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Die Lexikalisierung der Wahrnehmungsmodalitäten im Italienischen

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Zitation: Thomas Krefeld (2019): Die Lexikalisierung der Wahrnehmungsmodalitäten im Italienischen. Version 1 (05.09.2019, 12:30). Lehre in den Digital Humanities. . url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=140617&v=1

1. Esse est percipi

Für uns Menschen, wie für alle Lebewesen, ist das Wahrnehmungssystem gewissermaßen das „Fenster zur Welt“  (Gegenfurtner 2003, 3); in diesem Sinne hatte sich bereits im 18. Jahrhundert eine ‘sensualistische’ Philosophie entwickelt, deren Weltsicht von George Berkeley (1685-1753)  prägnant in der berühmten Maxime kondensiert wurde:

  • esse est percipi (aut percipere) ‘Sein ist Wahrgenommenwerden (oder Wahrnehmen)’ (vgl. Downing 2013).

Es ist daher selbstverständlich, dass die Art und Weise, wie die Welt durch sprachliche Zeichen kategorisiert wird, in der Anlage des Wahrnehmungssystems verankert ist. Diese Feststellung ist in ihrer Allgemeinheit trivial; sie muss aber ernst genommen werden, denn sie zeigt, dass das Axiom der vollkommenen Arbitrarität nur für die Verbindung von Form (Signifikant) und Inhalt (Signifikat) sprachlichen Zeichens gilt – aber nur in eingeschränkter Weise für die Tatsache, dass bestimmte Inhalte überhaupt lexikalisiert sind.

2. Allgemeine Bezeichnungen der Wahrnehmung

Aus onomasiologischer Sicht erscheint es sinnvoll, bei der Frage nach der Lexikalisierung, d.h. nach dem Vorhandensein relevanter lexikalischer Ausdrücke, von den folgenden Domänen auszugehen:

Domäne 1 Domäne 2 Domäne 3
WAHRNEHMENDER ORGANISMUS WAHRNEHMUNGSMODALITÄT WAHRGENOMMENE
WELT
VERARBEITUNGS-
PROZESS
SINNESREIZ

Im Einzelnen lassen sich nach (Gegenfurtner 2003) mindestens die folgenden  Modalitäten (oder: Systeme ) unterscheiden: SEHEN, HÖREN, HAUTSINNE und CHEMISCHE SINNE; die damit verbundenen neurophysiologischen Unterschiede werden hier allenfalls gestreift, aber nicht weiter thematisiert. Die Domäne 3 (WAHRGENOMMENEN WELT) ist unbegrenzt; sie kommt ausschnittweise nur insoweit zur Sprache, als sie durch lexikalische Kategorien gegliedert wird, die durch die Domänen 1 und 2 fundiert zu sein scheinen. Die standarditalienischen Bezeichnungen der Domäne 2 können jedoch erfasst werden, und es ist sinnvoll genau damit zu beginnen.     

Aus linguistischer Sicht ergeben sich nun, unter anderem, die folgenden Fragen:

  • Welche SINNESREIZE und (VERARBEITUNGS)PROZESSE werden durch spezifische, semantisch eindeutige  Ausdrücke bezeichnet, d.h. durch Bezeichnungen, die offensichtlich nicht von Ausdrücken abgeleitet wurden, die aus ganze anderen onomasiologischen Bereichen stammen; die Farbwörter ita. rosso / deu. rot sind in diesem Sinn spezifisch, eindeutig und deshalb primäre Wahrnehmungswörter; ita. arancione / deu. orange dagegen nicht, da sie sekundär von den Bezeichnungen der Frucht (ita. arancia, deu. Orange) auf die Farbe übertragen wurden; primäre Bezeichnungen sind aus Sicht des Linguisten nicht motiviert.
  • Welche Wortarten sind an der Lexikalisierung von Domäne 2 besonders beteiligt?
  • Welche semantischen Verbindungen zwischen unterschiedlichen Wahrnehmumgsmodalitäten ergeben sich aus  polysemen Bezeichnungen und den damit verbundenen taxonomischen, metonymischen und metaphorischen Übertragungen? 

Bevor die Bezeichnungsfelder der einzelnen Systeme skizziert werden, ist es nötig darauf hinzuweisen, dass es auch abstraktere Ausdrücke gibt, die ganz allgemein das WAHRNEHMEN oder SINNESREIZE bezeichnen, ohne die Modalität zu spezifizieren.

Darunter ist weiterhin ein Verb, das einerseits, mit Referenz auf die Modalität der Wahrnehmung, die SINNESREIZE selbst, und andererseits, mit Referenz auf den Prozess des WAHRNEHMENs, das AUFNEHMEN UND VERARBEITEN VON SINNESREIZEN bezeichnet. Im Italienischen sind dies:

  Sinnesreize (unspezifiziert)
Verarbeitung
Quelle
Verben sentire, avvertire, accorgersipercepire sentire (di)
Adjektive   soave

Diese Verben sind bis zu einem gewissen Grade sicherlich synonym verwendbar; aber es wäre interessant die ebenfalls bestehenden Bedeutungs- und Verwendungsunterschiede  auf der Basis eines großen Korpus herauszuarbeiten. Man darf vermuten, dass percepire schärfer definierte und accorgersi kognitiv komplexere Warnehmungsgegenstände bezeichnet. Percepire entspräche damit dem deu. wahrnehmen, das jedoch kein primäres Wahrnehmungsverb ist, da über die Komposition aus wahr + nehmen motiviert. 

Die Polysemie von sentire wird in der folgenden Tabelle skizziert:

  sentire
  Verarbeitung Sinnesreiz
CHEMISCHER SINN sento il profumo di mare
‘ich rieche das Meer’
si sente di mare
‘es riecht nach Meer’
HÖREN sento la campanella
‘ich höre das Glöckchen’
si sente la campanella
‘das Glöckchen wird gehört’
HAUTSINN sento la stretta di mano
ich spüre den Händedruck’
la stretta di mano si deve sentire 
‘der Händedruck muss gespürt werden’

3. Spezifische Bezeichnungen für Wahrnehmungsmodalitäten

Die vier Modalitäten erweisen sich in lexikologischer Hinsicht schnell als sehr unterschiedlich differenziert; während für das  SEHEN eine große Zahl primärer Bezeichnungen zur Verfügung steht, sind die anderen Sinne teils nur mit elementaren primären Ausdrücken lexikalisiert.

3.1. SEHEN

Zu unterscheiden sind verbale Bezeichnungen für die Verarbeitung visueller Reize (vgl. Verbsemantik), Substantive für unterschiedliche Qualitäten der Reize sowie eine ganze Reihe von Adjektiven, die selbstverständlich als Substantive verwendet werden können. Derivationen,  wie z.B. sguardo  (← guardare) oder osservazione (← osservare) werden in der folgenden und den weiteren Tabellen nicht berücksichtigt:

  visuelle Reize
Verarbeitung
Quelle
Intensität Farbe
Verben vedere, guardare, osservare, contemplare brillare, scintillare  
Substantive   luce, lume, raggio colore
Adjektive   chiaro, scuro, buio bianco, candido, nero, rosso, blu, azzurro, verde giallo, grigio, bruno

Am differenziertesten ist das Feld der Grundfarbwörter (vgl. Krefeld 2017j); man beachte, dass verbale Bezeichnungen nicht nur für den Wahrnehmungsprozess (die Verarbeitung), sondern auch für den Gegenstand der Wahrnehmung, genauer gesagt für dynamische Eindrücke (brillare, scintillare), existieren.

An der Peripherie des Feldes steht die Zeitkategorie giorno, die in Zeiten ohne die Existenz ganz technischer Messverfahren zweifellos fest mit dem Tageslicht assoziiert war; so erklären sich phraseologische Wendungen wie è ancora giorno ‘es ist noch hell’. Man beachte, dass ZEIT überhaupt kein direktes Korrelat in der Wahrnehmung hat und daher in aller Regel sekundär versprachlicht wird.

Die zahlreichen Adjektive hängen zweifellos mit der Tatsache zusammen, dass optische Qualitäten unweigerlich an Trägersubstanzen gebunden sind; es handelt sich um prototypische Attribute von Dingen. Es ist sicherlich sehr schwierig, wenn nicht unmöglich, sich Farben als solche, unabhängig von Dingen vorzustellen.  

3.2. HÖREN

Im Unterschied zum adjektivisch dominierten Feld der visuellen Wahrnehmung ist das lexikalische Feld der Auditionsbezeichnungen sehr stark verbal geprägt; dafür sind vor allem die zahlreichen Bezeichnungen Tierstimmen verantwortlich. Mit der akustischen Perzeption scheint also sehr fest das Wissen um die aktive Produktion und nicht zuletzt um die Reproduktion  in Form der Imitation assoziiert zu sein, und die adäquate Wortart für den Ausdruck produktiver Aktivität ist eben das Verb: In der Audition regt die Sensorik ganz direkt die imitatorische Motorik an.

Es gibt andererseits im Italienischen nur ein einziges  Adjektiv für akustische Qualitäten, und zwar wiederum für eine Stimmqualität: rauco ‘heiser’; im Deutschen verhält es sich tendenziell übrigens ähnlich, aber immerhin existieren neben heiser immerhin laut und leise für unterschiedliche Intensitätsgrade; die romanischen Sprachen kennen dafür keine Entsprechungen.     

  akustische Reize
Verarbeitung Quelle
Intensität Stimme Tierstimme Div.
Verben ascoltare, 
auscultare
stridere, brontolare, mormorare,
tuonare
gridare, bisbigliare, sussurare, cantare, ciangottare miagolare, abbaiare/latrare, mugghiare/muggire,  grugnire, cinguettare, nitrire ecc.  
Substantive   suono, rumore voce   suono,
tono
Adjektive     rauco    

3.3. HAUTSINNE

Die gesamte Körperoberfläche nimmt Sinnesreize auf; von besonderer Bedeutung ist jedoch die HAND; in der Tastwahrnehmung durch die Hand sind Sensorik und willkürliche Motorik in besonderer Weise verbunden.  Drei der in der folgenden Tabelle genannten Verben referieren stets auf den Gebrauch der HAND; sie sind daher nicht nur Wahrnehmungs- sondern auch – und wohl in erster Linie – Handlungsverben; nur toccare bildet eine Ausnahme, da sowohl gezielte Berührungen (Handlungen) als zufällige damit bezeichnet werden können; in diesem Fall erfolgt die Berührung auch nicht unbedingt durch die Hand:  correva così veloce che sembrava non toccasse terra (Quelle des Beispiels).

  Hautsinne
Verarbeitung
Quelle
Wärme Druck Oberfläche
Verben toccare, tastare, palmare, premere      
Substantive tatto gelo, calore    
Adjektive   freddo, fresco, tiepido, caldo duro, soffice, morbido, molle, tenero lisco, ruvido/aspro

3.4. CHEMISCHE SINNE

Unter dieser Kategorie aus der zeitgenössischen Wahrnehmungspsychologie werden zwei der fünf traditionell unterschiedenen Sinnesleistungen zusammengefasst, nämlich das RIECHEN (Olfaktorik) und das SCHMECKEN (Gustatorik). Einen Überblick über die primären Bezeichnungen des Italienischen gibt die folgende Tabelle:

  Chemische Sinne
Verarbeitung
Quelle
Olfaktorik Gustatorik
Verben assaggiare, fiutare puzzare  
Substantive   odore, profumo gusto, sapore
Adjektive     dolce, acido/agro, amaro, , insipido

Das Substantiv sapore erinnert noch an die Polysemie von lat. sapere (vgl. Georges 1913 [1998], s.v. sapio (bzw. vlat. *sapēre), ‘Geschmack haben, schmecken, Verstand haben/weise sein’; in den romanischen Sprachen haben die Kognaten des Verbs nurmehr die Bedeutung ‘wissen/können’ . Die neben SÜSS, SAUER und BITTER vierte Grundgeschmacksrichtung, SALZIG, hat ebensowenig wie im Deu. keine primäre Bezeichnung: salato (← salaresale). Diese vier basalen Geschmackswahrnehmungen sind durch die neuronale Verarbeitung konditioniert:

Es ist noch nicht klar, ob der Geschmack bereits in der Zunge den vier Grundgeschmäckern zugeordnet und dann in spezifischen Nervenfasern zum Kortex geleitet oder ob erst später aus der Aktivität aller Geschmacksrezeptoren ein Sinneseindruck berechnet wird. (Gegenfurtner 2003, 70) 

Mit dieser neurophysiologischen Fundierung erinnert die Lexikalisierung des Geschmacks an das Sehen, denn die Grundfarbwörter sind ja durch unterschiedliche Rezeptoren auf der Netzhaut und die Wahrnehmbarkeit von optischen Wellenlängen im Spektrum des Regenbogens motiviert. Auch in ihrer referentiellen Eindeutigkeit ähneln die Bezeichnungen der Grundgeschmacksarten den Grundfarben.  

Obwohl sie sich in der neurophysiologischen Verarbeitung ganz erheblich ((vgl. Gegenfurtner 2003, 68-73) unterscheiden sind der Geschmackssinn und der Geruchssinn sehr eng mit einander verknüpft; wenn der Geruch stark beeinträchtigt ist, wie etwa bei Schnupfen, fällt auch der Geschmack aus:

Ohne die Reizung des Geruchssystems sind Menschen nur in der Lage, zwischen vier verschiedenen Grundgeschmäckern zu unterscheiden: salzig, sauer, süß und bitter. […] Im Laufe der Evolution hat es vermutlich keine große Rolle gespielt, ob wir Sauce béarnaise oder hollandaise bevorzugen. Wichtig war und ist, dass keine schädlichen Stoffe aufgenommen werden. Genau das wird erreicht, denn die bitteren Stoffe weisen auf Giftiges hin und die süßen Stoffe auf Nahrhaftes mit vielen Kalorien. Sauer und salzig schließlich helfen den körpereigenen Salzhaushalt zu regulieren. Eine größere Variation  war und ist nicht notwendig. (Gegenfurtner 2003, 69)

Es ist vor diesem evolutionären Hintergrund nicht erstaunlich, dass die Bezeichnungen der Grundgeschmacksarten – ganz im Gegensatz zu den Farbwörtern – fest und in ganz selbstverständlicher Weise mit Wertungen assoziiert sind, wie man aus den metaphorischen Verwendungen der Bezeichnungen von SÜSS und BITTER erkennen kann; auch ita. dolce kann in sehr vielen Kontexten als positives Attribut verwendet werden; ita. amaro ist dagegen grundsätzlich mit negativer Wertung verbunden.

dolce als positiv wertende Metapher amaro als negativ wertende Metapher
clima  dolce

pianto amaro, -a, -e

legno lacrime
suono partenza
movimento parola
ricordo ricordo
vita vita
ecc. ecc.

Es ist auffällig, dass es in der Modalität des RIECHENs keine Entsprechungen für die primären Grundwörter des SCHMECKENs gibt; auch das scheint übereinzelsprachlich, wenn nicht universal zu sein: 

Menschen haben ca. 6 Millionen Geruchsrezeptoren in der in der Riechschleimhaut der Nase. Damit können 10 000 verschiedene Substanzen entdeckt und immerhin noch die Hälfte davon wiedererkannt werden. Trotz  dieser großen Fülle unserer Geruchswelt fällt es uns schwer, Gerüche beim Namen zu nennen, selbst wenn sie uns sehr bekannt sind. Gerüche scheinen vom Gedächtnis anders behandelt zu werden […] (Gegenfurtner 2003, 70)

4. Crossmodale Bezeichnungen und co-modale Effekte

Die Existenz primärer Bezeichnungen ist zweifellos lexikologisch interessant und bis zu einem gewissen Grade sicherlich neurophysiologisch verankert; charakterisch für das Funktionieren der Sprachen ist jedoch gerade auch die außerordentlich flexible Übertragung von Ausdrücken in andere Domänen. Dadurch werden die Unterschiede im primären Bereich ausgeglichen. Ein gutes Beispiel liefert das HÖREN (Kap. ); in dieser Modalität stehen zwar keine primären Adjektive zur Verfügung, aber sekundär wurden Bezeichnungen  aus anderen Modalitäten lexikalisiert. Dazu der folgende Textausschnitt aus einem Interview mit der Sängerin und Gesangslehrerin Maria Fusco:

„[…] La diversificazione delle voci è data dal colore o timbro. Ogni voce ha un suo colore: ci sono i colori scuri ed i colori chiari. Ad esempio possiamo dire che una voce femminile si qualifica come soprano, mezzosoprano, contralto o falcon a seconda del suo colore.
Quindi la differenza tra le diverse voci maschili o femminili non è data dall’altezza dei suoni, come comunemente si pensa?
L’altezza o estensione dei suoni è un’altra cosa, e si può ricavare studiando. Ciò che caratterizza una voce è il suo colore: una voce calda, ad esempio, è una voce scura, che si avvicina al mezzosoprano o al falcon […].“ (Quelle)

Man beachte den letzten Satz, in dem etwas Akustisches (STIMME) nacheinander als FARBE, WÄRME, LICHT bezeichnet wird und zudem mit der Vertikalität (HÖHE) verglichen wird: „Ciò che caratterizza una voce è il suo colore [FARBE]: una voce calda [WÄRME], ad esempio, è una voce scura [LICHT], che si avvicina al mezzosoprano [HÖHE]“. Mit falcon ist übrigens die Stimmlage einer gleichnamigen Sängerin gemeint, die stilbildend gewirkt hat. In der kurzen Beschreibung genau dieses Soprans in der Enciclopedia Treccani findet sich analoge Effekte, wenngleich mit anderen Ausdrücken:

„Falcon ‹falkõ´›, Marie-Cornélie. – Cantante (Parigi 1814 – ivi 1897); allieva di A. Nourrit, esordì all’Opéra nel 1832 quale Alice in Robert le Diable e svolse una brillante ma brevissima carriera teatrale fino al 1837, anno in cui dovette ritirarsi dalle scene per sopravvenuta afonia. Col suo nome si indica in Francia la voce tipica di soprano drammatico, corposa [SEHEN] nelle note gravi [HAUTSINN, SCHWER], ma luminosa [SEHEN] nel registro acuto [HAUTSINN, SPITZ].“ (Quelle; Zusätze in […] Th.K.)

Wenn TÖNE und STIMMEN als schwer (ita. grave) bezeichnet werden können, dann liegen auch andere Attributen dieser Modalität nahe; so spricht man von einer voce leggera. Andere Übertragungen, wie zum Beispiel aus der Modalität der chemischen Sinne (GESCHMACK) kommen hinzu (vgl. die voce dolce). 

Entsprechende Übertragungen sind auch über das Italienische hinaus geläufig und finden sich wahrscheinlich in zahlreichen Sprachen (vgl. deu. eine helle/dunkle, hohe/tiefe Stimme). (vgl. Krefeld 2014).    

dt. hell
engl. bright
fr. clair
it. chiaro
  dt. dunkel
engl. dark
fr. sombre
it. scuro
LICHT

mit starker Intensität
SCHALL mit

schneller Frequenz
  LICHT mit schwacher Intensität SCHALL mit langsamer Frequenz

4.1. Metaphern?

Bedeutungserweiterungen dieser Art werden in der Regel als Metaphern kategorisiert. Metaphorische Prozesse (vgl. Krefeld 2019o; Kap. 2) sind in der Semantik weit verbreitet und haben sich in zahlreichen Ausdrücken niedergeschlagen. Zu unterscheiden sind:

(1) fest konventionalisierte, oder: lexikalisierte Bedeutungen wie:

  • un braccio del fiume Po sfoca… ‘ein Arm des Flusses Po mündet…’
  • l’ala ovest del palazzo venne costruita…. ‘der Westflügel des Palastes wurde gebaut…’
  • la strada corre lungo il mare, wörtl. die Straße läuft entlang des Meeres’
  • il cavalluccio marino ‘das Seepferdchen’
  • la pelle d’oca ‘die Gänsehaut’
  • ho preso un virus su facebook ‘ich habe mir auf F. ein Virus eingefangen’
  • usw.

(2) spontane Verwendungen, die sich beim Sprechen/Schreiben mehr oder weniger automatisch ergeben, so wie – wahrscheinlich – im folgenden Text:

“Quindi, questi sono alcuni sintomi che indicano che il telefono sta avendo problemi superiori e se non lo risolvi, il telefono diventerà morto […]“ (Quelle)
‘Das sind also einige Symptome, die anzeigen, dass das Telefon größere Probleme hat und wenn du es nicht löst, stirbt das Telefon […]’ 

Die Metaphorisierung eines sprachlichen Zeichens gehört also in ganz selbstverständlicher Weise zur sprachlichen Kompetenz.

Damit gelangen wir zum psychologisch-assoziativen Grundprinzip der Metaphernschöpfung: Ein Konzept (oder ein konkreter Referent) wird mit einem Wort bezeichnet, dessen angestammtes Konzept einem ganz anderen Bereich unseres Weltwissens angehört. Der innovierende Sprecher rückt dabei eine meist periphere, perzeptuelle oder funktionelle oder auch nur (inter)subjektiv empfundene Similarität der beiden Konzeptbereiche ins Rampenlicht. […] Die Verbindung der beiden Konzeptbereiche beruht also zum einen bereits auf einer wahrgenommenen Ähnlichkeit der Vorgänge, zum anderen werden dadurch zwei distinkte Konzeptbereiche erst wirklich in eine mentale Similaritätsrelation gebracht. (Blank 2001a, 75)

Blank spricht hier von der „Similarität der beiden Konzeptbereiche“; er weist aber sehr zu Recht darauf hin, dass

auch der tatsächliche Referent Auslöser des metaphorischen Prozesses sein [kann] (also z.B. der real-existierende Prototyp der Computer-Maus). (Blank 1997, 161) 

In der Tat führt kein metaphorischer Weg vom Konzept NAGETIER zum Konzept PERPHERIEGERÄT ZUR MANUELLEN COMPUTERBEDIENUNG, sondern das Aussehen der bezeichneten Referenten erklärt die Übertragung:

Aussehen des Referenten Übertragung der Bezeichnung (Abb. aus Krefeld 2014, 206)

Aber wie soll man sich nun eine mögliche ‘Ähnlichkeit’ zwischen LICHT (mit starker/schwacher Intensität) und SCHALL (mit schneller/langsamer Frequenz) vorstellen, als ‘perzeptuell’, ‘funktionell’ oder ‘(inter)subjektiv empfunden’? Es käme wohl allenfalls die (inter)subjektive Empfindung in Frage, aber diese Kategorie ist so unspezifisch, dass sie im Hinblick auf die weite Verbreitung dieser Übertragung (LICHT → SCHALL) nichts erklärt. Es erhebt sich vielmehr die grundsätzliche Frage, ob es sich überhaupt um einen Fall von Metaphorik handelt.

4.2. Metonymien?   

Grundsätzlich ist deshalb zu überprüfen, ob es sich womöglich um einen anderen semantischen Prozesstyp handelt, der nicht auf Similarität von solchen Konzepten/Referenten beruht, die aus ganz unterschiedlichen Ausschnitten der Wirklichkeit stammen, sondern der – ganz im Gegensatz dazu – daraus resultiert, dass die Konzepte/Referenten, deren Bezeichnungen aufeinander übertragen werden, gerade in enger Verbindung, oder: in Kontiguität zueinander stehen; in diesem Fall spricht man von metonymischen Prozessen (vgl. Krefeld 2019o; Kap. 3). Die Beispiele sind ebenfalls zahlreich: 

  • ho letto Calvino ‘ich habe Calvino gelesen’, gemeint sind Texte von Calvino (AUTOR  → TEXT);
  • il Quirinale ha deciso… ‘der Quirinalspalast hat entschieden’, gemeint ist der Staatspräsident, der seinen Amtssitz in diesem Palast hat (ORT → PERSON);
  • è partito senza toccare un bicchiere ‘er ist gegangen ohne ein Glas anzurühren’, gemeint ist der (alkoholische) Inhalt eines Glases (GEFÄSS → ENTHALTENE FLÜSSIGKEIT).

Für das Verständnis dieser Prozesse ist die sogenannte Frame-Semantik hilfreich, denn:

Metonymien können nämlich grundsätzlich auf dem Hintergrund von Frames oder Scripts gesehen werden. Essentiell für das Zustandekommen der Metonymie ist – im Unterschied zur Metapher – die Tatsache, dass die dahinterstehenden Sachverhalte tatsächlich etwas ‘miteinander zu tun’ haben. (Blank 2001a, 79)

Mit frames und scripts werden mehr oder weniger komplexe Szenarien der Lebenswirklichkeit identifiziert, die im Wissen der Sprecher abgerufen werden können; einzelne Konstituenten sind deshalb mit dem gesamten frame assoziiert, und umgekehrt ist der gesamte frame mit seinen einzelnen Konstituenten assoziiert. Ein Spezialfall der Metonymie ist die als Meronymie bezeichnete Teil-Ganzes-Relation. In Formulierungen wie:

  • [s]pero di averti dato una mano nella scelta del portatile più adatto alle tue esigenze (Quelle; Hervorhebung Th.K.)

repräsentiert die HAND die ganze helfende PERSON (vgl. ita. manodopera, kollektiv für ‘Arbeiter’).

Zahlreiche schöne Beispiele für Metonymien finden sich in den Daten des Projekts VerbaAlpina. Das  typische Alpenwort malga bezeichnet in  manchen Dialekten der romanisch-sprachigen Süd- und Westalpen sowohl eine Alm als Ganzes, also gewissermaßen den gesamten frame, mit den zugehörigen Konstituenten: GELÄNDE, HÜTTE, STALL, HERDE; in anderen Dialekten jedoch nur einzelne Konstituenten, also z.B. die HÜTTE oder aber die HERDE (vgl. Karte sowie den Kommentar in Krefeld 2019o, ).

4.3. Multimodale Polysemien

Metonymische Prozesse liegen für die Erklärung der genannten Wahrnehmungsprädikate wie ita. chiaro, deu. hell usw. zweifellos näher als die Annahme metaphorischer Relationen, denn in natürlicher Umgebung kommt die HELLIGKEIT des Sonnenlichts aus der HÖHE und Geräusche aus der Höhe kommen von meist von leichten (GEWICHT) Vögeln, die eher zwitschern und nicht Geräusche von sich geben, wie schwere Säugetiere, etwa Kühe; es wäre daher seltsam, Tonlagen, wie sie von Kühen produziert werden als hoch und hell zu bezeichnen; vielmehr erscheint uns das Erdverbundene als dunkel und tief. Allerdings kommt ein wichtiger in der Semantik meist ausgeblendeter Faktor hinzu, die Tatsache, dass Wahrnehmung einer Sinnesmodalität gleichzeitig oft mit Wahrnehmungen einer anderen Modalität assoziert sind; so schmeckt (Gustatorik) uns dieselbe Flüssigkeit süßer, wenn wir sie z.B. aus einem roten Glas trinken, als wenn wir sie aus einem blauen zu uns nehmen. Es gibt deshalb Grund zur Annahme crossmodaler Reizverarbeitung; im Hinblick auf die Semantik könnte man daher von multimodalen Polysemien sprechen. Durch ihre  Selbstverständlichkeit unterscheiden sich diese Bedeutungsübertragungen von den  sogenannten Synästhesien, die  nur bei wenigen Individuen  vorkommen und von Nicht-Synästheten nicht nachempfunden werden  (vgl. ausführlicher Krefeld 2014, 208-211). 

Cross- bzw. comodale Reizverarbeitung scheinen demnach Einfluss auf die Semantik zu nehmen; daneben können jedoch auch Konflikte zwischen der neurophysiologischen Verarbeitung von Sinnesreizen einerseits und der Verarbeitung der assoziierten sprachlichen Zeichen andererseits zu geben. Berühmt geworden ist der nach dem amerikanischen Psychologen John Ridley Stroop (1897-1973) benannte Stroop-Effekt; er testet die Farberkennung in Kombination mit dem Verständnis der Farbbezeichnung: Wenn ein Farbwort schriftlich in derselben Farbe gezeigt wird, die es benennt, wird es schneller verstanden, als wenn es in einer nicht korrespondieren Sprache präsentiert wird:

grün grün
schnellere Erkennung,
weniger Fehler
verzögerte Erkennung,
mehr Fehler

5. Epilog

Im Zusammenhang mit metonymisch und womöglich metaphorisch motivierten Wahrnehmungsbezeichnungen wurde deutlich, dass Metaphern und Metonymien auch in anderen Konzeptbereichen oft in der Wahrnehmung verankert sind. Allerdings ist das  keineswegs grundsätzlich der Fall; vor allem darf nicht vergessen werden, dass manche semantische Prozesse sich gerade von der Perzeption lösen. Das gilt etwa im Fall taxonomischer Überordnung; denn prototypische Oberbegriffe  (Hyperonyme) haben im Gegensatz zu ihren Unterbegriffen kein perzeptives Korrelat: Zwar ist jede einzelne Farbe, jeder spezifische Geschmack und Temperatur mit bestimmten Referenten assoziert, aber im Fall der abstrakten, generischen Ausdrücke Farbe, Geschmack und Temperatur  gilt das gerade nicht. 

 

Bibliographie

  • Blank 1997 = Blank, Andreas (1997): Prinzipien des lexikalischen Bedeutungswandels am Beispiel der romanischen Sprachen, in: Beihefte zur Zeitschrift für romanische Philologie, vol. 285, Berlin, de Gruyter (Link) .
  • Blank 2001a = Blank, Andreas (2001): Einführung in die lexikalische Semantik für Romanisten (Romanistische Arbeitshefte 45), Tübingen, Niemeyer.
  • Downing 2013 = Downing, Lisa (2013): George Berkeley, in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Spring 2013 Edition), Edward N. Zalta (ed.) (Link) .
  • Gegenfurtner 2003 = Gegenfurtner, Karl R. (2003): Gehirn und Wahrnehmung. Eine Einführung, Frankfurt am Main, Fischer.
  • Georges 1913 [1998] = Georges, Karl Ernst (1913 [1998]): Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch, Hannover (Darmstadt) (Link) .
  • Krefeld 2014 = Krefeld, Thomas (2014): Mit einem hellen Kinderlachen - Echte Multimodale Effekte und falsche Metaphern, in: Krefeld, Thomas / Pustka, Elissa (Hrsgg.), Perzeptive Linguistik: Phonetik, Semantik, Varietäten, vol. 157, Stuttgart, Steiner, 203-213 (Link) .
  • Krefeld 2017j = Krefeld, Thomas (2017): (2017): Grundfarbwörter, in: Lehre in den Digital Humanities, München, LMU (Link) .
  • Krefeld 2019o = Krefeld, Thomas (2019): Semantische Relationen und ihre assoziative Grundlage , in: Lehre in den Digital Humanities., München, LMU (Link) .
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