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ALS: Ethnodialektaler Teil

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Zitation: Thomas Krefeld (2019): ALS: Ethnodialektaler Teil. Lehre in den Digital Humanities. Version 3 (22.02.2019, 10:54). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=27072&v=3.

Zu den ethno-dialekten Themenbereichen liegen inzwischen mehrere Arbeiten vor.

  • traditionelle Kinderspiele
  • Ernährung
  • Hirtenleben
  • Schwefelabbau

1. Traditionelle Kinderspiele

Exemplarisch vorgestellt wird Giovanni Ruffinos Darstellung des Kreiselspiels.

I nomi della trottola e la memoria del gioco (Ruffino 1997)

Diese Veröffentlichung enthält vor allem 11 Sprachkarten, sodann einen Begleitband mit Angaben zu den  29 Exploratoren, zu den Aufnahmen (Informanten mit Klarnamen, Orte), etliche etnotesti (Ruffino 1997, 35-75),  sowie eine CD-ROM mit Audio- und Videomaterial. Hier die Karte zum Erhebungsnetz:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463482885 ALS trott Orte

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Ein Video zeigt das Spiel (es kann hier leider nicht noch nicht allgemein zugänglich gemacht werden). 

Die 11 Karten behandeln folgende Themen:

  1. La trottola
  2. I nomi della trottola: tipi lessicali
  3. Altri nomi della trottola
  4. Punta metalica della trottola
  5. Sistemi di agganciamento (alle dita) della funicella con la quale si lancia la trottola
  6. Sibilo, ronzio prodotto dalla trottola / la trottola fischia
  7. Trottola eccelente
  8. Quando la funicella avvolta intorno alla trottola si allenta e cede, si dice…
  9. Lat. GL/LJ, it.
  10. Giochi con la trottola
  11. Bambino che disturba/complica il gioco

Die folgenden Kartenauschnitte (umfassen den Nordwesten, etwa zwischen Trapani, P. 110, und Palermo, P 201) zeigen zunächst das Objekt und dann die Vorgehensweise bei der Kartierung: 

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463483948 Trottola foto

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In einer ersten Karte werden die einzelnen Belege in transkribierter Form wiedergegeben, genau so wie beim AIS.

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Auf einer Punktsymbolkarte werden sodann die Einzelbeleg in typisierter Form dargestellt; in der Legende werden die jeweiligen lexikalischen Typen in Standardorthographie und vereinfachter Transkription präsentiert:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463477919 ALS trott Typen2

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/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463477795 ALS trott Typen

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Als Beispiel für einen etnotesto dient der Anfang einer Erzählung des Informanten aus Alcamo, P 109 (audio 109E.mp3).

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463474629 Alcamo trott etnotesto sic

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/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463474762 Alcamo trott etnotesto it

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Ünrigens zeigt der Datenträger in Gestalt einer CD ROM die Ambivalenz des medialen ‚Fortschritts‘, denn die notwendige Software (Quick Time) ist nach 11 Jahren nur noch bedingt verfügbar und zudem mit starken Sicherheitsrisiken behaftet.

Modelli di rappresentazione dell’universo ludico tradizionale nell’esperienza dell’Atlante Linguistico della Sicilia (Giuliano Rizzi 2008)

Diese umfangreiche Untersuchung folgt dem Modell von Ruffino 1997; sie widmet sich den Abzählreimen (la conta), einem Spiel mit Steinchen, die in die Luft geworfen werden und aufgefangen werden müssen, einem Spiel, bei dem mit den Fingern etwas geschnipst wird sowie der Steinschleuder. Es werden ebenfalls etnotesi, Karten und lexikologische Analysen zur Verfügung gestellt. Der multimediale Teil (Audi, Video, zahlreiche Photos) wurde stark ausgebaut. 

1.1. Hirtenleben

Zu den tragenden Säulen des ALS gehören auch die ethnographischen Lexika. Das erste war der  

Lessico dei pastori delle Madonie (Roberto Sottile 2002)

Damit wird eine spezielle und auch gefährdete Alltagswelt erfasst, die mit ihrer Mobilität und den damit verbundenen Besonderheiten, nicht nur in Sizilien, sondern eigentlich überall in mehr oder weniger deutlichem Gegensatz zur substantiell immobilen, bäuerlich dominierten Kultur steht. Das Erhebungsnetz im Mittelgebirge der Madonie zeigt die folgende Karte: 

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/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463496420 ALS Madonie – Die bergige Region der Madonie (aus: Sottile 2022, 19)

 

„La pastorizia, che fino agli anni ’50 ha rappresentato una delle principali attività economichea del territorio madonita, esercitata secondo la forma ‚addomesticata‘ del nomadismo, attraverso gli spostamenti a breve raggio, ha costituito, nell’ambito di un generale assetto geografico e geolinguistico caratterizzato dalla presenza di almeno tre sub-aree isolate ed essenzialmente diverse per storia e tradizioni, l’unica occasione di scambio di modelli linguistici e culturali.“ (Sottile 2002, 17)

„Eppure, se scambio di tratti culturali vi è stato, esso si verifica solo all’interno dell’universo pastorale e, cosa più importante, esso ha avuto luogo a livello intra-areale (all’interno cioè di ciascuna sub-area), piuttosto che interareale (tra le diverse sub-aree dell’intera area madoniat).“ (Sottile 2002, 18)    

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/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463501508 ALS Madonie Transhumanz – Transhumanzrichtungen (modifizierte Grundkarte von ThK nach den Angaben in Sottile 2002, 18 ff.)

Die Wörterbuchdaten wurden analog zum Atlas mit einem, allerdings auf den Sachbereich spezialisierten Fragebuch erhoben. Dort werden die folgenden Themenbereiche abgefragt:

  1. Nomi  in base all’età (Fragen 1-23)
  2. Il gregge (24-58)
  3. Malattie e rimedi (59-63)
  4. L’accoppiamentoe gli impedimenti contraccettivi – la fecondazione (64-71)
  5. Il parto e l’allattamento (72-94)
  6. La giornata del pastore 
  7. Gerarchie dei pastori (95)
  8. L’abbigliamento del pastore (96-97)
  9. L’alimentazione del pastore
  10. Il pascolo (98-134
  11. La tosatura (135-145)
  12. La marchiatura (147-148)
  13. La castrazione (149-152)
  14. La macellazione (153-157)
  15. La produzione del formaggio (158-192)
  16. La produzione della ricotta (193-206)
  17. Forme di mezzadria

Das eigentliche sizilianisch-italienische Wörterbuch (59-183) wird durch einen Repertorio italiano-dialettale (185-208) sowie einige Abbildungen (209-222) ergänzt.

Die Makrostruktur des zentralen Teils  folgt mit ihrer alphabetischen Ordnung dem lexikographischen Mainstream; bemerkenswert ist jedoch die Mikrostruktur der einzelnen Artikel, denn jedes Stichwort (oder: Lemma) wird mit Kontext, nämlich im Ausschnitt aus einem etnotesto zitiert, wie das folgende Beispiel aus der Wortschatz der Milchverarbeitung zeigt:

„tuma GA [‚tuma], GE → etn., AL → etn., CA → etn., IS. → etn., PO → etn. [‚tuma], [‚tumwa] f. prodotto caseoso che si ottiene rompendo la cagliata. 2. formaggio fresco non sottoposto a sterilizzazione nella scotta. 3. formaggio fresco, immerso direttamente nella scotta senza essere pressato nelle fiscelle.

Rotta la cagliata (→ quagghiata) nella → tina, la massa caseosa che precipita sul fondo e che viene raccolta (→ accampari, → arricampari) e sistemata a scolare nel → tavulìere è ormai detta tuma. La tuma, poi, facoltativamente tagliata a cubetti, viene sistemata in fiscelle (→ ntumari, → ntumalora) perché possa scolare ulteriormente. Tuma è, inoltre, chiamato il formaggio che non viene sottoposta a sterilizzazione nella scotta (cfr. GE)  e che generalmente viene consumato subito  […]

Etn.   GE a tuma un ci â d’èssiri misa nâ → vasceɖɖa, si ssi parra di tuma.

Trad. «la ‚tuma‘ non va messa [raccolta] nelle fiscelle, se parliamo della ‚tuma‘ ».

[…]

Etn. IS a tuma jeni u prodottu che si ffa ppoi u → formàggiu

Trad. «La ‚tuma‘ è il prodotto [la pasta caseosa] che [con cui] si fa il formaggio».

[…] (Sottile 2002, 168)

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463640024 Abb Sottile 2002

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463640024 Abb Sottile 20

Außerordentlich nützlich ist im Übrigen der so genannte

  • repertorio italiano – dialetto.

Dabei handelt es sich eigentlich um einen onomasiologischen Index, der nicht alphabetisch, sondern nach den Sachgebieten des Fragebuchs geordnet ist. Das genannte Lemma tuma findet sich konsequenterweise unter dem Sachbegriff:

„LA PRODUZIONE DEL FORMAGGIO

[…]

prodotto caseoso che si ottiene rompendo la cagliata

tuma GA, GE, AL, CA, IS, PO

tuma cruda PO.“ (Sottile 2002, 204)

Dadurch wird es auch nicht kompetenten Sprechern des Sizilianischen ermöglicht, ihnen unbekannte dialektale Bezeichnungen gezielt zu finden: in alphabetischen Listen findet man ja nur, was man suchen kann.

Diese Konzeption liefert eine gute Basis für vergleichende Untersuchungen zur Lexikalisierung eines Sachgebiets und zur entsprechenden Wortgeschichte, wie sich wiederum ausgehend von siz. tuma exemplifizieren lässt. Das Wort ist in den Westalpen weitverbreitet (fra. tomme; vgl. die Dokumentation dieses morpho-lexikalischen Typs in der allgemeinen Bedeutung ‚Käse‘ auf der interaktiven Karte von VerbaAlpina). Es handelt sich also bei der sizilianischen Entsprechung zweifellos um ein galloitalisches Wort, das mit den zahlreichen Siedlern aus dem Süden Piemonts (Monferrato) und aus Ligurien gekommen  ist, die im Gefolge der normannischen Wiedereroberung Siziliens dort eingewandert sind und etliche Kleinstädte gegründet haben, deren galloitalischen Dialekte sich teils bis heute erhalten (vgl. Trovato 1998) haben.

Semantisch (und onomasiologisch) interessant ist jedoch, dass im Sizilianischen, im Gegensatz zum Französischen und Galloitalischen, zwischen tuma ‚ungeformter Frischkäse‘ und formaggiu ‚gepresster und geformter Käse‘ unterschieden wird: die Etymologie von ita. formaggio (und fra. fromage), nämlich das lat. Partizip formaticu(m) ‚geformt‘ ist hier also noch transparent.

Im Übrigens finden sich auch dieselben Geräte teils in der alpinen Milchverarbeitung wieder; so sind entsprechende Milchgefäße überall im Alpenraum verbreitet:

 

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463651576 MIlchgefass Aus Unterschonau

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463651576 – Milchgefäß aus Unterschönau bei Berchtesgaden

1.2. Ernährung

Zu diesem zentralen Bereich der Alltagswelt liegen mehrere detaillierte Untersuchungen vor; in methodischer Hinsicht bemerkenswert ist die fragebogenbasierte Arbeit über:

Concetti alimentari complessi e sistemi nominali in geografia linguistica. Le focacce siciliane (Vito Matranga 2011) 

Ähnlich wie Ruffino 1997 besteht sie aus einem längeren beschreibenden Teil, einer sehr detaillierten Photodokumentation und 10 onomasiologischen Karten. Darin wird die folgende Typisierung zu Grunde gelegt:

„A = generalmente consumate senza condimento

B = con condimento aggiunto all’interno successivamente alla cottura nel forno

C = con condimento aggiunto prima della cottura nel forno

 

F = fritte in padella e insaporite con sale oppure con zucchero, con zucchero e cannella o con miele

I tipi A e B sono a loro volta distinti secondo la modalità di cottura […], rispettivamente

a= a forno aperto (Aa e Ba)

u = a forno chiuso (Bu)

o = con il calore residuale del forno, dopo avere sfornato il pane (Ao)

e = nelle cenere del braciere (Ae)

i = con la mediazione di tegole o testi posti sulla brace, oppure schiacciate contro lo sportello o la parete rovente del forno o del focolare rustico (Ai)

I tipi C […] sono distinti 

1 = sulla superficie (similmente, dunque, a una pizza)

2 = tra due diverse sfoglie di pasta unite lungo tutto il perimetro (similmente, dunque, a una ‚torta‘)

3 = sulla metà di un’unica sfoglia di pasta ripiegata su se stessa (similmente, dunque, a un calzone)

4= su un’unica sfoglia di pasta avvoltolata e poi modellata ( forma di pagnottella, a ciambellam, a spirale) oppure soltanto ripiegata più volte su se stessa  prima di essere infornata. 

[…]

Talvolta è […] il tipo di condimento a determinare una differenza lessicale tra queste focacce del tipo C. In questi casi esso sarà segnalato (con lettera in corsivo):

♦ per itipi C1

n = condimento ‚minimale‘ […]

x = condimento ‚massimale‘

z = soltanto con (olio e) zucchero

c = carni

p = pesci

r = ricotta

v = verdura e ortaggi“ (Matranga 2011, 32 f.)

Nur im Fall C1 wird eine eindeutige Bezeichnung belegt (sic. sfinciuni). Unter den zahlreichen anderen Bezeichnungen sind 2 Typen besonders verbreitet, die sozusagen zwei prägende Perioden der sizilianischen Geschichte widerspiegeln: die antike griechische Kolonisierung und die Regierungszeit der französischen Anjou-Dynastie. Es handelt sich um: 

  • cuɖɖura < gr. κoλλύρα (lat. collyra)
  • guasteɖɖa < afra. gastel/vastel (VES (vgl. nfra. gâteau ‚Kuchen‘) 

Eine Zuordnung zu den onomasiologischen Typen ergibt etwa das folgende Bild:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463665328 Matranga2

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463665328 Matranga2 – aus Matranga 2011, 46

Besondere Gelegenheiten, bei denen spezielle Typen verzehrt werden sind

D = Commemorazione dei defunti

I = Immacolata Concezione

L = San Calogero 

M = S. Martino

N = Periodo natalizio

P = Pasqua

T = Pentecoste

Eine synoptische Gesamtdarstellung leistet eine hochkomplizierte Übersichtskarte, die nur in einem sehr kleinen Ausschnitt (Palermo und Umgebung) hier angedeutet werden kann:

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463666682 Matranga3

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463666682 Matranga3 – Matranga 2011, Karte 8, Palermo und Umgebung

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