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Grundsätzliche Bemerkung zur Lexikographie – aus sizilianischem Anlass

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Zitation: Thomas Krefeld (2019): Grundsätzliche Bemerkung zur Lexikographie – aus sizilianischem Anlass. Lehre in den Digital Humanities. Version 3 (19.03.2019, 09:11). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=119604&v=3.

1. Aktuelle sizilianische Lexikographie 

Angesichts der Erforschung des Galloitalischen (und Galloromanischen) ist es nun unvermeidlich eine grundsätzliche methodologische Bemerkung zur Dokumentation und Darstellung italienischer Dialekt- und Sprachregionen zu machen.  Denn es gibt neben den Sprachatlanten AIS und ALI  mittlerweile einen punktuell sehr guten Wissensstand, vor allem lexikographischer Art. Exemplarisch sind Raccuglia 2003, Trovato/Lanaia 2011Sottile/Genchi 20102011 und Valenti 2011, die sämtlich im Zusammenhang mit dem Atlante linguistico della Sicilia (ALS) entstanden (vgl. dazu Krefeld 2017h und jetzt vor allem Sottile 2019). Bemerkenswert ist insbesondere die Arbeit von Trovato/Lanaia, die jedem Stichwort eine kartographische Skizze beigibt.

Diese Arbeiten markieren zweifellos einen großen Fortschritt für die Beschreibung und liefern der regionalen Sprachgeschichtsschreibung eine hervorragende Grundlage; es kann allerdings auch nicht übersehen werden, dass hier eine wichtige Chance verpasst wurde, die aktuellen medientechnischen, virtuellen Optionen zu nutzen. Die Konzeption jedes Werks bleibt vollkommen der Welt des gedruckten Wörterbuchs  verhaftet; ‘Buch’ steht hier unabhängig von der gedruckten oder virtuellen Manifestation für einen abgeschlossenen Text, der im Fall eines Wörterbuchs einen wie auch immer definierten, klar begrenzten und nicht kontinuierlich erweiterbaren Ausschnitt des Wortschatzes einer oder mehrerer Sprachen umfasst. Die Herausforderung besteht nun darin, die Lexikographie aus dieser starren, objekthaften Publikationstradition in eine dynamische, prozesshafte Publikationsform auf der Grundlage von Webtechnologie zu überführen. Es ist wichtig sofort darauf hinzuweisen, dass die kontinuierliche Erweiter- und Modifizierbarkeit einer Publikation jenseits des Buchformats, d.h. vor allem in Form von Webplattformen, keineswegs Textstabilität ausschließt, genauer: ausschließen darf. Vielmehr sind seriöse Webpublikation daran zu erkennen, dass Modifikationen regelmäßig in textstabiler Weise versioniert werden (vgl. das Editorial zur Publikationsplattform KiT) .

Gerade Sizilien wäre in idealer Weise geeignet, um den Aufbau entsprechender lexikographischer Umgebungen nicht nur zu stimulieren, sondern ein kräftiges Stück voran zu bringen: Abgesehen von den historischen nicht romanischen Kontaktsprachen (mediterranes Substrat, Phönizisch, Arabisch und Griechisch), ergeben sich allein aus romanistischer Sicht mindestens fünf verschiedene lexikographische Traditionen mit teils  groß angelegten und digital konsultierbaren Referenzwörterbüchern, deren Berücksichtigung für die fundierte Beschreibung des Sizilianischen von Bedeutung sind: 

  • die regionale sizilianische Tradition, die mindestens bis zu Pasqualino 1790 zurückreicht und unbedingt auch den nur gedruckt vorliegenden VSES einbeziehen müsste;  
  • die italoromanische Tradition im Hinblick auf die areallinguistischen Einbettung der sizilianischen Daten im Kontext der italienischen Dialekte; hier sind der TLIO, der LEI  sowie ein synchrones Referenzwörterbuch, wie z.B. der VocTrecc zu nennen;
  • die galloromanische Tradition im Hinblick auf den Input aus provenzalischen und französischen Dialekten; Referenzen sind das FEW en ligne und auch der (TLFi)
  • die iberoromanische Tradition; sie ist einerseits wichtig im Hinblick auf den katalanischen und spanischen Einfluss, der sich während der Zugehörigkeit zum Königreich Aragón (1282-1494) und später in der Zeit des spanischen Vizekönigreiche entfaltete, und andererseits schon im Hinblick auf eventuelle Parallelen zwischen dem vorarabischen, Latein, das sich auf der Iberischen Halbinsel und in Sizilien etablierte; im Web verfügbar sind der DRAE sowie der DIEC2 – die wichtigen Standardwerke von Joan Coromines 1954–1957 und Coromines 1995–2001 sind online nicht verfügbar;
  • die gesamtromanische Tradition mit dem klassischen REW; die Überführung dieser Arbeit in einen strukturierten Datenbestand und damit in eine gesamtromanistische virtuelle Referenz ist in Arbeit (vgl. Zacherl in Vorbereitung).

1.1. Jenseits aller FAIRness 

Exemplarisch soll der aktuelle Stand der Dinge nun ausgehend von einem gut überschaubaren und hier schon ein wenig eingeführten sizilianischen Beispiel genauer dargestellt werden. Ausgangspunkt bildet die ‘klassische’ dialektologische Materialbasis für die Erforschung des Galloitalischen, die durch die vier einschlägigen Erhebungspunkte des AIS geschaffen wurde; thematischer Testfall sind die auf der AIS-Karte 1217 SALARE IL FORMAGGIO dokumentierten Bezeichnungen für das Konzept KÄSE (🔗). Der erste Schritt muss darin bestehen,  die Formen zu Typen zusammenzufassen, was in diesem Fall wegen der wenigen Tokens und der nur schwachen Variation sehr leicht fällt.  Insgesamt resultieren vier lexikalische Typen, die sich im Fall von (4) noch in phonetische Typen differenzieren ließen: (1) [ka∫u], (2) [ˡtuma], (3) [tuˡmats], [tuˡmatːsu], (4) [fruˡmεʤ], [fruˡmadʤu], [furˡmadʤu].

Diese vier Typen zeigen nun wie unter dem Mikroskop einerseits die komplizierte Verflechtung der galloitalischen mit den nicht galloitalischen Punkten in Sizilien und andererseits die Bezüge aller dieser Typen mit den Varietäten auf dem italienischen Festland und darüberhinaus. 

1.1.1. Typ (1) [ˡka∫u]

Dieser Typ ist in den galloitalischen AIS-Orten nicht belegt; er ist überhaupt nur in einem Punkt, in AIS 803 (= Palermo) belegt, dominiert jedoch bei weitem in Süditalien; von den verbleibenden Typen sind nur zwei, nämlich (3) und (4), in galloitalischen AIS-Orten belegt jedoch nicht in allen.

1.1.2. Typ (2) [ˡtuma]

Das Wort ist erstaunlicherweise auf der AIS-Karte 1217 in den galloitalischen Orten nicht belegt, obwohl es sich nach Auskunft der Kartenbelege in Nordwestitalien ohne jeden Zweifel um einen galloitalischen Import handelt (🔗).

1.1.3. Typ (3) [tuˡmatːs(u)]

Dieser Typ ist in doppelter Hinsicht bemerkenswert, denn er dominiert im Rest von Sizilien, und nur dort, denn in anderen Gegenden Italien fehlt er vollständig. Es handelt sich jedoch ganz offensichtlich um eine Ableitung von Typ (2) [ˡtuma]. Daraus muss man schließen, dass auch (3) urspünglich galloitalisch gewesen sein muss und sich erst sekundär im Rest von Sizilien verbreitet hat.

1.1.4. Typ   (4) [fruˡmεʤ], [fruˡmadʤu], [furˡmadʤu]

Varianten dieses Typs sind nur in einem galloitalischen Orte belegt und in ganz Sizilien wie auch  darüberhinaus in Süditalien überhaupt nur sporadisch verbreitet.

Es liegt vor allem im Hinblick auf die Typen (2) und (3) nun die Vermutung nahe, dass die AIS-Karte 1217 kein repräsentatives, sondern ein durchaus lückenhaftes Bild des Galloitalischen wiedergibt. Dieser Eindruck lässt sich mittlerweile eindeutig  bestätigen, wenn die AIS-Materialien im Kontext der erwähnten neueren Wörterbücher gesehen werden. Es ergibt sich (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) die folgende Tabelle: 

  neueres umfassendes Wörterbuch vergleichendes Spezialwörterbuch
AIS 817 Foti 2015 Trovato/Lanaia 2011 Valenti 2011
AIS 818  
AIS 836  
AIS 865 Raccuglia 2003
Madonie   Sottile 2002
weiteres Sizilien    
Tab. 1: Die galloitalischen AIS-Orte und die neuere sizilianische Lexikographie 

Die AIS-Belege zum Konzept KÄSE lassen sich wie folgt ergänzen, wobei Ergebnisse der neueren Lexikographie, die von den AIS-Erhebungen abweichen, blau hervorgehoben sind: 

lex. Typen
  
AIS 1217
AIS-Orte
San Fratello
(817) 
Fantina 
(818)
Sperlinga
(836)
Aidone
(865)
AIS-Erh. Foti 2015 AIS-Erh. AIS-Erh. AIS-Erh. Raccuglia 2003
[ˡka∫u]
tuma] tuoma ‘formaggio fresco, non salato’ (329) tuma
‘formaggio fresco […] di pecora, non salato’ (455)
[tuˡmazzu] + + tumazze [tuˡmatːsə]
‘formaggio […] di pecora, […] salatura e stagionatura’ (455)
[fruˡmæʤ], [fruˡmadʤu], [furˡmadʤu] +

frumeg [fruˡmεʤ] 
‘formaggio’ (156)

frumagge  [fruˡmadːʒsə] ‘formaggio […] di pecora, […] salatura e stagionatura’ (170)
Tab. 2: Ergänzung der lexikalischen Typen des AIS durch die Lexikographie

Wo dank der neueren Arbeiten mehrere lexikalische Typen belegt sind, erweist es sich sofort als notwendig die Bedeutung im Hinblick auf die Art der Milch, den Reifegrad usw. zu spezifizieren. 

Darüber hinaus lassen sich die galloitalischen Typen natürlich auch im Kontext der anderen sizilianischen Dialekte sehen:  

AIS 1217 Foti 2015 Raccuglia 2003 Trovato/Lanaia 2011 (Valenti 2011) (Sottile 2002)
[ˡka∫u] ncasciata casu  
[ˡtuma] tuoma tuma tuma tuma
[tuˡmazzu] tumazze [tuˡmatːsə] tumazzu tumazzu tumazzu
[fruˡmæʤ, fruˡmadʤu, furˡmadʤu] frumeg [fruˡmεʤ] frumagge  [fruˡmadːʒsə] furmàggiu formagiu formàggiu
Tab. 3: Wünschenswerte Verknüpfung  sizilianischer Ressourcen

1.2. Mit FAIRness in die Zukunft

Nun ist implizit bereits klar geworden, dass die genannten Parallelen und Unterschiede ‘von Hand’ recherchiert werden mussten, denn elektronische Versionen fehlen vollkommen oder sind entweder rudimentär (wie im Fall des AIS) oder noch ganz initial (wie im Fall von Sottile 2002). Dass jedoch allererste Voraussetzungen zu einer möglichen Verknüpfung bereits gegeben sind, wurde bereits angedeutet. Es lässt sich konkretisieren, wenn man den Kontext erweitert und die oben skizzierte Einbettung der sizilianischen Daten in den gesamtitalienischen oder gar romanischen lexikographischen Zusammenhang anvisiert. Die bereits genannten Lexika bieten virtuelle Auftritte an, die jedoch sehr unterschiedlich avanciert sind, wie aus den jeweils verfügbaren Links für einzelne Lemmata hervorgeht, die in die  folgende Tabelle eingetragen wurden:

AIS 1217 REW Treccani TLIO FEW DRAE DIEC2 Georges
[ˡka∫u] caseus cacio cacio caseus queso   caseus
[ˡtuma] tòma toma      
[ˡtumazzu]  tumazzu       
[fruˡmæʤ, fruˡmadʤu, furˡmadʤu] forma formaggio formaggio formaticum formaje formatge  
Tab. 4: Wünschenswerte lexigraphische Verknüpfung über Sizilien hinaus (unvollständig)

Wünschenswert – und keineswegs utopisch, sondern technisch mit bereits verfügbaren Programmen grundsätzlich zu bewerkstelligen – ist nun die Integration aller sizilianischer Daten in eine offene, d.h. web-basierte und umfassende virtuelle lexikographische Umgebung. Man bedenke, dass alle genannten sizilianischen Lexika zwar in gedruckter Gestalt vorliegen , jedoch angesichts ihres Publikationsdatums höchstwahrscheinlich in elektronischer Weise hergestellt wurden. Die sprachlichen Formen, die sie enthalten, sollten deshalb als Daten verfügbar sein. Im Fall des relativ ältesten, hier genannten Wörterbuchs (Sottile 2002) wurde die Überführung in eine relationale Datenbank bereits probeweise erfolgreich getestet.

Mi einem solchen Transfer könnte die Wissenschaftskommunikation und die Kooperation der an Sizilien interessierten Sprachwissenschaftler auf eine substantiell neue und sehr konstruktive Grundlage gestellt werden. Sie müsste sich an Regeln orientieren, die vor wenigen Jahren unter dem plakativen aber nützlichen Schlagwort der FAIR-Prinzipien formuliert wurden (vgl. Lücke 2018b). Damit wird gefordert, Forschungsdaten sollten F(indable), A(ccessible), I(nteroperable) und R(eusable) sein. Manche der exemplarisch erwähnten Quellen werden diesen Ansprüchen bereits bis zu einem gewissen Grad gerecht, wie die folgende Tabelle zeigt.

  Lesbarkeit F findable A acessible I interoperable R reusable
AIS human + + irrelevant
machine
REW human + + irrelevant +
machine
TRECCANI human + + irrelevant +
machine + + ?
TLIO human + + irrelevant +
machine + + + ?
Georges human + + irrelevant +
machine + + + +
FEW human + + irrelevant
machine ?
Sottile 2002 human + + irrelevant +
machine + +
Tab. 5: Einige lexikographische Instrumente im Lichte der FAIR-Prinzipien 

Das noch etwas provisorische Beispiel von Sottile 2002 zeigt bereits sehr schön, wie auf der Grundlage der interoperability (I) die traditionellen Gattungsgrenzen überwunden werden können, denn der Lemmabestand des Wörterbuchs wird auch über eine kartographische Oberfläche dargestellt und so – jedenfalls für menschliche Leser – auf eine komplementäre Weise accessible (🔗  → ‘tipo morfo-lessicale tuma’); hervorzuheben ist auch die dem gedruckten Wörterbuch fremde onomasiologische Suchrichtung, die bei der medialen Konvertierung des Wörterbuchs in eine virtuelle lexikographische Umgebung ermöglicht wird. Im Fall georeferenzierter oder wenigstens georeferenzierbarer Wörterbücher kann ein solcher Wechsel zwischen einem kartographischen und einem lexikographischen Modus grundsätzlich ermöglicht werden. 

Im Projekt Verba Alpina, das ganz konsequent an den FAIR-Prinzipien ausgerichtet ist (vgl. Krefeld/Lücke 2018),  wurde diese Option systematisch umgesetzt. Jeder erfasste lexikalische Typ ist als eigenständiges digitales Objekt durch eine URL zugänglich; gleichzeitig ist er durch die Art seiner Dokumentation mit zugänglichen (accessible) Referenzwörterbüchern verknüpft, wie etwa die Suche nach dem Lemma tomme  exemplarisch zeigt. Darüberhinaus ist der Zugriff auf einen einzelnen der zugehörigen Belege möglich, wie etwa hier auf die Form aus dem piemontesischen Ostana, wobei selbstverständlich auch die jeweilige Quelle identifiziert wird.

Allerdings sind die oben genannte, grundsätzlich FAIR-tauglichen Lexika im Detail genauer zu untersuchen; technisch in mancher Hinsicht modellhaft ist der TLIO, denn er wurde von vornherein virtuell konzipiert und ist nicht aus sekundärer Digitalisierung eines für den Druck entwickelten Wörterbuchs entstanden. Aber selbst hier wären aus dialektologischer Sicht in mehrfacher Hinsicht Verbesserungen denkbar, die technisch möglich wären; sie betreffen:

  • Die Findbarkeit der Varianten ist für Maschinen nicht (jedenfalls nicht von außen) möglich und auch für Menschen nur indirekt gewährleistet: Der TLIO erhebt zwar den Anspruch auf exhaustive Erfassung aller aus älterer Schriftlichkeit (bis 1400 n.Chr.) verfügbaren Formen, bietet jedoch keine Exportfunktion an; im Fall von cacio ‘Käse’ handelt es sich insgesamt um die folgenden Varianten: caci, cacio, casci, cascio, casciu, caseo, casi, casio, caso, casu, caxio, caxo, chacio, chasci, chascio, chassci, chaxio, kascio. Darunter ist also auch der in AIS 1217 für Palermo bezeugte Typ casciu [ˡka∫u] ‚Käse‘ Kap. , der über das Suchfenster nicht gefunden werden kann und für Menschen auch nur dann zugänglich ist, wenn die Form als Variante von cacio erkannt und unter diesem Lemma gesucht wird. Die Varianten sind, mit anderen Worten, keine digitalen Objekte.  
  • Dasselbe gilt für die Etyma, die zwar mit Verweis auf den DELI unter dem Reiter ’nota etim.‘ genannt werden, aber nicht als solche angesprochen werden können. Die Suche von Kognaten ausgehend vom Etymon ist also ebenso unmöglich wie eine Verknüpfung mit anderen, nicht im TLIO verfügbaren Kognaten.
  • Die Herkunftsorte und -regionen der ausgewerteten Quellen werden zwar genannt, aber eine direkte Zuordnung der Varianten zu den jeweiligen Orten/Regionen erfolgt nicht; die unmittelbare Voraussetzung für eine Kartierung ist damit nicht gegeben.

Die accessibility und reusability sind im Fall des TLIO also auf die lemmatisierten Varianten begrenzt und eine Überschreitung der Gattungsgrenze (‚Lexikon‘) in Richtung eines Atlas ist ausgeschlossen.

Aus der Analyse des kleinen Beispiels lassen sich nun die folgenden Maximen ableiten, durch die man sich beim Aufbau einer virtuellen lexikographischen Umgebung leiten lassen sollte:

  1. Die Verknüpfung der Ressourcen beruht auf  der Grundlage von IDs, mit denen lexikalische Einheiten und ihre Varianten identifiziert werden können; auch die im Web verfügbaren Lexika sind hier deutlich zu grob granuliert und letztlich standardorientiert. Entsprechende L[exeme]-IDs (wie sie auch im Wikidata-Projekts  initial festgelegt werden) sind die Bedingungen für die Integration einer Ressourcen in einen zugänglichen und filterbaren Verbund. Durch ihre Benutzung im Verbund der Ressourcen werden die jeweiligen IDs de facto zu Normdaten.
  2. Neue Ressourcen oder solche, die durch Retrodigitalisierung, bzw. Datenkonvertierung neu erschlossen werden (und sich dadurch als reusable erweisen), sollten für die Identifizierung ihrer jeweiligen Daten unbedingt auf bereits zur Verfügung stehende IDs zurückgreifen und diese dadurch interoperable (I) machen.
  3. Wörterbücher, die accessible sind, also solche mit zugänglichen IDs, wie im Bereich des Lateinischen der klassische (Georges 1913 [1998]), werden somit aus rein technischen Gründen bevorzugt. Ressourcen, die keine entsprechenden IDs über open access anbieten können, wie im Fall des Lateinischen der monumentale Thesaurus linguae latinae, disqualifizieren sich selbst. 
  4. Alle lexikalischen Einheiten, für die noch keine IDs zugänglich sind, müssen entsprechende Identifizierer erhalten; diese Notwendigkeit muss im Fall Siziliens bei der Digitalisierung des (Piccitto u.a. 1977-2002) unbedingt berücksichtigt werden.
  5. Neben der Vielfalt und Varianz der einzelsprachlichen Bezeichnungen ist es weiterhin erforderlich auch die außersprachlichen Realia und Kategorien, auf die die Bezeichnungen referieren, eindeutig zu identifizieren. Dabei kann man sehr gut auf die bereits sehr differenzierten und entsprechend zahlreichen sogenannten Q-IDs des Wikidata-Projekts zurückgreifen. Mit diesen Identifikatoren wird die gemeinsame Referenz belegt, die den verschiedenen einzelsprachlichen Wikipedia-Artikeln zu Grunde liegt; so sind alle 156 Artikel zum Konzept KÄSE (Stand: 29.1.2019) durch den Identifikator Q10943 verknüpft. Dieses generische Konzept ist – wo immer möglich – durch spezifischere Subkonzepte zu präzisieren, für die jeweils eigene Q-IDs angeboten werden; so referenzieren alle Artikel über FRISCHÄSE auf Q3323634 und diejenigen über SCHAFSKÄSE auf Q1411808. Im Zweifelsfall sind diese Q-IDs ebenfalls aufzufüllen; so gibt es z.B. noch keinen Identifikator für das oben erwähnte Konzept FRISCHER UNGESALZENER SCHAFSKÄSE, das mit dem galloitalischen tuma in Aidone bezeichnet wird. Der evidente Nutzen einer Verknüpfung mit Konzept-IDs wurde in der italianistischen und romanistischen Lexikographie – wie es scheint – nicht einmal im Ansatz erkannt.

Es ergibt sich für eine umfassende lexikographische Umgebung also die folgende, elementare Architektur: 

Phonetisch-lexikalische Typen Lexem-ID Konzept-ID Sprachcode Georeferenzierung
quellenintern quellenextern
Tab. 6: Lexikographische Datenmodellierung

2. Epilog zum LEI

Eine italianistische Schlüsselrolle bei der (langfristig ohnehin unaufhaltsamen) Entwicklung virtueller und integraler lexikographischer Umgebungen kommt der im Entstehen begriffenen Online-Version des monumentalen Lessico etimologico italiano (LEI) zu. Der LEI lässt sich ja informationstechnisch auch als mächtiges Instrument zur etymologischen Typisierung des dialektalen italienischen Wortschatzes beschreiben, dessen Potential hinreichend ist, um die FAIR-Prinzipien auf einen Schlag in der Lexikographie zu etablieren. Dazu wäre es ausreichend, alle Etyma einerseits und alle Kognaten andererseits mit Identifikatoren (IDs) zu versehen; so würde ein sehr breites und solides Fundament gegossen, auf dem neu entstehende und im Zuge von Retrodigitalisierung virtuell wiederentstehende dialektale und andere Wörterbücher referieren könnten. Wenn die neuen Wörterbücher diese LEI-IDs (so sollen sie hier spontan und provisorisch genannt werden) jeweils übernehmen, wäre konstruktive Kooperation der Forschung methodologisch garantiert, da jedes Etymon und seine jeweiligen Kognaten gegenseitig findable, accessible, interoperable und langfristig reusable würden: Wer in einer derartigen Umgebung über geeignete Filter einen charakterischen Worttyp Siziliens sucht, gelangt zu den sizilianischen Quellen und über die Verknüpfung mit den LEI-Daten zum Etymon einerseits und zu Kognaten andererseits. Aus dem LEI heraus würden sich dann in entgegengesetzter Richtung Einblicke in die neueren, vor allem dialektalen Lexika ergeben. Die mögliche kartographische Repräsentation hängt dabei von der Präzision der Georeferenzierung ab; hier sind Filter nach Orten, Regionen, Etyma, Kognaten und außersprachlichen Größen naheliegend.

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