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Italienisch in Mexiko- Sprache und Gemeinschaft

I. Allgemeines

Viele Italiener wanderten zur Zeit der italienischen Diaspora  (Einigung Italiens-Faschismus) nach Amerika aus.

Gründe hierfür liegen in der Verbesserung der Lebensverhältnisse des Südens nach der Einigung 1861 (Zugang zu Krankenhäusern, bessere Hygiene) und der daraus resultierenden Überbevölkerung. Daraus entstand eine große Arbeitslosigkeit, wobei Hungersnöte seltener zu den Beweggründen zählten. Im Norden wurde Migration teilweise durch Länder, wie Mexiko, welche Arbeitskräfte benötigten, angetrieben (s.u. II).

Es kam dann oft zu einer sogenannten Kettenmigration, was bedeutet, dass Familien und Freunde, nachgeholt wurden. Man konnte sich mehr auf die Erzählungen verlassen, was einen erwarten würde. Zudem konnten die Kosten für Migration durch ein bereits bestehendes soziales Netzwerk minimiert werden. Informationen via Briefverkehr kommen überhaupt erst bei Bevölkerung an (Moretti: S. 649), man verlässt sich in vielerlei Hinsicht auf das soziale Netzwerk.

Der neugegründete italienische Staat hatte zunächst Schwierigkeiten die Massenmigrationen zu rechtfertigen. Er drehte die Sichtweise dann aber komplett um und versuchte die Migranten an die madre patria zu binden, indem sie Sprache und Kultur im weitesten Sinne als Art Kolonialismus in die neue Welt bringen sollten (Choate: S. 113). Es sollte künstlich eine italienische Identität geschaffen werden, welche als solche nach der Einigung noch nicht einmal in Italien selbst bestand (Choate: S. 113). Da im Zuge der Kettenmigration oft große Teile von Familienclans und oft auch Freunde emigrierten wurden dann in der neuen Heimat ganze italienische Dörfer nachgebaut. Dies beinhaltet dann auch die weitere Nutzung der Sprache, welche man mitbrachte. Je nach Region entstand dann später ein mehr oder weniger stark ausgeprägter Bilingualismus.

Dies erklärt auch, warum es einzelne italienische Dialekte im Mexiko geschafft haben, bis heute aktiv gesprochen zu werden, obwohl die totale Zahl der Auswanderer hier sehr niedrig war. Oft sind sie mittlerweile mit Spanisch vermischt, werden aber durchaus noch zur Kommunikation untereinander verwendet.

Als Musterbeispiel hierfür kann das Veneto des Ortes Chipilo gesehen werden.

II Veneto von Chipilo

Das Migrationsprogramm der mexikanischen Regierung legte fest, dass italienische Einwanderer hauptsächlich aus dem Norden Italiens kommen sollten, da man zunächst „die arbeitsscheuen Süditaliener“ ausschließen wollte (Wössner: S. 24).

Im Jahre 1882 kam eine Gruppe Kolonisten aus Italien in Mexiko an, wovon 424 Personen nach Chipilo geschickt wurden (Wössner: S. 24). Sie wurden von der mexikanischen Regierung über 20 Jahre protegiert, da diese durch die Einwanderung von Europäern versuchen wollte, gegen das „indogene Problem“ vorzugehen.

Der Dialekt des Veneto konnte sich nun mehr schon fast 120 Jahre in diesem Gebiet erhalten (Wössner: S. 43). Grund hierfür war auch die große Homogenität der Einwanderergruppe (fast alle aus dem Veneto, nur vereinzelt aus anderen, auch norditalienischen Provinzen), welche die Verständigung untereinander wesentlich vereinfachte (Wössner: S. 43).

Da heute der Kontakt zu Sprechern außerhalb der eigenen Gemeinde deutlich einfacher ist, mittlerweile gibt es eine sehr gut ausgebaute Infrastruktur, hat sich ein additiver Bilingualismus entwickelt, da nun mehr Spanisch ebenfalls gelernt und gesprochen wird (Wössner: S. 44).

Die Bewohner Chipilos sehen sich aber zudem immer noch als eigene ethnische Gruppe an, was bedeutet, sie sehen sich auf Grund gleicher Herkunft, Religion, Sprache und Kultur als zusammengehörig an.

Der hauptsächlich gesprochene Dialekt ist feltrino-bellunese (Vedovelli: S. 373). Das sogenannte chipileño  ist bisher nicht als Minderheitensprache anerkannt, allerdings gibt es Bestrebungen diesen Status zu erreichen (Vedovelli: S. 374). Dies wäre auch sprachhistorisch interessant, da es diese Form des Dialekts in Italien auf Grund der fortschreitenden Verbreitung der Standardsprache nicht mehr gibt (Vedovelli: S. 373).

III. Lombardo

Die Stadt Nueva Italia wurde 1909 von Dante Cusi gegründet, welcher 1848 in Brescia, Lombardei geboren wurde. Er kaufte 1903 ein Landgut in Mexiko und gründete dort später auch seine Stadt. Ebenso kaufte er im selben Jahr die Hacienda de La Zanja und nannte sie Lombardìa. Nach dem Bau einer Bahnstrecke kamen auch viele Italiener in diese Gegend um auf den schnell wachsenden Landgütern zu arbeiten. Im Rahmen der bereits oben erwähnten Kettenmigration ist davon auszugehen, dass es sich dabei um viele Italiener aus der Gegend um Mailand oder Brescia, also der Lombardei handelt, weshalb sich auch das Lombardo in dieser Gegend verbreiten konnte.

Allerdings ist hier mittlerweile eine fas tvollständige Verdrängung durch das Spanische eingetreten.

IV. Siciliano in Mexico City

Im Laufe der Geschichte war Sizilien immer wieder unter spanischer Besatzung, etwa als „regno delle due sicilie“, als Neapel (und ganz Süditalien) zum spanischen Königreich gehörte. Spuren hiervon finden sich auch im siciliano selbst, bei einem Blick in ein etymologisches Wörterbuch (Giarizzo: S.195, 235) fällt schnell auf, wieviele Begriffe direkt aus dem Spanischen übernommen wurden (vgl. siciliano „manta“ -> span. „manta“ -> ital. „coperta“, Giarizzo S. 195).

Amtssprache in Mexiko ist Spanisch, auch wenn heute die meisten Bürger bilinguale Sprecher sind, sprechen sie spanisch und meist eine indogene Sprache. Es mag daher für viele Sizilianer nicht abwegig gewesen sein in ein spanisch-sprachiges Land auszuwandern, da vermutlich auf Grund des langen historischen Kontakts zwischen Sizilien und Spanien ein gewisses Nährverhältnis bestand und Befürchtungen, nicht zu Recht zu kommen dadurch etwas minimiert werden konnten.

Die größte Sprachgemeinschaft sizilianischen Ursprungs befindet sich in Mexico City.

Gemeinschaft

Wie bereits oben festgestellt, ist ein soziales Netzwerk sehr wichtig für Migrationsprozesse (Moratti: 640). Aber nicht nur in den Anfangsjahren der italienischen Migration nach Mexiko, sondern noch heute ist die soziale Bindung in der ethnischen Gruppe der Italiener deutlich sichtbar, ein Beispiel hierfür sind diverse facebook-Gruppen in unterschiedlichen Größen und sozialen Schwerpunkten. Es gibt aber auch eine Reihe anderer Organisationen, nicht nur für Mexikaner mit italienischer Abstammung, sondern auch für „neue“ Auswanderer.

Interessant ist zu sehen, wie stark die sozialen Bindungen untereinander, aber auch in Hinblick auf das Aufrechterhalten italienischer Traditionen, wie etwa in Chipilo ist. Hier war es bis vor einigen Jahren sogar noch üblich nur unter Italienern zu heiraten, sowie den entsprechenden Dialekt des Veneto zu Hause zu sprechen (Vedovelli: S. 373).

Die Anfangs vom italienischen Staat gewollte Bindung an Italien wurde somit erfolgreich umgesetzt, und auch heute in vielen Bereichen noch aufrecht erhalten.

 

Bibliographie:

Choate, Mark I. (2008): Emigrant Nation: The Making of Italy Abroad. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Giarrizzo, Salvatore (1989): Dizionario Etimologico Siciliano. Herbita Editrice: Palermo.

Moretti, Enrico (1999): „Social Networks and Migrations: Italy 1876-1913.“ The International Migration Review Band 33/3, S. 640-657.

Vedovelli, Massimo (2012)hrsg: Storia lingusitica dell’emigrazione italiana nel mondo. Rom: Carrocci casa editrice.

Wössner, Christiane (2002): Qua parlón fa noantri! Spracherhalt und ethnische Identität in Chipilo-einer Sprachinsel des Veneto in Mexiko. Hsg. Jörn Albrecht, Nelson Cartagena u.a. Frankfurt am Main: Peter Lang GmbH. 

 

 

 

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