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Standardisierung: Italo- und Dakoromania

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Zitation: Thomas Krefeld (2020): Standardisierung: Italo- und Dakoromania. Version 1 (02.04.2020, 09:39). Lehre in den Digital Humanities. . url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=163108&v=1.

1. Ibero-, Gallo-, Italo-, Dakoromania

Mit diesen vier Ausdrücken sind die beiden Vorlesungen zur Standardisierung der romanischen Sprachen überschrieben; sie identifizieren in etwas unscharfer und auch missverständlicher Weise die vier Teilräume der Alten Romania, in denen sich die Territorien der portugiesischen, spanischen, französischen, italienischen und rumänischen Standardsprachen entwickelten. Neben diesen vier ‘großen’ Sprachen, wurden – und werden – weitere Sprachen standardisiert, auf die wir aus praktischen Gründen jedoch nicht weiter eingehen (so Katalanisch, Okzitanisch, Bündnerromanisch, Ladinisch, Friaulisch, Sardisch u.a.). Die Ausdrücke sind teils geographisch (Ibero-, Italo-), teils historisch (Gallo- < lat. Gallia, Dako- < lat. Dacia) motiviert; unklar ist die Zuordnung Sardiniens und nicht erfasst werden die kleinen romanischen Sprachgruppen Südosteuropas, die dem Rumänischen nahestehen, aber mit der römischen Provinz Dacia nie etwas zu tun hatten. Im Gegensatz dazu umfasste die Provinz Gallia keineswegs nur das heutige Frankreich, sondern auch Oberitalien nördlich des Apennin und somit einen Teil des Italoromanischen.

Die beiden Teilräume um die es im Folgenden geht, nämlich die Italo- und Dakoromania, sind in der Perspektive der allgemeinen, vergleichend angelegten Romanistik unterschiedlich zu gewichten. Die vier, oft  unter dem Sprachnamen Rumänisch zusammengefassten Gruppen des Istrorumänischen, Aromunischen, Meglenorumänischen und Dakorumänischen (Link) haben niemals eine gemeinsame Standardvarietät entwickelt. Es ist daher auch äußert problematisch sie als eine einzige Sprache anzusehen; dazu berechtigt nur ihre wirklich ausgeprägte systemische Ähnlichkeit. Im Unterschied zu allen anderen romanischen Sprachen könnte man sie aus linguistischer Perspektive deshalb als ‘Abstandsprache’ bezeichnen (vgl. Krefeld 2003a), denn die als ‘Abstand’ bezeichneten Unterschiede zu ihren regionalen Nachbarsprachen (Ungarisch, Albanisch, Griechisch, verschiedene slawische Sprachen, Türkisch),  sind viel größer als der Abstand unter den vier romanischen Gruppen. Das Standardisierung des Dakorumänischen, wie es auf dem Territorium Rumäniens und der Republik Moldau gilt, ist zudem in einem vollkommen anderen historischen Kontext, nämlich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgt; sie ist daher vor allem einzelsprachlich relevant und wird hier nicht weiter berücksichtigt. Die Standardisierung des Italienischen hat dagegen sehr stark auf analoge Prozesse in den großen westeuropäischen Sprachen gewirkt, so dass sie über die Italianistik hinaus von allgemein romanistischem Interesse ist.   

2. Italoromania: die Standardisierung des Italienischen

Die Standardisierung des Florentinisch-Toskanischen als Basis der italienischen Hochsprache vollzieht sich im 16. Jahrhundert; sie wird jedoch bereits im Verlauf des 15. Jahrhunderts durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren vorbereitet und ist vor dem Hintergrund eines breiten intellektuellen Diskurses über Sprache – der so genannten questione della lingua (vgl. Krefeld 1988b) – zu sehen.

2.1. Florenz unter den Medici

Ein wichtige Rolle spielte zunächst die Förderung der Wissenschaften und Künste – beide Bereiche sind in der Renaissance nicht zu trennen – durch Cosimo und vor allem Lorenzo de’ Medici. Unter ihrer Herrschaft entfaltete sich ein besonderes intellektuelles Klima, in dem nicht zuletzt die eigenen Sprache zunehmend als adäquates und selbstbewusstes Ausdrucksmittel des kulturellen Fortschritts sowie des ökonomischen Wohlstands wahrgenommen wurde (vgl. Maaß 2002).

2.1.1. Eine emblematische Persönlichkeit: Leon Battista Alberti (1404-1472)

Exemplarisch für dieses aufgeschlossene und vielseitig interessierte Milieu ist Leon Battista Alberti (Link); er war ein wegweisender Architekt und Kunstheoretiker, der in lateinischer Sprache grundlegende und überaus moderne Abhandlungen über die bildende Kunst und die Baukunst verfasste (De pictura [1435/6], De statua [1435],  De re aedificatoria [1443-1452]); gleichzeitig bediente er sich aber auch des Florentinischen seiner Zeit (I libri della famiglia [1433-1440]). Er benutzte es jedoch nicht nur, sondern machte es auch zum Gegenstand einer kleinen Schrift, die als älteste italienische Grammatik gilt (vgl. Alberti 1973). Über die eigene Nutzung und Beschreibung hinaus wollte er die literarische Produktion auf Florentinisch sogar aktiv in Gestalt eines Dichterwettbwerbs, des sogenannten Certame coronario (1441), zum Thema De vera amicitia,  stimulieren.

Das Interesse für die romanische Schriftsprache war nicht nur geweckt; es entwickelte sich ein unverkennbarer Stolz auf entsprechende Werke, der politisch bald instrumentalisiert wurde, wie sich darin zeigt, dass Lorenzo de’ Medici 1476-7 gemeinsam mit dem Humanisten Angelo Poliziano eine Abschrift von 499 florentinischen  Gedichten des 13.-15 Jahrhunderts anfertigen ließ (die raccolta aragonese), um sie Federico d’Aragona, dem Sohn des aragonesischen Königs von Neapel, Ferdinando I. (auch: Ferrante), zu schenken (vgl. Maaß 2002, 242-246).

2.1.2. Die Historisierung des Sprachdiskurses

In der Zusammensetzung der Textsammlung deutet sich jedoch bereits eine Entwicklung an, die sich bei Alberti noch nicht abzeichnet, nämlich die besondere Wertschätzung der älteren toskanischen Literatur und damit, mittelbar, ihrer Sprache. Diese Historisierung des literarischen Geschmacks nahm einen entscheidenden Einfluss auf die Standardisierung der Sprache. Die Voraussetzung dafür lag jedoch jenseits der Macht intellektueller Zirkel, nämlich in der Durchsetzung  einer bahnbrechenden technischen Erfindung, die zu Recht als die erste mediale Revolution bezeichnet wird – des Buchdrucks.

3. Kleiner Exkurs zum Buchdruck 

Die Schriftlichkeit ist für die sprachgeschichtliche Dokumentation fundamental; nicht dokumentierte Formen können allenfalls hypothetisch rekonstruiert werden. Der Unterschied zwischen gesprochenem Sprachgebrauch und der Fixierung sprachlicher Äußerungen mit dem Medium der Schrift ist nicht nur kulturgeschichtlich, sondern auch in kognitiver Hinsicht tiefgreifend: die Sprache wird schriftlich anders benutzt, so dass sie sich mit zunehmender Verschriftung, d.h. im Zuge des schriftlichen Ausbaus auch ändert: Schreiben produziert sprachlich innovative Varianten. Ein wirklich massives Veränderungspotential konnte die Schriftlichlichkeit jedoch erst im Gefolge des Buchdrucks freisetzen.

Der kanadische Medientheoretiker Marshal McLuhan hatte schon 1962 vorgeschlagen, den Buchdruck als eine Epochenschwelle anzusehen, von der aus die Menschheit in die moderne Welt gelangte, die er prägnant als Gutenberg galaxy bezeichnete:

„[…] the great medieval invention of typography that was the ‚take-off‘ moment into the new spaces of the modern world“ (McLuhan 1962b, 79)

Der Druck gestattete erstmals die massenhafte (Re)Produktion identischer Objekte, genauer gesagt: identischer Texte und der damit gelieferten Informationen:

„[…]  just as print was the first mass-produced thing, so it was the first uniform and repeatable ‚commodity‘. The assembly line of movable types made possible a product that was uniform and as repeatable as a scientific experiment“ (McLuhan 1962b, 125).

Wahrscheinlich stellt Buchdruck überhaupt einen der ersten Fälle von Mechanisierung  menschlicher Handarbeit dar:

„The mechanization of the scribal art was probably the first reduction of any handicraft to mechanical terms. That is, it was the first translation of movement into a series of static shots or frames.“ (McLuhan 1962b, 124)

Damit entstehen vollkommen andere, großräumigere  Formen der Kommunikation und Wissensvermittlung:

„Der Druck hat eine Standardisierung der Texte, ihrer Darbietung und der Regeln ihrer Erschließung zur Folge. Er löst sie aus gruppen- und institutionengebundener Kommunikation und verwandelt sie in Elemente einer prinzipiell öffentlichen, virtuell jedermann zugänglichen Kommunikation. Er hat eine ‚Vernetzung‘ kleinerer Kommunikationssysteme in wenigen Jahrzehnten zur Folge, was die Bedeutung schriftlich tradierten Wissens für die soziale Praxis unabsehbar steigert. Er revolutioniert, zumindest in einigen zentralen Bereichen, dieses Wissen selbst, indem die Darbietung, weit stärker als zuvor, auf Anschaulichkeit und praktische Umsetzbarkeit ausgerichtet wird“ (Müller 1993, 169).

Das gedruckte Wissen wird weiterhin kommerzialisiert, denn es entsteht ein Buchmarkt, dessen Regeln das neue Lesepublikum als Konsumenten unterworfen ist (vgl. McLuhan 1962b, 124).

Im Hinblick auf die gedruckten Sprachen wirkt der Buchdruck in zweifacher Hinsicht:

  • Er lässt die starke formale Variation der handgeschriebenen Texte hervortreten und  erzeugt sozusagen aus sich heraus ein Bedürfnis nach Vereinheitlichung, d.h. nach Standardisierung, die auf Reduktion der Varianten zielt.
  • Er führt zur schnellen und großräumigen Verbreitung sprachlicher Neuerungen, zu denen auch die Vereinheitlichungen gehören. 

4. Pietro Bembo (1470-1547)

Es ist nun faszinierend zu sehen, wie die genannte historisierende Strömung, die neuen medialen (und ökonomischen) Optionen des Buchdrucks und die daraus resultierenden sprachlichen Standardisierungsbedürfnisse in einer zentralen Person zusammenlaufen, nämlich in Pietro Bembo (); seine zeitgenössische Bedeutung ist schon daran ersichtlich, dass er (sogar zweimal) von Tizian  porträtiert wurde. 

Pietro Bembo, porträtiert von Tizian (Quelle)

 

Bembo stammte aus einer einflussreichen venezianischen Familie; er lebte als Kind zwei Jahre in Florenz, verbrachte jedoch die allermeiste Zeit seines Lebens in Venedig und anderen ober- und mittelitalienischen Städten (Padua, Urbino) sowie auch in Rom. Bembo war in Venedig eng mit dem berühmten Buchdrucker Aldo Manuzio (Aldus Manutius) verbunden, der ein neues, kleineres Buchformat (Oktav) einführte. Die Bücher dieses Typs, die unter dem Namen Aldinen bekannt wurden, hatten großen Erfolg und setzten sich schnell auch weit über Italien hinaus durch.

Schon 1495 druckte Manuzio einen lateinischen Text Bembos (De Aetna); sprachgeschichtlich bedeutsam sind jedoch die Editionen von Francesco Petrarca (1501) und Dante (1502), die Bembo besorgte und Manuzio druckte. Dadurch fanden die Texte der (neben Boccaccio) bedeutendsten Florentiner Dichter des 14. Jahrhunderts in Italien große Verbreitung in einheitlicher Textgestalt.  Die in Manuzios Druckwerkstatt entwickelten Schriften (Bembo, Antiqua, Kursiv) sind bis heute Grundlage vieler Schriftarten (einschließlich der aktuellen virtuellen Fonts); vgl. z.B.:

  • Book Antiqua;
  • Book Antiqua.

Mit der Editionen der Aldinen wurden auch die Interpunktion entwickelte, die in ihren Grundzügen ebenfalls bis heute in Gebrauch ist.

Im Anschluss an die praktische editorische Tätigkeit, d.h. de facto nach der Auseinandersetzung mit der formalen Variation der Manuskripte, erarbeitet Bembo eine sehr bedeutsame Schrift zur Standardisierung des Toskanischen, die berühmten Prose della volgar lingua (Bembo 1989). Ganz im Sinn seiner Editionen plädiert Bembo hier dafür, das Toskanische des 14. Jahrhunderts – und nicht etwa ein Idiom seiner eigenen Zeit – zur Grundlage der Schriftsprache zu machen. Insbesondere orientiert er sich an Petrarca (für die Lyrik) und Boccaccio (für die Prosa). Seine Position setzt sich schnell durch und entscheidet somit den Streit um die beste Schriftsprache, die sogenannte questione della lingua (‘Sprachenfrage’)

Im selben Jahr (1525) wurde durch den nicht weniger prominenten Niccolo Machiavelli ein Plädoyer für das Florentinische der Gegenwart verfasst, dass jedoch nur in Form von Manuskripten zirkulierte (Discorso o dialogo intorno alla nostra lingua).  

4.1. Prose della volgar lingua (1525)

Der Text (Bembo 1989; Faksimile des Originals) umfasst drei Bücher und ist als fiktives Gespräch von vier historischen Persönlichkeiten angelegt. Die Teilnehmer sind:

  • der venezianische Bruder des Autors, Carlo Bembo (? – 1503);
  • ein Humanist aus Ferrara, Ercole Strozzi (1471-1508);
  • ein Sohn von Lorenzo de’ Medici, Giuliano de’ Medici (1479-1516), gleichzeitig Bruder des Papstes Leo X (= Giovanni de’ Medici);
  • ein Heerführer, Kardinal und Bruder eines Dogen der Republik Genua, Federigo Fregoso, (1480-1541).

Man beachte, dass die vier Gesprächspartner indirekt auch die bedeutendsten politischen Gebilde der Zeit, nämlich Genua, Venedig, die Toskana sowie das Papsttum in Gestalt des Kirchenstaats vertreten.

Die folgende Karte gibt einen Eindruck der politischen Situation der Apenninenhalbinsel gegen Ende des 15. Jahrhunderts:

Italien um 1494 (Quelle)

Der merkwürdige Titel, der etwa mit ‘prosaische Ausführungen über die Volkssprache’ übersetzt werden könnte, ist im Gegensatz zu den als Rime bezeichneten Gedichten zu sehen, die er ebenfalls verfasste; darüber hinaus hat es der Autor vermieden, seinen Text einer spezifischeren Gattung zuzuweisen, wie sie zum Beispiel in einer der seinerzeit geläufigen Bezeichnungen regole, discorso, dialogo, trattato oder womöglich grammatica zum Ausdruck kommen. Gleichzeitig fokussiert der Titel sehr klar den Gegenstand, nämlich die Volkssprache. 

4.1.1. Zum Inhalt

Dem ganz allgemeinen Titel entspricht die inhaltliche Konzeption des Werks; es umfasst drei Bücher mit jeweils unterschiedlichen, wenngleich nicht scharf getrennten Schwerpunkten (vgl. Migliorini 1987 [1960], 310 f.):

  • Das erste Buch informiert vor allem über die Geschichte der volkssprachlichen Literatur und speziell über die prägende Kraft der altprovenzalischen Modelle; 
  • das zweite Buch ist der Metrik und dem Wortschatz gewidmet;
  • das dritte Buch befasst sich in erster Linie mit der Grammatik und greift dabei sehr detailliert auf Beispiele der Referenzautoren des 14. Jahrhunderts zurück (meistens Petrarca, Boccaccio aber auch Dante  und seltener einige ältere Autoren).

Im Hinblick auf den Standardisierungsdiskurs fassen die Prose die gesamte Sprachdiskussion der Zeit, also die questione della lingua, zusammen, insofern jeder Teilnehmer eine andere Position vertritt: 

4.1.1.1. Position des volkssprachlichen Pluralismus

Federigo Fregoroso plädiert für den Pluralismus, denn jede Sprachgemeinschaft sollte ihre jeweils eigene Sprache verwenden, so wie es bereits seit der griechischen Antike (und den griechischen Schreibdialekten) zu beobachten  sei:

„È dunque bene […] confessare che non le piú degne e piú onorate favelle siano da usare tra gli uomini nello scrivere, ma le proprie loro, quando sono di qualità che ricever possano, quando che sia, ancora esse dignità e grandezza; sí come era la latina ne‘ buoni tempi, alla quale Cicerone, perciò che tutta quella riputazione non l’era ancor data, che ad esso parea che le si convenisse dare, sentendola capevole a tanta riceverne, quanta ella dapoi ha per sua e per altrui opera ricevuto, s’ingegna accrescere autorità in molte delle sue composizioni lodandola, e consigliando i romani uomini e invitandogli allo scrivere romanamente e a fare abondevole e ricca la loro lingua piú che l’altrui. “ (1, V)

‘Es ist deshalb gut […] zu bekennen, dass beim Schreiben nicht die würdigsten und ehrenvollsten Mundarten  unter den Menschen gebraucht werden sollten, sondern jeweils die eigenen, sobald sie geeignet sind – wann auch immer – selbst Würde und Größe zu erlangen; genau so, wie es in den guten alten Zeiten das Lateinische  war, dessen Autorität Cicero sich in vielen seiner Texte zu vermehren bemühte, indem er es lobte und den römischen Menschen riet und sie einlud auf römische Art zu schreiben und ihre Sprache üppiger und reichhaltiger als die Sprache der anderen zu machen; denn er verstand sie befähigt, all den Ruhm zu erlangen, den ihr seine eigenen Werke und diejenigen von anderen gegeben haben, den man ihr aber zu seiner Zeit noch nicht gegeben hatte.’ (Übers. Th.K.)

4.1.1.2. Position der lateinischen Schriftsprache

Ercole Strozzi vertritt die These, der Vielfalt der volgari sei nur durch konsequenten Gebrauch des Lateinischen in der Schriftlichkeit zu begegnen; damit würde sich das Problem der Selektion eines volgare (auf Kosten der anderen) erübrigen:

„Perciò che la latina lingua altro che una lingua non è, d’una sola qualità e d’una forma, con la quale tutte le italiane genti e dell’altre che italiane non sono parimente scrivono, senza differenza avere e dissomiglianza in parte alcuna questa da quella, con ciò sia cosa che tale è in Napoli la latina lingua, quale ella è in Roma e in Firenze e in Melano e in questa città e in ciascuna altra, dove ella sia in uso o molto o poco, ché in tutte medesimamente è il parlar latino d’una regola e d’una maniera; onde io a latinamente scrivere mettendomi, non potrei errare nello appigliarmi. Ma la volgare sta altramente.
Perciò che ancora che le genti tutte, le quali dentro a‘ termini della Italia sono comprese, favellino e ragionino volgarmente, nondimeno ad un modo volgarmente favellano i napoletani uomini, ad un altro ragionano i lombardi, ad un altro i toscani, e cosí per ogni popolo discorrendo, parlano tra sé diversamente tutti gli altri. E sí come le contrade, quantunque italiche sieno medesimamente tutte, hanno nondimeno tra sé diverso e differente sito ciascuna, cosí le favelle, come che tutte volgari si chiamino, pure tra esse molta differenza si vede essere, e molto sono dissomiglianti l’una dall’altra. Per la qual cosa, come io dissi, impacciato mi troverei, che non saperei, volendo scrivere volgarmente, tra tante forme e quasi facie di volgari ragionamenti, a quale appigliarmi -.“ (1, XII)

‘Denn die lateinische Sprache ist nichts anderes als nur eine Sprache, von einer einzigen Art und Form, die alle italienischen Völker und andere, die nicht italienisch sind, gleichermaßen schreiben, ohne Unterschiede und Unähnlichkeiten zwischen der einen oder anderen Gegend, so dass die lateinische Sprache in Neapel die ist, die sie auch in Rom, Florenz, Mailand sowie in dieser und jener Stadt ist, wo sie mehr oder weniger gebraucht wird. In allen Orten folgt die lateinische Sprechweise nur einer Regel und einer Art und Weise. Wo auch immer ich mich daran gebe lateinisch zu schreiben, kann ich mich in der Anwendung nicht irren. Um die Volkssprache steht es anders. Denn, obwohl alle Völker, die in den Grenzen Italien begriffen sind, Volkssprache reden, so sprechen doch die neapolitanischen Menschen, die lombardischen, usw. alle anderen unter einander ganz unterschiedlich. […] Aus diesem Grund fühlte ich mich, wie gesagt, unbeholfen, weil ich nicht wüsste, wenn ich in der Volkssprache schreiben wollte,  an welche unter den vielen volkssprachlichen Formen und Redensarten ich mich halten sollte.’ (Übers. Th.K.)  

4.1.1.3. Position des Gegenwartsflorentinischen

Giuliano de’ Medici setzt sich für das Gegenwartsflorentinische ein, denn die Schriftsprache habe sich kontinuierlich dem Wandel des (mündlichen?) Gebrauchs anzupassen:

„Perché le scritture, sí come anco le veste e le arme, accostare si debbono e adagiare con l’uso de‘ tempi, ne‘ quali si scrive, con ciò sia cosa che esse dagli uomini, che vivono, hanno ad esser lette e intese, e non da quelli che son già passati. Era il nostro parlare negli antichi tempi rozzo e grosso e materiale, e molto piú oliva di contado che di città.“ (1, XVII)

‘Weil die Schriften, so wie auch die Kleidung und die Waffen, sich den Zeiten anpassen müssen, in denen man schreibt, denn sie müssen von den Menschen gelesen und verstanden werden, die leben und nicht von den früheren. Unsere Redeweise war in den alten Zeiten viel roher, grober und einfacher, und viel eher eine Olive vom Land als eine aus der Stadt.’ (Übers. Th.K.)

Giuliano polemisiert gleichzeitig gegen das Venezianische; es kommt seiner Meinung nicht in Frage, da  es hässlich sei und in der Literatur auch keine Verwendung findet (1, XV). Auch Federigo argumentiert im Übrigen für eine Anerkennung der Tatsache, dass Toskanisch de facto bereits außerhalb der Toscana – in Venedig –  geschrieben wird:

„Parmi senza dubbio alcuno, – rispose messer Federigo – e dicone quello stesso che messer Carlo ne dice; il che si può credere ancora per questo, che non solamente i viniziani compositori di rime con la fiorentina lingua scrivono, se letti vogliono essere dalle genti, ma tutti gli altri italiani ancora. Di prosa non pare già, che ancor si veggano, oltra i toscani, molti scrittori. E di ciò anco non è maraviglia, con ciò sia cosa che la prosa molto piú tardi è stata ricevuta dall’altre nazioni che il verso. Perché voi vi potete tener per contento, Giuliano, al quale ha fatto il cielo natío e proprio quel parlare, che gli altri Italiani uomini per elezione seguono, et è loro istrano -. “ (1, XV)

4.1.1.4. Die Position einer heterogenen Koiné (lingua cortigiana) 

Am Beispiel eines weniger bedeutenden Dichters, Vincenzo Colli, genannt il Calmeta (vgl. Pieri 1982), wird ferner gemeinschaftlich eine Literatursprache diskutiert, die sich aus unterschiedlichen Dialekten bzw. sogar Sprachen speist und die in Anspielung auf den päpstlichen Hof als lingua cortigiana ‘höfische Sprache’ bezeichnet wird; diese Position ist nachgeordnet, weil sie von niemandem vertreten, sondern von allen kritisiert wird. Sie verdient jedoch sprachgeschichtliche Beachtung. denn damit kommt eine ganz spezifisch italienische Konstellation von Mehrsprachigkeit im frühen 16. Jahrhundert in den Blick:

„Chiama – rispose mio fratello – cortigiana lingua quella della romana corte il nostro Calmeta, e dice che, perciò che facendosi in Italia menzione di corte ogniuno dee credere che di quella di Roma si ragioni, come tra tutte primiera, lingua cortigiana esso vuole che sia quella che s’usa in Roma, non mica da‘ romani uomini, ma da quelli della corte che in Roma fanno dimora. – E in Roma – disse il Magnifico – fanno dimora medesimamente diversissime genti pure di corte. Perciò che sí come ciascuno di noi sa, molti cardinali vi sono, quale spagniuolo, quale francese, quale tedesco, quale lombardo, quale toscano, quale viniziano; e di molti signori vi stanno al continuo che sono ancora essa membri della corte, di strane nazioni bene spesso, e molto tra sé differenti e lontane. E il Papa medesimo, che di tutta la corte è capo, quando è valenziano, come veggiamo essere ora, quando genovese e quando d’un luogo e quando d’altro. Perché, se lingua cortigiana è quella che costoro usano, et essi sono tra sé cosí differenti, come si vede che sono, né quelli medesimi sempre, non so io ancor vedere quale il nostro Calmeta lingua cortigiana si chiami. – Chiama, dico, quella lingua, – disse da capo mio fratello – che in corte di Roma è in usanza; non la spagniuola o la francese o la melanese o la napoletana da sé sola, o alcun’altra, ma quella che del mescolamento di tutte queste è nata, e ora è tra le genti della corte quasi parimente a ciascuna comune.“ (1, XIII)

‘Als Sprache des Hofs [= lingua cortigiana; Th.K.], sagte mein Bruder, bezeichnet unser Calmeta, diejenige des römischen Hofs, denn wenn in Italien ein Hof erwähnt wird, muss jeder glauben, dass von demjenigen in Rom die Rede ist, weil er allen voran steht. Die Sprache des Hofs ist also diejenige, die in Rom gebraucht wird, und zwar weniger von den römischen Menschen als von denjenigen, die sich in Roma aufhalten. Und in Rom, sagt der Magnifico [= Giuliano; Th.K.], halten sich selbst die unterschiedlichsten Höflinge auf. Weil dort, wie wir alle wissen, Kardinäle sind, wie Spanier, Franzosen, Deutsche, Lombarden, Toskaner, Venezianer. Und viele Herren sind dort ständige Mitglieder des Hofs, die sehr oft von fremder, untereinander verschiedener und weit entfernter Herkunft sind,  bis zum Papst selbst, der das Oberhaupt des ganzen Hofes ist und gelegentlich aus Valencia ist, wie wir jetzt sehen, gelegentlich aus Genua, gelegentlich aus dem einen oder anderen Ort. Wenn also die lingua cortigiana diejenige ist, die von diesen Menschen gebraucht wird, und wenn diese so unterschiedlich untereinander sind, dann kann ich nicht sehen, welche dieser Sprachen unser Calmeta als Sprache des Hofe bezeichnet. – Er nennt, sage ich, die Sprache so   – sagt mein Bruder noch einmal – die am Hof in Gebrauch ist, weder die spanische, französische, mailändische, neapoletanische oder irgendeine andere, sondern diejenige, die aus der Mischung von allen entstanden ist, und die jetzt den Vertretern aller Völker am Hof auf dieselbe Art gemein ist.’ (Übers. Th.K.)  

4.1.1.5. Position des älteren, ‘klassischen’ Florentinischen

Carlo spricht sozusagen mit der Stimme des Bruders (und Autors); die Schriftsprache habe sich an einem unwandelbaren, gewissermaßen überzeitlichen Ideal zu orientieren und dürfe  keinesfalls Konzessionen an die Sprache der einfachen Leute mache; diese ‘klassische’ Position sei gerade auch im Sinne zukünftiger Leser:

„La lingua delle scritture, Giuliano, non dee a quella del popolo accostarsi, se non in quanto, accostandovisi, non perde gravità non perde grandezza; che altramente ella discostare se ne dee e dilungare, quanto le basta a mantenersi in vago e in gentile stato. Il che aviene per ciò, che appunto non debbono gli scrittori por cura di piacere alle genti solamente, che sono in vita quando essi scrivono, come voi dite, ma a quelle ancora, e per aventura molto piú, che sono a vivere dopo loro: con ciò sia cosa che ciascuno la eternità alle sue fatiche piú ama, che un brieve tempo. E perciò che non si può per noi compiutamente sapere quale abbia ad essere l’usanza delle favelle di quegli uomini, che nel secolo nasceranno che appresso il nostro verrà, e molto meno di quegli altri, i quali appresso noi alquanti secoli nasceranno; è da vedere che alle nostre composizioni tale forma e tale stato si dia, che elle piacer possano in ciascuna età, e ad ogni secolo, ad ogni stagione esser care; sí come diedero nella latina lingua a‘ loro componimenti Virgilio, Cicerone e degli altri, e nella greca Omero, Demostene e di molt’altri ai loro; i quali tutti, non mica secondo il parlare, che era in uso e in bocca del volgo della loro età, scriveano, ma secondo che parea loro che bene lor mettesse a poter piacere piú lungamente“. (1, XVIII)

‘Die Sprache der Schriften darf sich nicht derjenigen des Volkes annähern, damit sie im Zuge der Annäherung nicht an Würde verliert, damit sie nicht an Größe verliert. Sie muss sich, andersherum davon trennen und entfernen, damit sie in einem schwebenden und edlen Zustand bleiben kann. Damit sich das ergibt, müssen die Schriftsteller  nicht nur die Menschen beachten, die leben, während sie schreiben, wie Ihr sagt, sondern auch und im Hinblick auf die Zukunft sogar viel mehr an diejenigen, die nach ihnen leben: so, dass jeder die Ewigkeit wegen seiner Mühe mehr liebt als einen kurzen Zeitraum. […]’  (Übers. Th.K.)

Entscheidendes Gewicht wird in dieser Postion den Schriftstellern beigemessen, wie Carlo auf Rückfrage eines anderen Teilnehmers nach den Bewertungskriterien ausführt:

„[…]  io vorrei, messer Carlo, da voi sapere, […] e a quale segno si conoscono le buone volgari scritture dalle non buone e, tra due buone, quella che piú è migliore e quella che meno, e in fine di questa medesima forma di componimenti, della quale si ragionò ieri, de‘ presenti toscani uomini, e voi dite non essere cosí buona come è quella con la quale scrisse il Boccaccio e il Petrarca, perché si dee credere e istimare che cosí sia. – Per questo, se io vi voglio brievemente rispondere, – disse mio fratello – che ella cosí lodati scrittori non ha come ha quella. Che perciò che, come sapete, tanto ciascuno scrittore è lodato, quanto egli è buono, ne viene che dalla fama fare si può spedito argomento
della bontà.“ (II, 3) 

‘[…] ich würde von Euch gern wissen, Herr Carlo, […] an welchen Zeichen man die guten Volkssprachen von den schlechten unterscheiden kann und welche unter den guten die bessere oder die etwas weniger gute ist; ebenso in Bezug auf diejenige […] der toskanischen Menschen von heute, von der Ihr sagt, dass sie nicht so gut wie diejenige von Boccaccio und Petrarca sein kann, warum man glauben und schätzen muss, dass es so sei. – Weil, wenn ich Euch kurz antworten will, sagte mein Bruder, die eine [= die Volkssprache von heute; Th.K.] nicht so gute Schriftsteller hat wie die andere [= die Volkssprache von einst; Th.K.]. Denn, wie Ihr wisst, wird ein Schriftsteller in dem Maße gelobt, wie er gut ist, so dass man aus dem Ruhm ein selbstverständliches Argument der Güte ableiten kann.’ (Übers. Th.K.)

Diese für Bembo maßgebliche Position, die sich im Gefolge der Prose bei der Standardisierung  durchsetzte, wird in einer berühmten Stelle folgendermaßen zusammengefasst:

„E perciò che tanto sono le lingue belle e buone piú e meno l’una dell’altra, quanto elle piú o meno hanno illustri e onorati scrittori, sicuramente dire si può, messer Ercole, la fiorentina lingua essere non solamente della mia, che senza contesa la si mette innanzi, ma ancora di tutte l’altre volgari, che a nostro conoscimento pervengono, di gran lunga primiera. – Bella e piena loda è questa, Giuliano, del vostro parlare, – disse lo Strozza – e, come io stimo, ancor vera, poi che ella da istrano e da giudicioso uomo gli è data. (Bembo 1, XV)

‘Und weil die Sprachen untereinander mehr oder weniger weniger schön sind,  je nach dem, wie viele berühmte und geehrte Schriftsteller sie haben, kann man sicherlich sagen, Herr Ercole, dass die florentinische Sprache mit großem Abstand nicht nur vor meine eigene [= die venezianische; Th.K.], sondern vor alle Volkssprache gesetzt wird, von denen wir Kenntnis haben. – Das ist ein schönes und volles Lob Eurer Sprache, Giuliano – sagte Strozzi – und es ist, wie ich meine, auch wahr, weil es von einem fremden Mann mit sicherer Urteilskraft vorgebracht wird.’ 

4.1.2. Standardisierung auf der Basis expliziter Selektion

Resümierend lässt sich zu Bembo feststellen, dass die Standardisierung des Toskanischen auf der Grundlage  einer expliziten diskursiven Selektion erfolgt, in der – modern ausgedrückt – mehrere Dimensionen der Variationslinguistik (Link) zusammenfließen:

  • der Ort (oder: die Diatopik) in Gestalt von Florenz;
  • die soziale Trägerschaft (oder: Diastratik), denn die Sprache des einfachen Volkes wird ausgeschlossen („non quella del popolo“) ;  
  • die Stilebene (oder: Diaphasik) in Gestalt ästhetisch-stilistischer Wertungen wie „gravità“, „grandezza“, „vago“, „gentile“;
  • das Medium in Gestalt der reflektierten Schriftlichkeit (oder: Distanzsprache), denn nur die „scritture“ werden berücksichtigt;
  • die Vergangenheit (oder: Diachronie), da Gegenwartsautoren ausgeschlossen werden.

Der Unterschied zur gut 100 Jahre später erfolgenden Standardisierung des Französischen im Gefolge der Remarques sur la langue françoise ist deutlich, denn Vaugelas’ Maxime des bon usage orientierte sich ausdrücklich an der Mündlichkeit des zeitgenössischen Hofadels.

5. Umfeld

Direkte positive Reaktionen, die keineswegs nur von ästhetischen sondern durchaus pragmatischen Gründen getragen werden, sind dokumentiert; bemerkenswert ist ein Traktat, modern gesagt: ein Handbuch, über die Leitung der Stadtverwaltung von Bartolomeo Carli Piccolomini ([Link] aus Siena (vgl. Marchetti/Belladonna 1977) aus dem Jahre 1529 Il Trattato del perfetto cancelliere). In dieser erst 1985 gedruckten Abhandlung wird zunächst die völlige Uneinheitlichkeit des schriftlichen Sprachgebrauchs festgestellt (die folgenden Zitate wurden aus Trovato 1994, 71 übernommen):

„in Italia si scrive parte latino et talora vulgare“ (‘in Italien schreibt man teils Latein und gelegentlich in der Volkssprache’; Übers. Th.K.).

Im Hinblick auf das volgare heißt es weiterhin:  

„ogni città usa il particular suo“ (‘jede Stadt verwendet ihr eigenes ’; Übers. Th.K.).

Der Gebrauch des Lateinischen wird als traditionell („usanza antica“) und im Rückgang begriffen („molto diminuita di poi“) beschrieben; bemerkenswert ist aber der Hinweis auf seine großräumige, heute würde man sagen, internationale Funktion in der Kommunikation mit den Persönlichkeiten jenseits der Berge („gli Oltramontani Signori“), d.h. nördlich der Alpen. Sodann wird auf die Tatsache verweisen, dass der Venezianer Bembo, der Neapolitaner Sannanzaro (Link) schriftlich und manch anderer in ‘öffentlichen Angelegenheiten’ die toskanische Sprache verwenden würden. Das sei Grund genug für alle Städte in Italien auf Toskanisch und in seltenen Fällen auch auf Latein zu schreiben:

„Ne nostri tempi il Bembo veneziano, il Sanazaro napolitano hanno scritto co la lingua toscana et non con quella de la lor patria et intendo hoggi che tutta Venetia n’è divenuta studiosa et che ancora è usata ne le cose publiche da alcuno […]. In Italia dunque tutte le città deverebbeno scriver toscano et rare volte latino“.

‘In unseren Zeiten haben der Venezianer Bembo und der Neapolitaner Sannazaro in toskanischer Sprache und nicht in derjenigen ihrer Heimat geschrieben und heute höre ich, dass ganz Venedig sie studiert und dass sie weiterhin von einigen in öffentlichen Angelegenheiten verwendet wird […]. In Italien sollten also alle Städte auf Toskanisch und in seltenen Fällen auf Lateinisch schreiben’. (Übers. Th.K.)

Man beachte, dass Bembo und Sannazaro einerseits, vor dem Hintergrund der politischen Realität, als Venezianer bzw. Neapolitaner und die empfohlene Sprache als toskanisch (und nicht als italienisch) präsentiert werden und dass andererseits in geographischer Innenperspektive alles „in Italia“ situiert wird.

6. Institutionalisierung der Standardisierung und Kodifikation

6.1. Die Accademia della Crusca

Wie viel Gewicht dem Sprachdiskurs in der Florentiner Gesellschaft des 16. Jahrhunderts beigemessen wurde, zeigt sich in der Gründung einer besonderen Institution, der Accademia della Crusca (1583; Link).  Damit wurde eine kulturelle Einrichtung begründet, die bald eine europäische Dimension erlangen sollte, da sie in vielen Ländern unseres Kontinents in mehr oder weniger ähnlicher und Form und oft mit nationalem Anspruch kopiert wurde (vgl. vor allem die Académie française und die Real Academia Española).

6.2. Der Vocabolario degli Accademici della Crusa  (1612)

Die Accademia della Crusca blieb dem Konzept von Pietro Bembo verpflichtet und nahm sich vor, den Standard in Gestalt eines normativen Wörterbuchs zu kodifizieren. Dieser Vocabolario degli Accademici della Crusa  (1612) wurde zum Prototyp aller einsprachigen europäischen Wörterbücher:

„L’eco del Dizionario della Crusca  fu grandioso anche all’estero. Esso fu il capostipite dei dizionarî delle lingue moderne, in prima linea di quello dell‘Académie française (1692), che prescinde però, per ragioni peculiari alla lingua francese, da qualsiasi raccolta di materiale dei secoli anteriori al XVII. Il primo periodo di attività della Accademia della Crusca si chiude con la IV edizione, pubblicata in sei volumi a Firenze fra il 1729 e il 1738.“ (Devoto 1974b, 281)

‘Das Echo des Wörterbuchs war auch im Ausland großartig. Es wurde zum Urahn der Wörterbücher der neueren Sprachen, allen voran dessen der Académie française (1692), das jedoch aus besonderen Gründen der französischen Sprache auf die Sammlung von Material, das vor das XVII. Jahrhundert zurückgeht, verzichtet. Die erste aktive Phase der Accademia della Crusca endet mit der 4. Auflage, die in sechs Bänden zwischen 1729 und 1738 in Florenz veröffentlicht wurde.’ (Übers. Th.K.)

Abgesehen von der restriktiven und nicht exhaustiven Erfassung des Wortschatzes hat das Wörterbuch vollkommen neue und über Jahrhunderte gültige Maßstäbe der Lexikographie gesetzt. Das gilt für die wissenschaftliche Vorgehensweise bei der Dokumentation der Quellen, die Transparenz der Beispiele und ihre Kommentierung; es gilt aber auch für die ‘handwerkliche’ Gestaltung der einzelnen Artikel. Wie das folgende Beispiel zeigt, wurde die Form mehr oder bis in die allerjüngste Zeit, das heißt bis zum Aufkommen der internetbasierten Lexikographie  beibehalten:

Quelle in faksimilierter und digital strukturierte Form

Man beachte bereits die Verdichtung des Textes durch Abkürzungen und das Gliederungszeichen ¶. Weitestgehend werden übrigens Beispiele aus gedruckten Quellen zitiert; d.h., es wird im Wesentlichen das bereits gedruckte Toskanische des 14. Jahrhunderts in der durch den Druck eingerichteten Form kodifiziert.

Bibliographie

  • Alberti 1960 = Alberti, Leon Battista (1960): I libri della famiglia, in: Indice:Alberti, Leon Battista, vol. I, Bari, Laterza (Link) .
  • Alberti 1973 = Alberti, Leon Battista (1973): Grammatica della lingua toscana, in: Opere volgari, vol. III, Bari, Laterza, 175-194 (Link) .
  • Baldinucci 1681 = Baldinucci, Filippo (1681): Vocabolario toscano dell'arte del disegno , Firenze, Accademia della Crusca (Link) .
  • Bembo 1989 = Bembo, Pietro (1989): Prose della volgar lingua, Gli Asolani, Rime, a cura di Carlo Dionisotti, in: I classici italiani, Milano, Editori Associati (su licenza UTET Torino 1966) (Link) .
  • Devoto 1974b = Devoto, Giacomo (1974): Il linguaggio d'italia: Storia e strutture linguistische italiene dalla preistoria ai nostri giorni, Milano, Rizzoli.
  • Fortunio 1545 (erstmals 1516) = Fortunio, Gian Francesco (1545 (erstmals 1516)): Regole grammaticali della volgar lingua, Venedig (Link) .
  • Krefeld 1988b = Krefeld, Thomas (1988): Sprachbewertung, in: LRL IV, 312-326.
  • Krefeld 2003a = Krefeld, Thomas (2003): Rumänisch - mit 'Abstand' ein Unicum, in: Busse, Winfried / Schmidt-Radefeldt, Jürgen (Hrsgg.), Rumänisch und Romanisch , Festschrift für Rudolf Windisch zum 60. Geburtstag, Rostock, 73-90.
  • LRL = Holtus, Günter u.a. (Hrsgg.) (1988-): Lexikon der romanistischen Linguistik, Tübingen, Niemeyer.
  • Maaß 2002 = Maaß, Christiane (2002): „La lingua nostra patria“. Die Rolle der florentinischen Sprache für die Konstitution einer florentinischen Wir-Gemeinschaft im Kreis um Lorenzo de’ Medici, Münster, Nodus.
  • Marchetti/Belladonna 1977 = Marchetti, Valerio / Belladonna, Rita (1977): Carli Piccolomini, Bartolomeo, in: Dizionario Biografico degli Italian, vol. 20, Treccani (Link) .
  • McLuhan 1962b = McLuhan, Marshall (1962): The Gutenberg galaxy. The Making of Typographic Man, London, Routledge & Kegan Paul.
  • Mehltretter 2009 = Mehltretter, Florian (2009): Kanonisierung und Medialität: Petrarcas Rime in der Frühzeit des Buchdrucks (1470-1687), Münster, Lit.
  • Migliorini 1987 [1960] = Migliorini, Bruno (1987 [1960]): Storia della lingua italiana, Firenze, Sansoni.
  • Müller 1993 = Müller, Jan-Dirk (1993): Überlegungen zu Michael Giesecke: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte und deutsche Literatur, Jg, vol. 18, 167-178.
  • Pieri 1982 = Pieri, Marzio (1982): Colli, Vincenzo, detto il Calmeta, in: Dizionario Biografico degli Italiani, vol. 27 (Link) .
  • Trifone 1993 = Trifone, Pietro (1993): La lingua e la stampa nel Cinquecento, in: Serianni, Luca/Trifone, Pietro (Hrsg.), La lingua e le istituzioni (in: Storia della lingua italiana I: I luoghi della codificazione), Torino, Einaudi.
  • Trovato 1994 = Trovato, Paolo (1994): Storia della lingua italiana, in: Il primo Cinquecento, Bologna, il Mulino.
  • VocCrusca 1612 = VocCrusca (1612): Vocabolario degli Accademici della Crusca, in: Lessicografia della Crusca in Rete, Venezia, Alberti (Link) .
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