Zwischen Turin und Lyon

Am Beispiel der romanischsprachigen Westalpen, d.h. hier grosso modo  des Gebiets zwischen dem Rhônetal im Westen und dem Ossolatal im Osten, kann exemplarisch gezeigt werden, auf welche Voraussetzungen eine regionale Sprachgeschichtsschreibung bereits zurückgreifen kann, und welche Datenlücken erst geschlossen werden müssten.

0.1. Dokumentation der überdachten Idiome

Die lokalen Mundarten des skizzierten Gebiets werden durch mehrere, teils ganz kleinräumige ([[Bibl:CLAPie]]) und teils erst initial ([[Bibl:APV]], [[Bibl:ALEPO]]) publizierte Sprachatlanten dokumentiert (vgl. Karte 1). Die Idiome dieses westalpinen Kontinuums werden von der Dialektologie in mehreren großräumigen Gruppen klassifiziert, die als ‚Okzitanisch‘, ‚Frankoprovenzalisch‘, ‚Ligurisch‘ und ‚Piemontesisch‘ bezeichnet werden. Die beiden zuerst genannten sind deutlich grenzüberschreitend – ganz im Gegensatz zu den entsprechenden Atlanten, die nur in Ausnahmefällen über die Staatsgrenzen hinausgehen : der [[Bibl:ALF]] mit 8 Erhebungspunkten in Italien; der [[Bibl:ALJA]] mit einem Erhebungspunkt in Italien und der [[Bibl:APV]] mit je 2 Erhebungspunkten in Italien und in der Schweiz. Man beachte also, dass sowohl [[Bibl:ALEPO]] als auch [[Bibl:CLAPie]] und [[Bibl:ALP]] im Wesentlichen okzitanische Mundarten erfassen, und dass [[Bibl:ALJA]] und [[Bibl:APV]] auf das Frankoprovenzalische zielen.

Es ist daher dringend wünschenswert, die Daten zusammenzuführen und synoptisch zu kartieren, wie es zumindest für spezifische Ausschnitte des Wortschatzes im Projekt VerbaAlpina geschieht:

westalpen_sprachatlanten

Karte 1

Das Beispiel tomme/toma 

Für eine detaillierte Sprachgeschichtsschreibung kann es im Übrigen nützlich, ja notwendig sein, eine weit über den eigentlich fokussierten Ausschnitt des Kontinuums hinausreichende  räumliche Perspektive einzunehmen, so dass auch sekundär entstandene Migrationsvarietäten berücksichtigt werden können. Im Fall der Westalpen sind die süditalienischen und sizilianischen Kolonien  von großem Interess. Dazu das folgende, nicht ganz unbekannte Beispiel: In den Westalpen ist der morpholexikalische Typ tomme verbreitet; er geht etymologisch auf gall. toma (vgl. [[Bibl:FEW]] 13, 20 f.) zurück. Als generische Bezeichnung des Konzepts KÄSE ist er weitgehend synonym mit dem Typ fra. fromage/ita. formaggio.

tomme

madonie_sottile-2002

Die Madonie; das Erhebungsgebiet von [[Bibl:Sottile 2002]]

Die transparente Etymologie von fromage/formaggioaus dem lateinischen Partizip formaticu(m) ‚geformt‘ zeigt, dass bei diesem Typ eine sekundäre taxonomische Bedeutungserweiterung von ‚geformter fester Käse‘ –> ‚Käse, allgemein‘ vorliegt. Weniger offensichtlich ist, dass sich die generische Bedeutung auch im Fall von tomme erst sekundär entwickelt zu haben scheint. Den Beweis liefert Sizilien, wo beide Typen mit komplementären Bedeutungen gut belegt sind: siz. tuma, das offensichtlich mit den galloitalischen Kolonisten im Gefolge der normannischen Eroberung gekommen ist, bezeichnete den ungeformten Frischkäse, während siz. fromaggiu ausschließlich und ganz im Sinne der Etymologie den geformten Käse bezeichnet, genauer: die in Formgefäßen gepresste Käsemasse unterschiedlicher Reifungsgrade:

tuma GA [‚tuma], GE → etn., AL → etn., CA → etn., IS. → etn., PO → etn. [‚tuma],[‚tumwa] f. prodotto caseoso che si ottiene rompendo la cagliata. 2. formaggio fresco non sottoposto a sterilizzazione nella scotta. 3. formaggio fresco, immerso direttamente nella scotta senza essere pressato nelle fiscelle.
Rotta la cagliata (→ quagghiata) nella → tina, la massa caseosa che precipita sul fondo e che viene raccolta (→ accampari, → arricampari) e sistemata a scolare nel → tavulìeri è ormai detta tuma. La tuma, poi, facoltativamente tagliata a cubetti, viene sistemata in fiscelle (→ ntumari, → ntumalora) perché possa scolare ulteriormente. Tuma è, inoltre, chiamato il formaggio che non viene sottoposta a sterilizzazione nella scotta (cfr. GE) e che generalmente viene consumato subito […]
Etn[otesto]. GE [a Geraci; TK] a tuma un ci â d’èssiri misa nâ → vasceɖɖa, si ssi parra di tuma.
Trad. «la ‚tuma‘ non va messa [raccolta] nelle fiscelle, se parliamo della ‚tuma‘ ». […]
Etn. IS [a Isnello, TK] a tuma jeni u prodottu che si ffa ppoi u → formàggiu
Trad. «La ‚tuma‘ è il prodotto [la pasta caseosa] che [con cui] si fa il formaggio». […]“ (([[Bibl:Sottile 2002]], 168), 168)

In Sizilien haben sich also beide Typen in ihren ursprünglichen und spezifischen Bedeutungen erhalten, die im Fall von fromaggiu sogar noch motiviert ist. Ebenfalls noch motiviert ist der siz. Diminutiv tumazzu (vgl. [[Bibl:Sottile 2002]], 168) der für zwar fest und geformte, aber daher auch reduzierte, eher kleine Käselaibe steht (wie die Produkte, die heute in Frankreich und in der Westschweiz als tomme vermarktet werden).

Die Klassifikation der lokalen Idiome

Eindeutige Zuordnungen, oder klare Abgrenzbarkeit der genannten vier Sprach- bzw. Dialektgruppen (‚Okzitanisch‘, ‚Frankoprovenzalisch‘, ‚Ligurisch‘ und ‚Piemontesisch‘) darf man allerdings besonders auf italienischer Seite nicht erwarten, wie die Karte 2 exemplarisch zeigt; sie bezieht sich auf das ausschließlich in Italien lokalisierte Ortsnetz des [[Bibl:ALEPO]] und wurde auf Grundlage der noch ein wenig intuitiven und bislang  quantitativ weder über Produktionsdaten (‚Merkmale‘) noch perzeptiv abgesicherten Einschätzung der Orte seitens der Herausgeber des Alepo, Sabina Canobbio und Tullio Telmon, angefertigt.

alepo_klass

Karte 2

Die klassifikatorischen Schwierigkeiten der Linguistik spiegeln sich unmittelbar in den Sprachnamen wider, mit denen die Sprecher selbst ihre lokalen Varietäten bezeichnen. in einem Teil der Orte werden regional unspezische Glottonyme verwandt, die in der sozialen Identität der Sprechergemeinschaft (‚auf unsere Art’/’wie wir‘) oder in der fehlenden Standardisierung (‚patois‘) motiviert sind; vgl. dazu Karte 3:

alepo_sprecher_sprachnamen

Karte 3

In einem anderen Teil werden hochspezifische Namen gebraucht, die vom Ortsnamen abgeleitet sind oder auf ein Schibboleth verweisen, vgl. Karte 4:

alepo_sprecher_sprachnamen_2

Karte 4

0.2. Dokumentation der überdachenden Idiome

Auf der Ebene der überdachenden Varietäten werden ebenfalls die Grenzen der staats- bzw. nationalsprachlichen Territorien überschritten. Das so gennannte  Frankoprovenzalische, das mehrheitlich und das Okzitanische das sogar ganz dominant in Frankreich angesiedelt ist, stehen rechtlich und institutionell gesehen in Italien aktuell deutlich besser da, denn sie werden auch als Sprachen kleiner Minderheiten durch die [[Legge 482|http://www.camera.it/parlam/leggi/99482l.htm]] aus dem Jahre 1999 ausdrücklich als lokal/regional gleichwertig anerkannt.

pramollo

Karte 5: Pramollo

In diachroner Perspektive sind die Überdachungsverhältnisse durch eine bemerkenswerte Dynamik  gekennzeichnet, wie Tullio [[Bibl:Telmon 2016]] am Beispiel des eindeutig okzitanischen Pramolles (it. Pramollo) exemplarisch herausgearbeitet hat.

Der Ort gehört zu den drei traditionell von protestantischen Waldensern bewohnten Tälern, die ita. als [[valli valdesi|http://www.studivaldesi.org/dizionario/evan_det.php?evan_id=352]] bezeichnet werden, die val Pellice, die val Germanasca und die bassa val Chisone. Die geographische Lage dieser drei Täler wird durch das Ortsnetz von CLAPie gut abgebildet, wie Karte 6 zeigt:

valli-valdesi

Karte 6

Dort lassen sich komplexe, im Blick auf die Einbettung in den italienischen Nationalstaat gegenläufige Tendenzen erkennen, die in ähnlicher Weise auch andernorts zu vermuten sind: Während das Französische als geschriebene Dachsprache kontinuierlich gegenüber dem Italienischen an Gewicht verloren hat, hat die ebenfalls ‚italienische‘, mündliche Dachvarietät des Piemontesischen offenkundig deutlich an Prestige verloren. Das lokale Okzitanische scheint dagegen in der Wertschätzung wieder gestiegen zu sein, wie sich im Übrigen auch in den [[Homepages mancher Gemeinden|http://www.comune.sangermanochisone.to.it/]] zeigt).

clapie

Unabhängig von der sich verändernden Gewichtung darf man hier zweifellos von einem  „plurilinguismo come patrimonio identitario“ ([[Bibl:Telmon 2016]]; vgl. auch [[Bibl:Rivoira 2012]]) reden.

Das bedeutet jedoch selbstverständlich nicht, dass man bei allen Angehörigen der Sprechergemeinschaft ein identisches mehrsprachiges Repertoire voraussetzen dürfte. Vielmehr ist die Komplexität offenbar von der L1 abhängig, wie wiederum Tullio Telmon am bei Beispiel des benachbarten Ortes San Germano Chisone gezeigt hat. Hier ergibt sich die folgenden Implikatur:

plurilinguismo_valli_valdesi

Plurilinguismus und L1 in den Valli valdesi am Beispiel von San Germano Chisone (aus [[Bibl:Telmon 2016]], 347)

1. Sprachgeschichte als Geschichte des kommunikativen Raums

Die Westalpen fallen also deutlich in den Gestandsbereich der ‚italienischen‘ und der ‚französischen‘ Sprachgeschichtsschreibung; eine nationalphilologische Modellierung kommt für diesen Raum daher weder im Hinblick auf die ‚philologische‘ noch auf die ’nationale‘ Komponente in Frage. Erforderlich ist vielmehr ist eine mehrdimensionale digitale Rekonstruktion dieses kommunikativer Raums.

Sie sollte daher in einer umfassenden digitalen Kommunikationsraumforschung aufgehoben werden. Hier können ganz unterschiedlich Datentypen zusammengeführt werden, etwa retrodigitalisierte Atlas- und Wörterbuchdaten (ALF, ALJA, ALP, APV, CLAPie, AIS), raumbezogene Textkorpora, sowie raumbezogene nicht sprachliche Daten, etwa zur Infrastruktur, zur Demographie (inkusive der Sprechermobilität), zur Konfession und staatlichen Verfasstheit (Römisches Reich, Savoyen, Frankreich, Italien).

Hier sind unter Umständen Datenbestände von Interesse, die zu ganz anderen Zwecken angelegt wurden, wie zum Beispiel die telefonbuchbasierten  Portale zur Verbreitung der Familiennamen. Es wär ja sehr nützlich die in den beiden folgenden Karten nebeneinander gezeigten Distributionskarten Frankreichs und Italiens systematisch zu integrieren.

pons

Grenzüberschreitende Distribution von Familiennamen in [[Frankreich|http://www.genealogie.com/nom-de-famille/pons.html]] und [[Italien|http://www.gens.info/italia/it/turismo-viaggi-e-tradizioni-italia?cognome=pons&x=0&y=0#.V_D_n_mLRaQ]] : Beispiel Pons

rivoira_rivoire

Grenzüberschreitende Distribution von Familiennamen in [[Frankreich|http://www.genealogie.com/nom-de-famille/rivoire.html]] und [[Italien|http://www.gens.info/italia/it/turismo-viaggi-e-tradizioni-italia?t=cognomi&cognome=Rivoira&x=0&y=0#.V_EBE_mLRaQ]]: Beispiel Rivoire/Rivoira

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