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Die einzelnen Idiome des Bündnerromanischen und ihre Merkmale

1. Die 5 Idiome des Bündnerromanischen

1.1. Mundartliche Vielfalt

Das Rätoromanische ist aufgespalten in verschiedene Dialektgebiete, die sich auf allen sprachlichen Ebenen unterscheiden.

Grund dafür sind die geographischen Besonderheiten der Region: die verschiedenen Gebiete sind durch Flüsse, Berge, Täler und Schluchten voneinander getrennt. Durch diese geographische Trennung entwickeln sich die Mundarten unabhängig voneinander.

Diese Trennung hätte aufgehalten werden können, wenn es ein gemeinsames wirtschaftliches, kulturelles und politisches Zentrum gegeben hätte. Der einzige Ort, Chur, dem diese Funktion hätte zukommen können, hatte seit dem frühen Mittelalter eine deutschsprachige Oberschicht, konnte also deshalb nicht das Zentrum für die Rätoromanische Sprache sein.

Die bündnerromanische Sprachlandschaft lässt sich in 5 Gebiete unterteilen: Surselva, Sutselva, Surmeir, Oberengadin, Unterengadin

Karte_Sprachen_Graubuenden.png (900×833) (grisun.ch)

Das Dicziunari rumantsch grischun teilt das Bündnerromanische in 3 Zonen auf: Surselva, Mittelbünden (Sutsilvan und Surmiran) als Übergangszone, und Engadin (Puter und Vallader).

 

1.2. Besonderheiten des Bündnerromanischen, die in allen Idiomen vorkommen

Phonetische und Phonologische Besonderheiten

  • s vor stimmlosem Konsonant wird wie dt. sch /š/ realisiert
  • besonders viele Diphthonge

Formen und Funktionen

  • das Subjektpronomen ist obligatorisch und dem Verb vorangestellt
  • indirekte Rede wird durch den Konjunktiv ausgedrückt (unterscheidet das Bündnerromanische von allen anderen romanischen Sprachen, ist wohl auf den Einfluss des Deutschen zurückzuführen)

     

Quelle: Kanton Graubünden, https://www.gr.ch/DE/Seiten/welcome.aspx

 

1.3. Die 5 Idiome

Welches Idiom wird wo gesprochen?

  • Surselva/Bündner Oberland: Sursilvan/Surselvisch
  • Sutselva: Sutsilvan/Sutselvisch
  • Surmeir: Surmiran/Surmeirisch
  • Oberengadin: Putèr/Oberengadinisch
  • Unterengadin: Vallader/Unterengadinisch

Wie gut verstehen sich die Romanischsprechenden untereinander?

  • 88% verstehen neben dem eigenen mindestens ein anderes Idiom ohne Probleme.
  • 26 % verstehen alle anderen Idiome.
  • 30 % verstehen mühelos zwei oder drei Idiome.
  • Die Frage nach der Sympathie: auf die Frage, welches der anderen Idiome einem besonders sympathisch sei, antworteten 22% mit „keines“.

Jedes dieser fünf Idiome hat eine eigene Schriftsprache entwickelt, die allerdings selbst einen Kompromiss zwischen verschiedenen Orts- und Regionaldialekten darstellt.

 

1.3.1. Surselva

Sursilvan

A Tumvi tucca ei amiez quei ruasseivel avonmiezdi ella jamna d’ensemen sco da fiastas ed ils murters ramplunan neu dil plaun da Cabis tgaun.

Übersetzung: In Tumvi läuten an diesem stillen Vormittag mitten in der Woche alle Glocken wie an einem Feiertag, und die Böllerschüsse dröhnen vom Plaun da Cabistgaun her.

  • verbreitet im Vorderrheintal und in der Region Imboden
  • größtes bündnerromanisches Idiom
  • Volkszählung von 2000: Von der Gesamtbevölkerung im Verbreitungsgebiet des Sursilvan (32645 Personen) gaben 13879 Personen das Sursilvan als die Sprache an, die sie am besten beherrschen. Das entspricht einer Prozentzahl von 42.5%.

Phonetische und Phonologische Besonderheiten

  • keine palatal gerundeten Vokale (ü,ö)
  • besonderer Diphthong: iu wie in liug
  • Betonung von Vokalen, beispielsweise werden unbetontes a und e abgeschwächt in Richtung eines zentralisierten /ə⁠/

Formen und Funktionen

  • Endung -el der 1. Person Singular bei regelmäßigen Verben (jeu seregordel, jeu mavel)
  • die am häufigsten genutzte Vergangenheitsform ist das zusammengesetzte Perfekt (konjugiertes Verb im Präsens + Partizip Perfekt)
  • Ausdehnung des Reflexivpronomens der dritten Person (se) auf alle Personen
  • der Konjunktiv ist durch das -i- gekennzeichnet (Beispiele: che jeu seigi, che ti seigies)
  • einzige Region des Bündnerromanischen, das nur noch eine einzige Serie von nachgestellten Personalpronomen kennt
  • das Futurum wird (wie im Sutselvischen) durch eine Periphrase mit vegnir + a + Infinitv ausgedrückt

Wörter

  • Der surselvische Wortschatz hat einen neulateinischen Charakter, was das Verständnis für Sprecher des Italienischen oder Französischen erleichtert
  • Reichtum an Ortsadverbien, charakteristisch ist v.a. die Verbindung der vertikalen und horizontalen Dimension, die sich in Kombinationen von Ortsadverbien zeigt:
      • siado(ra) „hinauf und hinaus“
      • siaden „hinauf und hinein“
      • giuado(ra) „hinab und hinaus“
      • giuaden „hinab und hinein“

 

1.3.2. Mittelbünden

a) Sutsilvan

Igl gi sessur e sto dumeingia, a jou sunt ieu a prieadi. Igl sear parditgànt â pardagieu sur da vardad a manzegna suainter la savunda breaf aglis Tessalonics: “Tuts quels vignan truos, c’ân betga cartieu alla vardad, mo ân gieu plascher ve da la malgisteia”.

Übersetzung: Der Tag darauf war Sonntag, und ich ging zur Predigt. Der Herr Pfarrer predigte über Wahrheit und Lüge nach dem 2. Thessalonicherbrief: „All die werden gerichtet, die nicht an die Wahrheit geglaubt haben, sondern sich am Unrecht gefreut haben“.

  • Das Sutselvische ist die am meisten gefährdete Dialektgruppe des Bündnerromanischen.
  • wird gesprochen in Gebieten des Hinterrheins, nämlich in den Berggemeinden des Domleschgs (Tumleastga) und des Heinzenbergs (Mantogna), sowie im Schams (Schons) und im Val Ferrera

Dialekte

  • Schams, Domleschg, Heinzenberg, Trin, Domat/Ems
    • Nur noch im Schams wird die Sprache noch der jüngsten Generation weitergegeben.
    • Der Heinzenberger Dialekt steht kurz vor dem Aussterben, da ihn nur noch einzelne ältere Leute beherrschen
    • Domleschger Romanisch wird im Alltag noch von mehreren dutzend Personen gesprochen, aber nur selten von Personen unter 30 Jahren.
  • unterscheiden sich lautlich teils deutlich, die Schreibung ist aber oft gleich

Beispiel: das Wort für ‚Baum‘, ‚Pflanze‘ wird gesprochen in Schams planta, im Domleschg plaunta und am Heinzenberg plönta, schreibt aber einheitlich plànta.

  • Mit der sutselvischen Schriftnorm, welche sich weitgehend an der historischen Schreibung orientiert, wurde eine Form festgesetzt, die teilweise in keiner Mundart wirklich vorkommt, aber die die Dialekte miteinander verbindet.

Phonetische und Phonologische Besonderheiten

  • keine palatal gerundeteten Vokale (ü,ö)
  • gleicht dem Surselvischen stark
  • Das unbetonte a wird weniger stark abgeschwächt als im Surselvischen, statt als /ə⁠/ wird es als /a/ realisiert.
  • Viele Diphthonge an Stellen, an denen das Surselvische Monophthonge aufweist

sut. sperasvei vs. sur. sperasvi (vorbei)

  • zahlreiche Palatalisierungen: sut. gi /ži/ – sur. di – eng. di (Tag)
  • das Futurum wird (wie im Surselvischen) durch eine Periphrase mit vegnir + a + Infinitv ausgedrückt

Formen und Funktionen

  • besondere Dativform des Artikels agli(s)
  • Konjunktiv von saver (wissen, können) lautet setgi – (man) könne

 

b) Surmiran

La stansch aint cò. Sch’ia vess en po savia eir a pe! Quegl n asaro betg pi gliunsch tgi da Lantsch anfign Brinzouls. Glez veva fatg en’eda a pe.

Übersetzung: Ich ersticke da drinnen. Wenn ich doch ein Stück zu Fuß gehen könnte! Das wird nicht weiter sein als von Lenz nach Brienz. Das hatte ich einmal zu Fuß gemacht.

  • verbreitet im Albulatal, in der Gemeinde Vaz/Obervaz und im Oberhalbstein (Sursès)
  • sehr ausgeprägte Dorfdialekte, die sich oft stark von der surmeirischen Schriftsprache unterscheiden

Phonetische und Phonologische Besonderheiten

  • keine palatal gerundeteten Vokale (ü,ö)
  • wie im Sutsilvan viele Palatallaute
  • noch mehr Diphthonge als das Sutsilvan
  • Besonders auffällig sind die „verhärteten Diphthonge“ in manchen Gebieten: wo anderswo ein Diphthong vorliegt, tritt im Surmiran spontan ein /k/ oder /g/ auf. So ist die Form für ‚Liebe‘ amour, in einigen Gebieten des Surmeir tritt aber ein verhärteter Diphthong auf, es wird also /amókr/ gesprochen (in der Schriftnorm des Surmiran ist diese Besonderheit selten bis nicht zu finden).

Formen und Funktionen

  • das Possessivum steht, wie im Sutselvischen, mit dem Artikel: cin igl sies magnific altar (wie ital. il suo altare)
  • das Futurum ist im Surmiran (wie auch im Engadin) synthetisch (saro)

 

1.3.3. Engadin

  • Typisch für das Engadinische sind die Vokale ü und ö, welche in den übrigen Gebieten kaum bis gar nicht vorkommen
      • surs. glisch – surm. gleisch – eng. glüsch (Licht)
      • surs. gievgia – surm. gievgia – eng. giövgia (Donnerstag)
  • persönlicher Akkusativ im Engadinischen (das direkte Objekt, wenn es sich um eine Person handelt, wird durch die Präposition a eingeleitet)

eng. hest vis a Peider? – surs. has viu Pieder? (Hast du Peter gesehen?)

  • Form auf -ss als Konditionalis
  • das Futurum ist im Engadin (wie auch im Surmiran) synthetisch (saro)

 

a) Puter

Cuspetta ch’illa vita da Möckli vo tuot insü scu la rauna chi s’arampcha fin som sa s-cheletta per annunzcher bell’ora! Daspö ch’el es achaso in vschinauncha – que stu fer dudesch ans, hehej cu cha’l tempa s fo svelt our da la sdratscha! – che prunas da cumplimaints per il pulit mataratscher chi renda il sön dals Marvennigners pü dutsch e lam!

Übersetzung: Wirklich, im Leben von Möckli geht alles aufwärts wie der Frosch, der zuoberst auf sein Leiterchen klettert, um das schöne Wetter anzuzeigen. Seit er sich im Dorf niedergelassen hat – das ist nun wohl zwölf Jahre her, ja, wie schnell die Zeit sich wegstiehlt! -, was für eine Menge von Komplimenten für den tüchtigen Tapezierer, der den Schlaf der Marvenner süßer und sanfter macht!

  • im Oberengadin und in Bergün/Bravuogn, das geografisch nicht zum Engadin gehört und einen dem Surmiran nahestehenden Ortsdialekt aufweist

Phonetische und Phonologische Besonderheiten

  • a ist im Puter zu e geworden (wie im französischen und einigen oberitalienischen Dialekten): chera, fer, mager, tschütscher

Formen und Funktionen

  • in allen Tempi und Modi in der 1. Person Plural hat das Puter eine Endung auf -s (stammt vom Personalpronomen nus, das sich an die Verbform anlehnte)
  • gleiches gilt für die 2. Person Singular, Endung auf -ast (das t geht auf das zurück)

 

b) Vallader

Instant guardaiv’eu intuorn scha’l serpaischem cumpariss dad alch varts; mo el nu gniva, e davo cha meis bap as vaiva miss a chantar amo ün’otra chanzun, schi ma pazienza giaiva planet al main.

Übersetzung: Unterdessen schaute ich umher, ob die Eidechse irgendwo zum Vorschein käme. Aber sie kam nicht, und nachdem mein Vater begonnen hatte, noch ein weiteres Lied zu singen, ging meine Geduld langsam zu Ende.

  • verbreitet im Unterengadin und im Münstertal (dort in der Dialektvariante Jauer)
  • Putér und Vallader werden von den Romanen auch als Rumantsch Ladin zusammengefasst.

Phonetische und Phonologische Besonderheiten

  • deutliche Unterscheidung der Diphthonge /ai/ und /éi/
  • der Diphthong, der graphisch als <uo> notiert wird, wird als steigender Diphthong realisiert /u’o/

Bibliographie

  • Bickel/Schläpfer 2000 = Bickel, Hans / Schläpfer, Robert (Hrsgg.) (2000): Die viersprachige Schweiz, Aarau, Sauerländer.
  • Gloor/Hohermuth/Meier/Meier 1996 = Gloor, Daniela / Hohermuth, Susanne / Meier, Hanna / Meier, Hans-Peter (1996): Fünf Idiome – eine Schriftsprache? Die Frage einer gemeinsamen Schriftsprache im Urteil der romanischen Bevölkerung., Chur, Bündner Monatsblatt.
  • Kraas 1992 = Kraas, F. (1992): Die Rätoromanen Graubündens: Peripherisierung einer Minorität., Stuttgart, Steiner.
  • Liver 2010 = Liver, Ricarda (22010): Rätoromanisch. Eine Einführung in das Bündnerromanische, Tübingen, Narr.
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