ALS: Alltagswelt der Hirten

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Zitation: Thomas Krefeld (2017): ALS: Alltagswelt der Hirten. Lehre in den Digital Humanities. Version 3 (31.10.2017, 08:53). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=28465&v=3.

1. Hirtenleben

Zu den tragenden Säulen der sezione etno-dialettale des ALS gehören auch die ethnographischen Lexika. Das erste war der:  

1.1. Lessico dei pastori delle Madonie (Roberto Sottile 2002)

Damit wird eine spezielle und auch gefährdete Alltagswelt erfasst, die mit ihrer Mobilität und den damit verbundenen Besonderheiten, nicht nur in Sizilien, sondern eigentlich überall in mehr oder weniger deutlichem Gegensatz zur substantiell immobilen, bäuerlich dominierten Kultur steht. Das Erhebungsnetz im Mittelgebirge der Madonie zeigt die folgende Karte: 

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/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463496420 ALS Madonie – Die bergige Region der Madonie (aus: Sottile 2022, 19)

 

„La pastorizia, che fino agli anni ’50 ha rappresentato una delle principali attività economichea del territorio madonita, esercitata secondo la forma ‚addomesticata‘ del nomadismo, attraverso gli spostamenti a breve raggio, ha costituito, nell’ambito di un generale assetto geografico e geolinguistico caratterizzato dalla presenza di almeno tre sub-aree isolate ed essenzialmente diverse per storia e tradizioni, l’unica occasione di scambio di modelli linguistici e culturali.“ (Sottile 2002, 17)

„Eppure, se scambio di tratti culturali vi è stato, esso si verifica solo all’interno dell’universo pastorale e, cosa più importante, esso ha avuto luogo a livello intra-areale (all’interno cioè di ciascuna sub-area), piuttosto che interareale (tra le diverse sub-aree dell’intera area madoniat).“ (Sottile 2002, 18)    

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/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463501508 ALS Madonie Transhumanz – Transhumanzrichtungen (modifizierte Grundkarte von ThK nach den Angaben in Sottile 2002, 18 ff.)

Die Wörterbuchdaten wurden analog zum Atlas mit einem, allerdings auf den Sachbereich spezialisierten Fragebuch erhoben. Dort werden die folgenden Themenbereiche abgefragt:

  1. Nomi  in base all’età (Fragen 1-23)
  2. Il gregge (24-58)
  3. Malattie e rimedi (59-63)
  4. L’accoppiamentoe gli impedimenti contraccettivi – la fecondazione (64-71)
  5. Il parto e l’allattamento (72-94)
  6. La giornata del pastore 
  7. Gerarchie dei pastori (95)
  8. L’abbigliamento del pastore (96-97)
  9. L’alimentazione del pastore
  10. Il pascolo (98-134
  11. La tosatura (135-145)
  12. La marchiatura (147-148)
  13. La castrazione (149-152)
  14. La macellazione (153-157)
  15. La produzione del formaggio (158-192)
  16. La produzione della ricotta (193-206)
  17. Forme di mezzadria

Das eigentliche sizilianisch-italienische Wörterbuch (59-183) wird durch einen Repertorio italiano-dialettale (185-208) sowie einige Abbildungen (209-222) ergänzt.

Die Makrostruktur des zentralen Teils  folgt mit ihrer alphabetischen Ordnung dem lexikographischen Mainstream; bemerkenswert ist jedoch die Mikrostruktur der einzelnen Artikel, denn jedes Stichwort (oder: Lemma) wird mit Kontext, nämlich im Ausschnitt aus einem etnotesto zitiert, wie das folgende Beispiel aus der Wortschatz der Milchverarbeitung zeigt:

„tuma GA [‚tuma], GE → etn., AL → etn., CA → etn., IS. → etn., PO → etn. [‚tuma], [‚tumwa] f. prodotto caseoso che si ottiene rompendo la cagliata. 2. formaggio fresco non sottoposto a sterilizzazione nella scotta. 3. formaggio fresco, immerso direttamente nella scotta senza essere pressato nelle fiscelle.

Rotta la cagliata (→ quagghiata) nella → tina, la massa caseosa che precipita sul fondo e che viene raccolta (→ accampari, → arricampari) e sistemata a scolare nel → tavulìere è ormai detta tuma. La tuma, poi, facoltativamente tagliata a cubetti, viene sistemata in fiscelle (→ ntumari, → ntumalora) perché possa scolare ulteriormente. Tuma è, inoltre, chiamato il formaggio che non viene sottoposta a sterilizzazione nella scotta (cfr. GE)  e che generalmente viene consumato subito  […]

Etn.   GE a tuma un ci â d’èssiri misa nâ → vasceɖɖa, si ssi parra di tuma.

Trad. «la ‚tuma‘ non va messa [raccolta] nelle fiscelle, se parliamo della ‚tuma‘ ».

[…]

Etn. IS a tuma jeni u prodottu che si ffa ppoi u → formàggiu

Trad. «La ‚tuma‘ è il prodotto [la pasta caseosa] che [con cui] si fa il formaggio».

[…] (Sottile 2002, 168)

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/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463640024 Abb Sottile 20

Außerordentlich nützlich ist im Übrigen der so genannte

  • repertorio italiano – dialetto.

Dabei handelt es sich eigentlich um einen onomasiologischen Index, der nicht alphabetisch, sondern nach den Sachgebieten des Fragebuchs geordnet ist. Das genannte Lemma tuma findet sich konsequenterweise unter dem Sachbegriff:

„LA PRODUZIONE DEL FORMAGGIO

[…]

prodotto caseoso che si ottiene rompendo la cagliata

tuma GA, GE, AL, CA, IS, PO

tuma cruda PO.“ (Sottile 2002, 204)

Dadurch wird es auch nicht kompetenten Sprechern des Sizilianischen ermöglicht, ihnen unbekannte dialektale Bezeichnungen gezielt zu finden: in alphabetischen Listen findet man ja nur, was man suchen kann.

Diese Konzeption liefert eine gute Basis für vergleichende Untersuchungen zur Lexikalisierung eines Sachgebiets und zur entsprechenden Wortgeschichte, wie sich wiederum ausgehend von siz. tuma exemplifizieren lässt. Das Wort ist in den Westalpen weitverbreitet (fra. tomme; vgl. die Dokumentation dieses morpho-lexikalischen Typs in der allgemeinen Bedeutung ‚Käse‘ auf der interaktiven Karte von VerbaAlpina). Es handelt sich also bei der sizilianischen Entsprechung zweifellos um ein galloitalisches Wort, das mit den zahlreichen Siedlern aus dem Süden Piemonts (Monferrato) und aus Ligurien gekommen  ist, die im Gefolge der normannischen Wiedereroberung Siziliens dort eingewandert sind und etliche Kleinstädte gegründet haben, deren galloitalischen Dialekte sich teils bis heute erhalten (vgl. Trovato 1998) haben.

Semantisch (und onomasiologisch) interessant ist jedoch, dass im Sizilianischen, im Gegensatz zum Französischen und Galloitalischen, zwischen tuma ‚ungeformter Frischkäse‘ und formaggiu ‚gepresster und geformter Käse‘ unterschieden wird: die Etymologie von ita. formaggio (und fra. fromage), nämlich das lat. Partizip formaticu(m) ‚geformt‘ ist hier also noch transparent.

Im Übrigens finden sich auch dieselben Geräte teils in der alpinen Milchverarbeitung wieder; so sind entsprechende Milchgefäße überall im Alpenraum verbreitet:

 

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463651576 MIlchgefass Aus Unterschonau

/var/cache/html/dhlehre/html/wp content/uploads/2016/05/1463651576 – Milchgefäß aus Unterschönau bei Berchtesgaden

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