EZD-Projektbeschreibung für die Teilnehmer des statistischen Praktikums des Statistischen Beratungslabors des Instituts für Statistik der LMU

1. Beschreibung

Das von der LMU im Zuge von Lehre@LMU geförderte eLearning-Projekt „EisenzeitDigital“ (EZD) beschäftigt sich mit den eisenzeitlichen archäologischen Hinterlassenschaften in Bayern (https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=95893). Landkreisweise werden die entsprechenden Befunde von Studenten gesammelt, mit bibliographischen Angaben versehen und auf elektronischen Karten, die mit dem GIS-Client QGIS erstellt wurden, georeferenziert kartiert.

Daten zu allen archäologischen Fundstellen in Bayern, die zu einem Bodendenkmal erklärt worden sind, können über den online verfügbaren Bayerischen Denkmalatlas ohne Zugriffsbeschränkung abgerufen werden. Dieser Datenbestand wurde im Rahmen eines Dissertationsprojekts von Peer Fender gesammelt (Fender 2017), relational umstrukturiert und mit zusätzlichen Metadaten versehen:

Der entsprechende Datensatz ist Teil der 2016 erschienenen Dissertation und ohne Nutzungsbeschränkung frei verfügbar. Er umfasst 26.643 Fundstellen der Vorgeschichte in Bayern. Diese Daten wurden von EZD in die auf dem Datenbankcluster der IT-Gruppe Geisteswissenschaften gehostete Datenbank `vfpa_eisenzeit` integriert (Tabelle `fender_2017`).

Die Daten enthalten neben Angaben zur Georeferenzierung sowie Befundgattung (z.B. Siedlung, Bestattung, Höhlenstation…) und Zeitstellung (Jungneolithikum, Mittelbronzezeit,  Spätlatènezeit …) Informationen zu den jeweiligen naturräumlichen Gegebenheiten wie etwa durchschnittliche Sonnenscheindauer und Zahl der Frosttage pro Jahr, Durchschnittstemperaturen im Sommer und Winter, Geländeneigung und Reliefenergie oder moderne Landbedeckung. Letztere entstammen dem CORINE Land Cover Projekt der EU (s. auch die Informationen des Umweltbundesamtes hierzu) und folgen bestimmten Codes.

Der Datensatz von Fender enthält Daten zu Bodenfunden aus sämtlichen vorgeschichtlichen Epochen seit dem Altpaläolithikum (ältere Altsteinzeit, ab ca. 600.000 Jahren vor heute) bis zur Eisenzeit (zwischen 800 und 15 v. Chr.). Die archäologische Zeiteinteilung ist wie folgt (bezogen auf Bayern):

  • Altpaläolithikum (ältere Altsteinzeit): ca. 2,5 Mio Jahre (Auftreten der ersten Hominiden, die Steinwerkzeuge herstellten) bis 300.000 Jahre vor heute. In Deutschland etwa seit 600.000 Jahren belegt. Vertreten durch verschiedene Menschenformen, darunter als letzte den Homo Erectus
  • Mittelpaläolithikum (mittlere Altsteinzeit): ca. 300.000 bis 40.000 vor heute. Zeit der Neanderthaler in Europa
  • Jungpaläolithikum: ca. 40.000 vor heute bis 9500 v. Chr. Auftreten des modernen Menschen (Homo Sapiens) in Europa. Um 9500 geht die letzte Eiszeit zu Ende, das Holozän mit dem uns heute bekannten Klima, der heutigen Flora und Fauna beginnt
  • Mesolithikum (Mittelsteinzeit): ca. 9500 bis 5500 v. Chr. Zeit der letzten nomadisch lebenden Jäger und Sammler in Mitteleuropa
  • Neolithikum (Jungsteinzeit): ca. 5500 bis 2100 v. Chr. Geprägt durch die Sesshaftigkeit der Menschen und die Einführung von Ackerbau und Viehhaltung
  • Bronzezeit: ca. 2100 bis 800 v. Chr. Charakteristisch sind Werkzeuge und Waffen aus Bronze
  • Eisenzeit: ca. 800 v. Chr. bis 15 v. Chr. (weitere Untergliederung s.u.)
  • ab ca. 15 v. Chr. Eroberung Bayerns bis zur Donau durch die Römer (viele weitere Informationen zur Periodengliederung und zur Archäologie allgemein finden Sie hier: www.praehistorische-archaeologie.de)

EZD interessiert sich vorrangig für Fundstellen aus der Eisenzeit (im Feld `Zeitstellung` die Werte Eisenzeit; Frühlatènezeit; Hallstattzeit; Hallstattzeit, früh; Hallstattzeit, spät; jüngere Latènezeit; Latènezeit; Mittellatènezeit; Spätlatènezeit1SQL-Statement:
select group_concat(Zeitstellung separator ‚; ‚) from
(
select a.Zeitstellung from fender_2017 a
where a.Zeitstellung like ‚%hallstatt%‘ or a.Zeitstellung like ‚%latène%‘ or a.Zeitstellung like ‚%eisen%‘
group by a.Zeitstellung
) sq
).

Jedoch wäre es durchaus auch interessant zu untersuchen, an welchen Fundorten Präsenzkontinuität mit früheren Epochen zu beobachten ist. Für analytische Zwecke kann eine Unterscheidung zwischen den beiden großen eisenzeitlichen Teilepochen „Hallstattzeit“ (ältere Eisenzeit, ca. 800-500 v. Chr.) und „Latènezeit“ (jüngere Eisenzeit, 500-15 v. Chr.  sinnvoll sein. Die Latènezeit wird weiter unterteilt in die Frühlatènezeit (Latène A und B; 500-250 v. Chr.), die Mittelatènezeit (Latène C; 250-125 v. Chr.) und die Spätlatènezeit (Latène D; 125-15 v. Chr.). Da Schriftquellen, die über historische Ereignisse berichten, in der Vorgeschichte Europas weitgehend fehlen, machen die Archäologen solche Periodisierungen vor allem am Wandel der materiellen Kultur (z. B. an Formen der Keramik, der Metallfunde, der Grabsitten) fest (Abb. 1).

Chronologie der Eisenzeit (aus: Die Welt der Kelten. Zentren der Macht – Kostbarkeiten der Kunst, Stuttgart 2012)

Aus Sicht von EZD könnten mit statistischen Methoden folgende Fragestellungen verfolgt werden:

  • Gibt es eine geographische Häufung von Fundstellen in Abhängigkeit von Typ und Zeitstellung?
  • Lassen sich bei der Platzwahl von Siedlungen in den unterschiedlichen Epochen (Neolithikum, Bronzezeit, Eisenzeit) Präferenzen erkennen?
  • Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit von Kontinuität von hallstatt- zu latènezeitlichen Fundstellen bezogen auf einen bestimmten geographischen Radius um eine hallstattzeitliche Fundstelle herum?
  • Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit von Kontinuität von voreisenzeitlichen Fundstellen bezogen auf einen bestimmten geographischen Radius um eine voreisenzeitliche Fundstelle herum?
  • Korreliert die Lage von sog. „Viereckschanzen“ mit bestimmten Parametern der naturräumlichen Gegebenheiten (Höhe, Sonnenscheindauer, Landbedeckung Niederschläge, Nähe zu Lössböden und Gewässern)?
  • Korreliert die Lage von Siedlungen mit bestimmten Parametern der naturräumlichen Gegebenheiten (Höhe, Sonnenscheindauer, Landbedeckung, Niederschläge, Nähe zu Lössböden und Gewässern)?
  • Welchen Einfluss haben die moderne Landbedeckung oder die Hangerosion (erkennbar an der Reliefenergie) auf die Überlieferung archäologischer Fundstellen?

Die Daten für das statistische Praktikum können über eine MySQL-Schnittstelle (Benutzername: EZD_statistik; Kennwort: statistik@EZD) zur Verfügung gestellt werden (relationales Datenformat). Aus Sicht von EZD können die statistischen Analysen über folgende Variablen erfolgen:

  • Georeferenzierung (lat/lng)
  • Typ
  • Zeitstellung
  • Loess_1zu500k_puffer50m
  • Sonnenstunden_Jahr
  • Niederschlag_Jahr
  • Frosttage_Jahr
  • Höhe_SRTM1_puffer50m
  • Hangausrichtung_SRTM1_puffer50m
  • Wasser_puffer50m

EZD würde sich freuen, wenn die Ergebnisse der statistischen Analyse in Form eines WordPress-Beitrags auf dem Portal dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de publiziert werden würden.

2. Kontakt:

Zur Archäologie: Caroline von Nicolai (C.v.Nicolai@vfpa.fak12.uni-muenchen.de)

Zur Datenbank: Stephan Lücke (luecke@lmu.de)

Bibliographie

  • Fender 2017 = Fender, Peer (2017): Bayern in der Vorgeschichte-Eine GIS-gestützte Analyse der Siedlungslandschaft und der Einsatz von Open Data in der Archäologie, Marburg (Link) .

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