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Die Romanisierung und die Kontinuität des Lateinischen

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Zitation: Thomas Krefeld (2019): Die Romanisierung und die Kontinuität des Lateinischen. Lehre in den Digital Humanities. Version 1 (18.03.2019, 11:04). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=109648&v=1.

1. Areale Kontinuitätsdebatten in der Romania und der Fall Sizilien

Die Unterscheidung zwischen ‘alter’ und ‘neuer’ Romania (🔗) ist fest etabliert und grosso modo auch sinnvoll; während die alte Romania auf die antike Romanisierung durch Römer zurückgeht, liegt der neuen Romania eine postantike Romanisierung durch Sprecher romanischer Sprachen zu Grunde; dies gilt ganz selbstverständlich für die mehr oder weniger romanischsprachigen Gebiete in Amerika und Afrika. Allerdings ist auch in der europäischen Romania, d.h. in den heute romanischsprachigen Gebieten, die einst zum römischen Reich gehörten, die sprachräumliche Überlieferungskontinuität keineswegs überall gegeben, sicherlich  nicht im größten Teil der Iberischen Halbinsel, der im Zuge der so genannten reconquista (🔗),  d.h. der Zurückdrängung der Araber und der damit einhergehenden Rechristianisierung und Wiederbevölkerung (repoblación) reromanisiert wurde. Problematisch ist die ununterbrochene Überlieferung in den Dolomiten und vor allem im heutigen Rumänien (vgl. Lüdtke 2005, 413-437), wo die sprachgeschichtliche Diskussion weithin durch ideologische Voreinstellungen geprägt ist (🔗).  Besonders der sizilianische Fall ist in mancher Hinsicht lehrreich; er ist nicht so lokal wie z.B. die Dolomiten und nicht so national-umstritten wie Rumänien, wenn auch nicht ganz ideologiefrei:

[…] l’antica latinizzazione della Sicilia in connessione con la tesi dell’origine medievale della grecità meridionale era un punto fermo e spesso ideologicamente preconcetto. Non a caso, infatti, nel tardo Ottocento subito dopo l’unità italiana e in un clima ideologico prettamente unitario, il Morosi risolveva la questione del greco nell’Italia meridionale a favore del bizantino. (Salvatore C. Trovato in Rohlfs 1984, 10)

Es erhebt sich zunächst die Frage, wie man überhaupt auf die Idee kommt, die Überlieferungskontinuität von der ersten Romanisierung bis zum modernen Sizilianischen überhaupt anzuzweifeln. Der Gedanke wurde immerhin von jemanden aufgebracht, nämlich von Gerhard Rohlfs, der als Nicht-Italiener keine national-ideologischen Beweggründe  hatte und der sich so gut wie ausschließlich in historischer Perspektive mit der Sprachgeographie und Dialektologie befasste. 

2. Die Modernität des Sizilianischen

Ausgangspunkt ist die merkwürdige sprachgeographische Stellung Siziliens im süditalienisch-sardischen Umfeld; Rohlfs prägte dafür die Formel vom „dialetto meno meridionale del Mezzogiorno“ (Rohlfs 1971, 224 zit. in Fanciullo 1984, 150). Entsprechend äußerten sich auch andere (zit. in Rohlfs 1984, 31):

  • Antonino Pagliaro (1934): „il carattere moderno del siciliano“;
  • Giovanni Alessio (1946-48): „il latino di Sicilia presenta un aspetto molto meno arcaico non solo di quello della Sardegna, ma dell’Italia meridionale“;
  • Giuliano Bonfante (1955): „lo studio comparativo del siciliano e del sardo porta in complesso a far risaltare il carattere piuttosto moderno del siciliano“.

Dafür werden vorwiegend, wenn nicht ausschließlich lexikalische Belege angeführt.  Exemplarisch ist die Bezeichnung des KOMMENDEN TAGS, vgl. AIS, Karte 347 DOMANI, (🔗); während die sardischen und süditalienischen Formen das als lateinische Wort cras  ‚morgen‘ (vgl. Georges 1913 (1998)🔗) weiterführen (sard. kras, südita. kray/kre), gelten in Sizilien und Südkalabrien ausschließlich Formen des Typs domani, der von der Toskana nach Norden, sowie im galloromanischen Gebiet herrscht (siz. dumani/rumani; fra. demain). In diesem Fall  handelt es sich beim toskanisch/sizilianischen Typ eindeutig um eine spätlateinische Innovation, < lat. de mane, ‚früh, morgens‘ (vgl. Georges 1913 (1998)🔗), die sich abgesehen von Sardinien und Süditalien überall duchgesetzt hat.

  kl.lat. spätlat.  
DER KOMMENDE TAG   (de) mane port. a manhã
span. mañana
fra. demain
rum. mâine
ita. domani
siz/südkalabr. dumani
cras   sard. kras
  südita.  kre

So klare Fälle sind jedoch eher selten; oft finden die sizilianisch/südkalabresischen Formen Entsprechungen im Galloromanischen (Fra. und Okz.) und im  Galloitalischen, so z.B. die Bezeichnung der WEINTRAUBE als siz. racina, die zu fra. raisin passt (< lateinisch racemus ‘Traubenkamm, Beere, ganze Traube’; vgl. Georges 1913 (1998); 🔗) und nicht zum Typ uva (vgl.  vgl. AIS, Karte 1313 UVA; 🔗).  Allerdings ist die Innovation weniger gravierend, da sie nur in einer leichten meronymischen Verschiebung besteht; auch die sprachgeographische Konstellation ist nicht vergleichbar, da es keine süditalienisch-sardische Gemeinsamkeit gibt; vielmehr repräsentiert sard. akina einen dritten Typ, der auf lat. acinus ‘kleinere Beere, Traubenbeere, Weinbeere’ zurückgeht (vgl. Georges 1913 (1998); 🔗).

lat. uva port. uva
span. uva
ita. uva
südit. uva
lat. acinus nordkalab. acina
sard. akina
lat. racemus fra. raisin
südkalabr. racina
siz. racina

Ähnlich verhält es sich im Fall von KAUFEN, das auf sizilianisch wie in ganz Süditalien durchweg mit accattari bezeichnet wird (vgl. AIS, Karte 822, COMPRARE; 🔗) also mit demselben Typ wie fra. acheter ‘kaufen’ (< lat. *accaptare; vgl.  von Wartburg 1922--2002🔗und nicht mit dem Typ von ita. comp(e)rare (< lat. comparare; vgl. Georges 1913 (1998) 🔗).

Auf Grund dieser und anderer Fälle schließt Rohlfs auf die fehlende Kontinuität des Lateinisch-Romanischen in Südkalabrien und Sizilien:  

Mentre dunque i dialetti della Calabria settentrionale risalgono direttamente alla romanizzazione avvenuta nell’antichità, è chiaro che i dialetti romanzi della Calabria meridionale non hanno nulla a che vedere con cotesta romanizzazione. La Calabria del Sud e la Sicilia mancano del tutto di un fondo latino antico ed originario. Da ciò risultano i seguenti notevoli fatti: i dialetti della Calabria meridionale e della Sicilia non si connettono affatto con la romanizzazione intrapresa dai Romani nell’antichità [sic], bensì essi costituiscono il risultato di una nuova romanizzazione avvenuta nel medioevo. Quando dal decimo secolo in poi nella Calabria meridionale ed in Sicilia decaddero le lingue colà dominanti, cioè il greco e l’arabo, si andò sostituendo al loro posto la lingua romanza. Ma l’idioma romanzo che da questo momento in poi prese la supremazia non era già il dialetto della Calabria settentrionale, bensì la lingua letteraria italiana medioevale, solo superficialmente intaccata da elementi idiomatici meridionali.“ (Rohlfs 1933 zit. in Bonfante 1953, 46)

3. Lateinische Archaismen im Sizilianischen 

Es kann nicht bestritten werden, dass  Sizilien bemerkenswerte, oft keineswegs naheliegende sprachgeographischer Konstellationen eröffnet;  eine einfache historische Erklärung ergibt sich damit allerdings nicht, und die von Rohlfs im soeben zitierten Passus bemühte „lingua letteraria italiana medioevale“ wird von Bonfante (Bonfante 1953, 60) völlig zu Recht als „mitica“ karikiert; dergleichen gab es ja gerade nicht. Weiterhin gibt es auch ganz andere,  offenkundig archaische Konstellationen, die nicht übersehen oder nur deshalb reflexhaft als weniger charakteristisch angesehen werden dürfen, weil das Sizilianisch stereotyp als ‘innovativ’ eingeschätzt wird.

Interessant sind in dieser Hinsicht die Bezeichnungen des Konzepts  FINDEN, denn AIS, Karte 1597 NON LO TROVO IN NESSUN LUOGO (🔗) zeigt hier zwei Typen, einerseits den in Italien und in der Galloromania dominierenden Typ trovare, der dem Anschein nach eine spätlateinische Innovation darstellt, da er im Lateinischen nicht belegt ist und andererseits, im Zentrum und im Südwesten, den Typ aχχari < lat. afflare ‘anwehen, anhauchen’ (vgl. Georges 1913 (1998)🔗). Die Verteilung legt nahe, in aχχari Reste einer relativ älteren romanischen Schicht zu sehen, die durch das relativ jüngere trovare überlagert und zum größeren Teil, aber eben nicht vollständig verdrängt wurde; das Sizilianische selbst ist also keineswegs so homogen, wie es gelegentlich behauptet wird.

lat. afflare > port. achar
> span. hallar
> surselv. anflar 
> rum. a afla
>südita. aššare
> siz. aχχari
vulg.lat. *tropare > siz. trovari
> südita. trovare
> fra. trouver

Eine wohl alte iberorom.-sizilianische Parallele zeigt auch siz. agghicari, altsiz. chicari ‘ankommen, anlegen’, (vgl. AIS, Karte 1646; 🔗), das ebenso wie span. llegar und port. chegar auf lat. applicare ‘anlehnen. annähern, landen’ (vgl. Georges 1913 (1998); 🔗), zu lat. plicare ‘falten’ zurückgeht (vgl. VSES, 32-351VSES, 33 stellt mit Bezug auf die älteren sizilianischen Quellen ausdrücklich fest, dass „il v[erbo] è sempre riferito alla fine di una navigazione“. Darin mag man einen klaren Hinsicht darauf sehen, dass die Etymologie aus lat. adplicare ‘zusammenfalten’ im maritimen Kontext noch motiviert war, nämlich im Sinne des Zusammenfaltens der Segel kurz vor, bzw. bei der Landung.); aus lautlichen und vor allem aus chronologischen Gründen kann man eine Entlehnung des siz. Verbs aus dem Spanischen, ausschließen, denn es gibt bereits einen Beleg von 1337, d.h. zu Beginn der aragonesischen (seit 1282) und deutlich vor der spanischen Herrschaft. Es handelt sich deshalb um voneinander unabhängige Entwicklungen aus demselben lateinischen Grundwort.

Als ein altertümliches Relikt kann man auch die hypothetische Periode des Irrealis sehen, denn in siz. si avissi fami mangiassi, si avissi siti vivissi ‘se avessi fame mangerei, se avessi sete beverei’ wird der erst im Romanischen entstandene Konditional nicht gebraucht.

4. Pseudoarchaismen

Andere Formen scheinen auf den ersten Blick klar, sind aber problematisch oder sogar trügerisch, weil gar nicht eindeutig klar ist, welche der arealen Varianten als relativ älter/neuer einzuschätzen ist. Bekannt ist der Gebrauch des Typs tenere, eigentlich ‘halten’, im Sinne von ‘haben, über etwas verfügen’. Aus AIS, Karte 50 QUANTI ANNI HAI? (🔗)  geht hervor, dass dieser Typ in Sardinien und in Süditalien stark dominiert, auf dem Festland teils in Konkurrenz mit dem Typ quanti anni sei? In Sizilien ist im Gegensatz dazu ausschließlich der Typ mit avere belegt,2Nur der Informant von P 859 (Mascalucia, CT) äußert nach Autokorrektur di kwant anni si ‘di quanti anni sei’ (🔗). Wenn man nun berücksichtigt, dass die genannte Ausweitung im Gebrauch von tenere ziemlich genau dem Spanischen entspricht (vgl. ¿Cuántos años tienes?), sind aus sizilianischer Sicht a priori die folgenden sprachgeschichtlichen Interpretationsmöglichkeiten in Erwägung zu ziehen:

 (1) Das Verb tenere in Süditalien geht auf eine bereits alte lateinische Regionalvariante zurück, die sich parallel dazu auch der Iberischen Halbinsel (wenigstens im nördliche Teil) erhalten hat. Das siz. aviri wäre dann historisch sekundär und jünger; dieser Auffassung ist – wenig überraschend – Gerhard Rohlfs:

In Sizilien und im südlichen Kalabrien ist das Verbum aviri ‚avere‘ (statt tenere) nicht einer älteren Latinität zuzuschreiben, sondern ist bedingt durch die mittelalterliche Neuromanisierung. (Rohlfs 1971, 54, Anm. 118)

(2) Das süditalienische tenere ist eine jüngere Variante, deren Verbreitung in der Italoromania Sizilien und Südkalabrien nicht erreicht hat; siz. aviri muss in diesem Fall als Relikt einer älteren, autochthonen Latinität betrachtet werden. Dieser Auffassung ist – mit guten Gründen – Franco Fanciullo:  

[…] direi anzi che l’italiano meridionale TENERE sia innovazione anche abbastanza recente, dal momento che in testi napoletani antichi […] l’uso di avere è massiccio e quasi esclusivo. (Fanciullo 1984, 156)

Grundsätzlich unabhängig von der relativen Chronologie (aviri repräsentiert eine ältere, tenere eine jüngere Romanität) ist die Frage zu beurteilen, ob die Verbreitung von von tenere durch Kontakt mit dem Spanischen begünstigt wurde. Dieser Auffassung wird von Luigi Imperatore und Nicola De Blasi, dem aktuell profiliertesten Kenner der neapolitanischen Sprachgeschichte,  vertreten:

A proposito delle coniugazioni di essere avere si precisa un’importante differenza lessicale tra l’uso presente e quello antico: nei testi [sottinteso: napolitani; ThK] del ’300 e del ’400 manca sia l’uso di stare per ‘essere’, sia l’uso di tenere per ‘avere’, che invece sono abituali nel dialetto contemporaneo. Sembra perciò probabile che l’uso più esteso di stare tenere  sia in qualche modo da ricondurre a influenza dello spagnolo.3Geradezu erstaunlich ist die Tatsache, dass sich tener im Spa. auch nicht viel früher durchgesetzt hat; im Altspan. bis ins XIII. Jahrhundert und soweit man weiß auch im Mozarabischen dominiert noch sehr deutlich haver.(De Blasi/Imperatore 2000, 185)  

Im übrigen schließt der Gebrauch des einen Verbs das andere keineswegs aus; womöglich ist in manchen Kontexten auch mit freier, oder eventuell phraseologisch geregelter Variation zu rechnen. So ergibt sich z.B. aus AIS,  Karte 1017 SE AVESSI (FAME)? eine andere Verteilung (🔗). 

Überhaupt sollte sich die sprachgeschichtliche Stratigraphie, d.h. die Rekonstruktion der Schichtung nicht von der Vorstellung jeweils vollständiger Überlagerung und  Ersetzung relativ älterer durch relative jüngere Sprachen orientieren; vielmehr ist grundsätzlich mit langen Phasen der Koexistenz und der Verschränkung zu rechnen, die sich häufig auf der Ebene einzelner Varianten besser zeigt als auch der komplexeren und abstrakteren Ebene ganzer Varietäten. So koexistieren im Sizilianischen Elemente einer älteren und autochthonen, d.h. meridionalen Latinität/Romanität mit solchen aus einer jüngeren und nördlichen Romanität, wie Fanciullo herausgearbeitet hat:

[…] infatti, ad un tipo lessicale d’origine settentrionale, il siciliano oppone o, meglio, accompagna – solitamente ad un diverso livello – un tipo direttamente riconducibile al lessico italiano tipicamente meridionale. (Fanciullo 1984, 151)

Zur Illustration folgen zwei Beispiele (nach Fanciullo 1984):

4.0.1. Das Konzept BLIND

Diese Beispiel zeigt auch, dass die Evidenz der Sprachatlanten ein wenig trügerisch sein kann; die unmarkierte, allgemeine Bezeichnung ist der Typ orbu < lat. orbus ‘einer Sache beraubt’, u.a. auch ‘der Augen beraubt, blind’ (vgl. Georges 1913 (1998); 🔗), der in Norditalien allenthalben verbreitet ist. Für Sizilien belegt AIS, Karte 188, CIECO (🔗),  ausschließlich diesen Typ. Daneben gibt es mit semantischen Spezialisierungen aber auch Derivationen des Typs cieco (< lat. caecus ‘lichtlos, blind’; vgl. Georges 1913 (1998), 🔗):

  • (u)òrvu cicanu ‘guercio da un occhio’, dessen zweite Konstituente cieco + -anu entspricht;
  • cecunatu ‘cieco dalla nascita’; 
  • cicatu ‘cieco‘, „qua e là par la Sicilia“;
  • cicàrisi un occhiu ‘avere un bruscolo in un occhio’ (‘einen kleinen Fremdkörper im Auge haben’).

4.0.2. Das Konzept KÄSE

Auch in diesem Fall dominiert in Sizilien das Derivat eines ursprünglich  nördlichen Typ, nämlich tumazzu (zur Basis tuma), der sich in einer gut abgegrenzten Ursprungsregion zuordnen lässt (vgl. AIS,  Karte 217 SALRE IL FORMAGGIO; 🔗). Das Wort entstammt dem Anschein nach einem vorrömischen Substrat des Alpenraums (vgl. von Wartburg 1922--2002🔗; vgl. auch die geolinguistische Dokumentation des Typs in VerbaAlpina 🔗)  und kann schon daher in Sizilien nicht sehr alt sein. Daneben ist aber auch der ebenfalls nördlich Typ furmaggiu/frumaggiu   vertreten, sowie kašu (casciu) aus caseus, also der alten lateinischen Bezeichnung des Konzepts (vgl. Georges 1913 (1998); 🔗). Gerade dieser, im AIS nur in Palermo belegte Typ muss jedoch früher deutlich weiter verbreitet gewesen sein; denn wir haben früh belegte Ableitung wie arab. qasari ‘caciaia’ (1182 belegt), cascavalli ‘caciocavallo’ (1371 belegt) oder auch casularu ‘ambiente dove si conserva il cacio in salamoia’. Zwar indirekte und daher häufig vernachlässigte, aber ernst zu nehmende und nicht zu unterschätzende Indizien liefern ferner die frequenten und typisch sizilianischen Familiennamen Cascio (🔗), bzw. Lo Cascio (🔗).   

Andere Synonyme wie das typische süditalienische  appiccicari ‘accendere’ neben dem nördlichen Typ aḍḍumari (zu fra. allumer) bestätigen den Eindruck.

5. Mehrdimensionale Architektur des Sizilianischen

Die Modellierung von Dialekten als einzelne ‘Varietäten’ einer komplexen Architektur, also zum Beispiel des Sizilianischen in der diatopischen Dimension des italienischen Diasystems darf nicht dazu verführen, die Komplexität diese Dialekte zu unterschätzen. Auch ein regionaler ‘Dialekt’ impliziert nicht nur lokale, wiederum diatopische Subdialekte, sondern hier ist – wie im Fall der ‘Sprachen’ – stets mit mehreren Dimensionen zu rechnen, die in unterschiedlichen historischen Epochen durchaus unterschiedliche starke Dynamik entfalten können. Eine Missachtung dieser intradialektalen Architektur führt zu reduktionistischen  Fehlinterpretationen, weil die Varianten sich auch durch andere als nur diatopische oder historische (diachronische) Markierungen unterscheiden können. Im Fall des Sizilianischen weist Fanciullo auf die bereits alte Schreibtradition hin; nicht selten – aber keinesfalls immer – werden die ‘nördlichen’ Varianten in der Schriftlichkeit bevorzugt. Wer sich entweder nur auf mündliche oder aber nur auf schriftliche Quellen stützt, sieht nur einen Ausschnitt:  

Insomma, più approfondiamo la nostra conoscenza del lessico siciliano, più ci rendiamo conto della sua articolazione complessa e non lineare. […] credo che il discorso vada posto in termini squisitamente sociolinguistici: mi pare che «modernità» e «uniformità» del siciliano siano da attribuire, quanto meno in parte, ad un equivoco di fondo, alla confusione cioè tra siciliano scritto e parlato. (Fanciullo 1984, 152)

Weiterhin unterscheidet Fanciullo ein gebildetes Sizilianisch (‘colto’) von einem ungebildeten (‘rustico’): 

Ammessa infatti una duplicità almeno di registri linguistici d’uso [i.e. ‘colto’ e ‘rustico’; Th-K.], ciascuna delle quali caratterizzta da una distribuzione parzialmente diversa (qualitativa, cioè, e non quantitativa) e degli elementi anti-meridionali e degli elementi meridionali, il giuoco dei rapporti tra i due registri linguistici ha dato l’avvio ad un processo notevolmente complesso (e verosimilmente ancora in fieri) in cui la variante ‘colta’ – interagendo con quella rustica – ha favorito una ridistribuzione al livello inferiore dell’elemento anti-meridionale (è quello che sopra ho chiamato ‘settentrionalizzazione’ o ‘modernizzazione’ di ritorno) ma anche – non va dimenticato – una ridistribuzione dell’elemento meridionale dove la scelta colta si fosse orientata verso l’elemento meridionale appunto, come nel caso di vulpi contrapposto a rinauda, voce estinta o in via d’estinzione. E tutto questo, senza escludere casi in cui l’auctoritas del registro „colto“ avrà contribuito alla conservazione dell’elemento meridionale nei confronti di successive innovazioni ugualmente meridionali, ma in Sicilia non più recepite: è il caso del verbo avere. (Fanciullo 1984, 155)

Das von Fanciullo zitierte Beispiel rinauda ‘Fuchs’ ist kulturgeschichtlich bemerkenswert; es gehört zu fra. renard ‘Fuchs’, das auf den fränkischen Namen Reginhard (deu. Reinhard) zurückführt; es gibt auch im Fra. lautlich ganz analoge Entwicklung, wie z.B. der Name Renault noch zeigt (von Wartburg 1922--2002; 🔗). Dahinter steht eine alte fränkische Tradition der Tierepik, in der manchen Tieren, vor allem dem WOLF und dem FUCHS Eigennamen gegeben wurden (Isegrimm ‘Wolf’ und eben Re(g)inhard ‘Fuchs’). Das Wort ist offensichtlich mit der galloromanischen und/oder galloitalischen Einwanderung nach Sizilien gelangt; es findet sich auch noch im altehrwürdigen (Pasqualino 1790, Bd. 5, 267) (🔗), scheint aber mittlerweile verschwunden zu sein; auch im AIS, Karte 435 LA VOLPE taucht es nicht mehr auf (🔗).

Bibliographie

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