoderich jedoch nicht; nach seinem Tod im jahre 526 kam es bald zu militärischen Konflikten und Schon 552 starb der letzte Nachfahre im Kampf mit dem Feldherrn Narses und die gotische Episode war beendet. Die Hauptstadt des Ostgotenreichs, Ravenna, blieb auch nach dem Untergang der Goten bis 751 Hauptstadt eines byzantinischen Herrschaftsgebiets, des sogenannte Exarchats von Ravenna. Die Entstehung der Nachfolgereiche ähnelt derjenigen des westgotischen Tolosanerreichs, insofern sie sich im formalen und institutionellen Rahmen des (oströmischen) Kaiserreichs vollzog. Sowohl Odoaker als auch Theoderich „setzen […] den antiken Staat bruchlos fort“ (Wolfram 1979, 362).

1. Ein wortgeschichtlicher Reflex des politisch-gesellschaftlichen Wandels unter den Ostgoten: die Familie von lat. comes

Allerdings führte Theoderich auch Reformen und Umstrukturierung durch. Sie schlagen sich speziell in der Einführung einer Funktion nieder, die als comitiva Gothorum bezeichnet wird (vgl. key=wolfram1979 nopar=true], 262 ff. und 362 ff.). Damit wird der Status eines comes gothorum bezeichnet; diese Würdenträger „traten in beabsichtigte Konkurrenz zur römischen Beamtenhierarchie, der militia Romana“ ([key=wolfram1979 nopar=true], 362). Dadurch institutionalisiert Theoderich gewissermaßen den ethnischen Unterschied zwischen Goten und Römern, denn ein comes gotorum

„besaß militärische Aufgaben und die damit verbundenen richterlichen Befugnisse, die er in Streitfällen zwischen Goten und Römern allerdings nur unter Beiziehung rechtskundiger Römer ausüben durfte“ ([key=wolfram1979 nopar=true], 362).

Die Wortfamilie von lat. comes ‚Begleiter‘ (vgl. Georges 1913, s.v.), und ihre Kognaten spiegelt die Feudalisierung des ehemaligen Römischen Reichs im Gefolge der germanischen Eroberungen wider.

„Lt. CŎMES „ begleiter“ wird seit Konstantin als bezeichnung eines höhern kaiserlichen beamten, besonders eines mit vollmachten in die provinz delegierten verwendet. Die Merowinger und die gothischen könige behalten den titel bei. Aus dem namen des sendboten des königs wurde dann später, mit der entw. des feudalwesens, ein adelstitel. Ausser dem gallorom. (oben I 1) noch kat. sp. pg. conde. lt. conte ist wahrscheinlich aus dem fr. entlehnt, was sich aus der synkopierten form und aus der tatsache, dass der titel im Langobardenreich sozusagen unbekannt war, ergibt, Bezzola. Weiter aus dem fr. entlehnt e. count, bret. kont […]“ (FEW 2, 941, s.v. comes)

Interessant ist vor die vergleichende Betrachtung von dux und comes.

„Im spätantiken Latein bedeuten comes und dux höchst verschiedene Gewaltträger. Grundsätzlich ist ein Dux ein Heerführer, ein Comes der Begleiter oder Mitglied der Umgebung eines Herschaftsinhabers oder Magistrats. Ein gentiler Dux führt die Krieger, und sie folgen ihm als seine Comites, als sein Comitatus.“ (Wolfram 1979, 262)

Wenn jedoch comites auch als militärische Kommandanten eingesetzt wurden, übernahmen sie gleichzeitig die Funktion des dux. Im Westgotenreich ergab sich der Doppeltitel comes et dux (262); im Ostgotenreich dagegen der sehr hohe Titel eines comites rei militaris (Wolfram 1979, 263).

Es ist nun naheliegend, ita. comitato ‚territorio di giurisdizione‘ und ‚Ausschuss; Gruppe mit politischer, administrativer oder ähnl. Funktion‘ direkt auf die lateinische Verwaltungssprache der Goten zurückzuführen, auf comitatus ‚Personen der ständigen Umgebung des Königs (Wolfram 1979, 365) , wie es auch Treccani für die erste Bedeutung ohne expliziten Bezug auf die Goten andeutet.

„comitato1 s. m. [dal lat. comitatusus (v. comitatus), nel sign. mediev.]. – Contea, territorio di giurisdizione di un conte. Il termine è talvolta ancora usato per indicare le divisioni amministrative di alcuni paesi.“ (Treccani, s.v. comitato1)

Wieso Treccani (s.v. comitato2) im Fall der zweiten Bedeutung grundsätzlich an Entlehnung aus dem Fra. (und dort aus dem Eng.) denkt, ist nicht einsichtig.

In spezifisch ostgotisch-lateinischer Tradition ist ita. comitiva zu sehen:

comitiva s. f. [dal lat. mediev. comitiva; cfr. il lat. tardo comitivus «pertinente al comes, cioè al conte»]. – 1. letter. Insieme di persone che accompagnano un personaggio di riguardo: la c. del principe; la c. si mosse quando l’innominato fu anche lui a cavallo (Manzoni). 2. Gruppo di amici, compagnia di persone che si recano insieme in qualche posto, per una gita, un viaggio, un’escursione, o per altri motivi: una c. di gitanti, di turisti; viaggiare, fare una gita in c.; unirsi alla comitiva; anche con riferimento a un gruppo di amici che si frequentano assiduamente: è uscito con la c.; non fa parte della loro c.; al suo matrimonio ha invitato tutta la comitiva.“ (Treccani, s.v.)

Schließlich gehört auch ita. comito ‚Schiffsoffizier, -kommandant‘ hierher (vgl. Treccani s.v.):

„| […] In den it. hafenstädten (Genua, Venedig) erhält comito (mit dekl. wechsel), das eher aus der mlt. urkundensprache übernommen als erbwörtlich ist, die bedeutung ‚kommandant einer galeere‘. […] Im it. ist schon im 14 jh. die weibliche form des zu COMES gehörigen adjektivs comitivus als subst. aus dem lt. entlehnt worden, wobei, wohl aus *schiera comitiva, die bed. ‚begleitung, schar von begleitern‘ sich ergab.“ (FEW, s.v. comes, 2, 942)

Das folgende Schema zeigt eine mögliche sprachgeschichtliche Entwicklung von lat. comes und einiger lat., bzw. romanische Ableitungen.

Wortgeschichte von lat. comes

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die mutmaßliche fra. Entlehung ita. conte ‚Graf‘ semantisch direkt auf die mutmaßlich erbwörtliche Form comitato ‚Grafschaft‘ bezogen ist

Die Bedeutungsentwicklung von dux (Georges s.v.) hat sich dagegen im fränkischen und norditalienischen Kontext unterschiedlich entwickelt (vgl. FEW 3, 196 s.v. dux), wie der Adelstitel fra. duc ‚Herzog‘ einerseits und andererseits ita., d.h. venezianisch, doge zur Bezeichnung des vor allem politischen, wenngleich auch militärischen Führungsamts der Stadtrepublik Venedig zeigen. Ita. duce ist wohl eine bereits ältere latinisierende Bildung, auf die dann der Faschismus zurückgegriffen hat; durch die Nationalsozialisten wurde der Ausdruck ins deu. Führer lehnübersetzt.

2. Entlehnungen

Der eher maximalistisch vorgehende Ernst Gamillscheg nennt 70 ostgotische Lehnwörter im Italienischen; darunter „findet sich kein einziges, das den offiziellen, fränkisch-mittellateinischen Ausdrücken Galliens entspräche“ ( , 27). Diese Bemerkung, die einen ganz schwachen Einfluss auf das Romanische andeutet, soll nun im Hinblick auf die eben genannten, gotisch induzierten Veränderungen des Lateinisch-Romanischen konkretisiert werden. Hier die Liste (vgl. , 16-24), die durch einen roten Asterisk (*) ergänzt wurde, da das Wort im Wörterbuch zur gotischen Bibel von Streitberg 1910 nicht verzeichnet ist:

got. *aifrs, *anahaspan, *aska, *baúrtils, *bautan, bauþs, *bêga ‚Streit‘, *blauþs, *blaus ‚entblößt‘, *branda ‚Feuerbrand‘, *breuwan ’sieden, brauen‘, *brid ‚Brett‘, *brigdil ‚Zügel‘, *brunsts ‚Brandopfer‘, *faúrhs ‚Ackerfurche‘, *flaskô ‚Flasche‘, gaits ‚Ziege‘, *gauma ‚Kropf‘, *greut ‚Sand, Kies‘, *grimms | *grimmjan | *grimmiþa ‚Zorn | zornig sein‘, haifsts ‚Streit‘, *hakiljan ‚hecheln‘, *hranka | hrankjan ‚Ranke | ranken‘, *hriggs ‚kreisförmige Versammlung der zum Gericht Geladenen‘, hrugga ‚Stab‘, *kausjan ‚prüfen‘, *kluba gespaltener Zweig‘, *krampa ‚Eisenhaken‘, *kripja ‚Krippe‘, *krûski ‚Kleie‘, *laubja ‚Laubhütte‘, *lausjan ‚abgespannt sein‘, *malwjan ‚zermalmen‘, *mulma ‚Verwitterung, Schlamm‘, *nastilo ‚Bandschleife, Nestel‘, *rappa ‚Krätze, Räude‘, *raupa | raupjan ‚wirrer Haufen | ausraufen‘, *rausa ‚Kruste‘, *raþjan ‚reden‘, *ribja ‚Rippe‘, *rigilô ‚Strick‘, rikan ‚aufhäufen‘, *siurjo ‚Krebsmilbe‘, *skaírpa ‚Gerät, Ausrüstung‘, *skeitan ’scheißen‘, skôhs ‚Sandale‘, *slaufa Fruchthülse, Hülse‘, *slimbs ’schief‘, skarjiþ ‚herausgerissen‘, *slipjan ‚entschlüpfen‘, *slîtjan ‚zerreißen spalten‘, *smaltjan ‚zerfließen lassen‘, *smikwa ‚Schminke‘, *snippa ‚Schnepfe‘, *stîga ‚Steige‘, *stika ‚Stecken‘, *skarda ‚Scharte‘, *skrapa ‚Halt, Stütze‘, *stanga ‚Stange‘, *strappôn ’straff anziehen‘, *straupjan ‚abstreifen, schinden‘, *stuggs | *stuggjan ‚Stich | stechen‘, *taddora ‚Zottel, Flausch‘, *tâhanjan zu *tahu ‚zäh‘, *taujan ‚tun, wirken‘, *tilôn ’sich beeilen‘, þriskan ‚dreschen‘, *wadjôn | gawadjôn ‚verloben‘, *wainôn ‚weinen‘, *wrôtjan | *gawrôtjan ‚wühlen (vom Schwein)‘.

Nur sieben, farblich hervorgehobene Ausdrücke sind im Lexikon der gotischen Bibel (vgl. Streitberg 1910) verzeichnet.

3. Plausibilitätskriterien für kontaktinduzierten Sprachwandel

Sprachwandel ist diachrone Variation, die mit synchroner Variation beginnt2Das heißt natürlich nicht, dass synchrone Variation immer Wandel mit sich bringt; denn viele Varianten setzen sich nicht durch und verschwinden wieder., wie die folgende Abbildung schematisiert; im Fall von B kann es sich um ein vollständiges sprachliches oder aber nur um eine Form (signifiant) bzw. eine Funktion handeln; ‚Funktion‘ ist weitem Sinn von Zeicheninhalt (signifié), das heißt als Oberbegriff für grammatische und lexikalische Bedeutung gemeint:

Diachrone Variation (B anstatt A) resultiert aus synchroner Variation (A+B)

Im Fall kontakinduzierter Variation müssen die sub- und superstratalen Relationen der diachronischen Perspektive konsequenterweise als synchrone Adstratrelationen reinterpretiert werden; A und B gehören dann zu unterschiedlichen Sprachen, oder Dialekten. Allerdings ist die Zuweisung einer neuen Variante (B) zu einer anderen Sprache keineswegs immer evident; es ist in der Regel vielmehr riskant, ein sprachliches Zeichen oder auch nur seine Ausdrucks- bzw. Inhaltsseite auf Sprachkontakt zurückzuführen, denn ein ‚Beweis‘ im strengen Sinn kann oft nicht geführt werden. Deshalb ist es aber sehr wichtig, Plausibiltätskriterien zu formulieren. Die die erste und wichtigste Frage der historischen Sprachwissenschaft gilt der Dokumentation der Koexistenz der Varianten (Abbildung: SYNCHRONIE 2):

  1. Sind A und B charakteristisch für bestimmte Verwendungsweisen (Textgattungen) oder können beide gemeinsam, im selben Dokument, auftreten?
  2. Können wir etwas über die Schreiber und/oder Verfasser erfahren?
  3. Ist die Sprache, auf die man die ’neue‘, kontaktverdächtige Variante (in der Abbildung B) zurückführt, bekannt oder womöglich nur rekonstruiert (hypothetisch)?
  4. Ist die kontaktverdächtige Variante in der Kontaktsprache belegt oder nur rekonstruiert?
  5. Schließlich erhebt sich auch die Frage nach der sozio-kulturellen Kontextualisierung: Ist der mutmaßliche Kontakteinfluss plausibel vor dem Hintergrund dessen, was über kulturelle Techniken bzw. spezifische Lebensräume der Sprechergemeinschaft bekannt ist; hier spielen unter und soweit Umständen auch religiöse Traditionen eine Rolle.

Wenn man nun diese Kriterien auf die von Gamillscheg identifizierten, vermeintlich ostgotischen Entlehnungen bezieht, ergibt sich die folgende Skizze:  Das Gotische ist im wesentlichen bekannt wegen der (teilweisen) Bibelübersetzung (Kriterium iii); der daraus bekannte Wortschatz wurde von Streitberg 1910  in Form eines exhaustiven Wörterbuchs zugänglich gemacht. Von den von Gamillscheg als vermeintlich gotisch identifizierten Wörtern finden sich lediglich sieben im belegten bibelgotischen Wortschatz wieder  (Kriterium iv) – der Rest ist Rekonstruktion. 

Das Kriterium v ist in zweierlei Richtung zu sehen, denn Wörter lassen sich nicht nur kulturell kontextualisieren. Sprachliche Befunde können ihrerseits auch zur Rekonstruktion oder wenigstens zur Annahme bestimmter kultureller Techniken beitragen. Idealerweise ergänzen sich sprachbezogenes und anderes kulturelles Wissen.

Bisweilen entziehen sich sprachlich eindeutige Gegebenheiten auch einer klaren Einbettung in kulturelle Kontexte, da es gegenläufige Entlehnungen gibt, oder die Herkunft bzw. der Entlehnungsweg ganz unklar bleibt. So könnte man etwa in  *anahaspan und *hakiljan ‚hecheln‘ einen Hinweis auf eine besondere Entwicklung der Textilerzeugung im germanischen Kulturkreis sehen. Aber das bereits sehr alte und sehr einfache Gerät, auf das beim Spinnen die unverarbeiteten Fasern gesteckt werden () passt dazu überhaupt nicht. Für dieses Gerät gibt es im deu. mehrere Bezeichnungen von denen Rocken und Kunkel am weitesten verbreitet sich: Beide Wörter sind laut Kluge 2012 lateinisch-romanischer Herkunft, was eben für Übernahme des Instruments aus dem romanischen Kulturraum spricht:

„Rocken. Sm ‛Spinnstab’ erw.obs.(9. Jh.), mhd.rocke, ahd.roc(ko), mndd.rock(en), mndl.rock(en). Vermutlich entlehnt aus einem aus romanischen Wörtern (span.ruecaf. usw.) zu erschließenden früh-rom.*roticaRocken’; ‛Stange, um die etwas gewunden wird’. Dieses zu l.rotāre ‛drehen, schwingen’ und l.rotaf. ‛Rad’. Eine entsprechende Entlehnung in anord.rokkr. Die niederdeutsche Entsprechung Wocken scheint ganz abzutrennen zu sein.“ ( , Online-Ausg. über UB LMU, o.S.)

Kunkel. Sf ‛Spinnrocken’ per. arch. (9. Jh.), mhd. kunkel, ahd. konacla, klonacla, kuncula. Entlehnt aus l. conucula, zu l. colus ‛Spinnrocken’ (mit Dissimilierung ─ kaum von l. conus ‛Kegel’ abhängig). “ ( , Online-Ausg. über UB LMU, o.S.)

Beide Worttypen finden sich auch in der Romania, z.B. in Italien; in der Romanistik wird rocca meist als Germanismus gedeutet (Treccani s.v.), conocchia dagegen genau so wie Kluge vorschlägt; (Treccani s.v.); diese Interpretation wird jedoch auch durch die räumliche Verteilung nicht wirklich bestätigt, da rocca zwar vor allem im Süden und in der Mitte gilt, jedoch auch im äußersten Süden durchaus vorkommt (vgl. NavigAIS Karte 1502).

Als äußerst problematisch ist der abschließend der Versuch Gamillscheg zu sehen, aus den Bedeutungen der genannten Gotismen das folgende Fazit abzuleiten:

„Wir haben also die Quelle der ostgotischen Reliktwörter in dem Wortschatz der unteren Schichten zu suchen, die auf italischem Boden eine neue Heimat der Arbeit suchten und fanden. Dabei wiederholen sich ziemlich genau die Begriffskreise, die wir bei den Franken und Westgoten beobachteten und bei den Langobarden wiederfinden werden. Die größte Gruppe bilden die Ausdrücke der starken seelischen Erregung, Adjektiva und Verba. Eine Eigenschaftsbezeichnung wie aifrs, bauþs, blauþs, grimms, skarjiþ hat Gefühlswerte, die für die Goten keine der romanischen Entsprechungen besitzt. Diese Affektwörter werden also in romanischer Form von den Goten beibehalten, wenn sie sich des Romanischen bedienen, und schließlich von den Romanen übernommen. Affektstarke Wörter sind auch die Ausdrücke für Streit und Lärm, wie haifsts, bêga, hriggs, malwjan ‚zermalmen‘, straupjan, ’schinden‘. Das gotische raþjan ‚reden‘ wird dem vornehmeren paraulare gegenüber zum ‚Schreien‘, gotisches wainôn ‚weinen‘ zum ‚Winseln‘. Diese Bedeutungsverschlechterung ist die Begleiterscheinung der Einstellung der romanischen Bevölkerung zum Gotentum.“ (Gamillscheg 1934-1936 II, 28)

Gamillscheg, Ernst (1934-1936): Romania germanica. Sprach-und Siedlungsgeschichte der Germanen auf dem Boden des alten Römerreichs, voll. 3. Berling and Leipzig: de Gruyter.
Kluge, Friedrich & Seebold, Elmar (2012): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin.
Streitberg, Wilhelm (1910): Die Gotische Bibel. Zweiter Teil: Gotisch-griechisch-deutsches Wörterbuch. Heidelberg: Carl Winter, http://www.wulfila.be/lib/streitberg/1910/.
Wolfram, Herwig (1979): Geschichte der Goten. München: Beck.
Wolfram, Herwig (2002): Die Germanen (1995). München: CH Beck.
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