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Vegliotisch

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Zitation: Thomas Krefeld (2019): Vegliotisch. Lehre in den Digital Humanities. Version 1 (19.05.2019, 16:13). url: https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=49000&v=1.

Das so genannte Vegliotische (it. vegliotto) der Insel Veglia (kroat. Krk) gilt oft als Dalmatisch schlechthin, da es durch Matteo Bartoli (???) beschrieben wurde: 

Glücklicherweise ist das Vegliotische eine relativ gut dokumentierte Restsprache, deren erhaltene Texte uns ein ziemlich kohärentes Bild der Grammatik und, trotz vieler Lücken, des Lexikons darbieten. (???)

Il corpus relativo al vegliotto (e alle altre sezioni del dalmatico) resta quello del Bartoli (cf. Bartoli  1906, vol 2). (???)

Berühmt geworden ist Bartolis Abhandlung aber auch deshalb, weil dadurch erstmals überhaupt der letzte Sprecher eines Idioms, nämlich Twone Udaina (Antonio Udina), genannt Bubur, zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Dokumentation wurde. Aus demselben Grund sind die Daten allerdings auch kritisch zu beurteilen, denn es ist ja mit starken Erosionserscheinungen beim Gebrauch dieser Sprache zu rechnen, die der Informant in seinem Alltagsleben nach eigener Auskunft seit 20 Jahren nicht mehr verwendet hatte. Im Einzelnen ist kaum zu entscheiden, ob es sich bei bestimmten Erscheinungen um idiolektale Besonderheiten Udainas (auf der Ebene des Sprechers) oder aber um Eigenheiten des Dialekts (auf der Ebene der Sprache) handelt:  

Wie A. Zamboni meint (1990, S. 125-126), war A. Udina ein typischer «Halbsprecher» (engl. semi-speaker). Er konnte nämlich das vegliotische System in seinem Idiolekt nicht komplett realisieren. Seine Texte spiegelten durch ihren Monostilismus, Analogiereichtum und Unsicherheiten jeder Art die Agonie des Vegliotischen wider, in dem es ganz klar von starken Verfallserscheinungen wimmelte. Man denke nur an die Serien von andersartig unerklärbaren phonetischen Varianten («Mund» hieß: buka, buocca, bwak und bocca), an die Polymorphismen in der Bildung bestimmter Tempora und Modi oder nur bestimmter Personen und die Polysemantismen; cfr. etwa die polyvalente Verbalform féro, die in der Rolle von 14 Formen des Verbums «sein» funktionierte (sie steht für eine, drei bzw. vier Personen von insgesamt sieben Tempora und Modi!), cfr. Tekavčić (1976-1977, S.71 ff.). Doria (1989a, S. 523), der – nebenbei bemerkt – die Etymologie von P. Tekavčić nicht akzeptiert, redet von «una sorta di forma jolly». Schuld daran war nicht nur der hochbetagte letzte L 2-Sprecher, der gleichzeitig ein Solosprecher war, sondern auch das sterbende Idiom selbst. All dies verunsicherte in vielen Einzelheiten auch seinen Befrager und verunsichert, wenn auch indirekt, alle späteren Dalmatologen ganz sicher mehr als der objektive Faktor (die altersbedingten Gedächtnislücken und die historistisch orientierte Umfrage). (???)

Bartoli war sich der besonderen Bedingungen seines Informanten und wohl auch seiner Sprachdaten bewusst; ganz im Einklang mit der Sprachwissenschaft seiner Zeit konnte er darin nur Störfaktoren sehen, wobei ihn noch stärker als die physischen Einschränkungen („eine leichte Taubheit“, keine Zähne) jedoch die Mehrsprachigkeit beunruhigte:

ein schlechtes Subjekt! Er hat mehrere von den schlechten Eigenschaften gehabt, die man bei den Gewährsmännern nicht sehen will, dagegen sehr wenige gute. Er war zwar nicht ein Sprachgelehrter, aber – und das ist eigentlich noch ärger – ein vielfacher Sprachkenner. (Bartoli 1906 6, I, Kol. 23)“ (???)

Aus heutiger Sicht kann man gerade diesen Bedingungen jedoch auch manches Gute abgewinnen, wie Philipp Barbarić in seiner Neubewertung zeigt. Er fasst zunächst die sprachbiographische Selbsteinschätzung Udinas zusammen:

Udina sprach von Haus aus einen venezianischen Dialekt, lernte das Vegliotische von seiner Großmutter, erwarb im Kontakt mit der slawischen Bevölkerung der Insel eine slawische Varietät, hatte Kenntnisse des Friaulischen, da er dreißig Jahre lang Umgang mit friaulischen Arbeitern pflegte, wurde in der Schule auf Deutsch und Italienisch unterrichtet und hatte eine Vorliebe für das Singen lateinischer Gebete […]. Doch damit nicht genug: Bartoli musste sich zusätzlich damit auseindersetzen, dass Udina nicht nur auf der Insel stets in Bewegung war, sondern gar «eine Zeitlang als Meerespostillon herumgeirrt [war]». (???)

Entscheidend ist nun, dass  die vermeintlichen „Störfaktoren“ sich gleichzeitig auch als „wesentliche Konstituenten“ dieses spezifischen Kommunkationsraums erweisen:

Erstens berichtet Udina über die Sprachen, die vor Ort gesprochen wurden, die er bei seinen Reisen in der Region verwendet hat und über die Sprachen, die in bestimmten Bereichen institutionalisiert waren. Dabei informiert er zweitens über Kommunikationssituationen, in die er eingebunden war und welche Varietäten dabei gesprochen wurden; vor allem erzählt er drittens von sich selbst und seinen Sprachen: von den Reisen und Wanderungen, die er unternommen hat, von seiner Kindheit und Schulzeit, von seinen Familienverhältnissen und seinem sozialen Netzwerk, von seinen Spracherwerbswegen und wie all dieses sein Sprachrepertoire geprägt hat – Udina erzählt seine Sprachbiographie im sozio-sprachlichen Kontext des österreichisch-ungarischen melting pots Ostadriaraum und rekonstruiert so seinen eigenen Kommunikationsraum. (???)

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