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Die ‚emische‘ und die ‚etische‘ Forschungsperspektive

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Kulturelle Zusammenhänge können ‚von außen‘ beschrieben werden, also durch Forscher, die nicht in der betreffenden Kultur leben oder wenigstens gelebt haben. So können etwa die Ernährungsgewohnheiten leicht erfasst werden. Das mit den kulturellen Praxen, also z.B. mit den Ernährungsgewohnheiten assoziierte Wissen erschließt sich jedoch nur ‚von innen‘, aus der Vertrautheit mit dem jeweiligen kulturellen Zusammenhang. Das Tragen eines Bikinis, um ein anderes Beispiel zu nennen, ist in der Innenperspektive Deutschlands oder der USA vollkommen akzeptabel, in manchen Außenperspektiven dagegen nicht; dass entsprechende Unterschiede nicht immer symmetrisch sind, zeigt der so genannte Burkini, der in Innenperspektiven, die den Bikini nicht gestatten, akzeptabel ist, aber andererseits auch für solche, die den Bikini als akzeptabel empfinden keineswegs inakzeptabel ist. (Die Übertragung von Bewertungen aus der europäischen Innenperspektive auf die Außenperspektive bezeichnet man als ‚eurozentrisch‘.)

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2017/08/1504505556 On the beach

 

Der amerikanische Sprachwissenschaftler Kenneth Lee Pike hat dafür das Begriffspaar ‚etic‘ (‚von außen‘ < en. phonetic) und ‚emic‘ (‚von innen‘ < en. phonemic ‚phonologisch‘) geprägt; die Unterscheidung der beiden Perspektiven ist vor allem die Kultur- und Sozialwissenschaften sehr wichtig geworden, unabhängig davon, dass sie je nach Forschungsansatz auch anders bezeichnet werden:

„As a matter of fact, this general problem has been exercising methodological discussion in anthropology for the last ten or fifteen years; Malinowski’s voice from the grave merely dramatizes it as a human dilemma over and above a professional one. The formulations have been various: ‚inside‘ versus ‚outside‘, or ‚first person‘ versus ‚third person‘ descriptions; ‚phenomenological‘ versus ‚objectivist‘, or ‚cognitive‘ versus ‚behavioral‘ theories; or, perhaps most commonly ‚emic‘ versus ‚etic‘ analyses, this last deriving from the distinction in linguistics between phonemics and phonetics, phonemics classifying sounds according to their internal function in language, phonetics classifying them according to their acoustic properties as such. But perhaps the simplest and most directly appreciable way to put the matter is in terms of a distinction formulated, for his own purposes, by the psychoanalyst Heinz Kohut, between what he calls ‚experience-near‘ and ‚experience-distant‘ concepts.“ (Geertz 1974, 28)

Gelegentlich wird das emische Wissen und die entsprechenden Kategorien ausschließlich mit dem Laienwissen der kulturellen Interagenten (also z.B. der Sprecher) identifiziert und das etische Wissen mitsamt den entsprechenden Kategorien zum exklusiven Expertenwissen des Forschers erklärt. Dazu ist jedoch zu sagen, dass es sich um zwei eng verflochtene, aber getrennte Oppositionen handelt:

  systemimmanente Kategorien systemübergreifende Kategorien
Laie (z.B. Sprecher) emisch (Alltagswelt) etisch (Alltagswelt)
Wissenschaftler (z.B.  emisch (Wissenschaft) etisch (Wissenschaft)

Der Wissenschaftler gelangt ohne allgemeine, etische Kategorien keinen Zugang zu den kulturellen Zusammenhängen, die beschreibt. Für das Verständnis ist jedoch das emische Laienwissen von fundamentaler Bedeutung.

„Hence, etic data provide access into the system – the starting point of analysis. They give tentative results, tentative units. The final analysis or presentation, however, would be in emic units. In the total analysis, the initial etic description gradually is refined, and is ultimately – in principle, but probably never in practice – replaced by one which is totally emic.“ (Pike 1967, 38 f.)

„The value of emic study is, first, that it leads to an understanding of the way in which a language or culture is constructed, not as a series of miscellaneous parts, but as a working whole. Second, it helps one to appreciate not only the culture or language as an ordered whole, but it helps one to understand the  individual actors in such a life drama – their attitudes, motives, interests, responses, conflicts and personality development.“ (Pike 1954, § 2.15, p.11; meine Hervorhebung, TH.K.)

Diese Auffassung, die auch von anderen bedeutenden Sozialwissenschaftlern, etwa vom Soziologen Pierre Bourdieu vertreten wird, impliziert den Verzicht auf die Vorstellung vollkommener Objektivität zugunsten konstruktivistischer Modellierungen:

„La théorie la plus résolument objectiviste doit intégrer la représentation que les agents se font du monde social et, plus précisément, la contribution qu’ils apportent à la construction de la vision du monde, et, par là, à la construction même de ce monde, à travers le travail de réprésentation (à tous sens du terme) qu’ils ne cessent d’accomplir pour imposer leur vision du monde ou la vision de leur propre position dans ce monde, de leur identité sociale.“ (Bourdieu 2001, 300)

‚Auch eine entschieden objektivistische Theorie muss die Repräsentation integrieren, die sich die handelnden Personen von der sozialen Welt machen, und genauer gesagt den Beitrag, den sie zur Konstruktion des Weltbilds und dadurch zur eigentlichen Konstruktion der Welt leisten, und zwar durch die Arbeit der Repräsentation, die zu vollbringen sie niemals aufhören, um ihr Weltbild, oder das Bild  ihrer eigenen Position in dieser Welt und ihrer eigenen sozialen Identität durchzusetzen.‘ (Übers. TKrefeld)

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3 Antworten

  1. Liebe Frau Huetz,

    vielen Dank! Wir werden Do besprechen, ob es sinnvoll ist, nicht ausformulierte Praesentationen einzubinden.

    Noch einen schoenen Sonntag (der seinen Namen verdient)
    ThK

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