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Romania Submersa

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Zitation: Thomas Krefeld (2020): Romania Submersa. Version 1 (18.02.2020, 09:23). Lehre in den Digital Humanities. . url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=159691&v=1

1. Regionaler Sprachwechsel und historische Zweisprachigkeit

In der Romania Submersa ist das Lateinisch-Romanische als Substrat nicht romanischer Sprachen anzusehen. Es hat die Sprachen, durch die es verdrängt wurde je nach Region mehr oder weniger deutlich beeinflusst, so dass man auf regional unterschiedliche Szenarien des Sprachwechsels schließen darf. In den Gebieten westlich des Rheins und südlich von Neckar und Donau, die heute im alemannischsprachigen Teil der Schweiz, in Deutschland und in Österreich liegen, sind zahlreiche Spuren des Substrats offensichtlich; sie zeigen, dass der Übergang zum Deutschen erst im Gefolge einer mehr oder weniger langen Phase der Zweisprachigkeit erfolgt sein kann. Die sogenannte Germanisierung bezeichnet gewissermaßen die zweisprachige Übergangszeit zwischen älterer lateinisch-romanischer und jüngerer germanischer Einsprachigkeit:

‚Germanisierung‘: eine Phase zu- und wieder abnehmender Zweisprachigkeit

Die Erforschung dieses Szenarios ist für die historische Sprachwissenschaft mindestens in zweifacher Hinsicht von Interesse:

  • Vor dem Hintergrund des lateinisch-romanischen Substrats erweisen sich etliche dialektale Besonderheiten der betroffenen Gebiete als Übernahmen oder Entlehnungen; manche deutsche Dialekte, wie das Bairische, sind überhaupt erst im Kontakt mit dem Lateinisch-Romanischen entstanden.
  • Dialektale Substratentlehnungen sind sekundär oft in das Hochdeutsche gelangt; sie bilden daher die Voraussetzung für das Verständnis der Wortgeschichte vieler hochsprachlicher Wörter. So kommt dem kleinen Teil des deutschen Sprachgebiets mit lokalem  lateinisch–romanischen Substrat eine große sprachhistorische Bedeutung  für die historische Lexikologie des Deutschen zu.

Genauer gesagt lassen sich zwei unterschiedliche Klassen substrataler sprachlicher Elemente unterscheiden, nämlich einerseits Eigennamen für Orte, speziell auch für Berge und Flurstücke sowie für Gewässer und andererseits Gattungsbezeichnungen. 

1.1. Eigennamen (‘nomina propria’)

1.1.1. Übernommene Ortsnamen (Toponyme)

Sprachgeschichtliche Analysen lassen sich aus entgegengesetzten Perspektiven verfolgen; falls Ursprungsformen bekannt sind, kann man untersuchen, wozu sie sich entwickelt haben; es ist aber selbstverständlich auch möglich, von den Resultaten auszugehen und nach ihren Ursprüngen zu fragen. Im ersten Fall bilden die aus der Antike überlieferten Namen den Ausgangspunkt;  die bekannteste Quelle bildet die auf eine antike Vorlage zurückgehende Tabula Peutingeriana (vgl. Lücke 2018f). Die virtuelle Kartierung der dort genannten Orte im Projekt VerbaAlpina) zeigt die enge Einbindung der heute deutschsprachigen Romania Submersa.

„Daß römische Bevölkerung und Kulturtradition die Turbulenzen des 5. Jahrhunderts bis in das frühe Mittelalter hinein überdauert haben, geht allein aus der Tatsache hervor, daß zahlreiche topographische Namen, vor allem Fluß- und Ortsnamen der Römerzeit bis heute in Gebrauch sind. Von Brigantium/Bregenz, Cambodunum/Kempten, Foetes/Füssen, Caelius mons, Augusta Vindelicum/Augsburg, Guntia/Günzburg, Castra Regina/Regensburg, Quintana/Künzing bis Batavis/Passau, um nur die wichtigsten zu nennen, kann man von bruchlosen Traditionen ausgehen. Allerdings ist es noch nicht überall gelungen, der Kontinuität des Namens den Nachweis der archäologischen Kontinuität zur Seite zu stellen. Umgekehrt muß man, wie die Beispiel des Raums um Neuburg a.d. Donau und Straubing zeigen, gelegentlich mit einer lokalen Siedlungs- und Bevölkerungskontinuität rechnen, ohne daß dabei die römischen Ortsnamen überliefert wurden“ (Fischer in Czysz 1995, 405).

Der gerade genannte Name Kempten (< Cambodumum) zeigt ein weit verbreitetes typisch galloromanisches Suffix:

  • gall. -dunum ‘Burg’.

Andere häufige galloromanische Suffixe sind in der Romania Submersa ebenfalls belegt:

  • gall. -acum, das häufig in Verbindung mit Personennamen Ortsnamen bildet; z.B.  lat. Aureliacum [Aurelius + iacum] > fra. Orly, bzw. zu okz. Aurillac (vgl. die deutschen Belege);
  • gall. -magos ‘Feld‘; z.B. deu. Remagen, Neumagen, Maienfeld (bei Chur) u.a.;  (vgl. König 2011, 129).

Es lassen sich unterschiedliche Ausprägungen von Kontinuität erkennen:

  1. Namen wie Köln (< lat. Colonia) oder Mainz (< lat Mogontiacum) setzen die lateinischen Namen als solche fort und passen sie nur formal an die deutsche Phonetik an; inbesondere wird der Akzent systematisch auf die erste Silbe verlegt.
  2. Namen wie Neumagen (< lat. Noviomagos) setzen partiell die lat. Form fort (-magen < magos) und übersetzen sie teilweise (neu hat dieselbe Bedeutung wie novios). Da sie Elemente verbinden, die aus unterschiedlichen Sprachen stammen, spricht man von hybriden Formen.
  3. Namen wie Maienfeld sind ebenfalls hybrid, aber sie sind darüberhinaus pleonastisch Übersetzungsnamen, insofern ein Teil (hier: -feld) als Übersetzung des anderen Teils (hier Maien- <magos) aufgefasst werden muss. Man beachte, dass der übersetzte Bestandteil zur Zeit der Übersetzung noch verstanden wurde; diese Namen sind also sichere Indizien für Zweisprachigkeit. Im Fall von Maienfeld ist das durchaus erstaunlich, denn der erste Beleg des deutschen Namens (Maginvelt) stammt aus dem Jahre 1282 (); der Sprachwechsel vom Romanischen zum Alemannischen wurde in diesem Ort erst im 16. Jahrhundert vollzogen; jedenfalls muss maia < magos zum Zeitpunkt der Entstehung der deutschen Form noch als ‘Feld’ verstanden worden sein, obwohl es sich ja ursprünglich um ein keltisches (vorrömisches) Element handelt.

1.1.2. Ortsnamen aus der Fremdbezeichnung romanischer Bevölkerung

Hinweise auf die romanische Substratbevölkerung geben uns aber nicht nur die erhaltenen Ortsnamen, die den Sprachwechsel überdauert haben, sondern  solche Toponyme die Romanen explizit bezeichnen. Hier ist vor allem die Fremdbezeichnung des Typs Walch/Welsch, bzw. Waller und in reduzierter Form Wal(l) zu nennen (vgl. die klassische Arbeit von Ernst Schwarz 1970 sowie Kleiber/Pfister 1992, 24 f.); letztlich gehen alle zugehörigen Varianten auf den Namen eines gallischen Stammes, lat. Volcae zurück (vgl. Tagliavini 1998, 123, Anm. 13). Dieser Stamnmesname (Ethnonym) wurde bei den Germanen und später auch bei Ungarn und Slaven zur Fremdbezeichnung von Romanen. Je nach Region bezeichnet(e) er Galloromanen (schweizerdeu. welsch ‘franzöisch’), Italoromanen (bair. welsch ‘italienisch’) oder Balkanromanen (ungar. oláh, älteres deu. walachisch ‘rumänisch’). Im Falle des Sprachnamens (Glottonym) wallon und der Provinzbezeichnung Wallonie für den französischsprachigen Teil Belgiens) wurde die Fremdbezeichnungen auch zur Selbstbezeichnung. Die folgende Karte zeigt Regionen oder im Fall Griechenlands Gruppen von Sprechern, die mit dem Ethnonym bezeichnet werden:

Einige lokale Walchennamen im Alpenraum und im bayerischen Alpenvorland finden sich auf dieser Karte. Insgesamt sind lateinisch-romanische Ortsnamen und Wal(ch)-Namen in der gesamten Romania Submersa des Rhein-Donau-Raums massiv verbreitet; am längsten scheint sich das Romanische an der Mosel, am Oberrhein und im Schwarzwald sowie im Salzburger Becken erhalten zu haben (vgl. König 2011, 128, Kleiber/Pfister 1992, Karten 1-21 und Reiffenstein 1991).

1.2. Entlehnte Gattungsbezeichnungen (‘nomina appellativa’)

Manche hochdeutsche Wörter lateinisch–romanischer Herkunft (vgl. allgemein ) führen ebenfalls ganz direkt in die alten Kontaktgebiete zurückführen, sollen im Folgenden vorgestellt werden. Die Aufgabe der Sprachgeschichte besteht darin, das räumlich–soziale Szenario der Entlehnung und womöglich der nachfolgenden Verbreitung zu rekonstruieren. Wichtige Hinweise gibt dabei die sogenannte zweite Lautverschiebung (), die im linksrheinischen Gebiet nördlich der Mosel gar nicht oder nur teilweise durchgeführt wurde; so kann das plattdeutsche Wort Kamp ‘Wiese’ < lat. campus  nur dort entlehnt worden sein, wo [p] nicht zu [pf] verschoben, wie südlich der Mosel, wo die Entlehnung desselben lat. Wortes zu Kampf wurde. Eine präzise Verortung im heute deutsch- bzw. niederländischsprachigen Teil der Romania submersa ist jedoch immer dann nicht leicht und bisweilen wohl auch unmöglich, wenn die zweite Lautverschiebung keine Argumente liefert, da im lateinisch-romanischen Wort entsprechende Laute fehlen.

Es gibt jedoch klare Fälle, so zum Beispiel die Bezeichnung von Konzepten/Referenten, die nur in einer bestimmten Gegend vorkommen. Gut aufgearbeitet wurde der starke Beitrag des so genannten Moselromanischen zur Terminologie des Weinbaus an der Mosel (vgl. Jungandreas 1979, sowie (Kleiber 1980), und Post 2004) und ähnlich auch im Kaiserstuhl (vgl. Kleiber 1980).

Von besonderem Interesse ist aber auch der heute alemannisch/bairische Alpenraum, da er sich einerseits durch spezifische Lebensbedingungen auszeichnet und andererseits in manchen Gebieten eine romanische Kontinuität bis in die frühe Neuzeit erkennen lässt, so wohl im südlichen Vorarlberg bis ins 16. Jahrhundert (vgl. Bundi 2008, s.v.) und im Vintschgau bis ins 17. Jahrhundert (vgl. Bundi 2014, s.v. ). Es ist ja von vornherein klar, dass eine romanische Bezeichnung für typisch alpine Konzepte, wie z.B. im Fall von deu. Gletscher für EISFLÄCHE IM HOCHGEBIRGE, DIE DEN SOMMER  ÜBERDAUERT, da entlehnt wurde, wo dergleichen existiert, d.h. in den Alpen, genauer: am Alpenhauptkamm. Dazu schreiben Kluge/Seebold:

„Gletscher, Sm std. (16. Jh.), Entlehnt aus schweizerdeutschen Mundartwörtern, die auf spl. glaciārium n., einer Ableitung von spl. glacia f. ‛Eis’, aus l. glaciēs f. zurückgehen.“ ((???), online, o.S.)

Dieser lapidare Satz aus dem Etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache ist insofern zu präzisieren, als die „schweizerdeutschen Mundartwörter“ keineswegs als „spätlateinische“ Entlehnungen anzusehen wären, sondern – abgesehen von der Verschiebung des Wortakzents auf die erste Silbe – exakt den Lautstand bünderromanischer Formen widerspiegeln, die ihrerseits das Spätlateinische fortsetzen: mit anlautendem , dem Affrikat [-tʃ-], der in der nachfolgenden Karte als [ć] transkribiert ist, und auslautendem [-r], wie der Ausschnitt aus AIS 426a zeigt (NavigAIS).

Ausschnitt aus AIS 426a, GLETSCHER (zur Orientierung: P7 = Ardez/Unterengadin – P312 = Wolkenstein/Dolomiten)

Ein lehrreiches Beispiel ist auch deu. Butter; neben der femininen hochdeutschen Variante gibt es im Bairischen die maskuline Form der Butter, die das Gebiet von ebenfalls maskulinem ita. il butiro fortsetzt und daher gewiss als süddeutsche Entlehnung anzusehen ist (). 

1.3. Vom Appellativ zum Toponym

Grundsätzlich sagt die Herkunft eines entlehnten Worts gar nichts über seine Verankerung im Wortschatz der entlehnenden Sprache, bzw. des entlehnenden Dialekts aus. Falls ein entlehntes Wort wieder verschwindet, können zwar in Ausnahmefällen systematische, meist sprachpolitische Kampagnen dahinterstehen, wie etwa im italienischen Faschismus und im Fall der französischen Terminologiekommissionen, die systematisch Ersatzwörter für Anglizismen erarbeiten; aber in der Regel finden sich dafür ganz andere Erklärungen: So werden nur lokal entlehnte Wörter nicht selten durch regional weiter verbreitete, synonyme Konkurrenzwörter verdrängt; andere gehen unter, weil die bezeichnete Sache keine Rolle im Alltagsleben mehr spielt.

Eine im Zusammenhang mit Substratentlehnungen wichtige Rückzugsstufe besteht im Erhalt eines Worts als nicht mehr motivierter Ortsname. Ein Beispiel ist der Typ Staf(f)el ‚einfaches Almgebäude‘, der in der alemannischen Schweiz (im Berner Oberland) verbreitet ist (vgl. Karte) und der sich auch im romanischsprachigen Alpengebiet in dialektalen Varianten von fra. étable ‚Stall‘, ita. stabbio ‚Pferch, Stall, Mist‘, bündnerrom. stavel ‚Almgebäude‘  wiederfindet. Alle Bezeichnungen sind Kognaten von lat. stabulum ‚Aufenthaltsort; spez. auch Stall‘ (vgl. Georges s.v.). Im Bairischen scheint das Wort nicht mehr gebraucht zu werden, aber wir haben den Staffelsee, einen Berg Staffel mit einer Alm bis zum Gipfel so in Vorarlberg die Staffelalpe, als charakteristische Hybridform, in der die zweite Konstituente (Alpe) die synonyme erste, aber nicht mehr verstandene (Staffel) übersetzt.

bair. Staffel – ein Relikt von rom. stavel (< lat. stabulum) in Ortsnamen

Ähnlich verhält es sich mit den Varianten Gufel/Kofel, die ebenfalls fast nurmehr als Namen erhalten sind; gelegentlich taucht dialektales Gufel noch in der Bedeutung ‚Felshöhle‘ auf, die dem bündnerom. cuvel ‚Höhle‘ entspricht; Etymon ist lat. cubulum ‚Lagerstätte für Vieh‘ (< cubare ‚liegen‘; ). 

Zusamenfassend kann man feststellen, dass Ortsnamen für die Einschätzung einer den Sprachwechsel überdauernden siedlungsgeographischen Kontinuität von grundlegender Bedeutung sind (vgl. im Blick auf die Alpen schon (vgl. schon Steub 1867 und Greyer 1933). Neben den Siedlungsnamen im engeren Sinn ist gerade die Dokumentation von Flurnamen (etwa von Bergen und Almen) wichtig, da sie Rückschlüsse auf die kontinuierliche Nutzung des Geländes erlaubt, wie im Folgenden skizziert werden soll. 

2. Mikroskopie: das Karwendel

Es soll genauer gesagt gezeigt werden, dass es interessant sein kann sich nicht nur an den alten Passwegen zu orientieren, sondern gerade auch verkehrstechnische weniger erschlossene Winkel zu erforschen.  Ausgangspunkt ist die Brennerroute, die sich in Innsbruck (von Süden aus gesehen) in einen westlichen Zweig (über den Seefelder Sattel, Mittenwald, Partenkirchen nach Augsburg) und einen östlichen Zweig (den Inn abwärts) teilt ergeben sich. Weniger vorhersehbar und daher umso aufschlussreicher für die regionale Sprachgeschichtsschreibung ist jedoch ein Blick in das Gebiet im Winkel der beiden genannten Routen, insbesondere in das Karwendelgebirge, das genauer eingegrenzt zwischen der ersten Verbindung und der wohl auch benutzten Route, die am Achensee vorbei führt, liegt. Dieses Gebiet ist topographisch unübersichtlich, und erscheint siedlungsgeschichtlich auf den ersten Blick abgelegen, da keine durchgehenden Nord-Süd- bzw. Ost-West-Täler vorhanden sind (); in letzter Zeit rückt es allerdings ins Blickfeld der Archäologen (vgl. Nicolai erscheint).

Karwendel: historischer Rahmen der Toponomastik

Allerdings muss vorher ein methodisch wichtiger, doppelter Vorbehalt angemeldet werden: Alte Namenformen sind ebenso wenig verfügbar wie die Dialektformen; selbst die Betonung lässt sich der hochsprachlichen Form nicht mit Sicherheit entnehmen (Grámai oder Gramái, Láfatscher oder Lafátscher u.a.). Zur Erhebung der dialektalen Toponomastik wäre die Einrichtung eines Citizen Science-Projekts () zu erwägen.

Auf der folgenden Karte werden zur Orientierung einige Karwendelnamen lokalisiert, die anschließend kurz besprochen werden:

2.1. Namenerklärung aus dem lateinisch-romanischen Substrat

Einen Nachweis der historischen Abkunft eines Namens aus dem lateinisch-romanischen oder gar aus einem vorrömischen Substrat darf man im strengen Sinn nicht erwarten; allerdings gibt es sehr wohl unterschiedliche Grade der Plausibilität und damit der Wahrscheinlichkeit. Ausgehend vom Vorhandensein deutscher Entsprechungen (mit germanischer Etymologie) und romanischer Entsprechungen (mit lateinischer oder vorrömischer Etymologie) ergeben sich vier Validitätsstufen (1 > 2 > 3 ), die in sich jeweils durch die Häufigkeit von Parallelbelegen in der Toponomastik des romanischen Alpenraums abgestuft werden können; als Quelle romanischer Evidenz wird hier – sozusagen vorläufig – nur die romanische Schweiz und insbesondere Graubünden nach Maßgabe des Portals ortsnamen.ch zu Grunde gelegt:

  1. Die verlässlichste Gruppe kann mit zwei Kriterien bestimmt werden:
    • Ein einfacher, d.h. weder zusammengesetzter noch mit einer Endung abgeleiteter Name oder aber eine Konstituente, die mit einem deutschen Wort zusammengesetzt ist, lassen sich aus dem Deutschen nicht befriedigend erklären;
    • es gibt formal hinreichend ähnliche und semantisch  einleuchtende Entsprechungen im heute romanischsprachigen Alpengebiet.   
  2. Unsicherer sind Namen, die
    • zwar formal, aber ohne semantisch große Plausibilität aus dem Deutschen hergeleitet werden können und für die es gleichzeitig 
    • formal und semantisch hinreichend ähnliche Entsprechungen im heute romanischsprachigen Alpengebiet gibt.
  3. Am problematischsten sind die Namen, für die es
    • weder Entsprechungen im Deutschen,
    • noch im heute romanischsprachigen Alpengebiet gibt, so dass lateinische bzw. vorrömische Ausgangsformen angenommen werden müssen, die sich im Romanischen der Alpen nicht erhalten haben und die sich womöglich auch nirgendwo sonst in der Romania finden lassen.

Rekonstruktionen der 3. Kategorie sollten unbedingt vermieden werden. 

2.1.1. Validitätsstufe 1: 

  • Juifen

Vernünftigerweise nicht zu bezweifeln ist die romanische Herkunft des Bergnamens Juifen; dazu gibt es etliche romanische Parallelen in Gestalt der Varianten Juf  (auf ortsnamen.ch 4 mal) und giuv (15 mal). In Südtirol gibt es den  Jaufenpass – alle genannten Formen gehen auf lat.  iugum ‚Joch‘ zurück (vgl. Georges s.v.) . 

Wenig östlich vom Juifen liegt der Berg Guffert, dessen Name zu den Varianten Juferte im Berner Oberland (ortsnamen.ch s.v.gestellt werden können. Eine sorgfältige Analyse würde noch erheblich mehr zu Tage fördern. Man beachte beim letzten Beispiel den deutlich nicht mehr lateinischen, sondern romanischen Lautstand des in den Auslaut kommenden Konsonanten (-g- > -v-, -f) sowie den Anlaut, der sich wiederum genau an die unterengadinischen, d.h. Inntaler Formen anschließt (auf der Karte P 7, P 9), und nicht etwa an die dolomitenladinischen, die mit [ʒ] (in der Karte als [ž] transkribiert) beginnen (auf der Karte z. B. P 305).

Ausschnitt aus AIS 1240 GIOGO, JOCH (zur Orientierung: P7 = Ardez/Unterengadin – P312 = Wolkenstein/Dolomiten)

Juifen wurde nach Aufgabe der Zweisprachigkeit nicht mehr verstanden und deshalb auch nicht durch Joch ersetzt, das in zahlreichen anderen Namen von Karwendelbergen erscheint; ob es dort als Lehnübersetzung anzusehen ist, kann nicht definitiv entschieden werden. Dafür spricht immerhin, dass das lat. iugum sowohl ‚Joch‘ als auch ‚Gebirge‘ bedeutet (vgl. Georges s.v.), während weder engl. yoke (nach Auskunft des Oxford English Living Dicionary) noch schwed. ok (nach Auskunft des Svenka Akademiens Ordbok) für Landschaftsformationen gebraucht werden.

  • Larchet

Die Erklärung von Larchetalm ist leicht; zugrunde liegt die lateinische Bezeichnung der LÄRCHE (Akkusativ laricem zu larix), in Verbindung mit dem Suffix -etum, also laricetum ‚Lärchenwald‘. Die bündnerromanische Entsprechung laret ist als Ortsname gut belegt (48 mal in ortsnamen.ch).

  • Pleisenspitze

Sehr klar ist auch die Herleitung von Pleisenspitze; die erste Konstituente gehört zu vorröm. *blese ’steile Grashalde‘. Die bünderromanischen  Varianten blaisch, blais, bleis, bleisa (vgl. [[Bibl:DRG]] 2, 373) sind in der Toponymie sehr gut belegt (Blaisa 4 mal in Samnaun; Blais 107 mal in GR; Pleise 1 mal im heute verdeutschen Gebiet Graubündens).

  • Hochgleirsch

Die Herleitung von Gleirsch aus lat. glarea ‚Kies‘ + –iciu mit der üblichen Verlagerung des Akzents auf die erste Silbe ist zwar phonetisch unproblematisch und semantisch auch passend; allerdings finden sich nur wenige romanische Entsprechungen; immerhin belegt ortsnamen.ch den bündnerrom. Ortsnamen Glaretsch in Disentis () und im heute alemannischen Pfäfers im Churer Rheintal.

  • Lafatscher

Auch die Herleitung dieser Form, die Almen (Lafatscher Hochleger, L. Niederleger) und Berge (Kleiner L., Großer L.) bezeichnet, ist phonetisch überzeugend: Zu Grunde liegt die romanische Bezeichnung einer ganz charakterischen Pflanze der Almweiden, nämlich des Alpenampfers, also bündnerrom. lavazzas (3 mal in ortsnamen.ch) bzw. lavazas [1 mal] und lavattas [1 mal]; in diesem Fall liegt jedoch die dolomitenladinische Variante lavać näher, wie der folgende Kartenausschnitt zeigt; alle Formen gehen auf lat. lapathium ‚Sauerampfer‘ zurück (vgl. s.v.):

Ausschnitt aus AIS 629 RUMEX ALPINUS, ALPENAMPFER (zur Orientierung: P7 = Ardez/Unterengadin – P312 = Wolkenstein/Dolomiten)

  • Vereiner Alm

Dieser Name findet drei direkte Entsprechungen in Graubünden (Vereina 2 mal im heute deutschsprachigen Teil Graubündens, nämlich in Klosters und im Safiental; das Wort bezeichnet dort Bergtäler und Almen; es handelt sich zweifellos um eine Ableitung von lateinisch ver ‚Frühling‘ (Georges s.v.) mit dem Suffix -anus, die z.B. auch spa. verano ‚Sommer‘ (vgl. D s.v.) zugrunde liegt. Es ist jedoch eigenartig, dass sich lat. veranus als Appellativ weder im Romanischen des Alpenraums noch überhaupt in der Italoromania erhalten zu haben scheint (vgl. AIS 312). 

Zwei formal weniger selbstverständliche Fälle der 1. Kategorie sollten ebenfalls kurz besprochen werden: 

  • Christlum

Aus romanistischer Sicht entspricht der erste Bestandteil des Namens Cristlum dem außerordentlich häufigen romanischen  cresta (fra. crète) ‚Kamm‘ (< lat. crĭsta; vgl. Georges s.v.). Allein in Graubünden belegt ortsnamen.ch 228 Vertreter dieses Typs; die Varianten crasta (74 mal im Oberengadin), craista (34 mal im Unterengadin) und crista im heute verdeutschen Gebiet (4 mal am Walensee und im Churer Rheintal) kommen hinzu.

Diese Grundform wird in den romanischen Namen häufig durch nachgestellte Adjektive spezifiziert; diese Attribute repräsentieren sehr elementare Kategorien, insbesondere FARBE, FORM und GRÖSSE. So gibt es unter den bündnerromanischen Namen auch eine craista lunga bzw. eine cresta lunga ‚langer Kamm‘; auf genau diese Substantiv-Adjektiv-Verbindung lässt sich unser Christlum leicht zurückführen – übrigens spricht auch das feminine Genus (man sagt: die Christlum) für diese Herleitung aus dem ebenfalls femininen romanischen Wort.

  • Gramai

Schließlich soll nach demselben Prinzip (häufige Grundform + elementares Attribut) auch eine, allerdings deutlich spekulativere Herleitung für das einigermaßen rätselhafte Gramai vorgeschlagen werden. Zu den häufigsten Namen überhaupt gehören in Graubünden solche, die mit crap ‚Stein‘  gebildet werden (886 Belege in ortnamen.ch ; s.u. Krapfenkar). Felsnamen werden oft durch Farben spezifiert, so z.B. durch die Bezeichnung von GELB, die auf rätomanisch mellen lautet; in ortnamen.ch finden sich dementsprechend auch Belege für crap mellen (5 mal). Da nun im Bairischen ein /l/ leicht vokalisiert wird, führt durchaus ein Weg crap mellen zu Gramai (z.B. oberbair. [gla:zai] ‚Glasl‘; Beispiel in Haas 1983, 1112, 1112). – Semantisch nahe liegt auch lat. gramen ‚Gras‘, bzw. der Plural gramina, das sich in span. grama ‚Gras‘ (vgl. DLE) und port. grama ‚Rasen‘ erhalten hat; diese Formen sind jedoch im Romanischen allesamt auf der ersten Silbe betont und können den Wortakzent des Karwendelnamens Gramái nicht erklären.

2.1.2. Validitätsstufe 2:

In diese Kategorien gehören Wörter, die zwar aus offenkundig deutschen Konstituenten gebildet sind; allerdings bereitet die Semantik Probleme oder – besser gesagt – gibt es lautlich ähnliche romanische Elemente, die besser passen als die deutschen. Es ist ja damit zu rechnen, dass die romanischen Namenelemente dann durch lautlich ähnliche, aber semantisch ganz andere ersetzt werden, wenn sie nicht mehr verstanden werden, da am Ort des Namens inzwischen ein Sprachwechsel vollzogen wurde. Dieser Namenersatz durch Reinterpretation ist eine Form der sogenannten Volksetymologie; er steht also im Gegensatz zur Fortführung einer nicht mehr verstandenen Form (wie in den anderen hier aufgeführten Fällen).

  • Grabenkar

Mögliche Beispiele sind unter den Toponymen mit Graben– zu finden, die insgesamt häufig auftreten (408 mal auf ortsnamen.ch). Diese Konstituente ist in den Felsregionen des Hochgebirges semantisch nicht gut motiviert, da hier im Sinne des Verbs grundsätzliche keine Vertiefung gegraben wird. Der Name Graben ist deshalb allenfalls metaphorisch als ‚Rinne‘ zu verstehen. Nun ist allerdings aus dem Romanischen ein Wort grava(s) (Uniun dals Grischs o.J. a, s.v.) ‚Geröll‘, oberengadinisch auch greva(s), bekannt (vgl. fra. grève, gravillons), das in Graubünden weit verbreitet ist; ortsnamen.ch gibt für gravas 31 Belege im romanischsprachigen Teil Graubündens und weitere 12 für grevas im Engadin. Phonetisch direkt entsprechende Formen finden sich auch in Tiroler Ortsnamen, so die Grawa Alm im Stubaital:

Grawa Alm im Stubaital

Im Fall eines karwendeltypischen, geröllbedeckten Kars, wie des  Grabenkars liegt der Gedanke an das romanische, eigentlich schon vorrömische Substratwort also wirklich nahe.

  • Krapfenkarspitze

Ähnlich verhält es sich im Fall der Krapfenkarspitze, deren erste Namenskonstituente sich gut durch das bereits erwähnte crap ‚Stein‘ (< vorröm. *krapp- ‚Fels‘) deuten ließe; dieser allein auf ortsnamen.ch  886 mal belegte Typ darf ja geradezu als paradigmatisches Alpenwort bezeichnet werden. Der Wandel crap [p] > Krapf [pf] entspräche der zweiten Lautverschiebung.

  • Plumsjoch

Bei diesem Namen denkt man als Romanist sofort an lateinisch plumbum ‚Blei‘, bzw an seine alpenromanischen Kognaten plum/plom, die – wie der folgende Kartenausschnitt zeigt – perfekt passen würden:

Ausschnitt aus AIS 409 COME IL PIOMBO (zur Orientierung: P7 = Ardez/Unterengadin – P312 = Wolkenstein/Dolomiten)

Ortsnamen.che liefert nur sehr wenige entsprechend motivierte Toponyme (Plumbat und Plumbels im romanischsprachigen Gebiet Graubündens). Blei- bzw. Bleiglanzlagerstätten sind zwar im Karwendel, aber nicht in unmittelbarer Nähe belegt; allerdings gibt es unterhalb, in der Pertisau, Zinkblende (vgl. Gasser 1913, 103), die wegen ihres spezifischen Gewichts und ihres Glanzes an Bleiglanz erinnert und damit auch oft vergesellschaftet ist (). Blei als Spezifikation von Ortsnamen findet sich in Oesterreich Bleiberg, Bleikogel, Bleispitze usw.

Zum Schluss soll noch ein Fall erwähnt werden, der insofern speziell ist, als er ein Appellativ romanischer Herkunft mit einem deu. Wort verbindet:

  • Gumpenspitze 

Die erste Konstituente bedeutet im Bairischen soviel wie ‚tiefe Stelle in einem Bach‘; das Wort hängt zweifellos mit dem gallischen Substratwort (*cumba) zusammen, das im Fra. und in Oberitalien gut vertreten ist; fra. combe bedeutet soviel wie ‚Talkessel‘; es ist in der schweizerdeutschen Toponymie belegt (6 mal Gumpen auf ortsnamen.ch) und im französischsprachigen Jura massiv dokumentiert (131 mal combe auf ortsnamen.ch).

3. Fazit

Alle diese Übernahmen setzen Kontakt mit einer romanischsprachigen Bevölkerung voraus, die das Gebirge zur Subsistenz nutzte, und wohl auch Akkulturation an ihre Lebensform. In diesem Sinne hat sich schon Ernst Gamillscheg geäußert:

„Der alemannische und bajuwarische Bauer, der dem neubesiedelten Boden seine Frucht abringt, stellt die Verbindung mit den unter gleich harten Bedingungen arbeitenden Romanen her. Nichts zeigt deutlicher, daß sich hier keine nationalen Kämpfe abgespielt haben, als die Tatsache, dass die altromanischen Ortsnamen und die jüngeren deutschen hier ebenso friedlich nebeneinander weiterbestehen wie Ladiner und Deutschtiroler. Das Eindringen der Alemannen und Bajuwaren in den rätisch-norischen Alpenraum hat keine Kulturzerstörung im Gefolge gehabt“ (Gamillscheg 1934-1936a, II, 302; Hervorhebung im Original).

Bibliographie

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