Ostgoten

0.1. Plausibilitätskriterien für kontaktinduzierten Sprachwandel

Sprachwandel ist diachrone Variation, die mit synchroner Variation beginnt1Das heißt natürlich nicht, dass synchrone Variation immer Wandel mit sich bringt; denn viele Varianten setzen sich nicht durch und verschwinden wieder., wie die folgende Abbildung schematisiert; im Fall von B kann es sich um ein vollständiges sprachliches oder aber nur um eine Form (signifiant) bzw. eine Funktion handeln; ‚Funktion‘ ist weitem Sinn von Zeicheninhalt (signifié), das heißt als Oberbegriff für grammatische und lexikalische Bedeutung gemeint:  

Diachrone Variation (B anstatt A) resultiert aus synchroner Variation (A+B)

Im Fall kontakinduzierter Variation muss müssen die sub- und superstratalen Relationen der diachronischen Perspektive konsequenterweise als synchrone Adstratrelationen reinterpretiert werden; A und B gehören dann zu unterschiedlichen Sprachen, oder Dialekten. Allerdings ist die Zuweisung einer neuen Variante (B) zu einer anderen Sprache keineswegs immer evident; es ist in der Regel vielmehr riskant, ein sprachliches Zeichen oder auch nur seine Ausdrucks- bzw. Inhaltsseite  auf Sprachkontakt zurückzuführen, denn ein ‚Beweis‘ im strengen Sinn kann oft nicht geführt werden. Deshalb ist es aber sehr wichtig, Plausibiltätskriterien zu formulieren.

  • Die die erste und wichtigste Frage der historischen Sprachwissenschaft gilt der Dokumentation der Koexistenz der Varianten (Abbildung: SYNCHRONIE 2):

    • Sind A und B charakteristisch für bestimmte Verwendungsweisen (Textgattungen) oder können beide gemeinsam, im selben Dokument, auftreten?
    • Können wir etwas über die Schreiber und/oder Verfasser erfahren?
    • Ist die Sprache, der man die ’neue‘, kontaktverdächtige Variante (in der Abbildung B) zuweist, bekannt oder womöglich nur rekonstruiert (hypothetisch)?
    • Ist die kontaktverdächtige Variante in der Kontaksprache belegt oder nur rekonstruiert?
    • Schließlich erhebt sich auch die Frage nach der sozio-kulturellen Kontextualisierung: Ist der mutmaßliche Kontakteinfluss plausibel vor dem Hintergrund dessen, was über kulturelle Techniken der Sprechergemeinschaft bekannt ist; hier spielen auch religiöse Traditionen eine Rolle.

      Allerdings können sprachliche Befunde auch zur Rekonstruktion oder wenigstens zur Annahme  bestimmter kultureller Techniken in beitragen. Idealerweise ergänzen sich sprachbezogenes und anderes kulturelles Wissen.

      Bisweilen entziehen sich sprachlich eindeutige Gegebenheiten auch einer klaren Einbettung in kulturelle Kontexte, da es gegenläufige Entlehnungen gibt. Ein gutes Beispiel dafür liefer un die karte  einchägiges  jedenfalls auf den ersten Blick – in kultureller Hinsicht widersprüchlich, so wie im Fall der Bezeichnung der FLACHSBRECHE.

#graphik aus Saussure zu Synchronie/Diachronie#

  heißt das:   in synchoner variation Die Voraussetzung

Am 23. August 476 wählten die Soldaten des Föderatenheeres den Odoaker (433-493) zum rex2; dieses Ereignis markiert gewissermaßen das Ende des weströmischen Kaiserreichs. Odoaker war germanischer Abstammung und – wie es scheint – am Hofe des Hunnenkönigs Attila aufgewachsen; er wurde durch den Ostgotenkönig Theoderich eigenhändig ermordet.

Die darauf folgende  ostgotische Herrschaft in Italien ist eine eher kurze, wenngleich stark nachwirkende Episode; sie steht ganz im Zeichen eben dieses Königs  Theoderich  (vgl. den vorigen Beitrag). Die folgend 

„Zwischen seinem achten und achtzehnten Lebensjahr lebte Theoderich als Geisel am Kaiserhof zu Konstantinopel. Kurz nach seiner Rückkehr im Jahre 469 zogen die Ostgoten aus Pannonien ab und versuchten, in der Nähe Konstantinopels ein dauerhaftes Föderatenreich zu errichten. Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 474 wurde hier Theoderich zum König erhoben; doch ließ der durchschlagende Erfolg lange auf sich warten. Die Jahre von 474 bis 488 sind voller Wirren und Kämpfe, voller scheinbar sinnloser Kriegszüge durch die gesamte Balkanhalbinsel, voller leerer Versprechungen und gebrochener Verträge. Am 1. Jänner trat Theoderich in Konstantinopel den Konsulat an, wurde Heermeister und patricius und schloss im Sommer 488 mit Kaiser Zenon den folgenschweren Vertrag, wonach er Odoaker, der 476 den letzten weströmischen Kaiser gestürzt und vom italischen Föderatenheer zum König erhoben worden war, aus Italien vertreiben und dort für den Kaiser so lange herrschen sollte, bis dieser selbst ins Land käme. Dieser Vertrag bildete die | Grundlage des italischen Ostgotenreichs, der glanzvollsten, obgleich wenig dauerhaften gotischen Staatsgründung.“ (vgl. Wolfram 2002, 97 f.)

„Theoderichs italisches Reich ist das stabilere, reichere und stärkere Regnum Odoakers.“ ((Wolfram 1979), 362)

 

Eine dauerhafte, über seine eigen Lebenszeit hinaus reichende Vereinbarung mit dem byzantinischen Kaiser erreichte Theoderich jedoch nicht; nach seinem Tod im jahre 526 kam es bald zu militärischen Konflikten und  Schon 552 starb der letzte Nachfahre im Kampf mit dem Feldherrn Narses und die gotische Episode war beendet. Die Hauptstadt des Ostgotenreichs, Ravenna, blieb auch nach dem Untergang der Goten bis 751 Hauptstadt eines byzantinischen Herrschaftsgebiets, des sogenannte Exarchats von Ravenna. Die Entstehung der Nachfolgereiche ähnelt derjenigen des westgotischen Tolosanerreichs, insofern sie  sich im formalen und institutionellen Rahmen des (oströmischen) Kaiserreichs vollzog.  Sowohl Odoaker als auch Theoderich „setzen […] den antiken Staat bruchlos fort“ (Wolfram 1979, 362).

Allerdings  führte Theoderich auch Reformen und Umstrukturierung fort. Sie schlagen sich speziell in der Einführung einer Funktion nieder, die als comitiva Gothorum bezeichnet wird (vgl. key=wolfram1979 nopar=true], 262 ff. und 362 ff.). Das Wort gehört zur Familie von lat. comes, deren Kognaten die Feudalisierung des ehemaligen Römischen Reichs im Gefolge der germanischen Eroberungen widerspiegeln. Interessant ist vor die vergleichende Betrachtung von dux und comes.

„Im spätantiken Latein bedeuten comes und dux höchst verschiedene Gewaltträger. Grundsätzlich ist ein Dux ein Heerführer, ein Comes der Begleiter oder Mitglied der Umgebung eines Herschaftsinhabers oder Magistrats. Ein gentiler Dux führt die Krieger, und sie folgen ihm als seine Comites, als sein Comitatus.“ (Wolfram 1979, 262)

Wenn jedoch comites auch als militärische Kommandanten eingesetzt wurden, übernahmen sie gleichzeitig die Funktion des dux. Im Westgotenreich ergab sich der Doppeltitel comes et dux (262); im Ostgotenreich dagegen der sehr hohe Titel eines comites rei militaris (Wolfram 1979, 263).

Es ist nun naheliegend, ita. comitato ‚territorio di giurisdizione‘ und  ‚Ausschuss; Gruppe mit politischer, administrativer oder ähnl. Funktion‘ direkt auf die lateinische Verwaltungssprache der Goten zurückzuführen, wie es auch Treccani für die erste Bedeutung vorschlägt.

„comitato1 s. m. [dal lat. comitatusus (v. comitatus), nel sign. mediev.]. – Contea, territorio di giurisdizione di un conte. Il termine è talvolta ancora usato per indicare le divisioni amministrative di alcuni paesi.“ (Treccani, s.v. comitato1)

Wieso Treccani (s.v. comitato2) im Fall der zweiten Bedeutung grundsätzlich an Entlehnung aus dem Fra. (und dort aus dem Eng.) denkt, ist nicht einsichtig.

In spezifisch ostgotisch-lateinischer Tradition ist ita. comitiva zu sehen:

comitiva s. f. [dal lat. mediev. comitiva; cfr. il lat. tardo comitivus «pertinente al comes, cioè al conte»]. – 1. letter. Insieme di persone che accompagnano un personaggio di riguardo: la c. del principe; la c. si mosse quando l’innominato fu anche lui a cavallo (Manzoni). 2. Gruppo di amici, compagnia di persone che si recano insieme in qualche posto, per una gita, un viaggio, un’escursione, o per altri motivi: una c. di gitanti, di turisti; viaggiare, fare una gita in c.; unirsi alla comitiva; anche con riferimento a un gruppo di amici che si frequentano assiduamente: è uscito con la c.; non fa parte della loro c.; al suo matrimonio ha invitato tutta la comitiva.“ (Treccani, s.v.)

Schließlich gehört auch ita. comito ‚Schiffsoffizier, -kommandant‘ hierher (vgl. Treccani s.v.)

 

Die Bedeutungsentwicklung von dux hat sich dagegen im fränkischen und norditalienischen Kontext unterschiedlich entwickelt, wie der Adelstitel fra. duc ‚Herzog‘ einerseits und andererseits ita., d.h. venezianisch, doge zur Bezeichnung des vor allem politischen, wenngleich auch militärischen Führungsamts der Stadtrepublik Venedig  zeigen. Ita. duce ist wohl eine bereits ältere latinisierende Bildung, auf die dann der Faschismus zurückgegriffen hat; durch die Nationalsozialisten wurde der Ausdruck ins deu. Führer lehnübersetzt.

comitatus = die comes,  Personen der ständigen Umgebung des Königs (Wolfram 1979, 365) 

Allerdings 

 

comes (vgl. Georges 1913, s.v.),

comitiva, comitatu

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2017/06/1497948118 Comte FEW 2, 941

dux (Georges s.v.), FEW 3, 196 s.v.)

„| […] In den it. hafenstädten (Genua, Venedig) erhält comito (mit dekl. wechsel), das eher aus der mlt. urkundensprache übernommen als erbwörtlich ist, die bedeutung ‚kommandant einer galeere‘. […] Im it. ist schon im 14 jh. die weibliche form des des zu COMES gehörigen adjektivs comitivus als subst. aus dem lt. entlehnt worden, wobei, wohl aus *schiera comitiva, die bed. ‚begleitung, schar von begleitern‘ sich ergab.  (FEW, s.v. comes, 2, 942)

wieso it. conte aus fr. obliquus ? muss das so gesehen werden? es wre

0.2. Entlehnungen

Der eher maximalistisch vorgehende Ernst Gamillscheg nennt 70 ostgotische Lehnwörter im Italienischen; darunter „findet sich kein einziges, das den offiziellen, fränkisch-mittellateinischen Ausdrücken Galliens entspräche“ ( , 27). Diese Bemerkungen, die einen ganz schwachen Einfluss auf das Romanische andeuten, ist im Hinblick auf die eben genannten, gotisch induzierten Veränderungen des Lateinisch-Romanischen ein wenig zu relativieren. Hier die Liste (vgl. 16-24):

got. *aifrs, *anahaspan, *aska, *baúrtils, *bautan, bauþs, *bêga ‚Streit‘, blauþs *blaus ‚entblößt‘, *branda ‚Feuerbrand‘, *breuwan ’sieden, brauen‘, *brid ‚Brett‘, *brigdil ‚Zügel‘, *brunsts ‚Brandopfer‘, *faúrhs ‚Ackerfurche‘, *flaskô ‚Flasche‘, gaits ‚Ziege‘, *gauma ‚Kropf‘, *greut ‚Sand, Kies‘, *grimms | *grimmjan | *grimmiþa ‚Zorn | zornig sein‘, haifsts ‚Streit‘, *hakiljan ‚hecheln‘, *hranka | hrankjan ‚Ranke | ranken‘, *hriggs ‚kreisförmige Versammlung der zum Gericht Geladenen‘, hrugga ‚Stab‘, *kausjan ‚prüfen‘, *kluba gespaltener Zweig‘, *krampa ‚Eisenhaken‘, *kripja ‚Krippe‘, *krûski ‚Kleie‘, *laubja ‚Laubhütte‘, *lausjan ‚abgespannt sein‘, *malwjan ‚zermalmen‘, *mulma ‚Verwitterung, Schlamm‘, *nastilo ‚Bandschleife, Nestel‘, *rappa ‚Krätze, Räude‘, *raupa | raupjan ‚wirrer Haufen | ausraufen‘, *rausa ‚Kruste‘, *raþjan ‚reden‘, *ribja ‚Rippe‘, *rigilô ‚Strick‘, rikan ‚aufhäufen‘, *siurjo ‚Krebsmilbe‘, *skaírpa ‚Gerät, Ausrüstung‘, *skeitan ’scheißen‘, skôhs ‚Sandale‘, *slaufa Fruchthülse, Hülse‘, *slimbs ’schief‘, skarjiþ ‚herausgerissen‘, *slipjan ‚entschlüpfen‘, *slîtjan ‚zerreißen spalten‘, *smaltjan ‚zerfließen lassen‘, *smikwa ‚Schminke‘, *snippa ‚Schnepfe‘, *stîga ‚Steige‘, *stika ‚Stecken‘, *skarda ‚Scharte‘, *skrapa ‚Halt, Stütze‘, *stanga ‚Stange‘, *strappôn ’straff anziehen‘, *straupjan ‚abstreifen, schinden‘, *stuggs | *stuggjan ‚Stich | stechen‘, *taddora ‚Zottel, Flausch‘, *tâhanjan zu *tahu ‚zäh‘,  *taujan ‚tun, wirken‘, *tilôn ’sich beeilen‘, þriskan ‚dreschen‘, *wadjôn | gawadjôn ‚verloben‘, *wainôn ‚weinen‘, *wrôtjan | *gawrôtjan ‚wühlen (vom Schwein)‘.

0.2.1. Grade der Plausibilität

 

 

Gualdo Tadino 

getreideschenkung 

 

Wir haben also die Quelle der ostgotischen Reliktwörter in dem Wortschatz der unteren Schichten zu suchen, die auf italischem Boden eine neue Heimat der Arbeit suchten und fanden. Dabei wiederholen sich ziemlich genau die Begriffskreise, die wir bei den Franken und Westgoten beobachteten und bei den Langobarden wiederfinden werden. Die größte Gruppe bilden die Ausdrücke der starken seelischen Erregung, Adjektiva  und Verba. Eine Eigenschaftsbezeichnung wie aifrs, bauþs, blauþs, grimms, skarjiþ hat Gefühlswerte, die für die Goten keine der romanischen Entsprechungen besitzt. Diese Affektwörter werden also in romanischer Form von den Goten beibehalten, wenn sie sich des Romanischen bedienen, und schließlich von den Romanen übernommen. Affektstarke Wörter sind auch die Ausdrücke für Streit und Lärm, wie haifsts, bêga, hriggs, malwjan ‚zermalmen‘, straupjan, ’schinden‘. Das gotische raþjan ‚reden‘ wird dem vornehmeren paraulare gegenüber zum ‚Schreien‘, gotisches wainôn ‚weinen‘ zum ‚Winseln‘. Diese Bedeutungsverschlechterung ist  die Begleiterscheinung der Einstellung der romanischen Bevölkerung zum Gotentum.“ (Gamillscheg 1934-1936 II, 28)

        

Gamillscheg, Ernst (1934-1936): Romania germanica. Sprach-und Siedlungsgeschichte der Germanen auf dem Boden des alten Römerreichs, voll. 3. Berling and Leipzig: de Gruyter.
Wolfram, Herwig (1979): Geschichte der Goten. München: Beck.
Wolfram, Herwig (2002): Die Germanen (1995). München: CH Beck.

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