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Agentivität, Transitivität, Ergativität

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Zitation: Thomas Krefeld (2019): Agentivität, Transitivität, Ergativität. Lehre in den Digital Humanities. Version 7 (06.06.2019, 14:35). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=45702&v=7.

1. Semantische Rollen

Mit seiner Projektion sprachlicher Sachverhaltsdarstellung auf zwei allgemeine „Symbolfelder“ (‚Ereignis‘ und ‚Handlung‘) nimmt Bühler () wichtige Einsichten einer linguistischen Theorie vorweg, die in den späten 60er Jahren des 20. Jahrhunderts unter dem Namen ‚Kasusgrammatik‘ bekannt wurde (vgl. Fillmore 1968); dieser Ansatz wollte die semantischen ‚Rollen‘ der Argumente verbaler Prädikatoren, bzw. der Satzteile, deren Funktion sie erfüllen, herausarbeiten und typisieren. Diese Rollen wurden als (semantische) Kasus oder: Tiefenkasus bezeichnet. So würde z.B. die Rolle des Ausführenden einer Handlung als ‚Agens‘ (A) gefasst, also z.B. diejenige von Caius oder Gentlemen in den bereits zitierten Beispielen Karl Bühlers für das Handlungsschema:

  • Caius necat leonem. ‚Caius tötet den/einen Löwen‘
  • Gentlemen prefer blonds.

Die Rolle ‚Agens‘ lässt sich prototypisch wie folgt präzisieren: 

Idealtypisch sind als Merkmale zu nennen: (a) das A. bezeichnte einen Menschen (oder ein belebtes Wesen), der (b) willentlich und intentional handelt, (c) eine Veränderung bewirkt, (d) verantwortlich ist für die (Folgen der) Handlung. (Jochen Pleines) (Glück 1993, 19)

Diese Bestimmung erzeugt jedoch bei der Anwendung auf sprachliche Daten zahlreiche und grundlegende Probleme, die einerseits mit der Abgrenzung zu anderen Rollen und dem Rolleninventar und andererseits mit der Kombination von Rollen bei mehrstelligen Prädikatoren zu tun haben: 

Eine praktikable Definition des Agens wird einerseits erschwert durch Abgrenzungsprobleme zum Instrumental (nicht-belebte, abhängige, nicht-willentl. Verursachergöße), zum Experiencer (menschl., aber nicht willentl. bzw. nicht-intentionaler Träger) und zur <force>  (nicht-menschl., aber selbständiger Verursacher) und andererseits durch die Grundforderung der Kasusgrammatik nach einer möglichst kleinen Zahl von Kasusrelationen; Transitiv, Ergativ, Kausativ. (Jochen Pleines) (Glück 1993, 19)

1.1. Inventar und Abgrenzung der semantischen  Rollen

Die folgenden italienischen Satzbeispiele auf der Grundlage zweistelliger Verben illustrieren einige mögliche semantische Rollen, die ein Argument in der Satzfunktion des Subjekts spielen kann:

  Sätze mit zweistelligen Verben semantische Rolle des Subjekt-Arguments
i. Il cuoco frigge il pesce. Agens
ii. Un sasso ruppe la finestra. Instrument
iii. La pietra rotolò giù per il pendio. Objekt
iv. Mia moglie ha sentito cantare Bergonzi. Experiencer
v. L’avvocato possiede il codice penale Dativ
vi. Il giardino pullula di vespe Lokativ

Wie man an (iv) und (v.) sieht, ist es nicht angemessen  alle Subjekt-Argumente mit dem Merkmal [+human] als „willentlich und intentional“ Ausführende  einer Verbalhandlung  zu kategorisieren (wie im Fall i.), die aktiv die „Veränderung“ des zweiten Objekt-Argument  „bewirken“. Eine solche aktive Einwirkung kann andererseits auch von Subjekt- Argumenten mit dem Merkmal [-human]  ausgehen (ii.). Weiterhin müssen die Argumente von dynamischen Prozessen keineswegs das Merkmal [+belebt] haben (iii.). Schließlich kann das Subjekt-Argument auch der Schauplatz einer Aktivität sein, das Objekt-Argument ausübt (vi.). Daher ist eine Differenzierung der Rolle, wie sie in der Abbildung vorgenommen wurde, durchaus sinnvoll.

Allerdings existieren unterschiedliche Inventare, die sich im Hinblick auf die Menge und Bezeichnung der Rollen unterscheiden; insbesondere ist unklar, wie fein die Rollen ‚granuliert‘ werden sollten (vgl. dazu grundsätzlich Koch 1981).   

Schon vom Begründer der Kasusgrammatik, Charles Fillmore, gibt es variierende Entwürfe:

Fillmore 1971 Fillmore 1971 a
Agentiv: belebter Urheber einer Handlung Agent
  Experiencer: (von Chafe): Wesenheit, die eine Erfahrung macht oder die dem Effekt einer Handlung unterliegt (früher Dativ)
Instrumental: unbelebte Kraft oder involviertes Objekt  
  Source: Ort, auf den etwas gerichtet ist
Dativ: belebtes Wesen, das durch die Tätigkeit affiziert wird  
Faktitiv: Objekt, das aus der Tätigkeit resultiert  
  Goal
Lokativ: Ort oder Orientierung  
  Time
Objektiv: alles andere  

Liste der semantischen Rollen mit Kurzdefinitionen nach Winograd 1983 (vgl. Welke 1988, 166)

1.2. Kombination von Rollen und Prädikatoren zu Prädikationsrahmen

Bereits die traditionelle Bezeichnung zweistelliger Verben als ‚transitiv‘ (zu lat. transire ‚übergehen‘ )  scheint darauf anzuspielen, dass ein wie immer gearteter Austausch, ein ‚Übergang‘ vom einen Argument zum anderen, nämlich vom ersten (‚Subjekt‘) zum zweiten (‚Objekt‘) stattfindet. Weiterhin ist bemerkenswert, das die einstelligen Verben, die syntaktisch einfacher konstruiert werden,  als ‚intransitiv‘ bezeichnet werden. Als unmarkiert und prototypisch wurde somit offenkundig die zweistellige und ‚transitive‘ Konstruktion wahrgenommen. In diesen traditionellen Bezeichnungen wird die einfachere, intransitive Konstruktion also als defizient gesehen, da ihr die Eigenschaft der Transitivität fehlt:

  • transitiv + Negationspräfix in- → intransitiv

Rein syntaktisch-konstruktionell läge ja es ja näher, die Bezeichnung der komplexeren, zweistelligen Konstruktion aus der einfacheren, einstelligen abzuleiten. In dieser vorwissenschaftlichen grammatischen Terminologie liegt eine Intuition, die das Bühlersche ‚Handlungsklischee‘ bestätigt. Entscheidend ist jedoch, dass diese Sehweise überhaupt nur aus Sicht der Indogermanischen Sprachen, bzw. aus Sicht von Sprachen diesen Typs plausibel ist.

2. Akkusativsprachen

In kasustypologischer Sicht gehören die Indogermanischen Sprache zu den Akkusativsprachen. Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass  das Argument, das den Träger des Verbalgeschehens (‚Agens‘, ‚Experiencer‘) eines zweistelligen (‚transitiven‘) Verbs bezeichnet und das einzige Argument eines einstelligen (‚intransitiven‘) Verbs dieselbe grammatische Markierung aufweisen. 

(1) transitiv lat. femina filiam portat
(2)     io ti porto
(3) intransitiv lat. femina dormit  
(4)   ita. io  dormo  

Nur auf dieser Grundlage ist es verständlich, den Konstituenten femina in (1) und (3) bzw. io in (2) und (4) eine identische Satzfunktion, die des Subjekts, zuzuweisen. Sprechern indogermanischer Sprachen erscheint das viel selbstverständlicher, als es ist, denn es gibt zahlreiche Sprachen, die sich hier ganz anders verhalten. Einen Eindruck der typologischen Vielfalt gibt der World Atlas of linguistic structures (WALS; Kap. 99). Hier werden u.a. Aktiv-Inaktiv-Sprachen genannt:

„However, another possibility is for S to be split between more agent-like and more patient-like instances of S, which we may symbolize as Sa and Sp respectively. On the basis of semantic similarity, Sa then groups with A, while Sp groups with P. This system has come to be called the active–inactive (or simply: active) system, on the basis of terminology originally created by the Russian linguist Georgij A. Klimov, though other terms are also found, e.g. agentive–patientive or stative-active. The active form covers Sa and A, the inactive Sp and P. This system is rather widespread as a basis for person marking on verbs (see Chapter 100), but is also found occasionally with case marking, as in examples (6a–c) from Georgian.“ (( 2013)

In Ergativsprachen, die in der Literatur oft mit Aktiv-Inaktiv-Sprachen zusammengefasst werden, stehen das einzige Argument eines intransiven Verbs und das nicht aktive Argument eines zweistelligen Verbs (‚Objekt‘) im selben Kasus, dem so genannten Absolutiv, der oft kein morphologisches Merkmal hat. Das aktive, agensähnliche Argument zweistellige Verben steht dagegen in einem besonderen, morphologisch markierten Kasus, dem sogenannten Ergativ.

2.1. Inakkusativische Elemente im Italienischen

Zwar gehören das Lateinische und – in etwas weniger eindeutiger Weise – die romanischen Sprachen  zum Typ der Akkusativsprachen; aber es gibt durchaus Elemente, die den Eindruck vollkommener typologischer Konsistenz stören. So existieren Verben, deren Subjekte sich durch semantische und syntaktische Eigenschaften auszeichnen, die eigentlich für Objekte charakterisch sind:

„Esiste un gruppo di verbi il cui soggetto è caratterizzato, da una parte, dalle tipiche proprietà dei soggetti […], dall’altra da varie proprietà sintattiche che sono tipiche dei complementi oggetti. Queste proprietà si manifestano però solo quando il soggetto di questi verbi si trova in posizione postverbale; quando il soggetto è in posizione preverbale, esso presenta esclusivamente le proprietà dei soggetti.“ (Salvi 1988, 47)

Diese als verbi inaccusativi bezeichnete Gruppe wird von Giampaolo Salvi (1988) sehr genau beschrieben. Mehrere Untergruppen sind zu unterscheiden.

(1) Ergativische oder: kausativische Verben

Dazu gehören solche transitiven Verben die auch intransitiv gebraucht werden, indem sie das Objekt der transitiven Verwendung zum Subjekt der intransitiven Konstruktion machen: 

Il kamikaze affonda la portaaerei. La portaaerei affonda.
I verbi ergativi sono raggruppabili in due classi: gli ergativi di forma attiva (a) e quelli di forma riflessiva (b):
(a) affondare, annerire, aumentare, avanzare, cambiare, cessare, cicatrizzare, cominciare, continuare, derivare, diminuire, esplodere, finire, guarire, ingrassare, ispessire, migliorare, peggiorare, raffare, rimbecillire, […] soffocare, sprofondare, terminare e in genere i verbi formati col prefisso in- che indicano mutamento (incivilire, inviperire,
ecc.)
(b) accumularsi, allargarsi, attorcigliarsi, capovolgersi, concentrarsi, dividersi, interessarsi, laurearsi. […] stancarsi
ecc.
(Le liste non sono naturalmente complete.)“ (Salvi 1988, 48)

Bei den unter b) genannten ist zu beachten, dass es sich gewissermaßen um pseudoreflexive, d.h. nur formal reflexive Verben handelt. ‚Echte‘ Reflexiva haben ein agensähnliches Argument, auf dessen Referent sich auch das Reflexivpronomen bezieht:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2017/01/1484831068 Transitiv reflexiv

Abb.: transitive und reflexive Sachverhaltsdarstellung

(2) Zu den inakkusativischen Verben gehört weiterhin eine andere Gruppe reflexiver Verben:

„I verbi inerentemente riflessivi: accorgersi, arrabbiarsi, arrampicarsi, arrangiarsi, congratularsi, fidarsi, pentirsi, ricordarsi, ricredersi, riposarsi, sbagliarsi, sbrigarsi, suicidarsi, vergognarsi. Salvi 1988, 47

Diese Verben sind daran zuerkennen, dass das klitische Pronomen si nicht durch me/te/se stesso substituiert werden kann.

(3) Schließlich sind  die intransitiven Verben, die essere als Auxiliar regieren als inakkusativisch anzusehen: 

accadere, andare, arrivare, bastare, bisognare, cadere, comparire, dipendere, diventare, entrare, morire, nascere, parere, partire, piacere, restare, rimanere, riuscire, scappare, sembrare, sparire, spiacere, stare, succedere, venire. Così anche i verbi: convenire, passare, salire, scendere, seguire, servire, sfilare, vivere, che hanno corrispondenti transitivi ma non nel senso dei verbi ergativi. E pure: appartenere, attecchire, correre, curare, mancare, procedere, saltare, suonare, volare e i verbi atmosferici […] Restano esclusi costare ed essere […]“ Salvi 1988, 49

Unter bestimmten syntaktischen Bedingungen, nämlich im Passiv und in Verbindung mit dem passivisch gebrauchten si sind ebenfalls ‚inakkusativische‘  Bedingungen gegeben. Der markanteste Unterschied zwischen inakkusativischen und akkusativischen Verben betrifft die Stellung des Subjekts:

„La posizione canonica, cioè fondamentale del soggetto è prima del verbo coi verbi non inaccusativi, immediatamente dopo il verbo coi verbi inaccusativi; questi ultimi permettono però anche la posizione prima del verbo.“ Salvi 1988, 56

Eine zweite, sehr auffällige Eigenschaft aller inakkusativischen Verben besteht darin, dass ihr nachgestelltes Argument (‚Subjekt‘) durch ne pronominalisiert werden kann, was bei transitiven Verben und echten Reflexiva unmöglich ist:

„Se il soggetto si trova dopo il verbo, l’uso del ne è grammaticale coi verbi inaccusativi (il soggetto è in posizione di compl. oggetto), agrammaticale coi verbi non inaccusativi (il soggetto non è in posizione di compl. ogg.).
[…] Ne sono affondati molti […] vs.  *Ne hanno mangiato granchi molti.
[…] Se ne sono laureati molti vs *Se ne sono immaginati un un’accoglienza   sontuosa molti.“ Salvi 1988, 50

 

 

Bernard Comrie (2013): Alignment of Case Marking of Pronouns. In: Matthew S. Dryer & Martin Haspelmath, The World Atlas of Language Structures Online. Leipzig: Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology. http://wals.info/chapter/99.
Fillmore, Charles (1968): The cas for case. In: Bach, Emmon & Harms, Robert T., Universals in linguistic theory, 1-88. London.
Glück, Helmut u.a. (1993): Metzler-Lexikon Sprache. Stuutgart and Weimar.
Koch, Peter (1981): Verb, Valenz, Verfügung: zur Satzsemantik und Valenz französischer Verben am Beispiel der Verfügungs-Verben. Heidelberg: Winter.
Salvi, Giampaolo (1988): La frase semplice. In: , Grande grammatica italiana di consultazione, 29-114. Bologna: Renzi, Lorenzo.
Welke, Klaus (1988): Einführung in die Valenz-und Kasustheorie. Leipzig: Bibl. Inst. Leipzig.
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