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Verbale Lexikalisierung von Wahrnehmungsleistungen

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Zitation: Thomas Krefeld (2019): Verbale Lexikalisierung von Wahrnehmungsleistungen. Lehre in den Digital Humanities. Version 1 (05.09.2019, 15:30). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=142284&v=1.

1. Wahrnehmungsverben

Der Überblick über die Lexikalisierung der Wahrnehmungleistungen () hat gezeigt, dass gewisse Affinitäten zwischen den Modalitäten einerseits und den Wortarten andererseits bestehen:

  Verben Substantive Adjektive
SEHEN 6 4 13
HÖREN 19 + n 5 1
HAUTSINNE 4 3 12
CHEMISCHE SINNE 3 4 5

In semantischer Hinsicht von besonderem Interesse sind die Verben, da sie für die sprachliche Darstellung von Sachverhalten eine grundlegende Rolle spielen: von den ganz wenigen Witterungsverben abgesehen sind Verben stets Prädikatoren (oder: Operatoren), die Leerstellen für Nominatoren (oder: Operanden) eröffnen (vgl. die Kapitel Prädikation und Sprachliche Sachverhalte in Krefeld 2019q); im Folgenden werden Nominatoren mit dem gebräuchlicheren Ausdruck als ‘Argumente’ bezeichnet.

In der Sprachwissenschaft wurden im Wesentlichen zwei Ansätze entwickelt, um die Wahrnehmungsverben (oder: verba sentiendi ) als eigene Gruppe zu fassen; eine Richtung geht davon aus, dass dem Nominator, der die Subjektstelle besetzt eine spezifische semantische Rolle zugewiesen wird, die man als ‘Experiencer’ bezeichnet (vgl. das Kapitel Semantische Rollen in Krefeld 2019p). Die andere Richtung postuliert unter der Bezeichnung ‘Experience’ eine elementare semantische Kategorie der verbalen Lexeme, d.h. der Prädikatoren (vgl. das Kapitel Semantische Typisierung in Krefeld 2019q). 

1.1. Morphosyntaktische Darstellungstypen

Wie bereits gesagt (), sind bei  Wahrnehmungsleistungen drei außersprachliche oder konzeptuelle Domänen impliziert: der wahrnehmende Organismus (ORGANISMUS), die Wahrnehmungsmodalität (MODALITÄT) und die wahrgenommene Welt (WELT); im Hinblick auf die Semantik ergeben sich die folgenden elementaren Bedingungen: Mindestens ein Argument muss das Merkmal [+ belebt] oder das speziellere Merkmal [+ menschlich] tragen, und das andere Argument muss das Merkmal [+ perzipierbar] besitzen, selbstverständlich auch in spezifischerer Form als [+ belebt] bzw. [+ menschlich]:    

    MODALITÄT    
Argument x
obl. [+ belebt]
fak. [+ menschl.]
Verb
[perzipieren]
Argument y
obl. [+ perzipierbar]
ORGANIS-
MUS
  WELT
Semantische Grundkonstellation der Wahrnehmungsverben

Gemessen an der expliziten Verbalisierung der drei Domänen lassen sich ganz unterschiedliche Typen unterscheiden. Daran ist bemerkenswert, dass die Wahrnehmung sowohl als aktive Tätigkeit (Typ 1), als subjektiv kontrollierte Situation (Typ 2), als objektiv unkontrollierte Situation (Typ 3) und auch als  passive Betroffenheit (Typ 4-6) versprachlicht werden kann, die je nach Verb mehr (Typ 5) oder weniger  (Typ 6) stark sein kann.  

  MODALITÄT
(hier: HAUTSINN | TEMPERATUR)
 
Subjekt indir. Objekt  Verb dir. Objekt
Typ (1) – lat.     frigeo   ‘(ich) friere’
Typ (2) – ita. (io)   ho  freddo wörtl. ‘ich habe kalt’
Typ (3) – ita.     fa  freddo wörtl. ‘ (es) macht kalt’
Typ (4) – ita.   mi fa freddo wörtl. ‘mir macht (es) kalt’
        Subjekt  
Typ (5) – ita.   mi viene freddo wörtl. ‘mir kommt kalt’
Typ (6) – rum.   mi- e frig ‘mir ist kalt’
ORGANIS-
MUS
        WELT
Wahrnehmung: konzeptuelle Domänen und sprachliche Darstellungstypen

Die verbale Kodierung (Typ 1) ist zwar in dieser Modalität im Italienischen (und in den anderen romanischen Sprachen) nicht mehr möglich; sie ist aber in allen anderen Modalitäten gut belegt. Im genannten Beispiel können die drei ita. Ausdruckstypen (Typen 2-5) sicherlich weithin synonym verwandt werden. Über das Italienische hinaus ist Typ 2 speziell für Wahrnehmungen des eigenen Körpers in den romanischen Sprachen mit Ausnahme des Rumänischen weit verbreitet (im Spanischen unter Verwendung von tener):

ho

fame


ich habe   Hunger
sete Durst
paura Angst
voglia Lust
sonno  ich bin müde
freddo mir ist kalt
nominale/adjektivische Kodierung von Körperwahrnehmungen im Ita. und im Deu.

 

 

 

 

Von der Modalität der Hautsinne und den eigenen Körperwahrnehmungen einmal abgesehen, ergibt die Bestandsaufnahme der it. Wahrnehmungsverben ein in syntaktischer Hinsicht außerordentlich homogenes Bild. Alle einschlägigen Verben (bis auf ita. orecchiare/origliare ‘heimlich lauschen’) haben zwei Argumente; wenn das Subjekt sich auf den WAHRNEHMENDEN ORGANISMUS bezieht, sind sie zudem transitiv im Sinn der traditionellen Grammatik; das heißt, das Argument, das auf die WAHRGENOMMENE WELT referiert, wird als direktes Objekt kodiert. Präpositionale Anschlüsse finden sich nur dann, wenn  das Subjekt auf die WAHRGENOMMENE WELT verweist.  Allerdings sind pseudoreflexive Erweiterungen möglich, die sich durch Koreferenzialität des dativischen Reflexivpronomens mit dem Subjekt auszeichnen:

(1) Oggi mi sono guardato un film (Quelle)
(2) Successivamente mi sono osservato il trittico del Leone e le tre galassie si notavano molto bene in un fondo cielo completamente nero. (Quelle)
(3) Mi sono ascoltato tutta l’intervista Radio per riportarvi queste news, quindi enjoy (Quelle)

      MODALITÄT (hier: SEHEN)    
  Subj. indir. Obj.  Verb dir. Obj.  
  (io)   ho  guardato  un film  
  (io) mi sono guardato  un film  
ORGANIS-
MUS
          WELT
Pseudoreflexive Erweiterung der Argumente eines Wahrnehmungsverbs

Die Standardkonformität dieser pseudoreflexiven Konstruktion ist zu überprüfen; wie es scheint, sind (1) und (3) akzeptabler als (2).

Hinter der dominanten syntaktischen Uniformität

Argument 1 [Subjekt] – Verb – Argument 2 [dir. Objekt]

verbergen sich jedoch semantische Konstellationen, die sich vor allem in Bezug auf die jeweils durch das Verb dargestellten Leistungen, in geringerem Maße aber auch in Bezug auf die eröffneten semantischen Rollen, zwei komplementären Lösungen für die Darstellung von Wahrnehmungserlebnissen, zuordnen lassen: Im ersten Fall ist die Bedeutung nur auf die jeweilige Modalität orientiert; in den anderen Fällen kommen spezifischere Orientierungen hinzu .

2. Modalitätsorientierung

Den ersten (Proto)Typ kann man als modalitätsorientierte Lexikalisierung  bezeichnen, denn es gibt keinerlei wesentliche Einschränkungen bei der Rollenbesetzung, die über die Grundkonstellation hinausgehen; auf Seiten des ORGANISMUS reicht die ganz allgemeine Bestimmung [+ belebt] und im Hinblick auf WELT kann festgehalten werden, dass das Argument im Zuge der Perzeption nicht modifiziert wird und deshalb als [– affiziert] bestimmt werden kann; in der folgenden und den weiteren Abbildungen wird die jeweilige Orientierung durch die Färbung der Felder symbolisiert, die jeweils der Farbe der Konzeptdomänen entspricht.  .

    MODALITÄT    
Argument x = Subj.
sem. Rolle: Experiencer
obl. [+ belebt]
SEHEN
vedere

Argument y = dir. Obj.
sem. Rolle: Goal1Die Rolle könnte man als ‘Ziel einer Verbalhandlung’ umschreiben.
obl. [+ perzipierbar]
obl. [- affiziert]

  HÖREN
udire, sentire
 
  HAUTSINNE
toccare
 
 

SCHMECKEN 
gustare
RIECHEN
sentire

 
ORGANIS-
MUS
  WELT
Modalitätsorientierte verbale Lexikalisierung der REIZVERARBEITUNG

Die semantische Orientierung dieser Verben auf die reine Modalität zeigt sich auch darin, dass manche davon – und nur von dieser Gruppe – eine Umkehrung der syntaktischen Funktionszuweisung gestatten, denn das Argument, das auf WELT referiert, kann auch als Subjekt kodiert werden; diese Umkehrung wird durch präpositionalen Anschluss des zweiten, ebenfalls WELT-bezogenen Arguments markiert. Der ORGANISMUS ist hier ausgeblendet; das entsprechende Feld unten links ist daher weiß. 

    MODALITÄT
QUELLE
   
 

Argument y = Subjekt
semant. Rolle: Object
obl. [+ perzipierbar]
obl. [- affiziert]

SCHMECKEN 
sapere di
RIECHEN
sentire di
odorare di
sapere di

Argument z = präp. Objekt
semant. Rolle: Goal
obl. [+ perzipierbar]
 
ORGANIS-
MUS
  WELT
Modalitätsorientierte verbale Lexikalisierung der REIZQUELLE

Analog verhalten sich deu. sehen | aussehen, hören | sich anhören, riechen | riechen nach, schmecken | schmecken, schmecken nach, fühlen | sich anfühlen, eng. look | look usw.

Daraus ergibt sich bereits der andere Prototyp, zu dem die semantisch spezifischeren Verben gehören, die je nach ihren besonderen Merkmalen als verarbeitungsorientiert und/oder organismus- bzw. weltorientierte Lexikalisierung charakterisiert werden können.2In Krefeld 1998 war in Anlehnung an phänomenologische Analysen von Edmund Husserl 1950 [1913] stattdessen von ‘perzeptiven’ (modalitätsorientiert) und ‘apperzeptiven’  (organismus-/weltorientiert) Wahrnehmungsverben die Rede.

3. Spezifische Orientierungen

3.1. Verarbeitungsorientierung

Die Semantik einiger Verben beinhaltet eine besondere Konzentration oder Aufmerksamkeit bei der Verarbeitung der sinnesphysiologischen Informationen. Sie impliziert Dauer im Sinne längerer Perzeption und Verabeitung; die Aktionsart ist also durativ. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die italienischen Verben, die zu dieser Gruppe gerechnet werden können:

  Argument x = Subj. MODALITÄT
VERARBEITUNG
Argument y = dir. Obj.  
sem. Rolle: Experiencer, Agens
obl. [+ belebt]
obl.[+intentional]
SEHEN
guardare, contemplare

sem. Rolle: Goal
obl. [+ perzipierbar]
obl. [- affiziert]

  HÖREN
ascoltare
 
  HAUTSINNE
palpare ‘be-, abtasten’,
palpeggiare ‘ausgiebig ‘be-, abtasten’, tastare ‘betasten’
 
 

SCHMECKEN
RIECHEN
fiutare

 
ORGANIS-
MUS
  WELT
Verarbeitungsorientierte ita. Wahrnehmungsverben

3.2. Weltorientierung

Als weltorientiert werden hier solche Verben bezeichnet, die bestimmte Merkmale der wahrgenommenen Weltausschnitte (der wahrgenommenen Gegenstände) implizieren. Eine besondere Rolle spielen dabei die Dynamik und Bewegung. 

  Argument x = Subj. MODALITÄT Argument y = dir. Obj.  
  sem. Rolle: Expriencer, Agens
obl. [+ belebt]
obl.[+intentional]
SEHEN
osservare, sbirciare
sem. Rolle: Goal
obl. [+ perzipierbar]
[+ dyn.]
[+ menschl.]
  HÖREN
auscultare
[+ menschl.]
  RIECHEN
fiutare
 
ORGANIS-
MUS
  WELT
Weltorientierte ita. Wahrnehmungsverben

Man beachte, dass zwei der genannten Verben das  Merkmal [+ menschlich]  erfordern. Einige nicht primäre Verben kommen hinzu, so accarezzare ‘streicheln’ (← carezza ← caro), assaggiare  ‘verkosten’ (saggio)’, fissare ‘fixieren’ (← fisso) u.a.

3.3. Kombinierte Organismus- und Weltorientierung

Die besondere Wichtigkeit des Merkmals [+ menschlich] zeigt sich in der Lexikalisierung von zwei Bezeichnungen in den Domänen SEHEN und HÖREN: Sobald Menschen zum Gegenstand der Wahrnehmung werden, eröffnet sich eine soziale und tendentiell auch interaktive Dimension, in der versteckte Wahrnehmung moralisch inakzeptabel ist.

  Argument x = Subj. MODALITÄT Argument y = dir. Obj.

 

sem. Rolle: Expriencer, Agens
obl. [+ belebt]
obl. [+intentional]
obl. [+ heimlich]

SEHEN
spiare

sem. Rolle: Goal

obl. [+ perzipierbar]
obl. [+ menschl.]

  HÖREN
origliare
ORGANIS-
MUS
  WELT
Kombinierte Organismus- und Weltorientierung

3.4. Die ita. Verben des SEHENs kontrastiv zum Deutschen 

Im Hinblick auf die hier herausgearbeiteten semantischen Orientierungen entspricht die Lexikalisierung der Wahrnehmungsleistungen in mancher Hinsicht den Verhältnissen im Deutschen; allerdings ergeben sich auch einige bemerkenswerte Unterschiede, die in den folgenden Beispielen illustriert werden sollen. Es handelt sich dabei um literarische Textstellen, die nach der Methode des Übersetzungsvergleichs ausgewählt wurden; in zwei  Fällen liegen ita. Originale und deu. Übersetzungen vor (Palomar | Palomar [deu. Übers.] und Eboli | Eboli [deu. Übers.]), in einem Fall  ein deutsches Original mit italienischer Übersetzung Buddenbrooks | Buddenbrooks [ita. Übers.]).

In beiden Sprachen existieren Verben für das genaue SEHEN vor, bei dem sich der Wahrnehmende auf den Wahrnehmungsgegenstand genau konzentriert (it. guardare | deu. betrachten). Ein derartiges SEHEN, das darüberhinaus mehr oder wenige meditative Reflexionen induziert, wird im Italienischen mit contemplare bezeichnet, für das es im Deutschen keine Entsprechung gibt:

Beispiel 1  
ita. guardare, contemplare deu. betrachten, sinnen
„Il mare è appena increspato e piccole onde battono sulla riva sabbiosa. Il signor Palomar è in piedi sulla riva e guarda un onda. Non che egli sia assorto nella contemplazione delle onde. Non è assorto, perché sa bene quello che fa: vuole guardare un’onda e la guarda. Non sta contemplando, perché per la contemplazione ci vuole un temperamento adatto, uno stato d’animo adatto e un concorso di circostanze esterne adatto“. (Palomar, 11) „Das Meer ist leicht gekräuselt, kleine Wellen schwappen ans sandige Ufer. Herr Palomar steht am Ufer und betrachtet eine Welle. Nicht das er sinnend in die Betrachtung der Wellen versunken wäre. Er ist nicht versunken, denn er weiß, was er tut. Er will eine Welle betrachten und betrachtet sie. Er ist auch nicht sinnend, denn zur Besinnlichkeit braucht man ein passendes Temperament, eine passende Stimmungslage und ein Zusammenwirken passender äußerer Umstände.“ (Palomar [deu. Übers.], 7)

Sowohl im Italienischen wie im Deutschen wurde sodann die Wahrnehmung dynamischer Referenten eigens lexikalisiert wurde; prototypischer Weise haben die Objekte das Merkmal [+ belebt]:     

Beispiel 2  
ita. osservare deu. beobachten
„Quali siano le sensazioni di due tartarughe che s’accoppiano, il signor Palomar non riesce a immaginarselo. Le osserva con un’attenzione fredda, come se si trattasse di due macchine: due tartarughe elettroniche programmate per accoppiarsi.“  (Palomar, 27) „[…] Er beobachtet sie mit kühler Aufmerksamkeit, als wären sie zwei elektronische Schildkröten, programmiert auf Paarung.“ (Palomar [deu. Übers.], 26 f.)

Allerdings besteht zwischen ita. guardare und osservare kein kategorischer Gegensatz, denn guardare kann ebenso für belebte (Beispiel 3) wie osservare für unbelebte (Beispiel 4) Referenten stehen:  

Beispiel 3  
ita. guardare deu. beobachten
„C’è una cosa straordinaria da vedere a Roma in questa fine d’autunno ed è il cielo gremito d’uccelli. […] Dove vadano durante il giorno, che funzione abbia nella strategia della migrazione questa sosta prolungata in una città, cosa significhino per loro questi immensi raduni serali, questi caroselli aerei come per una grande manovra o una parata, il signor Palomar non è mai riuscito ancora a capirlo. Le spiegazioni che si dànno sono tutte un po‘ dubbiose, condizionate da ipotesi, oscillanti tra varie alternative; ed è naturale sia così, trattandosi di voci che passano di bocca in bocca, ma si ha l’impressione che anche la scienza che dovrebbe confermarle o smentirle sia incerta, approssimativa. Stando così le cose, il signor Palomar ha deciso di limitarsi a guardare, a fissare nei minimi dettagli il poco che riesce a vedere, tenendosi alle idee immediate che gli suggerisce ciò che vede. (Palomar, 64) „[…]Bei diesem Stand der Dinge hat Palomar sich entschlossen, lediglich zu beobachten […]“ (Palomar [deu. Übers.], 74 f.)
Beispiel 4  
ita. guardare | ita. osservare deu. betrachten
„In seguito a una serie di disavventure intellettuali che non meritano d’essere ricordate, il signor Palomar ha deciso che la sua principale attività sarà guardare le cose dal di fuori. Un po‘ miope, distratto, introverso, egli non sembra rientrare per temperamento in quel tipo umano che viene di solito definito un osservatore. Eppure gli è sempre successo che certe cose – un muro di pietre, un guscio di conchiglia, una foglia, una teiera, – gli si presentino come chiedendogli un’attenzione minuziosa e prolungata: egli si mette ad osservarle quasi senza rendersene conto e il suo sguardo comincia a percorrere tutti i dettagli, e non riesce più a staccarsene.“ (Palomar, 108)

 

„[…] hat Herr Palomar beschlossen, daß seine Haupttätigkeit in Zukunft darin bestehen wird, die Dinge von außen zu betrachten.

[…]Dennoch passiert es ihm immer wieder, daß sich bestimmte Dinge […] in sein Blickfeld drängen, als bäten sie ihn um eine längere und minutiöse Aufmerksamkeit: Fast unwillkürlich beginnt er sie zu betrachten“ […]’ (Palomar [deu. Übers.], 131)

Deu. beobachten kann nur dann für unbelebte Referenten benutz werden, wenn während der Wahrnehmung Veränderungen des Objekts zu erwarten sind, so in der Beschreibung eines physikalischen Experiments für Kinder:

Anleitung:
Ihr findet am Experimentierplatz ein Stativ mit einer dünnen Papierrolle, einen leeren
Joghurtbecher mit eingeklebter Münze und einen Glaskolben mit Wasser.
1. Blicke mit einem Auge durch die Papierrolle in den Joghurtbecher. Peilt nun durch die
Papierrolle so über den Rand des Joghurtbechers, dass Ihr die Münze am Boden des
Bechers gerade nicht mehr seht.
2. Füllt nun langsam Wasser aus dem Glaskolben in den Joghurtbecher, während Ihr
weiterhin durch die Papierrolle blickt. Achtet dabei darauf, dass die Positionen von
Papierrolle und Joghurtbecher nicht verändert werden. Was könnt Ihr beobachten?
3. Gießt das Wasser wieder in den Glaskolben zurück. (Quelle)

Dementsprechend wurde im Beispiel 2 die zweite Verwendung von osservare durch betrachten übersetzt:

Deu. betrachten wird häufig zum Ausdruck für intellektueller Einschätzungen verwandt, die keine direkte Wahrnehmung mehr implizieren; für diese Verwendungen seht im Italienischen ein spezifisches Verb zur Verfügung, considerare, das historisch aus einem Wahrnehmungsverb hervorgegangen ist, da es sich um eine Ableitung von lat. sidus, -eris  ‘Stern’ () handelt, die ursprünglich soviel wie ‘Sterne betrachten’ bedeutet haben muss; hier wurde also ein Argument in die Verbsemantik inkorporiert. 

Beispiel 5  
ita. considerare deu. betrachten
„Ritornando dalla sua passeggiata, Palomar ripassa davanti a quella bagnante, e questa volta tiene lo sguardo fisso davanti a sé […]. Ma sarà proprio giusto, fare così? – riflette ancora, – o non è un appiattire la persona umana, al livello delle cose, considerarla un oggetto, e quel che è peggio, considerare oggetto ciò che nella persona è specifico del sesso femminile?“ (Palomar, 17) „[…] Aber ist eigentlich – überlegt er weiter – dieses Verhalten ganz richtig? Bedeutet es nicht, den Menschen auf die Stufe der Dinge niederzudrücken, ihn als Objekt zu betrachten, ja, schlimmer noch, gerade das an seiner Person als Objekt zu betrachten, was ihr spezifisch weiblich ist?“ (Palomar [deu. Übers.], 15)

Der auffälligste Unterschied in der Lexikalisierung des SEHENs besteht aber wohl darin, dass es im Deutschen ein Verb gibt, blicken, das ein Argument mit der Rolle Lokativ erfordert. In der Semantik dieses Verbs kommt die DIREKTIONALITÄT des Sehens zum Ausdruck. Im Unterschied zum HÖREN ist das Sehen ja immer gerichtet und in seiner Richtung auch für andere offenkundig: Man sieht genau, wohin jemand anderes schaut. Entsprechende Wahrnehmungen kann man im Italienischen selbstverständlich auch ausdrücken, allerdings eben nicht mit einem speziellen Verb:

Beispiel 6  
ita. guardare intorno deu. umblicken
„Il signor Palomar sente un sussurro. Si guarda intorno: a pochi passi da lui s’è formata una piccola folla che sta sorvegliando le sue mosse come le convulsioni d’un demente.“ (Palomar, 51)  „Herr Palomar hört ein Getuschel. Er blickt sich um: Wenige Schritte von ihm entfernt hat sich eine kleine Menschenmenge gebildet, die aufmerksam seine Gebärden verfolgt, als wären’s die Zuckungen eines Verrückten.“ (Palomar [deu. Übers.], 60)

Bei impliziter Direktionalität wählen deu. Übersetzungen daher ganz automatisch blicken:

Beispiel 7  
ita. guardare deu. blicken in 
„Guardavo il fuoco, pensando alla serie infinita di giorni che mi si stendevano innanzi, e nei quali, anche per me, l’orrizzonte del mondo degli uomini sarebbe stato il cerchio di queste oscure passioni“. (Eboli, 35) Ich blickte ins Feuer und dachte an die unendliche Reihe von Tagen, die vor mir lagen und in denen auch für mich der Horizont der Menschheit in dem Kreis dieser dunklen Leidenschaften beschlossen sein würde;“ (Eboli [deu. Übers.], 29)

Die Verwendungen von deu. blicken mit präpositionalen Lokalkomplementen werden dagegen oft indirekt in Italienischen übertragen, wie abschließend zwei Beispiel aus den Buddenbrooks illustrieren:

Beispiel 8  
deu. blicken in ita. volgere gli occhi verso
„Und die kleine Antonie, achtjährig und zartgebaut, in einem Kleidchen aus ganz leichter changierender Seide, den hübschen Blondkopf ein wenig vom Gesicht des Großvaters abgewandt, blickte aus ihren graublauen Augen angestrengt nachdenkend und ohne etwas zu sehen ins Zimmer hinein […]“. (Buddenbrooks, 7) „E la piccola Antonie, di otto anni, esile, in una vestina di leggerissima seta cangiante, distolta un momento dal viso del nonno la graziosa testa bionda, volse gli occhi grigio-azzurri verso la stanza, sforzandasi di riflettere, senza veder nulla […]“. (Buddenbrooks [ita. Übers.], 5)
Beispiel 9  
deu. blicken in   
„Durch eine Glastür, den Fenstern gegenüber, blickte man in das Halbdunkel einer Säulenhalle hinaus (…)“. (Buddenbrooks, 9) „Attraverso una porta vetrata, di contro alle finestre, lo sguardo andava nella penombra di un vestibolo a colonne (…)“. (Buddenbrooks, 8)

Bibliographie

  • Buddenbrooks = Mann, Thomas (1975 [1922]): Buddenbrooks. Verfall einer Familie, Frankfurt am Main, Fischer.
  • Buddenbrooks [ita. Übers.] = Mann, Thomas (1983): I Buddenbrook, trad. ita. di Furio Jesi e di Silvana Speciale Scalia, Milano, Garzanti.
  • Eboli = Levi, Carlo (1984 [1945]): Cristo si è fermato a Eboli, Milano.
  • Eboli [deu. Übers.] = Levi, Carlo (1982 [1963]): Christus kam nur bis Eboli, deu. Übers. von Helly Hohenemser-Steglich , München, dtv.
  • Husserl 1950 [1913] = Huserl, Edmund (1950 [1913]): Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Erstes Buch: Allgemeine Einführung in die Phänomenologie, in: Husserliana III, Den Haag.
  • Jacob 1998 = Jacob, Daniel (1998): Transitivität und Diathese in romanischen Sprachen (1998): ., Tübingen, Niemeyer, 155-173.
  • Krefeld 1998 = Krefeld, Thomas (1998): Transitivität aus rollensemantischer Sicht. Eine Fallstudie am Beispiel französischer und italienischer Wahrnehmungsverben, in: Geisler/Jacob 1998, 155-173.
  • Krefeld 2019p = Krefeld, Thomas (2019): Agentivität, Transitivität, Ergativität, in: Lehre in den Digital Humanities, München, LMU (Link) .
  • Krefeld 2019q = Krefeld, Thomas (2019): (Logische) Prädikation und (sprachliche) Sachverhalte, in: Lehre in den Digital Humanities, München (Link) .
  • Palomar = Calvino, Italo (1990 [1983]): Palomar, Milano, Mondadori.
  • Palomar [deu. Übers.] = Calvino, Italo (1988 [1985]): Herr Palomar, übers. v. Burkhart Kroeber, München, dtv.
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2 Antworten

  1. Lieber Herr Krefeld,
    mir ist aufgefallen, dass der Begriff „goal“ auf Seiten der Welt, beziehungsweise der semantischen Rolle des direkten Objektes nicht definiert wird. Es tritt fünf Mal auf, aber nur in den Grafiken.
    Lg!
    Christina Burandt

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