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Romanisches Substrat: Makroskopie und Mikroskopie (im Karwendel)

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1. Makroskopie: Romania submersa

Im Zusammenhang mit den frühen Entlehnungen aus dem Lateinisch-Romanischen ins Germanische () wurde bereits darauf hingewiesen, dass zahlreiche Ausdrücke der deutschen Standardsprache aus dem Lateinisch-Romanischen stammen und die Aufgabe der wortgeschichtlichen Forschung darin besteht, das jeweils spezifische Szenario der Entlehnung und ihrer Verbreitung herauszuarbeiten. Ein prototypischer Verbreitungsweg führt in die west- und süddeutschen Gebiete mit lateinisch-romanischem Substrat, also in einen Teil der Gebiete, die als Romania submersa (‚untergegangene Romania‘) bezeichnet werden.

Romania Submersa (im östlichen Mittelmeerraum konnte sich das Lateinische nicht gegen das Griechische durchsetzen)

Die ältesten Entlehnungen sind also Relikte (oder: Substratelemente), die im Verlauf der Germanisierung aus dem Lateinisch-Romanischen der germanisierten Gebiete übernommen wurden; sie sind Zeugnisse einer mehr oder weniger verbreiteten Zweisprachigkeit, denn die Germanisierung ist gewissermaßen die zweisprachige Übergangszeit zwischen älterer lateinisch-romanischer und jüngerer germanischer Einsprachigkeit.

‚Germanisierung‘: eine Phase zu- und wieder abnehmender Zweisprachigkeit

Eine präzise Verortung im heute deutsch- bzw. niederländischsprachigen Teil der Romania submersa ist jedoch zumal dann, wenn die zweite Lautverschiebung () nicht bemüht werden kann, nicht immer leicht und bisweilen wohl auch unmöglich. Andere Fälle sind jedoch klar, so zum Beispiel die Bezeichnung von Konzepten/Referenten, die nur in einer bestimmten Gegend vorkommen. Gut aufgearbeitet wurde der starke Beitrag des so genannten Moselromanischen zur Terminologie des Weinbaus an der Mosel (vgl. Jungandreas 1979 sowie Rudolf Post 2004) und ähnlich auch im Kaiserstuhl (vgl. Kleiber 1980).

Von besonderem Interesse ist aber auch der heute alemannisch/bairische Alpenraum, da er sich einerseits durch spezifische Lebensbedingungen auszeichnet und andererseits in manchen Gebieten eine romanische Kontinuität bis in die frühe Neuzeit erkennen lässt, so wohl im südlichen Vorarlberg bis ins 16. Jahrhundert (vgl. Bundi 2008, s.v.) und im Vintschgau bis ins 17. Jahrhundert (vgl. Bundi 2014, s.v. ). Es ist ja von vornherein klar, dass eine romanische Bezeichnung für typisch alpine Konzepte, wie z.B. im Fall von deu. Gletscher für EISFLÄCHE IM HOCHGEBIRGE, DIE DEN SOMMER  ÜBERDAUERT, da entlehnt wurde, wo dergleichen existiert, d.h. in den Alpen, genauer: am Alpenhauptkamm. Dazu schreiben Kluge/Seebold:

„Gletscher, Sm std. (16. Jh.), Entlehnt aus schweizerdeutschen Mundartwörtern, die auf spl. glaciārium n., einer Ableitung von spl. glacia f. ‛Eis’, aus l. glaciēs f. zurückgehen.“ (Kluge 2012, online, o.S.)

Dieser lapidare Satz aus dem Etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache ist insofern zu präzisieren, als die „schweizerdeutschen Mundartwörter“ keineswegs als „spätlateinische“ Entlehnungen anzusehen wären, sondern – abgesehen von der Verschiebung des Wortakzents auf die erste Silbe – exakt den Lautstand bünderromanischer Formen widerspiegeln, die ihrerseits das Spätlateinische fortsetzen: mit anlautendem , dem Affrikat [-tʃ-], der in der nachfolgenden Karte als [ć] transkribiert ist, und auslautendem [-r], wie der Ausschnitt aus AIS 426a zeigt (Screenshot aus NavigAIS).

Ausschnitt aus AIS 426a, GLETSCHER (zur Orientierung: P7 = Ardez/Unterengadin – P312 = Wolkenstein/Dolomiten)

1.1. Vom Appellativ zum Toponym

Grundsätzlich sagt die Herkunft eines entlehnten Worts gar nichts über seine Verankerung im Wortschatz der entlehnenden Sprache, bzw. des entlehnenden Dialekts aus. Falls ein entlehntes Wort wieder verschwindet, können zwar in Ausnahmefällen systematische, meist sprachpolitische Kampagnen dahinterstehen, wie etwa im italienischen Faschismus und im Fall der französischen Terminologiekommissionen, die systematisch Ersatzwörter für Anglizismen erarbeiten; aber in der Regel finden sich dafür ganz andere Erklärungen: So werden nur lokal entlehnte Wörter nicht selten durch regional weiter verbreitete, synonyme Konkurrenzwörter verdrängt; andere gehen unter, weil die bezeichnete Sache keine Rolle im Alltagsleben mehr spielt.

Eine im Zusammenhang mit Substratentlehnungen wichtige Rückzugsstufe besteht im Erhalt eines Worts als nicht mehr motivierter Ortsname. Ein Beispiel ist der Typ Staf(f)el ‚einfaches Almgebäude‘, der in der alemannischen Schweiz (im Berner Oberland) verbreitet ist (vgl. Karte) und der sich auch im romanischsprachigen Alpengebiet in dialektalen Varianten von fra. étable ‚Stall‘, ita. stabbio ‚Pferch, Stall, Mist‘, bündnerrom. stavel ‚Almgebäude‘  wiederfindet. Alle Bezeichnungen sind Kognaten von lat. stabulum ‚Aufenthaltsort; spez. auch Stall‘ (vgl. Georges s.v.). Im Bairischen scheint das Wort nicht mehr gebraucht zu werden, aber wir haben den Staffelsee, einen Berg Staffel mit einer Alm bis zum Gipfel so in Vorarlberg die Staffelalpe, als charakteristische Hybridform, in der die zweite Konstituente (Alpe) die synonyme erste, aber nicht mehr verstandene (Staffel) übersetzt.

bair. Staffel – ein Relikt von rom. stavel (< lat. stabulum) in Ortsnamen

Ähnlich verhält es sich mit den Varianten Gufel/Kofel, die ebenfalls fast nurmehr als Namen erhalten sind; gelegentlich taucht dialektales Gufel noch in der Bedeutung ‚Felshöhle‘ auf, die dem bündnerom. cuvel ‚Höhle‘ entspricht; Etymon ist lat. cubulum ‚Lagerstätte für Vieh‘ (< cubare ‚liegen‘; ). 

Onomastische Befunde, speziell in der Toponomastik, sind für die Einschätzung einer den Sprachwechsel überdauernden siedlungsgeographischen Kontinuität deshalb von grundlegender Bedeutung (vgl. im Blick auf die Alpen schon Steub 1867 und Greyerz 1933). Hier sind zwei semantische Typen zu unterscheiden: Auf der einen Seite werden antike Formen aus Substratsprachen übernommen, „-[j]ene oft unangenehmen Verräther anderer Zeiten“, wie Steub (1867, 142) süffisant sagt. Ihre Freilegung muss die Regelmäßigkeiten der historischen Phonetik beachten und gleichzeitig mit vielfältigen Ausnahmen rechnen, die oft durch volksetymologische Remotivation bedingt sind. Auf der anderen Seite gibt es ‘sprechende‘ Namen, mit denen die Sprecher der Substratsprachen explizit benannt wurden, wie zum Beispiel in den alemannischen und bairischen Namen mit der Basis wal(l)-, walch-, welsch- ‘romanisch‘ (vgl. die klassische Arbeit von Ernst Schwarz 1970). Die Vorgehensweise kann aus zwei entgegengesetzten Perspektiven erfolgen; ausgehend von antiken Belegen (in Itinerarien, auf Meilensteinen u. a.) können jüngere oder aktuelle Entsprechungen gesucht werden, oder aber in gegenläufiger Richtung können für aktuelle Formen Etyma in Gestalt antiker Belege oder sprachwissenschaftlicher Rekonstruktionen identifizieren werden. Die erstgenannte Perspektive ist wegen der überschaubaren Inputdaten zweifellos einfacher, denn sie liefert einen Grundbestand von meist gut lokalisierbaren römischen Namen, der systematisch abgearbeitet werden kann; die wichtigste Quelle ist die sogenannte Tabula Peutingeriana (vgl. Karte). Weitaus anspruchsvoller und auch erheblich aussagekräftiger ist die Rückperspektive. Hier fehlt es weithin an den Voraussetzungen für eine erfolgreiche großräumige Arbeit; viele Gebiete sind namenkundlich nicht, jedenfalls nicht digital erschlossen, da weder die rezenten dialektalen Varianten noch frühe Belege vorliegen. Immerhin ist mit dem Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung ein vielversprechender Anfang gemacht worden.

Neben den Siedlungsnamen im engeren Sinn ist gerade die Dokumentation von Flurnamen (etwa von Bergen und Almen) wichtig, da sie Rückschlüsse auf die kontinuierliche Nutzung des Geländes erlaubt, wie im Folgende skizziert werden soll.

In seiner Studie zur frühmittelalterlichen Besiedlung des südlichen Oberbayern und der sich anschließenden Tiroler und Salzburger Gebiete schreibt Franz Weindauer über das Ergebnis einer umfassenden Auswertung der archäologischen Funde:

„Der Abgleich mit den Ergebnissen der Ortsnamenkunde und der Patrozinienforschung hat ergeben, dass erneut die bereits in spätrömischer Zeit besiedelten Regionen stichhaltige Hinweise auf romanisches Leben im Frühmittelalter liefern. Dazu zählen in erster Linie das Ammerseegebiet, das Werdenfelser Land, das östliche Chiemseegebiet und der Rupertiwinkel, aber beispielsweise auch die Region um das Mangfallknie, um Rosenheim und um den Starnberger See.“ (Weindauer 2014, 249)

Dabei orientiert sich die Verteilung der archäologischen Fundorte im alpinen Teil seines Untersuchungsgebiets ganz offenkundig an den Passwegen, also etwa an der Brennerroute, die sich in Innsbruck (von Süden aus gesehen) in einen westlichen Zweig (über den Seefelder Sattel, Mittenwald, Partenkirchen nach Augsburg) und einen östlichen Zweig (den Inn abwärts) teilt.

2. Mikroskopie: das Karwendel

Weniger vorhersehbar und daher umso aufschlussreicher für die regionale Sprachgeschichtsschreibung ist jedoch ein Blick in das Gebiet im Winkel der beiden genannten Routen, insbesondere in das Karwendelgebirge, das genauer eingegrenzt zwischen der ersten Verbindung und der wohl auch benutzten Route, die am Achensee vorbei führt, liegt. Dieses Gebiet ist topographisch unübersichtlich, und erscheint siedlungsgeschichtlich auf den ersten Blick abgelegen, da keine durchgehenden Nord-Süd- bzw. Ost-West-Täler vorhanden sind (); in letzter Zeit rückt es allerdings ins Blickfeld der Archäologen (vgl. Nicolai erscheint)

Karwendel: historischer Rahmen der Toponomastik

Allerdings muss vorher ein methodisch wichtiger, doppelter Vorbehalt angemeldet werden: Alte Namenformen sind ebenso wenig verfügbar wie die Dialektformen; selbst die Betonung lässt sich der hochsprachlichen Form nicht mit Sicherheit entnehmen (Grámai oder Gramái, Láfatscher oder Lafátscher u.a.). Zur Erhebung der dialektalen Toponomastik wäre die Einrichtung eines Citizen Science-Projekts () zu erwägen.

Im Folgenden werden die auf der nächsten Karte zur Orientierung identifizierten Namen kurz besprochen:

Einige Karwendelnamen

2.1. Namenerklärung aus dem lateinisch-romanischen Substrat

Einen Nachweis der historischen Abkunft eines Namens aus dem lateinisch-romanischen oder gar aus einem vorrömischen Substrat darf man im strengen Sinn nicht erwarten; allerdings gibt es sehr wohl unterschiedliche Grade der Plausibilität und damit der Wahrscheinlichkeit. Ausgehend vom Vorhandensein deutscher Entsprechungen (mit germanischer Etymologie) und romanischer Entsprechungen (mit lateinischer oder vorrömischer Etymologie) ergeben sich vier Validitätsstufen (1 > 2 > 3 ), die in sich jeweils durch die Häufigkeit von Parallelbelegen in der Toponomastik des romanischen Alpenraums abgestuft werden können; als Quelle romanischer Evidenz wird hier – sozusagen vorläufig – nur die romanische Schweiz und insbesondere Graubünden nach Maßgabe des Portals ortsnamen.ch zu Grunde gelegt:

  1. Die verlässlichste Gruppe kann mit zwei Kriterien bestimmt werden:
    • Ein einfacher, d.h. weder zusammengesetzter noch mit einer Endung abgeleiteter Name oder aber eine Konstituente, die mit einem deutschen Wort zusammengesetzt ist, lassen sich aus dem Deutschen nicht befriedigend erklären;
    • es gibt formal hinreichend ähnliche und semantisch  einleuchtende Entsprechungen im heute romanischsprachigen Alpengebiet.   
  2. Unsicherer sind Namen, die
    • zwar formal, aber ohne semantisch große Plausibilität aus dem Deutschen hergeleitet werden können und für die es gleichzeitig 
    • formal und semantisch hinreichend ähnliche Entsprechungen im heute romanischsprachigen Alpengebiet gibt.
  3. Am problematischsten sind die Namen, für die es
    • weder Entsprechungen im Deutschen,
    • noch im heute romanischsprachigen Alpengebiet gibt, so dass lateinische bzw. vorrömische Ausgangsformen angenommen werden müssen, die sich im Romanischen der Alpen nicht erhalten haben und die sich womöglich auch nirgendwo sonst in der Romania finden lassen.

Rekonstruktionen der 3. Kategorie sollten unbedingt vermieden werden. 

2.1.1. Validitätsstufe 1: 

  • Juifen

Vernünftigerweise nicht zu bezweifeln ist die romanische Herkunft des Bergnamens Juifen; dazu gibt es etliche romanische Parallelen in Gestalt der Varianten Juf  (auf ortsnamen.ch 4 mal) und giuv (15 mal). In Südtirol gibt es den  Jaufenpass – alle genannten Formen gehen auf lat.  iugum ‚Joch‘ zurück (vgl. Georges s.v.) . 

Wenig östlich vom Juifen liegt der Berg Guffert, dessen Name zu den Varianten Juferte im Berner Oberland (ortsnamen.ch s.v.gestellt werden können. Eine sorgfältige Analyse würde noch erheblich mehr zu Tage fördern. Man beachte beim letzten Beispiel den deutlich nicht mehr lateinischen, sondern romanischen Lautstand des in den Auslaut kommenden Konsonanten (-g- > -v-, -f) sowie den Anlaut, der sich wiederum genau an die unterengadine, d.h. inntaler Formen anschließt (auf der Karte P 7, P 9), und nicht etwa an die dolomitenladinischen, die mit [ʒ] (in der Karte als [ž] transkribiert) beginnen (auf der Karte z. B. P 305).

Ausschnitt aus AIS 1240 GIOGO, JOCH (zur Orientierung: P7 = Ardez/Unterengadin – P312 = Wolkenstein/Dolomiten)

Juifen wurde nach Aufgabe der Zweisprachigkeit nicht mehr verstanden und deshalb auch nicht durch Joch ersetzt, das in zahlreichen anderen Namen von Karwendelbergen erscheint; ob es dort als Lehnübersetzung anzusehen ist, kann nicht definitiv entschieden werden. Dafür spricht immerhin, dass das lat. iugum sowohl ‚Joch‘ als auch ‚Gebirge‘ bedeutet (vgl. Georges s.v.), während weder engl. yoke (nach Auskunft des Oxford English Living Dicionary) noch schwed. ok (nach Auskunft des Svenka Akademiens Ordbok) für Landschaftsformationen gebraucht werden. 

  • Larchet

Die Erklärung von Larchetalm ist leicht; zugrunde liegt die lateinische Bezeichnung der LÄRCHE (Akkusativ laricem zu larix), in Verbindung mit dem Suffix -etum, also laricetum ‚Lärchenwald‘. Die bündnerromanische Entsprechung laret ist als Ortsname gut belegt (48 mal in ortsnamen.ch).

  • Pleisenspitze

Sehr klar ist auch die Herleitung von Pleisenspitze; die erste Konstituente gehört vorröm. *blese ’steile Grashalde‘. Die bünderromanischen  Varianten blaisch, blais, bleis, bleisa  (vgl. [[Bibl:DRG]] 2, 373) sind in der Toponymie sehr gut belegt (Blaisa 4 mal in Samnaun; Blais 107 mal in GR; Pleise 1 mal im heute verdeutschen Gebiet Graubündens).

  • Hochgleirsch

Die Herleitung von Gleirsch aus lat. glarea ‚Kies‘ + –iciu mit der üblichen Verlagerung des Akzents auf die erste Silbe ist zwar phonetisch unproblematisch und semantisch auch passend; allerdings finden sich nur wenige romanische Entsprechungen; immerhin belegt ortsnamen.ch den bündnerrom. Ortsnamen Glaretsch in Disentis (und im heute alemannischen Pfäfers im Churer Rheintal.

  • Lafatscher

Auch die Herleitung dieser Form, die Almen (Lafatscher Hochleger, L. Niederleger) und Berge (Kleiner L., Großer L.bezeichnet, ist phonetisch überzeugend: Zu Grunde liegt die romanische Bezeichnung einer ganz charakterischen Pflanze der Almweiden, nämlich des Alpenampfers, also bündnerrom. lavazzas (3 mal in ortsnamen.ch) bzw. lavazas [1 mal] und lavattas [1 mal]; in diesem Fall liegt jedoch die dolomitenladinische Variante lavać näher, wie der folgende Kartenausschnitt zeigt; alle Formen gehen auf lat. lapathium ‚Sauerampfer‘ zurück (vgl. Georges s.v.):

Ausschnitt aus AIS 629 RUMEX ALPINUS, ALPENAMPFER (zur Orientierung: P7 = Ardez/Unterengadin – P312 = Wolkenstein/Dolomiten)

 

  • Vereiner Alm

Dieser Name findet drei direkte Entsprechungen in Graubünden (Vereina 2 mal im heute deutschsprachigen Teil Graubündens, nämlich in Klosters und im Safiental; das Wort bezeichnet dort Bergtäler und Almen; es handelt sich zweifellos um eine Ableitung von lateinisch ver ‚Frühling‘ (Georges s.v.) mit dem Suffix -anus, die z.B. auch spa. verano ‚Sommer‘ (vgl. D s.v.) zugrunde liegt. Es ist jedoch eigenartig, dass sich lat. veranus als Appellativ weder im Romanischen des Alpenraums noch überhaupt in der Italoromania erhalten zu haben scheint (vgl. AIS 312). 

Zwei formal weniger selbstverständliche Fälle der 1. Kategorie sollten ebenfalls kurz besprochen werden: 

  • Christlum

Aus romanistischer Sicht entspricht der erste Bestandteil des Namens Cristlum dem außerordentlich häufigen romanischen  cresta (fra. crète) ‚Kamm‘ (< lat. crĭsta; vgl. Georges s.v.). Allein in Graubünden belegt ortsnamen.ch 228 Vertreter dieses Typs; die Varianten crasta (74 mal im Oberengadin), craista (34 mal im Unterengadin) und crista im heute verdeutschen Gebiet (4 mal am Walensee und im Churer Rheintal) kommen hinzu.

Diese Grundform wird in den romanischen Namen häufig durch nachgestellte Adjektive spezifiziert; diese Attribute repräsentieren sehr elementare Kategorien, insbesondere FARBE, FORM und GRÖSSE. So gibt es unter den bündnerromanischen Namen auch eine craista lunga bzw. eine cresta lunga ‚langer Kamm‘; auf genau diese Substantiv-Adjektiv-Verbindung lässt sich unser Christlum leicht zurückführen – übrigens spricht auch das feminine Genus (man sagt: die Christlum) für diese Herleitung aus dem ebenfalls femininen romanischen Wort.

  • Gramai

Schließlich soll nach demselben Prinzip (häufige Grundform + elementares Attribut) auch eine, allerdings deutlich spekulativere Herleitung für das einigermaßen rätselhafte Gramai vorgeschlagen werden. Zu den häufigsten Namen überhaupt gehören in Graubünden solche, die mit crap ‚Stein‘  gebildet werden (886 Belege in ortnamen.ch ; s.u. Krapfenkar). Felsnamen werden oft durch Farben spezifiert, so z.B. durch die Bezeichnung von GELB, die auf rätomanisch mellen lautet; in ortnamen.ch finden sich dementsprechend auch Belege für crap mellen (5 mal). Da nun im Bairischen ein /l/ leicht vokalisiert wird, führt durchaus ein Weg crap mellen zu Gramai (z.B. oberbair. [gla:zai] ‚Glasl‘; Beispiel in Haas 1983, 1112). – Semantisch nahe liegt auch lat. gramen ‚Gras‘, bzw. der Plural gramina, das sich in span. grama ‚Gras‘ (vgl. DLE) und port. grama ‚Rasen‘ erhalten hat; diese Formen sind jedoch im Romanischen allesamt auf der ersten Silbe betont und können den Wortakzent des Karwendelnamens Gramái nicht erklären.

2.1.2. Validitätsstufe 2:

In diese Kategorien gehören Wörter, die zwar aus offenkundig deutschen Konstituenten gebildet sind; allerdings bereitet die Semantik Probleme oder – besser gesagt – gibt es lautlich ähnliche romanische Elemente, die besser passen als die deutschen. Es ist ja damit zu rechnen, dass die romanischen Namenelemente dann durch lautlich ähnliche, aber semantisch ganz andere ersetzt werden, wenn sie nicht mehr verstanden werden, da am Ort des Namens inzwischen ein Sprachwechsel vollzogen wurde. Dieser Namenersatz durch Reinterpretation ist eine Form der sogenannten Volksetymologie; er steht also im Gegensatz zur Fortführung einer nicht mehr verstandenen Form (wie in den anderen hier aufgeführten Fällen).

  • Grabenkar

Mögliche Beispiele sind unter den Toponymen mit Graben– zu finden, die insgesamt häufig auftreten (408 mal auf ortsnamen.ch). Diese Konstituente ist in den Felsregionen des Hochgebirges semantisch nicht gut motiviert, da hier im Sinne des Verbs grundsätzliche keine Vertiefung gegraben wird. Der Name Graben ist deshalb allenfalls metaphorisch als ‚Rinne‘ zu verstehen. Nun ist allerdings aus dem Romanischen ein Wort grava(s) (Tscharner 2013, s.v.) ‚Geröll‘, oberengadinisch auch greva(s),  bekannt (vgl. fra. grève, gravillons), das in Graubünden weit verbreitet ist; ortsnamen.ch gibt für gravas 31 Belege im romanischsprachigen Teil Graubündens und weitere 12 für grevas im Engadin. Phonetisch direkt entsprechende Formen finden sich auch in Tiroler Ortsnamen, so die Grawa Alm im Stubaital:

Grawa Alm im Stubaital

Im Fall eines karwendeltypischen, geröllbedeckten Kars, wie des  Grabenkars liegt der Gedanke an das romanische, eigentlich schon vorrömische Substratwort also wirklich nahe.

  • Krapfenkarspitze

Ähnlich verhält es sich im Fall der Krapfenkarspitze, deren erste Namenskonstituente sich gut durch das bereits erwähnte crap Stein‘  (< vorröm. *krapp- ‚Fels‘) deuten ließe; dieser allein auf ortsnamen.ch.  886 mal belegte Typ darf ja geradezu als paradigmatisches Alpenwort bezeichnet werden. Der Wandel crap [p] > Krapf [pf] entspräche der zweiten Lautverschiebung. 

  • Plumsjoch

Bei diesem Namen denkt man als Romanist sofort an lateinisch plumbum ‚Blei‘, bzw an seine alpenromanischen Kognaten plum/plom, die – wie der folgende Kartenausschnitt zeigt – perfekt passen würden:

Ausschnitt aus AIS 409 COME IL PIOMBO (zur Orientierung: P7 = Ardez/Unterengadin – P312 = Wolkenstein/Dolomiten)

Ortsnamen.che liefert nur sehr wenige entsprechend motivierte Toponyme (Plumbat und Plumbels im romanischsprachigen Gebiet Graubündens). Blei- bzw. Bleiglanzlagerstätten sind zwar im Karwendel, aber nicht in unmittelbarer Nähe belegt; allerdings gibt es unterhalb, in der Pertisau, Zinkblende (vgl. Gasser 1913, 103), die wegen ihres spezifischen Gewichts und ihres Glanzes an Bleiglanz erinnert und damit auch oft vergesellschaftet ist (). Blei als Spezifikation von Ortsnamen findet sich in Oesterreich Bleiberg, Bleikogel, Bleispitze usw.

Zum Schluss soll noch ein Fall erwähnt werden, der insofern speziell ist, als er ein Appellativ romanischer Herkunft mit einem deu. Wort verbindet:

  • Gumpenspitze 

Die erste Konstituente bedeutet im Bairischen soviel wie ‚tiefe Stelle in einem Bach‘; das Wort hängt zweifellos mit dem gallischen Substratwort (*cumba) zusammen, das im Fra. und in Oberitalien gut vertreten ist; fra. combe bedeutet soviel wie ‚Talkessel‘; es ist in der schweizerdeutschen Toponymie belegt (6 mal Gumpen auf ortsnamen.ch) und im französischsprachigen Jura massiv dokumentiert (131 mal combe auf ortsnamen.ch).

3. Fazit

Alle diese Übernahmen setzen Kontakt mit einer romanischsprachigen Bevölkerung voraus, die das Gebirge zur Subsistenz nutzte, und wohl auch Akkulturation an ihre Lebensform. In diesem Sinne hat sich schon Ernst Gamillscheg geäußert:

„Der alemannische und bajuwarische Bauer, der dem neubesiedelten Boden seine Frucht abringt, stellt die Verbindung mit den unter gleich harten Bedingungen arbeitenden Romanen her. Nichts zeigt deutlicher, daß sich hier keine nationalen Kämpfe abgespielt haben, als die Tatsache, die altromanischen Ortsnamen und die jüngeren deutschen hier ebenso friedlich nebeneinander weiterbestehen wie Ladiner und Deutschtiroler. Das Eindringen der Alemannen und Bajuwaren in den rätisch-norischen Alpenraum hat keine Kulturzerstörung im Gefolge gehabt.“ (Gamillscheg 1934-1936, II, 306; Hervorhebung im Original)

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