< < Vorheriger BeitragNächster Beitrag > >

Die Kodierung der Person im brasilianischen Portugiesisch

m>m< = Markiertheitsabbau; m<m>= Markiertheitszunahme

1. Einleitung

Sprachwandel, so die Prognose der Natürlichkeitstheorie, verläuft immer von weniger zu mehr Natürlichkeit […].

(Damaris Nübling, 2002: 99)

Ob diese Prognose auch am Beispiel der Personenkodierung des brasilianischen Portugiesisch (im Folgenden als BP bezeichnet) belegbar ist, soll in dieser Arbeit anhand südbrasilianischer Korporadaten synchron analysiert werden. Dabei werden die gebräuchliche Verbflexion und die entsprechend kombinierten Personal- und Objektpronomen mit Referenz zur vermittelten Hochsprache und deren urbanen Alltagsgebrauch beleuchtet. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie natürlich oder unnatürlich bzw. wie markiert oder unmarkiert, im Sinne der Natürlichkeitstheorie von Willi Mayerthaler1Die Markiertheitstheorie (auch Natürlichkeitstheorie) ist die These, dass die Beschaffenheit der Sprache sowie sprachliche Prozesse größtenteils natürlich sind. Damit einher geht die Annahme, dass sich auch in Prozessen des Spracherwerbs und des Sprachwandels natürliche Verhältnisse durchsetzen. Grundlegend für diese Theorie ist der Ansatz der Prager Schule, grammatische Kategorien auf bestimmte Merkmale hin zu untersuchen und Oppositionspaare zu bilden. (Quelle: http://www.glottopedia.org/index.php/Markiertheitstheorie, aufgerufen am 08.03.2018; vgl. außerdem Mayerthaler, Fliedl, Winkler 1995: 217), die Portugiesische Varietät in Brasilien Wandlungen durchläuft. Denn bis heute hat diese weder eine gewisse Form grammatikalischer Stabilität erreicht, noch kann sie als für das gesamte Land repräsentativ gelten.2Im Gegensatz zu vielen anderen Sprachen kennt das BP keine allgemein gültige Hochlautung nur eine Norm der Orthographie, man kann jedoch von einer starken Orientierung am Carioca ausgehen (Dialekt Rio de Janeiros), da dieses das Television- und Radiozentrum des Landes darstellt. Empirische Beispiele sollen in Form von Sprach- und Textbeispielen erfolgen. 

Portugiesisch fällt mit einer Zahl von ca. 235 Mio Sprechern weltweit unter die TopTen der verbreitetsten Mutter- und Verkehrssprachen des Globus. Zu den Ländern mit den meisten Muttersprachlern zählen Portugal und Brasilien. Aber auch in Teilen Südafrikas und Asiens wird Portugiesisch gesprochen und verstanden. Nicht nur die Verteilung auf mehrere Kontinente hat verschiedene Varietäten geschaffen, auch die jeweiligen Umstände eine (Mutter-)Sprache zu erlernen, tragen zu unterschiedlicher Entwicklung der Varietäten bei. Aufgrund deren distinktiver Merkmale wäre der Versuch, einen Vergleich von EP und BP und gleichzeitig eine Erhebung deren ruraler und urbaner Korrelation anzustreben, in der Kürze der vorliegenden Arbeit den komplexen Themenbereichen nicht gerecht geworden.

Im folgenden Kapitel soll ein Überblick über die verwendeten Korpora gegeben werden. Danach folgt eine Beschreibung der aktuell vorherrschenden Situation, der in dieser Arbeit zu betrachtenden Pronomina oder der gebräuchlichen Flexionsmorphologie. Darauf folgt im selben Kapitel ein Überblick über Berührungspunkte oder Abgrenzungen des Themas mit und von der Markiertheitstheorie anhand von Sprach- und Textbeispielem. Diese sollen möglichst sowohl die gehobene Sprache als auch die Nähesprache repräsentieren. Abschließend möchte ich auf eventuelle Gründe für die vorherrschenden Sprachstrukturen eingehen und mögliche zukünftige Entwicklungen ansprechen.

2. Verwendete Korpora und Literatur

Für das BP gibt es eine Vielzahl an Datenbanken, die eine Erhebung von Daten unterschiedlicher Bevölkerungsschichten angestrebt haben. Für diese Arbeit habe ich zwei ausgewählt. Zum einen ist das die Datenbank NURC (Norma Urbana Culta). Sie gilt als eine der ersten Datenbanken, die von 1970 bis 1990 Interviews mit Personen der höchsten Bildungsstufe führten. Sie beschränkt sich auf die Datensammlung in Form von relativ spontanen Interviews ohne Fragebögen, bei denen die Testpersonen aufgefordert werden untereinander Fragen zu stellen oder auf bestimmte Themen angesprochen werden. Die Personen und deren Eltern stammten alle aus dem Bundesstaat Rio de Janeiro. Insgesamt wurden Daten in einem Umfang von 350 Stunden gesammelt. (vgl. http://www.posvernaculas.letras.ufrj.br/index.php/95-projetos/155-projeto-nurc-rj, 12.03.18)

Zum anderen werden in der vorliegenden Arbeit Daten aus dem Projekt VARSUL (Variação Lingüística Urbana na Região Sul) von 1990-1995 genutzt. Bei diesem wurden Daten in Form von Sprachproben soziolinguistischer Interviews mit Sprechern verschiedener Bevölkerungsgruppen gesammelt. Der Fokus lag dabei ebenfalls auf dem städtischen Portugiesisch. Dennoch können diese in 12 Städten der drei südlichsten Bundesstaaten erhobenen Daten auch als repräsentativ für weitere Bevölkerungsschichten angesehen werden, da bei der Wahl der Sprecher auf eine ausgeglichene Merkmalsverteilung der Geschlechter, des Alters, des Bildungsniveaus und der sprachlichen Varietät geachtet wurde. Die Auswahl erfolgte des Weiteren auf der Basis folgender Kriterien: die Informanten und deren Eltern lebten wenigstens zwei Drittel ihres Lebens in der Erhebungsstadt und während des Spracherwerbs (2-12 Jahre) nicht länger als ein Jahr außerhalb der Region. Sie sind Monolinguisten des Portugiesischen oder maximal bilingual (Deutsch oder Italienisch). Beide Korpora bilden zusammen die Sprechweisen der drei Südstaaten Rio Grande do Sul, Santa Catarina, Paraná und Rio de Janeiro ab. (vgl. Bueno-Aniola, 2007: 390f.)

Eine größere Auswahl an Korpora wäre in der Kürze der Arbeit einerseits zu unübersichtlich und andererseits auch nicht zu bewältigen gewesen. Dies lässt sich anhand der folgenden Grafik (1) veranschaulichen, die zeigt, wie differenziert die Variationen des Portugiesischen in Brasilien vertreten sind.

Varianz Der Verwendung Tu Im Nordosten (Grafik 1)

Diese beiden Korpora sollen bei der vorliegenden Arbeit als Hauptgrundlage für variationslinguistische Untersuchungen des Portugiesischen in Südbrasilien dienen. Additional wurde eine Auswahl Textbeispiele aus Lehrbüchern Mittel- und Nordbrasiliens (z.B. Gramática Ativa) und dem persönlichen familiären Umfeld angefügt. 

3. Verbflexion und „Standard“ – Eindeutigkeit der Person und Ikonizität des Numerus

Um einen Überblick über die grammatischen Kategorie „Person“ in der Ausdrucksform des Präsens zu bekommen, ist es sinnvoll die unterschiedlichen Konjugationen und unregelmäßigen Verben in Tabellen gegliedert abzubilden. Zu beachten ist dabei, dass es sich bei den Abbildungen um die Verwendung der Verben in der Schriftsprache handelt. Die nähesprachlichen Ausnahmen und Besonderheiten werden gesondert im darauf folgenden Textabschnitt beschrieben. Außerdem sei darauf hingewiesen, dass die Flexionsform der 2. Person Plural in den Tabellen bereits keine Erwähnung mehr findet, da sie in Brasilien nicht existiert und in Portugal kaum gebräuchlich ist. In den folgenden Tabellen wird der Status quo der gängigen morphologischen Formen und deren Funktionen dargestellt. Danach folgt die Aufschlüsselung der Formen mit Sprach- und Textbeispielen.

Verbtabelle Regelmäßige Verben (Tabelle 1)

Die 1. und 2. Person Singular verweisen semantisch auf den Sprecher und die von ihm angesprochene Person, während die 3. Person Singular für etwas („Nicht-Personen“) oder jemanden außerhalb dieses Kreises steht. Diese Annahme gilt, wenn auch nicht genauso grundsätzlich, ebenso für die Pluralformen. Die Markierung der Person erfolgt durch sechs unterschiedliche Flexionssuffixe und (teils) ikonische Konstruktion der Pluralsuffixe mit zweisilbigen Endungen. Ein Mehr auf der Inhaltsseite entspricht einem Mehr auf der Ausdrucksseite und schafft damit Natürlichkeit, so die Theorie. (vgl. Mayerthaler 1980: 110-123) Dazu sei gesagt, dass Mayerthalers Charakteristika im (regelmäßigen) Standard, wie in Tabelle 1 abgebildet, bereits teilweise durch Synkretismus oder die nicht zweisilbige Konstruktion der Pluralsuffixe widerlegt werden. Sykretismus ist bei allen grün oder rosa eingefärbten Formen der Tabelle zu beobachten. Dieser hat zur Folge, dass tu + 2.Pers.Sg. in einigen Teilen Brasiliens nicht mehr genutzt wird und você + 3.Pers.Sg. mit neuer Doppelbedeutung ‘du‘ und ‘Sie’ dessen Funktion im Sprachgebrauch übernimmt. 

(1)Você não vai mais fica aqui dentro de casa […].

(VARSUL, Informantes do sexo feminino, idade entre 25 e 50 anos, nível de escolaridade – ensino médio.)

Du wirst nicht mehr hier im Haus bleiben […].

Olha, eu pra ser franca com você […].

(PROJETO NURC-RJ, Inquérito 0253, Locutor 304, Sexo feminino, 60 anos de idade, Profissão: professora de didática, Zona residencial: Norte)

Sehen Sie, ich möchte ganz offen zu Ihnen sein […].

Dazu sei wiederum Mayerthaler zitiert: 

Sprachwandel ist nicht kontinuierlich im Sinne beliebig oder sogar infinit vieler Zwischenstufen, aber auch nicht abrupt in dem Sinne, daß die jeweils neuere Form die ältere(n) unmittelbar verdrängen würde. Beobachtbar ist während eines gewissen Zeitabschnitts vielmehr immer ein Nebeneinander alter und neuer Formen. (Mayerthaler, 1980: 108f.)

Dieses Phänomen hält sich nun schon einige Jahrzehnte. In den Lehrbüchern des brasilianischen Portugiesisch wird inzwischen jedoch die 2.Pers.Sg. entweder nur noch passiv vermittelt oder gar nicht mehr angesprochen (Siehe Grafik 2), was im Sinne der Natürlichkeitstheorie bedeutet, dass tu + 2.Pers.Sg. nun stark markiert ist, während você+ 3.Pers.Sg. sich als natürlichere Form durchsetzt. Ein mehr auf der Ausdrucksseite ist aber trotz dem Mehr auf der Inhaltsseite nicht gegeben, eher das Gegenteil ist der Fall. Denn während die Verbform der 3. Pers. Sg. an Bedeutung gewinnt, – die 2. Pers. Sg., die 3. Pers. Sg. und die Höflichkeitsform können jetzt durch ein und dieselbe Endung kodiert werden – verlängert sich dagegen der Buchstaben- bzw. Sprechumfang des Wortes nicht, sondern schrumpft sogar um einen Buchstaben. (Bsp. ‘Du sagst’ – Você fala statt tu falas) Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass nun eine als sogenannte Nicht-Person kodierte Endung die semantische Bedeutung wechselt. 

Gramatica Ativa (Grafik 2)

Die Ausbreitung von você bedingt also gleichzeitig eine Gebrauchsreduktion von tu. Viele Studien nehmen auf dieses Phänomen Bezug und stellen neben der stärker werdenden Verbreitung von você als Ersatz für tu fest, dass zunehmend oft auch Nullobjekte statt tu oder você gebraucht werden. Dies ist für das BP im Generellen ungewöhnlich, denn pro-drop kommt dort hauptsächlich in Fragesätzen, am Satzanfang oder in Aussagesätzen mit weniger als vier Wörtern vor. Man könnte annehmen, dass die vorherrschende Unsicherheit den korrekten Pronominalgebrauch betreffend eine komplette Elimination als bessere Vorgehensweise ausweist, oder dass es einfach eine ökonomischere Variante ist, das Pronomen auszulassen. (Odete Pereira da Silva Menon, Loremi Loregian-Penkal :154-156)

Porque não o chamas?

Warum rufst du ihn nicht an?.

 

Vamos ao cinema?

Gehen wir ins Kino?.

Wie bereits erwähnt, ist você + 3.Pers.Sg neben dem Gebrauch als informellere 2.Pers.Sg. auch eine formelle Höflichkeitsform im BP, jedoch weniger respektvoll als a(s) senhora(s)/o(s) senhor(es). Diese ist im Korpus NURC vor allem bei Gesprächen mit Personen höheren Alters und gegenüber Frauen zu beobachten, wenn der Fragesteller männlich ist. 

A senhora sabe cozinhar?

(PROJETO NURC-RJ, Inquérito 0253, Locutor 304, Sexo feminino, 60 anos de idade, profissão: professora de didática, zona residencial: Norte)

Sie können kochen?‘.

O senhor trabalha aqui o dia inteiro?

(PROJETO NURC-RJ, Inquérito 0075, Locutor 0088 – Sexo masculino, 57 anos de idade, dentista. Zona residencial: suburbana)

Sie arbeiten hier den ganzen Tag?.

A senhora tem ou gostaria de ter em casa algum animal, qual ou quais e por quê?

(PROJETO NURC-RJ, Inquérito 0120, Locutor 137, Sexo feminino, 29 anos de idade, profissão: professora de matemática, zona residencial: Norte)

Haben Sie oder hätten Sie gerne ein Haustier, wenn ja welches oder welche und warum?.

Bei der Anrede von Personen ähnlichen Alters ist dagegen você als Höflichkeitsform vorherrschend.

Você fica no colégio o dia inteiro […]?

(PROJETO NURC-RJ, Inquérito 0104, Locutor 119, Sexo masculino, 29 anos de idade, profissão: professor de biologia, zona residencial: suburbana)

Sind Sie den ganzen Tag über in der Privatschule?.

4. Unregelmäßige Verben und hybrider Gebrauch

Verbtabelle Unregelmassige Verben (Tabelle 2)

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass unregelmäßige Verben bevorzugt mit você + 3.Pers.Sg gebildet werden. Die morphologische Form der 3. Pers.Sg. scheint einheitlicher und damit einprägsamer zu sein. Es gibt aber auch Ausnahmen von der Regel: Bei der Untersuchung von unregelmäßigen Verben im Zusammenhang mit der Natürlichkeitstheorie fällt vor allem ein hybrider Gebrauch der Flexionsformen auf. So werden die Flexionsendungen von tu und você im aktiven Sprachgebrauch immer öfter vertauscht und es entsteht tu + 3.Pers. Sg. und você + 2.Pers.Sg.. Dies kommt aber bisher nur in der Umgangssprache vor.

Beispiele dafür sind:

Você vai na casa dele?

Nähesprache

Gehst du zu ihm nach Hause?.

 

Tu sabe o seu nome?

Nähesprache

Weißt du seinen/deinen Namen?.

Wie im obigen Beispiel (10) dargestellt, zieht die zweideutige Verwendung der Verbflexion auch eine Doppeldeutigkeit der Possessivpronomen nach sich, deren semantischen Funktion ohne Kontext nicht mehr zweifelsfrei zu ermitteln wäre. Man könnte vermuten, dass die Markiertheit der Possessivpronomen abhängig von der Verbform wäre, jedoch wird diese Theorie gleich im folgenden Beispiel in Frage gestellt.

5. Entkoppelung der Objektpronomen von der „Person“

Não moro em Ipanema… mas queria te perguntar uma coisa… qual é a tua imagem você mora em Copacabana né? qual… qual a imagem que você faz de Ipanema?

(PROJETO NURC-RJ, DIÁLOGOS ENTRE DOIS INFORMANTES (D2): Inquérito 147)

Ich wohne nicht in Ipanema… aber ich würde dich gerne eine Sache fragen… was ist deine Vorstellung.. du wohnst in Copacabana richtig?.. was ist die Vorstellung, die du dir von Ipanema machst?.

Ähnlich komplex wie bei der Verbflexion, wird bei der Verwendung von Objektpronomen (hier außerdem auch Possessivpronomen) variiert. Da te die grammatikalisch gesehen weniger komplizierte und deshalb gebräuchlichere Form ist, ersetzt sie immer häufiger das kompliziertere lhe (indirektes Objektpronomen der 3.Pers.Sg), welches laut dem grammatikalischen Kontext von você eigentlich geboten wäre. Bei den Possessivpronomen verwendet die Testperson interessanterweise tua statt dem grammatikalisch korrekten sua, obwohl sua durch seine Zugehörigkeit zu você eine höhere Natürlichkeit aufwiese als tua. Insofern könnte man argumentieren, dass für die Logik des Sprechers tu als ‚du‘ immer noch natürlicher wirkt als você im Sinne von ‚du‘.

Tabelle Indirekte Objektpronomen (Tabelle 3)

Des gängigste Beispiel in diesem Zusammenhang ist wohl, wenn ein Carioca3Einwohner Rio de Janeiros Eu te amo. – Ich liebe dich. sagt. In Rio de Janeiro gibt es eigentlich keinen aktiven Gebrauch der 2.Pers.Sg. mehr. Die grammatikalisch korrekte Version dieser Aussage bei konsequenter Nutzung der 3.Pers.Sg. wäre: Eu a/o amo. ebenfalls: ‘Ich liebe dich.’, gesetzt des Falls man würde folgerichtig die zu você gehörigen Objektpronomen anwenden. Te hat jedoch offensichtlich in der Natürlichkeitsskala den höheren Stellenwert (m>m<), während o/a an Markiertheit zunimmt (m<m>). Oft hört man auch Eu amo você. Diese Verwendung vermeidet das Einsetzen von Objektpronomen komplett und ersetzt diese stattdessen mit dem in und um Rio de Janeiro vorrangig verbreiteten Personalpronomen você. 

Tabelle Direkte Objektpronomen (Tabelle 4)

Wir halten fest: im Gegensatz zum EP und der Hochsprache des BP, bei denen direkte und indirekte Objektpronomen außer bei Verneinung, Fragesatz mit Interrogativpronomen, nach bestimmten Adverbien, nach Indefinitpronomen, bei Nebensätzen und nach Präpositionen nachgestellt werden, wird im alltäglichen Sprachgebrauch des BP also eine Proklise der Objektpronomen bevorzugt. Da außerdem komplizierte Regeln bei der Enklise von Objektpronomen zu beachten sind, (Endet das vorangegangene Verb mit einem „r“, wird dieses eliminiert und aus phonetischen Gründen durch ein „l“ ersetzt, damit „o/a“ angehängt werden kann. Endet es hingegen mit einem „m“, wird dieses nicht ersetzt, sondern noch ein „n“ dazwischen platziert. Gramática Ativa: 90) vermeidet der Brasilianer im Allgemeinen die Enklise. In der Hochsprache dagegen wird die enklitische Verwendung (m<m>) oder  eine Substantivwiederholung oder der Einsatz eines betonten Personalpronomen oder ein Nullobjekt (m>m<) bevorzugt.

Beispiele für die Verwendung von Objektpronomen:

Vejo o João todos os dias. → Vejo-o todos os dias.

Eu vejo ele todos os dias./ Eu vejo todos os dias.

Hochsprache

Ich sehe ihn jeden Tag.

 

Vejo-te sempre neste restaurante

Hochsprache

Ich sehe dich immer in diesem Restaurant.

 

Eu te/lhe vejo sempre neste restaurante.

Nähesprache

Ich sehe dich immer in diesem Restaurant.

Grundsätzlich gilt jedoch, dass im BP direkte Objektpronomen (o(s)s/a(s)) nicht gern verwendet werden. Man versucht stattdessen auf die Personalpronomen auszuweichen. Im Falle der höflichen Anrede wäre o senhor/a senhora und vocês der Ersatz für o/a (‘Sie’) oder os/as (‘euch’).

Beispiele:

Convido-os para a festa.

Hochsprache

Ich lade Sie zur Feier ein.

 

Eu convido vocês para a festa.

Nähesprache

Ich lade Sie zur Feier ein.

6. a gente – Ein Fallbeispiel für Zweifel an der Natürlichkeitstheorie?

Eine weitere Flexionsbesonderheit im BP stellt die 1.Pers.Pl. (bis dato hauptsächlich im mündlichen Sprachgebrauch) dar. Davor gab es eine klare Zuordnung von nós + 1.Pers.Pl. mit der Funktion ‘wir’, aber inzwischen wird a gente + 3.Pers.Sg bevorzugt genutzt. Ein zusätzliches Phänomen bei dieser Neuerung stellt die Bedeutungsverschiebung von a gente dar. Heute versteht man darunter neben der ursprünglichen Bedeutung ‘man’ oder ‚die Leute‘ auch ‘wir’. 

Depois a gente va ao cinema.

Nähesprache

Danach gehen wir ins Kino.

 

A gente pode começar.

(PROJETO NURC-RJ, Inquérito 0104, Locutor 119, Sexo masculino, 29 anos de idade, profissão: professor de biologia, zona residencial: Suburbana)

Wir können beginnen.

Dieses Phänomen ist insofern interessant, da es einen Begriff, der immer mit der 3.Pers.Sg. steht und dessen Bedeutung eigentlich außerhalb des Kreises von Sprecher und Angesprochenen lag, nun als Ersatz für die 1.Pers.Pl. mit in diesen Kreis einbezieht. Die zuvor erwähnte These von Mayerthaler, dass die 3. Pers.Sg. zum einen außerhalb der Sprecher/Hörerbeziehung läge und zum anderen, dass die Pluralpersonen ikonisch durch zweisilbige Endungen des Verbs konstruiert würden, wäre damit widerlegt. Auch die daraus resultierende These, ein Mehr auf der Inhaltsseite bedinge ein Mehr auf der Ausdrucksseite trifft bei der Verbflexion (nun 3.Pers.Sg. statt früher 1.Pers.Pl) nicht zu. Das Gegenteil ist der Fall. Nimmt man sich andererseits das Pronomen vor, so kann man vielleicht doch mit der Inhaltsseite und Ausdrucksseite argumentieren, denn nós ist kürzer als a gente. Am Verb alleine lässt sich die These jedoch nicht festmachen.

Dieses Beispiel von Sprachwandel, kann m. E. nach, durch keine der zuvor genannten Thesen zufriedenstellend erklärt werden. Trotzdessen lässt sich beobachten, dass zum einen die Markiertheit von a gente (‚wir‘) durch die häufiger werdende Verwendung der Konstruktion abnimmt, und dass gleichzeitig die Markiertheit von a gente (‘man’/‘die Leute’) durch die neu entstandene Doppelbedeutung steigt. (Weitere Punkte siehe auch: Andréa Maristela Bauer Tamanine (UNIVILLE)1: Análise da alternância pronominal nós / a gente na fala urbana dos São-Bentenses, in Anais do 6o Encontro Celsul – Círculo de Estudos Lingüísticos do Sul.)

7. Zusammenfassung und Ausblick

Ob Sprachwandel von weniger zu mehr Natürlichkeit verläuft sollte in dieser Arbeit gezeigt werden. Dazu wurden zunächst die gebräuchlichen Sprachstrukturen des BP im Bereich Verbflexion, Pronominalgebrauch und Verwendung der Objektpronomen aufgezeigt. In einem zweiten Schritt wurde ein Bezug zu Mayerthalers Natürlichkeitstheorie hergestellt. Es wurde untersucht, wie natürlich oder unnatürlich bzw. wie markiert oder unmarkiert die Wandlungen der portugiesischen Varietät in Brasilien eingestuft werden können. Es wurde veranschaulicht, dass sich die Sprache Brasiliens aktuell zwar inmitten eines natürlich motivierten Wandels befindet und bereits einige Veränderungen in der Nähesprache durchlaufen, jedoch durch die immense Sprachvielfalt in Brasilien und das Fehlen einer übergreifenden Standardnorm bis heute keine einheitliche grammatikalische Stabilität erreicht hat. Stattdessen herrschen starke regionale Gebrauchsunterschiede vor. In und um Rio de Janeiro spricht man carioca dieses nutzt das Personalpronomen tu und die Verwendung der 2.Pers.Sg. kaum noch. Der Schwerpunkt liegt auf dem Gebrauch von você als Bezeichnung für 2. und 3.Pers.Sg.. Im Süden, in den Staaten Rio Grande do Sul, Paraná und Santa Catarina nutzt man sowohl tu als auch você. Jedoch existieren dort in der Nähesprache bereits hybride Formen, wie beispielsweise tu + 3.Pers.Sg. statt der zugehörigen 2.Pers.Sg.. Manchmal wird bei você die 2.Pers.Sg. statt die dritte gewählt. Vor allem dann, wenn die Verbform der 2.Pers.Sg. „geläufiger“ oder „leichter“ ist, wie es bei unregelmäßigen Verben der Fall ist.

Sobald die beiden Personen zusammenfallen, herrscht zum einen Synkretismus vor und zum anderen bedeutet das, dass eine ursprünglich unmarkierte Verbform (2.Pers.Sg,) plötzlich markiert und innerhalb der Morphologie als unnatürlich gekennzeichnet ist. Die neue Form (Verbform der 3.Pers.Sg.) ist aber gleichzeitig weniger ikonisch, da kein Affix die Form verlängert, obwohl die Polysemie zunimmt. Dabei ist aber nicht klar, ob es aus Gründen phonologischer Natürlichkeit getilgt wird, die sich auf Kosten der morphologischen Natürlichkeit durchsetzt, oder ob dies eher der ökonomischeren Verwendung der kurzen Verbform (bspw. 3.Pers.Sg.) geschuldet ist.

Warum es letztendlich zu diesen Veränderungen in der Grammatik kommt, lässt sich aufgrund der Kürze der Arbeit nur als Vermutung äußern. Es gibt Theorien, die behaupten, dass ein emotionales Kriterium der Sprache in Brasilien für die unterschiedliche Verwendung von tu und você verantwortlich sei. Denn es wird als unhöflich empfunden, Personen außerhalb des engsten Familienkreises mit tu anzusprechen und man wählt deshalb das distanziertere você. Warum es aber letztendlich im Süden doch möglich ist tu auch außerhalb der Familie zu verwenden und warum es im Gebiet um Rio de Janeiro nur noch você als Personalpronomen für ‘du‘ und ‘Sie‘ gibt, erklärt diese These nicht.

Wieder andere (bspw. Ana Carolina Morito Machado) argumentieren mit der Herkunft von você, das als verkürzte Form von vossa mercê erhalten geblieben ist, als typisch brasilianische Tradition. 

Im Bereich der Soziolinguistik gibt es die Vermutung, dass es sich bei der verkürzten Verbform, die mit tu und der angehängten, grammatisch falsch gebeugten Verbform in der 2.Pers.Sg. einhergeht, um eine Folge des Ökonomieprinzips handelt.

Letztendlich soll noch erwähnt sein, dass es durch all diese mehr oder weniger unbeantworteten Punkte für einen Nicht-Muttersprachler immer komplexer wird, die brasilianische Varietät des Portugiesischen zu erlernen. Das, aus Sicht der Sprachneulinge vorherrschende, Durcheinander lässt keine logischen Schlussfolgerungen auf Regelmäßigkeit bspw. im Pronominalgebrauch zu. Diese Problematik wird in der Zukunft vermutlich zusätzlich zu ebendiesem Durcheinander beitragen und der Forschungsbereich wird sich weiter vergrößern.

8. Bibliographie

Cibelle Corrêa Béliche Alves: O uso de „tu“ e do „você“: Um estudo da realidade sociolinguística do português falado no Maranhão. UFC/Projeto ALiMA. http://www.leffa.pro.br/tela4/Textos/Textos/Anais/ABRALIN_2009/PDF/Cibelle%20Corrêa%20Béliche%20Alves.pdf. zuletzt besucht 10.03.18.

Thomas Krefeld, Stephan Lücke: „Essere in Italien: Gibt es eine Semantik der „Person“ hinter der morphologischen Unregelmäßigkeit?“, in: Natale, Silvia et al. (eds.): Noio volevàn savuàr. Studi in onore di Edgar Radtke per il suo sessantesimo compleanno. [Vario Lingua Bd 41], Frankfurt am Main, et al. 395-407.

Loremi Loregian-Penkal: Alternância pronominal em Flores da Cunha, Panambi e São Borja. Anais do 6o Encontro Celsul – Círculo de Estudos Lingüísticos do Sul. 

Odete Pereira da Silva MENON, Loremi LOREGIAN-PENKAL: VARIAÇÃO NO INDIVÍDUO E NA COMUNIDADE: TU/VOCÊ NO SUL DO BRASIL, in: VARIAÇÃO E MUDANÇA NO PORTUGUÊS FALADO NA REGIÃO SUL, 2002, S. 147-188.

Willi Mayerthaler (1980): „Ikonismus in der Morphologie“, in: Posner, Roland et al. (eds.): Ikonismus in den natürlichen Sprachen [=Zeitschrift für Semiotik 2 (1-2)], Wiesbaden, Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion: 19-37.

Willi Mayerthaler (1980): Aspekte der Analogietheorie in: Kommunikationstheoretische Grundlagen des Sprachwandels (Verf. Helmut Lüdtke), de Gruyter, Berlin, New York: 80-130.

Willi Mayerthaler, Günther Fliedl, Christian Winkler (1995): Infinitivprominens in europäischen Sprachen Teil II: der Alpen-Adria-Raum als Schnittstelle von Germanischen, Romanisch und Slawisch, Gunther Narr Verlag Tübingen.

Ana Carolina Morito Machado (2008): A implementação de você no quadro pronominal do português brasileiro, in: Revista do GEL, São Paulo, v. 5, n. 2: 23-47.

Damaris Nübling (2002): „Wörter beugen. Grundzüge der Flexionsmorphologie.“, in:Dittmann, Jürgen/ Schmidt Claudia (Hg.); Über Wörter. Grundkurs Linguistik. Freiburg. Rombach Verlag: 87-104.

Uli Reich (2002): „Freie Pronomina, Verbalklitika und Nullobjekte im Spielraum diskursiver Variation des Portugiesischen in São Paulo. Gunter Narr Verlag, Tübingen. 

Andréa Maristela Bauer Tamanine (UNIVILLE)1: Análise da alternância pronominal nós / a gente na fala urbana dos São-Bentenses, in Anais do 6o Encontro Celsul – Círculo de Estudos Lingüísticos do Sul.

Korpora:

http://www.varsul.org.br. zuletzt besucht 14.03.18

http://www.nurcrj.letras.ufrj.br. zuletzt besucht 13.03.18

Lamartine Bião Oberg, Alice Ferreira Fernandes (2014): Gramática Ativa 1+2. Lidel.

< < Vorheriger BeitragNächster Beitrag > >

Eine Antwort

Schreibe einen Kommentar