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Die Normalisierung des Katalanischen

 

  1. Die Sprach- und Dialektgebiete des Katalanischen
  2. Zur Klärung einiger Begriffe
  3. Die Stellung des Katalanischen zur Zeit der Franco-Diktatur
  4. Die Normalisierung des Katalanischen nach der Diktatur (ab 1975)

     4.1 Entwicklungen der Schreibkompetenz 

     4.2 Normalisierung in den Kommunikationsmedien (Presse, Fernsehen, Rundfunk, Internet)

 5. Die sprachliche Situation in Valencia

 6. Fazit

Bibliographie

 

  1. Die Sprach- und Dialektgebiete des Katalanischen
  • Principat de Catalunya (Provinzen: Barcelona, Girona, Tarragona, Lleida)
  • Nord-Katalonien (Département Pyrénées-Orientales/Roussillon)
  • Franja de Ponent (ein an Katalonien grenzender Streifen Aragoniens)
  • Region València (Provinzen: Castelló de la Plana, València, Alacant, Teile von Murcia)
  • Die balearischen Inseln (Mallorca, Menorca, Ibiza, Formentera)
  • Das Fürstentum Andorra
  • Die sardische Stadt Alguer

Sprachgebiete des Katalanischen (Quelle:http://euro-ethnien.blogspot.de/)

Einteilung des katalanischen Sprachraums in 2 große Blöcke: Westkatalanisch (català occidental) und Ostkatalanisch (català oriental):

Dialektgebiete des Katalanischen (Quelle: http://euro-ethnien.blogspot.de/)

 

2. Zur Klärung einiger Begriffe:

Normierung (Kodifizierung) – Auswahl einer sprachlichen Norm als grundlegendes Modell → seine Ausarbeitung und Übertragung auf alle Bereiche der Sprache./ Fixierung der sprachstrukturellen Seite (vgl. Wieland 2008: 71)

  • In Katalonien: Ausarbeitung einer verbindlichen Ortographie, eines grammatischen Regelwerks und eines Lexikons (Ergebnisse des Normierungsprozesses).
  • Pompeu Fabra/ Institut d′Estudis Catalans → Entscheidende Rolle bei der Normierung

1913 Die Normes ortogràfiques konnten sich schnell als Normorthographie durchsetzen

1918 Entstehung der normativen Grammatik Gramàtica catalana

1932 Entstehung des normativen Wörterbuchs Diccionari general de la lengua catalana

 

Kodifizierte Sprache ≠ Standardsprache – breitere Bedeutung, umfasst die gesamtgesellschaftliche Funktion, die soziale Akzeptanz der Sprache (vgl. Rogge/Beinke 1991: 195)

  • 1960 von seiten katalanischer Soziolinguisten → neuer Begriff  zur Bezeichnung des Standardisierungsvorgangs: Normalització lingüística ‘Normalisierung’. 

D′una banda, normalitzar significa donar normes, regular, codificar, estandarditzar un idioma establint una varietat supradialectal. D′altra banda, aquest terme suggereix posar, o retornar, al seu nivell „normal“ una cultura: situar-la en peu d′igualtat amb unes altres cultures, en un mateix pla. (Ninyoles 1971: 61)

Normalisierung 

1. Ein normgebender, regulierender, kodifizierender, standardisierender Prozess, mit dem Ziel der Schaffung einer supradialektalen Varietät → Normierung.

2. Ein Prozess, der dazu führen soll, die betroffene Sprache und Kultur in einen „Normalzustand“ zurückzuversetzen, auf einer Höhe mit der jeweils anderen Sprache und Kultur → Gesellschaftliche Verbreitung: die Nutzung der Sprache in allen Bereichen und Funktionen des gesellschaftlichen Lebens, zu Hause, auf der Straße, in den Medien, im Unterrichtswesen, in den öffentlichen und politischen Institutionen, in allen zwischenmenschlichen Kommunikationen. 

 

 3. Stellung des Katalanischen zur Zeit der Franco-Diktatur:

  •  Ab 1939 zentralistische und repressive Sprachpolitik unter dem Diktator Franco.
  • Durchsetzung der „ideología del homogeneismo lingüístico“ (Klare 2009: 88) → alleinige Verwendung des Kastilischen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.
  • Unterdrückung und Zestörung des Identitäts- und Traditionsbewusstseins / Verdrängung aller Regionalsprachen aus der Öffentlichkeit. 
  • Verbot des Katalanischen auf allen Ebenen der Kommunikation, strikte Zensur : Verbot der katalanischen Presse und des Rundfunks, Zerstörung von Bibliotheken und Verbrennung von Büchern.
  • Einzige Unterrichtssprache: Spanisch.

 

4. Die Normalisierung des Katalanischen nach der Franco-Diktatur (1975)

Situation nach Francos Tod:

  • Anfang der transición: fehlende Präsenz des Katalanischen im öffentlichen Leben: in der Arbeitswelt und im Handel, im Bildungswesen, offiziellen Kommunikation, in den Medien.
  • Kaum Kompetenzen im schriftlichen Gebrauch des Katalanischen. / Unter Franco eingeschulte Generationen hatten das Schreiben auf Katalanisch nie gelernt. 

 

 

Kommunikationsbereiche

Ausrichtung

Sprache B: Katalanisch

(-) offiziell/formell

Mündlichkeit

Sprache A: Spanisch

(+) offiziell/formell

Schriftlichkeit

                         Tab. 1: Die Sprachsituation in Katalonien nach Ende der Diktatur (Rogge/Beinke 1991: 195)

  • Ausbruch des katalanischen Nationalgefühls und Begeisterung für die katalanische Kultur und Sprache.
     
  • Veränderung des politischen Klima: politische Reden auf Katalanisch → Aufwertung des Gefühls von Gemeinsamkeit und kultureller Indentität (vgl. Münch 2006: 25).  
  • Die spanische Verfassung (1978) legt die Offizialität des Katalanischen in der jeweiligen Autonomen Gemeinschaft neben dem Spanischen (offizielle Staatssprache).
  • 1979 wird das katalanische Autonomiestatut verabschiedet. / 2006 Überarbeitung des Autonomiestatuts → genauere Erklärungen zur Stellung des Katalanischen und seiner Verwendungbereiche in der Öffentlichkeit. 

Das Katalanische ist die lengua propia der Autonomen Gemeinschaft Katalonien.

Das Katalanische wird als bevorzugte Sprache der öffentlichen Verwaltungsbehörden und Kommunikationsmedien erklärt.

 Verkehrs- und Bildungssprache im Unterrichtswesen

(vgl. http://web.gencat.cat/ca/generalitat/estatut/estatut2006/titol_preliminar)
 

  • Llei de Normalització Lingüística 1983 → Beginn einer erfolgreichen Sprachpolitik, Anstrengungen der Regierung ihre Ziele in die Tat umzusetzen.
  • Streben nach Anerkennung und Gleichstellung des Katalanischen in allen Lebensbereichen „Volem viure plenament en català!“ (Bernecker 2007: 315).
  • Wachsendes Angebot an katalanischen Texten, zunehmende Zahl der Buchveröffentlichungen und katalanischen Zeitungen, mehr Präsenz in den Medien.

      4. 1 Entwicklungen der Schreibkompetenz (vgl. Münch 2006: 28-29):

  • Erziehunspolitik: Ziel → Katalanisierung des Unterrichtswesens von Kindergärten bis Universitäten. Wichtig: Vermittlung an Erwachsene (die Zahl der Lehrkräfte anfangs gering).
  • 1989 Gründung des Consorci per a la Normalització Lingüística → Aufgabe: systematische Alphabetisierung der Erwachsenen.
  • Einschließende Gründung der Junta Permament de Català → Einführung von Schreibzertifikaten / Voraussetzng für die Beschäftigung in vielen öffentlichen Bereichen. / Entstehung eines breiten Marktes für Schreibkurse.
  • Zertifikat des Nivell C (certificat de nivell de suficiència de català) → Zugangskriterium für die Mehrheit der Stellen in der staatlichen Verwaltung. 
  • Ergebnisse: Große Nachfrage, wachsende Dynamik des gesellschaftlichen Alphabetisierungsprozesses, das Erlernen innerhalb kurzer Zeit der katalanischen Schriftsprache. 

 

      4.2 Normalisierung in den Kommunikationsmedien

      Entwicklungen der Presselandschaft:

  • Nach Francos Tod wurden die Gesetze, die die freie Meinungsäußerung verhinderten, außer Kraft gesetzt. 
  • 23. April 1976 (Tag des Buches) erscheint in Barcelona die erste Ausgabe der katalanischsprachigen Zeitung Avui. / 1979 erscheint El Punt in der Provinz Girona → beide Zeitungen existieren bis heute. 
  • El Periódico de Catalunya (Barcelona) erscheint  seit 1998 in zwei Ausgaben, auf Katalanisch und auf Spanisch.
  • Bemerkenstwertes Wachstum der kleineren Lokalzeitungen. / Steigerung ihrer journalistischen Qualität.
  • Die größte Tageszeitung aus Katalonien ist La Vanguardia (1881). Im frühen 20. Jhd. löste sie in der Führungsposition das Diario de Barcelona (1791 bis 2001). → trotz vielfacher Versuche erscheint weiterhin auf Spanisch. 

 

    Entwicklungen des Fernsehens, Rundfunks und des Internets (vgl. Figueres 2007: 132-133):

  • Fernsehen: Erst 1983 konnte ein katalanischsprachiger Kanal TV3 den Betrieb aufnehmen.
  • Sicherung finanzieller Unterstützung vom katalanischen Parlament.
  • Etwicklung zu einem qualitativen Programm / Erwerb eines großen Rufs und internationalen  Prestiges. 
  • Laut der Llei de Normalització Lingüística ist das Katalanische die offizielle Sprache des öffentlichen Fernsehens (der Generalitat unterstellten Kanäle). 
  • Minimale Programmeinteile in der katalanischer Sprache bei den staatlichen spanischen Sender. 
Die Sprache im Fernsehen (Quelle: http://llengua.gencat.cat/)

Die Sprache im Fernsehen (Quelle: http://llengua.gencat.cat/)

 

  • Rundfunk: Schon in den 70er Jahren konnte ein tägliches Programm von Ràdio Barcelona auf Katalanisch ausstrahlen.
  • Kurz nach Francos Tod Ausstrahlung des staatlichen Rundfunks in katalanischer Sprache.
  • Hohe Quote der katalanischsprachigen Radioprogramme (vor allem von der Generalitat betriebenen Kanäle). 
Die Sprache im Rundfunk (Quelle: http://llengua.gencat.cat/

Die Sprache im Rundfunk  (Quelle: http://llengua.gencat.cat/)

 

  • Internet: Ursprung an der Universität von València → Einrichtung der ersten Internetseite auf Katalanisch.
  • Einführung Anfang 2006 des eigenen Domain . cat für private oder gewerbliche Seiten auf Katalanisch.
  • Unter den 20.000 meistbesuchten Seiten des World Wide Web befinden sich 9 katalanischsprachige: die Seiten der Generalitat de Catalunya, Generalitat de València, der Stadverwaltung von Barcelona, der Universitat de Barcelona, des FC Barcelona, der Bank la Caixa u.a. (Figueres 2007: 134)
  • Gran  Enciclopèdia Catalana (GEC), die seit 1989 24 Bände umfasst, kann ab 1998 auch mittels Internet abgerufen werden (http://www.enciclopedia.cat/).
  • Die Betreiber der Normalització Lingüística haben Einfluss auf die Präsenz des Katalanischen bei offiziellen Internetauftritten → nicht direkt beeinflussbar: die Sprache privater Seiten sowie der Sprachgebrauch an sich, Tendenz zur Internationalisierung, größere Nutzung des Englischen und Spanischen (vgl. Wieland 2008: 92).
  • Laut dem Bericht über die Sprachpolitik der Generalitat (2015) (Informe de Política Lingüística) haben 54, 4 % der Bevölkerung Internetseiten auf Katalanisch besucht:

 

Sprachgebrauch im Internet (Quelle: http://llengua.gencat.cat/)

Sprachgebrauch im Internet (Quelle: http://llengua.gencat.cat/)

 

5. Sprachliche Situation in València

  • Lenkung des Sprachbewusstseins in Richtung einer Fragmentierung.
  •  Durchsetzung des Valencianismus / Abgrenzung von Katalonien / Eigenständigkeit der eigenen Sprache – Valencianisch.
  • Valencianische Sprachakademie Acadèmia Valenciana de la Llengua: Gründung einer Institution, die sich mit der Ausarbeitung neuer Normen des Valencianischen beschäftigt.  
  • Die Vertreter eines eigenständigen Valencianisch haben versucht eine vom Katalanischen stark abweichende normative Grammatik vorzuschlagen → trotz aller Mühe nur geringe Unterschiede offensichtlich. 
  • Politisches Valencianismus / Machtpolitische Auseinandersetzungen: die Rolle des Principats als überlegene Wirtschaftsmacht.
  • Nach offizieller Sprachregelung heißt die Sprache in València – Valencianisch.
  • Die Normalisierung des Status und des Gebrauchs des Valencianischen befindet sich noch im Rückstand im Vergleich zum Principat.
  • Das eigentliche Sprachproblem bleibt offen!

 

Bibliographie: 

Bernecker, Walther/ Eßer, Torsten/ Kraus, Peter (2007): Eine kleine Geschichte Kataloniens. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Figueres, Josep (2007): „Freiheit, Identität und Kommunikation: Zur Situation der katalanischsprachigen Medien“ In: Kataloniens Rückkehr nach Europa 1976-2006. Geschichte, Politik, Kultur und Wirtschaft,  Torsten Eßer/ Tilbert D. Stegmann (Hrsg.). Berlin: LIT Verlag, 127-137.

Klare, Johannes (2009): „Sprachkultur und Sprach(en)politik in der Romania (Frankreich, Spanien, Italien).“ In: Sprachenpolitik und Sprachkultur. Sprache, System und Tätigkeit, Detlev Blanke/ Jürgen Scharnhorst (Hrsg.). Frankfurt am Main: Lang, 88-96.

Kremnitz, Georg (1995): Sprachen in Gesellschaften. Annäherung an eine dialektische Sprachwissenschaft. Wien: Wilhelm Braumüller.

Lüdtke, Jens (1987): Katalanisch. Eine einführende Sprachbeschreibung. München: Max Hueber.

Münch, Christian (2006): Sprachpolitik und gesellschaftliche Alphabetisierung. Zur Entwicklung der Schreibkompetenz in Katalonien seit 1975.Frankfurt am Main: Peter Lang.

Ninyoles, Rafael (1971): Idioma i prejudici. Palma de Mallorca: Editorial Moll.

Rogge, Waltraud/ Beinke, Christiane (1991): „Katalanisch: Sprachnormierung und Standardsprache.“ In: Lexikon der Romanistischen Linguistik, Holtus, Günter/ Metzeltin, Michael/ Schmitt, Christian (Hrsg.). Tübingen: Max Niemeyer: Bd. V/2, 192-214.

Voß, Antje (2002): Das Valencianische zwischen Autonomie und Assimilation: sprachgeschichtliche und soziolinguistische Untersuchungen zu einer spanischen Comunidad Autónoma. Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag.

Wieland, Katharina (2008): Jugendsprache in Barcelona und ihre Darstellung in den Kommunikationsmedien. Eine Untersuchung zum Katalanischen im Spannungsfeld zwischen normalisiertem und autonomem Sprachgebrauch. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.

Internetquellen:

http://www.enciclopedia.cat/ [Zugriff am 1.12.2016]

http://euro-ethnien.blogspot.de/  [Zugriff am 1.12.2016]

http://llengua.gencat.cat/  [Zugriff am 1.12.2016]

http://web.gencat.cat/ca/generalitat/estatut/estatut2006/titol_preliminar  [Zugriff am 1.12.2016]

 

 

 

 

 

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