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(Logische) Prädikation und (sprachliche) Sachverhalte

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Zitation: Thomas Krefeld (2019): (Logische) Prädikation und (sprachliche) Sachverhalte. Lehre in den Digital Humanities. Version 6 (02.06.2019, 17:18). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=44767&v=6.

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1. Prädikation

Sprachliche Zeichen repräsentieren die  vielfältigen Phänomene der außersprachlichen Realität; zu unterscheiden sind Eigennamen für Individuen oder einmalige Dinge und Kategorien für Klassen von Dingen. Die Aufgaben der Semantik gehen jedoch über die Analyse dieser Kategorien weit hinaus; insbesondere befasst sie sich auch mit ihrer konkreten Verwendung, die in der Regel nicht isoliert erfolgt,  sondern in Gestalt spezifischer sprachlicher Konstruktionen, meist in ‚Sätzen‘: Sprachliche Kategorien werden nicht unmittelbar außersprachlichen Perzepten zugewiesen, besser: zugesprochen, sondern anderen sprachlichen Zeichen. Die explizite Zuweisung einer sprachliche Kategorien bezeichnet  man in der Logik, genauer gesagt: in der Prädikatenlogik (vgl. Carnap 1947) als Prädikation, die zugewiesene Kategorie als Prädikat oder Prädikator und die Einheit, der das Prädikat zugewiesen wird als ein individuellen Ausdruck oder Nominator; die Relation zwischen Prädikator und Nominator lässt sich auch funktionell beschreiben, indem letzterer als Argument oder als Term einer Prädikationsfunktion  gefasst wird  (vgl. first order logic); in funktionaler Perspektive sind Prädikatoren eine bestimmte Form von Funktoren oder Operatoren, die ihre Nominatoren in funktionsspezifischer Weise als Operanden binden. Jeder Funktor/Operator hat einen Operand, aber nicht jeder Funktor prädiziert eine Kategorie; in semantischer Hinsicht sind jedoch vor allem die prädizierenden Funktoren, d.h. die Prädikatoren interessant. Dazu zählen im Italienischen die folgenden Wortarten, bzw. Wortartkombinationen:

  1. Verben;
  2. kopulative Verben mit prädikativen Adjektiven;
  3. kopulative Verben mit prädikativen Nomina.
i. Rosa ride
ii. Rosa  è bionda
iii. Rosa  è una ragazza
  Nominator
(Argument/Operand)
Prädikator 
(Funktor/Operator)
  x  f
   f(x) Funktion f mit dem Argument x
Abb. 1: Prädikator (Eigenname als Nominator)

Selbstverständlichkeit können Prädikationen auch über Kategorien und nicht nur über Eigennamen  operieren: 

Le ragazze  sono esseri umani
Nominator Prädikator
x f
f(x)
Abb. 2: Prädikator (Kategorie als Nominator)

Weiterhin können Prädikatoren auch mehrere Argumente haben, wie z.B. figlia oder madre;

(a) Rosa è  figlia di Antonia.
(b) Antonia è la madre di Rosa.
  x f y
(c) f(xy)
Abb. 3: Prädikator (Argument 1 = x, Argument 2 = y

Diese Eigenschaft bezeichnet man als Stelligkeit (engl. arity) der Prädikatoren; rein logisch gesehen ist die Stelligkeit nicht beschränkt (’n-stellige Prädikatoren‘).

2. Von der Prädikatenlogik zur Verbsemantik

Die Stelligkeit ist also grundsätzlich eine fundamentale prädikatenlogische Dimension, die z.B. auch mathematische Operatoren auszeichnet; so sind numerische Beträge einstellig und Additionen, Multiplikationen oder Divisionen zweistellig. Jede logische Prädikation kann formal symbolisch (Abb. 3: c) oder alltagssprachlich (Abb. 3: a, b) ausgedrückt werden; beide Ausdrucksmöglichkeiten dürfen jedoch aus linguistischer Sicht nicht gleichgesetzt werden, denn in dieser Disziplin stehen ja gerade die einzelsprachlichen Besonderheiten bei der Kodierung logisch identischer Strukturen im Mittelpunkt des Interesses.

Insbesondere die Versprachlichung der Stelligkeit ist zu einem ganz zentralen Gegenstand der Forschung geworden, der in syntaktischer, morphologischer und gerade auch semantischer Hinsicht ganz grundsätzlich Fragen aufwirft. Stelligkeit wird in der Linguistik in der Regel als ‚Valenz‘ bezeichnet; sie ist bildet die für den Aufbau komplexerer Strukturen grundlegende Eigenschaft eines jeden Funktors (vgl. Wandruszka 2007, 35-39), aber in erster Linie wird die Valenz im Zusammenhang mit dem Verb diskutiert, denn sie gehört zu den konstitutiven Eigenschaften dieser Wortart.  Auf Grund ihre Stelligkeit lassen sich vier Verbklassen unterscheiden, die sich auch – wenngleich auf sehr grobe Art und Weise – bestimmten onomasiologischen Bereichen zuordnen lassen:

Argument(e) Beispiel onomasiologischer Bereich  
0 piovere, nevicare nur Witterungsverben sehr wenige

1 (qn/qc)

dormire, crescere Zustands- und Vorgangsverben zahlreich
2 (qn – qn/qc) vedere, fare Wahrnehmungsverben, Tätigkeitsverben zahlreiche
3 (qn – qc – a qn) dare, dire Verben des Gebens, Nehmens, Sagens wenige
4 (qn – qc – da qc. – in qc) tradurre   extrem selten, isoliert? 
Abb. 4: Stelligkeit natürlichsprachlicher Prädikatoren

Da es sich bei den Argumenten um Variablen handelt, die mit unterschiedlichen sprachlichen Formen besetzt werden können, spricht man auch von ‚Leerstellen‘, die durch den Prädikator eröffnet werden. Die Bedeutung der Stelligkeit oder Valenz liegt darin, dass die Argumente jeweils die wichtigsten Teile möglicher Sätze bilden, nämlich das Subjekt sowie die Objekte. Die Argumente müssen in diesen Funktionen einige – wenige – formale Bedingungen  erfüllen, die teils an die Satzteile gebunden, teils vom Verb vorgegeben werden. Zu diesen Bedingungen zählen z.B. morphologische Kasus, die im Italienischen nur in sehr stark reduzierter Form im Pronominalsystem vorkommen, Präpositionen und bestimmte Positionen links oder rechts vom Verb. Die syntaktischen Schemata, die sich für die Prädikatoren ergeben, sind überschaubar und bis zu einem gewissen Grad auch hierarchisch vorhersehbar:

  • Falls ein Verb nur eine Leerstelle eröffnet, ist diese dem Subjekt vorbehalten, das im Fall einwertiger Verben häufig rechts vom Verb steht (è arrivata Rosa);
  • falls eine zweite Leerstelle eröffnet wird, kann es sich um ein direktes Objekt  vedi bzw. um ein Akkusativobjekt handeln (Rosa saluta suo nonno) oder in selteneren Fällen um ein Präpositionalobjekt; das Subjekt steht dann in der Regel links vom Verb und das Objekt rechts (Rosa pensa ai genitori);
  • drei Argumente umfassen zusätzlich zum Subjekt je ein direktes und ein präpositionales Objekt (Rosa racconta un aneddoto ai nonni), wobei die jeweils zu gebrauchende Präposition durch das Verb – nicht durch die Satzfunktion – vorgegeben wird.

Mit diesen wenigen syntaktischen Schemata lassen sich jedoch außerordentlich zahlreiche semantische Konstellationen ausdrücken, so dass auch identische außersprachliche Phänomene sprachlich als sehr unterschiedliche Sachverhalte dargestellt werden können. Dabei wirken die lexikalische Semantik des Prädikators, d.h. des Verbs, und seiner Argumente in oft sehr subtiler Art zusammen, so dass sich die Verschiedenheit der Sprachen letztlich nicht als „eine von Schällen und Zeichen, sondern eine Verschiedenheit der Weltansichten selbst“ erweist, wie Wilhelm von (Humboldt 1843, 262) formuliert hat. – Glücklicherweise ist kein Sprecher daran gebunden, denn jede sprachliche ‚Weltansicht‘ lässt sich durch das Erlernen einer anderen Sprachen sofort überwinden und relativieren.

3. Sprachliche Sachverhalte

Unabhängig von der benützten Sprache lässt sich also festhalten, dass wir die Welt nur insofern verstehen, als wir sie in versprachlichte Sachverhalte verwandeln und kommunizierbar machen.  Dies scheint die Kernaussage des Tractatus logico-philosophicus (1921) von Ludwig ()  zu sein:

„1. Die Welt ist alles, was der Fall ist.
1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
2. Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten
5.6 Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.
7.  Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“
  (Ludwig )

Der Ausdruck ‚Sachverhalt‘ (engl. state of affairs, abgekürzt ‚SoA‘) kann nun im Sinn von Simon Dik präzisiert werden:

The term ’state of affairs‘ is here used in the wide sense of ‚conception of something which can be the case in some world‘. This definition implies that an SoA is a conceptual entity, not something that can be located in extramental reality, or be said to exist in the real world.(Dik 1989, 89)

Die ‚klassische‘ Erkenntnistheorie der Philosophie wird in dieser Sehweise, so, wie schon bei Peirce, durch Kognitionswissenschaft und Semiotik ersetzt. In der Konsequenz hat Dik den interessanten Versuch unternommen eine kognitiv-linguistische Typologie der sprachlichen Sachverhalte zu formulieren, bei der sowohl die semantische Funktion des quasi obligatorischen Argument als auch die Bedeutung des Prädikators, d.h. des jeweils gebrauchten Verbs eingehen:

The SoA is then a compositional function of the semantic properties of both predicate and terms. (Dik 1989, 90)

Ein Sachverhalt kann also genauer als ‚Prädikationsrahmen‘ (engl. predicate frame) umschrieben werden:

By ‚types‘ of SoA we mean such differences as between:
a. John saw a bird            (Process, Experience)
b. He shot at it                 (Action)
c. The bird fell down      (Process)
d. It was dead                  (State)
The semantic functions which characterize the argument psotitions of a predicate frame have been devided in such a way as to correlate partially with the typology of SoAs. Thus, the type of SoA can partially be derived from the semantic function assigned to the first argument position of a predicate frame, in the sense that, for example, an Action type SoA is coded in a predicate frame with a first argument semantic function Agent, and conversely, a first argument Agent signals an Action type SoA. (Dik 1989, 89)

Die substantiell sprachliche Natur der Sachverhalte erweist sich sofort bei ihrer Übersetzung in andere Sprachen; dazu ein schlagendes ita.-deu. Beispiel. Die beiden folgenden Photos zeigen einmal eine Boje und einmal eine Frau, die nicht im Wasser untergehen. Während es sich im Fall der Boje um einen physikalischen VORGANG (eng. process) handelt, der auf Grund des geringeren Gewichts des Körpers automatisch erfolgt, muss die Frau eine gezielte HANDLUNG (eng. action), nämlich koordinierte Arm- und Beinbewegungen einsetzen. Während im Deu. beide Formen des NICHT UNTERGEHENS mit demselben Prädikator versprachlicht werden müssen, ist man im Ita. gezwungen, den einen Fall explizit als passiven Vorgang oder aber als aktive Handlung auszudrücken.

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2017/01/1484047160 SCHWIMMEN

Im Deu. wird die Interpretation von schwimmen als VORGANG oder HANDLUNG  also lediglich durch das Wissen gesichert, das mit dem konkreten Besetzung der Argumentstelle durch die Bezeichnung einer BOJE bzw. einer FRAU abgerufen wird. Im Ita. verbietet dieses Wissen um die Unbelebtheit die Formulierung *la boa nuota, denn nuotareselektiert notwendigerweise ein Argument mit de, Merkmal ‚+ belebt‘. Ita. kennt dagegen keine Beschränkungen im Hinblick auf die Selektion des Subjekts, durchaus so dass der Ausdruck eines Sachverhalts wie l’uomo galleggia (sull’acqua del mare nero)für das folgende Photo vollkommen angemessen ist:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2017/01/1484049824 Totes Meer

Abb. 6: Von Ranveig – Uploaded to en: by Pete, on 14 May 2005, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=192989

4. Semantische Typisierung der verbalen Prädikate

Die Semantik des Arguments fließt zwar in die Semantik des Sachverhalts ein, aber grundlegend ist Bedeutung des Verbs, oder genauer: des verbalen Prädikats.  Sie ist auch komplexer, da grammatische Kategorien ebenfalls Einfluss nehmen. Zu unterscheiden sind:

  • der ‚Aspekt‘: „[…] those distinctions which are expressed by grammatical means“ (Dik 1989, 90); 
  • die Aktionsart: „internal semantics of the predicate“ (Dik 1989, 90).

Die Aktionsart wird weiterhin über mehrere Parameter definiert:

± Dynamic   [± dyn]
± Telic   [± tel]
± Momentaneous  [± mom]
± Control  [± con]
± Experience   [± exp]

(Dik 1989, 91)

Das Merkmal [± dyn] dient zur Unterscheidung von Situationen und Ereignissen (eng. event): 

[- dyn] ‚Situation‘  
a. The substance was red a1. La sostanza era rossa
b. John was sitting in his father’s chair b1. Giovanni era seduto sulla sedia di suo padre
(Dik 1989, 90) (ita. Übers. Th.K.)

[+ dyn]  ‚Event‘:  „This dynamism may consist in a recurrent pattern of changes all through the duration of the SoA, or in a change from some initial SoA into some different final SoA. […]“ (Dik 1989, 91)

a. The clock was ticking a1. L’orologio faceva tic tac
b. The substance reddened b1. La sostanza arrossava (nicht mehr gebräuchlich)
c. John opened the door c1. Giovanni apriva la porta 
(Dik 1989, 91) (ita. Übers. Th.K.)

Ein möglicher Test, ob das Merkmal [+dyn] gegeben ist oder nicht, ist die Erweiterbarkeit durch Temporaladverbien wie velocemente. 

Sehr subtil wird die Interpretation eines Sachverhalts als ‚telisch‘, d.h. ‚zielgerichtet‘ [+ tel] gesteuert.

 

„A [+ tel] SoA is an SoA which, if it is fully achieved, reaches a natural terminal point. Compare the following expressions:
a. John was painting    [- tel] a1. Giovanni dipingeva
b. John was painting a potrait   [+ tel] b.1 Giovanni dipingeva un ritratto 
c. John was painting portraits   [- tel]“  c1. Giovanni dipingeva ritratti

(Dik 1989, 92)

(ita. Übers. Th.K.)

In den soeben genannten eng. Beispielen aus Dik, die sich mit genauso demselben Effekt ins Italienische übersetzen lassen, ist die Form des zweiten Argument, also des direkten Objekts für die Interpretation verantwortlich: Nur das Malen eines einzeln Porträts (b.) ist eine Handlung, die zielt auf Fertigstellung und Abschluss zielt:

[…] it is the nature of the goal term which determines the telicity. (Dik 1989, 92)

In den beiden folgenden eng. Beispielen aus Dik hängt die telische Lesart von der spezifischen Semantik der Lokalangaben ab:

„a. John walked in the park 

[- tel] l’aereo  volava a bassa quota
b. John walked to the station  [+ tel]“ l’aereo volava a Roma
(Dik 1989, 93)  (ita. Beispiele Th.K.)

Eine direkte Übersetzung ist nicht möglich, denn die in Frage kommenden ita. Äquivalente sind auf Grund ihrer lexikalischen Semantik entweder [+ tel], wie andare, oder [- tel], wie camminare, girare (*Giovanni camminava/girava alla stazione).

Wieder eine andere Steuerung der Interpretation zeigen die beiden folgenden Beispiele mit dem Gebrauch des definitiven Artikels beim Argument in Subjektfunktion (b., b1): 

„a. Demonstrators were passing the station [- tel] a1. […] colonne di manifestanti attraversavano i quartieri del lusso […] (Quelle)
b. The demonstrators were passing the station [+ tel]“ b1. […] I manifestanti attraversavano via Po […] (Quelle)
(Dik 1989, 93)   

Wie die beiden ita. Beispiele zeigen, lassen sich auch zu dieser Konditionierung der Lesart durch den bestimmten Artikel, d.h. durch die Spezifiziertheit des Subjekts, direkte Entsprechungen im Ita. finden. Ganz eindeutig sind die kurzen, in der Tabelle soeben zitierten  Ausschnitte zwar nicht, aber Klarheit ergebt sich, wenn sie in ihrem Textzusammenhang gesehen werden; längere Kontexte. Dies ist eindeutig für b1., denn es folgt der explizit Hinweis auf die Telizität mit dem Hinweis, „i manifestanti“ seien „diretti verso piazza V.“, also mit einem spezifischen Ziel unterwegs: 

Textzusammenhang zu b.1. (farbliche Hervorhebung Th.K.):

Occupato il salone centrale della Mole Antonelliana. L’obiettivo dei manifestanti è comunque raggiungere Bankitalia.

12.35 Su facebook le prime immagini degli scontri.

12.24 I manifestanti attraversano via Po, diretti verso piazza Vittorio Veneto. Secondo fonti della questura, ci sarebbero feriti tra le forze dell’ordine.

12.18 Gli studenti hanno cercato di portare via le sedie dal dehòrs del Caffé delle Scienze. Danni alla libreria Luxemburg. (Quelle)

Im Beispiel, wo das Subjekt nicht spezifisch ist (a1.) findet sich dagegen kein entsprechender, auf Telizität deutender Hinweis im Textzusammenhang: 

Bloccato anche un tentativo d’incursione in Great George Street, dove ha sede il quartier generale del partito Conservatore del premier britannico, David Cameron.A tarda serata, restava ancora chiuso un tratto di Regent Street verso Picadilly Circus, cuore dello shopping londinese, presidiato da manifestanti respinti dal palazzo reale. Mentre colonne di manifestanti attraversavano i quartieri del lusso, fra Soho e Mayfair, spaventando a morte i benestanti bempensanti.  (Quelle)

Die als [+ tel] markierte Klasse von Sachverhalten wird mit Hilfe des Merkmals ‚punktuell‘ (engl. momentaneous, [± mom]) nochmals untergliedert:

Within the category of [+ tel] Events, we can distinguish between [+ momentaneous] (or punctual) and [- momentaneous] Events. [+ mom] Events are conceived as having no duration: their beginning coincides with their terminal point;(Dik 1989, 94)

Ein möglicher Test dieses Merkmals ist die Kombinierbarkeit mit Verben mit der Bedeutung ‚beginnen‘, ‚fortfahren‘, ‚aufhören‘; sie müsste im Fall von [+ mom] ausgeschlossen sein. Die ita. Verben avvicinarsi [- tel] und arrivare [+ mom] bestätigen diese Vermutung:

  • Giovanni cominciava ad avvicinarsi alla spiaggia.
  • *Giovanni cominciava ad arrivare alla spiaggia.

Die Folgende Graphik zeigt die Verknüpfung der Merkmale [± dyn], [± tel] und [± mom]:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2017/01/1484134876 Aktionsarten

Abb. 7: Implikationsskala von Aktionsarten nach Dik 1989, 95; ita. Beispiele Th.K.

Weiterhin diskutiert Dik zwei Merkmale, ‚Kontrolle‘ und ‚Erfahrung‘, die beide außerhalb der in Abb. 7 illustrierten Implikationsskala stehen.

Cutting across the distinctions made in [Abb. 7; Th.K.] we distinguish SoA into [+ controlled] and [- controlled]. An SoA is [+con] if its first argument has the power to determine whether or not the SoA will obtain. […]

a. John opened the door [+ con]
b. John was sitting in the garden [+ con]
a. The substance was red [- con]
b. The tree fell down [- con]

The opposition between [+con] and [- con] SoA is very important in relation to various rules of grammar. (Dik 1989, 96)

Das Merkmal ist u.a. grundlegend für direktive (den Gesprächspartner verpflichtende) und kommissive (selbstverpflichtende) Sprechhandlungen:

All expressions which designate an order or request from A to B require that that which is ordered/requested be in the control of B. […]
(25)  a. John, come here!  [+ con]
b. *John, fall asleep!  [- con]

(26)  a. Bill ordered John to be polite  [+ con]
b. *Bill ordered John to be intelligent   [- con]
(Dik 1989, 96)

Die Beispiele machen darauf aufmerksam, dass vor allem der Modus des Imperativ [+ con] voraussetzt.  Hier ergibt sich insofern eine besondere Konstellation als das Merkmal nicht den Sprecher, sondern den Adressaten charakterisiert – allerdings werden mit Äußerungen im Imperative keine ‚Sachverhalte‘ im engeren Sinn konstruiert; außerdem ist das Merkmal [± con] aus pragmatischen Gründen bei sehr viele tatsächlichen Verwendungen des Imperativs außer Kraft gesetzt. Denn gerade Beispiel des Typs John, fall asleep! sind nicht gerade selten und jedem von uns bestens vertraut. Auch die Werbung macht nicht selten davon Gebrauch, wie die unsinnige Aufforderung zeigt, etwas zu vergessen:

Fax digitale: dimentica la carta, ricevi e invia ovunque (Quelle)

Dik schlägt weiterhin Tests für das Merkmal vor, die mit der (von ihm behaupteten) [+ con]-Sensitivität bestimmter Adverbiale (oder: ‚Satelliten‘) operieren, denn:

Certain satellites are sensitive to the [con] character of the SoA which they modify; for example, Beneficiary and Instrument require [+ con] SoAs:
(28)  a. John cut down the tree for my sake  [+ con]
  b. *The tree fell down to my sake  [- con]

(29)  a. John cut down the tree with an axe  [+ con
  b. *The tree fell down with an axe  [- con] (Dik 1989, 97)

Die Verwendung von ita. a favore di, con + N in Verbindung mit nicht menschlichen Subjektargumenten wäre in diesem Sinn zu überprüfen. 

Unter Berücksichtigung des Parameters ‚Kontrolle‘ lassen sich die in Abb. 7 gezeigten Sachverhaltstypen nun so erweitern, wie die folgende Graphik zeigt:   

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2017/01/1484215684 Aktionsarten erw

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Ein letztes Merkmal, ‚Erfahrung‘ (eng. experience) wird von Dik 1989 mit gewissen Vorbehalten, nämlich als grundsätzlich sekundär angesetzt, da es sich mit allen belebten Subjektargumenten verbinden kann.

By an experience we understand an SoA which cannot obtain but through the sensory or mental faculties of some animate being. An Experience is an SoA in which some animate being perceives, feels, conceives, or otherwise experiences something. (Dik 1989, 98)

Unter dieser Voraussetzung erhalten alle Sachverhaltstypen eine entsprechende [+ exp]-Lesart:

a. [+ exp] Position, [+ exp][- dyn][+ con]:
John did not believe the story1Es erscheint durchaus fraglich, ob das Merkmal [+ con] hier überhaupt angesetzt werden darf; worauf stützt sich diese Behauptung?
b.   [+ exp] State, [+ exp][- dyn][- con]:
John did not know the story
c.  [+ exp] Accomplishment, [+ exp][+dyn][+con][+tel]:
John conceived a clever trick
d.  [+ exp] Activity, [+ exp][+dyn][+ con][- tel]:
John was thinking about his money problems
e.  [+ exp] Change, [+ exp][+dyn][- con][+ tel]:
John got an interesting idea
f.  [+ exp] Dynamism, [+ exp][+dyn][- con][- tel]:
John dreamed about his girl friend (Dik 1989, 98)

Das Merkmal ist automatisch gegeben, sobald das Subjektargument auf einen Menschen referiert. Es handelt sich, mit anderen Worten, anscheinend gar nicht um ein semantisches Merkmal sprachlicher Zeichen, sondern um eine außersprachliche Qualität des Referenten. Hier tritt ein grundsätzliches Problem der referierten Sachverhaltstypisierung zutage. Entscheidend ist ja weniger, ob ein außersprachliches Merkmal, wie z.B. [+ exp] impliziert ist, sondern viel mehr die Art und Weise, wie eine Sprache es ausdrücken kann, bzw. welche Sachverhalte eine Sprache bei einem gegebenen Merkmal darstellen kann oder gar darstellen muss. Lehrreich ist wiederum die Versprachlichung von Wahrnehmungen des eigenen Körpers. Das deu. und auch die romanischen Spachen bieten hier vier verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten an, so dass die sehr ähnlichen Konzepte in Gestalt ganz unterschiedlicher Sachverhalten dargestellte werden.

  Sachverhaltstyp Konstruktion Beispiel
(1) ACTIVITY einstellig: aktives Verb (Subjekt [+ exp]) ich friere
(2) ACTION zweistellig: aktives Verb (Subjekt [+ exp], Objekt) ich habe Hunger
(3)   zweistellig: reflexives Verb (Subjekt [+ exp], Objekt – referenzidentisch ich ekle mich
(4)   zweistellig: aktives Verb (Subjekt, Dativobjekt [+ exp]) x macht mir Angst
(5) STATE einstellig: Kopulaverb + Adj. (Dativobjekt [+ exp]) mir ist schlecht
(6)   einstellig: Kopulaverb + Adj. (Subjekt [+ exp]) ich bin müde
(7) DYNAMISM zweistellig: aktives Verb (Subjekt, Dativobjekt [+ exp]) mir kommen die Tränen

In den Romanischen Sprachen, außer Rumänisch, dominiert Typ (2), der auch im Deu. weit verbreitet ist; aber auch die anderen Typen finden sich:

(1) ACITIVITY einstellig: aktives Verb (Subjekt [+ exp]) ?
(2) ACTION zweistellig: aktives Verb (Subjekt [+ exp], Objekt) ho freddo / fame / sete / paura usw.
(3)   zweistellig: reflexives Verb (Subjekt [+ exp], Objekt – referenzidentisch mi vergogno
(4)   zweistellig: aktives Verb (Subjekt, Dativobjekt [+ exp]) mi fa paura
(5)  STATE einstellig: Kopulaverb + Adj. (Dativobjekt [+ exp]) ?
(6)   einstellig: Kopulaverb + Adj. (Subjekt [+ exp]) sono stanco
(6) DYNAMISM zweistellig: aktives Verb (Subjekt, Dativobjekt [+ exp]) mi vengono i brividi

In romanistischer Perspektive sind zwei Beobachtungen interessant:

  • die markante Sonderstellung des Rumänischen, wo der im Ita. und Fra. vollkommen fehlende Typ (5) ganz stark denn dort dominiert (rum. imi este frig oder mi-e frig ‚mir ist kalt‘, rum. imi este foame/sete wörtlich ‚mir ist Hunger/Durst‘, imi este frica ‚mir ist Angst‘ usw.;
  • der vollkommene Abbau des Typ (1), der im Lat. stark vertreten war (lat. frigeo ‚ich friere‘, siteo ‚ich habe Durst‘ u.a.). 
Carnap, Rudolf (1947): Meaning and Necessity. Chicago: The University of Chicago Press.
Dik, Simon C (1989): The Theory of Functional Grammar, Part 1: The Structure of the Cause. Dordrecht: Foris.
Humboldt, Wilhelm von (1843): Ueber das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung [1820]. In: , Wilhelm von Humboldt's Gesammelte Werke, Dritter Band, 241-268. Berlin: Reimer. https://archive.org/stream/wilhelmvonhumbol03humb#page/240/mode/2up.
Wandruszka, Ulrich (2007): Grammatik: Form-Funktion-Darstellung. Tübingen: Narr.
Wittgenstein, Ludwig (1922): Tractatus Logico-Philosophicus. With an introduction by Bertrand Russell. London: Kegan Paul, Trench, Trubner. https://archive.org/details/in.ernet.dli.2015.221720/page/n5.
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