Italianismen des Handels im deutschen Sprachraum




/var/www/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2021/04/1630079943 Italiano Per Il Mondo 1

Abb. 1: Titelseite, Accademia della Crusca (2012): Italiano per il mondo. Firenze.

1. Einleitung

Die heutige Zeit wird oft als Zeitalter der Globalisierung bezeichnet. Doch was unterscheidet sie von früheren Epochen, in denen internationale Verflechtungen bereits ebenfalls existierten. Um das Jahr 1000 war Europa noch ein rückständiger Teil Asiens, in seiner Wirtschaft und in seinem Handel weit unterentwickelt im Vergleich zu den islamischen Reichen im Nahen und Mittleren Osten oder China. Erst etwa seit dem ausgehenden 11. Jahrhundert n. Chr. wurden die Grundlagen für den Aufschwung des Fernhandels gelegt. Italien entwickelte sich bei der Ausdehnung des Fernhandels zum Dreh- und Angelpunkt des europäischen Fernhandels mit den italienischen Handelsstädten Venedig, Genua, Florenz und Mailand. Hierbei handelte es sich vor allem um neue Institutionen und Organisationsformen, die den Handel über große Entfernungen möglich machten (vgl. Wolf 2013). Der Handel und die Verflechtungen der einzelnen Länder auf den unterschiedlichen Kontinenten existierten bereits schon sehr früh und können aus heutiger Sicht als Protoglobalisierung eingeordnet werden.

Der Ansatz dieses Beitrags befasst sich mit dem Sprachkontakt zwischen Deutschland und Italien im Zeitraum vom Spätmittelalter bis in die Frühe Neuzeit und den daraus resultierenden Entlehnungen aus dem Italienischen, den Italianismen des Handels im Deutschen. Ziel der Arbeit ist es, den Ursprung und die Gründe für die Entlehnungen aus dem Italienischen im Handel aufzuzeigen.

Im ersten Schritt erfolgt ein linguistischer Überblick zu Entlehnungen und führt dann zu einer kulturhistorischen Einordnung des Handels vom Spätmittelalter bis in die Frühe Neuzeit. Darauf folgen ein Überblick über die Tätigkeiten des Kaufmanns im Spätmittelalter  und leiten über zur Einführung der Schriftform im Handel mit den dafür wichtigsten Standardwerken dieser Zeit. Im nächsten Schritt werden die kaufmännischen Innovationen aus Italien vorgestellt, die sich rasch in ganz Europa etablierten und mit Beispielen von Italianismen aus den verschiedene Themenbereichen des Handels ergänzt. Den Abschluss des Beitrags bilden die Zusammenfassung und Schlussbetrachtung sowie eine Anregung für eine weiterführende Arbeit, die den Rahmen dieser Arbeit überschritten hätte.

2. Linguistischer Überblick

Im Zusammenhang mit den Wörtern, die vom Italienischen in die deutsche Fachsprache des Handels übernommen wurden, ist es erforderlich die Definitionen und Abgrenzungen für Interferenz, Lehnwort, Fremdwort und Erbwort im Vorfeld zu betrachten. Ab wann ein Wort als Lehnwort betrachtet werden kann, ist aufgrund seiner bisweilen häufigen Varianten im Laufe seiner Genese nicht immer eindeutig ermittelbar. 

Insbesondere die Nähe des Italienischen zum Lateinischen, die nicht standardisierte Hochsprache des Italienischen im Mittelalter, die Präsenz des (Vulgär-)Lateinischen in Verwaltungstexten, die erst langsam durch die Volkssprachen aufgelöst wurde - all dies erschwert eine eindeutige Grenzziehung. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Meinungen zu den Etyma in den Etymologischen Wörterbüchern und Forschungen durchaus auseinander gehen. Erbwörtliche Fortsetzer im Französischen verschleiern zusätzlich den klaren Blick auf die Italianismen. (Wilhelm 2013: 5).

2.1. Interferenz

Mit dem Begriff Interferenz bezeichnet man in der Physik die Überlagerung von zwei Wellen. In der Sprachwissenschaft findet dieser Begriff Verwendung bei der Übertragung muttersprachlicher Strukturen auf äquivalente Strukturen einer Fremdsprache und umgekehrt oder von Strukturen eines Dialekts auf die zugehörige Standardsprache und umgekehrt.

Weinreich (1976) erläutert in Sprachen in Kontakt die sprachlichen Interferenzen, wie folgt:

Eine strukturalistische Theorie der Kommunikation, die zwischen Rede und Sprache (oder parole und langue, Botschaft und Kode, Prozeß und System, Verhalten und Norm) unterscheidet, geht notwendigerweise von der Annahme aus, daß jedes Redeereignis zu einer bestimmten Sprache gehört. Nur auf der Basis dieser Annahme ist überhaupt so etwas wie die Vorstellung möglich, daß eine Äußerung einige Elemente enthält, die zu einer anderen Sprache gehören als der Rest der Äußerung. Da es für gewöhnlich dem Sprecher  oder dem Beschreibenden oder beiden bekannt ist, zu welcher Sprache eine Äußerung als ganze gehört, können die nicht-zugehörigen Elemente als 'entlehnt' oder transferiert ausgesondert werden. Dies ist die Manifestation sprachlicher Interferenz. (Weinreich 1976: 23)

Nach der strukturalistischen Theorie parole und langue muss Interferenz in 'Rede' und 'Sprache' unterschieden werden.

Weinreich (1977) führt dazu weiter aus:

In [der] Rede kommt sie in den Äußerungen des zweisprachigen Sprechers als Resultat seiner persönlichen Kenntnis der anderen Sprache vor, wobei selbst die gleiche Interferenz jedesmal wieder eine neue Erscheinung ist. In der Sprache hingegen finden sich Interferenzerscheinungen, die, nachdem sie des häufigeren in der Rede Zweisprachiger vorgekommen sind, zur festen Gewohnheit wurden und sich institutionalisiert haben. Ihr Gebrauch ist nicht mehr von Zweisprachigkeit abhängig. Wenn ein Sprecher X eine Form fremden Ursprung nicht als Augenblicksentlehnung aus der Sprache Y gebraucht, sondern weil er sie von anderen Sprechern in X-Äußerungen gehört hat, dann kann dieses entlehnte Element vom deskriptiven Standpunkt aus als neuer Teil der Sprache X angesehen werden. (Weinreich 1977: 28)

Nach vielen Autoren, die über Sprachmischungen geschrieben haben, lassen sich die Interferenzerscheinungen in drei Formen einordnen: den lautlichen Bereich, der Grammatik und dem Vokabular, wobei es hier in den meisten Fällen keine isolierte Erscheinung gibt, sondern in der Regel mehrere Formen bei einer Entlehnung anzutreffen sind.

2.2. Entlehnungen/ Fremdwort

Das Metzler Lexikon Sprache definiert Entlehnung präzise als:

Übernahme eines Wortes, eines Morphems oder einer syntaktischen, manchmal auch graphemischen Struktur aus einer Sprache in eine andere. Entlehnungen sind entweder Mittel der sprachlichen Innovation (z.B. in Werbung), signalisieren ein >Lebensgefühl< (z.B. in der Jugendsprache) oder decken ein konkretes Ausdruckserfordernis ab (z.B. in Fachsprachen). Generell sind Entlehnungen Ergebnisse von Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt. Häufig lassen sich zeitlich gebündelte Entlehnungsschübe feststellen: Beispielsweise finden sich erste Italianismen für Bezeichnungen aus Buchhaltung und Bankwesen ab dem 14. Jh. im deutschen Sprachraum, die Zahl italienischer Entlehnungen  steigt dann im 15. Jh. an und erreicht im 16. Jh. ihren Höhepunkt. Die letzten Termini werden im 18. Jh. ins Deutsche übernommen. Das fremde Zeichen kann weitgehend in das phonologische graphemischen und morphologische System der Nehmersprache integriert sein – man spricht dann von Lehnwort, oder es kann die Strukturen der Gebersprache konservieren – dann spricht man von Fremdwort, wobei diese Unterscheidung aufgrund des graduellen Charakters von Integration nicht immer klar zu treffen ist. (Glück 2010: 178)

Häufig ist ein Lehnwort weitgehend in das phonologische, morphologische und graphemische System einer Nehmersprache integriert, sodass die fremdsprachige Abstammung für den Laien nicht mehr erkennbar ist, z.B. dt. Stiefel aus it. stivale. Der Aspekt der Gewohnheit und Institutionalisierung ist einer der entscheidenden Bestandteile des etablierten Lehnwortes, welches im Gegensatz zu der 'Ad-hoc-Entlehnung' steht. Gehört ein Wort zum nativen Sprachschatz einer Sprache, bei dem keine Entlehnung aus einer anderen Sprache nachzuweisen ist, dann handelt es sich um ein Erbwort.

2.3. Voraussetzungen für den Wortschatzwandel

Die zwingende Voraussetzung für den Wortschatzwandel ist die Sprachkontaktsituation, bei der zwei oder mehr Sprachen miteinander in Kontakt stehen und abwechselnd von derselben Person verwendet werden. Wenn zwei Sprachen, zwei Sprachkompetenzen im Kommunikationsverhalten einzelner Sprachbenutzer miteinander in Kontakt stehen, die abwechselnd die eine oder die andere Sprache benutzen, spricht man von 'Code-Switching'. Wird das Code-Switching in einzelnen Positionen innerhalb von Sätzen vollzogen, handelt es sich um Interferenzen, die zunächst als einmalige, individuelle Innovationen wirken. In diesem Fall spricht man auch von Gelegenheitsentlehnungen. (vgl. Wilhelm 2013: 7)

Weinreich definiert den Sprachwechsel in Sprachen in Kontakt, wie folgt:

Sprachenwechsel kann definiert werden als Übergang von einer Sprache zu einer anderen als der Sprache, die man normalerweise gebraucht. Es stellt sich die Frage, ob Interferenz je so weit geht, daß sie in einem Sprachenwechsel endet. Es handelt sich m.a.W. um die Frage, ob die Rede eines Zweisprachigen in Sprache A schrittweise so stark durch B beeinflußt werden kann, daß sie von B nicht zu unterscheiden ist. (Weinreich 1977: 92)

2.4. Italianismen

Italianismen sind Entlehnungen aus dem Italienischen. Vor allem im Bereich der Musik und der Kunst sowie des Bankwesens und der Buchhaltung verwendet das Deutsche eine Reihe von über die Jahrhunderte entlehnten und teils integrierten Italianismen: Crescendo, Girokonto, Inkasso u. a. Seit den 1950er Jahren werden verstärkt Italianismen aus den Bereichen Essen und Trinken, Mode und Lebensstil verwendet. Daneben gibt es allgemeinsprachliche Italianismen wie autostrada, geflügelte Worte wie dolce vita, Produktbezeichnungen und Markennamen, Titel von Veranstaltungen, CDs usw. können aus Italianismen bestehen oder Italianismen enthalten. Dabei entstehen oft sog. Pseudoitalianismen, d.h. Ausdrücke, die den phono-graphemischen Regularien des Italienischen entsprechen, im Italienischen aber nicht existieren. (vgl. Glück 2010: 309)

Stegu unterscheidet Pseudoitalianismen in folgende Kategorien:

  • Italienische Elemente mit falschem signifiant (= falscher Orthographie, Morphologie ...)
  • Italienische Elemente mit falschem signifié (= für den konkreten Fall inadäquater Bedeutung) im Italienischen an sich überhaupt nicht existierende Wörter, Syntagmen etc. - nur Bestandteile (z.B. Suffixe) sind italienisch 
    - keine einziger Bestandteil ist italienisch (nur der graphisch / phonetische Aspekt)
  • Elemente unklarer (vielleicht lateinischer, spanischer ...) Herkunft, z.B. Luna
  • Elemente, denen fälschlicherweise eine italienische Etymologie zugeschrieben wird
    (vgl. Stegu 1997: 195)

Der Absatz Italianismen schließt das Kapitel Linguistischer Überblick ab und führt zu Kapitel  drei, in dem die Bedeutung und Entwicklung des europäischen Handels zur Zeit der Kreuzzüge bis in die Frühe Neuzeit aufgezeigt werden.

3. Handel zur Zeit der Kreuzzüge bis in die Frühe Neuzeit

Für eine detaillierte Erörterung eines Entlehnungsvorganges ist es unumgänglich, auch die kulturhistorischen Gegebenheiten in die Betrachtung und Bewertung miteinzubeziehen. Nur so erschließt sich die Vorstellung, die verstehen lässt, weshalb gerade das Italienische im kaufmännischen Diskurs einen solch großen und teilweise unterschätzten Einfluss hatte. Italien war im Spätmittelalter bis in die Frühe Neuzeit der 'Dreh- und Angelpunkt' des Fernhandels. Dies war zum einen bedingt durch seine geographische Lage im Mittelmeer als Treffpunkt von Europa, Asien und Afrika und zum anderen durch die in Italien entstandenen kaufmännischen Innovationen, die dem Land auf lange Zeit Reichtum und großen Einfluss im Alltag des Kaufmanns sicherten.  

3.1. Handelsmetropolen

Es ist zwischen zwei unterschiedliche Formen von Handelszentren zu unterscheiden: Handelsstädte mit Eigenhandel und sogenannte Messestädte. In Handelsstädten wird aktiv Handel betrieben, die ansässigen Kaufleute reisen viel und versuchen innerhalb ihrer Stadtgrenzen auswärtige Händler auszuschalten. Die Messestädte hingegen gestatten Verkehrsfreiheit und unterstützen den Handel in jeder Form. Es stehen sich also Handelsmonopol und Handelsfreiheit gegenüber. Venedig, wie auch Genua pflegten eine restriktive Handelspolitik, und waren stets bemüht, die Konkurrenz auszuschalten:
(Wilhelm 2013: 27)

Die Venezianer verfolgten eine rigorose Monopolisierungsstrategie. So wurden z.B. die deutschen Kaufleute, deren Waren für Venedigs Handel von zentraler Bedeutung waren, vom einträglichen Fernhandel ausgeschlossen und befanden sich in einer ausgeprägten Abhängigkeit: unter der Kontrolle der Signoria, dem oligarchischen Regierungsrat der Stadt, eingesetzten Aufseher wurden sie seit 1228 im Fondaco dei Tedeschi, einer Art Kaufhof nahe der Rialtobrücke, konzentriert. Dort mussten sie ihre Waren deponieren, ihre Verkäufe abwickeln und den Erlös in venezianische Waren umsetzen. (Niemann 2009: 21)

Durch die geographische Lage konnte Italien den effizientesten Austausch von Handelsgütern mit dem Orient betreiben. Drei Städterepubliken taten sich als Handelsrepubliken besonders hervor und standen in ständiger Konkurrenz zueinander: Venedig, Genua und Pisa. (vgl. Wilhelm 2013: 28)

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Abb. 2: Wappen der Stadtrepublik Venedig, Wikipedia

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Abb. 3: Wappen  der Stadtrepublik Genua, Wikipedia

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Abb. 4: Wappen der Stadtrepublik Pisa, Wikipedia

Von Venedig aus lief die Hauptachse des Welthandels über Brügge nach London. Die folgende  Karte zeigt die wichtigsten Handelswege des Mittelalters in Europa, die Via Imperii von Rom nach Stettin und die Via Regia von Santiago de Compostela bis nach Moskau.

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Abb. 5: Via Regia / Via Imperii, Wikipedia

Die folgende Abbildung lässt sehr gut erkennen, welche Städte in Bayern sich zu bedeutenden Handelsmetropolen entwickelten.

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Abb. 6: Handelsrouten im Mittelalter zwischen Italien und Bayern
https://www.hdbg.de/bayern-italien/pdf/Karte-Handelswege_um_1500.pdf

3.2. Der Kaufmann im Spätmittelalter

Im 13. Jahrhundert erlebte Europa einen deutlichen Anstieg des Handelsvolumens, der durch einen Überschuss an Lebensmitteln ausgelöst wurde, was wiederum die Bevölkerungszahlen steigen ließ und den Handel förderte. 

Die Städte, die im 13. und 14. Jahrhundert mehr als 100 000 Einwohner hatten, waren Venedig, Genua, Florenz, Mailand, Pisa, wohingegen im Rest von Europa die Einwohnerzahl großer Städte die 50 000 nicht überstieg. Mit dem erheblichen Bevölkerungswachstum stieg auch die im Umlauf befindliche Geldmenge an. (Kulischer 1976: 287)

Die Kaufleute im Spätmittelalter lassen sich grob in drei Gruppen einteilen:

  • Händler (oft mit festem Sitz in Norditalien), die sich auf die Finanzierung und Organisation des Exportgeschäftes spezialisierten,
  • Fuhrleute,
  • Handelsagenten. 

Im 13. und 14. Jahrhundert begann die Blütezeit für den Kaufmannsstand. In vielen europäischen Städten bildeten sie durch ihren erwirtschafteten Reichtum eine neue Oberschicht, sie waren das Patriziat, das entscheidenden Einfluss auf das Stadtgeschehen hatte, stellten die Stadträte, beeinflussten die Steuerpolitik zu ihren Gunsten und hielten Gericht, da sie die örtliche Gesetzgebung beherrschten. (vgl. Gurjewitsch 1989: 275)

Zu Beginn eines jeden Jahres stand für den Kaufmann die Messe von Lagny (Champagne) auf dem Plan, die Treffpunkt für Nord und Süd war. Die Champagnermessen der politisch neutralen Grafschaft Champagne waren bereits im 12. Jahrhundert Mittelpunkt des Zahlungsverkehrs, wie Formulare dieser Zeit belegen. (vgl. Kulischer 1976: 231) Die Blütezeit der Champagnermessen ist datiert von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts:

Mit dem Beginn des 14. Jahrhunderts setzt der Verfall ein, doch verlieren die Messen ihre internationale Bedeutung erst im 4. Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts. [...]
(Bassermann 1911: 8)

Nachdem die Messen an Bedeutung verloren, versuchten Italiener und Deutsche nun verstärkt, direkten Handelskontakt zu pflegen. Die Veränderungen und Neuerungen der Handelsmethoden gingen in erster Linie von den norditalienischen Handelsmetropolen aus. Diese Neuerungen in der Abwicklung von Handelsgeschäften begannen sich zunächst in Süddeutschland zu etablieren, da hier bereits über einen längeren Zeitraum enge Handelskontakte bestanden. Die Innovationen vollzogen sich im Bereich des internationalen Bankwesens, der Handelsversicherungen und vor allem der Buchhaltung. (vgl. Wilhelm 2013: 32)

3.3. Kaufmännische Gesellschaftsformen

Ursprünglich war eine Spezialisierung der kaufmännischen Tätigkeiten nicht üblich. Import, Export, Groß-und Einzelhandel, Transport der Waren, Geld- und Kreditgeschäfte erledigte der Kaufmann meist in Personalunion. Der Kaufmann oder sein Agent begleitete den Transport persönlich. Die Schiffe gehörten den Kaufleuten selbst. Durch die Ausweitung der Handelsbeziehung und den Anstieg des Handelsvolumens erhöhte sich auch das Risiko, was zur Gründung von Handelsgesellschaften mit größerem Kapital führte. Anfangs waren es reine Familiengesellschaften. Es wurde auf bestimmte Zeit ein Gesellschaftsvertrag geschlossen und man gab sich einen Firmennamen  und ein eigenes Handelszeichen.
(vgl. Wilhelm 2013: 32)

Ab dem 15. Jahrhundert entstanden offene Handelsgesellschaften, für die man Investoren suchte, die nicht aktiv mitarbeiteten und demzufolge eine reine kommanditistische Beteiligung hatten. Die größte Handelsgesellschaft dieser Art – vor den Fuggern – war die Große Ravensburger Gesellschaft.

Während des Transports waren zu dieser Zeit die größten Risiken Raub und Piraterie. Hierzu schreibt Wilhelm:

[...]. Dieser Umstand zog eine Reihe von Institutionen und Organisationsformen nach sich, um Händler zu schützen. Die Kaufleute reisten in Karawanen zu den Champagnermessen und anderen Messen. Aus diesen Karawanen, die zunächst nur temporär bestanden, bildeten sich mitunter dauerhafte Gesellschaften – die Kaufmannsgilden. Die Vereinigungen dienten der gegenseitigen Hilfeleistung während der Reise und des Messeaufenthalts. Den Handelskarawanen zu Land entsprachen die Schiffsflotten auf See. Die Schiffe waren, ebenso wie auf dem Festland die Karawanen, mit Waffen ausgestattet, oftmals fuhren auch Kriegsschiffe mit. (Wilhelm 2013: 33)

Trotz der bewaffneten Begleitung der Transporte konnte es zu Verlusten der Ware kommen. Um diesen Schaden zu begrenzen bzw. kalkulierbar zu machen, schlossen die Kaufleute Transportversicherungen ab, die zwar die Waren verteuerten, aber den Händler vor Total- oder Teilverlust schützten.

3.4. Das Münzwesen und die cambiatores

/var/www/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2021/04/1630088052 Venezia denaro 819 76001716

Abb. 7: Münze von Venedig aus dem Mittelalter: Venezia denaro

Das Währungssystem im Mittelalter war nicht normiert. Zahlungen mussten stets aufwändig in einer bestimmten Münzsorte vereinbart werden. Dazu war es erforderlich dass die unterschiedlichen Münzsorten gewechselt wurden. So entstanden die Berufsstände der Münzwechsler (cambiatores) oder Bankiers (< banchieri):

Sie betrieben den Handwechsel und den An- und Verkauf von Münzgeld, eine Beschäftigung, die damals als sehr schwierige und gründliche Fachkenntnisse erheischend, aber auch als recht einträglich galt. Der Wechsler mußte eine unfehlbare Kenntnis des Feingehaltes jeder ihm angebotenen Gold- und Silbermünze besitzen, und zwar bestimmte dies der geübte, diese Tätigkeit schon viele Jahre ausübende Wechsler, ohne die Münze zu wiegen. (Kulischer 1976: 330)

Münzen wurden im Mittelalter in Europa überall geprägt, in Deutschland, Frankreich, England, Italien. Es gab den Pfennig (denarius), der sich jedoch in Gewicht und Wert von Ort zu Ort sehr unterschied. Zur gleichen Zeit erschien der Halbling (oboblus, obol), der einfach durch Zerschneiden eines Pfennigs in zwei Halbstücke hergestellt wurde. Die im 12. Jahrhundert in Ober- und Mittelitalien wie in Südfrankreich gebräuchlichen Münzen waren der Denar und der halbe Denar, obolus oder medelia genannt. Auch diese Denare waren in sich nicht einheitlich. Süditalien hatte ein völlig anderes Münzsystem, man zahlte in Tarì. Edelmetalle in ungemünztem Zustand wurden ebenfalls weithin als Zahlungsmittel eingesetzt. (vgl. Kulischer 1976: 330)

In Palermo wurden bereits im 10. Jahrhundert Geldwechsler erwähnt. Im Laufe des 12. Jahrhunderts bildeten sich Innungen, die in fast allen italienischen Städten anzutreffen waren, wie in Bologna, Genua, Mailand, Pisa, Venedig, wo sie auf den vor Kirchen gelegenen Plätzen ihre Bänke aufstellten. Die Geldwechsler in anderen Ländern waren in den meisten Fällen ebenfalls Italiener, da sie über das erforderliche Wissen und die entsprechende Erfahrung verfügten. (vgl. Kulischer 1976: 330)

Die Bilder zeigen eine italienische Bank Ende des 14. Jahrhunderts.
Bild oben: Raum mit Geldtruhen und Kontor, in dem die Münzen gezählt werden.
Bild unten: Kontor für Einzahlungen, Buchführung und bargeldlosem Zahlungsverkehr

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Abb. 8: Italienische Bank Ende des 14. Jahrhunderts
Nachweis: F. Braudel, Sozialgeschichte des 15. - 18. Jahrhunderts, Bd. II: Der Handel, ND München 1990 (Paris 1979), S. 427

Es zeigt sich, dass Italien im Münzwesen und damit einhergehend in den Währungsgeschäften führend war. Wegen der Vielzahl an Währungen war der Buchverkehr auch schon in dieser frühen Zeit sehr wichtig im Alltag der Händler. (vgl. Schaube 1906: 119) Dies führt zum nächsten Punkt des Beitrags.

3.5. Anfänge der konzeptionellen Schriftlichkeit im kaufmännischen Diskurs

Kaufleute mussten schreiben, und so setzte eine gewisse Normierung mit Ansätzen einer fachsprachlichen Terminologie ein, deren Anfänge in Italien zu finden sind.

Zunächst ließen die Kaufleute die Kleriker für sich schreiben, da sie die einzigen Schreibkundigen waren. Da dies sehr aufwendig war, schickten sie bald ihre Kinder in klerikale Schulen, bevor es zur Gründung städtischer Schulen kam. Dadurch passte sich der Bildungsstand des Kaufmanns Zug um Zug den Erfordernissen an. Waren es bisher ausschließlich die Geistlichen, die lesen, schreiben und rechnen konnten, wurde nun auch dem Bürger diese Möglichkeit angeboten, diese Fertigkeiten zu erwerben. So lernten die Kinder reicher Eltern das Lesen, Schreiben und Rechnen. Man beschäftigte sich mit der praktischen Arithmetik, ging von den römischen auf die arabischen Ziffern über, und führte die Null ein. (vgl. Wilhelm 2013: 37)

Als im 14. Jahrhundert der Kaufmann allmählich gezwungen war, den Schriftverkehr zu üben, war die Geschäftssprache noch das Lateinische. Er beherrschte sie, soweit es der internationale Handel erforderte:

Im 14. Jahrhundert war das Lateinische, wie im ganzen Mittelalter, die omnipräsente Verständigungssprache von Finnland bis Portugal, von Norwegen bis Sizilien, doch im 15. Jahrhundert verlor es seine beherrschende Stellung als gesamteuropäische Wirtschaftssprache an die großen Volkssprachen. Welche Bevölkerungsgruppen konnten um 1400 Latein? Die höhere Geistlichkeit, die höheren Verwaltungsleute und diejenigen, die Lateinschulen besucht oder gar studiert hatten. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung waren das wenige Menschen. Es gab Kaufleute, die auf Lateinisch korrespondieren konnten, aber das waren nicht viele. [...] Um 1400 hatten die Fernkaufleute in Deutschland längst damit begonnen, ihrer Geschäftskorrespondenz auf Deutsch zu führen, bei Bedarf und Vermögen aber auch in einer anderer Volkssprache, z.B. auf Italienisch. (Glück 2006: 34)  

Mit der Übernahme der italienischen Buchhaltung ab dem 15. Jahrhundert wird eine zunehmend größere Zahl von Handelsbüchern geführt, die 'Zettelei' an den Wänden der Kontore zur Erinnerung nimmt ab. Neben dem Journal und dem Hauptbuch gab es ein Güterbuch, das Empfangsbuch, das Ausgabenbuch, das Schuldbuch und das 'Bös-Schuldbuch' mit den Aussenständen, die uneinbringlich waren. Die Rechnungsbücher erfuhren nun eine Konventionalisierung: Es entstand die Tendenz zur Kürze und Formelhaftigkeit, sowie eine Veränderung der Aufteilung. Statt Soll und Haben untereinander zu schreiben, folgte nun die Gegenüberstellung. (vgl. Wilhelm 2013: 39)

Der folgende Auszug aus einen Lehrbuch für Kaufleute aus dem Jahr 1669 lässt sehr schön erkennen, dass nicht nur Italianismen des Handels in den deutschen Wortschatz eingeflossen sind, für die es keine deutschen Begriffe gab, sondern auch, dass die Handlungsanweisungen abwechselnd in deutsch und italienisch geschrieben wurden. Demzufolge ist davon auszugehen, dass die Kaufleute nicht nur die italienische Fachsprache beherrschten, sondern auch über Grundkenntnisse im Standard-Italienisch verfügen mussten. 

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Abb. 9: Beusserm, Nicolaus (1669): Buchhalten über propere Commissions-Handlungen [...]. Frankfurt

3.5.1. Erste Lehrbücher für den Kaufmann

  • Pegolotti, Francesco Balducci (1339/1340): La practica della mercatura.
    Hierbei handelt es sich um einen Kaufmannsführer, der Gewichte, Währungen und Güter vorstellt und beschreibt.

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Abb. 10: Auszug aus Pegoloti, Francesco (1339/1340): Seiten 14-15, La pratica della Mercatura.

  • Georg von Nürnberg (1424): Das älteste italienisch-deutsche Sprachbuch.
    Es enthält Wortgleichungen, Verben und einen Dialogteil.
  • Pisano, Leonardo (genannt Fibonacci) (1202): Liber abaci.
    Praktische Arithmetik, arabische Zahlen mit Einführung der Null, Rechenbeispiele, Maßeinheiten, Gewichte, Geld- und Kreditwesen.
  • Pacioli, Luca (1494): Summa de arithmetica, geometria, proportioni et proportionalita.
    Ein Standardwerk, das ein Kapitel für Rechnungswesen und Buchführung enthält.

Summa de arithmetica, geometria, proportioni et proportionalita war das größte und letzte Werk Paciolis und besteht aus zwei Teilen. Das Kapitel 9 des ersten Teils handelt vom Rechnungswesen und der Buchführung, in dem erstmals die Methode der Buchführung ausführlich beschrieben wird. Da die Zielgruppe des Werks Kaufleute waren schrieb Pacioli das Werk in Volgare, denn die Kaufleute verfügten meist nur über geringe Lateinkenntnisse. Dieses Werk war ein Meilenstein in der Bildung einer Wirtschaftssprache, einer Fachsprache des Handels, die nun als solche unterscheidbar wurde. (vgl. Wilhelm 2013: 76)

Im Folgenden sind einige beispielgebenden Textstellen aus Paciolis Summa de arithmetica, geometria, proportioni et proportionalita zitiert, aus der die Kaufleute ihre Terminologie entwickeln konnten, die bis heute ihre Verwendung findet: (Wilhelm 2013: 77)

De quelle cose che sonno necessarie al vero mercante, e de l'ordine a saper ben tenere und quaderno con suo giornale in vinegia e anche per ogn'altro luogo (55).

Die erste Eintragung einer kaufmännischen Tätigkeit erfolgt in das Journal (Grundbuch).

La seconda cosa che si recerca al debito trafico sì è che con bello ordine tutte sue facende debitamente disponga, aciò con brevità possa  ciascuna haver notitia, quanto a lor debito e anche credito [...] (58).

Debitoren sind Forderungen, beispielsweise gegenüber Kunden, die aus Lieferungen und Leistungen Ihrer Firma resultieren. Den Debitoren (Guthaben) gegenüber stehen die Kreditoren (Lieferanten). Sie bezeichnen Verbindlichkeiten des Kaufmanns, die aus Lieferungen und Leistungen an Sie resultieren.

[...] del modo nel modo del far suo bilancio [...] (73).

Die Bilanz ist die Gegenüberstellung der Vermögensgegenstände und der Kapitalgegenstände eines Unternehmens zu einem bestimmten Stichtag.

[...] del modo a sapere, dittare le partite de la cassa e cavedale nel quaderno in dare e habere [...] (74)

Soll und Haben sind kaufmännische Begriffe aus der Kontoführung und der Buchführung. In der Kontoführung symbolisiert das Soll einen Minussaldo oder einen Abgang auf einem Konto, das Haben einen Plussaldo oder einen Zugang auf einem Konto.

[...] perchè el saldo tutto de tutti i libri [...] (100)

Der Saldo ist die Differenz zwischen der Sollseite eines Kontos und der Habenseite des Kontos. Zu einem konkreten Zeitpunkt werden dazu alle Zugänge mit den Abgängen auf dem Konto verrechnet. Das Ergebnis ist der Saldo. Er ist also, sofern er nicht Null beträgt, ein Gewinn oder ein Verlust.

4. Kaufmännische Innovationen aus Italien

Die folgenden kaufmännischen Innovationen aus Italien veränderten die Abwicklung der Handelsgeschäfte in erheblichem Umfang, nicht nur in Deutschland sondern in ganz Europa. 

4.1. Das Bank- und Kreditwesen

Das Wort 'Bank' (< it. banco) stand zunächst für einen kleinen Tisch, auf dem der italienische Wechsler im Mittelalter sein Geld positionierte. Es wurde bei ihm auch Geld hinterlegt, und er führte damit auch Zahlungen von einem Buch zu einem anderen Buch (Konto zu Konto) durch. Der Wechsler musste stets alle vorhandenen Münzsorten für seine Kunden bereitstellen können, ebenso Gold und Silber. Folglich gehört auch der Ankauf von Münzen und Edelmetallen zu seinem Beruf. Das Geld, das dem Wechsler anvertraut war und gerade nicht benötigt wurde, konnte er für Kredite vergeben. Der Bankier war geboren. Die erste Wechsel-Bank wurde in Venedig gegründet, die Banco di giro, die auch Kredite vergeben durfte.

4.2. Der Wechselbrief (< it. lettere di cambio)

war eines der wichtigsten kaufmännischen Instrumente im internationalen Handel des Mittelalters um Geld von einem Ort zu einem anderen zu transferieren. Der Wechselbrief hatte eine Doppelfunktion und diente nicht nur für den Geldtransfer sondern ein wichtiges Kreditinstrument des Handels in ganz Europa.

4.3. Transport und Verpackung

Die Verpackungsarten waren über Jahrhunderte hinweg relativ ähnlich. Es wurden Säcke, Fässer, Ballen, Kisten, Schachteln oder Lederbeutel (Safran) als Verpackungsmittel verwendet. Im 16. Jahrhundert entwickelte sich eine frühe Form des Speditionswesens, in Form von Unternehmen, die sich darauf spezialisierten, für Kaufleute Fracht zu transportieren.

4.4. Postwesen

Im Mittelalter dominierten drei Einrichtungen bei der Übermittlung von Nachrichten: die katholische Kirche, die Herrscher der Stadt- und Flächenstaaten und der Fernhandel. Erste Stafetten zur Nachrichtenübermittlung mittels Reiter- und Pferdewechsel entstanden schon 1400 im Herzogtum Mailand durch die Familie Thurn und Taxis (< it. Torre e Tasso), die als Postunternehmer in ganz Europa ein flächendeckendes Netz errichteten. Die entscheidende Neuerung war, dass alle 7 bis 14 Kilometer Posten (< it. poste) zum Reiter- und Pferdewechsel eingerichtet wurden, damit der Transport von Nachrichtensendungen ohne Unterbrechungen fortgesetzt werden konnte.

4.5. Versicherung

Im 13. Jahrhundert entstand in Italien eine Form des Versicherungsdarlehens per nolo e rischio ('für Miete und Risiko'). Der Schiffseigentümer zahlte eine Geldsumme, die den Wert der Ware abdeckte. Kamen die Waren an, zahlte der Kaufmann das Darlehen zusammen mit den Kosten für Fracht und Risikoabdeckung zurück. Versicherungen, wie sie in der heutigen Form bekannt sind, erscheinen erst Mitte des 14. Jahrhunderts. Sie deckten Schäden ab, die einem während der Reise über das Meer widerfahren konnten: Feuer, Sturm, Piraterie etc. (vgl. Wilhelm 2013: 48)

4.6. Der Makler

Der Makler vermittelte Geschäftsbeziehungen und fungierte zugleich als Dolmetscher. Ein Abschluss von Handelsgeschäften ohne Makler war meist untersagt, sie hatten auch eine Kontrollfunktion inne und wurden als Sachverständige bei Streitigkeiten zu Rate gezogen. Allgemeine Geschäftsbedingungen nach heutigem Vorbild gab es noch nicht, deshalb war es unabdingbar, die Handelsgeschäfte unter Hinzunahme eines Maklers abzuwickeln.

4.7. Die doppelte Buchführung 

Die wichtigste Neuerung, die die Kaufmannsschaft den italienischen Kaufleuten und Gelehrten verdankte war die doppelt Buchführung. Die kaufmännische Buchführung wurde immer komplexer, denn die Händler bzw. Handelsgesellschaften mussten sich mit Anteilseignern, Lieferanten und Kunden in diversen Niederlassungen auseinandersetzen und benötigten auf diesem Grund mehrere Bücher.  

Bei der doppelten Buchführung verteilte der Kaufmann sein Hab und Gut auf verschiedene Konten. Er rechnet mit Konten für Debitoren und Kreditoren, für die Kasse und für seine Waren. So ergab sich zum Schluss eine 'Bilanz', die ausgeglichen sein musste. Jede kaufmännische Handlung musste somit zweifach vermerkt werden, damit der Ausgleich ('Saldo') generiert werden konnte. Wurde Ware verkauft, gab es einen Eingang auf das Konto 'Kasse', bei dem Konto 'Ware' erschien der gleiche Wert als 'Ausgang'. Sinn und Zweck war, bei Kontenabschluss Gewinn und Verlust zu ermitteln, der sich über die Salden ergab. (vgl. Wilhelm 2013: 50)

5. Italianismen in der Sprache des Handels

Die Handelssprache gehört zu den sogenannten Fachsprachen und ist vermutlich eine der ersten Fachsprachen,  die sich herausgebildet hat. Fachsprachen zeichnen sich durch bestimmte Anforderungen aus, wie etwa der Notwendigkeit, bestimmte Objekte zu benennen und Konzepte auszudrücken, die nicht dem Alltag angehören, sowie auch spezielle Kenntnisse zu vermitteln. So verwendet jede Fachsprache Termini, die oft nicht dem Register der Allgemeinsprache angehören und die durchaus einzelsprachenübergreifend sein können. Das zentrale Element der Fachsprache ist die ihr eigene Terminologie, deren Distanz zur Allgemeinsprache womöglich so groß ist, dass ein durchschnittlich gebildeter Sprecher nicht folgen kann. Es handelt sich somit um eine sprachliche Varietät mit der Funktion einer präzisen, effektiven Kommunikation über meist berufsspezifische Sachbereiche und Tätigkeitsfelder. Wichtigstes Merkmal ist der differenziert ausgebaute, z.T. terminologisch normierte Fachwortschatz, dessen Wortbedeutung frei sind von umgangssprachlichen Konnotationen. (vgl. Wilhelm 2013: 60)

Über die Fachsprache des Handels hinaus finden sich Warenbezeichnungen, die ebenso in der Alltagssprache Verwendung finden, die ihren Ursprung im Italienischen haben und heute als Italianismen im deutschen Wortschatz etabliert sind. Die Vermengung von Diskursformen und Terminologien lässt sich innerhalb des komplexen Feldes der Handelsfachsprache nicht vermeiden. Gutkind sieht folgende fünf Bereiche der Handeslfachsprache: Handelskorrespondenz, Terminologie der Praxis des Geld- und Warenhandels, Sprache der Wirtschaftswissenschaften, Börsensprache und Reklamesprache. (vgl. Gutkind 1931: 385)

Für den Handel im Spätmittelalter lässt sich die Terminologie in folgende Themenbereiche untergliedern, aus denen Wörter vom Italienischen in das Deutsche übernommen wurden.

  • Begriffe der Buchhaltung und Finanzwelt
  • Begriffe der Handelstätigkeit, inklusive der Verpackung und des Versands
  • Typische Handelswaren (wie Gewürze, Obst, Rohstoffe, Stoffe)
  • Alltagsbegriffe (wie Zettel)
  • Versicherungswesen
  • Postwesen 

Beispiele für Italianismen des Handels im Deutschen Wortschatz

Agent (< it. agente)   Diamant (< it. diamante)   Rest (< it. resto)
Accordo (< it. accordo)   Dukaten (< it. ducato)   Retoure (< it. ritorni)
Police (< it. polizza)   Dutzend (< it. dozzina)   Risiko (< it. rischio)
Ballen (< it. balla)   Kapital (< it. capitale)   Saffran (< it. zafferano)
Bank (< it. banca)   Karat (< it. carato)   Saldo (< it. saldo)
Bankrott (< it. banca rotta)   Kasse (< it. cassa)   Schachtel (< it. scatola)
Bilanz (< it. bilancia)   Koriander (< it. coriandolo)   Sirup (< it. sciroppo)
Brutto (< it. brutto)   Kredit (< it. credito)   Spesen (< it. spesa)
Buchhalter (< it. tenere i libri)   Netto (< it. netto)   Tara (< it. tara)
Damast (< it. damasco)   Prozent (< it. per cento)   Zucker (< it. zucchero)
Dattel (< it. dattero)   Mandel (< it. mandorla)   Sorte (< it. sorta)
Brokat (< it. broccato)   Pomeranze (< it. pomarancia)   Giro (< it. giro)
Inventar (< it. inventario)   Koralle (<it. corallo)   Tarif (< it. tariffa)

Abb. 12: eigene Tabelle

6. Schlussbetrachtung und Ausblick

Zu Beginn der Arbeit wurden im linguistischen Überblick die Begriffe Interferenz, Entlehnung, Fremdwort und Erbwort  erläutert und abgegrenzt. Dann führte der Weg  über die Voraussetzungen für den Wortschatzwandel zu den Entlehnungen aus dem Italienischen. Für eine detaillierte Erörterung des Entlehnungsvorganges wurden die kulturhistorischen Gegebenheiten mit einbezogen, damit deutlich gemacht werden konnte, warum gerade das Italienische im kaufmännischen Diskurs einen solch großen Einfluß hatte. Nachdem im 14. Jahrhundert die Messestädte an Bedeutung verloren, wurde Italien mit seinen Handelsstädten zum 'Dreh- und Angelpunkt' des europäischen Fernhandels. Dies war zum einen bedingt durch seine geographische Lage im Mittelmeer,  als Treffpunkt von Europa, Asien und Afrika und zum anderen durch die in Italien entstandenen, wegweisenden kaufmännischen Innovationen, die dem Land auf lange Zeit Reichtum und großen Einfluss im Alltag des Kaufmanns sicherten.

Diese kaufmännischen Innovationen verbreiteten sich rasch über ganz Europa. Das Bank- und Kreditwesen entstand aus den Geldwechslern, die nicht nur wechselten, sondern auch Geld aufbewahrten und Kredite vergaben. Dabei wurde auch der Wechselbrief eingeführt, der in seiner Doppelfunktion für den Geldtransfer und wichtiges Kreditinstrument in ganz Europa diente. Es entstanden Unternehmen, die Verpackung und Transport für die Kaufleute übernahmen; eine frühe Form des Speditionswesens. Für die Nachrichtenübermittlung richtete die Familie Thurn und Taxis in Europa ein flächendeckendes Netz von Poststationen ein. Versicherungen für die Absicherung des Warentransports wurden gegründet und Makler wurden eingesetzt, um die Handelsgeschäfte abzuwickeln. Die wichtigste Innovation im Handel war jedoch die Einführung der doppelten Buchführung.

All diese Neuerungen im Handel hatten ihren Ursprung in Italien und verbreiteten sich rasch über ganz Europa. Für viele der Neuerungen existierten im Deutschen keine Bezeichnungen, so war es naheliegend, dass viele italienische Bezeichnungen in das Deutsche übernommen wurden und sich als Italianismen etabliert haben.

Da insbesondere das Post- und Transportwesen ein fundamentaler Bestandteil des Fernhandels sind, wäre interessant, speziell die Italianismen dieser beiden Bereiche näher zu untersuchen und zu bewerten. Da dies den Rahmen der vorliegenden Arbeit überschritten hätte, könnte es eine Anregung für eine weiterführende Arbeit zu Italianismen im Handel sein.

 

 

Abbildungsverzeichnis:

Abbildung 1:
Accademia della Crusca (2012):  Titelseite: Italiano per il mondo. Firenze.
Eigener Scan

Abbildung 2:
Wappen der Stadtrepublik Venedig
Urheber: Von Sodacan - Own work by uploader; based on former picture Most serene republic coat of arms.jpg. The original drawing comes from a historical map, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6336066/ > Zugriff am 27.08.2021

Abbildung 3:
Wappen der Stadtrepublik Genua
Urheber: https://community.totalwar-hq.de/wcf/index.php?attachment/755-png-transparent-republic-of-genoa-herb-genui-coat-of-arms-doge-of-genoa-tracos-p/
> Zugriff am 27.08.2021

Abbildung 4:
Wappen der Stadtrepublik Pisa
Urheber: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Pisa_Wappen.png (gemeinfrei)
> Zugriff am 27.08.2021

Abbildung 5:
Handelsrouten durch Europa Via Regia / Via Imperii, Wikipedia
Urheber: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Via_Imperii_und_Via_Regia.png
> Zugriff am 27.08.2021

Abbildung 6:
Handelsrouten Bayern - Italien um 1500
Urheber: https://www.hdbg.de/bayern-italien/pdf/Karte-Handelswege_um_1500.pdf
> Zugriff am 27.08.2021

Abbildung 7:
Münze aus Venedig: Veneziano denaro 
Urheber: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Venezia_denaro_819_76001716.jpg (gemeinfrei) > Zugriff am 27.08.2021

Abbildung 8:
Italienische Bank Ende des 14. Jahrhunderts
Nachweis: F. Braudel, Sozialgeschichte des 15. - 18. Jahrhunderts, Bd. II: Der Handel, ND München 1990 (Paris 1979), S. 427

Abbildung 9:
Beusserm, Nicolaus (1669): Buchhalten über propere Commissions-Handlungen [...]. Frankfurt

Abbildungen 10:
Pegoloti, Francesco (1339/1340): S. 14-15, La pratica della Mercatura. New York: Kraus.

Abbildung 11:
Pacioli, Luca [1494 1974: Summa de arithmetica, geometria, proportioni et proportionalità. Venedig

Abbildung 12:
eigene Tabelle

Anhang:
Eidesstattliche Erklärung

/var/www/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2021/04/1630097388 Eidesstattliche Erklärung

 

Bibliographie

  • Denzel 1994 = Denzel, Markus A. (1994): "La Practica della Cambiatura", vol. 58, Stuttgart, Franz Steiner, 593.
  • Glück 2006a = Glück, Helmut (Hrsg.) (12006): Ein Franke in Venedig. Das Sprachlehrbuch des Georg von Nürnberg (1424) und seine Folgen., vol. 3, Wiesbaden, Harrassowitz, 178.
  • Glück 2010b = Glück, Helmut (Hrsg.) (42010): Metzler Lexikon Sprache, Stuttgart, Weimar, JB Metzler.
  • Manni 2012a = Manni, Paola (2012): Le parole della finanza e del commercio, in: Biffi, Marco / Coletti, Vittorio / D’Achille, Paolo / Frosini, Giovanna / Manni, Paola / Mattarucco, Giada (Hgg.): Italiano per il mondo. Banca, commerci, cultura, arti, tradizioni, Florenz, Accademia della Crusca, 23-52.
  • Niemann 2009 = Niemann, Hans Werner (2009): Europäische Wirtschaftsgeschichte. Vom Mittelalter bis heute., Darmstadt, WBG (= Geschichte kompakt).
  • Öhmann 1942 = Öhmann, Emil (1942): Über den italienischen Einfluss auf die Deutsche Sprache bis zum Ausgang des Mittelalters I, Helsinki, 76.
  • Öhmann 1944 = Öhmann, Emil (1944): Über den Einfluss auf die deutsche Sprache bis zum Ausgang des Mittelalters II, Helsinki, 43.
  • Pausch 1972 = Pausch, Oskar (1972): Das älteste italienisch-deutsche Sprachbuch. Eine Überlieferung aus dem Jahre 1424 nach Georg von Nürnberg., Wien.
  • Pegolotti 1936 = Pegolotti, Francesco Balducci (1936): La pratica della mercatura, Cambridge, Massachusetts, The Mediaeval Academy of Amerika, 443 [Kraus Reprint Co., New York, 1970].
  • Schmöe 1998 = Schmöe, Friederike (11998): Italianismen im Gegenwartsdeutschen unter besonderer Berücksichtigung der Entlehnungen nach 1950, vol. 1, Bamberg, Colibri-Verlag, 550.
  • Weinreich 1977 = Weinreich, Uriel (1977): Sprachen in Kontakt. Ergebnisse und Probleme der Zweisprachigkeitsforschung, München, Beck.
  • Wilhelm 2013 = Wilhelm, Eva-Maria (2013): Italianismen des Handels im Deutschen und Französischen: Wege des frühneuzeitlichen Sprachkontakts, Berlin u. a., De Gruyter.
  • Wolf 2013 = Wolf, Nikolaus (2013): Kurze Geschichte der Weltwirtschaft, Creative Commons Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE.

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