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Von der Varietätenlinguistik zur Linguistik der Variation im kommunikativen Raum

Die varietätenlinguistische Modellierung  des einzelsprachlichen Raums als zweistöckige Architektur von Varietäten markiert zweifellos einen grundlegenden Fortschritt für die Sprachgeschichtsschreibung. Sie greift allerdings noch zu kurz; sie operiert mit zwar dynamisch konzipierten, aber doch stets ausgebildeten und in sich funktionsfähigen sprachlichen Systemen, eben mit ‚Sprachen‘ in Gestalt von ‚Varietäten‘. Dieser Ansatz ist für den Umgang mit empirischen Daten grundsätzlich problematisch und bei einer schwachen Datenlage geradezu abwegig. Denn er kann der Tatsache, dass konkrete sprachliche Daten (‚Äußerungen‘) stets und unweigerlich auf individuelle SprecherInnen zurückgehen, nicht gerecht werden; der Sprecher ist die letzte Instanz sprachwissenschaftlicher Untersuchungen.

0.0.1. Instanzen des kommunikativen Raums

Es ist daher sinnvoll, den Raum, in dem konkrete sprachliche Kommunikation passiert ausgehend von der Quelle, d.h. vom Sprecher zu entwerfen, um die sprachlichen Daten so präzise wie möglich zu kontextualisieren. In sprachgeschichtlicher Hinsicht sind ‚Sprecher‘ natürlich vor der Erfindung technischer Tonaufnahmen (Ende des 19 Jahrhunderts) grundsätzlich ‚Schreiber‘; auch die Rekonstruktion älterer gesprochener Sprache beruht auf der Auswertung von Textzeugnissen. Sprecher kommunizieren in Zonen unterschiedlicher Reichweite (vgl. Schütz/Luckmann 1979, 63-68), die oft mit der Verwendung spezifischer Varietäten und Sprachen verknüpft sind und nicht selten eine mehrsprachige Kompetenz erfordern. Unter den Lebensbedingungen der Moderne lässt sich der kommunikative Raum etwa in einen Nah- und Fernbereich gliedern, wobei es weiterhin sinnvoll ist, innerhalb des Fernbereichs nach nicht institutionalisierter und institutionalisierter Kommunikation (mit/in Behörden, Schulen usw.) zu differenzieren.

Sprecherzentrierte Zonierung des kommunikativen Raums

Abb. 4: Sprecherzentrierte Zonierung des kommunikativen Raums

Mit diesem sehr einfachen und robusten Model lassen sich sehr zahlreiche, auch ganz unterschiedliche Konstellationen erfassen; trivial ist der Fall eines monolingualen einheimischen Sprechers, dessen Zonen allesamt durch mehr oder weniger dieselbe Sprache/Varietät, heute meist die Standardvarietät, geprägt sind. Auch die bekannten Idealtypen der Mehrsprachigkeit, etwa die Diglossie (vgl. Lüdi 1990), lassen sich durch Verknüpfungen mit entsprechende Sprachen/Varietäten gut abbilden. Ein besonders komplexer, aber keineswegs sehr seltener Fall wäre der eines nicht einheimischen Sprechers (z.B. eines Migranten), der sich in einem dialektal geprägten Areal in mehrsprachigen Netzwerken dominant ebenfalls nicht einheimischer Sprecher bewegt, also z.B. ein Ivorer, der seinen Lebensunterhalt als Händler auf einem der großen Märkte im sizilianische Palermo bestreitet. Die sprachwissenschaftliche Analyse und Beurteilung von Varianten, die im mündlichen/schriftlichen Sprachgebrauch eines Sprechers auffallen, setzen eine entsprechende Kontextualisierung voraus; nur S-Varianten, die durch den Sprachgebrauch von N und/oder A bestätigt werden, erlauben es unter Umständen, die Existenz ganzer Varietäten in Erwägung zu ziehen. Falls nicht, muss man individuelle, sprecherbedingte Variation aus stilistischer Absicht oder eingeschränkter Kompetenz  annehmen. Es versteht sich von nun von selbst, dass die Kontextualisierung historischer Daten eine besondere Herausforderung darstellen, da alle Instanzen des kommunikativen Raums mehr oder weniger unbekannt sein können und von Grund auf rekonstruktionsbedürftig sind. 

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