< < Vorheriger BeitragNächster Beitrag > >

Sprachliche Variation und Perzeption

Version:

Zitation: Thomas Krefeld (2019): Sprachliche Variation und Perzeption. Lehre in den Digital Humanities. Version 2 (06.09.2019, 08:57). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=149541&v=2.

1. Variablen und Varianten – in synchroner und diachroner Variation

Variation ist in den natürlichen Sprachen allgegenwärtig; sie ergibt sich – wie es scheint – allein durch den Sprachgebrauch und betrifft alle Ebenen der sprachlichen Organisation, von der Phonetik, über das Lexikon, die Morphologie und Syntax bis  hin zur Pragmatik. Im Laufe der Zeit, oder: in der Diachronie, führt Variation zu sprachlichem Wandel, wenn jüngere Varianten ältere ersetzen.

Latein causa ‘Fall, Ursache, Anlass’
↓ Diachronie ↓ phonetische Variation
= Lautwandel 
semantische Variation
= Bedeutungswandel 
Romanisch port. coisa span. cosa ita. cosa fra. chose ‘Sache, Ding’

Variation existiert aber nicht nur in der Zeit; Varianten koexistieren auch gleichzeitig, das heißt in der Synchronie. So gibt es neben dem fem. Nomen ita. cosa auch die maskuline morphologische Variante coso, oder neben der Konjunktion mentre ‘während’ steht die gleichbedeutende syntaktische Variante mentre che.

Im ersten Fall unterscheiden sich beiden Varianten im Genus, diese morphologische  Kategorie repräsentiert daher die abstrakte Variable der beiden konkreten Ausprägungen.

Lexem: cos-
Variable:  Genus
Varianten: Femininum -a Maskulinum-o

Im zweiten Fall ist die Variable schwieriger zu formulieren; sie lässt sich als Kodierung der Subordination beschreiben:

Konjunktion: mentre
Variable:  Kodierung der Subordination
Varianten:  merkmallos Ø  merkmalhaltig che 

Es ist wichtig festzuhalten, dass ausschließlich die Varianten – und nicht die Variablen – der direkten Wahrnehmung des Linguisten (wie im Übrigen auch des Sprechers) zugänglich sind (vgl. Albrecht 1986). Variablen sind daher stark theorieabhängig. Die beiden genannten Beispiele sollen aber vor allem darauf hinweisen, dass eine morphologische bzw. morphosyntaktische Beschreibung nicht hinreichend ist, denn es sind grundsätzlich zwei Typen von Varianten zu unterscheiden:

(1) gleichwertige Varianten als Ausprägung freier Variation; dieser Fall ist laut dem Vocabolario online Treccani bei mentre gegeben, da ohne jede Spezifikation die Variante mentre che aufgeführt wird:

méntre cong. [lat. dŭĭntĕrim «mentre frattanto», attraverso l’ital. ant. doméntre]. – 1. a. Nel tempo in cui, intanto che: […] anche mentre che […]“ (VocTrecc, s.v. mentre)

(2) Variation in Form von Varianten, die  nicht gleichwertig sind, da sie unabhängig von ihrer Funktion/Bedeutung mit zusätzlichen Informationen assoziiert sind. So heißt es im Vocabolario Treccani unter dem Eintrag coso, es handle sich um einen
„Termine di uso familiare […]“ (VocTrecc, s.v. coso).

In diese Gruppe gehört auch die Variante quando che neben quando, obwohl sie strukturell mentre che (Typ 1) entspricht.

Im Hinblick auf Typ (2) erheben sich nun mindestens zwei Fragenkomplexe: Woher stammen  Kommentare wie „uso familiare“ überhaupt? Mit welchen oder wie vielen Kategorien sollen Varianten kommentiert werden, und welchen ‘Dimensionen’ soll man diese Kategorien zuordnen? Mit diesen beiden Fragen ist der Gegenstandsbereich der Variations- und Varietätenlinguistik umrissen.

2. Dimensionen der Variation1Dieses Kapitel basiert in großen Teilen auf (Krefeld 2018a).

In der deutschsprachigen akademischen Forschungstradition hat sich eine sogenannte Varietätenlinguistik herausgebildet, die direkt auf Eugenio Coseriu 1980 und 1981a und indirekt auf Leif Flydal 1952 zurückführt. Es ist keineswegs übertrieben zu sagen, dass sie in ihrer  Ausgestaltung durch Peter Koch und Wulf Oesterreicher 1985 und 1990 eine paradigmenbildende Wirkung entfalten konnte. Die vier dort angenommenen Dimensionen der Variation zeigt das überaus stark rezipierte folgende Schema; jede Dimension schließt je nach Einzelsprache mehr oder weniger viele Varietäten ein::

„Der einzelsprachliche Varietätenraum zwischen Nähe und Distanz“  (aus: Koch/Oesterreicher 1990, 15)

Grundlegend für diese Konzeption ist die teils universelle Nähe-Distanz-Dimension2Vgl. dazu Feilke/Hennig 2016 und darin speziell (Knobloch 2016) sowie die Rezension des Bandes in Krefeld 2017g., die vor allem in der italienischen  Forschung mit einem auf Alberto Mioni 1983 zurückgehenden analogen Terminus auch als diamesisch bezeichnet wird; Gegenstand dieser Dimension sind die materielle Realisierung der Sprache (akustisch/graphisch)3Diese Komponente wird in in sehr problematischer Weise als ‘medial’ gefasst; vgl. dazu im Detail Krefeld 2017g und Krefeld 2015. und die Konzeption der Äußerung (mündlich/schriftlich). Die diatopischen Varietäten entsprechen, in anderer Terminologie, den Dialekten, die diastratischen den Soziolekten und die diaphasischen den Stilen. Die mit einem Ausdruck des Gründervaters Flydal als ‘Architektur’ bezeichnete Gesamtheit der Varietäten konstituiert mit dem Anspruch auf vollständige Erfassung das Diasystem einer Sprache (vgl. Koch/Oesterreicher 1990, 13).

2.1. Kurzer Exkurs zur Geschichte des Ausdrucks ‘Varietät’

Es wurde oben bereits darauf hingewiesen, dass die synchronische vierdimensionale Varietätenlinguistik aus einer dreidimensionalen Konzeption von Eugenio Coseriu hervorgegangen ist, die ihrerseits einen zweidimensionalen Vorschlag von Leif Flydal ausgebaut hatte. Schon Flydal verwendet den Ausdruck variété, allerdings eindeutig nicht in programmatischer Absicht; es ist deshalb nicht verwunderlich, dass er von Coseriu allem Anschein nach auch nicht direkt übernommen wurde – im Unterschied zu den Termini ‘diatopisch/syntopisch, diastratisch/synstratisch’ und ‘Architektur’; Coseriu spricht seit 1954 von ‘Subsystemen’ und – vor allem – von „regionale[n], soziale[n] und stilistische[n] Unterschiede[n], wobei jeder dieser drei Typen von Unterschieden wiederum chronologische Unterschiede aufweist“ (Coseriu 1978, 273). In späteren Arbeiten taucht zwar gelegentlich ‘Varietät’ als Oberbegriff auf (so in 280 Coseriu 1988), aber wiederum beiläufig. Dominant bleibt die Redeweise von den ‘(inneren) Unterschieden’, die jeweils als diatopisch / diastratisch / diaphasisch spezifiziert werden oder die Verwendung von ‘Dialekt’, ‘Sprachniveau’ und ‘Sprachstil’. Darüber hinaus insistiert Coseriu auf der Sonderstellung des Dialekts

als vollständige[m] System des Sprechens; ein Sprachniveau oder ein Sprachstil ist dagegen nie ein vollständiges, selbstgenügsames System (Coseriu 1980, 112).

Gerade dieser grundlegende Unterschied zwischen Dialekten auf der einen Seite und den Niveaus, Stilen, sowie der gesprochenen / geschriebenen / getippten Sprache auf der anderen Seite gerät allzu leicht in Vergessenheit, wenn alle gleichermaßen als ‘Varietäten’ deklariert werden. Gaetano Berruto hatte deshalb die Dialekte von vornherein aus seiner Modellierung der italienischen Varietäten herausgenommen:

crediamo che, almeno nell’uso orale che costituisce il prius dell’osservazione del linguista, la differenziazione geografica abbia un ruolo ‘primitivo’, a parte […]. Conseguentemente la dimensione diatopica è stata messa sullo sfondo e considerata in un certo senso a priori.[…] ((Berruto 1987a, 20); vgl. auch ebd. 28) 

2.1.1. Erweiterung und Differenzierung der Dimensionen

Ob vier Dimensionen hinreichend sind, um den äußerst weiten und unübersichtlichen Bereich der Variation im Ganzen  sinnvoll zu gliedern ist unklar; zweifellos nützlich im Sinne einer inhaltlichen Schärfung ist die Erweiterung um eine diasexuelle und eine diagenerationelle Dimension, wie sie im ADDU und im ALS praktiziert wird. 

Man beachte aber unabhängig vom Zuschnitt der Dimensionen, dass die Konzeption von Koch/Oesterreicher mit der VARIETÄT als Basiseinheit der Variation operiert, was sich sehr klar in der Redeweise von den “Dimensionen der Sprachvarietät” (im Singular) und den “Varietätendimensionen” (Koch/Oesterreicher 1990, 13 ff.) zeigt. Das elementare Grundmuster der Variation, nämlich die Ausprägung einer einzelnen Variable in 1 + n Varianten wird dagegen nicht angewandt.

abstrakte Kategorie: Variable
konkrete Ausprägungen: Variante 1 Variante n
Grundmuster der Variation

Varietäten sind dagegen bereits komplexe einzelsprachliche Subsysteme, die sich aus mehr oder weniger zahlreichen Varianten zusammensetzen. In diesem Sinne ist die Varietätenlinguistk in der Modellierung von Koch/Oesterreicher 1990 sehr entschieden SPRACHorientiert.

Eine andere, teils SPRECHERorientierte und sogar deutlich ältere Modellierung von M.A.K. Halliday u.a. wurde dagegen im deutschsprachigen Raum nicht, oder kaum rezipiert (vgl. Albrecht 1986). Dieser Ansatz unterscheidet zwei Typen von Variation, einerseits die Varietäten, die mit der Sozialisation erworben werden und deren Verwendung nicht der Willkür des Sprechers unterliegt, die entsprechenden Varianten werden ihm sozusagen mitgegeben und lassen sich in SPRACHorientierter Weise beschreiben; darunter fallen Dialekte und Soziolekte, die auf engl. beide dialects heißen und in etwas missverständlicher Ausdrucksweise als variation according  to user klassifiziert werden. Davon zu unterscheiden ist andererseits die in der Willkür des Sprechers liegende Variation, die SPRECHERorientiert als according to use spezifiziert wird; damit ist im Wesentlichen die diaphasische Variation gemeint. Hallidays Konzeption ist gewiss weniger differenziert, aber dafür sachgerechter da sie die tatsächliche Quelle der Variation – eben den Sprecher – integriert.

Die Einführung einer sprecherorientierten Variation ist auch deshalb wichtig, weil sie gestattet eine weitere, wichtige Dimension der Variation zu integrieren, die ganz individueller Art ist, da sie von der Kompetenz gesteuert wird; im Fall von L2-Sprechern sind zahlreiche Varianten auf die jeweilige Phase des Spracherwerbs zurückzuführen. Zwar wird in diesem Zusammenhang in der Forschung von ‘Lernervarietäten’ gesprochen; aber der Ausdruck ist insofern unangemessen da eine ‘Varietät’ als einzelsprachliches Subsystem per definitionem sozialer, das heißt gesellschaftlich konventionalisierter Natur ist. Eindeutiger ist die ebenfalls etablierte englische Redeweise von ‘interlanguages’ (deu. auch ‘Interimssprachen’).

Grundsätzlich ließen sich die beiden Ansätze von Koch/Oesterreicher 1990 und Halliday u.a. 1964 leicht integrieren, so dass sich etwa das folgende Modell ergeben würde:

  Dimension von Variation Varianten potentielle Varietät
‘according to user’ diatopisch (Dialekt) + +
diastratisch (Soziolekt) + +
diagenerationell (‘Jugendspr.’ usw.) + +
diasexual (‘Frauensprache’ usw.) + +
spracherwerbsbasiert (Interlanguage)  +  
‘according to user’ diaphasisch (Stil) + +
diamesisch (‘geschriebene Spr.’ usw.) + +
Dimensionen sprachlicher Variation

2.2. ‘Varietäten’ in der Varietätenlinguistik

Nur eine konsequente Ausrichtung an konkreten Varianten liefert eine solide Basis für die Varietätenlinguistik. Die Varietäten selbst werden im Modell von Koch/Oesterreicher grundsätzlich als monodimensional definiert, da sie ausschließlich aus Varianten ein- und derselben Dimensionen bestehen (vgl. ausführlich Krefeld 2018a). In schematischer Darstellung:   

Variable 1 diamesisch Variante 1d  
diaphasisch Variante 1c
diastratisch Variante 1b
diatopisch Variante 1a
Variable 2 diamesisch Variante 2a
diaphasisch Variante 2c ‘Mediolekt’ d4Der Terminus ist unüblich und wurde hier ad hoc geprägt.
diastratisch Variante 2b Stil c
diatopisch Variante 2a Soziolekt b
Variable 3 diamesisch Variante 3d Dialekt a
diaphasisch Variante 3c  
diastratisch Variante 3b
diatopisch Variante 3a
usw…    

Die Modellierung der Variation auf der Grundlage von abstrakten Varietäten und nicht von identifizierbaren Varianten ist im Zusammenhang mit einer wirklich erstaunlichen methodologischen Lücke zu sehen: Koch/Oesterreicher bieten keine Prozeduren an, um die Zugehörigkeit zu einer Dimension zu ermitteln und entsprechende Markiertheitswerte zuzuweisen. Die Aufgabe ist zwar im Fall der universellen Mündlichkeit (Dimension 1b in Abbildung 2) vergleichsweise einfach, wenn man etwa an Diskurspartikel, syntaktische Brüche, Fehlstarts usw. denkt.

Auch in der Diatopik kann man sich bis zu einem gewissen Grad auf bestimmten Quellen verlassen. So liefert ein Sprachatlas grundsätzlich Belege, die für einen seiner Erhebungspunkte charakteristisch sind.  Dazu ein Beispiel: Der AIS, Karte 9, QUANDO MIO FIGLIO… liefert für den Punkt 365 (= Istrana in der Provinz Treviso) den Beleg:

[′kwando εl me ′tozo] (vgl. NavigAIS).

Daraus lassen sich nun etliche Variablen und Varianten ableiten, die charakteristisch für diesen Ortsdialekt sind,  unter anderem diese:

    Varianten  
Variable 1
phonologisches Wort
diamesisch ?

Merkmale des Dialekts von P 365

diaphasisch ?
diastratisch ?
diatopisch mit Endvokal
Variable 2
Ausdruck von Possession
diamesisch ?
diaphasisch ?
diastratisch ?
diatopisch Art.+Poss.
Variable 3
Bezeichnung des Konzepts
JUNGER MANN
diamesisch ?
diaphasisch ?
diastratisch ?
diatopisch toso

2.3. Produktionsorientierte Varietätenlinguistik: eine Sackgasse

Allerdings ist ein Dialekt  ein in sich vollständiges semiotisches System und insofern auch eine Sprache; aus diesem Grunde gibt es auch intradialektale Variation; strenggenommen müsste man also auch wissen, ob die festgestellten Varianten womöglich auch in anderen Dimensionen markiert sind, oder ob andere Varianten für die jeweiligen Variablen in diesem Dialekt existieren.

Die Aufnahmeprotokolle des AIS geben zwar Informationen über die Informanten, so auch im Fall des zitierten Beispielorts:

Aufnahmeprotokoll aus Jaberg/Jud 1928, 88

Die Angabe des Alters, des Geschlecht, des Berufs, der Migrationserfahrung und der Hinweis auf die Unsicherheit der Unterscheidung von „Mundart  und Schriftsprache“ sind über die Diatopik hinaus im Hinblick auf die anderen Dimensionen potentiell diasexuell, diastratisch und diamesisch relevant; mangels Vergleichsdaten dürfen jedoch keinesfalls direkt entsprechende Markierungen der gelieferten Sprachdaten abgeleitet werden.

Überhaupt lassen sich dergleichen Markiertheitswerte grundsätzlich nicht in verlässlicher Weise aus Äußerung (oder: aus Produktionsdaten) gewinnen; damit ist das durchaus gravierende methodologische Grundproblem der etablierten Varietätenlinguistik formuliert: So ist – um ein anderes Beispiel zu geben – die Verwendung einer eindeutig dialektalen Variante wie toso in einem nicht dialektalen Kontext vollkommen unklar:

Ti posso chiedere un consiglio? Praticamente mi piace un toso, da taaanto, tipo 1 anno e mezzo circa..c’è una certa ‚complicità‘ tra noi, ci guardiamo sempre e facciamo sorrisini stupidi..però non riesco a capire se gli piaccio..come posso fare? (Quelle)

Es finden sich in der zitierten Umgebung markierte Varianten, so die diamesisch einschlägige  expressive und intensivierende Wiederholung von Buchstaben (taaanto) und ein diastratisch  (?) oder diaphasisch (?) zu verstehender Hinweis auf eine nicht perfekte Kompetenz in der Schriftsprache (praticamente), aber damit ist keine Aussage über die mit toso womöglich assoziierte(n) Dimension(en) möglich; ist das Wort ausschließlich diatopisch im Sinne eines Regionalitalienischen (welcher Region?), oder handelt es sich womöglich um eine auch im Regionalitalienischen ganz ungebräuchliche Variante, die vom/von der Verfasser*in aus diaphasischen Gründen ganz bewusst gesetzt wurde usw.

Die Beispiele lassen sich sehr schnell vermehren; exemplarisch ist der Gebrauch des passato remoto im folgenden TripAdvisor-Post zu einem Restautant:

“Venimmo per una cerimonia e mangiammo soddisfatti” (Quelle)

Das Tempus ist einerseits, gemessen an der traditionellen Standardsprache, diaphasisch hoch markiert und spezifisch distanzsprachlich; andererseits aber auch – unabhängig vom Diaphasik und Diamesik – diatopisch als südlich markiert; ohne Informationen über den Sprecher und womöglich vorhergehende Äußerungen lässt sich hier a priori nichts sagen; aber das oben zitierte AIS-Aufnahmeprotokoll zeigt auch, dass biographische Daten über den Sprecher auch nicht hinreichend sind; es ist vielmehr unbedingt erforderlich, weitergehende Daten vom Sprecher, das heißt aus seinem Sprecherwissen zu erheben; dieses Ziel verfolgt die perzeptive Variationslinguistik, zu der auch die perzeptive Varietätenlinguistik gehört.

Perzeptive Variationslinguistik
  Perzeptive Varietätenlinguistik  
     

2.4. Ein Ausweg: perzeptive Variationslinguistik

Um Markiertheitswerte von Varianten zu ermitteln ist es also erforderlich die Sprecher*innen mit eben den Varianten, um die es geht, zu konfrontieren. Denn die Markiertheit und die Zugehörigkeit zu einer Dimension sind keineswegs Metainformationen, die den Varianten inhärent wären (so wie zum Beispiel ihre grammatikalische Funktion). Der kommunikative Marktwert einer Variante – wenn man so sagen darf – ergibt sich aus dem Zusammenspiel von unmarkierten, neutralen Formen (Varianten) auf der einen Seite und solchen, die auf der anderen Seite als markiert aufgefasst werden dürfen, da sie im Sprachwissen der Sprecher mit den genannten Dimensionen der Variation assoziiert sind. Markierte Varianten sind – mit anderen Worten – auffällig, oder kognitiv gesprochen: salient, weil sie mit spezifischen mentalen Repräsentationen verbunden sind; unmarkierte Formen sind dagegen unauffällig.

Es muss daher die Existenz neutraler, unauffälliger Varianten vorausgesetzt werden, die mit keiner der Dimensionen assoziiert werden. Dergleichen Varianten machen einen Großteil der  sprachlichen Formen aus, über die ein Sprecher verfügt; in Zeiten verbreiteter Standardkompetenz liegt es nahe, diesen unauffälligen Grundstock mit dem sprachlichen Standard zu identifizieren (vgl. ausführlicher Krefeld 2018a); auffällig ist eben das – und nur das -, was vom Standard abweicht:

La nozione di standard (opposta a quella di ‘non standard’) viene utilizzata in primo luogo per indicare una varietà di lingua non marcata su nessuno degli assi della variazione; essa si caratterizza sostanzialmente per quello che non ha piuttosto che per ciò che ha. (D’Agostino 2007, 1)

Gerade für diesen Normalfall ist nun im eingangs zitierten Modell von Koch/Oesterreicher gar kein Platz vorgesehen, da es den Anspruch erhebt, alle Formen einer Einzelsprache zu umfassen und jede einzelne einer der vier Dimensionen zuzuweisen. Die Ermittlung von markierten Varianten, die sich im Sprecherwissen vor dem Hintergrund der unauffälligen Varianten abheben, ist der zentrale und angesichts der ausgeprägten Dynamik auch komplexe Gegenstand der perzeptiven Variationslinguistik  (vgl. Krefeld/Pustka 2010a). Besonderes Augenmerk muss dabei auf die Tatsache gelegt werden, dass die Assoziationen als solche in Abhängigkeit vom Sprecher und von Sprechergruppen variieren können und zudem sowohl im individuellen wie im konventionalisierten (sozialen) Sprecherwissen vielfältigen Wandlungsprozessen unterliegen. So ist es ganz charakteristisch für das Regionalitalienische, dass viele Varianten wie zum Beispiel die zahlreichen Geosynonyme (aber auch das passato remoto im oben genannten Beispiel) in der Selbstwahrnehmung (Autoperzeption) der Sprecher vollkommen unmarkiert und unauffällig sind, während sie in der Fremdwahrnehmung (Heteroperzeption) mindestens diatopisch, aber darüber hinaus nicht selten auch diastratisch und/oder diaphasisch markiert sind. Zahlreiche, auch jüngere Beispiele liefert der Atlante della lingua italiana quotidiana (ALIQUOT).

Wen man die Markiertheit aus der Auffälligkeit der Varianten in der Sprecherwahrnehmung und letztlich aus dem Sprechwissen ableitet, ergibt sich – im Gegensatz zum Schema von Koch/Oesterreicher Kap. – die Notwendigkeit den unauffälligen und unmarkierten Grundstock der verfügbaren sprachlichen Formen ins Zentrum zu stellen, wie die folgende Abbildung zeigen will:  

Fundierung der Markiertheit von Varianten in der Sprecherwahrnehmung

Wegen der erwähnten semiotischen Autonomie der Dialekte, die eine mehr oder weniger ausgeprägte intradialektale Variation gestattet,  ist hier ein analoges Vorgehen notwendig:

Intradialektale Markiertheit

Bibliographie

  • ADDU = Thun, Harald / Elizaincín, Adolfo (2000-): Atlas lingüístico diatópico y diastrático del Uruguay, Kiel, Westensee.
  • AIS = Jaberg, Karl / Jud, Jakob (1928-1940): Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz, vol. 8, Zofingen (Link) .
  • Albrecht 1986 = Albrecht, Jörn (1986): ‘Substandard’und ‘Subnorm’. Die nicht-exemplarischen Ausprägungen der ‘Historischen Sprache’aus varietätenlinguistischer Sicht, in: Holtus, Günter / Radtke, Edgar (Hrsgg.), Sprachlicher Substandard, Tübingen, Niemeyer, 65-88.
  • ALIQUOT = Tosques, Fabio / Castellarin, Michele (2013-): Atlante della lingua italiana quotidiana, Berlin, online (Link) .
  • ALS = Ruffino, Giovanni (Hrsg.) (1991-): Atlante linguistico della Sicilia, Palermo, Centro di studi filologici e linguistici siciliani.
  • Ammon 1986 = Ammon, Ulrich (1986): Explikation der Begriffe ‘Standardvarietät’ und ‘Standardsprache’ auf normtheoretischer Grundlage, in: Holtus/Radtke 1986, 2-63.
  • Auer 2013b = Auer, Peter (2013): Ethnische Marker zwischen Varietät und Stil, in: Deppermann, Arnulf (Hrsg.), Das Deutsch der Migranten. (=Jahrbuch des Instituts für Deutsche Sprache 2012), Berlin, de Gruyter, 9-40.
  • Benincà 1983 = Benincà, Paola (Hrsg.) (1983): Scritti linguistici in onore di Giovan Battista Pellegrini, 2 voll., Pisa.
  • Berruto 1987a = Berruto, Gaetano (1987): Sociolinguistica dell'italiano contemporaneo, Rom, NIS/Carocci.
  • Coseriu 1978 = Coseriu, Eugenio (1978): Das sogenannte 'Vulgärlatein' und die ersten Differenzierungen in der Romania, Übers. eines unveröff. span. Originals aus dem Jahre 1954 von Wulf Oesterreicher, in: Kontzi, Reinhold (Hrsg.), Zur Entstehung der romanischen Sprachen, Darmstadt, Wiss. Buchgesellschaft, 257-291.
  • Coseriu 1980 = Coseriu, Eugenio (1980): "Historische Sprache" und "Dialekt", in: Göschel, Joachim (Hrsg.), Dialekt und Dialektologie, Wiesbaden, Steiner, 106–122.
  • Coseriu 1981a = Coseriu, Eugenio (1981): Los conceptos de 'dialecto', 'nivel' y 'estilo de lengua' y el sentido propio de la dialectología, in: Lingüística española actual, III/1, Madrid, 1-32.
  • Coseriu 1988 = Coseriu, Eugenio (1988): Einführung in die Allgemeine Sprachwissenschaft, Tübingen, Francke.
  • Feilke/Hennig 2016 = Feilke, Helmuth / Hennig, Mathilde (2016): Zur Karriere von >Nähe und Distanz<: Rezeption und Diskussion des Koch-Oesterreicher-Modells, Berlin, Walter de Gruyter GmbH & Co KG.
  • Flydal 1952 = Flydal, Leiv (1952): Remarques sur certains rapports entre le style et l'etat de langue, in: Norsk Tidsskrift for Sprogvidenskap, 16, 241-28.
  • Halliday u.a. 1964 = Halliday, Michael Alexander Kirkwood u.a. (1964): The Linguistic Sciences and Language Teaching, London, Longman.
  • Istituto della Enciclopedia Italiana b = Istituto della Enciclopedia Italiana: Vocabolario Treccani, Rom, Istituto della Enciclopedia Italiana (Link) .
  • Jaberg/Jud 1928 = Jaberg, Karl / Jud, Jakob (1928): Der Sprach- und Sachatlas als Forschungsinstrument. Kritische Grundlegung und Einführung in den Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz, Halle (Saale), Niemeyer.
  • Knobloch 2016 = Knobloch, Clemens (2016): Nähe und Distanz - betrachtet aus fachlicher Nähe und historiographischer Distanz, in: Feilke/Hennig 2016, 73-87.
  • Koch/Oesterreicher 1985 = Koch, Peter / Oesterreicher, Wulf (1985): Sprache der Nähe – Sprache der Distanz: Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Spannungsfeld von Sprachtheorie und Sprachgeschichte, in: Romanistisches Jahrbuch 36, 15–43 (Link) .
  • Koch/Oesterreicher 1990 = Koch, Peter / Oesterreicher, Wulf (1990): Gesprochene Sprache in der Romania.[Romanistische Arbeitshefte 31], in: Tübingen, Niemeyer.
  • Krefeld 2015 = Krefeld, Thomas (2015): L’immédiat, la proximité et la distance communicative, in: Polzin-Hausmann, Claudia / Schweickard, Wolfgang (Hrsgg.), Manuals of Romance Linguistics, Berlin, De Gruyter, 262–274.
  • Krefeld 2017g = Krefeld, Thomas (2017): Rez. von Feilke, Helmuth and Hennig, Mathilde (Hg.), Zur Karriere von ‚Nähe und Distanz ‘. Rezeption und Diskussion des Koch-Oesterreicher-Modells (Germanistische Linguistik 306). Berlin, Boston: De Gruyter Mouton, 2016, in: Zeitschrift für Rezensionen zur germanistischen Sprachwissenschaft (Link) .
  • Krefeld 2018a = Krefeld, Thomas (2018): Varietà ibride? – Che cosa ne pensa la linguistica variazionale. Version 1 (1.03.2018, 12:46), in: Korpus im Text (KiT), online (Link) .
  • Krefeld/Pustka 2010a = Krefeld, Thomas / Pustka, Elissa (2010): Für eine perzeptive Varietätenlinguistik, in: Krefeld, Thomas / Pustka, Elissa (Hrsgg.), Krefeld/Pustka 2010c, 9-28.
  • Mioni 1983 = Mioni, Alberto M. (1983): Italiano tendenziale: osservazioni su alcuni aspetti della standardizzazione, in: Benincá u.a. 1983, 495-517.
  • NavigAIS = Tisato, Graziano (2017): NavigAIS. AIS Digital Atlas and Navigation Software, Padua, Istituto di Scienze e Tecnologie della Cognizione (ISTC) - Consiglio Nazionale delle Ricerche (CNR), Online-Version von Jaberg/Jud, 1928-1940, Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz (AIS) (Link) .
  • Purschke 2011 = Purschke, Christoph (2011): Regionalsprache und Hörerurteil: Grundzüge einer perzeptiven Variationslinguistik: Univ., Diss.-Marburg, 2010, Stuttgart, Steiner.
  • Radtke 1986 = Radtke, Edgar (1986): Sprachlicher Substandard, Tübingen, Niemeyer.
  • VocTrecc = Vocabolario, Treccani: Vocabolario Treccani , Rom, Istituto della Enciclopedia Italiana (Link) .
< < Vorheriger BeitragNächster Beitrag > >

Schreibe einen Kommentar